Reportage — Instinkt und Psyche (Teil 1)

Heile dich selbst!

Eine Praxis in Prenzlauer Berg verbindet körperliche Berührung mit psychotherapeutischem Dialog. Unsere Autorin Katharina Weiß hat eine Sitzung getestet und den Seelenstriptease gewagt.

23. Oktober 2018 — MYP N° 23 »Instinkt« — Text: Katharina Weiß

Teil 1 der Serie über Instinkt und Psyche:
Die Therapie

Ich fühle mich leicht, fast fragil, und etwas benebelt, aber gleichzeitig fest mit der Erde verbunden. Ein bisschen wie nach einem Tag am Strand, einer langen Meditation oder betrunkenem Liebessex. Als ich auf die Straße trete, blendet mich das Sonnenlicht, und wenn jetzt jemand Bach spielen würde, müsste ich vermutlich weinen.

Vor zwei Stunden hatte ich noch nicht erahnt, in welchen Zustand mich eine Therapiesitzung bei Lisa Sundermeyer versetzen würde, die mit körperorientierter Psychotherapie arbeitet und Werkzeuge der sogenannten Grinberg-Methode benutzt. Als ich die Heilpraktikerin für Psychotherapie ein paar Wochen zuvor um einen Interviewtermin gebeten hatte, wollte ich mit ihr nur über den Zusammenhang von Psyche und Instinkt, dem titelgebenden Begriff der aktuellen Ausgabe, sprechen. Dies sei genau ihr Thema, versicherte Sundermeyer am Telefon und lud mich zudem zu einer Probesitzung in ihrer Praxis im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg ein: „Was ich tue, ist einfacher zu spüren statt zu beschreiben.“ Ein Satz, den Journalisten selten glauben – im Beschreiben kann uns schließlich keiner etwas vormachen – und doch muss ich ihr nun, um diese Erfahrung reicher, recht geben. Dass die Schilderung dieser ersten Sitzung etwas albern klingen mag, ist deshalb zu entschuldigen.

Während ihre Finger an meinen Füßen herumwandern, tasten sich ihre Fragen an meiner Biografie entlang.

Da ich ohne Therapieerfahrung und Leidensdruck in Lisa Sundermeyers Behandlungsräume kam, hatte ich wenig erwartet. Im besten Fall ein nettes Gespräch, im schlimmsten Fall seltsame Freud-Fragen über meine Eltern. Damit, dass ich Lisa Sundermeyer keine fünf Minuten nach der Begrüßung meine Füße ins Gesicht strecken würde, hatte ich sicher nicht gerechnet: Bei der sogenannten Fußanalyse nimmt der Patient häufig auf einem Stuhl ohne Beine Platz, der auf einen langen, gepolsterten Tisch montiert ist. Am Tischende sitzt der Therapierende mit einem griffbereiten Laptop und untersucht beziehungsweise knetet die Füße des Patienten. Hätte ich gewusst, dass Lisa Sundermeyer mit meinen Quadratlatschen beginnt, hätte ich die Käsemauken davor hübscher manikürt! Die Befremdlichkeit verfliegt jedoch schnell und bald scheint es ganz normal, dass mir jemand am großen Zeh zieht, während ich sozusagen die Anamnese absolviere.

Der Sinn dahinter: Die Verlagerungen des Körpergewichts hinterlassen Abdrücke an den Fußunterseiten. Diese lassen Rückschlüsse darauf zu, welche automatischen Körperhaltungen ein Mensch häufig einnimmt. Später erklärt Lisa Sundermeyer mir: „Wenn man häufig das Becken vorschiebt, belastet man die Füße natürlich anders, als wenn man immer die Schultern hochzieht. Daran kann ich schnell sehen, wo es Blockaden oder vermehrt Spannung gibt, also automatische Haltungsmuster des Körpers.“

Während ihre Finger an meinen Füßen herumwandern, tasten sich ihre Fragen an meiner Biografie entlang. Sie fragt sich, ob ich ein bestimmtes Problem habe, an dem ich arbeiten möchte. „Mein Liebesleben“, scherze ich und weiß doch, dass dies mehr Attitüde ist. Deshalb erzähle ich ihr von dem Gespräch mit einem amerikanischen Musiker nur wenige Tage zuvor. Wir beide teilten eine unbegründete Angst: Irgendwann fliegen wir auf, irgendwann bekommen alle mit, dass wir eigentlich gar nichts können. Und er wird von den Securities aus dem Stadion, in dem er spielen soll, herausgetragen – und mich entfernt die Polizei aus dem Redaktionsgebäude. Das Hochstapler-Syndrom ist ein weit verbreiteter Spleen unter Kreativen. Nachdem wir uns eine Zeit lang darüber unterhalten haben und ich ihr auch von meinen Rückenschmerzen erzählt habe, folgt die nächste Überraschung: Ich soll mir mein Kleid ausziehen und mich flach auf den gepolsterten Tisch legen.

»Manche Menschen rennen weg, die einen stellen sich tot und die anderen fallen in Ohnmacht.«

Während sie versucht, Anspannungen in meiner rechten Schulter zu lösen, erzählt sie: „Im Fall ‚Mensch und Bär begegnen sich im Wald‘ gibt es eigentlich vier instinktive Reaktionen: Manche Menschen kämpfen mit dem Bären, manche Menschen rennen weg, die einen stellen sich tot und die anderen fallen in Ohnmacht.“ Diese Geschichte ergänzt eine Übung, bei der mir Lisa Sundermeyer die Stressreaktionen in meinem Körper demonstriert, die auf den urzeitlichen ‚fight or flight’- Reflex zurückgehen. Für welche Reaktionsvariante wir uns entscheiden, liege an unseren Lebenserfahrungen: „Hat mir in der Kindheit eher das Kämpfen etwas gebracht oder war ich sowieso immer ausgeliefert und konnte mich gar nicht wehren – je nach dem werde ich eine andere Standardstrategie benutzen.“ Wer zum Kämpfen neigt, der sei häufig in Angriffshaltung: die Schultern nach oben, volle Spannung. Sie fordert mich auf, kurz diese Position einzunehmen, während sie auf meine Muskeln drückt. In dem Moment wird der Schmerz in meiner rechten Schulter brennend.

Für die nächste Stunde sind meine Augen größtenteils geschlossen, die einzelnen Situationen verschwimmen: Während die Therapeutin meinen Körper massiert und mich dazu animiert, auf bestimmte Reize zu achten, leitet sie eine Unterhaltung zwischen uns beiden, die mich in ihrer Ehrlichkeit erstaunt. Ich erzähle frei und ohne Performancedruck – die Berührungen, die meinen Körper lockern, öffnen auch meinen Geist…

Entscheidend sind nicht die Minuten oder Stunden, die man in der Therapie verbringt, sondern die Zeit danach.

Als ich ein paar Tage später über diese Erfahrung nachdenke, empfinde ich zwei Begriffe, die das Resultat der Sitzung aus meiner Perspektive erfassen: Motivation und Entspannung. Entscheidend sind nicht die Minuten oder Stunden, die man in der Therapie verbringt, sondern die Zeit danach, in der man Denkanstöße und Gefühle neu ordnet. Das passt auch zur Geschichte des Gründers der Grinberg-Methode – eine der Methodiken, die Lisa Sundermeyer für die körperorientierte Psychotherapie benutzt. Nach langjähriger Behandlungspraxis frustrierte den Psychotherapeuten Avi Grinberg in den 1970ern immer wieder eine Sache: Er heilte die Menschen, nur um sie nach Monaten oder Jahren mit gleichen Beschwerden wieder im Wartezimmer sitzen zu sehen. Auf seiner Webseite heißt es heute: „Avi Grinberg erschien es immer sinnloser, dass das Wohlbefinden der Menschen von seinen Behandlungen und damit von ihm abhing. Ihm wurde klar, dass sie sich an dem Heilungs- und Genesungsprozess selbst beteiligen müssen.“

Dies überraschte auch mich: Ich hatte zu jenen gehört, die gedacht hatten, dass die Beschäftigung mit der eigenen Psyche immer bedeuten muss, in lamentierenden Sitzungen Verantwortung ab- und aufzugeben. Die Aufforderung der Grinberg-Methode fordert jedoch das ganze Engagement des Patienten, denn im Grunde besagt sie: Heile dich selbst!

Wie eine Patientin ihre Erlebnisse schildert und wie die Expertin Lisa Sundermeyer ihre Technik erklärt, erfahrt Ihr in den anderen beiden Teilen der Serie über Instinkt und Psyche:

Teil 2: Die Patientin

Teil 3: Die Therapeutin