Reportage — Bronies

Magische Männer

Süß wie Brownies sind die Liebe und der Zusammenhalt der erwachsenen Zuschauer der Serie »My Little Pony«. Sie formen eine der außergewöhnlichsten Fan-Gemeinschaften des jungen Millenniums: Wir waren beim Berliner Jahrestreffen der sogenannten Bronies.

17. Mai 2019 — MYP N° 25 »Zwielicht« — Text & Fotografie: Katharina Weiß

Die Einzigen, die im weitläufigen Außenbereich des Jugendfreizeitheims am Berliner Grunewald nicht frieren, sind drei Menschen im Ganzkörper-Ponykostüm. Dabei hatte sich das Trio dieser sogenannten Furries schon auf einen schwitzigen Nachmittag eingestellt, nachdem der Fanverein Bronies Berlin / Brandenburg e.V. zum alljährlichen Fanevent geladen hatte. Doch stattdessen vergnügen sich die Fellknäuel unter bewölktem Himmel auf den Spielplatzschaukeln, während sich andere Gäste eher mit Schießübungen warmhalten.

Mit einer Spielzeugwaffe zielen sie auf düstere Zeichentrickschurken mit Namen wie etwa Queen Chrysalis oder Cozy Glow. Christian, der den Schießstand betreut, sammelt vor jedem Durchgang ordnungsgemäß die Unterschriften der Teilnehmer ein, um eine Haftung der Organisatoren auszuschließen. Ian, ein 31-jähriger Isreali mit stattlichem Bart, der gerade auf den dämonischen Zentauren Tirek zielt, findet diese Bürokratie äußerst amüsant und typisch deutsch.

Wenn ihn bereits dieses Ordnungsbewusstsein schmunzeln lässt, was würde er wohl zu dem sagen, was Lokführer Michael, Brony-Name Railway Dash, auf dem Händlerkorridor des Haupthauses veranstaltet? Wie jedes Jahr fühlt sich der gebürtige Sachse auch heute für die „Plushie Con” verantwortlich – eine Art Ausstellung mitgebrachter selbstgenähter Kuscheltiere. Im bestickten Blaumann nimmt er die Sammlerstücke mit weißen Handschuhen entgegen. Penibelst werden die Tierchen etikettiert und später nach Nähstil und Originalität kuratiert.

Prinzessin Twilight Sparkle, die zentrale Heldin der Serie „My Little Pony: Friendship Is Magic” wäre stolz auf diese gewissenhafte Betriebsamkeit. Denn Twilight Sparkle ist die Hermine Granger der Ponywelt: eine übermotivierte Streberin, deren Motto eher Einzelkampf als Teamwork ist. Aber genau wie Hermine Granger im ersten Harry Potter-Band muss auch das violette Einhorn schnell feststellen, dass ohne Freunde kein Kampf gegen das Böse zu gewinnen ist. Twilight und Hermine haben noch eine andere Gemeinsamkeit: Sie beide sind Figuren, die für die Kinderfantasie entworfen wurden – und dennoch haben sie Heerscharen von erwachsenen Fans. Während bei vielen Hogwarts-Wannabe-Schülern die Begeisterung über die Kindheit und Jugend quasi mitwuchs, fanden die meisten Fans der behuften Prinzessin des Ponykönigreichs Equestria jedoch erst nach der Volljährigkeit zu ihrer Leidenschaft. Wer sich diesen Serienliebhabern zugehörig fühlt, nennt sich Brony – ein Kofferwort aus „Bro” und „Pony”.

Für Außenstehende mag es deshalb zunächst eigentümlich wirken, dass nicht vorrangig kleine Mädchen den Hype um die in allen Farben des Pastellregenbogens gehaltenen Fabelwesen befeuern, sondern vor allem Männer deutlich jenseits der Pubertät. Eine gewisse Skepsis ist dem ponyfernen Publikum nicht zu verdenken: Wenn sich eine Gruppe hauptsächlich junger, weißer Männer zusammentut, kommt dabei erfahrungsgemäß selten etwas Unproblematisches heraus.

Das Überraschungsmoment des Fandoms (ein Begriff, der für die Gesamtheit der Fans eines bestimmten Phänomens steht) enthüllt sich in zwei Schichten: Die offensichtlichere, erste Schicht thematisiert die ethischen Motive, auf deren Grundlage „My Little Pony: Friendship Is Magic” basiert. Hierzu lohnt sich ein kurzer historischer Rückblick. Bereits seit den 1980er Jahren versuchte der US-amerikanische Spielwarenhersteller Hasbro, seine Plastikponies mit dazugehörigen Filmen zu vermarkten. In „My Little Pony: The Movie” aus dem Jahr 1986 hat sogar Schauspielstar Danny DeVito eine Sprechrolle. Dennoch erregten diese Projekte außerhalb der Zielgruppe, also kleiner Mädchen, keine größere Aufmerksamkeit. Das änderte sich im Jahr 2010, als Hasbro im Rahmen einer neuen Designgeneration von Spielzeugponies die Cartoonistin Lauren Faust ins Boot holte. Entgegen anfänglicher Vorbehalte des Auftraggebers setzte sie es durch, einen verhältnismäßig komplexen Plot zu entwickeln, den viele Fans als feministisch bezeichnen. Denn wer mit erwachsenem Auge auf die erste Staffel schaut, der entdeckt schnell: Hier geht es um sehr unterschiedliche, komplexe Frauenfiguren, die ihre Erfüllung nicht in romantischer Liebe, sondern in loyaler Freundschaft finden.

Eine Freundschaft, die vielen Bronies in ihrem Leben vor der Community fehlte: „Viele, die hier sind, haben schlimmes Mobbing erlebt oder sich gesellschaftlich sehr isoliert gefühlt. Auch ich stand schon an der Grenze zum Selbstmord – als mich die Brony-Gemeinschaft und das Couchsurfen gerettet haben“, sagt Ian, der extra aus Hebron nach Berlin gereist ist. Er erzählt gerne und viel und man glaubt ihm, dass die Leute, auf deren Couch er während seiner monatelangen Reisen schläft, manchmal schon am ersten Abend zu ihm kommen, um sich einen Ratschlag von ihm einzuholen. Dass der zugängliche Kuschelbär mit den warmen Augen einst solche Schwierigkeiten hatte, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, ist schwer vorstellbar.

Aber er ist nicht der Einzige, der so eine Geschichte zu erzählen hat. Auch Gray the Zebra, der aus NRW angereist ist und hier seine selbstgestickten Pony-Patches verkauft, kennt die Einsamkeit: „Durch das Fandom habe ich zu mir gefunden. Davor war ich super introvertiert. Mein Leben bestand aus Arbeiten, Zocken, Schlafen. Dann stieß ich auf die Serie. Irgendwann wurde der Gedanke ‚Du musst mal raus!‘ so stark, dass ich 400 Kilometer zum ersten Brony-Stammtisch gefahren bin.“

Mittlerweile gehört er zu den deutschen Fans mit den meisten Pony-Tattoos. Sein gesamter oberer Rücken wird von der dunklen Königin Chrysalis eingenommen, die über eine Armee aus Gestaltwandlern befielt. Auch ansonsten widmet er seine Freizeit ganz der Community: Wer einen selbstdesignten Patch seiner Lieblingsfigur oder eines selbstentworfenen Charakters haben möchte, kann die Stickarbeit bei dem 35-Jährigen in Auftrag geben, der mit seinen großen Hufen auch kleine Miniaturen möglich macht.

Zu den Besonderheiten der Brony-Szene gehören die vielfältigen kreativen Ausdrucksformen, mit denen die Mitglieder ihrer Zugehörigkeit Ausdruck verleihen: Memes, Computerspiele, (Karaoke-)Songs, eigene Filme und Comics sowie jede Menge illustre Fanfictions. Die zeichentrickbasierte Grundlage der Serie schenkt den Bronies ein Füllhorn an Möglichkeiten, authentische Produkte zu erzeugen oder sich selbst einen Charakter auszudenken und diesen ästhetisch zufriedenstellend in die Ponywelt hineinzumalen.

Solche neuen Charaktere können sich nahe an der Vorlage halten oder spielerisch ausbrechen. So gibt es zum Beispiel auch Game-of-Thrones-Crossover-Ponies, Gothic-Ponies und auch das ein oder andere anzügliche Pony.

Ja, die Bronies feiern eine Serie über Einhörner und magische Mädelsbanden – aber sie sind gleichzeitig auch Erwachsene mit den üblichen sexuellen Fantasien und Wünschen, die sich manchmal auch auf eigentümliche Weise in der Ponywelt wiederfinden. So druckte Grey of Zebra für das Fanevent eine Palette mit verschiedenen Motiven auf Getränkedosen. Von den unverfänglichen Abbildungen war noch jede Menge da, nur die Edition „Sweet Apple”, einer Apfelsaftschorle mit Design-Anspielung auf die Twilight-Freundin Applejack, war bereits am ersten Abend ausverkauft: Sie zeigt das Pony mit ausgeprägten weiblichen Zügen, während es dem Betrachter sein Hinterteil entgegenstreckt und unter dem Schweif eine recht menschliche Vagina entblöst.

Auch wenn man über den Geschmacksgehalt solcher Darstellungen streiten kann, pervers im eigentlichen Sinne sind sie meistens nicht. In ihrer Häufigkeit sind solche erotischen Phänomene auch viel zu gering, um zu erklären, warum das Fandom der Bronies so viel Internethass auf sich zieht. „Das Thema ‚uncleane Fanart’ gehört zwar mit ins Fandom, bildet allerdings nur einen kleinen Bestandteil. Von Einigen werden solche Ausdrucksformen nur sehr ungerne gesehen, da es dazu führt, dass das gesamte Fandom von der Öffentlichkeit oft falsch eingeordnet wird“, erklärt Benjamin Stille, Vorsitzender des Berliner Vereins.

Das Thema Außenwirkung wird immer wieder in der Community diskutiert. Einige der 130 Gäste des Jahrestreffens zeigen sich verletzt über die Zuschreibungen, mit denen sie im Netz häufig konfrontiert werden: sozial unfähig, sexuell chancenlos, freaky. In einem breiteren gesellschaftlichen Kontext macht diese Marginalisierung der Bronies dennoch Sinn. Denn – und hierin liegt die überraschende zweite Schicht des Fandoms – die Bronies brechen mit gängigen Männlichkeitsklischees und fallen in einer patriarchischen Ordnung damit negativ auf.

Die Freiheit der Community nutzte Benjamin Stille auch für seine eigenen Erfahrungen: „Ich führte 2014 für zwei Jahre eine homosexuelle Beziehung innerhalb der Fandom-Gemeinschaft. Es war für mich eigentlich nur die Neugier – in dem Zuge habe ich aber bemerkt, dass das gleiche Geschlecht nichts für mich ist. Wie das auf den allgemeinen Brony zuzuschreiben ist, ist nicht sehr einfach. Viele haben den Drang, eine echte Beziehung zu finden. Und die Gemeinsamkeit zu der Serie kann schon als Grundlage dienen. Das große Ideal war für mich aber immer, mich mit diesem Fandom auseinanderzusetzen und mich selber lieben zu lernen.“

Eine Studienteam von Brony Study Research beschäftigt sich seit Jahren mit der Subkultur. Demzufolge gibt es im Brony-Fandom wesentlich mehr Transgender-, Genderqueer- und nicht-binäre Menschen als in der Allgemeinbevölkerung.

Dennoch identifizieren sich deutlich über 80 Prozent der Studienteilnehmer mit ihrem männlichen Geburts-Geschlecht. Auch wenn die Studie dies nicht eindeutig festhält, wird eine heterosexuelle Tendenz deutlich. Die Bronies sind also eine spannende Community, um sich die Frage zu stellen, wie ein heterosexueller cis-Mann (als Cis-Mann/Cis-Frau werden diejenigen bezeichnet, deren Geschlechtsidentität dem Geschlecht entspricht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde, die Red.) in unserer heutigen Gesellschaft sein sollte – und welche Sanktionen ihm drohen, wenn er sich den dominanten Paradigmen entzieht. Obwohl Bronies eigentlich dafür gefeiert werden sollten, dass sie gegenderte Geschmacksgrenzen sprengen und die Magie von Pastelltönen, Regenbögen und Glitzerstaub für ihre Geschlechtsgenossen zurückerobern, werden sie häufig, so schreibt die taz, als „Beta-Männchen” wahrgenommen.

Die weiblichen Bronies haben das Potenzial dieser Männer unterdessen schon längst erkannt. Einige der wenigen Frauen auf dem Fanevent von „Bronies Berlin / Brandenburg e.V.” ist die in Hamburg lebende Amerikanerin Stephanie. Hier kennt man sie als Violet Rose. Auf die Rolle der Frauen im Fandom angesprochen, betont sie die respektvolle Atmosphäre: „Klar, man wird öfter angeflirtet. Aber ich finde die Auswahl gar nicht so schlecht. Und es ist total cool, innerhalb der Brony-Community das Angebot auf ein Date auszuschlagen. Nein bedeutet hier sofort nein.“ Überhaupt, so findet Stefanie, gehe es im Fandom ja auch eigentlich um etwas ganz anderes: „Brony zu sein, das bedeutet für uns das Gefühl, in einer starken Community zu agieren, die aus dem Nichts heraus viele tolle Veranstaltungen erschaffen hat. Es geht einfach darum, mit ein paar spannenden Leuten eine gute Zeit zu verbringen. Es geht um den Wert von Freundschaft.“ Und die ist einfach magisch, nicht nur im Ponyland.