Interview — Der Tod

Das Beste kommt zum Schluss

Zum Abschluss unserer »Zwielicht«-Ausgabe treffen wir den Meister der Zwischenwelt. Unsere Chefredakteurin lädt den Tod dorthin ein, wo er sie ohnehin irgendwann abholen wird: in ihre Berliner Stammbar »Trödler«.

15. Juli 2019 — MYP N° 25 »Zwielicht« — Interview: Katharina Weiß, Fotos: Ansgar Schwarz

»Ich bekomme fast immer einen ausgegeben, wenn ich vor der Haustür stehe.«

Katharina:
Nun sitzen wir hier in einer Bar. In der Vergangenheit haben sie ja eher schlechte Erfahrungen mit Alkohol gemacht (Anspielung auf die Komödie „Der Brandner Kasper und das ewig’ Leben“, die Red.). Sind sie mittlerweile besser am Glas geworden?

Der Tod:
Stimmt, es gibt da ein paar Gerüchte, dass man mich unter den Tisch trinken könnte. Diese Mythen habe ich natürlich selbst gestreut. So bekomme ich fast immer einen ausgegeben, wenn ich vor der Haustür stehe. Praktisch. Das macht meinen Beruf erträglicher – wobei ich mir mit dieser Antwort wahrscheinlich gerade ins eigene Knochenmark schneide.

»Sie ist dafür da, anderen den Kopf zu verdrehen – im wahrsten Sinne des Wortes.«

Katharina:
Der Tod hat eine romantische Affäre am Arbeitsplatz. Wie läuft es mit Exitussi?

Der Tod:
Ui, großes Missverständnis – Exitussi ist meine fleißige Praktikantin, keine Liebschaft. Im Gegensatz zu einigen bekannten Geschichten bei den Menschen ist diese Konstellation bei der Tod GmbH tatsächlich rein geschäftlich. Wie sollte das auch funktionieren? Liebe auf den letzten Blick? Mit ihrer rosa Kutte ist sie vielmehr dafür da, anderen den Kopf zu verdrehen – im wahrsten Sinne des Wortes. Ein Schädel allein schafft dieses viele Leben inzwischen doch kaum noch. Außerdem nimmt sie allein durch ihre Optik und ihre heitere Ausstrahlung vielen die Furcht vorm Sterben.

»Die meisten haben nach ein paar Jahren Ehe nicht mehr den Wunsch nach ewigem Leben.«

Katharina:
Stimmt es, dass Verheiratete länger leben?

Der Tod:
Nein, es fühlt sich nur so an. Allerdings ist es für alle Menschen mit dem Wunsch nach ewigem Leben wirklich ratsam, zu heiraten. Der Wunsch geht davon zwar nicht in Erfüllung, die meisten haben ihn jedoch nach ein paar Jahren Ehe gar nicht mehr. Funktioniert wirklich. Lifehack des Todes.

Katharina:
Sie sind mit dem Vorsitzenden der Deutschen Dracula Gesellschaft, Dr. Mark Benecke befreundet. Wie passen Untote denn in ihr Geschäftsmodell?

Der Tod:
Gar nicht. Das wäre ja auch kontraproduktiv meiner Arbeit gegenüber. Es sei deshalb versichert, dass sich auch der Herr der Maden seiner Sterblichkeit durchaus bewusst ist und seine Mitgliedschaft in dieser Gesellschaft eher auf der Lust am Grusel bei Vampiren beruht. Das ist jetzt vielleicht etwas desillusionierend und nicht lustig, aber bei Untoten hört der Spaß halt auch auf. Sorry.

»Ich gehe seit ein paar Jahren verstärkt in die Öffentlichkeit. Mein Image-Berater meint, das sei wichtig.«

Katharina:
Wer ziert sich denn ganz besonders, bei ihrem Reiseunternehmen einzusteigen?

Der Tod:
„Wer nicht?“ wäre wohl die passendere Frage. Die Natur hat in jedem Lebewesen einen Überlebensinstinkt eingebaut. Das macht meine Arbeit nicht einfacher, aber ich gebe zu, es wäre auch keine Lösung, wenn sich alle nur noch wie Lemminge die Klippe hinunterstürzen würden. Eine Zwischenlösung wäre schön. Daran arbeite ich. Denn bei den Menschen hat die Todesangst auch viel mit Verdrängung und der Furcht vor dem Unbekannten zu tun. Deshalb gehe ich seit ein paar Jahren verstärkt in die Öffentlichkeit, mache Bühnenshows, schreibe Kolumnen oder gebe Interviews, wie gerade jetzt. Mein Image-Berater meint, das sei wichtig. Wer nicht wirbt, stirbt. Oder so…

»Wir zeigen den Lebensrückschaufilm inzwischen in Ultra HD.«

Katharina:
Wie kann man sich die kurze Strecke zwischen den Welten vorstellen? Erzählen sie den Reisenden Witze?

Der Tod:
Ganz ehrlich: Die Reise ist echt das Letzte. Nun muss ich mir über Kundenbindung allerdings auch keine Gedanken machen. Für deutsche Mecker-Touristen gibt es sogar extra ein Beschwerde-Formular. Es besteht aber kein Grund zur Sorge. Wir haben Tomatensaft, zeigen den Lebensrückschaufilm inzwischen in Ultra HD und wenn es von den Reisenden gewünscht wird, halte ich auch mal die Klappe. Oder philosophiere ernsthaft über Adornos „Dialektik der Aufklärung“ oder den altmeisterlichen Pinselstrich bei dem Gemälde „Die sieben Todsünden“ von Otto Dix. Ich bin da recht flexibel und kann mit meiner Lebenserfahrung durchaus auf individuelle Wünsche eingehen. Ansonsten heißt es: die & travel. Entdecke die Möglichkeiten!

»Durch meine Arbeit zeige ich seit vielen Millionen Jahren, dass es keine Unterschiede gibt.«

Katharina:
Wie hat Keith Richards es eigentlich geschafft, ihrer Gesellschaft bisher zu entgehen?

Der Tod:
Ja, den hätten Einige durch seine Drogen- und Alkohol-Exzesse schon früher bei mir vermutet, das stimmt. Es bleibt aber auch die Erfolgsformel der Tod GmbH, dass unsere Arbeit zum Großteil auf Zufall beruht und keiner Logik folgt. Außer der, das alle mal dran sind. Und keiner weiß wann. Das ist tatsächlich die größtmögliche Gerechtigkeit, auch wenn man in Einzelfällen daran zweifeln mag. Aber nur so ist es möglich, zumindest im Tod keinen Unterschied zu machen. Es spielt keine Rolle, wieviel man besitzt, an welchen Gott man glaubt oder in welchem Land man geboren wurde. Im Grunde zeige ich durch meine Arbeit seit vielen Millionen Jahren, dass es keine Unterschiede gibt. Leider ist die Message noch nicht wirklich bei allen angekommen.

»Noch steht mir das Vermummungsverbot etwas im Wege.«

Katharina:
Mittlerweile sind sie auch Polit-Experte: Die RBB Abendshow befragte Sie kürzlich zum SPD-Sterben. Könnten sie sich vorstellen, wieder stärker in der Politik aktiv zu werden?

Der Tod:
Ach ja, die Politik. Ein tödliches Thema. Nach jeder Wahl stelle ich mir wieder die Frage, ob ich nicht einsteigen sollte. Als AfA, Alternative für Alles: „Ich gebe ihrer Zukunft ein Zuhause.“ Im Ernst, ich glaube, viele Probleme würden sich mit mir lösen lassen. Altersarmut, Wohnungsnot, sogar der Berliner Flughafen. Wegen mir könnten wir morgen aufmachen. Ich halte Brandschutz für völlig überbewertet. Ganz klar, mit mir würde auch die Wahlbeteiligung steigen. Zum Beispiel mit dem Motto: „Mach dein Kreuz, bevor ich deins mach.“ Das würde viele Menschen in die Urne locken… äh, an die Urne locken. Mal schauen. Noch steht mir das Vermummungsverbot etwas im Wege.

»Mit Kutte und Sense wird man bei der Bahn nie kontrolliert. Quasi Schwarzfahren next level.«

Katharina:
Als Tod muss man logischerweise viel unterwegs sein. Wie reist der Sensenmann eigentlich? Und gibt es da Probleme?

Der Tod:
Ich bin ein Tod wie du und ich. Ich reise also recht normal. Zum Beispiel mit der Deutschen Bahn. Und Fahrgäste, die sich dort über Verspätung beschweren, die notier‘ ich mir dann schon mal ganz gern für eine Früh-Abholung. Also Vorsicht! Mit Kutte und Sense wird man bei der Bahn übrigens nie kontrolliert. Quasi Schwarzfahren next level. Dafür werde ich in meinem Outfit am Flughafen schon mal öfter schräg angeguckt. Da wird wohl den meisten erst bewusst, dass sie last minute gebucht haben.

»Von der Altersstruktur der Gäste her haben Kreuzfahrtschiffe und ich häufig genau dieselbe Zielgruppe.«

Katharina:
Ich habe ebenfalls gehört, dass sie auch auf Kreuzfahrtschiffen unterwegs sind. Wie kam das?

Der Tod:
Tatsächlich bin ich da öfter mal als Gastkünstler an Bord. Mich hat es aber auch schon auf meiner ersten Kreuzfahrt 1912 eiskalt überrascht, wie viele Vorzüge diese Form des Reisens hat. Allein von der Altersstruktur der Gäste her haben Kreuzfahrtschiffe und ich häufig genau dieselbe Zielgruppe. Dazu dieser vorzügliche ökologische Fußabdruck. Da kann ich nur sagen: weiter so. Nur Inlandsflüge sind schöner.

Lust auf ein tödliches Vergnügen?
Der Tod live:

12.10.2019, 23:59 Uhr:
Berlin, BKA-Theater

09.11.2019, 20:00 Uhr:
Berlin, Die Wühlmäuse

10.11.2019, 20:00 Uhr:
Berlin, Die Wühlmäuse