Interview — Finch Asozial

Pommes, Posen, Politik

»Zu sagen, dass man unpolitisch sei, funktioniert nicht.« Bei einer Portion Edelfritten hat Brandenburgs Rapper-Ikone Finch Asozial mit uns über die aufgeheizte Stimmung in der Gesellschaft gesprochen – und uns verraten, warum im Battle Rap alles erlaubt ist.

15. Oktober 2019 — MYP N° 26 »Stil« — Interview & Text: Katharina Weiß, Fotos: Steven Lüdtke

Was ist Stil? Wer Google um eine Antwort bittet, stößt schnell auf Bilder von edlem Zwirn, teuren Uhren oder funkelndem Geschmeide. Dazu gibt’s unzählige Zitate aus dem Reich der Mode, die für sich in Anspruch nehmen, eine simple, aber dennoch kluge Definition sein. Guter Stil gleich gute Klamotte, könnte man als Otto Normalgoogler denken. Ist ja easy – oder etwa nicht?

Es geht auch anders – ganz anders: „Stil ist die Kleidung der Gedanken“, sagte schon Philip Dormer Stanhope, ein englischer Staatsmann und Schriftsteller, der in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts lebte. Der Duden geht noch einen Schritt weiter und beschreibt Stil als die „Art und Weise des Sichverhaltens“.

Wie also auf Finch Asozial blicken, den 29-jährigen Rapper mit der Vokuhila-Frisur, der in Frankfurt/Oder aufgewachsen ist, auf mehr als 300.000 Instagram-Jünger blickt und gerade mit seiner restlos ausverkauften Sauf-und-Mitgröhl-Tour „Dorfdisco“ durch die deutschen Lande zieht?

Auf Wikipedia findet man über Finch folgende Zeilen – unter dem Punkt „Stil“ wohlgemerkt: „Seine größtenteils satirisch anmutenden Texte sind oftmals in vulgärer Sprache verfasst und geprägt von Ostalgie und einer durchweg positiven Einstellung gegenüber dem modernen Ostdeutschland und exzessivem Alkoholkonsum. Seine Ästhetik ist an die DDR der 80er Jahre angelehnt.“

Alles egal – spätestens seit Sonntag, den 6. Oktober 2019. Als Finch Asozial vor gut einer Woche im Erfurter Zughafen ein Live-Konzert gab und ein Mann im Publikum den Hitlergruß zeigte, fackelte der Rapper nicht lange. Finch verwies den Mann der Halle und ließ ihn wissen: „Hitler ist tot, Digga. Und das ist auch gut so.“ Unter Applaus des Publikums fügte er hinzu: „Mein Manager ist Kurde. Der kriegt 20 Prozent. Du bezahlst einen Kurden. Was sagt Hitler dazu? Mein bester Freund ist Libanese. Mit ihm teile ich alles. Du hast also einen Libanesen finanziert. Was sagt dein verschissener Hitler dazu?“

Halten wir es bei Finch Asozial also mit Philip Dormer Stanhope und dem Duden. Und freuen uns, ihn zum Interview an einem Ort getroffen zu haben, dem man vorab auch einen gewissen Stil absprechen würde, wenn man ihn noch nicht kennt: das Goldies in der Kreuzberger Oranienstraße. Spezialität: Fritten. Das kleine Imbiss-Restaurant ist nicht einfach eine Pommesbude, sondern mit Trüffel-, Roastbeef- oder Ente-Peking-Toppings einer der besten Plätze dieser Stadt.

»Ich stehe auf dieses Daddy-Ding.«

Katharina:
Deinen Style betreffend: Worin findest du Schönheit?

Finch:
Ich stehe auf dieses Daddy-Ding. So einfach ist das. Was gehört dazu? Immer New Balance-Schuhe. Wrangler Texas oder eine alte Jogginghose von Adidas sind auch top. Oberteile von The North Face, Jack Wolfskin oder Patagonia, karierte Wollhemden. Der Globetrotter, der immer so ein bisschen im Country-Style unterwegs ist. Trucker Caps dürfen auch nicht fehlen.

Katharina:
Du hast auch schon öfter deine Faszination für Lana del Rey geäußert. Sie ist für ihren Stil zwischen klassischer Hollywood-Diva und White-Trash-Hillbilly-Chick berühmt. Willst du die deutsche Lana del Rey werden?

Finch:
Nein. Ich will sie heiraten. Aber ich bin eher der deutsche Bubba Sparxxx.

Katharina:
Abgesehen von Klamotten, wo findest du Schönheit?

Finch:
Jedes Mal, wenn ich auf die Straße gehe und all diese wunderschönen Frauen sehe. Ich habe absolut keinen Typ. Ich liebe die Artenvielfalt.

»Ich schwöre, zuhause ist es am schönsten!«

Katharina:
Also ist für dich Schönheit immer an Sexualität geknüpft? Oder fällt dir dazu auch Abstraktes ein, Natur zum Beispiel?

Finch:
Ich habe eine Rot-Grün-Schwäche und bin farbenblind. Vielleicht schränkt mich das ein bisschen ein. Ich war auch kürzlich in New York und im Libanon im Urlaub. War alles ganz nett – aber ich schwöre, zuhause ist es am schönsten! Ich bin am liebsten alleine in meinen eigenen vier Wänden. Das Geilste ist, am Sonntag mit einem Kater aufzuwachen – einer, der nicht zu doll ist und dich chillen lässt – und den Tag mit einem vollen Kühlschrank auf der Couch zu verbringen.

Katharina:
Was ist deine stärkste menschliche Qualität?

Finch:
Loyalität. Für die Leute, die ich mag, gehe ich auch durchs Feuer. Und das erwarte ich auch im Gegenzug.

»Ich wurde in der Vergangenheit so verletzt, dass ich kein Herz mehr besitze.«

Katharina:
Was deine Musik absolut gar nicht ist: melancholisch. Schlechte Tage verarbeitest du also nicht mit Kunst. Was ist dafür dein Ventil?

Finch:
Kokain.

Katharina:
Auch eine Möglichkeit.

Finch:
Polizei, Polizei hört zu! Scherz beiseite. Du willst wissen, wie ich meinen Kummer beseitige? Das drücke ich eher weg, ich bin selten traurig. Ich wurde in der Vergangenheit so verletzt, dass ich all meine Tränen schon vergossen habe und kein Herz mehr besitze.

»Bekannte habe ich viele, gerade jetzt.«

Katharina:
Jetzt mal wirklich Scherz beiseite.

Finch:
Mit Familie und Freunden kann ich immer cool quatschen. Aber nur mit echten Freunden, nicht mit Kumpels. Ich habe zwei beste Freunde und noch eine Handvoll aus der Musikbranche, denen ich vertraue. Bekannte habe ich viele, gerade jetzt. Auch viele, die meinen Erfolg natürlich ausnutzen und sich immer nur melden, wenn sie was brauchen. Die haben keinen Kontakt mehr verdient.

»Berghain, tsss. In Brandenburg gab es sowas nicht, da hat man sich nur ordentlich besoffen.«

Katharina:
Du sagtest mal, du warst bereits in der Schule der Klassenclown, Abi-Schnitt 3,0. Wie hast du deine Teenagerjahre verbracht?

Finch:
Auf dem Dorf in Brandenburg. Da war nichts Besonderes.

Katharina:
Also eher Dorfdisko als Berghain?

Finch:
Bis ich 26 war, hatte ich noch keine Drogen probiert. Berghain, tsss. In Brandenburg gab es sowas nicht, da hat man sich nur ordentlich besoffen. Ich kam erst mit 23 nach Berlin. Dann hatte ich noch drei Jahre lange eine Beziehung, die hat mich etwas am Boden gehalten. Und danach bin ich explodiert, da wurde ich wild und verrückt.

»Solange ich die Leute nicht persönlich kenne, halte ich mich aus Tratsch raus.«

Katharina:
Wie darf man sich einen Abend mit Finch Asozial und seiner Gang auf einem Freibier-Branchenevent vorstellen?

Finch:
Wenn es die von unserem eigenen Label ist, benehmen wir uns natürlich.

Katharina:
Und sonst?

Finch:
Na, wir schlagen jetzt nicht alles kaputt und fassen Frauen unter den Rock. Aber wir betrinken uns halt hart. Was wir genau machen, kann man in meinen Insta-Storys verfolgen.

Katharina:
Wer ist der arroganteste Sack im Business?

Finch:
Ich höre zwar immer Gerüchte, aber solange ich die Leute nicht persönlich kenne, halte ich mich aus Tratsch raus.

»Auf einem Album würden solche Battle-Rap-Sprüche nicht funktionieren, das wäre zu krass.«

Katharina:
Unter anderem wegen Lines wie „Ich knall‘ deine Mutter auf dem Gebetsteppich weg“ oder „Finch Aggressiv, der allerbeste Rapper. Deine Mutter Doggystyle, immer Richtung Mekka“ hast du für einiges Aufsehen bei Rap Battles gesorgt. Findest du, dass in der Szene in Bezug auf Religionswitze mit zweierlei Maß gemessen wird?

Finch:
Darauf werde ich oft angesprochen. So wie ich es damals gemacht habe, war es für den Moment nicht falsch, aber ich würde es morgen nicht nochmal tun. Dafür kannst du jahrelang bluten. Einfach, weil sich die politische Stimmung geändert hat und gerade sehr aufgeheizt ist. Auch auf einem Album würden solche Battle-Rap-Sprüche nicht funktionieren, das wäre zu krass. Hier liegt der Unterschied zwischen Songs und Battle Raps: Bei Letzteren ist wirklich alles erlaubt. Und das Publikum dieser Veranstaltungen, das meistens eher Underground ist, versteht das auch.

»Es gibt nur noch hart links und rechts, der Mensch wird nicht mehr im Einzelnen betrachtet.«

Katharina:
Und dein Partypublikum hat auch keine Schwierigkeiten damit, deine Albumtexte richtig zu interpretieren?

Finch:
Zu mir kam noch nie jemand, der sagte: „Yo, Finch, du sagst in einem Text, Frauen zu schlagen ist cool – ich hab‘ daraufhin meine Freundin verprügelt.“ Und als ich mal gesehen habe, wie Zuschauer in der ersten Reihe ein paar Frauen begrapscht haben, wurde das Konzert so lange abgebrochen, bis ich die rausgeschmissen hatte. Ich denke nicht, dass ich falsche Signale sende. Aber die Leute sind halt sensibel. Es gibt nur noch hart links und rechts, der Mensch wird nicht mehr im Einzelnen betrachtet. Zu sagen, dass man unpolitisch sei, funktioniert nicht. Ich sehe das ja auf meiner Facebook-Seite. Die einen denken, ich bin ein Nazirapper. Und die anderen sehen, wie ich AfD-Leute abstrafe, für die bin ich dann eine linke Zecke.

»Ich will auf jeden Fall noch einen Schlagersong machen und Happy Hardcore.«

Katharina:
Woher nimmst du die Lust am Mix der verschiedenen Trash-Genres?

Finch:
Ich will auf jeden Fall noch einen Schlagersong machen und Happy Hardcore. Eine Rocknummer wäre auch genial. Mich inspiriert auch das Ballermann-Leben und dieses Asi-Feier-Partyding. Wenn ich mir Filme wie „Voll normal“ oder „Ballermann 6“ anschaue, dann fließt die Kreativität nur so aus mir heraus.