Interview — 1000 GESTALTEN

Politik von unten nach oben

„Die 1000 GESTALTEN sollen eine Gesellschaft verkörpern, der das Gefühl dafür abhanden gekommen ist, dass auch eine andere Welt möglich ist“, heißt es im Pressetext zu dieser besonderen G20-Protestaktion, die im Juli 2017 in Hamburg stattfand. Im Gespräch erklären drei der Initiatoren, wie genau diese andere Welt aussehen könnte und was ihrer Meinung nach in unserer Gesellschaft so richtig schief läuft.

22. Januar 2018 — MYP N° 22 »Widerstand« — Interview: Jonas Meyer

Foto: Julia Zenk

Der Hamburger Buchardplatz am 5. Juli 2017, es ist kurz vor halb zwei mittags. Wo vor wenigen Minuten noch Alltag war, liegt nun ein metallisches Klicken in der Luft. Erst hat es sich leise und kaum wahrnehmbar in die Ohren der Passanten geschlichen, dann wurde es immer deutlicher. Das sonderbare Geräusch wird erzeugt von hunderten Gestalten, die sich dem Platz von allen Seiten nähern – grau gekleidet und von Kopf bis Fuß mit Lehm beschmiert. Quälend langsam und fast wie in Zeitlupe bewegen sich diese Wesen vorwärts, ihr Blick ist leer, die Gesichter regungslos. In ihren Händen halten sie jeweils eine kleine Metallbüchse versteckt, die der Auslöser des unentwegten Klickens ist.

Immer mehr Gestalten tauchen in den Zufahrtstraßen auf und schleppen sich apathisch in Richtung Buchardplatz – geschlagene 90 Minuten dauert es, bis alle ihr Ziel erreicht haben. Die Passanten wiederum scheinen nicht so recht zu wissen, wie sie reagieren sollen, viele zücken ihre Handys und fangen an zu filmen.

Einige Augenblicke später. Langsam und fast zaghaft beginnt eine der Gestalten, ihr eigenes Gesicht zu ertasten, dann reißt sie plötzlich – begleitet von einem lauten Schrei – die Hände in die Luft. Kurz darauf quält sie sich aus ihrer Jacke, schmettert sie zu Boden und reißt mit voller Kraft ihr Hemd auf: Ein knallblaues Unterhemd kommt zum Vorschein.

Nach einer kurzen Pose der Befreiung bewegt sich die Gestalt auf eine zweite zu und motiviert sie ebenfalls, sich aus ihrer grauen Uniform zu befreien, unter der sie – wie kurz darauf zu sehen ist – ein hellgrünes T-Shirt trägt. So befreien sich nach und nach immer mehr Gestalten aus ihrer grauen Kleidung, tanzen herum und umarmen sich. Die fröhlichsten Menschen in den buntesten Farben bevölkern nun den Buchardplatz, über ihnen schwebt eine graue Wolke aus Lehm, die sich langsam auflöst.

Was die Zuschauer hier gerade erleben konnten, ist eine Performance, die den Titel 1000 GESTALTEN trägt und sich als Protestaktion gegen den bevorstehenden G20-Gipfel in Hamburg richtet. Dass diese Aktion überhaupt möglich wurde, ist dem Engagement von über tausend Freiwilligen zu verdanken, die dafür nicht nur aus den unterschiedlichsten Gegenden angereist sind, sondern auch aus den verschiedensten Bereichen der Gesellschaft stammen.

Erdacht, geplant und organisiert wurde die Protestaktion von einem Kollektiv, das sich Anfang 2017 speziell zu diesem Zweck gebildet hatte und mittlerweile aus mehr als hundert Menschen besteht. Drei der Mitglieder sind Gudrun Schoppe, Johannes Naber und Oli Bigalke. Im November treffen wir sie in Berlin zum Interview, um über unsere Gesellschaft zu reden – wie sie ist und wie sie sein könnte.

Jonas:
Am 5. Juli 2017 fand eure „1000 GESTALTEN“-Performance in Hamburg statt, etwa ein halbes Jahr vorher habt ihr mit den Planungen begonnen. Welches Résumé könnt ihr nach diesem bewegenden Jahr 2017 ziehen?

Johannes:
Man muss unterscheiden zwischen dem persönlichen Résumé, das für jeden von uns wahrscheinlich etwas anders ausfällt, und dem Résumé, das wir als Kollektiv ziehen – und das in diesem Zusammenhang wesentlich interessanter ist. Zusammengefasst kann man sagen, dass wir alle immer noch sehr überrascht und erstaunt sind, weil wir im Prinzip alles erreicht haben, was wir uns als Gruppe vorgenommen hatten.

Jonas:
Was genau hattet ihr euch denn vorgenommen?

Gudrun:
Ende 2016, Anfang 2017 haben wir – damals noch in einer eher kleinen Gruppe – bei verschiedenen Anlässen immer wieder darüber diskutiert, was uns gerade politisch und gesellschaftlich umtreibt. Wir alle hatten das Bedürfnis, unsere persönlichen Kontexte in irgendeiner Form nach außen zu stellen, um darauf aufmerksam zu machen, wie wir leben wollen und wofür wir einstehen wollen. Wir haben uns immer intensiver mit diesem Gedanken beschäftigt und dann recherchiert, welche Formen des Protests es überhaupt gibt und was in dem Zusammenhang zum anstehenden G20-Gipfel in Hamburg geplant ist – so ein Gipfel ist ja eine Steilvorlage, wenn man sich als Gruppe positionieren und etwas beitragen will. Im Dezember 2016 gab es dazu im Hamburger Gängeviertel eine Aktionskonferenz, die sich „NoG20“ nannte und an der Johannes, ich und noch drei andere teilgenommen haben. Im Prinzip war das ein großes Protestnetzwerk mit unterschiedlichsten Arbeitsgruppen, aus denen wundervolle Aktionen entstanden sind.

Johannes:
Wir haben dort die verschiedensten Leute getroffen, die sich alle dafür interessiert haben, mit eigenen Aktionen eine gemeinsame Form des kreativen Protests auf die Beine zu stellen. Die einen haben beispielsweise ein Kartenspiel erfunden, die anderen ein Rollenspiel im öffentlichen Raum, wieder andere ein spezielles Radioprogramm für den G20-Gipfel. Es wurde dort einfach diverses Zeug vorgestellt und man hat mit anderen Leuten Aktionsmöglichkeiten besprochen.

Gudrun:
Und so haben wir uns einfach inspirieren lassen und uns mit anderen ganz frei über unsere Gedanken ausgetauscht. Dabei ist sehr schnell die Idee entstanden, eine Performance zu entwickeln und Kunst im großen Stil zu machen. Das heißt konkret, dass wir keine kleine und exklusive Aktion wollten, sondern dass wir vielmehr im Sinn hatten, sehr, sehr viele Menschen in diese Performance einzubinden – Menschen, die vorher vielleicht noch nie Teil einer Protestaktion waren und die sich vielleicht sonst auch nicht zu G20 geäußert hätten.

Jonas:
Weil sie nicht gewusst hätten, wie?

Gudrun:
Genau. Und sich damit in gewisser Weise ihrer Verantwortung entzogen hätten. Das war ein Teil unseres Anliegens.

Foto: Andrea Ruester

Oli:
Ein weiteres Résumé ist, dass wir gesehen haben, dass es möglich ist, aus der hohlen Hand heraus und mit nichts als einer Vision und Enthusiasmus viele andere Menschen dafür zu begeistern, sich zu engagieren und gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen. Und das ohne jegliche Kulturfördermittel oder irgendeine Hilfe von außen, sondern ausschließlich mit Spendengeldern.
Mir persönlich macht diese Aktion sehr viel Mut und gibt mir Zuversicht, denn sie zeigt: Wenn man eine Vision hat, sich wirklich dahinter klemmt und es schafft, andere für seine Sache zu gewinnen, gelingt es auch, daraus Realität werden zu lassen. Ich glaube, diese Erfahrung bleibt auch jenseits meines persönlichen Résumés für viele andere Menschen gültig.
Und wie Gudrun bereits gesagt hat: Das Schöne war, dass an unserer Aktion Leute teilgenommen haben, die nicht nur noch nie auf einer Demo oder einer anderen Protestveranstaltung waren, sondern die auch noch nie an einer Performance teilgenommen haben. Dass wir das möglich machen konnten, auch diese Erfahrung bleibt für uns alle.

Gudrun:
Dass Johannes, Oli oder ich an dieser Performance beteiligt waren, ist gar nicht so wichtig. Viel wichtiger ist, dass beispielsweise die Mutter aus Winterhude sich extra einen Tag freigenommen hat, um zusammen mit ihrer Tochter bei den „1000 GESTALTEN“ mitzumachen. Oder dieses 70-jährige Rentnerpaar, das zum ersten Mal mit solch einer Form des Protests in Kontakt gekommen ist und dadurch wirklich eine Lebenserfahrung gemacht hat.
Mit völlig fremden Menschen eine so große Performance zu realisieren, ist natürlich auch ein totales Wagnis. Man weiß vorher nie, ob das Kunstwerk am Ende so sein wird, wie man sich das vorgestellt hat. Aber darauf mussten wir uns einlassen, denn anders hätten wir unsere Aktion nicht möglich machen können.

Wir wollten ein Bild schaffen, das für die Medien im Zusammenhang mit dem G20-Gipfel so interessant ist, dass sie es im Rahmen ihrer Berichterstattung immer wieder zeigen und dadurch unsere Botschaft multiplizieren.

Johannes:
Eine unserer wichtigsten Vorgaben war, eine Form des Protests zu schaffen, bei der die Schwelle der Beteiligung sehr niedrig liegt. Dabei wollten wir aber nicht einfach nur viele Leute auf die Straße bekommen, wir wollten für unsere Aktion auch eine künstlerische Form finden. Eine, die wir zudem auch organisatorisch abbilden konnten. Wir wollten etwas auf die Beine stellen, das weitaus mehr sein sollte als eine Demo – etwas, das als mediales Kunstwerk funktioniert.
Das war für uns deshalb ein so zentrales Anliegen, weil wir mit den „1000 GESTALTEN“ die Massenmedien kapern wollten. Wir wollten ein Bild schaffen, das für die Medien im Zusammenhang mit dem G20-Gipfel so interessant ist, dass sie es im Rahmen ihrer Berichterstattung immer wieder zeigen und dadurch unsere Botschaft multiplizieren. Auf der Straße gesehen zu werden ist zwar wichtig, aber mindestens genauso wichtig ist es auch, außerhalb der Stadt, außerhalb des Landes wahrgenommen zu werden und eine maximale mediale Verbreitung zu erreichen. Und das ist uns gelungen. Die „1000 GESTALTEN“-Aktion wurde sehr, sehr weit verbreitet: Überall, wo es unser Ziel war publiziert zu werden, wurden wir auch publiziert. Wir alle waren wirklich baff und erstaunt, dass es tatsächlich gelingen kann, alleine über die Inszenierung eines großen Bildes die Medien für die eigene Botschaft zu instrumentalisieren.

Foto: Jann Wilken

Jonas:
Sind euch dabei nicht die schweren Ausschreitungen in der Hamburger Innenstadt in die Quere gekommen? Wahrscheinlich hättet ihr doch eine noch viel größere Bühne für euer Anliegen gehabt, wäre die allgemeine Berichterstattung nicht so stark von den Krawallen dominiert gewesen.

Gudrun:
Zeitlich waren wir ja vor den Ausschreitungen dran. In den Tagen vor dem offiziellen Gipfel waren bereits so viele Journalisten zur Vorberichterstattung in der Stadt, dass die Bühne für uns ideal war, wir konnten da eine Marke setzen. Wir haben uns also ganz bewusst kurz vor dem Gipfel positioniert – vielleicht auch kurz bevor wir geahnt, ja sogar damit gerechnet haben, dass die Ausschreitungen beginnen.

Johannes:
Wir waren nicht überrascht von den Ausschreitungen. Ganz ehrlich, es war doch klar, dass es krachen wird…

Oli:
…und es war klar, dass die Berichterstattung dementsprechend sein wird.

Durch unsere Aktion haben viele Menschen gesehen, dass es auch andere Formen der kritischen Auseinandersetzung mit diesem G20-Gipfel gibt als die Vollkonfrontation.

Johannes:
Und genauso war abzusehen, dass das Ganze medial dramatisiert und hochgejazzt werden würde. Und wie am Ende die Argumentationslage sein würde. Ehrlich gesagt ist es genauso gelaufen, wie ich mir es gedacht habe. Und jetzt, fünf Monate später, kommt raus, dass alles gar nicht so wild war und beide Seiten maßlos übertrieben haben – wie es immer so ist in solchen Auseinandersetzungen. Sowohl bei der Polizei als auch bei den linken Gruppen, die für die Demos verantwortlich sind, wird jetzt das große Betroffenheitskino gespielt, das medial natürlich sehr gerne aufgegriffen wird. Aber das hat auch etwas Gutes. Es führt zu einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung – über den G20-Gipfel, über Protest, über Verschiedenstes.
Ich freue mich einfach, dass wir es Anfang Juli geschafft haben, unseren kleinen Vorfilm unterzubringen, bevor das große Theaterstück aufgeführt wurde. Vielleicht ist es uns ja sogar gelungen, im Notenschlüssel einen kleinen Aspekt zu verändern oder die Tonart ein Stück weit zu beeinflussen – für die Symphonie, die danach kam. Durch unsere Aktion haben viele Menschen gesehen, dass es auch andere Formen der kritischen Auseinandersetzung mit diesem G20-Gipfel gibt als die Vollkonfrontation.

Foto: Jann Wilken

Oli:
Bis die Ausschreitungen Freitagnacht einen ersten Höhepunkt erreicht haben, haben wir den medialen Diskurs, was die Berichterstattung betrifft, ziemlich klar dominiert.

Johannes:
Ob wir den dominiert haben, weiß ich gar nicht so genau. Auf jeden Fall haben wir sehr deutlich stattgefunden. Andere Bilder haben aber auch deutlich stattgefunden.

Oli:
Ja, beispielsweise wie Trump mit seinem Hubschrauber landet. Aber das waren die erwartbaren Bilder. Und das ist ja das Schöne: dass wir dem etwas entgegensetzen konnten, das nicht diesem allseits bekannten Ritual gefolgt ist – hier die Hochsicherheitsveranstaltung, dort die Protestierenden, dann fliegen Flaschen hin und her und so weiter, und so weiter.
Ich kann vielleicht noch eine kleine Anekdote beitragen. Wir waren an jenem Wochenende ja auch im Gängeviertel unterwegs und haben dort mit vielen Leuten gesprochen. Unter anderem kamen zwei Autonome auf uns zu und sagten, dass sie unsere Aktion total doof fänden, denn sie sei für sie viel zu pädagogisch und harmlos. Als dann aber die Medien nur noch von bestimmten Bildern beherrscht wurden – etwa wie ein Typ mit einer Calvin Klein-Unterhose einen Molotowcocktail wirft –, haben wir erfahren, dass die Autonomen im Nachhinein den Sinn unserer Aktion verstanden haben und es richtig gut fanden, was wir da gemacht haben. Das war ein sehr schönes Feedback für mich.

Jonas:
Mittlerweile gehören über 100 Menschen zu eurer Gruppe, dabei spielt der Begriff Kollektiv eine besondere Rolle. Dieser Begriff ist allerdings nicht nur positiv konnotiert, denn Kollektiv kann auch bedeuten: Die Interessen und Bedürfnisse eines Individuums werden verdrängt, wenn es darum geht, ein gemeinschaftliches Ziel zu erreichen. Wie definiert ihr Kollektiv im Zusammenhang mit den „1000 GESTALTEN“?

Johannes:
Stimmt, das ist ein Begriff, der nicht vollkommen jungfräulich ist und eine gewisse Belastungshistorie hat, über die wir tatsächlich hinwegsehen. Wenn wir im Zusammenhang mit den „1000 GESTALTEN“ von Kollektiv sprechen, geht es uns grundsätzlich darum, dass das Wir über dem Ich steht. Die Gemeinschaft ist wichtiger als das Individuum, das ist die erste Prämisse. Allerdings soll sich das Individuum in der Gemeinschaft zurecht finden – und nicht darin untergehen.

Unsere Aktion konnte nur dadurch funktionieren, dass sich jeder in seinen ganz individuellen Eigenschaften und Fähigkeiten gesehen fühlt, aber trotzdem aufgehen kann in einem gemeinsamen Ziel und in einer gemeinsamen Überzeugung.

Gudrun:
Ich glaube, diese negative Konnotation, die du angesprochen hast, ist hauptsächlich im ersten Teil unserer Performance wahrzunehmen, wenn sich die grauen Gestalten langsam und begleitet von einem ständigen Klicken über die Straße bewegen. Ich denke, das Bild, das wir hier gezeichnet haben, spricht für sich: Wir zeigen eine Art von Gemeinschaft, in der alle gleichgeschaltet sind und das Individuum nicht mehr gesehen wird. Dann aber findet eine Verwandlung statt und wir präsentieren das Idealbild einer Gemeinschaft, in die alle kollektiv eingebunden sind, in der aber auch jeder Einzelne in all seiner Individualität zum Vorschein kommt.
Das ist die Art von Kollektiv, wie wir sie uns wünschen, und wie wir den Begriff verstehen. Wäre unsere Aktion nur darauf ausgelegt gewesen, alle Teilnehmer gleich zu machen, hätten sich da weitaus weniger Menschen zugehörig gefühlt – und es hätten weitaus weniger mitgemacht. Die Aktion konnte nur dadurch funktionieren, dass sich jeder in seinen ganz individuellen Eigenschaften und Fähigkeiten gesehen fühlt, aber trotzdem aufgehen kann in einem gemeinsamen Ziel und in einer gemeinsamen Überzeugung.

Foto: Andrea Ruester

Oli:
Kollektiv heißt für uns nicht, dass alle gleichgeschaltet sind, etwa wie im chinesischen Sinne, wo das große Staatswesen als eine Art Ameisenstaat gesehen wird und die Rechte des Einzelnen keine Rolle spielen. Obwohl am Anfang unserer Performance alle grau maskiert und mit Lehm beschmiert waren, konnte man dennoch eine starke Individualität in den Gesichtern der Menschen erkennen. Das war wunderschön. Man konnte sehen, wie jedes dieser unheimlich ausdrucksstarken Gesichter seine eigene Qualität hatte.
Die Kraft und Magie des Kollektivgedankens ist es ja, dass jeder über sich hinauswächst, sei es während der Vorbereitungszeit in der kleinen Gruppe oder während der Performance selbst in der Masse aus hunderten Menschen. Diese graue Masse war in ihrer Wirkmächtigkeit viel mehr als die Summe der einzelnen Teilnehmer.
Natürlich ist Kollektivarbeit auch wahnsinnig anstrengend, weil man sich im Plenum trifft und sich permanent mit verschiedensten Charakteren auseinandersetzen muss. Aber wenn man ein gemeinsames Ziel und eine Vision hat, dann treten das Persönliche und die vielen Animositäten zurück: Man ist einzig und allein diesem Ziel verpflichtet.

Foto: Paul Gregor

Johannes:
Die Sache mit der grauen Kostümierung war gar nicht so trivial. Wir hatten uns dazu vorab folgende Fragen gestellt: Wie einfach muss eine Botschaft sein, damit sie unkommentiert auf der ganzen Welt verstanden wird? Und wie stark darf man vereinfachen, bevor es plump wirkt und dadurch für das Anliegen eher schadhaft wird? Diese Grenze zu treffen war eine unserer wichtigsten inhaltlichen Übungen.
In der Umsetzung bedeute das, dass man in dieser Masse von grauen Gesichtern ein Bild von Gesellschaft erkennen musste. Wir wollten, dass die Zuschauer in diesen Gestalten entweder sich selbst wiedererkennen oder vielleicht die Politiker, die Wirtschaft oder wen auch immer. Die Performance sollte den Leuten zeigen, dass sie in unserer heutigen Gesellschaft nicht miteinander interagieren, sondern dass diese Gesellschaft ziemlich rücksichtslos ist, sich jeder nur noch um sich selbst kümmert und Menschen dabei auf der Strecke bleiben. Aber genauso sollte sie auch deutlich machen, dass es plötzlich die Erweckung eines Sinnes geben kann und man sich gegenseitig erkennen, aufeinander achten und anderen helfen kann. Aus dieser neuen Situation heraus kann eine Befreiung stattfinden – hin zu einem bunteren, freieren, natürlicheren Bewegungsablauf und Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb unserer Gesellschaft. Das ist die Botschaft.

Gudrun:
Johannes, dieser letzte Satz ist eigentlich der wichtigste: Diese von uns gezeigte Form der Individualisierung führt nicht zum Zerfall oder zu Zersplitterung, sondern zu einer positiveren Form der Vergemeinschaftung und zu einer viel natürlicheren und menschlicheren Gesellschaft.

Jonas:
Von der ersten Idee bis zur tatsächlichen Aktion ist es ein langer Weg. Welches waren die größten Hürden, über die ihr springen musstet?

Oli:
Die Probleme fangen schon bei den Behörden und mit den Genehmigungen für den Platz an. Gerade während eines G20-Gipfels ist das ja eine heikle Situation, auch mit der Polizei. In dieser Sicherheitslage hätten wir nicht einfach versuchen können, einen Flashmob zu starten. Das hätte wahrscheinlich nicht funktioniert.

Wir haben uns gefragt: Wie soll überhaupt diese zukünftige Gesellschaft aussehen, die wir nach der Transformation der Gestalten präsentieren wollen? Was erzählen wir da tatsächlich über irgendeine gesellschaftliche Utopie?

Johannes:
Das ist auch ganz am Anfang eine der wichtigsten Fragen, die man sich stellen muss: Wollen wir überhaupt eine genehmigte Aktion oder machen wir etwas total Unangemeldetes? Oder melden wir eine Demo an, bei der aber die Demonstrierenden verkleidete Gestalten sind? Das war eine große und lange Diskussion, die wir führen mussten, denn hinter diesen drei Varianten stehen auch drei komplett unterschiedliche Möglichkeiten, wie man mit Haftung, Finanzierung und so weiter umgeht.
Die nächsten Fragen waren: Wie einfach oder komplex soll unsere Botschaft sein? Will man überhaupt eine konkrete Botschaft transportieren? Soll diese Botschaft eine politische sein? Will man mit einer bestimmten These auftreten, beispielsweise zu Rassismus oder Klimawandel? Und davon abgesehen: Wie soll überhaupt diese zukünftige Gesellschaft aussehen, die wir nach der Transformation der Gestalten präsentieren wollen? Was erzählen wir da tatsächlich über irgendeine gesellschaftliche Utopie?
Natürlich ging es in unseren Diskussionen auch ums Geld: Wie kann man so etwas überhaupt finanzieren? Versucht man lieber, irgendwelche Fördermittel abzugreifen, oder startet man eine Crowdfunding-Kampagne? Das waren total offene Fragen, die am Anfang alle noch nicht geklärt waren, aber die wir uns zwingend stellen mussten und die wir auch gemeinsam beantworten wollten.

Foto: Jörg Modrow

Jonas:
Utopie ist ein gutes Stichwort. Ihr schreibt auf eurer Website: „Die 1000 GESTALTEN sollen eine Gesellschaft verkörpern, der das Gefühl dafür abhanden gekommen ist, dass auch eine andere Welt möglich ist.“ Was ist das genau für eine andere Welt und warum ist unserer Gesellschaft das Gefühl dafür abhanden gekommen?

Oli:
Wir haben eine Welt dargestellt, in der jeder stur vor sich herschreitet und versucht, in diesem System zu funktionieren. Ein paar schaffen es nicht und bleiben achtlos am Wegrand liegen. Unsere Utopie – im Kontrast dazu – ist eine humanistischere und solidarischere Gesellschaft, die keine materiellen Werte mehr in den Vordergrund stellt, sondern menschliche.

Johannes:
Eine Welt, in der jeder auf den anderen achtet, in der sich Menschen gegenseitig wertschätzen und in der man Rücksicht nimmt – eine Welt, in der jeder das Wir über das Ich stellt.

Oli:
Und eine Welt, in der auch Schwächere mitgenommen werden und in der sich niemand darüber freut, wenn ihm nur deshalb neue Karrierechancen eröffnet werden, weil jemand anderes liegen bleibt.

Jonas:
Und warum ist unserer Gesellschaft das Gefühl für eine solche Welt abhanden gekommen?

Gudrun:
Das liegt am Glauben an das System des Kapitalismus – das einzige Glaubenssystem, nach dem wir uns noch richten. Wir alle leiden meiner Meinung nach darunter, dass wir keine Religion mehr haben und es nichts gibt, das uns gesellschaftlich zu einem höheren Ziel führen könnte. Höhere Ziele haben wir nur noch im Persönlichen, und zwar in Form von Selbstverwirklichung und Individualismus. Wir streben danach, unser persönliches Glück im Konsum zu finden und uns mit Geld unsere gesellschaftliche Position zu sichern. Dieses Glaubenssystem ist für meine Begriffe sehr zerstörerisch.

Wir alle leiden darunter, dass wir keine Religion mehr haben und es nichts gibt, das uns gesellschaftlich zu einem höheren Ziel führen könnte. Wir streben nur danach, unser persönliches Glück im Konsum zu finden und uns mit Geld unsere gesellschaftliche Position zu sichern.

Oli:
Wir glauben nur an das, was wir in Konkurrenz zu anderen erreichen können, und nicht an das, was man gemeinsam erreichen kann. Es gibt nur noch ein psychologisches Ritual, das uns allen geblieben ist: der Fußball, die Bundesliga. In die Kirche gehen die Leute ja schon lange nicht mehr.

Foto: Christian Angl

Jonas:
Und spätestens seit es „Wetten dass..?“ nicht mehr gibt, gibt es auch kein gemeinsames TV-Ritual mehr.

Oli:
Genau. Es gibt auch in Bezug auf das Fernsehen kein gemeinschaftliches Erleben mehr, zumindest nicht in dem Sinne, wie es das früher noch gab. Durch die Fragmentierung der Fernsehprogramme schaut heute keiner mehr fern, die Leute klicken sich eher durch Netflix oder YouTube.

Gudrun:
Das gemeinschaftliche Erleben findet in unserer Gesellschaft nur noch über den Konsum statt. Zum Beispiel wenn wir alle ein bestimmtes Telefon besitzen, durch das wir uns zu einer gewissen Schicht zugehörig fühlen, ja sogar definieren. Das ist etwas, was die Menschen extrem aushöhlt und ausbrennen lässt. Und das kritisieren wir.

Jonas:
Alleine in der Geschichte der Bundesrepublik gab es immer wieder Momente und Phasen, in denen die Leute zu Hunderttausenden auf die Straße gingen, um ihren Protest auszudrücken – beispielsweise gegen den Krieg in Vietnam, den NATO-Doppelbeschluss oder die Kernenergie. Seit dem Mauerfall Ende der 1980er Jahre hat es solche großen, lang anhaltenden Protestbewegungen in Deutschland kaum noch gegeben, selbst beispielsweise bei dem Widerstand gegen die Agenda 2010 nicht. Hat unsere Gesellschaft das Protestieren verlernt?

Johannes:
Ich glaube, dass die Leute an einem Punkt sind, an dem sie erschrocken und erstaunt feststellen, dass die Wahrheit als absolutes Maß immer mehr an Relevanz verliert. Wir leben im postfaktischen Zeitalter. Und das
Postfaktische in unserer Zeit fragt eben immer mehr nach dem Wie als nach dem Was. Es gibt nicht mehr die eine Wahrheit, sondern viele Wahrheiten. Und da Wahrheit nichts anderes als die Deutung der Realität meint, heißt das letztendlich, dass um Deutungshoheiten gerungen wird.
Nun war der politische Diskurs der letzten 150 Jahre zwar immer geprägt von dem Ringen um Deutungshoheit – was uns ohne Zweifel auch weitergebracht hat –, aber es ging immer auch darum, dass sich der Stärkere durchsetzt. Und das wiederum gibt es immer nur in Begleitung großer Kollateralschäden und führt im schlimmsten Fall zu noch verhärteteren Fronten.
Ich stelle allerdings fest, dass es in unserer Gesellschaft eine Sehnsucht gibt, diese Politik in Form des Ringens um Deutungshoheit zu überwinden. Es geht vielmehr darum zu fragen, wie wir gemeinsam Prozesse organisieren können, um zu einem optimalen Ergebnis zu kommen. Wenn uns das gelingen würde, wäre das etwas wirklich Neues.
Aus diesem Grund war es für mich auch so wichtig, unsere Performance nicht als eine konkrete Aktion für den Tierschutz oder gegen die Kernenergie zu konzipieren, sondern damit auf der Metaebene die Frage nach dem Wie des gesellschaftlichen Miteinanders zu stellen, das für uns alle die Grundlage ist, um überhaupt zu den richtigen Entscheidungen zu kommen.

Oli:
Seit dem Zusammenbruch des Sozialismus wird einem ja auch vorgegaukelt, dass es keine Alternative zu diesem kapitalistischen, globalisierten System gibt, in dem wir leben. Demgegenüber fühlt man sich als kleiner Mensch einfach hilflos.

Foto: Andrea Ruester

Jonas:
Ich bin auf eurer Website auf folgenden Satz gestoßen. „Die Keimzelle für die Zukunft ist der Raum zwischen dir und mir.“ Ist es wichtiger, an die Zwischenmenschlichkeit zu appellieren statt an die staatsbürgerliche Verantwortung, wenn man die Gesellschaft verändern will?

Johannes:
Wir haben in der Anfangszeit seitenweise theoretische Texte geschrieben und dieser starke Satz war eine der Konklusionen. Er ist Ausdruck des Gedankens, dass die Veränderung einer Gesellschaft nicht damit beginnt, dass man eine Utopie im Top-down-Verfahren einfordert. Das heißt, dass es keinen Wandel geben kann, wenn man als Individuum verlangt, dass sich erst ganz oben, an der Spitze einer Gesellschaft, etwas ändern muss, bevor man selbst bereit ist, etwas zu tun.
Ganz im Gegenteil: Veränderung ist nur möglich, wenn die Politik von unten nach oben stattfindet. Nur wer selbst und in seinem Lebensumfeld Vorbild ist und dort andere für sich gewinnen kann, kann aus der Bewegung, die daraus entsteht, eine Veränderung generieren. Das ist eine neue Denkweise, über Politik zu reden: Wir fangen bei uns an!

Veränderung ist nur möglich, wenn die Politik von unten nach oben stattfindet. Das ist eine neue Denkweise, über Politik zu reden: Wir fangen bei uns an!

Gudrun:
Ausgehend von diesem Anspruch haben wir uns Anfang des Jahres gefragt: Was ist dafür die kleinste Einheit, die kleinste politische Handlung? Womit kann man selbst den Anfang machen, der sich dann im Idealfall fortsetzt und zu einer großen Bewegung wird?

Johannes:
Das Interessante ist ja, dass dabei so etwas wie Geld eigentlich gar keine große Rolle spielt. Wir selbst haben uns bei den „1000 GESTALTEN“ immer als Investoren ohne Geld verstanden, das war eines unserer Schlagworte. Man kann tatsächlich etwas tun in der Welt, auch ohne finanzielle Mittel. Man kann zum Beispiel auf einen anderen Menschen zugehen und sagen: „Ich möchte dir helfen. Ich möchte meine Kraft und meine Ressourcen, die ich selbst gerade nicht nutze, in dein Problem investieren. Und zwar nicht, indem ich dir Geld gebe, sondern indem ich dir meine Empathie, die Kraft meiner Hände und meines Kopf gebe.“

Foto: Julia Zenk

Jonas:
Das klingt ein bisschen wie die Weiterentwicklung des Kennedy-Satzes „Ask not what your country can do for you – ask what you can do for your country!“, nur dass es in eurem Zusammenhang nicht um ein Land geht, sondern um die Gesellschaft an sich.

Oli:
Das war ein zentrales Motiv für uns. Wir wollten uns nicht einfach hinstellen und sagen: „Wir sind ein Kollektiv aus lauter kreativen, tollen und intelligenten Leuten! Wir wissen, wie’s läuft und haben alle Antworten.“ Wir wollten vielmehr ganz simple Fragen stellen und haben dabei gemerkt, dass das, was alle mitnimmt und alle vertreten können, das Zwischenmenschliche ist.

Jonas:
Noch vor zehn, fünfzehn Jahren hatte man das Gefühl, dass Menschen, die Kritik am Kapitalismus äußern, eher als Spinner wahrgenommen und in eine bestimmte politische Ecke gedrängt werden. Mittlerweile haben wir aber eine Situation, in der an vielen gesellschaftlichen Stellen ernsthaft und offen über Themen wie etwa das bedingungslose Grundeinkommen diskutiert wird – der dm-Gründer Götz Werner, ein Vertreter der Wirtschaft, hat sogar ein Buch darüber geschrieben und spricht sich klar für ein solches Grundeinkommen aus. Ist das ein Vorbote für die Auseinandersetzung mit der Frage, was nach dem Kapitalismus kommt? Wie sieht eurer Meinung nach eine postkapitalistische Gesellschaft aus? Was müsste sich konkret verändern?

Oli:
Was mich am meisten stört, ist die Tatsache, dass das aktuelle System weder ethisch noch ökologisch zu verantworten ist, weil es die Lebensgrundlagen ruiniert und weil es immer nur denjenigen belohnt, der den meisten Profit macht – indem er am rücksichtslosesten seine Mitarbeiter und die Umwelt ausbeutet.
Ganz abgesehen davon zeigt sich doch auch spätestens nach dem Crash der Finanzmärkte im Jahr 2009, dass dieses System nach seinen eigenen Regeln nicht mehr funktioniert. Die meisten tun zwar noch so, als ob alles glatt laufen würde, aber eigentlich ist das System nach seinen Gesetzmäßigkeiten am Ende.

Man muss wieder zu einem Punkt kommen, an dem Besitz gleichbedeutend ist mit Verantwortung.

Johannes:
Es geht darum, dass man wieder zu einem Punkt kommt, an dem Besitz gleichbedeutend ist mit Verantwortung – sobald man im Besitz von Produktionsmitteln, von Rechten oder von Geld ist, hat man eine Verantwortung zu tragen. Durch die Akkumulation von immer mehr Besitz und dem gleichzeitigen Negieren der Verantwortung, die sich aus diesem Besitz entwickelt, entstehen die Probleme unserer Gesellschaft. Daher muss die Verbindung zwischen Besitz und Verantwortung wiederhergestellt werden. Aber wie genau, das weiß ich nicht.

Oli:
Aber ich weiß es – durch eine Änderung der Werte. Bisher ist es so: Wer den Porsche besitzt, dem eifern alle nach. Aber es gab ja auch mal eine Gesellschaft, in der sich die besitzenden Schichten den moralischen Eigenschaften ihres Besitzes bewusst waren und dadurch einen gewissen Ethos entwickelt hatten. Wir brauchen also eine grundsätzliche Diskussion über Werte. So wie bisher können wir jedenfalls nicht weitermachen.

Foto: Julia Zenk

Jonas:
In eurer Performance wird die Transformation von der einen Gesellschaftsform zu der anderen auch von gewissen Schmerzen begleitet. Nun fällt Veränderung natürlich immer schwer, tut manchmal sogar weh und ist mit einer gewissen Angst verbunden. Diese Erfahrung ist zutiefst menschlich. Wie kann es denn gelingen, den Menschen die Angst vor so einer großen Veränderung zu nehmen, wie sie die Transformation einer ganzen Gesellschaft mit sich bringen würde?

Johannes:
Das hat etwas mit Vertrauen zu tun. In einer Gesellschaft geht es doch grundsätzlich darum, wie haltbar das Solidarprinzip ist und ob man darauf vertrauen kann. Das meine ich sowohl im organisatorischen Sinne – also was so etwas wie Kranken- oder Rentenversicherung angeht –, aber auch im ganz konkreten, etwa wenn ich alleine auf der Straße stehe und ein Problem habe. Kann ich darauf vertrauen, dass jemand kommen wird, um mir zu helfen? Das ist eine Grundvereinbarung, die jede Gesellschaft für sich treffen muss und die Auswirkungen auf jeden Einzelnen hat, der sich wiederum fragen muss: Bin ich in der Lage, dieses Vertrauen auch selbst zu generieren, wenn ich mich in dieser Welt bewege? Oder muss ich voller Misstrauen sein, mich schützen und mich gegen alles absichern? Das ist die Transformation, von der wir sprechen.

Wir alle sehnen uns doch danach, uns in einer Gemeinschaft aufgehoben zu fühlen. Wir sehnen uns nach Zwischenmenschlichkeit und Zuneigung. Aber das, was wir gesellschaftlich gerade tun, unterdrückt diese Grundbedürfnisse.

Gudrun:
Ich würde es sogar umdrehen. Ich finde, wir haben zum Ausdruck gebracht, dass der aktuelle gesellschaftliche Zustand, in dem sich die Menschen befinden, viel mehr weh tut als die Transformation selbst. Das arbeiten die Gestalten durch die Art ihrer Bewegung ja auch sehr gut heraus: diese Enge, dieses Beschwerte, dieses Erschöpfte, mit dem sie sich durch die Straßen schleppen.
Müsste man vor diesem Zustand, an den sich so viele Menschen in ihrem Leben gewöhnt haben, nicht viel mehr Angst haben als davor, sich von dieser Last zu befreien? Wir alle sehnen uns doch danach, uns in einer Gemeinschaft aufgehoben zu fühlen. Wir sehnen uns nach Zwischenmenschlichkeit und Zuneigung. Aber das, was wir gesellschaftlich gerade tun, unterdrückt diese Grundbedürfnisse. Und das macht uns krank und fertig.

Foto: Julia Zenk

Oli:
Und so leidet jeder Einzelne langsam und in seinem stillen Kämmerlein vor sich hin. Vielleicht fällt es ja durch die Erfahrung in der Gruppe leichter, etwas zu verändern – wenn man sieht, dass man nicht alleine ist und nicht alleine vor sich hin leidet. Beispielsweise an dem materiellen Druck, die Miete zahlen zu müssen.

Jonas:
Dieses Leidende, Ausdruckslose konnte man während der Performance sehr deutlich aus den Gesichtern aller Gestalten lesen, dabei habt ihr fast ausschließlich mit Laiendarstellern gearbeitet. Oli, du selbst bist professioneller Schauspieler und hast wahrscheinlich kein Problem damit, auf Knopfdruck ein leidendes und ausdrucksloses Gesicht aufzusetzen. Aber wie bringt man das Leuten bei, die das nicht beruflich tun und vielleicht noch nie irgendeine schauspielerische Erfahrung gemacht haben – vor allem, wenn sie diesen Gesichtsausdruck drei Stunden halten sollen?

Oli:
Das war keine große Kunst, man braucht dafür nur ein paar allersimpelste Schauspielübungen. Im Prinzip geht es darum, eine gewisse Wahrnehmung über sich und die anderen im Raum zu erlangen und seinen Blick zu öffnen. Das heißt, dass man nichts fokussieren darf, sondern um sich herum eine Art Gesichtsfeld aufbauen muss, in dem alles gleichbedeutend stattfindet – die meisten Tiere tun das übrigens genauso. Wenn man sich auf die Ränder seines Blickfelds konzentriert, wird der Blick automatisch leer.
Alles andere hat sich von alleine ergeben, auch durch diese unglaubliche Gruppendynamik, die plötzlich innerhalb der Leute entstanden ist. Durch die Art, wie die Gestalten ausgesehen und aufeinander reagiert haben, wurde eine so starke Wechselwirkung ausgelöst, dass es nicht mehr viel zu inszenieren gab.

Foto: Christian Angl

Foto: Christian Angl

Johannes:
Meiner Meinung nach gab es drei entscheidende Faktoren, die die Performance bestimmt haben: erstens dieser leere Blick, zweitens der schleppende, müde Gang und drittens – und ich glaube, das ist entscheidender als alles andere – das Klicken. Jede Gestalt hatte einen Deckel von einem Handaschenbecher in der Hand, mit dem man ein sehr charakteristisches Klickgeräusch erzeugen konnte. Im Prinzip ging es darum, über dieses Klicken zu versuchen, gemeinsam in eine gewisse Schwingung zu kommen und miteinander zu kommunizieren.
Da wirklich in einen Rhythmus zu kommen, ist schon mit zehn Leuten eine echt schwierige Übung. Mit zwanzig Leuten wird es richtig knifflig und mit fünfzig ist es eigentlich unmöglich. Das heißt, wenn 500 oder sogar 700 Leute versuchen, einen gemeinsamen Rhythmus zu finden, ist das eine Übung, die nicht klappen kann. Aber es ist wie eine Meditation: Alleine durch den ständigen Versuch, in eine gemeinsame Schwingung zu kommen, entsteht am Ende das Gefühl von Gleichzeitigkeit. Ich glaube, das ist das, was die Leute über Stunden durch die Performance getragen und sie in eine fast meditative Stimmung gebracht hat, die ganz stark zu spüren war und auch in den Videos immer noch gut rüberkommt.

Bei einigen Leuten war der Veränderungsprozess so stark, dass sie nach drei Stunden gar nicht mehr anders konnten – sie waren vollkommen zu einer grauen Gestalt geworden.

Gudrun:
Ich würde viertens noch die Kostümierung dazu zählen – die persönliche Transformation der Leute¬, durch die jede Gestalt so eindrücklich in dieser ausdruckslosen Verfassung gefangen war. Alleine das Erlebnis, dass sie im wahrsten Sinne des Wortes ihre Farbe verloren haben, war für viele Teilnehmer ein krasses Szenario. Einige Leute haben mir davon erzählt, wie sie bereits eine gewisse Transformation der eigenen Person gespürt haben, während sie eingekleidet und verlehmt wurden. Und wie ihnen dabei Stück für Stück ihre Individualität genommen wurde. Bei einigen Leuten war der Veränderungsprozess so stark, dass sie nach drei Stunden gar nicht mehr anders konnten – sie waren vollkommen zu einer grauen Gestalt geworden.

Foto: Andrea Ruester

Oli:
Diese Verwandlung war echt magisch. Es gab da eine Halle, in die die Leute vorne in zivil hineingegangen sind und hinten als graue Gestalt wieder herauskamen – eine nach der anderen. Das war wie in einer Fertigungsanlage am Fließband: Erst wurde das Gesicht bemalt, dann die Klamotten angelegt und ganz am Schluss kam noch der Lehm drauf.
Als sich nach und nach der Hof hinter der Halle mit Gestalten gefüllt hat und aus den vielen bunten Individuen eine graue Masse geworden war, hat sich auch die ganze Konzentration und Stimmung der Leute geändert und nochmal geöffnet. Es war unglaublich, welche Präsenz und Kraft diese graue Masse hatte – ein unvergessliches Bild! Ich hatte da mehrere ekstatische Momente und war total high, ganz ohne Drogen.

Jonas:
Die Performance liegt nun etwa ein halbes Jahr zurück. Wie geht es mit den „1000 GESTALTEN“ weiter? Wie und wofür werdet ihr euer großes Netzwerk nutzen, das ihr euch mit dieser Aktion aufgebaut habt?

Oli:
Es gab im Anschluss an die Performance sehr viele Kooperationsanfragen. Es gab sogar einige Leute, die uns mit dieser Aktion für ihre Zwecke buchen wollten. Das haben wir aber abgelehnt. Wir sind keine Zirkustruppe, die mit ihrer Nummer um die Welt zieht.

Johannes:
Es stand für uns von Anfang an fest, dass wir die Sache nicht reproduzieren wollen, schon gar nicht zu allen möglichen Events.

Foto: Franziska Brodhun

Bei einigen Leuten war der Veränderungsprozess so stark, dass sie nach drei Stunden gar nicht mehr anders konnten – sie waren vollkommen zu einer grauen Gestalt geworden.

Gudrun:
Das Netzwerk dahinter ist für uns das einzig Wichtige. Durch dieses Netzwerk sind so viele neue Verbindungen entstanden, die jetzt auf den verschiedensten Wegen gepflegt werden. Ich habe großes Vertrauen, dass es daraus irgendwann wieder einen Impuls geben und sich ein weiteres gemeinsames Ziel formulieren lässt, das wiederum eine neue Aktion oder eine Idee hervorbringen wird. Ich bin überhaupt kein Freund davon, das Kollektiv jetzt zu institutionalisieren und sich jeden Monat zwanghaft mit der Vorgabe zu treffen, doch irgendwie weitermachen zu müssen. Dem Ganzen würde es einfach nicht gut tun, es in eine feste Struktur zu gießen. Das würde viel mehr abtöten als erschaffen. Fest steht: Wir haben vor einem Jahr aus einem Schwarm in kürzester Zeit ein sehr gut funktionierendes Kollektiv gebündelt. Ich glaube, das kann man jederzeit wiederherstellen.

Oli:
Und wir wissen jetzt, dass mit diesem Kollektiv alles möglich ist und wir alles machen können!

Johannes:
Aber eines ist klar: Wenn wir wieder etwas machen, dann muss es etwas Neues sein. Etwas wirklich Neues.