Interview — Avi Jakobs

»Das Feminine in mir habe ich lange unterdrückt«

Als Beauty-Expertin ist Avi Jakobs eines der fünf Gesichter der beliebten Netflix-Serie »Queer Eye Germany«. Ihre mediale Sichtbarkeit nutzt sie dabei konsequent, um die Anliegen von LGBTQIA* Menschen in den Fokus zu rücken. Im Interview spricht sie darüber, warum sie sich lange nicht getraut hat, in der Öffentlichkeit ein Kleid zu tragen, was sie so an Fußballtrainer Nils aus Folge 3 bewundert und weshalb auch die queere Community ein Toleranzproblem hat.

13. Juli 2022 — Interview & Text: Jonas Meyer, Fotografie: Osman Balkan

Es gibt Phasen im Leben, da kommt man einfach nicht mehr weiter. Alles scheint festgefahren, man greift nur noch ins Leere und der Tag heute ist derselbe wie gestern, wie morgen, wie immer. Bewegung gibt es nur im Hamsterrad und mit jedem Schritt kümmert man sich ein bisschen weniger um sich selbst.

In solchen Momenten braucht es ein paar gute Geister – oder die fünf Coaches von „Queer Eye Germany“. Im deutschen Ableger der erfolgreichen Makeover-Serie aus den USA, zu sehen seit Anfang März auf Netflix, kümmern sich fünf queere Persönlichkeiten um Menschen, mit denen es das Schicksal nicht immer gut gemeint hat. Oder denen die Bedürfnisse anderer wichtiger sind als die eigenen. Oder die vor einer Hürde stehen und nicht wissen, wie sie diese überwinden sollen.

Wie im amerikanischen Original kümmert sich jede:r der Fünf um eine Disziplin, die dem Körper, der Seele und dem Selbstwert schmeichelt, von Netflix beschrieben als „Fashion, Beauty, Life Coaching, Gesundheit und Design/Styling“.

Das Thema Beauty fällt dabei in den Verantwortungsbereich von Avi Jakobs. Die ausgebildete Expertin für Haare und Make-up hat nicht nur ein Händchen für visuelle Generalüberholungen. Sie setzt sich auch mit viel Nachdruck für die Sichtbarkeit queerer Menschen in der Öffentlichkeit ein. Und sie wird nicht müde, analog wie digital immer wieder auf die Sorgen, Wünsche und Anliegen der LGBTQIA* Community hinzuweisen.

Aufgewachsen ist Avi im beschaulichen Aalen auf der Schwäbischen Alb, heute lebt die 31-Jährige in Berlin. Mitten in einer wohl spannendsten Phase ihres bisherigen Lebens haben wir uns mit ihr zum Gespräch verabredet. Denn wie bei den Protagonist:innen, um die sich Avi in „Queer Eye Germany“ kümmert, finden auch bei ihr gerade fundamentale Veränderungen statt.

»Bei ›Queer Eye‹ denken viele an ein rein schwules Format, das finde ich etwas problematisch.«

MYP Magazine:
Avi, mit dem Start von „Queer Eye Germany“ wurdest Du nicht nur zu einer Person der medialen Öffentlichkeit, sondern auch zu einem Sprachrohr der queeren Community. Wie gehst Du mit dieser neuen Rolle um – und all der Aufmerksamkeit sowie den Erwartungen, die damit verbunden sind?

Avi:
In den letzten Monaten gab es durchaus Momente, in denen mich das alles überfordert hat. Und das tut es stellenweise immer noch. Trotzdem freue ich mich riesig über die Sichtbarkeit, die das Format mit sich gebracht hat. Ich merke, dass ich dadurch wesentlich mehr verändern kann als zuvor – nicht nur innerhalb der Community. Uns haben seit dem Start der Serie etliche Nachrichten von Menschen erreicht, die in ähnlichen Lebenssituationen wie unsere Protagonist:innen stecken und sich bei uns bedankt haben. Das hat mir gezeigt, dass „Queer Eye Germany“ einen enormen Impact hat. Dafür bin ich sehr dankbar. Gleichzeitig verspüre ich durch meine neue Rolle aber auch einen gewissen Druck, weil ich mir einbilde, dass mir die gesamte queere Community im Nacken sitzt. Da ich von vielen als Sprachrohr wahrgenommen werde, hab‘ ich wirklich Schiss, nichts Falsches zu sagen – vor allem, wenn ich Auftritte im Fernsehen habe oder vor Kameras spreche. Ich will ja alle irgendwie erwähnen und niemanden ausschließen.

MYP Magazine:
Ist es überhaupt möglich, für die ganze queere Community zu sprechen?

Avi:
Das ist tatsächlich schwierig. Ohnehin denken viele bei „Queer Eye“ an ein rein schwules Format, das finde ich etwas problematisch. Aus diesem Grund versuche ich immer, auch auf die trans Community einzugehen – diese Gruppe ist eher schlecht repräsentiert, nicht nur medial. Das Gleiche gilt übrigens auch für die lesbische Community.

»Ich selbst traue mich erst seit ›Queer Eye Germany‹, in einem Kleidchen vor die Tür zu gehen.«

MYP Magazine:
In „Queer Eye Germany“ helft Ihr anderen Menschen, sich und ihr Leben in positiver Weise zu verändern. Dabei erlebst auch Du selbst gerade eine große persönliche Veränderung, wie Du in einem Deiner jüngsten Instagram-Videos erzählst. Dort sagst Du unter anderem: „Ich fange jetzt erst an, mich so richtig zu akzeptieren.“ Was passiert momentan in und mit Dir?

Avi:
Durch die strikten Coronamaßnahmen während der Produktion hatte ich ein halbes Jahr lang so gut wie kein Leben und war sehr viel allein. In dieser Zeit habe ich oft meditiert und mich intensiv mit mir selbst auseinandergesetzt. Dabei sind diverse Dinge aus meinem bisherigen Leben aufgeploppt – unter anderem die Erkenntnis, dass ich innerhalb der schwulen Community immer das Bedürfnis hatte, fuckable und attraktiv zu sein. Und das insbesondere für Leute, die eine starke Femmephobia in sich tragen. Der Begriff bedeutet, dass man Menschen ablehnt, die eher weiblich wahrgenommen werden oder über Attribute verfügen, die mit Weiblichkeit assoziiert werden. Daher habe ich das Feminine in mir lange unterdrückt und von mir weggeschoben, vor allem beim Dating.

MYP Magazine:
In der queeren Community ist nicht nur die von Dir angesprochene Femmephobia weit verbreitet, auch andere Menschen erfahren immer wieder systematische Ablehnung. Das spiegelt sich unter anderem in Floskeln wie „no fats, no girls, no Asians, no olds“.

Avi:
Schlimm, oder? Ich selbst traue mich auch erst seit „Queer Eye Germany“, in einem Kleidchen vor die Tür zu gehen. Davor habe ich mir das immer untersagt, zumindest in meinem Alltag. Klar, ab und zu ging das mal, etwa in einem Club oder einem anderen Safe Space, aber draußen in der Öffentlichkeit war das für mich tabu. Momentan lege ich all das ab und merke, wie gut mir das tut. Und ich habe beschlossen, mich dabei von einer Therapeutin begleiten zu lassen. Ich will herauszufinden, was ich mir im Laufe meines bisherigen Lebens noch alles so weggedrückt habe und mir bis heute nicht erlaube.

»Wir geben den Leuten super Ratschläge, aber warum nehmen wir die selbst nicht an?«

MYP Magazine
Hat Dich die Netflix-Serie am Ende selbst enabled?

Avi:
Hundert Prozent ja! Wir als Coaches haben alles dafür gegeben, dass die Protagonist:innen begreifen, dass sie ganz sie selbst sein dürfen. Und in dem einen oder anderen Moment habe ich mich sagen hören: Maybe I should do it, too! Das war wie eine Selbsttherapie – und zwar für uns alle. Darüber haben wir uns erst vor kurzem wieder ausgetauscht. Aljoscha zum Beispiel hat sich durch die Serie ebenfalls krass verändert. So erlaubt er sich erst jetzt, seine Nägel zu lackieren. Vorher war das für ihn ein Riesending. Wenn er es in einem seltenen Fall mal getan hatte, zog er in der Öffentlichkeit immer vor Scham die Finger ein. Am Ende war „Queer Eye Germany“ für uns alle ein Safe Space, in dem wir einerseits als Team zusammengewachsen sind und der uns andererseits sehr viel weitergebracht hat in unseren einzelnen Leben. Noch während der Produktion haben wir uns gefragt: „Wartet mal, wir geben den Leuten super Ratschläge, aber warum nehmen wir die selbst nicht an?“

MYP Magazine:
In dem Instagram-Video, über das wir eben gesprochen haben, zeigst Du der Öffentlichkeit eine sehr verletzliche Seite von Dir und teilst intimste Gedanken. Auch Deine amerikanischen Kolleg:innen gestatten dem „Queer Eye“-Publikum immer wieder einen Blick ins Privateste. Etwa Antoni Porowski, der angibt, keinen Kontakt mehr zu seiner Mutter zu haben. Oder Bobby Berk, der von seiner früheren Obdachlosigkeit erzählt. Erleben wir gerade in der Medienlandschaft eine grundlegende Veränderung des Fernsehstar-Typus?

Avi:
Es findet auf jeden Fall eine Vermenschlichung statt. Und das hat aus meiner Sicht viel mit den sozialen Netzwerken zu tun. Die Leute wollen einfach das Nahbare. Sie wollen deinen Alltag sehen und an dem teilhaben, was du so tust. Gleichzeitig gibt es am anderen Ende immer mehr Menschen, die ihre Reichweite nutzen möchten, um anderen Mut zu machen, statt einfach nur ihrem Celebrity-Dasein zu frönen. Früher war es so, dass man als Fernsehgesicht einfach da war, aber nicht anfassbar. Das ist heute anders – und das finde ich gut. Als ich zum Beispiel vor kurzem in der Tram unterwegs war, hat mir danach jemand geschrieben: „Du warst bei mir in der Bahn!“ Was soll ich denn da antworten? Ja, ich fahre Bahn – wie jeder andere Mensch auch. Ich gehe auch kacken. Warum ich jetzt plötzlich diesen Celebrity-Stempel habe, verstehe ich nicht. Ich habe ja nichts anderes getan, als bei so einer Show mitzumachen.

»Wenn dich deine Eltern nicht so akzeptieren, wie du bist, führt das zu Traumata, die dich ein Leben lang begleiten.«

MYP Magazine:
Du redest in Interviews immer voller Bewunderung von Deiner Mutter. Welche Bedeutung hat sie in Deinem Leben?

Avi:
Ich bin in Aalen aufgewachsen, das ist eine schwäbische Kleinstadt (Avi legt den Finger an die Schläfe und gibt sich die Kugel). Meine Mutter war dort mein einziger Rückhalt. Ich hätte als Kind und Teenager nicht gewusst, was ich ohne sie gemacht hätte. Sie hat mir unendlich viel Kraft gegeben, auch wenn wir stellenweise so arm waren, dass es an Weihnachten nur Buchstabensuppe aus der Tüte gab. Und auch wenn es eine Zeit gab, in der wir im Frauenhaus gelebt haben. We come from nothing. Trotzdem hat sie nie aufgehört mir einzutrichtern: „Du kannst alles schaffen.“ Sie hat mich überschüttet mit Liebe und mir immer gesagt, dass ich richtig bin, wie ich bin. Daher war das alles aushaltbar. Und ich glaube, gerade weil ich das selbst von ihr gelernt habe, kann ich das auch so gut an andere geben. Es gibt viele Menschen, die zu Hause nicht diesen emotionalen Rückhalt hatten. Wenn dich deine Eltern nicht so akzeptieren, wie du bist, führt das zu Traumata, die dich ein Leben lang begleiten.

MYP Magazine:
In den einzelnen Folgen von „Queer Eye Germany“ verschlägt es Euch oft in die deutsche Provinz. Waren diese Ausflüge auch immer eine Reise in die eigene Vergangenheit?

Avi (legt ihre Hände vor den Mund):
Oh mein Gott, alles war so triggernd – allein dieses Fußballstadion in der Folge mit Nils, dem schwulen Trainer! Ich habe am ganzen Körper gezittert und war klitschnass. Es gab so viele Situationen, in denen ich mich an mein eigenes Aufwachsen zurückerinnert habe.

MYP Magazine:
Gibt es nicht irgendetwas Positives, das Du dem Leben im ländlichen Raum abgewinnen kannst?

Avi lacht laut und schüttelt den Kopf.

MYP Magazine:
Wir können auch einfach schreiben: „Avi schweigt.“

Avi (lächelt):
Ich hatte dort natürlich ein bisschen Natur um mich herum. Aber ob ich die am Ende zum Glücklichsein gebraucht habe? Ich bezweifle es. Ganz ehrlich: Ich wäre wirklich gerne in einer größeren Stadt aufgewachsen.

»Unsere Gesellschaft legt eine enorme Last auf Männer, und das schon ab dem frühen Kindesalter.«

MYP Magazine:
Vor kurzem hast Du in der Youtube-Serie „Auf Klo“ mit Deiner Kollegin Leni Bolt aufgezählt, wie oft Ihr euch schon offiziell geoutet habt – Leni kam auf insgesamt zwei Outings, Du selbst auf drei. Ist es als queere Person nicht eher so, dass das Outen nie aufhört – weil man immer wieder in Situationen gerät, in denen man darauf hinweisen muss, dass die eigene Sexualität von der normativ angenommenen, heterosexuellen abweicht? Was braucht es aus Deiner Sicht, damit wir in unserer Gesellschaft an einen Punkt kommen, an dem das einfach nicht mehr nötig ist?

Avi:
Eines meiner großen Anliegen ist es, dass es keiner Outings mehr bedarf – weder für irgendeine Sexualität noch für die geschlechtliche Identität. Davon abgesehen müssen wir uns vor allem um das Thema toxische Männlichkeit kümmern. Unsere Gesellschaft legt eine enorme Last auf Männer, und das schon ab dem frühen Kindesalter. Sie werden durch die Art und Weise ihrer Sozialisation in eine Rolle gezwungen, in der weder Schwäche noch Sanftheit erlaubt sind.
Vor kurzem bin ich in einer schwulen Bar mit einem heterosexuellen Mann ins Gespräch gekommen, der sehr offen, gefühlvoll und woke war. Er erzählte, dass er öfter mal in der Bar vorbeischaue, weil er hier mit anderen Männern ganz ungezwungen über seine Gefühle sprechen könne und sich dabei sehr wohlfühle. Mit seinen Kumpels könne er das leider nicht. Das musst du dir mal reinziehen! Es ist immer noch traurige Realität, dass viele Männer befürchten, von ihren Freunden ausgelacht zu werden, wenn sie sich emotional öffnen. Oder noch „schlimmer“: Es könnte ja der „Verdacht“ entstehen, nicht hetero zu sein. Ich finde es zwar total schön, dass dieser Mann für sich einen Safe Space gefunden hat. Gleichzeitig zeigt mir dieses Beispiel aber auch, dass es hier immer noch verkrustete Einstellungen gibt, die schnellstens aufgebrochen werden müssen.

»Es gibt Menschen, die ein anderes Pronomen bevorzugen, als ihr Aussehen vermuten lässt.«

MYP Magazine:
Apropos geschlechtliche Identität: Du machst immer wieder deutlich, wie wichtig Dir die Angabe von Pronomen ist. Kannst Du kurz erklären, warum Du darauf so viel Wert legst?

Avi:
Mir persönlich ist das so ein großes Anliegen, weil ich es unangenehm finde, wenn jemand einem anderen Menschen allein wegen seines Äußeren eine bestimmte Sexualität oder Gender Identity zuschreibt. Das Beispiel ist zwar etwas plump, aber angenommen, du siehst eine von dir als Mann gelesene Person in einem Kleidchen. Allein die Kleidung könnte dir schon signalisieren, dass die Person sich selbst vielleicht nicht ganz so heteronormativ sieht, wie du es selbst gewohnt bist. Hier hilft die Sache mit den Pronomen sehr, denn dadurch hat die Person die Chance, auf die Art angesprochen zu werden, wie sie sich am wohlsten fühlt. Und wenn du dich mit deinen eigenen Pronomen vorstellst oder „Hallo, ich bin der Peter“ sagst, macht es das für dein Gegenüber angenehmer und zu etwas Alltäglichem. Vor allem wir trans Menschen fühlen uns dadurch gesehen und akzeptiert. Bei mir persönlich ist es übrigens so: Um von vornherein zu vermeiden, dass ich misgegendert werde, sage ich meine Pronomen immer gleich am Anfang. Aber vielen Leuten geht das Ganze immer noch gegen den Strich, sowohl in der queeren als auch in der nicht-queeren Welt.

MYP Magazine:
Das heißt?

Avi:
Als ich vor wenigen Tagen zum Thema Pronomen ein Video auf Instagram gepostet habe, gab es einen regelrechten Shitstorm. Die Leute fühlen sich in ihrer Realität immer so angegriffen. Ich wollte lediglich darauf hinweisen, dass es Menschen gibt, die ein anderes Pronomen bevorzugen, als ihr Aussehen vermuten lässt. Und dass Pronomen ein gutes Mittel sind, um eine Umgebung zu schaffen, in der sich mehr Menschen integriert und wohlfühlen.

»Ich habe den Eindruck, dass bei vielen Leuten kein oder kaum Wissen über queere Geschichte vorhanden ist.«

MYP Magazine:
Mit den Pronomen eng verwandt ist ein anderes gesellschaftliches Reizthema, das Gendern. Interessanterweise erlebt man immer wieder – auch innerhalb der queeren Community –, dass viele Menschen gar nicht wissen, was die Idee einer gendergerechten Sprache ist. Da stößt man beispielsweise auf die Annahme, es gehe um eine Zusammenlegung der männlichen und weiblichen Form, zum Beispiel Schaffner:innen als Abkürzung von Schaffnerinnen und Schaffner. Dass durch das Sternchen oder den Doppelpunkt auch Menschen in den Begriff integriert werden sollen, die sich selbst als nicht-binär bezeichnen, also nicht als weiblich oder männlich identifizieren, wissen viele nicht. Wäre die hitzige Diskussion in unserer Gesellschaft nicht viel entspannter, wenn die einen es besser erklären und die anderen sich besser informieren würden?

Avi:
In der Theorie stimmt das. Aber ich muss leider immer wieder erleben, dass viele Leute gar keine Lust haben, sich zu einem Thema schlau zu machen. Oder sich darüber mit anderen auseinanderzusetzen. Dabei ist es doch das Schönste, mit jemandem kontrovers, aber sachlich und auf Augenhöhe zu diskutieren. Ich selbst habe überhaupt kein Problem damit, wenn jemand eine andere Meinung vertritt als ich und sich daraus eine gute Debatte ergibt. Aber viele werden sofort emotional, unsachlich und aufbrausend, das macht das Gespräch echt schwierig.
Darüber hinaus habe ich den Eindruck, dass bei vielen Leuten kein oder kaum Wissen über queere Geschichte vorhanden ist, sowohl außerhalb als auch innerhalb der Community. Ich bin gesellschaftspolitisch auch kein Lexikon. Aber zumindest ein kleines Grundwissen wäre nicht schlecht, wenn man irgendwo mitreden möchte. Das sind wir allein jenen Menschen schuldig, die in den letzten Jahrzehnten für uns und unsere Rechte gekämpft haben.

»Leider bin ich noch nicht so abgeklärt, dass ich auf alles scheißen könnte, was andere sagen.«

MYP Magazine:
Wann hat sich Dein eigenes Verantwortungsgefühl für die LGBTQIA* Community entwickelt?

Avi:
Wenn man gewisse Themen anspricht, eckt man zwangsläufig an, und man muss dann in der Lage sein, damit umzugehen. Dafür habe ich mich lange nicht stark genug gefühlt. Und ich habe mich einfach nicht getraut. Jetzt – mit so viel Reichweite – fühle ich mich da wesentlich sicherer und betreibe das auch aktiver. Aber auch das noch nicht in einem Maß, in dem ich das gerne würde. Dafür fassen mich die Reaktionen der Leute immer noch zu sehr an. Leider bin ich noch nicht so abgeklärt, dass ich auf alles scheißen könnte, was andere sagen. Momentan setzt sich noch jeder Kommentar drei Tage in meinem Kopf fest. Ich bin sehr sensibel, da trifft mich das eine oder andere wirklich stark – auch wenn es oft von Menschen kommt, die keinen Platz in meinem Kopf haben sollten.
Aus diesem Grund bin ich froh, dass endlich diese Show in der Welt ist, weil ich das Gefühl habe, allein durch meine Präsenz dort etwas verändern zu können. Und ich bin froh um jedes Interview. Ich fühle mich immer wieder geehrt, wenn andere Menschen Interesse an mir haben – und an dem, was ich zu sagen habe.

»Ich hätte mich das in dem Alter nicht getraut.«

MYP Magazine:
Einer der beeindruckendsten Protagonisten in „Queer Eye Germany“ ist der Fußballtrainer Nils: nicht nur, weil er den Mut aufgebracht hat, die Sendung für das eigene Outing zu nutzen. Sondern auch, weil seine persönliche Situation eine Lebensrealität abbildet, die es so tausendfach in Deutschland gibt. Und weil da so viele gesellschaftliche Stigmata offensichtlich werden, die seit Jahren einen enormen Druck auf diesen jungen Mann ausüben. Wie hast Du die persönliche Begegnung mit Nils erlebt?

Avi:
Ich selbst bekomme bei der Produktion tatsächlich nur das mit, was in Bezug auf meinen Beauty-Part in der Show zu sehen ist. Das ist bei den anderen Coaches dasselbe. Aber es gibt eine gemeinsame Whatsapp-Gruppe, in der wir uns immer auf dem neuesten Stand gehalten und uns erzählt haben, was bei den jeweils anderen so passiert ist. Von den wirklich krassen Themen in Nils‘ Leben habe ich daher erst per Voicemail erfahren, etwa von der Begegnung mit dem anderen Trainer im Fußballstadion, der ihn vor möglichen Pädophilie-Stigmata warnt. Darüber hinaus hatte ich die Chance, mich mit Nils noch ein wenig bei einem gemeinsamen Essen austauschen. Abseits der Kamera war er viel schüchterner, als es in der Serie den Anschein macht, und hat tendenziell eher weniger gesagt. Daher war ich umso stolzer auf ihn, dass er den Mut aufgebracht hat, das alles öffentlich zu machen. Er hatte ja große Angst, durch sein Outing den Trainerjob zu verlieren. Was für ein krasser, krasser Schritt! Ich hätte mich das in dem Alter nicht getraut.

»Diskriminierung entsteht, wenn man sich selbst besser darstellen und über andere Menschen erheben will.«

MYP Magazine:
Nils thematisiert auch andere Ängste – etwa die Sorge, nicht attraktiv genug zu sein; nicht männlich genug zu wirken; oder „schwul gekleidet“ zu sein und deshalb in irgendeiner Form aufzufallen. Für diese Ängste, so scheint es, braucht es gar kein intolerantes, heteronormatives Umfeld. Allein die schwule Community tut viel dafür, um Menschen auszugrenzen, die keinem bestimmten Ideal entsprechen. Über Floskeln wie „no fats, no girls, no Asians, no olds“ und „just young, fit and masculine“ haben wir bereits gesprochen. Kann man von anderen Menschen überhaupt Toleranz einfordern, wenn man selbst nicht tolerant ist?

Avi:
Eben nicht. Ich hatte eine lange Phase in meinem Leben, in der ich mir gesagt habe: Ich mache nicht mehr mit, I’m not a part of this community anymore, die sind alle schrecklich. Und ein Teil von mir ist immer noch so eingestellt – weil man innerhalb der Community allzu oft Menschen kennenlernt, die Dinge von sich geben, bei denen man sich einfach nur schütteln möchte. Wie kann man, wenn man selbst so viel Intoleranz und Diskriminierung erfahren hat, da noch mitmachen?

MYP Magazine:
Hast Du eine Idee, wie man daran etwas ändern kann?

Avi (lacht):
Ok, wie spirituell darf ich werden? In jedem Glauben ist es doch so, dass es da einen Passus wie „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ gibt. Das Ziel ist also, bei sich selbst anzukommen. Aber viele Menschen sind nicht bei sich. Sie können nicht einmal allein sein – weil sie nicht damit klarkommen, was dann in ihrem Kopf passiert; weil sie oft ihre Traumata nicht auflösen wollen, die sie mit sich herumtragen. Ich glaube, die Welt braucht mehr Spiritualität. Wenn man mit sich selbst cool ist und sich gefunden hat, merkt man, wie sinnlos es ist, andere dumm zu machen. Ich tue gerade so, als wäre ich übelst weise, dabei lerne ich mich auch erst gerade neu kennen. Aber ich habe kapiert: Diskriminierung entsteht, wenn man sich selbst besser darstellen und über andere Menschen erheben will. Aber wenn man sich selbst mag und akzeptiert, braucht man das nicht mehr. Das gilt für alle Menschen, egal ob queer oder nicht.

»Wen und was man attraktiv findet, wird von vielen Faktoren beeinflusst.«

MYP Magazine:
Ein beliebtes Argument in der Community ist es, dass es sich bei den genannten Floskeln nicht um Diskriminierung handele, sondern bloß um die Angabe sexueller Präferenzen. Und die könne man schließlich nicht ändern.

Avi:
Ich glaube, dass auch das ein Konstrukt ist. Wen und was man letztendlich attraktiv findet, wird von vielen anderen Faktoren beeinflusst, etwa von gesellschaftlichen Trends. Beispielsweise galten Frauen mit Kurven und Rundungen lange Zeit als das weibliche Schönheitsideal. Und in der Antike fand man bei Männern eher kleinere Penisse attraktiv.

»Für mich ist Sex mit den Jahren etwas sehr Magisches geworden.«

MYP Magazine:
Welche Bedeutung hat Sex für Dich persönlich?

Ich bin kein wirklich sexueller Mensch. Für mich ist Sex mit den Jahren etwas sehr Magisches geworden. Ich kann auch fremde Menschen nicht so an mich heranlassen, wie es viele in der Community tun – ich meine die Situation, dass da jemand Fremdes bei dir klingelt und man dann sofort miteinander bummert. Eine Zeit lang habe ich das auch mal versucht. Aber das war nie so meine Welt. Es ist für mich einfach schwierig, mich in eine Situation hineinzuversetzen, in der man sehr viel Sex möchte, aber dafür nur den Körper einer anderen Person konsumieren und sie nicht zwangsläufig kennenlernen will. Not my world, find‘ ich kacke.

MYP Magazine:
Kommen wir zurück auf „Queer Eye Germany“. Für die erste Staffel gab es viel Zuspruch und durchweg gute Kritiken. Wann kommt die zweite?

Avi:
Ob und wann es weitergeht, wissen wir nicht – ich glaube, da sind wir Fünf auch so ziemlich die Letzten, die das erfahren würden. Das Ende der Nahrungskette, sozusagen. Die große Promophase ist vorbei, jetzt heißt es jeden Tag hoffen. Es hängt am Ende ja immer davon ab, wie viele Leute die Show tatsächlich schauen. Klar, die queere Community geiert natürlich darauf, aber das ist nur ein kleiner Teil der Gesamtzuschauerschaft. Wir Coaches wünschen uns auf jeden Fall sehr, dass es weitergeht.

MYP Magazine:
Gerade läuft auf Netflix sehr erfolgreich „Heartstopper“, eine queere Coming-of-Age-Serie aus Großbritannien. Ist das nicht Beweis genug, dass auch das Mainstream-Publikum empfänglich ist für queere Themen?

Avi:
Hoffen wir’s! Vielleicht wird dadurch den Leuten ja auch öfter „Queer Eye Germany“ vorgeschlagen und der Algorithmus entscheidet in unserem Sinne. Am Ende ist doch alles nur Rechnerei.