Betterov

Interview — Betterov

»Ich gebe mir große Mühe, unkonventionelle Musik zu machen«

Mit seinem Debütalbum »Olympia« hat Betterov vor Kurzem eine Platte vorgestellt, die einem gleich aus mehreren Gründen ans Herz wachsen kann. Einer davon ist die Intimität, Dringlichkeit und Eloquenz der Texte, in denen der Singer-Songwriter etwa das Wort Olympia als Metapher für den absoluten Tiefpunkt wählt. Wenige Tage nach Veröffentlichung des Albums haben wir Betterov zum Interview getroffen. Ein Gespräch über Heimat, Ausgrenzung, Bruce Springsteen und 47 Sekunden, die das Leben verändern können. Oder eben nicht.

25. November 2022 — Interview & Text: Jonas Meyer, Fotografie: Maximilian König

Es gibt wirklich vieles, was einen Menschen im Laufe seines Lebens prägt: die Leute, unter denen er aufwächst; die Orte, an denen er lebt; die Sehnsüchte, die ihn befallen; und manchmal auch ganz banale Widrigkeiten – wie etwa ein kaputtes Autoradio.

So jedenfalls war es im jungen Leben des Manuel Bittorf, den man im musikalischen Kosmos eher unter dem Namen Betterov kennt. Manuels Vater, der schon immer ein großer Bruce-Springsteen-Fan war, hörte in seinem Auto auf Kassette am liebsten dessen „Greatest Hits“-Album von 1995. Doch irgendwann streikte der Auswurf des Radios und die Kassette steckte fest. Von da an gab es in Papas Wagen nur noch zwei akustische Optionen: entweder keine Musik oder „The Boss“ in Endlosschleife.

Ob Manuel ohne die größten Hits von Bruce Springsteen trotzdem Musiker geworden wäre, darüber lässt sich spekulieren. Immerhin hat er ihn maßgeblich inspiriert – allerdings nicht zu seinem Künstlernamen Betterov. Der geht zurück auf eine Nebenfigur in der „Olsenbande“, einer 14-teiligen Filmreihe dänischer Gaunerkomödien, die vor allem im Osten Deutschlands sehr beliebt war.

Aufgewachsen ist der heute 27-Jährige in einem beschaulichen Dorf in Thüringen – mit einer Population, die eher drei- als vierstellig ist. In einem Interview mit den Kolleg:innen von Diffus erzählte er vor nicht allzu langer Zeit, er habe als Kind und Jugendlicher immer das Gefühl gehabt, ein bisschen anders zu sein. Nachvollziehbar also, dass es ihn mit 17 immer öfter zum Landestheater in Eisenach zog, auch wenn die Fahrt dorthin mit dem ÖPNV immer eine halbe Weltreise war. An der Eisenacher Bühne, wo er bald mitarbeiten und sogar ein wenig Musik beitragen durfte, entdeckte er nicht nur eine völlig neue Welt, sondern auch einen gänzlich anderen Menschenschlag als den, den er bis dahin kannte.

Ende 2015, wenige Monate vor seinem 21. Geburtstag, verschlug es Manuel nach Berlin, wo er sich für ein Schauspielstudium an der Universität der Künste bewarb und angenommen wurde. In derselben Zeit fing er auch an, aktiv Musik zu machen und eigene Songs zu schreiben.

Bis zu seinem allerersten Album sollte es aber noch eine ganze Weile dauern, genauer gesagt bis zum 14. Oktober 2022. Da erschien mit „Olympia“ eine Platte, die einem gleich aus mehreren Gründen ans Herz wachsen kann. Da wäre etwa der stark von der Gitarre geprägte und sich oft hymnisch emporschwingende Sound, der eine Präsenz hat wie eine zweite Gesangsstimme. Oder die ungefilterte Nahbarkeit und Authentizität des Arrangements, das einen ziemlich schnell wissen lässt, was es von digital-modernistischem Schnickschnack hält. Oder überhaupt die Intimität, Dringlichkeit und Eloquenz der Texte, bei denen man nicht weiß, ob sie mehr über Betterov verraten oder über einen selbst.

Wenige Tage nach der Veröffentlichung seines neuen Albums haben wir Betterov zu einem ausführlichen Interview getroffen.

»Das, was in dem Hut landete, haben meine Band und ich gleich wieder in der Kneipe gelassen.«

MYP Magazine:
Du hast vor gut sieben Jahren angefangen, Musik zu machen. Gibt es einen bestimmten Grund, warum Du dir mit der Veröffentlichung Deines Debütalbums so viel Zeit gelassen hast?

Betterov:
So wahnsinnig viel Zeit habe ich mir nicht gelassen – der Weg dahin war einfach recht lang. „Vor sieben Jahren angefangen“ bedeutet in meinem Fall, dass ich mich damals zu Hause ans Klavier gesetzt und mir erst mal einige grundsätzliche Fragen gestellt habe: Was interessiert mich? Was finde ich schön? Was könnte überhaupt Musik sein, die ich machen will?
Bis zu meinem ersten richtigen Auftritt hat es ganze zwei Jahre gedauert. Das Konzert fand damals im Hangar 49 in Berlin statt, einem Club an der Spree. Ich weiß gar nicht, ob es den heute noch gibt. Danach habe ich immer in Kneipen gespielt, jedes Mal vor gefühlt fünf Leuten. Im Anschluss ging dann ein Hut rum – und das, was in dem Hut landete, haben meine Band und ich gleich wieder in der Kneipe gelassen. So ging das eine ganze Weile.
Erst als ich 2019 durch eine Förderung der Popakademie meine erste EP landen konnte, kam ich so langsam in die Situation, dass ich hauptberuflich Musik machen und davon leben konnte. Und von dem Zeitpunkt an gerechnet sind drei Jahre bis zum ersten Album gar nicht so viel.

»Olympia war für mich das ultimative Bild für eine Phase des persönlichen Tiefpunkts.«

MYP Magazine:
Warum hast Du dich für den Song „Olympia“ als Namensgeber für Dein Debütalbum entschieden?

Betterov:
Das Album dreht sich vor allem darum, wie man sich selbst und seine Umwelt wahrnimmt – aber es geht auch ganz allgemein um sehr schwere Zeiten, die man durchlebt. Der Song „Olympia“ beschreibt den Tiefpunkt einer solchen schlechten Phase, in der man nur noch zu Hause liegt, nichts mehr machen kann und in so einer Youtube-Bubble festhängt, in der man sich im Autoplay-Modus unzählige Videos reinzieht und dabei wahnsinnig gelähmt fühlt. Irgendwann landet man bei Sport-Videos, in denen man dabei zusehen kann, wie jemand in 47 Sekunden 100 Meter schwimmt, Sportgeschichte schreibt und damit sein ganzes Leben verändert – während man selbst seit vier Stunden nichts anderes macht, als regungslos auf den Bildschirm zu starren und nichts mehr auf die Reihe bekommt.

MYP Magazine:
Was für eine Diskrepanz!

Betterov:
Exakt. Diese Diskrepanz ist für mich das ultimative Bild für eine Phase des persönlichen Tiefpunkts und ein Ausdruck dessen, wie sich die ganze Welt in dieser Zeit für mich anfühlte. Das Thema Sport in Gestalt der olympischen Spiele erschien mir als die perfekte Übersetzung dafür. Olympia kann einen riesigen Triumpf bedeuten. Es kann einen Menschen mit Glück überschütten. Olympia kann aber auch wahnsinnig wehtun und einen niederreißen – je nach persönlicher Perspektive. In diesem Thema steckt für mich also eine ganze Menge drin. Und es ist eine passende Allegorie auf das, was ich in den Songs erzähle. Daher trägt auch das Album den Namen „Olympia“. Die höchste Spitze als Metapher für den absoluten Tiefpunkt.

»Wenn ein Mensch aus seinem normalen Leben gerissen und in den Krieg gezwungen wird, ist das ein absolut furchtbares Schicksal.«

MYP Magazine:
Im Song „Dussmann“ geht es unter anderem um den deutschen Mittelstreckenläufer Rudolf Harbig, der bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin bei der 4-mal-400-Meter-Staffel die Bronzemedaille gewann. Nach seiner Einberufung zur Wehrmacht in den 1940er Jahren konnte er seine Karriere als Spitzensportler nicht mehr weiterverfolgen. Dieses Schicksal ist gerade heute wieder aktueller denn je, wenn man etwa auf den russischen Angriffskrieg in der Ukraine schaut. Welche Gefühle löst es in Dir aus, wenn es zu einem Song von Dir plötzlich eine inhaltliche Parallele gibt, von der Du noch gar nichts wissen konntest, als Du ihn geschrieben hast?

Betterov:
Ich muss gestehen, dass ich diese explizite Parallele noch nicht gezogen habe. Daher ist es gerade auch etwas schwer für mich, darauf eine Antwort zu finden. Grundsätzlich beschäftigt es mich aber sehr, was in der Ukraine passiert. Und wenn ein Mensch aus seinem normalen Leben gerissen und in den Krieg gezwungen wird, ist das ein absolut furchtbares Schicksal. Ich wünschte, das alles würde nicht passieren.

»Ich bin mir sicher, dass meine Musik anders klingen würde, wenn ich irgendwo anders leben würde.«

MYP Magazine:
Ende 2015 bist Du nach Berlin gezogen. Da war der Song „Ich will nicht nach Berlin“ von Kraftklub schon drei Jahre draußen. Hat Dich das nicht abgeschreckt?

Betterov: (lacht)
Wirklich guter Song! Ich hab’s aber trotzdem gewagt.

MYP Magazine:
Was hat dieser neue Lebensmittelpunkt seitdem mit Dir und Deiner Musik gemacht?

Betterov:
In erster Linie hat mir Berlin sehr viele neue Möglichkeiten eröffnet. Ich konnte hier mit meiner Musik vor Menschen auftreten, erste Bühnenerfahrungen sammeln und viele, viele Konzerte von anderen Künstler:innen anschauen. Ich habe hier Schauspiel studiert und wahnsinnig viel erlebt. Alles in allem habe ich Berlin unendlich viel zu verdanken und bin immer noch sehr gerne hier. Ich finde ohnehin, dass der Ort, an dem man lebt, sehr die Musik beeinflusst, die man schreibt. Ich bin mir sicher, dass meine Musik anders klingen würde, wenn ich irgendwo anders leben würde – zum Beispiel da, wo ich herkomme.

»Leute, die sich auf eine Bühne stellen, sind immer in einer gewissen Weise extrovertiert.«

MYP Magazine:
Welche Rolle hat das Schauspielstudium bei Deiner Entwicklung als Musiker gespielt? Hat es Dich zu einer extrovertierteren Person gemacht und damit für die Bühne gewappnet?

Betterov:
Leute, die sich auf eine Bühne stellen, sind immer in einer gewissen Weise extrovertiert. Und dazu würde ich auch mich zählen. Inwiefern das durch mein Studium zusätzlich beeinflusst wurde, weiß ich nicht. Ich habe dort in erster Linie sehr viel gelernt. Natürlich entwickelt man sich im Laufe seines Lebens immer weiter, aber ich glaube, ich bin in Bezug auf meine Persönlichkeit schon noch derselbe geblieben.

»Mir ist klargeworden, dass Heimat ein Recht sein sollte, aber leider ein Privileg ist.«

MYP Magazine:
In Deinem Song „Das Tor geht auf“ aus dem Jahr 2020 singst Du: Hier ist kein Platz für mich, hier ist mein Zuhause. Auch wenn das Lied nicht Teil Deines neuen Albums ist, setzt Du dich auch auf „Olympia“ immer wieder mit der Suche nach Zugehörigkeit und Identität auseinander. Welche Bedeutung hat der Begriff Heimat für Dich?

Betterov:
Für mich persönlich stand das Wort Heimat jahrelang für den Ort, an dem ich geboren wurde, aufgewachsen bin und die meiste Zeit meines Lebens verbracht habe. Das ist noch heute so, würde ich sagen, obwohl Berlin mittlerweile auch zu meiner Heimat geworden ist.
Im übergeordneten Sinne ist Heimat für mich allerdings ein sehr schwieriger Begriff, nicht zuletzt wegen seiner Herkunft. Meines Wissens tauchte er zum ersten Mal im 19. Jahrhundert auf, als Deutschland noch in viele Kleinstaaten zerklüftet war und man versuchte, diese zu einen. Gerade war das Rennen um die Vorherrschaft in der Welt gestartet und man stellte fest, dass man mit den anderen Staaten nur mithalten konnte, wenn man sich als Volk unter einer gemeinsamen Identität versammelte – und die anderen als gemeinsamen Feind betrachtete. Das gelang unter anderem über den Heimat-Begriff, daher fand ich persönlich das Wort immer etwas problematisch. Mir ist zum Beispiel klargeworden, dass es überhaupt nicht selbstverständlich ist, eine Heimat zu haben; dass Heimat ein Recht sein sollte, aber leider ein Privileg ist.

»Ich hatte immer das Gefühl, dass die Gesellschaft etwas ganz Bestimmtes von mir will, dem ich nicht entsprechen kann.«

MYP Magazine:
In einem Interview mit den Kolleg:innen von Diffus sagst Du: „Ich habe immer schon so ein bisschen das Gefühl gehabt, dass ich anders bin.“ Darum geht es unter anderem auch in Deinem Song „Die Leute und ich“. Kannst Du dieses Gefühl des Andersseins konkreter beschreiben?

Betterov:
Ich glaube, dass jede:r Künstler:in irgendwann im Leben eine Form von Ausgrenzung erfährt. Dazu kann man so gut wie jede Biografie durchblättern, von Joni Mitchell über Bob Dylan und Bruce Springsteen bis zu Frida Kahlo. Der Grad der Ausgrenzung war bei mir zwar nicht so stark ausgeprägt wie bei anderen. Trotzdem hatte ich immer das Gefühl, dass mich die Dinge, für die ich mich interessiere, ein bisschen aus der Gesellschaft hinaustreiben. Und dass die Gesellschaft etwas ganz Bestimmtes von mir will, dem ich nicht entsprechen kann – etwa, was feste und geordnete Strukturen angeht.

Aus diesem Grund kommen ja auch so viele Leute nach Berlin, weil es hier diese Strukturen nicht gibt, zumindest nicht in der engen Form. In Berlin kann man sich sein Leben so bauen, dass man sich freier entfalten kann als anderswo und dabei nicht zu stark unter Beobachtung ist. Das macht Berlin auch so schön: dass diese ganzen Menschen, die woanders nicht reinpassen, hierherkommen und den Kern der Stadt maßgeblich prägen.
Um all das geht es auch in „Die Leute und ich“. Da gibt es eine bestimmte Gesellschaft mit bestimmten Regeln, in die man selbst einfach nicht reinpassen will. Doch um irgendwie existieren zu können, muss man versuchen mitzuschwimmen und damit klarzukommen. Das betrifft übrigens nicht nur Künstler:innen, man kennt das auch aus vielen anderen Kontexten.

»Das meiste Leben auf dem Land spielt sich draußen in der Natur ab.«

MYP Magazine:
Im Song „Böller aus Polen“ heißt es im Refrain: Von allen Orten, die es gibt auf der Welt / Bin ich ausgerechnet hier gebor’n. Verfolgt Dich die Frage, was aus Dir geworden wäre, wenn Du an einem anderen Ort aufgewachsen wärst? Empfindest Du in Bezug auf Deine Herkunft eine gewisse Bitterkeit?

Betterov:
Nein, gar nicht. „Böller aus Polen“ ist nicht autobiografisch, ich meine damit nicht meinen Heimatort. Die ganze Szenerie ist eher fiktiv. Es geht in dem Song darum, dass man selbst ein großes Minderwertigkeitsgefühl mit sich schleppt, aber dann eine andere Person trifft, die einem vom Gegenteil überzeugt und ein bisschen aus dem ganzen Schlamassel befreit.

MYP Magazine:
Welche positiven Erinnerungen hast Du an Dein Aufwachsen im ländlichen Thüringen? Welche Eigenschaften und Persönlichkeitsmerkmale an Dir verbindest Du mit Deiner Heimat?

Betterov:
Bitte nicht falsch verstehen: Ich bin total dankbar, dort aufgewachsen zu sein. Meine Kindheit und Jugend waren superschön. Und das Aufwachsen dort hat mich auf jeden Fall auch klüger gemacht – auch, weil ich von klein auf einen großen Naturbezug hatte. Das meiste Leben auf dem Land spielt sich ohnehin draußen in der Natur ab. Zu dieser besonderen Umgebung hat man immer eine sehr starke Verbindung. Daher war auch meine erste Wohnung in Berlin direkt am Grunewald – weil das für mich eine gute Hybridzone zwischen Stadt und Natur war.

»Es gibt in meiner Heimat viele Menschen, die sehr glücklich sind.«

MYP Magazine:
Seine Heimat zu verlassen und beispielsweise vom Land in die große Stadt zu ziehen, ist für viele Menschen mit starken Emotionen verbunden. Während die einen eine große Befreiung und Erleichterung verspüren, empfinden die anderen Trauer oder sogar Scham, weil sie das Gefühl haben, enge Freunde oder Familienmitglieder zurückgelassen zu haben. Welche Reaktionen erhältst Du auf Deine Musik?

Betterov:
Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele Menschen eine emotionale Verbindung zu meinen Liedern haben. Das merke ich etwa, wenn ich nach Konzerten am Merch-Stand stehe und dort mit Leuten ins Gespräch komme, die davon erzählen, wie sehr sie sich mit ihren persönlichen Themen und Biografien in meinen Songs wiederfinden.

MYP Magazine:
Viele von denen, die aus der Provinz nach Berlin geflohen sind, leben nach dem Motto „Großstadt hui, Dorf pfui“. Bist Du als Wahlberliner auch ein bisschen anfällig für solche Sprüche?

Betterov:
Nein, überhaupt nicht. Ich persönlich habe einfach das Gefühl, dass die Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin und die noch auf dem Land leben, etwas anderes vom Leben wollten als ich, und das meine ich nicht wertend. Da ging es etwa um das Ziel, eine Familie zu gründen, ein Haus zu bauen oder einen Garten zu haben. Die meisten von ihnen haben das alles auch schon erreicht – im Gegensatz zu mir. Außerdem erlebe ich die Leute, die da nach wie vor dort leben, nicht als unzufrieden. Es gibt in meiner Heimat viele Menschen, die sehr glücklich sind.

»Springsteen war für mich ein großer Erweckungsmoment.«

MYP Magazine:
Du bist unter anderem mit der Musik von Bruce Springsteen aufgewachsen, den Du sehr verehrst. Damit hast Du etwas mit Deinem Kollegen Sam Fender gemeinsam, der uns mal im Interview verraten hat: „Wenn Bruce Springsteen über seine eigene Stadt singt, klingt es für mich, als würde er über meine sprechen.“ Ging es Dir da als Jugendlicher ähnlich?

Betterov:
Absolut! Ich wusste sofort, was er in seinen Texten meint und woher das alles kommt. Die sozio-ökonomischen Strukturen, in denen er aufgewachsen ist, scheinen denen in meiner Heimat sehr ähnlich zu sein – etwa in Bezug auf die eine große Industrie, die die ganze Region ernährt. Bei ihm war das die Autoindustrie, bei mir der Bergbau. Zwar geht es den Leuten bei uns noch verhältnismäßig gut, aber wenn diese Industrie irgendwann mal platt gemacht wird oder nicht mehr funktioniert, erleben wir garantiert Zustände, wie sie Hendrik Bolz in seinem Buch „Nullerjahre“ beschreibt. Da bin ich mir sehr, sehr sicher.

MYP Magazine:
Deine Musik ist stark geprägt von der Gitarre, die oft sehr hymnisch klingt und eine Präsenz wie eine zweite Stimme hat. Hast Du von Bruce Springsteen gelernt, dass der Sound und die Lyrics eine gewisse Dringlichkeit brauchen, wenn man Musik machen will, die bleibt?

Betterov:
Ja, habe ich. Überhaupt war Springsteen für mich ein großer Erweckungsmoment. Wenn man sich beispielsweise „The River“ anhört, ist das eigentlich eine Kurzgeschichte, die fast nichts mehr mit einem klassischen Song zu tun hat. Irre, was da thematisch alles verhandelt wird! Aber trotz der riesigen Geschichte, die er da erzählt, gibt es da diesen eingängigen, wiederkehrenden Chorus, der die Story in eine Songstruktur überführt. So etwas finde ich extrem beeindruckend. Und es hat mich ganz sicher in der Art und Weise beeinflusst, wie meine Musik entsteht.

»Ich will niemanden langweilen.«

MYP Magazine:
Dein Sound klingt erfreulich authentisch, nahbar und ungefiltert, Du verzichtest bewusst auf digitalen Schnickschnack aller Art. Damit wirkt er wie ein Gegenentwurf zum mittlerweile inflationären Einsatz von Autotunes und Soundkonserven…

Betterov:
Ich gebe mir große Mühe, unkonventionelle Musik zu machen, und klopfe jeden Skizze fünfmal danach ab, ob es die Idee schon in irgendeiner Form gibt oder ob meinen musikalische Ansatz überhaupt einen ganzen Song wert ist. Außerdem versuche ich, mit meiner Musik etwas zu erzählen, was noch nicht erzählt wurde – ich will ja niemanden langweilen. Ich schätze, das kommt auch ein bisschen von meinem Studium. An der Schauspielschule wird man darauf getrimmt, Figuren zu entwerfen, die keine Stereotype sind und die man nicht schon achthundert Mal gesehen hat. Charaktere, die in der Lage sind, Faust, Mephisto oder Hamlet so darzustellen, dass es etwas Neues ist. Das ist ein Anspruch, den ich auch an meine Musik habe. Das gelingt mir manchmal mehr und manchmal weniger.

»Diese zwei Songs, das verspreche ich, sind so auf der Zwölf!«

MYP Magazine:
Wenn dieses Interview erscheint, ist der goldene Oktober längst in den schmuddeligen November übergegangen. Welche Musik begleitet Dich an einem schwierigen Novembertag? Vielleicht „Nebraska“ von Bruce Springsteen, das Lieblingsalbum von Sam Fender?

Betterov:
Ich habe so bestimmte Herbstlieder – also Songs, die ich nur im Herbst höre und die für mich ganz und gar auf diese Jahreszeit gemünzt sind. Das ist erstens „We Fell In Love In October“ von Girl In Red, was fast schon ein bisschen vorhersehbar ist. Und zweitens „Here I Dreamt I Was An Architect“ von The Decemberists. Ich habe nicht viele Musikempfehlungen für den Herbst, aber diese zwei Songs, das verspreche ich, sind so auf der Zwölf! Das sind so krasse Herbst-Songs, dass ich sie im Sommer nicht hören kann. Sollte mir einer der beiden Tracks mal zufällig zwischen die Ohren kommen, bevor der Herbst begonnen hat, klicke ich ihn sofort weg und weiß: Deine Zeit wird kommen, aber nicht jetzt.


Sportfreunde Stiller

Interview — Sportfreunde Stiller

»Wir freuen uns, dass wir wieder einen Umgang miteinander haben«

Mit ihrem neuen Album »Jeder nur ein X« melden sich die Sportfreunde Stiller nach vielen Jahren der Abstinenz zurück. Die lange Pause war selbst verordnet, denn die drei Musiker wollten erst mal getrennte Wege gehen. Doch wie das bei guten Freunden so ist, vermisst man sich irgendwann und macht mal wieder was zusammen. Im Fall der Sportis ist daraus gleich eine ganze Platte geworden, die nicht nur ziemlich gute Laune macht, sondern auch deutlich wacher und reflektierter wirkt als frühere Alben. Ein Interview über wildes Experimentieren, einen großen Bruder namens Ibrahimovic und 20 Jahre gemeinsam spielen, saufen und streiten.

11. November 2022 — Interview: Katharina Viktoria Weiß, Text: Jonas Meyer, Fotografie: Frederike van der Straeten

Wie misst man Freundschaft? In Jahren, in Erlebnissen, in Wellenlängen vielleicht? In durchzechten Nächten, in durchgrölten Fußballspielen, in gegenseitigen Patenschaften für den Nachwuchs? Oder einfach nur in der Fähigkeit, sich wieder anzunähern, zusammenzuraufen und in den Arm zu nehmen, wenn man sich für eine ganze Weile aus den Augen verloren hat?

Wenn das der Gradmesser für Freundschaft ist, muss die zwischen Peter Brugger, Florian „Flo“ Weber und Rüdiger „Rüde“ Linhof eine ganz besondere sein. Das Trio, das seit mehr als einem Vierteljahrhundert unter dem Namen Sportfreunde Stiller Deutschpop macht und sich mit Songs wie „Ein Kompliment“, „Applaus, Applaus“ oder „Wunderbaren Jahren“ in die Annalen der Musikgeschichte geschrieben hat, legte nach einem letzten Konzert im Juli 2017 erst mal eine Vollbremsung ein. Oder besser gesagt eine Notbremsung.

Im Podcast „Hotel Matze“ erzählt Peter von den ersten Minuten nach genau jenem Konzert. Alle drei seien nicht happy mit dem Auftritt gewesen und mit gemischten Gefühlen von der Bühne gegangen. Und als man sich gegenseitig in den Urlaub verabschieden wollte, sei das mehr ein Abschied ins Ungewisse gewesen. Er selbst habe dabei schon seit einiger Zeit das Gefühl gehabt, dass er eine Pause brauche. Die Stimmung sei nicht mehr die beste gewesen und der Flow nicht mehr wirklich existent.

Nach einem halben Jahr der Diskussion, wie eine gemeinsame Zukunft aussehen könne, drückte Peter den Exit-Knopf und zog sich ins Private zurück. Das sei ihm sichtlich schwergefallen und habe ihn fast zerrissen, sagt er, auch weil Flo und Rüde weitermachen wollten. Doch er selbst habe an sich den Anspruch gehabt, überhaupt etwas von seiner Familie zuhause mitzubekommen. Und so lag die Band erst mal auf Eis.

Doch wie das in guten Freundschaften so ist, findet man irgendwann wieder zueinander. Pack schlägt sich, Pack verträgt sich, könnte man böse unken – doch Peter, Flo und Rüde ließen es ganz behutsam angehen, näherten sich Stück für Stück wieder an und beschlossen, die Sportfreunde Stiller aus dem künstlichen Koma zu wecken.

Das Ergebnis dieser freundschaftlichen Wiedervereinigung ist das Album „Jeder nur ein X“, das die Band gerade veröffentlicht hat. Nach etlichen Jahren der Enthaltsamkeit klingt die Platte erstaunlich wach und energetisch. Ihr Sound schwingt sich mit einer gehörigen Portion guter Laune ins Ohr. Und die Texte wirken deutlich reflektierter und weiser als in früheren Werken, ohne dabei einen auf strengen Oberlehrer zu machen – eher auf sorgenden Papa.

Musikalisch ist „Jeder nur ein X“ eine wilde Reise durch die Genres. Hört man in dem einen Song deutliche Ska-Elemente heraus, wird man schon im nächsten Track in den Garage Rock der Nullerjahre zurückgeworfen und im übernächsten mit hymnischen Indiepop-Klängen umgarnt.

In einer Filiale des Berliner Herrenausstatters „Rooks & Rocks“ haben wir die Band zum Interview getroffen und – Spoiler Alert – sind mit unseren musikalischen Interpretationsversuchen krachend gescheitert. Spaß hatten wir trotzdem. Und wir glauben, die Sportis auch.

»Der Produzent hatte unser Okay zum wilden Experimentieren in alle Richtungen.«

MYP Magazine:
Eure neuen Songs sind stilistisch sehr verschieden. „Alright“ etwa kommt wie eine gerappte Ska-Nummer daher, bei „Ich scheiß auf schlechte Zeiten“ klingt Ihr wie eine amerikanische Garagenband. Und „Juunge“ erinnert mit seinen Upbeat-Indiepop-Vibes in bisschen an die Nullerjahre. Wir haben eine Hypothese: Ihr habt zuerst die Lyrics geschrieben und dann jeden Text genau mit dem Musikstil versehen, der am besten zum Inhalt passt.

Kollektives Lachen

Flo:
So läuft es eigentlich nie ab. Wir kommen viel schneller auf Instrumentalideen als auf gute Texte. Unserem Empfinden nach hatten wir aber schon immer ein breites Spektrum an musikalischen Stilen und haben uns stets viel erlaubt. Dieses Mal wirkt es vielleicht noch extremer als sonst, da wir mit einem sehr mutigen Produzenten namens Tobi Kuhn zusammengearbeitet haben, dem wir unser Okay zum wilden Experimentieren in alle Richtungen gegeben hatten. Wir alle waren der Meinung, dass uns nach der jahrelangen Pause eine Neuaufstellung ganz guttäte, was den Sound betrifft.

Peter:
Aus meiner Sicht zeigen wir mit dem neuen Album mal wieder, dass wir auch innerhalb der Band verschiedene Vorlieben haben. Ich bin eher so der Pop-Muckel. Flo will es gerne griffig und rockig. Und Rüde ist lost in the 70s, aber mit einer brutalen Offenheit für alles Neue.

Rüde:
Wir wollten bewusst einen Schritt nach vorn machen und uns mit aktuellen Sounds auseinandersetzten. Die Platte sollte modern klingen, gleichzeitig aber auch verspielt bleiben.

»Das ist doch das Schöne an Musik: dass sich jeder das herausnimmt, was seine aktuellen Lebensfragen am besten begleitet.«

MYP Magazine:
Bleiben wir beim Song „Juunge“, der einerseits mit dem für die Nullerjahre so typischen, energiegeladenen Garagensound spielt, andererseits aber in den Lyrics Fragen aufwirft, die aktueller nicht sein könnten, wie etwa Wen oder was liebst du gerade? oder Woran glaubst Du? Dazu fragt der Refrain immer wieder: Bist du immer noch mein Junge? Wer fragt hier eigentlich wen?

Peter:
Dazu gibt es folgende Anekdote: Der Sohn unseres Produzenten postete ein Video, das zeigt, wie er zum ersten Mal einen Backflip mit einem Mountainbike macht. Sein Kumpel feiert ihn dabei mit den Worten (spricht mit langgezogener Stimme): „Du bist eine Juuuuunge!“. Dieser humorvolle Moment hat uns total begeistert und dazu inspiriert, selbst mal herumzuspinnen, was der Begriff „Junge“ für uns eigentlich bedeuten kann. Einige Ersthörer haben uns das Feedback gegeben, dass es bei dem Lied nach ihrem Verständnis um eine Eltern-Kind-Beziehung geht. Aber wir dachten beim Schreiben eher an Kumpels, die ihre erste Lebensphase miteinander bestritten haben und sich nun aus den Augen verlieren. Dabei taucht die Frage auf: „Mensch, wo hat es dich im Leben eigentlich hin verschlagen? Ich habe beste Erinnerungen an dich, wollen wir daran anknüpfen?“

Rüde:
Trotzdem ist es schön zu hören, dass es viele Interpretationsmöglichkeiten für die Zeilen gibt. Das ist doch das Schöne an Musik: dass sich jeder das herausnimmt, was seine aktuellen Lebensfragen am besten begleitet.

»Selbst, wenn man sich mal nicht findet, kann man sich gut finden.«

MYP Magazine:
Der Song „Alright“ dagegen wirkt so, als hättet Ihr ihn einer Person gewidmet, die Euch so richtig nervt. Liegen wir dieses Mal richtig?

Peter:
Ehrlich gesagt haben wir es das Lied weder mit bewusst genervtem oder kritischem Unterton eingesungen. Wir wollten eher einen Menschen beschreiben, der verschiedenste Seiten hat: Manchmal ist er ein Überflieger, manchmal muss er sich das Scheitern eingestehen. Das kenne ich auch von mir persönlich, ich bin immer am Suchen und Finden. So sehr man mit seinen unterschiedlichen Facetten kämpfen kann, am Ende ist es doch heilsam, das Fazit die allumfassende Selbstakzeptanz zu ziehen und seinen Weg zu gehen.

Flo:
Was er sagen will: Selbst, wenn man sich mal nicht findet, kann man sich gut finden.

Peter:
Ihr merkt schon: Es gibt einen Klugen. Und zwei, äh, andere.

»Ibrahimovic dient uns als Metapher für einen großen Bruder, der im Moment der Not zu Hilfe eilt.«

MYP Magazine:
Zu den Kabbeleien kommen wir später, vorher versuchen wir uns an einer letzten Song-Interpretation. In „Ibrahimovic“ könnte es um Menschen gehen, die sich gerne der Realität entziehen. Und das tun sie, indem sie ihr ganzes Leben auf den Fußball ausrichten – oder konkreter gesagt auf ein Sportidol wie Fußballstar Zlatan Ibrahimovic. Ist das Lied eine Kritik am Fantum?

Flo:
Total falsch interpretiert (schaut die anderen beiden an, alle lachen). Aber wir bleiben dabei: Jeder soll gerne das mitteilen, was er beim Hören der neuen Lieder denkt und fühlt. Denn auch ich komme gerade auf Perspektiven, an die ich zuvor noch gar nicht gedacht habe. Allerdings dient uns Ibrahimovic – der nach seinem eigenen Ermessen so eine Art Gottheit ist – in diesem Lied eher als Metapher für einen großen Bruder, der einem im Moment der Not zu Hilfe eilt. Es ist eine Auseinandersetzung mit dem wahnwitzigen Thema Angst.

Peter:
Gleichzeitig ist der Gedanke durchaus berechtigt, dass es auch ein bisschen darum geht, sich der Realität zu entziehen. Jemand, der behauptet, keine Angst zu haben, der verdrängt natürlich etwas und verschließt die Augen. Das ist aber gerade in der heutigen Zeit auch okay. Ich selbst kenne solche Tage, an denen ich mir bewusst keine Nachrichten gebe und gewisse Themen außen vorhalte – damit es mir gelingt, andere Sachen ohne Angst fertig zu bekommen.

»Musik vermittelt in erster Linie ein Gefühl. Und das soll nicht zu weit nach oben in den Kopf rutschen.«

MYP Magazine:
Das Thema Angst spielt auch im Hinblick auf mentale Gesundheit eine immer präsentere Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung. Dazu passt auch der Song „Wächter“ mit den Zeilen Der Geist sitzt im Herzen, doch da guckt man nicht rein / Man guckt nur aufs Haus / und auf den bis zur Verzerrung verzierten Schein. Warum inspiriert Euch das Themenfeld zurzeit so?

Flo:
Der Hintergrund hierzu ist, dass ich von einem Musikerkollegen erfahren habe, dass er in der Vergangenheit psychisch schwer erkrankt war, und wir das einfach nicht mitbekommen haben. Wir haben nur von ein paar abgesagten Konzerten erfahren, aber der Zusammenhang ist uns erst seit Kurzem klar. Zum Trost habe ich ihm schnell vier Zeilen gedichtet und geschickt – das ist genau die zitierte Textstelle.

MYP Magazine:
Eure Texte sind kryptischer und lyrisch anspruchsvoller geworden. Das fordert die Zuhörerschaft ein bisschen mehr. Wollt ihr die Beziehung zu Euren Fans auf eine neue Ebene heben?

Flo:
Wir fassen das als Kompliment auf. Der Gedanke ist sehr schön, dass Menschen sich stärker mit unseren Texten beschäftigen können.

Peter:
Da stimme ich zu. Allerdings vermittelt Musik in erster Linie ein Gefühl. Und das soll nicht zu weit nach oben in den Kopf rutschen, sondern weiter intuitiv hier stattfinden (legt sich die Hand aufs Herz).

»Wir gehen heute viel entspannter miteinander um. Und freuen uns, dass wir überhaupt wieder einen Umgang haben.«

MYP Magazine:
Die letzte Album-Veröffentlichung ist sechs Jahre her, „Sturm & Stille“ kam 2016 heraus. Seitdem hat sich die Welt grundlegend verändert – wir sagen nur Trump, Ukraine, Fridays for Future oder Corona. Auch Ihr hattet nach jahrelangem Touren mit turbulenten Zeiten und zwischenmenschlichen Konflikten zu kämpfen. Wie hat das die Art und Weise beeinflusst, wie Ihr heute miteinander umgeht?

Rüde:
Wie wir uns zueinander verhalten, hat sich auf jeden Fall verändert. Und damit auch das Zuhören – und das Zulassen. Wir gehen heute viel entspannter miteinander um. Und freuen uns, dass wir überhaupt wieder einen Umgang haben. Die Pause war irgendwie nötig, denn scheinbar haben wir es nicht mehr miteinander ausgehalten. Und in der Zwischenzeit hat sich einiges bewegt, auch die Nähe zueinander. Dadurch bekommt man als Band auch eine andere Sprache.

Peter:
Ich denke gerade noch darüber nach, ob die äußeren Umstände maßgeblich für inhaltliche Veränderungen bei den Sportfreunden Stiller waren. Oder ob die Bandkrise und unsere Reaktion darauf mehr Einfluss auf das Album hatten. Pandemie und Lockdown haben auf jeden Fall die Sehnsucht gefördert, wieder zusammenzukommen. Ansonsten waren es aber unsere persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen aus der Vergangenheit, die dringend eingefordert haben, dass wir Möglichkeiten finden, anders miteinander umzugehen. Ich persönlich habe die gemeinsame Zeit im Studio sowie den kreativen Prozess während der Produktion sehr genossen. Und wie Flo und Rüde bin auch ich sehr gespannt, wie sich alles entwickelt, wenn wir jetzt wieder gemeinsam an die Öffentlichkeit treten.

»Nach 20 Jahren gemeinsam spielen, saufen und streiten war die Energie raus.«

MYP Magazine:
Was war der Grund für Eure mehrjährige Beziehungspause?

Peter:
Nach 20 Jahren gemeinsam spielen, saufen und streiten war die Energie raus.

Rüde:
Innerhalb einer Band, die so in der Öffentlichkeit steht, lernt man auch ganz viel zu überspielen. Die Momente, wenn man einen tollen neuen Song schreibt oder vor einer Menschenmasse auf der Bühne steht, wirken so viel wichtiger und größer als die kleinen Konflikte. Damit lenkt man sich ordentlich davon ab, dass man sich über so viele Jahre eben stark verändert und dass viele persönliche Entwicklungen stattfinden. Wie viele Freundschaften lösen sich innerhalb von zwei Dekaden auf! Aber wir sind immer zusammengeblieben, weil wir so viel haben, was uns zusammenhält. Trotzdem hat es auch uns irgendwann einfach zerrissen.

Flo:
Ich fand die Pause erst mal scheiße. Ich wollte auch nicht akzeptieren, dass sie richtig ist. Jetzt im Nachhinein sehe ich ihre Notwenigkeit aber ein. Vielleicht war dieser Break unsere Rettung. Insofern haben wir uns auch als Band die Frage aus unserem neuen Song gestellt: „Bist du immer noch mein Junge?“ Und ich kann sagen: ja.

»Wir haben viel miteinander gekocht und Wein getrunken.«

MYP Magazine:
Wie habt Ihr die letzten Jahre für Euch persönlich genutzt?

Rüde:
Ich durfte die Erfahrung machen, mal in Arbeitsbereiche abseits der Musikbranche zu schauen. Ich habe mir verschiedene Aufgaben gestellt und gelernt, dass ein Bürojob absolut nichts für mich wäre. Ich hatte das Glück, mich viel damit beschäftigen zu können, wer ich bin und wie ich so ticke. Und hier und da konnte ich auch feststellen, dass ich manchmal ganz schön scheiße bin.

Flo:
Dafür hättest du keine Ausbildung machen müssen, da hättest du einfach schnell anrufen können.

Rüde:
Von euch habe ich das immer gehört, aber ihr wart ja nicht mehr da. Scherz beiseite: Ich glaube, wir alle konnten uns das erste Mal seit Jahren wieder mit anderen Dingen beschäftigen und wirklich in die Tiefe gehen. Davor bestand unser Leben aus Studioaufnahmen, dann ging es ab in den Nightliner, aus dem man irgendwann wieder ausstieg und bejubelt wurde. Und dann ging das Ganze wieder von vorne los.

Flo:
Ich habe das Zweimannprojekt „Taskete!“ gestartet und solo unter dem Namen „MS Flinte“ Musik veröffentlicht. Dann habe ich meinen dritten Roman „Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken“ geschrieben, der Mitte März bei Heyne erschienen ist.

Peter:
Ich war vor allem Hausmann und Daddy, es war also eine Zeit des Rollentauschs. Und dann ging es mitten in der Corona-Pandemie wieder mit den Sportfreunden los.

Rüde:
Aufgrund unseres Berufs hatten wir das große Glück, auch im Lockdown zusammenkommen zu dürfen. Wir haben viel miteinander gekocht und Wein getrunken. Ich habe es total gefeiert, einfach Musikinstrumente aufzubauen und Lärm zu machen. Wir hatten in dieser Einsamkeit des Lockdowns die Zeit, Dinge ganz in Ruhe entstehen zu lassen. Und so krank das auch klingen mag: Wir hatten deshalb auch einige sehr schöne und kreative Momente innerhalb der Isolation.

»Wir haben so viel an der Backe und wenig eigene Haltung.«

MYP Magazine:
Fußball und die Sportfreunde, das war lange ein tolles Match für Feierlaune. Nun ist auch der Fußball längst keine isolierte Welt mehr, in die man sich verkriechen kann: Die Menschenrechts-Verletzungen in Katar, der Aufstand der Bayern-Fans gegen den Sponsor Qatar Airways, der Rückzug von Gazprom aus dem Fußball-Sponsoring, und so weiter, und so weiter. Ist es aufgrund der vielfältigen Themen nicht eine wichtige und relevante Zeit, um eine Fußballband zu sein?

Rüde:
Ich betrachte das gar nicht aus der Perspektive des Fußballs. Das sind Themen, die darüber hinaus unfassbar wichtig sind: Was bedeutet es, in Frieden zu leben? Was müssen wir tun, um diesen Frieden behalten zu können? Inwiefern müssen wir lernen, kritisch und komplex zu denken? Wir haben Klimawandel und Friedenspolitik, Nachkriegsordnung und Nah-Ost-Konflikt. Wir haben so viel an der Backe und wenig eigene Haltung. Wir schauen auf die isolierten Probleme mit der Lupe, anstatt als europäische Gesellschaft nach Lösungen zu suchen. Entschuldigt den Monolog, aber gerade nach Corona wird es immer wichtiger für uns alle, wieder die Lupenperspektive zu verlassen und gemeinsam über Zukunft und Koexistenz zu sprechen. (Kurze Pause, dann ein Schmunzeln) Aber ich liebe natürlich auch den Fußball.


Bulgarian Cartrader

Interview — Bulgarian Cartrader

»Ich würde keinen Tag als Autohändler überleben«

Unter dem Namen Bulgarian Cartrader umarmt der Musiker Daniel Stoyanov verhärtete Männlichkeitsbilder, die er privat längst abgelegt hat. Im Zusammenspiel mit seiner fabelhaft-femininen Stimme entsteht ein künstlerisches Gesamtkonzept, das musikalisch nicht nur äußerst facettenreich ist, sondern vor allem auf der Live-Bühne mit erstaunlichen Entertainer-Qualitäten verblüfft. Ein Gespräch über automobile Liebe, würzige Folklore und dreieinhalb rasante Dekaden zwischen Bulgarien, Baden-Württemberg und Berlin.

31. Oktober 2022 — Interview: Katharina Viktoria Weiß, Fotografie: Frederike van der Straeten

In Autojahren wäre er schon ein Oldtimer: Daniel Stoyanov, der am 11. November unter dem Namen Bulgarian Cartrader sein Debütalbum „Motor Songs“ herausbringt, ist Baujahr 1986 – genau wie der Porsche 944 Safari, mit dem wir ihn im Treptower Park fotografieren. Doch obwohl er als Komponist, Produzent und professioneller Background-Sänger von Bands wie Seeed schon ein Veteran der Musikbranche ist, wirkt sein Cartrader-Sound erstaunlich frisch, ungehört und gegenwartsbezogen.

Der Mann hinter Bulgarien Cartrader ist ein großes Spielkind, das genauso gerne an Autos wie an Musik herumbastelt: Seine sinnliche Indiemusik lässt kontemporäre Hiphop-, Jazz-und Soul-Sounds mit subtilen Einflüssen aus der Balkan-Region ineinanderfließen. Doch während seine Musik federleicht klingt, steckt in Daniel Stoyanov ein tiefgründiger Beobachter, der sich musikalisch gefunden hat, aber kreativ um die Bedeutung der Welt um ihm herum ringt.

»Wenn ich performe, ist die Pistole auf meine Brust gerichtet.«

MYP Magazine:
Bei Deinem kürzlichen Auftritt im Berliner Fluxbau hast Du dein Publikum mit keckem Hüftschwung und frechen Ansagen elektrisiert. Warst Du immer schon so eine Rampensau?

Bulgarian Cartrader:
Ich bin mit Idolen aufgewachsen, die auf der Bühne sehr aktiv sind und ein gewisses Matador-Entertainment mitbringen. Wenn ich selbst performe, ist die Pistole so sehr auf meine Brust gerichtet, dass ich mich durch die Art, wie ich mich bewege, losreißen will – und dadurch unter Umständen sogar völlig angstfrei werde. Während ich also vor einem Aufritt manchmal furchtbar aufgeregt bin, kann sich das innerhalb des Konzerts komplett umdrehen. Dann darf ich einen Moment der Freiheit erleben, den auch alle anderen im Raum spüren.

MYP Magazine:
Deine Musik klingt spielerisch und doch ausgereift. Man merkt, dass Dein Leben von vielen nachdenklichen Phasen und reflexiven Umbrüchen durchzogen ist. Ich würde Deiner Biografie gerne in Jahrzehnten näherkommen. Wie war die erste Dekade Deines Lebens?

Bulgarian Cartrader:
Ich bin in einem Dorf in der Nähe von Sofia aufgewachsen und mit drei Jahren in Nordbulgarien in den Kindergarten gekommen, bei meiner Familie mütterlicherseits. Erstaunlicherweise erinnere ich mich noch sehr gut an das Land, seine Gerüche und Klänge, obwohl ich bereits mit vier Jahren nach Deutschland kam.

»Der Besitzer hatte immer irre Autos, dadurch wirkte er auf mich wie ein reicher Mann. Das habe ich als Kind sehr bewundert.«

MYP Magazine:
Die Lebensentscheidungen Deiner Familie wurden auch von der Wende maßgeblich beeinflusst. Als sich Europa nach dem Fall der Mauer neu sortierte, entschieden sich auch Deine beiden jungen Künstlereltern zur Migration. Wie erinnerst Du dich an den Weg in dieses neue Leben, der 1990 mit einer Flugreise begann?

Bulgarian Cartrader:
Ich weiß noch, dass ich mich im Flieger nach Deutschland zweimal erbrochen habe. Meine Eltern waren bereits ein Jahr davor umgezogen und ich war bei meinen wunderbaren Großeltern geblieben. Zunächst war ich völlig befremdet, denn ich erkannte meine eigenen Eltern nicht mehr, als sie mich nach zwölf getrennten Monaten am Flughafen abholten. Ich stieg mit ihnen ins Auto und irgendwo auf der Landstraße hat uns etwas unglaublich Schnelles, Rotes überholt. Ich weiß noch, wie ich dem Sportwagen lange nachgeschaut habe – denn ich hatte zuvor in meinem Leben noch nie so ein schnelles Auto gesehen. Dieser Augenblick hat mich sehr geprägt.

MYP Magazine:
Wie kam es dazu, dass sich das Autothema bei einem Künstlerkind wie Dir so durchgezogen hat?

Bulgarian Cartrader:
Meine Eltern haben ihre Versuche als Künstler wahrgenommen, aber in diesem Abschnitt der 1990er Jahre lagen andere Wege näher. Sie mussten zunächst auf ihre Arbeitserlaubnis warten und haben sich dann mit vielen verschiedenen Jobs durchgeschlagen. Beide haben eine Zeit lang in einer Tankstelle gearbeitet. Der Besitzer hatte immer irre Autos, dadurch wirkte er auf mich wie ein reicher Mann. Das habe ich als Kind sehr bewundert.

»Eigentlich wollten meine Eltern nach Paris, doch dann sind sie in Baden-Württemberg gelandet.«

MYP Magazine:
Du bist mittlerweile selbst Künstler und kennst das Hochgefühl, kreativ arbeiten zu können. Wie haben Deine Eltern das Zurücklassen dieser Berufung empfunden?

Bulgarian Cartrader:
Eigentlich wollten sie nach Paris, doch dann sind sie in Baden-Württemberg gelandet. Ich bin etwa eine Autostunde von Stuttgart großgeworden. Meine Mutter hat sehr früh erkannt, dass es hier keine Karriere für sie zu jagen gab. Und für sie war es irgendwie nicht schwer. Sie konnte das hinter sich lassen und nach vorne blicken. Aber wie diese Zeit Anfang der Neunziger für meine Eltern wirklich war, ist für mich immer noch ein Mysterium. Ich stelle mir es manchmal vor: zwei junge Erwachsene, noch nicht so lange zusammen. Wie haben sie sich geliebt, wie haben sie sich gestritten, welche Träume hatten sie? Je älter ich werde, desto mehr kann ich ihre Seelenlage erahnen – vielleicht verkläre ich sie aber nur.

MYP Magazine:
Wann ist Dir die Musik begegnet?

Bulgarian Cartrader:
Auch hier: Im Nachhinein wird vieles überhöht. Meine Eltern haben mein Rhythmusgefühl quasi schon im Kleinkindalter beschrieben. Aber Du suchst nach Schlüsselmomente, die bestimmt eine gewisse Sogwirkung entfaltet haben, oder?

MYP Magazine:
Ja, was waren zum Beispiel Deine ersten CDs?

Bulgarian Cartrader:
In der ersten Klasse fand ich eine Klassikbox und nach der Schule habe ich mir immer Vivaldi angehört, weil mir das am meisten gefallen hat. Dann hatten meine Eltern noch eine „Best of Queens“ und „Dire Straits“ rumliegen. Und später irgendwann im Bulgarienurlaub habe ich mir auf dem Schwarzmarkt eine Boyz II Men-CD geholt. Zum ersten Mal hörte ich R’n’B und Black Music. Die Stimmen und die Art des Gesangs dieser Künstler haben mich umgehauen. Kaum zurück in Deutschland habe ich angefangen, auf die Stunde beim Musiksender „Viva2“ hinzufiebern, in der die US-Charts vorgestellt wurden. Danach war ich immer energisch aufgeladen.

»Bulgarische Folklore ist für mich ein starkes Gewürz.«

MYP Magazine:
In Deinem Sound lassen sich auch immer wieder Elemente osteuropäischer Musik erkennen…

Bulgarian Cartrader:
Trotzdem habe ich von der bulgarischen Folklore immer Abstand gehalten. Das ist für mich ein starkes Gewürz – wenn man zu viel davon beigibt, ist die Mischung versaut. Es wird schnell zur Weltmusik und dann zum Klischee. Der Westen hat auch eine gewisse Fantasie über den Balkan, mit Blasmusik und Co., die die meisten Künstler Bulgariens vollkommen außer Acht lässt. Ich bin zu 80 Prozent von amerikanischer Musik geprägt. Wenn ganz tief in mir etwas anderes zum Vorschein kommt, dann sind es Frauenchöre wie „The Mystery Of The Bulgarian Voices“ oder „Trio Bulgarka“, mit denen bereits Kate Bush Songs aufgenommen hat.

»Ich bin in einer Kultur aufgewachsen, in der das Auto ein Teil der Familie ist.«

MYP Magazine:
Deine Künstlerpersona, der Bulgarian Cartrader, zeichnet sich durch eine ganz bestimmte Ästhetik aus, die Arbeiterklassensymbole mit Automobil-Protzerei fusioniert. Scherzhaft nennst Du diesen Look auch „Cartrader Couture“. Wo hat diese ihre Wurzeln?

Bulgarian Cartrader:
Obwohl wir nicht zum Mittelstand gehörten, hat mein Vater es immer irgendwie geschafft, sich alte Autos zu kaufen, sie er auch selbst repariert hat. Gefühlt habe ich meine halbe Kindheit auf vier Rädern verbracht. Allein wenn wir nach Bulgarien gefahren sind, waren wir zwei Tage unterwegs. Und dort war das Gerede über Autos omnipräsent. Generell bin ich in einer Kultur aufgewachsen, in der das Auto ein Teil der Familie ist. Gerade in Süddeutschland, zum Beispiel in meinem Heimatbundesland Baden-Württemberg, achten die Menschen sehr auf ihren Benz oder BMW.

MYP Magazine:
Die Faszination Deiner Kindheit ist mit Dir gewachsen. Was hat dem Image des Bulgarian Cartrader den letzten Schubs gegeben?

Bulgarian Cartrader:
Vermutlich kam das durch ein kleines Abenteuer mit meinem besten bulgarischen Kumpel Gogga. Er ist in der Nähe von Sofia großgeworden, im selben Machala wie ich, also im selben Viertel, nur eine Straße weiter. Wir sind sehr eng verbunden, sein Vater hat schon mit meinem Vater im Sandkasten gespielt. Er ist jemand, den ich mitten in der Nacht anrufen kann. In so einem nächtlichen Gespräch erwähnte Gogga, dass er sich beruflich umorientieren will – und es mal mit Autohandel versuchen möchte.

MYP Magazine:
In welchem Jahr war das?

Bulgarian Cartrader:
2015. Ich durchlebte gerade eine Phase, die nach vielen Jahren in der Musikbranche von Ermüdungserscheinungen gezeichnet war. Deshalb beschloss ich, ihm zu helfen. Gogga kam mit einer Gruppe von Autohändlern nach Deutschland. Der Plan war, die erste Fuhre von jeweils zwei Autos nach Bulgarien zu transportieren. Eine Woche lang zog ich mit dieser Gruppe von Autohändlern umher.

»Die bulgarischen Autohändler verkörpern kein Gaunertum, müssen aber Füchse sein.«

MYP Magazine:
Wie kann man sich diese bulgarischen Autohändler vorstellen, nach denen Du dich später benannt hast?

Bulgarian Cartrader:
Durchaus ein bisschen so, wie es dem Klischee entspricht: geprägt von einer gewissen Roughness und Schmutzigkeit. Sie verkörpern kein Gaunertum, müssen aber Füchse sein. Man muss den cleveren Handel verstehen und sich auch zwischen den Sätzen Signale senden können.

MYP Magazine:
Konntest Du dich damit identifizieren?

Bulgarian Cartrader:
Ich würde keinen Tag als Autohändler überleben, dafür bin ich viel zu sehr Künstlerseele. Aber ich habe großen Spaß daran gefunden, diesen bärtigen Autohändler in mir aufleben zu lassen. Bulgarian Cartrader ist wie ein Alter Ego. Ich wäre gerne einer von denen, ich bewundere sie sehr. Zudem verbindet mich dieses Alias mit meinem Herkunftsland. Ich verspüre den Drang zu einer kulturellen Mission.

»Es gefällt mir, Wut und Deformation auf eine gesunde Art auszuleben.«

MYP Magazine:
Was bedeutet diese „kulturelle Mission“ konkret für Dich?

Bulgarian Cartrader:
Ich wusste, es würde mir guttun, mich kulturell zu verankern – und nicht nur auf der Bühne zu stehen, um Zahlen zu generieren. Zudem konnte ich mit diesem Image eine gewisse Dickköpfigkeit aufbauen und mich abgrenzen. Jeder Bühnenkünstler kennt die harte Wand der Ignoranz, die einem in dieser herausfordernden Branche gegenübersteht und die man umstoßen muss. Es fasziniert mich, dieses Ziel zu erreichen, indem ich am Rande des Unmöglichen arbeite: Denn ein bulgarischer Autohändler, der die Musik liebt, ist im echten Leben sehr unwahrscheinlich – so ist es in der Kunst auf einmal naheliegend.

MYP Magazine:
Ist die Ästhetik Deines Bulgarian Cartrader also bewusst rau und etwas schnoddrig gehalten?

Bulgarian Cartrader:
Mir ist die Kantigkeit und Hässlichkeit bewusst. Es gefällt mir, eine gewisse Irritation aufzubauen und dadurch Wut und Deformation auf eine gesunde Art auszuleben. Ich fühle, dass ich immer etwas am Rande der Gesellschaft aufgewachsen bin. Seitdem ich erwachsen bin, treibt mich die Frage um, warum ein Teil davon in mir geblieben ist. Mit Bulgarien Cartrader versuche ich, diesen Aspekt in mir zu umarmen.

»Ich habe mich von dieser verhärteten Männlichkeit gelöst – daher bin ich privat auch glücklich.«

MYP Magazine:
Näherst Du dich auch einem Männlichkeitsbild an, dass Dich umtreibt?

Bulgarian Cartrader:
Ich habe mich persönlich von dieser verhärteten Männlichkeit gelöst – daher bin ich privat auch glücklich. Dennoch hallen gewisse Werte des Machismus, mit denen ich aufgewachsen bin, immer noch in mir nach. In der Kunst kann ich solche Motive aufgreifen und behandeln, ohne sie mit nach Hause in meine Beziehungen nehmen zu müssen. Immer wenn es mir gelingt, in meiner Arbeit offene Deformation zu zeigen, spüre ich, wie es mich entspannt, befriedigt und ein progressiver Fluss entsteht.

»In mir war so eine intensive Bravheit.«

MYP Magazine:
Eine Zeit, die das Verständnis von Männlichkeit besonders prägt, sind die Teenagerjahre. Wie erinnerst Du dich an die zweite Dekade Deines Lebens?

Bulgarian Cartrader:
Ein eigenartiger Abschnitt. Ich glaube, wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich einiges anders machen. Ich habe mich irgendwie zurückgehalten und zu wenig ausprobiert. In gewisser Art war so eine intensive Bravheit ihn mir, gepaart mit einer unterschwelligen Spannung, sie sich entladen musste. Normalerweise explodiert man als Teenager. Bei mir kamen erst viel später eine Reihe von kleinen Explosionen. Vermutlich war ich eher ein Herbstblüher. Als Jugendlicher hatte ich hingegen eine stark melancholische und grüblerische Ader.

MYP Magazine:
Also sind Anekdoten von Abibällen et cetera eher nicht zu erwarten?

Bulgarian Cartrader:
Nein, aber ich war auch nicht in einem Jahrgang, den man als legendär bezeichnen würde. Dabei halte ich mich da absolut nicht für etwas Besseres – ich glaube, das war ein generelles Gefühl in dieser Gruppe. Es war einfach keine Knüller-Klasse und wir hatten einen katastrophalen Abiball, der eigentlich gar keiner war.

»Mein Ziel war, meiner Mutter einen Bentley vor die Haustür zu stellen – was völlig bescheuert ist.«

MYP Magazine:
Richtig ging es also erst in Dekade Nummer drei los. Kam dann auch das erste eigene Auto?

Bulgarian Cartrader:
Mein erstes Auto war ein roter Mazda 121 mit Faltdach. Letzteres habe ich nicht ein einziges Mal geöffnet, weil ich Cabrios nicht mag. Als ich eines Morgens zu meiner Karre gelatscht bin, habe ich über der Fahrerseite einen 30 cm langen Schlitz im Faltdach entdeckt. Jemand hatte mir aus purer Lust am Zerstören mit einem Messer eine klare Nachricht hinterlassen. Ich konnte dann drei Monate lang andren Leuten durch das verschlossenen Faltdach mit der Hand zuwinken. Ein Anblick, der für die Passanten bestimmt sehr irritierend war.

MYP Magazine:
Und wann bist du von zu Hause fortgegangen, um Musiker zu werden?

Bulgarian Cartrader:
Ich bin mit 19 ausgezogen. Es ging nach Mannheim, Leipzig, Stuttgart, Berlin. Die Richtung Musik war gesetzt, auch weil meine Mutter sich immer sehr gewünscht hatte, dass ich diesen Weg verfolge. Ich habe viel in Tonstudios aufgenommen und Instrumentals geschrieben. Mit Anfang 20 war also das Ziel, bald Popstar zu werden und meiner Mutter einen Bentley vor die Haustür stellen zu können – was völlig bescheuert ist.

»Ich habe Körperkraft gegen Essen und Schlafplatz angeboten.«

MYP Magazine:
Dennoch hast Du eine solide Karriere in der Musikbranche hingelegt: Du hast viel für andere Künstler komponiert, unter verschiedenen Namen deutschsprachige Pop-Alben aufgenommen, bist mit einer eigenen Band namens Malky auf Tour gegangen und trittst seit Jahren als Background-Sänger mit der Band Seeed vor einem riesigen Publikum auf. Was hat Dich über die Jahre bei der Stange gehalten?

Bulgarian Cartrader:
Mir bedeutet Musik wirklich etwas. Neben dem Performen auf der Bühne gibt es in meinem Leben auch ein ganzes Universum rund um die Musikproduktion herum. Ich habe gemerkt, dass ich auch darin aufgehen kann, und das mich das alles total erfüllt. Trotzdem bin ich ein sehr neugieriger Mensch. Und manchmal denke ich mir, dass ich gerne noch etwas Interessantes studiert oder diverse andere Jobs ausprobiert hätte. Dieser Entdeckerlust bin ich daher auf verschiedene Arten in meiner Freizeit nachgegangen: Über einen Zeitraum von zwei Jahren bin ich zum Beispiel beinahe jedes Wochenende auf einen Bauernhof in Sachsen-Anhalt gefahren. Ich bin bei dieser Farm-Familie aufgeschlagen und habe Körperkraft gegen Essen und Schlafplatz angeboten.

»Es hat mich jedes Mal gereizt, jemanden wirklich kennenzulernen.«

MYP Magazine:
Auf Deinem aktuellen Album „Embrace“ gibt es eine Ballade, die verschiedene Stationen deines Lebens nachzeichnet. Darin erwähnst Du zum Beispiel Deine erste lange Beziehung. Ist darauf noch eine weitere gefolgt? Oder warst Du eher ein wilder Rock’n‘Roller?

Bulgarian Cartrader:
Ich war über weite Teile meines Lebens in Beziehungen. Es gab wenige Phasen, in denen ich Single war oder viele One-Night-Stands hatte. Wenn es bei den ersten paar Dates gestimmt hat und man eine gemeinsame Ebene finden konnte, war es für mich immer spannend, den nächsten Schritt miteinander zu gehen. Es hat mich jedes Mal gereizt, jemanden wirklich kennenzulernen.

MYP Magazine:
Zu Beginn Deiner vierten Lebensdekade hast Du eine Frau kennengelernt, mit der Du noch einen Schritt weitergegangen bist…

Bulgarian Cartrader:
Meine Freundin und ich sind seit vier Jahren zusammen, unser Sohn kam vor wenigen Wochen zur Welt. Ich bin sehr dankbar darüber, dass ich diese ganze Zeit sehr bewusst und intensiv erleben darf. Das war und ist ein besonderes Zeitfenster in meinem Leben.

MYP Magazine:
Eine freche Frage an Dich, die sonst immer Frauen gestellt wird: Wie bringst du Kind und Karriere unter einen Hut?

Bulgarian Cartrader:
Ich glaube, dass in vielen früheren Beziehungen mein Beruf oft zu schwierigen Situationen geführt hat. Heute bin ich allerdings in einer Beziehung, in der es zwar auch nicht einfach ist, aber trotzdem viel besser funktioniert – weil wir uns sehr respektieren und bewusst über unsere Bedürfnisse sprechen. Natürlich kann keiner sagen, mit welchen Konflikten wir konfrontiert würden, wenn ich zum Beispiel mal im Ausland touren würde. Aber ich glaube daran, dass wir es schaffen, weil unsere Familienstruktur auf sehr gesunden Beinen steht.

»Ich lebe ständig in der Zukunft, obwohl ich von der Vergangenheit tilge.«

MYP Magazine:
In Deinem musikalischen Werk sticht vor allem Dein Sprachtalent hervor. Dafür, dass Deutsch theoretisch nicht Deine Muttersprache ist, benutzt Du einen extrem virtuosen Wortschatz, bei dem viele deutsche Popmusiker vor Neid erblassen sollten. Und auch Dein Englisch ist angereichert mit eleganten Sprachbildern. Wie entstehen Deine Texte?

Bulgarian Cartrader:
Manchmal lege ich mir Wortlisten zurecht, mit Begriffen, die einen besonderen Klang oder eine aufregende Bedeutung für mich haben. Und manchmal stehe ich morgens einfach auf und stelle mich, noch so halb im Dämmerzustand, vor das Mic und lege einfach los.

MYP Magazine:
So fängt es an, aber wie stellst Du einen Song fertig?

Bulgarian Cartrader:
Es fühlt sich so an, als würde ich tagelang auf einem unbequemen Stuhl sitzen. Und dann weiß ich: Wenn ich jetzt noch eine Woche damit trödle, verliere ich den Schwung und dann zerbröckelt der Moment. Warum das so ist, bleibt ein Mysterium, nämlich das der eigenen Seele. In sehr kreativen Phasen bin ich ständig unruhig und möchte die nächsten Songs und das nächste Album komponieren. Das Paradoxe dabei: Ich lebe in solchen Momenten ständig in der Zukunft, obwohl ich von der Vergangenheit tilge und schreibe.

»Dieser Glücksbringer hält mich in jedem harten Berliner Winter warm.«

MYP Magazine:
Du hast einen Glücksbringer, der über Dein Alter Ego als Bulgarian Cartrader wacht: ein magisches Schafsfell. Was hat es damit auf sich?

Bulgarian Cartrader:
Der Bruder meiner Großmutter, mein Großonkel Ivan, war der letzte in der Familie, der eine Schafherde besessen hat. Er lebt immer noch mit seinen Hühnern und einer Kuh in der sogenannten Schoppenregion bei Sofia, in der die Menschen für ihren speziellen Humor bekannt sind. Vor Jahrzehnten hat er Felle seiner Schafen zu einem Mantelmacher ins Städtchen gebracht. Das Stück, das daraus entstanden ist, hat er an mich weitergegeben. Und dieser Glücksbringer hält mich in jedem harten Berliner Winter warm. Dieser Mantel umgedreht, also mit dem groben Schafsfell nach außen, plus zwei bis drei Ikea-Schafsfelle um meinen Kopf geschlungen, ergeben das Cover meiner ersten Single.

MYP Magazine:
Die letzte Frage gebührt einem Automobil: Auf dem Weg vom Shooting zum Café hast Du mich mit Deinem aktuellen Wagen mitgenommen, ein alter Benz. Wie ist der in Deine Familie gekommen?

Bulgarian Cartrader:
Genau gesagt handelt sich um einen W124, Modell 260E, Baujahr 1991. Ich habe den Motor komplett von einem Leipziger Mechaniker namens Karsten restaurieren lassen. Er ist ein Meister der alten Garde, der mein Auto vor dem Schrottplatz bewahrt hat und mir mit seinem sächselnden Akzent regelmäßig Tipps übers Telefon schickt, wenn der Benz mal wieder Zicken macht. Übrigens eine Bitte als Mercedes-Fahrer: Mensch Leute, wenn ihr die Sterne abreißen wollt, dann macht das bitte bei den Neuen für 80.000 Euro aufwärts – aber doch nicht bei einem schrulligen alten Opa-Benzo!

Unser ganz besonderer Dank

geht an Bartosz Navarra. Der Auto-Liebhaber stellte uns seinen Porsche 944 Safari zur Verfügung. Im Mai 2022 hat er mit dem Offroad-Wagen eine 6.000-Kilometer-Rally von Südfrankreich über Andorra und Nordspanien bis nach Portugal absolviert. Sein Streben nach Mobilitätsnostalgie kann man auf der Seite WAGEN WAGEN verfolgen, sein Gespür für zeitlose Ästhetik lebt er in seiner Agentur für visuelle Kommunikation aus.


Ólafur Arnalds

Interview — Ólafur Arnalds

»People don’t know what silence is anymore«

The Icelandic composer Ólafur Arnalds achieves what seems like a contradiction: With his opulent, sophisticated, and sensitive music, he leads his audience to a moment of total silence. This is also urgently needed, as our society seems to be increasingly losing its sense of stillness. We met him for a very personal interview about elitist art schools, the need to protect himself from other people’s emotions, and the insight that there are more important words in his life than »music.«

23. Oktober 2022 — Interview & text: Jonas Meyer, Photography: Maximilian König

The world is a mess. Glaciers are melting, species are dying out, oceans are polluted, and there are fewer and fewer places on the planet that are completely dark at night. If that wasn’t enough, Earth has another problem to deal with: noise pollution. According to researchers, the constant presence of various noises caused by industry, mining, forestry, and transportation are increasingly affecting the health of flora, fauna, and us, the humans.

So, it’s high time to do something. If it can’t be done on a large scale first, maybe at least on a small one—as practiced by Ólafur Arnalds. The 35-year-old musician and producer from Reykjavík, Iceland has made it his mission to help people regain a real sense of silence through his music.

What sounds like a contradiction in words can be experienced live at one of his shows, such as his performance at the Tempodrom venue in Berlin a few weeks ago. Over the course of the concert, he successively reduced the volume, speed, and intensity of his music until at the end he creates what he has been working towards for almost two hours: total silence—at least when the audience joins in. Because total silence is something that not everyone can handle. The night before, when singer-songwriter Ry X asked for a short moment of quiet and meditation in the same place, here and there people could be heard laughing, whispering, or clearing their throats.

But Ólafur Arnalds seems to have tamed his crowd. Before that, he gave them an entire evening filled with ecstatic soundscapes and sensitive melodies, presenting mainly his newest album, Some Kind of Peace, which he released in 2020. A few hours before the show, we had the chance to meet him backstage for an in-depth interview.

»For me, an album just doesn’t exist when you don’t play it live in front of people.«

MYP Magazine:
Ólafur, you are currently touring with your album Some Kind of Peace that you released in November 2020, which is kind of a time gap caused by Corona. Did your feeling for the songs and the way you play them change during that time?

Ólafur Arnalds:
Yeah, it’s quite funny because we didn’t really play them at all after recording. It feels a little bit that the album had disappeared in the meantime. For me, an album just doesn’t exist when you don’t play it live in front of people. That’s what brings songs alive. So, I had almost forgotten about these songs, also because I’ve been working on so much other stuff for the last two years which made that album lie far in the past and never gave it the chance to become deeply ingrained in me.

MYP Magazine:
That means you had to rediscover these songs…

Ólafur Arnalds:
Exactly. And this was fun—and a little difficult because I felt that most of my time was spent really learning the songs from new instead of developing them as I usually do for live shows after they have been released. But this time it was like I had to learn how to play them because I’d forgotten it. (smiles) But it was really great to come back to these songs and it feels amazing to be able to finally play and develop this music. Being on the road right now, we constantly play around with these songs, change them and work with them more and more.

»I’m writing visually, but in the sense that I’m looking at the notes on my paper or screen.«

MYP Magazine:
Listening to your music, I often have to think of these kinds of situations when two people meet, especially in the first seconds when a melody develops in the space between them. It’s like you could feel this space. Do you yourself have certain visuals in mind when you start writing a song? How does a melody find its way out of you?

Ólafur Arnalds:
It happens, but usually not. Of course, sometimes I’m thinking of specific emotions, people, or things that happened when writing a song. But most of the time I’m really just in the melody itself and it happens quite visually for me in the sense that I write it down. I work on a computer, often using MIDI sequencing to write string arrangements, for example. I think what you’ve heard when you introduce a melody, it sounds like it’s introducing people a bit and then later it feels like you know it, I guess that comes from me often writing in a visual way, looking at stuff and then I can see the patterns. Then I can kind of break them apart, maybe write backwards in a way. I often start with the main part and then I write the intro. And then I can take little bits of the main part and place them here and there. So, you feel like the melody is broken in a way when you first hear it, and later it comes together. I think that’s very much happening because I’m writing visually, but in the sense that I’m looking at the notes on my paper or screen.

»I still have a lot of empathy for people’s emotions, but I just try not to put that weight on my shoulders.«

MYP Magazine:
Your music touches many people across a broad spectrum of fundamental emotions. What level of responsibility does that bring for you? Do you sometimes even feel it as a burden to make music that has such an emotional impact on its audience?

Ólafur Arnalds:
Sadly, you have to disconnect yourself from that. If you’re empathetic enough that you feel the emotions of every person who sends you a letter or a message, or who you see in the room, then it becomes a burden. It’s not possible for a human to take all that on their shoulders. It would destroy you, and I am not an exception to that. That’s often why some people who are much more famous than I am have such great success—because they are distancing themselves much more from the public, to not let people’s emotions get to them. If you touch someone in that way, you don’t know them. If you’re going to take all of them on, it’s very heavy. I used to do it, I used to take it all on when I started to make music. I suddenly seemed to feel what everyone else was feeling, and I had to really learn how to distance myself from that. That doesn’t mean that I don’t care about it. I still have a lot of empathy for the people’s emotions, but I just try not to put that weight on my shoulders.

»I felt I had to protect myself, in a way.«

MYP Magazine:
Do you remember a specific note or message where people let you know about their emotions?

Ólafur Arnalds:
Yes, I remember many. I’ve met people with terminal illnesses and with whom I started exchanging letters, for example. They told me that my music was helping them going through something. Especially earlier in my career I always felt that I had to respond to those kinds of messages. I felt a responsibility to respond to a person who pours their heart out to me. So, I would make friendships with these people, and of course, it would destroy me one day when they pass away. That’s why I felt I had to protect myself, in a way.
I always remember this one person who, a long time ago, sent me a letter after a show. She had been very depressed and ended up in a hospital after a suicide attempt. In that moment, she was just angry because her attempt didn’t work. She had thought, “I’m gonna get out of here, so I can try it again.” One day her friend brought in an iPod—as I said, it was a long time ago (smiles)—and the only thing on it was my album. After listening to that, she said that she felt for the first time a willingness to live. She told me that there was a particular song she was listening to again and again that gave her the hope that there actually is some beauty in the world.

»It’s our responsibility as musicians to spread this gift that we’ve been given to the world.«

MYP Magazine:
If you can save just one life, it’s already worth doing the job…

Ólafur Arnalds:
Exactly. A year or two later she was healed, had a new job, was living a new life and finally came to my concert. That was the culmination of her personal journey and that’s when she sent me that letter. It was a very beautiful thing to receive and think, music actually can save a life. Even though I talked about the burden of feeling a personal responsibility for every human being who contacts me, I also do feel that it’s our responsibility as musicians to spread this gift that we’ve been given to the world—because it might do some good. I really believe music can change the world. It’s so cheesy, but music is the place where you offer kind of a neutral song—like Switzerland—and you can see the world from different perspectives because music has a language that can say something we cannot say with words. I think that’s more important than ever in these times—personally, emotionally, but also politically. That’s the responsibility I feel and that’s our mission here.

»People don’t know what silence is anymore.«

MYP Magazine:
On our planet, it‘s very hard to find a place that is completely dark at night—because of the light pollution. And it’s pretty much the same with noise. Would you say that, with your music, you can create silence where usually there is none?

Ólafur Arnalds (smiles):
That’s something we play with as an instrument; we love to play with the silence of the audience. One of our biggest missions every day is the walk around the venue to find everything that makes a little bit of noise—because people don’t know what silence is anymore. They just don’t know. When they come home, they think it’s silent there. But it’s actually not. The air conditioner is on or the refrigerator, for example. That’s why few people have truly experienced complete silence in their lives.

MYP Magazine:
I can imagine some people are also afraid of total silence. Last night at the Ry X concert, for example, he asked the audience for a common moment of silence and meditation. A lot of people tried it, but there were also some that were just not able to pause and remain in complete silence. They coughed, started whispering after a few seconds, a few made jokes…

Ólafur Arnalds:
I think it’s difficult to force people into an uncomfortable situation. You have to create the silence for them. That’s why we try to leave the music successively: The way the set list and everything is built is aiming towards this final point at the concert, which is complete silence. It happens so gradually and so slowly that people don’t really realize that they are being tricked into complete silence. (laughs) But at the end, we often have 20, 30 or even 40 seconds of complete silence with 3,000 people in the room. Sometimes it works, sometimes it doesn’t.

»This possibility of everything is not always helpful—because when you can do everything, where do you start?«

MYP Magazine:
Since you’ve been making music, film music has always played an important role in your artistic work. Why are you personally so fascinated by this genre and by creating music for series and movies?

Ólafur Arnalds:
It’s mostly the process of it. When I do my own albums, I always start with a completely blank slate. In theory I could do anything. I could do a hardcore metal album if I wanted to, whatever. But this possibility of everything is not always helpful—because when you can do everything, where do you start? You always have to start with creating some boundaries, like “I’m gonna make a piano record” or “I’m gonna start with a piano.”
The beautiful thing about working for films is that there is already a boundary. There is a character, there is a story, there is a script, there might even be a cinematic style already so you can have a feeling for the show, and often there are some specific wishes of the director. They usually come to you and say: “I want it to sound like this and this.” It’s nice to work within those limitations because actually, you become more creative by that. The more limitations there are, the more you have to fight and push in new directions to find a way to create something great within those boundaries. This is what I actually enjoy. And it helps me when I come back to my own albums because I’ve usually learned something new through this process. It often pushes me somewhere I hadn’t been going otherwise.

»There was a moment when I felt that I had to make sure that people see me and my music in a more positive light.«

MYP Magazine:
One of your most famous film compositions is the soundtrack for the crime series Broadchurch, in which the murder of a little boy is investigated. It seems that the music and the series are firmly intertwined. Did you ever worry that this symbiosis would rub off on your other work? That people would always associate your sound with such a dark story, and you would need to protect your music?

Ólafur Arnalds:
Worry is not a feeling that I have in my vocabulary. I don’t worry about anything. It’s weird, I didn’t really understand the construct of worrying until I met my girlfriend. She worries all the time. But I’m raised differently, I guess. I’m always the opposite of it, which for me is obliviousness. (smiles)
I remember one time I was watching the Icelandic news and after that a 60-minute-show where they used to focus on one subject. It was about date rape drugs, a really dark and horrible subject, and the whole show was underscored by my music. I thought: “Oh shit, I have to get out of this. That’s going to be the music people will go to when they talk about horrible stuff.”
So, yes, there was a moment when I felt that I had to make sure that people see me and my music in a more positive light. I do make an effort! If you watch my music videos and all the content we produce, it’s all way more positive. It is rare that you see something really sad happening. I always think—and that may come from my experience in film scoring as well: If you have a sad scene in a movie and you put sad music under it, then you have cheese, you have kitsch. You need to be a little more creative with how to put these things together. You could combine sad music with something less obvious and more unexpected—like in the German film Victoria, for example. There’s a great party scene where the main actress is in the club. Suddenly all the music goes out and there is this really sad piano coming and everyone is partying. That’s so interesting!

»In music—and in arts generally—doing it wrong is usually a good thing.«

MYP Magazine:
I found out that, when you were studying composition at the Arts Academy, you had to fight battles with your teacher over and over again. You had a teacher who thought that everything that you thought was right, was wrong. Do you feel anything like satisfaction today? Or do you think that these battles helped you to develop your very own musical style in the end?

Ólafur Arnalds:
The latter might be right—because I’m very stubborn. I think when somebody says “You’re doing it wrong,” then I double down and do it even more like that. In music—and in arts generally—doing it wrong is usually a good thing. So, it did push me, it made me want to explore even further what I was beginning to explore. Don’t get me wrong: I understand teachers. Their role is to introduce you to new things, not to what you already know. But I didn’t like the vibe there. In many art schools, when you talk about classical music, it can be a little elitist in that sense…

MYP Magazine:
But wouldn’t it be in the interest of classical music if it were more inclusive and many more people engaged with it?

Ólafur Arnalds:
Right, that’s what I think. But a lot of people in classical music think differently. They think it should be exclusive. They like their little club, you know? (laughs) But at the same time, you have these orchestra marketing directors who try to appeal to the public with some horrible ideas.

»I think my role is more to poke and annoy people a bit—I enjoy that in a sense.«

MYP Magazine:
Have you ever met that art school teacher again?

Ólafur Arnalds:
Yeah, we meet from time to time. There aren’t any hard feelings. It’s just a nice story today and he understands. When I met him one of the last times, we had a few drinks at a music industry event a couple of years ago. At that time, I was thinking about going back to school to finish my studies—because I was having imposter syndrome. Although I was already successful, but I felt I didn’t deserve it because I thought I didn’t know shit about anything I was doing. I continuously said to myself: “Why I am here? I have to finish my studies so I actually can get good at composing.” I told that to my former teacher and said that I really wanted to go back. And he just answered: “Why would you? Everything is fine.”

MYP Magazine:
I can imagine that these elitist people you talked about are also strictly against the combination of classical music with electronic music or against the use of high tech. You, on the other hand, seem to be eager to unite these worlds. Would you say that you can continue to tell the history of classical music with this approach?

Ólafur Arnalds:
I used to think so and it used to be a part of my mission. But today, at this point, I’m like “Fuck it!” If they want to kill themselves like that, they can die. I’m not the savior of classical music, I don’t want to be that and that’s not my job, also because I’m not from classical music. If someone needs to save classical music, it needs to be a person who grew up in classical music, who knows classical music and who can play classical music. That’s definitely not me. I think my role is more to poke and annoy people a bit—I enjoy that in a sense—and to try to open some doors. Then hopefully someone else can follow me through these doors. That would make me very happy.

»What if I could create software that would think like software but play like a human?«

MYP Magazine:
You invented a special form of a self-playing piano steered by artificial intelligence. Two of them are currently accompanying you on your tour. Why did you feel the need for that?

Ólafur Arnalds:
The idea came from a time when my hand was injured and couldn’t play the piano very well. So, I was looking for creative ways to create piano sounds because when a piano could play itself, I wouldn’t need my hand. Of course, my hand healed after some time, but this funny idea was actually very interesting and triggered a sequence of events. I wondered: What if I would think not only about what we can do physically, but also what our brain can do? What if I could create software that would think like software but play like a human? The results would be something I would have never thought about because even if I myself would play like this, I could never move my fingers in that way. So, an idea was born to discover some new sounds and melodies that I wouldn’t have found any other way—and that pushed the boundaries of what I’m doing a little bit. That’s good because I don’t want to be too stuck in piano music, neoclassical music or whatever you want to call it. I want to be bigger than that in a sense.

MYP Magazine:
Can you explain how exactly this machine works?

Ólafur Arnalds:
It works through MIDI, a very simple signal protocol that’s often used in music. On my grand piano I have a sensor that captures what I play, for example a C major chord. It sends that chord to the software which distributes it to two self-playing pianos enriched by generative rhythmical textures that are based on the melodic material that I’m creating. By that, I myself can control the parameters of the textures, such as fast or random, or slow and rhythmic, or heavy, or light, which means it’s not completely an AI thing. It just accompanies me in a way.

»Music is my whole life, but it isn’t an important word as such.«

MYP Magazine:
Last year you released a track called “Saudade.” In the Portuguese language the word Saudade describes a very special emotion, which could be described as a mixture of sadness, wistfulness, longing, or gentle melancholy. How did you find that word? And why did you want to dedicate a song to it?

Ólafur Arnalds (smiles):
The word came to me on tour. We have something of a quirk which we call “word of the day.” Every day in different cities we come across so many signs, instructions, and words in the language of the particular country, that Àrni, one of our team members, puts up one sign which includes the word of the day. One day he proclaimed Saudade and has taught us about its meaning—a really fantastic word that I’ve had in my mind ever since. And then I had this song and just needed a title. It’s not any deeper than that. (laughs)

MYP Magazine:
Speaking of words: The philosopher Albert Camus once listed the ten most important words of his life—Les dix mots préférés d’Albert Camus: the world, the pain, the earth, the mother, the humans, the desert, the honor, the misery, the summer, the sea. What are the most important words of your life?

Ólafur Arnalds:
It’s a really interesting question because there are definitely important things that I do in my life, but the word for these things might not be that important—like “music,” for example. Music is my whole life, but it isn’t an important word as such. I don’t say that word, I just do it. But to name a specific word: One of the most important things in my life is perspective. There is a lack of perspective in the world, that’s why it’s something to fight for. In addition, important are empathy, tolerance, and kindness. You can see where I’m going with this, I was raised by two hippies. (smiles) But these are the things that really stay on my mind.


Oliver Polak

Interview — Oliver Polak

»Wahrhaftige Liebe ist das Gegenteil von Magie«

Die erste Liebe im Emsland, ein Rendezvous im Pariser Rotlichtmilieu, ein Treffen mit einer depressiven Domina in New York – und das alles via Dating-App. In seinem neuen Buch »L’amour numérique: Und täglich grüßt die Liebesgier« erzählt Komiker Oliver Polak von den erhebenden und ernüchternden Herausforderungen der modernen Liebe – und legt dabei einen tiefen Seelenstriptease hin. Ein Gespräch über die Tücken des Anbandelns im digitalen Zeitalter, einseitige Unterhaltungen und die Feststellung, dass der Deutsche schon als Werkseinstellung eine Fresse zieht.

18. Oktober 2022 — Interview: Katharina Viktoria Weiß, Fotografie: Steven Lüdtke

„L’amour numérique“, der neue Episodenroman von Bestsellerautor und Comedian Oliver Polak, ist von vielen popkulturellen Referenzen durchzogen. Eine davon ist der Song „Crown“ von Kendrick Lamar. Vor allem eine Zeile scheint Polak dabei zu inspirieren, denn sie taucht gleich in mehreren Kapiteln auf: „Love can change with the seasons / And I can’t please everybody“.

Den Vorwurf, einfach nur gefallen zu wollen, kann man Oliver Polak schwerlich machen, als wir ihn zum Interview im Burlesque-Lokal „Zum Starken August“ treffen. Während sein alter Hund Arthur niedlich über den Boden der Zirkusbar trottet, scheint sein Herrchen zu Beginn des Fotoshootings noch etwas in sich gekehrt.

Schlechte Onlinedates umschreibt Polak in seinem Buch als „mieses Vorstellungsgespräch“. Kurz keimt die Angst auf, das Interview mit ihm könne auch ein solches werden, als er langsam auftaut. Wer sich darauf einlässt, erkennt, dass er eine gewisse Kompromisslosigkeit an sich hat, die ihn zu einem anziehenden Gesprächspartner macht. Mehr Sparringspartner als Smalltalker – und in seinen ehrlichen, vielleicht auch verletzlichen Tönen entpuppt er sich als scharfer Beobachter unserer Gesellschaft.

Dabei ist es gar nicht so einfach, über „L’amour numérique“ zu sprechen. Denn auch wenn das Buch eine novellistische Tarnfarbe trägt, ist die Hauptfigur mehr Polak-Protagonist als Fabelwesen: Das lyrische Selbst ist Stand-up-Comedian, Fan von Balenciaga-Couture und geht eigentlich nirgendwo ohne seinen Hund Toto hin. Kurzum: Polak schreibt über sich selbst, nur poetisch verdichtet, und spricht dabei Wahrheiten über die Anbandelung im digitalen Zeitalter aus, deren kurzweiliger Liebesfrust große Leselust bereiten.

»Ich bin immer noch bei Tinder angemeldet, ohne wirklich aktiv zu sein.«

MYP Magazine:
Oliver, bist du selbst auf Dating-Plattformen für Normalsterbliche aktiv? Oder hast Du dich in Wirklichkeit schon bei Raya angemeldet, der VIP-App für die digitale Liebessuche?

Oliver Polak:
Ich war mal im Borchardt in Berlin. Rechts von mir saß Johann König und auf der anderen Seite hatte es sich Philipp Ruch vom Zentrum für politische Schönheit mit einer ganz besonderen Frau bequem gemacht. Als die mal kurz weg war, fragte ich ihn: „Was ist denn hier los?“ Und er sagte: „Tja, Raya.“ Ich wusste nicht, was er meinte, deshalb erklärte er mir, dass das eine Promi-App sei, für die man eine Einladung bekommen müsse. Kurz darauf hat Philipp Ruch mir so eine Einladung für Raya geschickt. Und dann hatte ich ein Date mit ihm.

MYP Magazine:
Hält die App, was sie verspricht?

Oliver Polak:
Ich habe mich da kurz angemeldet – war ganz lustig und interessant. Aber ich habe mich dann nicht weiter damit beschäftigt. Ich bin auch immer noch bei Tinder angemeldet, ohne wirklich aktiv zu sein.

»Das klingt schlimmer als Schlager. Dagegen ist Roland Kaiser Sartre.«

MYP Magazine:
„Ich hab‘ sie alle geliebt / Rom, Berlin und Paris / Und wenn ich mich erinner‘ / Irgendwie war‘s jedes Mal für immer“ – so lautet der Refrain des Songs „Für immer immer“ von Fettes Brot. Darin werden kleinen und großen Liebschaften des Lebens ein Denkmal gesetzt. Auch aufgrund seiner internationalen Schauplätze kann man „L’amour numérique“ durchaus ähnlich verstehen. Was war Dein Motor, solch ein Denkmal zu errichten?

Oliver Polak:
Uff. Das klingt schlimmer als Schlager, um ehrlich zu sein. Also dagegen ist Roland Kaiser Sartre. Muss man so sagen. Was war die Frage? Warum ich das Buch geschrieben habe?

MYP Magazine:
Genau, was Dein Motor dafür war. Und ob es auch so verstanden werden kann, dass es ein Denkmal für große und kleine Liebschaften ist.

Oliver Polak:
Nein, überhaupt nicht. Kompletter Blödsinn. Ist es nicht. Motor ist so ein komisches Wort. Wenn ich schreibe, denke ich an sowas gar nicht. Es ist eher so, dass man sich irgendwann hinsetzt, den Laptop aufklappt und so eine Geschichte hat. In diesem Fall fing alles mit einer Verabredung an, die nicht kam. Diese Situation wollte ich aufschreiben. Ich hatte nie den Plan, ein Buch über Onlinedating zu schreiben. Das hat sich so ergeben. Und mir geht es auch um die vielen echten Begegnungen, die eben nicht aus dem Onlinedating resultieren.

»Trifft mein Hauptdarsteller die Frauen, um sie zu lieben, oder trifft er sie nur, um sich nicht zu lieben?«

MYP Magazine:
Deinem literarischen Alter Ego scheinen ständig fremde, sehr attraktive Frauen zu begegnen, die auf spontanen Abenteuer-Sex mit ihm Lust haben. Was ist Dein Erfolgsgeheimnis?

Oliver Polak:
Sex empfinde ich nicht als großes Thema im Buch. Stattdessen geht es um die Suche nach Verbundenheit – sowohl bei anderen Menschen als auch bei sich selbst. Trifft mein Hauptdarsteller die Frauen, um sie zu lieben, oder trifft er sie nur, um sich nicht zu lieben? Mein Protagonist erhofft sich keinen schnellen Sex, sondern sehnt sich nach dieser einen Person, die vielleicht mit ihm die Welt bereist.

MYP Magazine:
Also sehnt er sich nach Magie.

Oliver Polak: (schnaubt)
Nein, gerade nicht dieses Überhöhte, sondern eher das Gegenteil von Magie: das Wahrhaftige, das Echte, das Greifbare – etwas, das vielleicht auch dableibt und nicht nur Fantasie ist.

»Es gibt wenige Menschen, die mir Fragen stellen.«

MYP Magazine:
Ein Interesse an Wahrhaftigkeit merkt man Dir in vielen Deiner Formate an, wie etwa in „Gedankenpalast“ oder „Your Life Is a Joke“. Dort bist Du der Fragesteller – und dabei kein schlechter. Wie nutzt Du dein journalistisches Talent im Privatleben?

Oliver Polak:
Ich lebe gerade eher zurückgezogen, deshalb komme ich nicht in viele solcher Situationen. Aber wenn ich jemanden interessant finde, kann ich sehr neugierig sein. Auf der anderen Seite mag ich es gerne, wenn Leute mir gegenüber neugierig sind. Es gibt wenige Menschen, die mir Fragen stellen und nicht darauf warten, dass ich die Konversation leite.

MYP Magazine:
Hast Du das Gefühl, häufig der Treiber von Gesprächen sein zu müssen?

Oliver Polak:
Ja, ich habe immer das Gefühl, dass ich für Situationen verantwortlich bin und Sachen auffangen muss. Daran arbeite ich immer wieder: mir in diesen Momenten selbst zu sagen, dass dem nicht so ist – und dass ich nicht für alles verantwortlich bin.

MYP Magazine:
Wie schafft man das?

Oliver Polak:
Indem man zulässt, einfach nichts zu unternehmen.

»Ich finde es für die Gesellschaft grundsätzlich gut, dass es Rotlicht-Dates gibt.«

MYP Magazine:
Wurdest Du beim Onlinedating eigentlich schon mal von einem Fan gematcht?

Oliver Polak:
Nein. Während Corona habe ich Tinder mal in Berlin benutzt. Da habe ich eine Frau aus Poznan in Polen kennengelernt, die nicht wusste, was mein Beruf ist. Ansonsten habe ich die App eher im Ausland angeschmissen.

MYP Magazine:
Apropos Beruf: Das erste Kapitel Deines Buches ist einer spontanen Liaison mit einer Sexarbeiterin in Paris gewidmet, später trifft Dein Alter Ego auf eine depressive Domina in New York. Wie ist Dein generelles Verhältnis zu Rotlicht-Dates?

Oliver Polak:
Wenn alles freiwillig geschieht, finde ich es für die Gesellschaft grundsätzlich gut, dass es das gibt.

»Ich kann sowohl gute Komplimente machen als auch Leute sehr hart verletzen. Dazwischen gibt es bei mir nicht viel.«

MYP Magazine:
Im Buch wirkt es so, als hätte der Icherzähler sein erstes Mal mit 17 Jahren mit einer Sexarbeiterin in Holland…

Oliver Polak:
Nein, es ist nicht sein erstes Mal. Nur das erste Mal, dass er sich in der Gegenwart einer Frau wohlfühlt.

MYP Magazine:
Eine Frau, bei der Du dich sehr wohlfühlst, ist deine Tante in Amerika. In Kapitel Nummer drei findet sich eine Liebeserklärung an sie: „Mit ihr kann ich die Freuden des Lebens teilen, um gute Komplimente ist sie nie verlegen.“ Hast du diese Kunst von ihr erlernt?

Oliver Polak:
Ich kann sowohl gute Komplimente machen als auch Leute sehr hart verletzen. Dazwischen gibt es bei mir nicht viel. Übrigens schätze ich an meiner Tante, was ich an vielen Amerikanern schätze: Sie ist immer sehr positiv gewesen. Viele Gespräche beginnen mit einem Kompliment zum Sweatshirt und ehrlichem Smalltalk. In Deutschland wird es als oberflächlich abgetan, ich empfinde es aber als positive Lebenseinstellung. Mein Freund Micky Beisenherz hat mal gesagt: Der Deutsche zieht schon als Werkseinstellung so eine Fresse (macht eine ausladende Geste mit Händen und Unterkiefer). Teilweise bemerke ich diese Negativität auch an mir. Aber ich wohne nun einmal seit 46 Jahren in Deutschland, das färbt natürlich ab.

»Ich bin nach Hause gerast, um mir einen Fummel meiner Mutter überzuwerfen.«

MYP Magazine:
Sprechen wir weiter über die weiblichen Figuren in Deiner Biografie und in Deinem Buch, besonders über eine: Stimmt es, dass du in den Klamotten Deiner Mutter eine Reise nach Paris gewonnen hast?

Oliver Polak:
Ja. Als Teenager besuchte ich eine NDR-2-Party. Highlight dieses Abends: Wer von den Männern als erster als perfekt zurechtgemachte Frau wieder in der Halle auftauchte, würde die Reise gewinnen. Also bin ich nach Hause gerast, um mir einen Fummel meiner Mutter überzuwerfen und mich in ihr Cartier-Parfum einzuhüllen. So habe ich tatsächlich den Trip für zwei Personen geholt.

»Grundsätzlich fände ich es besser, jemanden kennenzulernen, der meine Sachen noch nicht gelesen hat.«

MYP Magazine:
Schauen wir in die Liebeszukunft von Oliver Polak. Im Buch verkündet die Mutterfigur: „Ich habe dein neues Buch gelesen. So wirst du in diesem Leben bestimmt keine Frau mehr kennenlernen. Fehlt nur noch, dass du dich umbringst.“ Hast Du Angst, dass Deine zukünftigen Dates dieses Buch noch vor dem ersten Treffen gelesen haben?

Oliver Polak:
Nein, das juckt mich nicht. Allerdings ist „L’amour numérique“ nicht mein erstes Buch. Grundsätzlich fände ich es besser, jemanden kennenzulernen, der meine Sachen noch nicht gelesen hat. Denn ansonsten sitze ich da beim Date, erzähle meine Anekdote – und die Dame gegenüber lacht nicht und zeigt sich auch nicht interessiert, sondern sagt nur gelangweilt: „Ah ja, die Geschichte kenne ich schon, habe ich schon in deinem Buch gelesen.“


Jonas Nay

Interview — Jonas Nay

»Journalismus macht man nicht von der Poolbar aus«

In Bully Herbigs neuem Film »Tausend Zeilen« ist Schauspieler Jonas Nay in der Rolle des allseits gefeierten Reporters Lars Bogenius zu sehen. Für seine packenden Reportagen wird dieser mit Preisen überhäuft – dabei hat er alles nur erfunden. Ein Gespräch über gespielte Empathie, die Bedeutung von Journalismus sowie die Frage, wie sich der Kinofilm zur realen Betrugsaffäre um Spiegel-Reporter Claas Relotius positioniert.

28. September 2022 — Interview & Text: Katharina Viktoria Weiß & Jonas Meyer, Fotografie: Steven Lüdtke

Eine bewaffnete Bürgerwehr in der Wüste von Arizona, die auf Geflüchtete schießt, um sie an der illegalen Einreise von Mexiko in die USA zu hindern. Ein 13-jähriger Syrer, der in der Stadt Daraa mit einem Graffito Präsident Assad beleidigt und damit den Syrienkrieg auslöst. Ein Gespräch mit den Eltern von Footballspieler Colin Kaepernick, der sich aus Protest gegen Rassismus in den USA vor Spielbeginn zur Nationalhymne hinkniete. Gab es alles nicht. Zumindest nicht so, wie es erzählt wurde.

Am 19. Dezember 2018 machte das deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegel öffentlich, dass Claas Relotius, damals 33 Jahre alt und ein gefeierter Reporter des Hauses, über Jahre große Teile seiner Reportagen und Interviews frei erfunden beziehungsweise Fakten falsch dargestellt, verfälscht oder hinzugedichtet hatte. Die Affäre löste national wie international regelrechte Schockwellen aus und beschädigte nicht nur den Spiegel schwer, sondern stellte einen gesamten Berufsstand unter Generalverdacht. Wenn so etwas bei einem derart renommierten Blatt passieren konnte, war das vielleicht gar keine Ausnahme, sondern eher die Regel?

Aufgeflogen war das Ganze durch Relotius‘ Kollegen Juan Moreno, der mit ihm im Herbst 2018 an einer Reportage über US-Bürgerwehren an der Grenze zu Mexiko arbeitete. Moreno fand in Relotius‘ Text diverse Ungereimtheiten, überprüfte angebliche Fakten und teilte seinen Verdacht der Ressortleitung mit. Diese reagierte skeptisch bis kopfschüttelnd auf die Vorwürfe und nahm Moreno nicht ernst. Daraufhin entschloss er sich, seinem allseits beliebten und mit diversen Preisen ausgezeichneten Kollegen hinterher zu recherchieren. Und so besuchte er Mitglieder jener ominösen Bürgerwehr in den USA, um Beweise für seine Anschuldigungen zu sammeln und seinen Arbeitgeber endlich zu überzeugen.

Mit Erfolg: Am 17. Dezember reichte Claas Relotius seine Kündigung ein, zwei Tage später machte das Blatt die Sache publik und begann mit der umfangreichen Aufarbeitung des Skandals. Knapp ein Jahr später, am 17. September 2019, veröffentlichte Juan Moreno mit „Tausend Zeilen Lüge“ ein Buch über die Affäre.

Dieses Buch und die darin beschriebenen Ereignisse haben Regisseur Michael „Bully“ Herbig sowie die Produzenten Sebastian Werninger und Hermann Florin, von dem auch das Drehbuch stammt, zu einem Kinofilm inspiriert. Im Mittelpunkt von „Tausend Zeilen“, der gerade in den deutschen Kinos anläuft, stehen die Reporter Juan Romero, gespielt von Elyas M’Barek, und Lars Bogenius, dargestellt von Jonas Nay. Während der eine verzweifelt versucht, bei der schmierigen Chefredaktion des Nachrichtenmagazins Chronik mit seinen Anschuldigungen durchzudringend und dabei immer stärker Frau und Kinder vernachlässigt, wird der andere mit Preisen überschüttet und denkt sich immer neue Reportagen aus – bevorzugt von der Poolbar eines Luxushotels aus.

In einem Luxushotel treffen wir auch Jonas Nay zum Interview – allerdings nicht, weil der unprätentiöse Schauspieler dort bevorzugt absteigen würde. Sondern weil die Produktionsfirma hier einen großen Pressetag veranstaltet. Bevor wir mit dem Gespräch starten, schnappt sich der 32-Jährige erst den Frisierumhang der Visagistin und dann den Kopfschmuck unserer Chefredakteurin, um sich damit vor der Kamera in Szene zu setzen. Was folgt, sind turbulente 60 Minuten, in denen nicht nur der Concierge spontan mit einbezogen wird, indem er ein Hemd als weitere Kostümvariante zur Verfügung stellt. Sondern auch das Hausmeister-Team, das Jonas Nay freundlich eine Leiter überlässt, damit er sich inmitten der Deckenbeleuchtung fotografieren lassen kann. Was für ein Warm-up!

»Ich habe mich gefragt, was das wohl für ein System gewesen sein musste, in dem so etwas über Jahre nicht aufgeflogen ist.«

MYP Magazine:
Als vor knapp vier Jahren die sogenannte Relotius-Affäre öffentlich wurde, löste sie medial regelrechte Schockwellen aus. Erinnerst Du dich noch, welche Gedanken Dir damals durch den Kopf gegangen sind, nachdem Du von der Sache erfahren hattest?

Jonas Nay:
Ich muss gestehen, dass ich damals zwar mitbekommen habe, dass es beim Spiegel eine große Betrugsaffäre gab, die für den Journalismus ein ziemlicher Paukenschlag gewesen sein muss. Aber jene Schockwelle hat mich persönlich nicht mit aller Wucht erwischt, da ich in der Zeit in zwei parallel stattfindenden Drehs in Kroatien und Belarus eingespannt war. So bin ich erst richtig in die Materie eingetaucht, als plötzlich dieses Filmprojekt auf meinem Tisch lag. In der Vorbereitung auf meine Rolle habe ich all die gefälschten Reportagen und Interviews von Claas Relotius gelesen, die der Spiegel – mit Kommentaren versehen – im Nachhinein wieder online gestellt hat. Dabei habe ich mir immer wieder die Augen gerieben und mich gefragt, was das wohl für ein System gewesen sein muss, in dem so etwas über Jahre nicht aufgeflogen ist.

»Ich muss klar herausstellen, dass ich nicht Claas Relotius spiele.«

MYP Magazine:
Auch vor Claas Relotius gab es bereits Journalist:innen, die Artikel gefälscht hatten – wie etwa den Schweizer Tom Kummer, der in den 1990er Jahren Interviews mit etlichen Hollywood-Stars fingiert hatte. Solche Skandale lösen immer wieder öffentliche Debatten über die Ethik des Erzählens im Journalismus aus. Fühlst Du dich als Schauspieler ebenfalls bestimmten ethischen Grundregeln verpflichtet, wenn Du eine Figur spielst, die wie etwa Lars Bogenius an eine reale Person der Zeitgeschichte angelehnt ist?

Jonas Nay:
Zuerst einmal muss man klar unterscheiden zwischen journalistischem und fiktionalem Erzählen. Der Beruf, den ich ausübe, lebt davon, dass man Dinge erfindet. Er lebt davon, dass ich als Schauspieler durch meine Performance versuche, dem Publikum bestimmte Emotionen nahezubringen, damit Zuschauer:innen eine Empathie für meine Figur entwickeln können. Demgegenüber verstehe ich den Journalismus als einen Beruf, in dem es darum geht, die Wahrheit – also das, was ist – in Worte zu fassen und der Leserschaft beizubringen. Natürlich variiert das Erzählen ein wenig von Ressort zu Ressort, aber das Grundprinzip der Wahrheitstreue bleibt dasselbe.
Davon abgesehen muss ich klar herausstellen, dass ich nicht Claas Relotius spiele. Sowohl Hermann Florin als auch Bully Herbig haben von Anfang an betont, dass wir keinen Film über Claas Relotius und Juan Moreno machen. Wir erzählen eine fiktive Geschichte, die inspiriert ist von Morenos Buch.
Als ich mich im Vorfeld mit Bully über meine Figur unterhalten hatte und ihn fragte, wie nah ich mit diesem Lars Bogenius an die real existierende Person Claas Relotius heranrücken sollte, sagte er: „Mach dich davon frei. Dein Bogenius ist ein fiktiver Betrüger, der inspiriert ist von all den Erfahrungen, die du als Mensch im Laufe deines Lebens gesammelt hast.“ Das Erste, was ich also getan habe, um in die Rolle eines Hochstaplers einzusteigen, war, „berühmteste Betrüger“ zu googeln. Dabei bin ich beispielsweise auf Stephen Glass gestoßen, dessen Fall noch etwas näher an der Causa Relotius ist als der von Tom Kummer. So habe ich mich Stück für Stück durchgearbeitet und mir die Kirschen für meinen fiktionalen Charakter herausgepickt.

»Lars Bogenius lebt von der sogenannten Spiegeltechnik – was übrigens viele Betrüger tun.«

MYP Magazine:
Es gibt im Film immer wieder Situationen, in denen man das Gefühl hat, diesem Lars Bogenius ein wenig näherzukommen. Etwa bei seinem mal freundlichen, mal aufbrausenden Umgang mit Kolleg:innen. Bezeichnend ist auch eine Szene, in der Bogenius von einer Redakteurin spontan in den Arm genommen wird. Er ist nicht in der Lage, diese plötzliche Herzlichkeit zu erwidern, sondern streckt ungelenk beide Arme von sich. Welche Bedeutung haben diese Unsicherheit und der offensichtliche Mangel an sozialer Kompetenz für die Ausgestaltung der Figur?

Jonas Nay:
Erstens habe ich Lars Bogenius einen leichten Asperger-Hauch gegeben und ihn so gezeichnet, dass er von der sogenannten Spiegeltechnik lebt – was übrigens viele Betrüger tun. Dabei geht es darum, in der eigenen Körpersprache und dem eigenen Ausdruck das Gegenüber zu kopieren, um eine gewissen Nähe herzustellen, und zwar so, dass es davon nichts merkt. Zweitens, und auch das tun viele Betrüger, versucht Lars Bogenius immer wieder, bei seinen Mitmenschen persönlich anzudocken und für deren privaten Schicksale eine aufrichtige Anteilnahme vorzutäuschen. Das wiederum gelingt ihm besonders gut, weil er dafür im Gegensatz zu seinen Kolleg:innen viel mehr Raum und Zeit in seinem Kopf hat. Er muss seine Reportagen nicht wie andere aufwendig recherchieren, sondern kann sie sich in aller Ruhe und ohne journalistischen Druck ausdenken.
Ich weiß aus meinem eigenen Beruf, wie sehr einen die Profession im Alltag einnehmen kann und wie sehr man dem hinterherrennt, was man erreichen möchte. Es passiert mir zum Beispiel oft, dass ich an der Supermarktkasse stehe und plötzlich über einen Songtext für meine Band nachdenke. Oder darüber, wie ich meine nächste Rolle ausgestalte. Oder wie die Szene war, die ich gerade gespielt habe. Wenn ich abends nach einem Drehtag ins Bett steige, ist mein Kopf voller Gedanken darüber, was über den Tag passiert ist und was morgen kommt. Ein Lars Bogenius hat solche Gedanken nicht – und kann sich daher voll und ganz der Manipulation seiner Umwelt widmen.

»Ich habe nicht den Eindruck, dass sich Lars Bogenius von heute auf morgen entschieden hat, Betrüger zu sein.«

MYP Magazine:
Im Film lernen wir die tatsächlichen Beweggründe von Lars Bogenius nie wirklich kennen…

Jonas Nay:
Nein.

MYP Magazine:
Hast Du persönlich eine Vermutung, was seine Motive sind? Will Lars Bogenius in erster Linie ein Hochstapler sein? Oder glaubst Du, dass er eher aufgrund des hohen Leistungsdrucks im Job in die Situation gekommen ist, Reportagen zu fälschen – etwa, weil es von Seiten der Chefredaktion oder Ressortleitung heißt: „Wir brauchen von dir in drei Tagen ein Text über dieses krasse Schicksal!“

Jonas Nay:
Ich glaube – und das ist nur meine persönliche Sicht – dass so ein Verhalten immer multikausal ist. Ich habe nicht den Eindruck, dass sich Lars Bogenius von heute auf morgen entschieden hat, Betrüger zu sein. In unserem Film habe ich es so erzählt, dass es irgendwann einen Zeitpunkt gab, ab dem Bogenius langsam angefangen hat, in seinem Leben Dinge dazu zu dichten, und damit sehr viel Erfolg hatte.

MYP Magazine:
Wie etwa das Erfinden einer todkranken Schwester.

Jonas Nay:
Genau, das hat ihm bei seinen Mitmenschen schon mal ein paar Empathiepunkte eingebracht und willkommene Ausreden beschert. Und was seine Artikel angeht, hat er zwar ursprünglich auch klassischen Journalismus betrieben, aber seine Texte dann immer weiter ausgeschmückt, Elemente verändert oder frei erfunden. Auch damit hatte er sehr viel Erfolg und ich glaube, dass ihn diese Welle des persönlichen wie beruflichen Erfolgs bald vollständig getragen hat. Wenn so etwas passiert, schafft man irgendwann den Absprung nicht mehr. Man ist davon überzeugt, dass das alles doch irgendwie funktioniert.

»Ich mag es gerne ein wenig rationaler und kühler, wenn ich etwas Journalistisches lese.«

MYP Magazine:
Über Claas Relotius sagte damals Welt-Redakteur Christian Meier, dass dieser „mit Sprache so gut umzugehen vermag wie kaum jemand sonst seiner Generation“. Seine Reportagen seien fast immer spektakulär gewesen, außerdem extrem gut komponiert und geschrieben. Empfindest Du wegen dieses Talents auch so etwas wie Bewunderung gegenüber Deiner Figur Lars Bogenius – und in der Konsequenz auch gegenüber Claas Relotius?

Jonas Nay:
Ein Talent für packende Texte kann ich Claas Relotius auf jeden Fall attestieren – jetzt, da ich seine Reportagen gelesen habe. Er weiß, wie er mit Sprache umzugehen hat, um seine Texte spannend und unterhaltsam zu machen. Aber hier liegt auch die Crux. Ich persönlich finde seine Texte zu filmisch für einen Reportagestil. Ich mag es gerne ein wenig rationaler und kühler, wenn ich etwas Journalistisches lese. Allein deshalb empfinde ich hier schon keine Bewunderung.
Darüber hinaus haben seine Reportagen meistens scheinbare Sensationen aufgedeckt – was in erster Linie dem Umstand geschuldet war, dass er diese Sensationen selbst erfunden hat. Ich habe mich dazu lange mit Juan Moreno unterhalten und kann sagen, dass so ein Verhalten wohl der größte Schlag ins Gesicht eines ehrlichen Journalisten ist. Moreno hat mir von eigenen Reportagen erzählt, für die er beispielsweise in Kolumbien bei der damals neu aufkeimenden FARC-Guerilla recherchiert hatte. Er war mit seinem Fotografen dorthin gefahren und wusste nicht, ob er jemals wieder lebend zurückkommen und seine Familie wiedersehen würde. Er sagte zu mir, dass man als Journalist über so viele Grenzen gehe, um wirklich an ein Geschehen heranzukommen, dass es extrem wehtue, wenn jemand so etwas einfach frei erfinde – und damit mehr Erfolg habe als die, die die Regeln einhielten. Allein deshalb sei es so wichtig, so etwas aufzudecken. Oder um es auf Lars Bogenius zu beziehen: Journalismus macht man nicht von der Poolbar aus.

»Mit einem Michael Bully Herbig kommt man am Humor nicht vorbei.«

MYP Magazine:
Die Affäre Relotius wurde zu einer Zeit publik, in der klassische Medien weltweit ohnehin schon gegen Fake News und Trumpismus anzukämpfen hatten. Der Relotius-Fall war Wasser auf die Mühlen der Feinde der freien Presse und des unabhängigen Journalismus – also ein richtig ernstes Thema. Euer Film spielt in derselben Zeit wie der reale Skandal, arbeitet immer wieder mit komödiantischen Elementen, die eher an „Schtonk“ als an „The Post“ erinnern. Habt Ihr im Vorfeld diskutiert, wie viel Humor die Erzählung einer so eine brisanten Geschichte vertragen kann oder vielleicht sogar braucht?

Jonas Nay:
Das ist ein wichtiger Punkt. Wenn es um die Kreation unserer Figuren geht, treibt es uns Schauspieler:innen generell sehr um, in welche Richtung die Regie mit der Geschichte gehen und welche Tonalität sie treffen möchte. Auch bei „Tausend Zeilen“ gab es dazu im Vorfeld viele Gespräche. Ich glaube, mit einem Michael Bully Herbig kommt man am Humor nicht vorbei. Aus diesem Grund wurde er auch ausgewählt.
Gleichzeitig ist unser Film aber keine Mediensatire wie etwa „Schtonk“, den ich übrigens persönlich sehr mag. Der Humor, der bei uns stattfindet, hat sich eher aus den Absurditäten heraus entwickelt. Mir selbst ist es beim Lesen des Buches immer wieder so gegangen, dass ich laut auflachen musste – auf eine bittere und sarkastische Art und Weise. An vielen Stellen dachte ich einfach nur: What?! Wenn es darum geht, von wie vielen Leuten Claas Relotius in den Himmel gelobt wurde, wie viele Preise er gewonnen hat und wie wenig dabei von all dem Geschriebenen gestimmt hat, ist das alles an Absurdität kaum zu übertreffen. Daher war es naheliegend, aus der Geschichte kein investigatives Drama zu entwickeln – auch weil wir ohnehin nie an den tatsächlichen Wahrheitsgehalt herangekommen wären.

»Vielleicht ist Claas Relotius ja fein mit sich und der Welt.«

MYP Magazine:
Gab es im Vorfeld der Dreharbeiten Kontakt zu Claas Relotius?

Jonas Nay:
Das ist die Frage an den Falschen. Ich selbst habe nie mit ihm gesprochen. Für meine Figur wäre es auch ohne Bedeutung gewesen – spätestens ab dem Moment, als klar war, dass ich nicht Claas Relotius spiele, sondern Lars Bogenius, und es keinen direkten Einfluss der historischen Figur auf die fiktive gibt. Klar, natürlich würde ich mich gerne mal mit ihm unterhalten, weil er für mich als Schauspieler eine wahnsinnig spannende Persönlichkeit ist. Aber das hat nichts mit unserem Film zu tun.

MYP Magazine:
Hast Du Mitleid mit Claas Relotius?

Jonas Nay:
Mitleid? Hmm, nein. Ich finde, er hat einem der besten Magazine, die wir in Deutschland haben, und einem ganzen Berufsstand einen so unglaublich großen Schaden zugefügt, dass ich da kein Mitleid haben kann. Vielleicht ist er ja auch fein mit sich und der Welt.

MYP Magazine:
Hast Du Mitleid mit Lars Bogenius?

Jonas Nay:
Nein, auch nicht. Wenn man den Filmplot mal etwas weiterdenkt, glaube ich, dass es Lars Bogenius so richtig gut geht. Sicher hat er bereits Juan Romero sowie die Chronik auf Verleumdung verklagt, wird damit Erfolg haben und sich ein schönes Leben machen.

»Ich spüre die positive Energie, wenn ich irgendwo hinkomme und die Menschen sich freuen, mich zu sehen.«

MYP Magazine:
In der Redaktion der Chronik findet eine regelrechte Heroisierung des „Wunderkinds“ Bogenius statt, das war auch bei Claas Relotius so. Wie gehst Du als bekannter Schauspieler mit der gelegentlichen Überhöhung der eigenen Person um?

Jonas Nay:
Ich würde die Antwort gerne ein wenig biegen wollen. Ich kenne als Schauspieler den Zustand, in dem einem alles leichter fällt, weil man von anderen Menschen gemocht wird und diese Menschen einem nur Gutes wollen. Das war etwa nach meinem ersten Film „Homevideo“ so, als die Erfolgswelle einfach nicht abebben wollte – eine echt schöne Zeit. Auch wenn ich glaube, dass mir das nicht ungebremst zu Kopf gestiegen ist, spüre ich natürlich die positive Energie, wenn ich irgendwo hinkomme und die Menschen sich freuen, mich zu sehen – weil sie gut finden, was ich so mache. So eine Situation gibt einem das Gefühl, dass man erst mal nichts verkehrt machen kann. Auch Claas Relotius ist damals in seiner Welt – dem Journalismus – als Wunderkind gehypt worden und stand gleichzeitig noch unter Welpenschutz. Dieses Setting kann ich sehr gut nachvollziehen. Und ich glaube, es verleitet einen dazu, sich selbst nicht mehr so zu hinterfragen.

MYP Magazine:
Passiert es ab und zu, dass Du dich selbst googelst und zufrieden lächelst – wie Bogenius im Film?

Jonas Nay: (grinst)
Ich habe mich schon oft selbst gegoogelt – und ganz bestimmt habe ich da auch hin und wieder mal gelächelt.

»Es macht etwas mit mir, wenn ich das Gefühl habe, im Moment des Lesens ein echtes Schicksal vor Augen zu haben.«

MYP Magazine:
Am Ende des Films versucht sich Lars Bogenius mit folgenden Worten vor seinen Vorgesetzten zu rechtfertigen: „Die Welt da draußen – die Wirklichkeit – ist langweilig, ist öde. Wir bringen Dramatik rein. Wir sorgen für Abläufe, Wendungen, Kurven.“ Wie kann es passieren, dass ein so intelligenter Charakter den Journalismus so beschreibt, als ginge es um Theater?

Jonas Nay:
Das ganze Leben ist doch Theater! Ich glaube, wir alle sind auf eine gewisse Art und Weise Schauspieler:innen, weil wir unsere Persönlichkeit in Momenten der Selbstpräsentation so gestalten, wie es der Situation gerade angemessen ist. In dem erwähnten Monolog von Lars Bogenius steckt sehr viel Wahres, auch wenn ich die Welt da draußen alles andere als öde finde. Was er aber hauptsächlich aufzählt, sind Qualitäten, die auch ein seriöser Reporter an den Tag legen darf – mit dem kleinen Haken, dass er sich dabei an nachvollziehbar wahre Tatsachen und Erlebnisse halten muss.
Es ist nicht einfach, aus subjektiven Beobachtungen eine journalistische Erzählung zu spinnen, die die Leserschaft mitnimmt. Daher ist es auch in einer Reportage wichtig, eine gute Dramaturgie zu haben. Ich als Leser will ja nicht enttäuscht werden! Ich will einerseits einen Text haben, der mich emotional umhaut und von sensationellen Erlebnissen getragen wird. Und andererseits will ich selbstverständlich, dass der Text bei der Wahrheit bleibt. Es macht nämlich etwas mit mir, wenn ich das Gefühl habe, im Moment des Lesens ein echtes Schicksal vor Augen zu haben – weil ich davon ausgehe, dass mir da gerade die Wahrheit in einer Weise nahegebracht wird, wie ich sie vorher nicht erleben durfte. Durch einen fiktionalen Film kann ich das nicht erleben. Und ich kann auch nicht oder nur schwer an den betreffenden Ort fliegen, wo die Geschichte passiert ist oder gerade passiert. So werden mir Informationen nahegebracht, die ich ohne die Reportage nicht erlebt hätte. Diesen Mehrwert gibt es aber nur, weil ich davon ausgehe, dass das Geschriebene wahr ist. Sonst könnte ich auch einen Roman lesen. Aber dann – wenn man von rein fiktionalen Geschichten ausgeht – gibt es wesentlich bessere Texte als die von Claas Relotius.

»Mir wird immer wieder gespiegelt, dass ich in meiner schauspielerischen Arbeit zu rational-handwerklich sei.«

MYP Magazine:
Ist es Dir in Deinem Beruf als Schauspieler auch schon mal passiert, dass Du stellenweise nicht mehr zwischen Realität und Fiktion unterscheiden konntest?

Jonas Nay:
Bei mir geht es eher ins andere Extrem. Mich faszinieren einfach der Drehprozess und die Gewerke um mich herum zu sehr, als dass ich mich im Künstlerischen längere Zeit komplett verlieren könnte – vielleicht auch, weil ich als Filmkomponist auch noch in die Postproduktion eingebunden bin. Ich merke, dass ich am Set ständig Antennen ausfahre, weil ich wahrzunehmen versuche, was um mich herum passiert und gesprochen wird: etwa, wenn die Regieassistenz, die Continuity-Verantwortliche oder Kamera und Regie etwas miteinander zu bereden haben. Diese direkten und ungefilterten Informationen mag ich in manchen Fällen sogar eher als den gefilterten Sprech eines Regisseurs oder einer Regisseurin am Set. Ich bin dann so sehr in der Welt des Hier und Jetzt, dass mir schon gesagt wurde: „Jonas, ich weiß, wir drehen gerade nicht, aber jetzt geh zurück in Deine Rolle und lass mich mal machen.“ (lacht)

»Durch die Arbeit an historischen, aber auch an fiktionalen Stoffen habe ich sehr viel über mich als Mensch gelernt.«

MYP Magazine:
Wir haben bei unserem letzten Interview vor knapp zwei Jahren darüber gesprochen, dass Du mit Deinen Rollen der letzten Jahre inhaltlich in fast jedes Jahrzehnt der jüngeren deutschen Geschichte eingetaucht bist. Das scheint sich mit „Tausend Zeilen“ nun fortzusetzen. Was hast Du durch diesen Film gelernt, was Dir vorher verborgen war?

Jonas Nay:
Ich mache es etwas genereller: Ich habe das Gefühl, dass ich durch meine Arbeit sehr viel über mich als Mensch gelernt habe. Als Schauspieler:in setzt man sich einfach sehr mit sich als Person auseinander. Bei den historischen Stoffen habe ich zudem viel über die deutsche Geschichte erfahren. Ohne die Schauspielerei hätte ich mich damit vielleicht privat nicht so ausführlich beschäftigt – etwa, wenn ich stattdessen Musiklehrer am Gymnasium geworden wäre.
Darüber hinaus ist das Schöne an fiktionalen Stoffen, dass man seinen Charakteren so dicht folgen kann und eine unmittelbare – und aus deren Perspektive authentische – Sicht auf die Dinge erhält, auch wenn es um Epochen geht, in denen man selbst nicht gelebt hat. Als Schauspieler:in setzt man sich dabei nicht nur mit der Rolle per se auseinander, sondern auch mit dem gesamten Surrounding der Figur. Man erlebt die Dynamiken, Hierarchien und Dominanzen, die in einer Szene vorherrschen, in der Regel ja noch intensiver als das Publikum. Diese Erfahrungen sind etwas, was ich an diesem Beruf total genieße.

»Wenn ich nicht die Möglichkeit hätte, ernsthaften und ungefärbten Journalismus zu erfahren, würde ich die Welt noch viel weniger verstehen.«

MYP Magazine:
Hat diese Rolle Dich Menschen und Medien gegenüber misstrauischer gemacht? Oder positiv gefragt: Wie stellst Du für dich sicher, nach wie vor Wahrheit und Wahrhaftigkeit zu erfahren?

Jonas Nay:
Ich weiß nicht. Ich glaube, vieles in diesem Leben ist ein Game, ein permanentes Austesten und Schauen. Und Menschen sind so vielschichtig in ihrem Miteinander, dass man eigentlich nie den Punkt erreichen kann, an dem man das Gefühl hat, vollkommene Wahrhaftigkeit zu erfahren.
Wenn es um journalistische Texte geht, bin ich der Meinung, dass explizite Fake News und Propagandatexte immer noch leicht zu entlarven sind. Sobald man anfängt zu überprüfen, ob das Geschriebene ansatzweise anhand seriöser Quellen belegbar ist, kann man Falschnachrichten leicht entschärfen. In einem Fall wie dem von Claas Relotius ist das schwieriger, weil sein Betrug im Rahmen eines seriösen Formats passierte, bei dem man so etwas nicht erwartet hatte und die meisten – und prestigeträchtigsten – seiner Werke Auslandsreportagen waren. Aber Menschen betrügen eben. Daher werden wir auch in Zukunft immer wieder auf Lügner und Betrüger treffen – und ich hoffe, die allermeisten von ihnen werden entlarvt. Dieser Umstand stellt für mich persönlich aber nicht den Journalismus an sich in Frage. Relotius war ein Einzelfall, davon wird es wahrscheinlich immer wieder welche geben. Das ändert nichts an der Tatsache, dass ich überaus dankbar bin für den Journalismus und das hohe Gut der Pressefreiheit in Deutschland. Ich bin nach wie vor ein begeisterter Konsument von seriösem Journalismus. Das färbt meine Weltsicht, das finde ich wichtig für mein Leben. Wenn ich nicht die Möglichkeit hätte, ernsthaften und ungefärbten Journalismus zu erfahren, würde ich die Welt noch viel weniger verstehen.

MYP Magazine:
Jonas, besten Dank für das Gespräch!


Britta Heitkamp

Submission — Britta Heitkamp

Zeitwohlstand

26. September 2022 — Text: Britta Heitkamp, Fotografie: Tânia Ribeiro

Wie sähet ihr wohl aus, du und dein Leben
würdet ihr nicht viel zu oft
zu viel Zeit für Geld hergeben?
Müsstet ihr nicht täglich rechargen,
fundamentale Reserven aufladen,
müssten nicht immer Leerstellen und Müßiges
ganz unten auf einer to-do list landen?
Wurdet ihr etwa so designt? Als Batterie,
als Kollektiv an Arbeitskraft und Energie?
Dabei diskutiert die Welt bedingungsloses Grundeinkommen.
Ich wär‘ zunächst schon dankbar,
– und für mich liegt’s irgendwie auf der Hand –
hätten wir, mal ganz hypothetisch angenommen,
ein Gesetz für Zeitwohlstand.
Zeitwohlstand für alle.

Wir müssten nicht mehr jedes Jahr
in Neujahrsvorsätzen niederschreiben,
wer wir waren, nur mehr davon zu leben,
was wir lieben, um uns mehr Zeit dafür zu geben:
für mehr Frühlingsgefühle im Winter,
Akrobatik im Kopf und die Welt sehen wie Kinder.
Für mehr headspace für dich, im Herzen mehr Licht,
mehr inneres Klippenspringen, mehr Herzklopfen für mich.
So, als wär’s das Neujahr, das uns Renaissance,
das your best self verspricht.

Ich denke, gerade haben viele das Gefühl,
die Welt kämpft um sich an jeder Front,
mit uns an erster Stelle,
und schreibt dabei die Verantwortung
auf unsere Agenda.
Und wir nehmen sie an, die Last dieses Planeten,
als hätten wir’s gewollt, selbst um die Krise gebeten.
Doch wir, die Zukunft, scheinen trotzdem nie genug.

Sind mangelhaft, nicht engagiert, nicht motiviert genug.
Und so werden wir leise laut.
Fragen, nicht überall, doch immer öfter sicherlich:
Wie sieht’s mit mir aus, der Verantwortung für mich?
Und mit meinem Leben, meiner Zeit?
Wer, wenn nicht ich bestimm‘,
was davon am Ende bleibt?

Ja, die Zeit, lass uns darüber sprechen.
Zunächst eine Prämisse: Zeit ist knapp.
Hat Meister Hora per Definition wohl mal so gesagt.
Doch Zeit ist keine Ressource, wie Kohle oder Öl.
Zeit verändert nicht die Substanz, liegt nie brach,
Zeit ist nicht pflanzbar, wächst nicht nach.
Zeit lässt sich nicht sammeln, stehlen oder sparen
– du weißt schon, wie’s die grauen Männer sagen,
die in Geschichten unserer Zeit nachjagen.
In Wahrheit fließt die Zeit stetig weiter,
ohne Besitzer, unbeeindruckt,
ist subjektiv fühlbar, mal lauter und mal leiser.
Dennoch: Zeit ist schlichtweg endlich
und sie verschwenderisch zu nutzen
leider allzu menschlich.

Als nächstes also der Appell:
Hey du, geh achtsam um
mit den Ressourcen unserer Welt.
Auch das Leben lässt sich nachhaltig konsumieren.
Fang an bei dir und deiner Zeit,
da hast du gerade am meisten zu verlieren.
Verbuch es als achtsame Zeitökologie.
Nein, nicht Zeitmanagement oder Effizienz,
keine life optimisation Kompetenz.
Gemeint ist aktives Nichtstun und Genuss.
Nimm dir Zeit, die frei dir gehört,
du nichts und niemandem verpflichtet widmen musst.
Ja, gib Acht auf unseren Planeten.

Aber gib genauso Acht auf dein Leben.
They say, there is no plan(et) B.
Gab‘s – weder für die Erde oder für dein Leben –
noch nie.


Erik Lemke

Interview — Erik Lemke

»Ich weigere mich, aus meinen Protagonisten Opfer zu machen«

Mit seinen Dokumentarfilmen eröffnet Erik Lemke seinem Publikum einen unverstellten, nahbaren und nicht selten humorvollen Blick auf die Lebenswirklichkeit von Menschen, die unsere Nachbarn sein könnten – und über die wir doch so wenig wissen. Als feinsinniger Beobachter stellt er stets die individuellen Perspektiven seiner Protagonisten dar, aber diese niemals bloß – auch nicht bei seinem jüngsten Film, dem Diskursstück »Homöopathie unwiderlegt?«. Darin dokumentiert er eine Parallelwelt zur Schulmedizin, die als Relikt vorwissenschaftlicher Zeiten bis heute fortbesteht. Im Interview erzählt er, wie er als Kind Veronica Ferres begegnet ist, was er auf der Filmschule in Sankt Petersburg gelernt hat und warum es mal sein größtes Glück war, dass das gesamte Material eines Films im Kopierwerk verloren ging.

15. September 2022 — Interview: Katharina Viktoria Weiß, Fotografie: Frederike van der Straeten

MYP Magazine:
„Zuschauer sind Fremde, die man mit allen Mitteln cineastischer Verführungskunst in Freunde verwandeln möchte“, schrieb der bekannte deutsche Filmproduzent Günter Rohrbach vor einigen Jahren in einem Artikel für den Spiegel. Teilst Du diese Einschätzung, Erik?

Erik:
Was mir an dem Satz gefällt, ist das Selbstverständnis, für die Zuschauer zu arbeiten. Außerdem klingt die Formulierung „mit allen Mitteln cineastischer Verführungskunst“ ein bisschen nach Blockbuster-Filmen. In solchen Produktionen ist für jeden was dabei, da man versucht, mit einem möglichst breiten Publikum die hohen Investitionen wieder reinzubekommen. In diesem Bereich bewege ich mich nicht. Gerade bei meinem Homöopathie-Film habe ich mich nur sparsam aus dem filmischen Werkzeugkasten bedient.

»So schön lebten in der Gegend fast nur NVA- und Stasi-Offiziere, auch mein Opa gehörte zu dieser Nomenklatura.«

MYP Magazine:
Du bist in Dresden geboren und aufgewachsen. Welche Erinnerungen hast Du an Deine Kindheit?

Erik:
Meine Träume finden bis heute im Haus meiner Kindheit statt, einer Villa mit großem Garten, die im Dresdener Waldschlösschenviertel liegt. Dort haben meine Eltern und ich in den Achtzigern bei meinen Großeltern gewohnt. Der Ort war so ziemlich das Gegenteil vom Zentrum Berlins, ich konnte im Garten stundenlang den Pflanzen beim Wachsen zuschauen. Sogar aus dem Mauerwerk wuchsen Bäume und ich stellte mir vor, wie die Natur uns Menschen langsam verdrängt und sich ihren Lebensraum zurückholt. Die Zeit schien stillzustehen.

MYP Magazine:
Dieser Eindruck hat sich wahrscheinlich irgendwann korrigiert.

Erik:
Ja. Ich habe begriffen, dass es nicht üblich ist, so zu wohnen. So schön lebten in der Gegend fast nur NVA- und Stasi-Offiziere, auch mein Opa gehörte zu dieser Nomenklatura. Und Putin hatte sein KGB-Büro drei Häuser weiter. Nach der Wende hielten dann große Mercedes mit Münchner Kennzeichen in der Straße und die Villen wurden verkauft. Unser Haus ging an einen Chemiefabrikanten. Mittlerweile wohnen dort Kinder und Jugendliche in einem Wohnprojekt zusammen, was für mich eine schöne Vorstellung ist.

»Neulich wurde ich gefragt, wann ich mal einen ›richtigen‹ Film mache.«

MYP Magazine:
Wann hast Du dich erstmals mit Film auseinandergesetzt?

Erik:
Als Mitglied der Kinderjury auf dem Geraer Filmfestival „Goldener Spatz“ im Jahr 1995. Da habe ich gelernt, wie man über Filme spricht und sie bewertet. Alles stand unter dem Motto „100 Jahre Kino“. Die abstrakte Filmwelt wurde für mich fassbar und ich begriff, dass man in diesem Bereich auch arbeiten kann. Besonders gut verstand ich mich mit einer Frau aus der Erwachsenenjury, die sich als Schauspielerin vorstellte. Ihr Name: Veronica Ferres.
Langspielfilme waren für uns in der Kinderjury die Königskategorie. Darauf haben wir uns besonders gefreut. Diese Hierarchisierung von Filmgattungen erlebe ich übrigens immer noch. Neulich wurde ich gefragt, wann ich mal einen „richtigen“ Film mache.

MYP Magazine:
Warum hast Du dich in Deiner Arbeit auf den Dokumentarfilm fokussiert?

Erik:
Diesen Fokus hatte ich zunächst gar nicht. Nach dem Wehrersatzdienst in Russland stand ich irgendwann im Staatlichen Institut für Film und Fernsehen in Sankt Petersburg vor Wiktor Semenjuk, dem Leiter des Fachbereichs Regie. Der sagte, dass sie schon Spielfilm-Interessenten wie Sand am Meer hätten. Wenn ich durch die Aufnahmeprüfung käme, könnte ich aber bei seinem Kollegen Wiktor Kosakowski Dokumentarfilm lernen.
Kosakowski erinnerte sich, dass er mal beim Leipziger Dokumentarfilmfestival von meinem Vater interviewt worden war, was sich möglicherweise günstig auf meine Bewerbung ausgewirkt hat. Er suchte sich acht Studenten aus – und ward danach nie mehr gesehen. So wurde der damals noch relativ junge Dmitri Iwanowitsch Sidorow unser Dozent.

»Eine wichtige Lehre war, niemals einen Film zu machen, wenn man nicht eine unbedingte Notwendigkeit dafür spürt.«

MYP Magazine:
Du hast ihm Deinen ersten Langfilm „Berlin Excelsior“ gewidmet. Was hast Du von ihm gelernt?

Erik:
Sidorows Witwe meinte zu mir, er habe geflucht, dass wir nie seine Monologe mitstenografiert hätten. Eine ganze Filmtheorie hätten wir herausbringen können. Ich habe ihn geliebt.
Schwerpunktmäßig hat er uns mit der Arbeitsweise der „Leningrader Schule“ am früheren Leningrader Studio für Dokumentarfilm bekannt gemacht. Interviews und Monologe waren darin verpönt. Diese und andere Beschränkungen haben mein Co-Autor André Krummel und ich uns auch für „Berlin Excelsior“ auferlegt. Deshalb die Verbeugung vor meinem Lehrer im Abspann.

MYP Magazine:
Was würdest Du als essenziell in der Ausbildung an einer Filmschule bezeichnen?

Erik:
Ich kenne nicht genug Filmschulen, um das zu beantworten. Ich weiß nicht, ob mich eine andere Filmschule besser vorbereitet hätte. Eine wichtige Lehre war, niemals einen Film zu machen, wenn man nicht eine unbedingte Notwendigkeit dafür spürt. Und wer dieses dringende Bedürfnis spürt, kann auch quereinsteigen ins Filmgeschäft.

»Meine Botschaft an Russland wäre, die Ukraine zu verlassen.«

MYP Magazine:
Entschuldige, aber diese Frage drängt sich jetzt auf: Wie wirkt sich der russische Überfall auf die Ukraine auf Deine Russophilie aus, die ich Dir mal unterstelle.

Erik:
Es schockt mich. Ich kann es nicht mit dem zusammenbringen, was ich selbst erlebt habe. Ich war von 2003 bis 2007 in Russland und habe eine kontinuierliche Annäherung an Europa erlebt. Ich habe überhaupt kein Verständnis für die russischen Invasoren, würde aber auch selbst nicht die Waffe in die Hand nehmen zur Verteidigung. Ich scheue keine Auseinandersetzungen, aber bei körperlicher Gewalt steige ich aus.

MYP Magazine:
Wenn Du eine Botschaft an die Kriegsparteien übermitteln könntest, was würdest Du sagen?

Erik:
Meine Botschaft an Russland wäre, die Ukraine zu verlassen. An die Ukrainer hätte ich keine Botschaft, weil jede Entscheidung zu folgenschwer ist. Ich persönlich würde die weiße Fahne raushängen, emigrieren, in die innere Emigration gehen im Falle einer Diktatur – alles wäre mir lieber als Gewalt. Das hat noch nicht mal was mit Pazifismus zu tun, sondern einfach mit dem Wissen, dass ich vieles ertragen könnte, auch Unfreiheit. Kaum etwas ist so wichtig im Leben, dass ich den Tod vorziehen würde. Aber das ist keine Botschaft. Das ist nur, wie ich selbst handeln würde.

»Das Filmmaterial ging im Kopierwerk verloren – ich konnte mein Glück kaum fassen.«

MYP Magazine:
Du bist 2008 nach Toulouse gegangen und hast an der dortigen Filmschule ESAV Dein Studium abgeschlossen. Macht man sowas nicht mit einem Diplomfilm?

Erik:
Oh je, können wir das Kapitel bitte überspringen?

MYP Magazine:
Nein.

Erik:
Ich habe 2008 mit einem Szenenbildner einen Auszug aus Boris Vians „Der Schaum der Tage“ verfilmt. Es war ein reiner Atelierfilm und das Szenenbild war großartig. Nur mit meiner Inszenierung bin ich gescheitert. Dann passierte etwas Einmaliges: Das Filmmaterial ging im Kopierwerk verloren – ich konnte mein Glück kaum fassen. Ich würde immer sagen können, dass der Film ein Meisterwerk war, weil es sich nicht mehr nachprüfen ließ. Leider tauchte das Material nach ein paar Monaten wieder auf. Da hatte ich schon ersatzweise einen dreiminütigen Trashfilm als Diplomarbeit abgeliefert.

MYP Magazine:
Das wurde akzeptiert?

Erik:
Sie mussten es akzeptieren. Höhere Gewalt und so. Es war trotzdem ein Desaster. Der Film hieß auf Deutsch „Keine halben Sachen“. Der Schuldirektor Guy Chapouillé sagte dazu, das seien keine halben Sachen, das sei die Hälfte von nichts. Es war ein Western-Klamauk, ebenfalls mit tollem Szenenbild, verlebten Gesichtern und einem relativ großen Stab umgesetzt. Der Lehrer, der mich dazu ermutigt hatte, hieß Helmut-Ulrich Weiss. Er sah aus wie Obelix. Während alle im Kinosaal sich aufregten, wie man nur so einen schlechten Film machen kann, habe ich überlegt, wie ich aus der Situation wieder rauskomme. Endlich erhoben sich die Zuschauer und gingen. Da kam der liebe Obelix zu mir vor und ich dachte: „Nein, bitte nicht. Nicht jetzt trösten kommen. Nicht mit den Armen…“ Aber da legte er schon seine dicken Arme um mich und sagte, dass er den Film gut fand. Und da habe ich geweint.

MYP Magazine:
So schlimm war das für dich?

Erik:
Damals ja.

»Ob man Akademiker ist oder nicht, interessiert doch in meinem Metier keinen.«

MYP Magazine:
Auf diese Weise auf Deinen Beruf vorbereitet bist Du dann nach Deutschland zurückgekommen.

Erik:
Ja, ich bin meiner Liebe nach Köln gefolgt, kannte dort aber weiter niemanden. Ich wusste nicht, wie man als Regisseur Arbeit findet. Kleiner Spoiler: Das weiß ich auch heute noch nicht. Also habe ich erst mal Hartz IV beantragt und dann bei Studentendrehs mitgemacht. Nach einem Jahr war ich so lange arbeitslos, dass besondere Förderprogramme griffen und ich als Animator eine Festanstellung in einem Trickfilmstudio in Dresden bekam.

MYP Magazine:
Warte mal, versucht man Lücken im Lebenslauf nicht zu kaschieren?

Erik:
Mache ich sonst auch. Aber spielt es eine Rolle? Auch, ob man Akademiker ist oder nicht, interessiert doch in meinem Metier keinen. Außer einmal in der Jugendarbeit. Da haben sie darauf Wert gelegt.

MYP Magazine:
Wie war es damals für Dich, Angestellter zu sein?

Erik:
Ich habe mich zum ersten Mal als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft gefühlt und denke gerne daran zurück – denn wenn ich wie jetzt freiberuflich arbeite, wird das von vielen nicht ernstgenommen. In deren Augen ist das so: Entweder man faulenzt, wenn lange nichts geschieht, oder man hat durch Talent und Glück plötzlich unverdienten Erfolg. Dass beide Phasen zusammenhängen, ist weniger offensichtlich.

»Film ist für mich destilliertes, auf das Wesentliche reduziertes und in Form gebrachtes Leben.«

MYP Magazine:
Warst und bist Du immer informiert über aktuelle Tendenzen im Dokumentarfilm?

Erik:
Kennt man die Filmgeschichte und aktuelle Tendenzen, kann man bekannte Fehler vermeiden. Man läuft nicht Gefahr, filmische Gestaltungsmittel zu verwenden, die bereits abgenutzt sind. Ansonsten gehe ich ohne besondere Recherche-Interessen ins Kino. Natürlich gibt es Filme, die mich besonders inspirieren…

MYP Magazine:
… die da wären?

Erik:
Das sind meistens Filme mit einer überschaubaren Anzahl an Charakteren, die in einem nachvollziehbaren Setting angesiedelt sind. Die Spielregeln müssen klar sein. Aus der Beschränkung heraus entstehen bei mir die besten Ideen. Das Gegenteil dazu sind beispielsweise Filmepen wie „Vom Winde verweht“. Da ist der Name Programm und ich kann meine Gedanken nicht mehr zusammenhalten.
Film ist für mich destilliertes, auf das Wesentliche reduziertes und in Form gebrachtes Leben. Unser menschliches Talent, Chaos und Zufall mit einem Sinn und einer Dramaturgie zu versehen, ist beim Dokumentarfilm zugleich Vorteil und Gefahr.

MYP Magazine:
Wie meinst du das?

Erik:
Wenn ich mir aus Menschen und ihren Geschichten einen Dokumentarfilm forme, riskiere ich immer, ihnen nicht gerecht zu werden. Das muss man als Zuschauer wissen. Ein Dokumentarfilm kann nicht die Funktion einer soziologischen Studie erfüllen.

»Niemand von ihnen will für immer in einem kleinen Apartment ohne Balkon ausharren.«

MYP Magazine:
Lass uns als Beispiel Deinen Dokumentarfilm „Berlin Excelsior“ nehmen. Darin hast Du die Menschen im sogenannten Excelsiorhaus im Berliner Stadtteil Kreuzberg portraitiert. Das ist ein etwas in die Jahre gekommenes Hochhaus, das wenige hundert Meter südlich des Potsdamer Platzes liegt – und in dem Du selbst wohnst. Wie bist Du da vorgegangen?

Erik:
Mein Co-Autor André Krummel und ich haben uns gefragt, unter welchem Leitmotiv man das Leben in diesem Gebäude zusammenfassen könnte. Schon das ist gewissermaßen Manipulation am Objekt und an den Menschen, man nennt es auch „die Autorensicht“. Ausgehend von den Menschen, mit denen ich am meisten Kontakt hatte, und sicher auch von meiner eigenen Situation wurde das dominante Thema „Leben in der Warteschleife“: Alle im Film haben Pläne, die sie verfolgen, niemand von ihnen will für immer in einem kleinen Apartment ohne Balkon ausharren.

MYP Magazine:
Ich kann mir in der Tat vorstellen, dass sich viele Bewohner des Excelsiorhauses nicht mit diesem Lebensgefühl identifizieren.

Erik:
So ein Leitfaden oder eine Botschaft wird nicht direkt kommuniziert im Film. Uns hat es geholfen, in der Vielseitigkeit der Biografien und Ereignisse nicht den Überblick zu verlieren. Es gibt dem Film, der ganz viele Menschen zeigt und vier davon eine Zeit lang durchs Leben begleitet, eine innere Geschlossenheit. Außerdem verhandelt man damit auch ein gesamtgesellschaftliches Thema. Den Zuschauern, die tiefer in die Analyse einsteigen wollen, muss der Film genug Material liefern. Wer keine Lust auf eine tiefere Beschäftigung hat, sollte wenigstens gut unterhalten werden. Deshalb ist mir der Unterhaltungswert wichtig.

»Ich weigere mich, aus meinen Protagonisten Opfer zu machen. Das käme einer Entmündigung gleich.«

MYP Magazine:
Ich habe mich bei jedem Deiner Dokumentarfilme sehr amüsieren können, sogar bei „Mich vermisst keiner!“, einem Halbstünder, den Du 2016 auf dem Festival „DOK Leipzig“ vorgestellt hast. Wie gelingt es, selbst in den traurigsten Lebensgeschichten noch diese humoristischen Momente einzufangen?

Erik:
Zuerst einmal, weil ich mich weigere, aus meinen Protagonisten Opfer zu machen. Das käme einer Entmündigung gleich. Dann auch, weil Menschen nicht permanent nur belastet und leidend sind, sondern stellenweise über sich stehen und die eigene Situation ironisch kommentieren können. Diese Gabe zeichnet etwa Rentnerin Evelin in „Mich vermisst keiner!“ aus. Ohne Beine lebt sie seit Jahren eingesperrt in ihrer Neubauwohnung ohne Fahrstuhl. Wenn ich ein solches Schicksal erzähle, muss ich darunter nicht noch einfühlsame Musik legen oder sie von oben herab einen „ganz besonderen Menschen“ nennen. Der Humor entsteht einfach durch die Situationskomik. Deshalb markiere ich während der Filmmontage komische Momente und versuche sie um jeden Preis zu bewahren.

MYP Magazine:
Und das machen andere Dokumentarfilmregisseure nicht so?

Erik:
Viele organisieren ihr Material rein inhaltlich. In unserem Berufsverband „AG DOK“ tauscht man sich ständig darüber aus, welche Spracherkennungssoftware denn nun die beste wäre zur Transkription von Interviews. Die entsprechenden Dokus entstehen zuerst am Schreibtisch und nicht am Schnittplatz. Das Ergebnis ist auf der Informationsebene makellos. Ich will aber unterhalten! Und viele Zwischentöne, feiner Witz, auch nonverbal, entgehen der Spracherkennungssoftware.

»Man kann die Homöopathie jahrzehntelang praktizieren und nicht mitbekommen, wie man sich in die eigene Tasche lügt.«

MYP Magazine:
Auch Dein Film „Homöopathie unwiderlegt?“ wirkt recht kurzweilig, obwohl dort 86 Minuten lang nur gesprochen wird. Damit erzählst Du aber erstmals keine (Lebens-)Geschichte, sondern behandelst ein konkretes Thema. Das passt doch nicht zu Dir.

Erik:
Jein! Auch in diesem Film nehme ich mir ein exakt umrissenes Stück der Realität vor und dokumentiere es akribisch. Nämlich die Homöopathie in den Köpfen derer, die damit Geld machen. Es handelt sich dabei um eine 200 Jahre alte Pseudolehre, die auf geniale Weise natürliche Genesungsprozesse als eigene Erfolge ausgibt. Man kann sie jahrzehntelang praktizieren und nicht mitbekommen, wie man sich in die eigene Tasche lügt. Um das verstehbar zu machen, exploriert der Film weniger auf der bildlichen, sondern mehr auf der Wortebene.

MYP Magazine:
Du hättest in „Homöopathie unwiderlegt?“ auch Patienten beobachtend dokumentieren können…

Erik:
Klar. Ich hätte mir sogar diejenigen rausfischen können, die scheinbar von der Methode profitieren. Es gibt aber keinen validen Hinweis auf eine arzneiliche Wirksamkeit der Homöopathie, das bestätigen in meinem Film sogar jene Fürsprecher der Behandlungsmethode, die die Studienlage kennen.

»In der Homöopathie gibt es diesen Willen zur Fehlerkorrektur nicht.«

MYP Magazine:
Glaubst du, dass Dein Homöopathie-Film etwas gesellschaftlich verändern kann?

Erik:
Ich glaube nicht daran, dass jemand als glühender Verfechter der Homöopathie ins Kino geht und durch meinen Film ernsthaft ins Zweifeln kommt. Ich erlebe aber positive Entwicklungen, was unsere Fehlerkultur angeht, auch im Zuge der Corona-Pandemie. Da wurde transparent erlebbar gemacht, wie Wissenschaft funktioniert. Mit dem Zuwachs an Erkenntnissen mussten Entscheidungen angepasst werden, Zulassungen für Impfstoffe wurden teilweise zurückgenommen und all das war gut nachvollziehbar und wurde offen kommuniziert. In der Homöopathie gibt es diesen Willen zur Fehlerkorrektur nicht. Noch nie wurde ein Homöopathikum wieder aus dem Arzneischatz entfernt, negative Studienergebnisse bleiben ohne Konsequenz. Ein unaufgeregter Umgang mit Irrtümern und kontinuierliche Aufklärung sind auf lange Sicht fruchtbar.

MYP Magazine:
Gab es Reaktionen auf den Film, die in die von Dir erhoffte Richtung gehen?

Erik:
Gefreut habe ich mich über einige Homöopathie-Patienten, die durch den Film neugierig geworden sind, was denn am Ende gewirkt haben könnte, wenn es die homöopathischen Mittelchen definitiv nicht sein können. Diese Frage darf auch erst mal offenbleiben. Wenn sich die ideologische Versteifung auf die Dogmen der Homöopathie wenigstens etwas lockern würde, wäre das bereits sehr positiv.

»Don’t be a director! Be an audience!«

MYP Magazine:
Hast Du konkrete Pläne für die Zukunft?

Erik:
Auf jeden Fall. Aber wenn Du einen neuen Langfilm meinst, spüre ich im Moment noch nicht die Dringlichkeit. Es fehlt nicht an guten Filmen, es fehlt an Zuschauern. „Don’t be a director! Be an audience!“ Ich stelle mich als Zuschauer zur Verfügung und wenn ein notwendiger Film partout nicht gemacht wird, dann mach‘ ich ihn.

Streaming:

„Homöopathie unwiderlegt?“ von Erik Lemke kann aktuell auf Vimeo angesehen werden, die Filme „Berlin Excelsior“ und „Mich vermisst keiner“ gibt’s beim Streamingdienst Sooner.

Kinovorführungen im ACUD Berlin:

03.11.22, 19:00 Uhr: „Homöopathie unwiderlegt?“
in Anwesenheit von Erik Lemke

Kinovorführung im B-Movie Hamburg:

08.11.22 Homöopathie unwiderlegt?
in Anwesenheit von Erik Lemke


Emily Roberts

Interview — Emily Roberts

»Ich werde noch den letzten Song über die Liebe schreiben«

Emily Roberts ist eine poetische Biografin, die ihre Leidenschaften konsequent in ihren Songs nachzeichnet. In ihrer Popmusik verleiht sie großen und kleinen Lieben ein Stück Ewigkeit – und versprüht dabei ein unwiderstehliches Selbstbewusstsein. Ein Gespräch über Aufrichtigkeit, sexy Feminismus und das Abschütteln von Vaterkomplexen.

28. August 2022 — Interview: Katharina Viktoria Weiß, Fotografie: Ansgar Schwarz

Die fürchterlich-fabelhafte Welt der Emily Roberts: Wenn es eine Künstlerin versteht, Kraft aus der Ambivalenz zu schöpfen, dann die 28-jährige Singer-Songwriterin. Dennoch war es Zufall, dass ausgerechnet ein Elektro-Cover des The Verve-Klassikers „Bitter Sweet Symphony“ zu ihrem ersten großen Hit wurde. 21 Wochen lang stand der Titel in den deutschsprachigen Airplay-Charts und erreichte dort Goldstatus. Ambivalent und bittersüß sind auch ihre selbst verfassten Texte, die oft vor Frühlingsgefühlen pulsieren und gleichzeitig jede Menge Weltschmerz hinausschreien.

Der Ort, an dem wir uns mit Emily zum Interview treffen, scheint ganz und gar zu diesen großen Gefühlen zu passen: Das 21 Gramm in Neukölln ist ein Kleinod. Die Räumlichkeiten des Cafés dienten einst dem benachbarten Friedhof als Leichenhalle. Heute mischen sich Berliner Angehörige, die ihre Verstorbenen besuchen, ebenso unter die Gäste wie zugezogene Hafermilch-Fans. Heute ist das Café unter der Leitung von Jenny Kasten vor allem ein Brunch-Hotspot.

Auch Emily Roberts wohnt um die Ecke, ihre WG im Neuköllner Kiez ist zugleich Homeoffice und oft auch Musikvideo- und Fotokulisse ihrer Kreativprojekte. Die gebürtige Hamburgerin schreibt seit über einer Dekade brutal ehrliche Popsongs. Ihre Geschichten sind wunderschön, weil sie die Liebe in den Zwanzigern so herrlich prachtvoll einfangen und dabei das Drama der hormongebeutelten Fallhöhe nicht scheuen. Irgendwie schafft sie es, dabei vielleicht kitschig, aber nie klischeehaft zu klingen. So sind die Songs manchmal süß, aber nie peinlich. Und in den ganz großen Titeln spürt man die Unendlichkeit mancher Leidenschaften so intensiv, dass man entweder eine eigene verflossene Liebe anrufen oder sich sofort neu verknallen möchte. Wenn das kein Grund für ein ausführliches Interview ist…

»Das Leben passiert uns allen – und ohne Ehrlichkeit ist es noch anstrengender.«

MYP Magazine:
Deine EP „Thank You For Leaving“ hast Du über das Verlassenwerden und Verlassen geschrieben. Dabei wirst Du sehr konkret – man merkt, dass die Lieder über Dein Lieben und Leiden erzählen. Braucht man viel Mut, um so schonungslos autobiografisch zu texten und sich nicht hinter abstrakten Fabeln zu verstecken?

Emily Roberts:
Ich schreibe sehr viel über meine zwischenmenschlichen Beziehungen. Häufig bringe ich dabei Insider unter, die nur mein Gegenüber versteht und diese Person ganz genau weiß, dass es – meistens – um ihn geht. Das empfinde ich aber gar nicht als Mut. Ich bin ein offenes Buch und vertraue fremden Menschen sehr schnell. Andersherum erzählen mir die Leute auch häufig sehr intime Dinge, da kann ich aber gut die Klappe halten. Auch in meiner Musik sehe ich es als meinen Auftrag, Menschen zu verbinden, damit wir uns alle weniger allein fühlen. Denn das Leben passiert uns allen – und ohne Ehrlichkeit ist es noch anstrengender. Wer das nicht aushält, hält mich im Gesamten nicht aus.

MYP Magazine:
Ist das mal schiefgelaufen?

Emily Roberts:
Es gab immer wieder unangenehme Situationen, in denen ich mir selbst das Leben schwer gemacht habe, weil ich so offene und spezifische Texte geschrieben habe. Eine Beziehung habe ich mir auf jeden Fall aufgrund eines Songs auf dieser EP richtig kaputt gemacht. Aber wenn ein Lied für das Ausmaß dieser Zerstörung ausreicht, dann soll es vielleicht so sein.

»Ich war meinem Exfreund fast schon dankbar, dass er mich durch die Hölle geschickt hat.«

MYP Magazine:
Dein Song „Radio“ versteckt dagegen ganz und gar nicht, dass Du damit einem Ex eine Rachebotschaft sendest.

Emily Roberts:
Stimmt, das ist der klassische „Schau mal, wie gut es mir ohne dich geht“-Song. Ich singe: „You’re the best mistake that I’ve made.“ Die Situation dazu war folgende: Nach einer schrecklichen, kurzen Beziehung habe ich jemand ganz Tollen kennengelernt, der mich völlig gegensätzlich als die Person davor behandelt hat, nämlich nur gut. Streit war kein Thema mehr in meinem Leben. Als ich das erleben durfte, war ich meinem Exfreund fast schon dankbar, dass er mich durch die Hölle geschickt hat, da ich diesen neuen Mann in meinem Leben vielleicht nur deshalb so grundlegend wertschätzen konnte. Dieser neue Mann war so unfassbar nett – früher hätte mich das beinahe abgeturnt. Aber durch diesen Kontrast konnte ich einsehen: „Ja, das verdiene ich jetzt.“

»Meine Neigung zu Arschlöchern hängt definitiv mit meinem Vater zusammen.«

MYP Magazine:
In „Hemingway“ spielst Du auf die komplexe Beziehung zu Deinem Vater an: „You were nothing but my daddy issue“. Hat Dein Vater deinen Männergeschmack geprägt?

Emily Roberts:
Ja, meine Neigung zu Arschlöchern hängt definitiv mit ihm zusammen, denn das war die einzige Liebe, die ich kannte. Danach brauchte ich eben den einen Mann, der das Fass zum Überlaufen bringt, um die Vaterkomplexe abzuschütteln.

MYP Magazine:
Bist Du bei dem netten jungen Mann geblieben?

Emily Roberts:
Solange es nett war, waren wir zusammen. Ich empfinde Trennungen aber gar nicht als etwas so Dramatisches. Disney hat uns zwar gelehrt, dass wir mit der richtigen Person für immer zusammenbleiben, aber ist das noch zeitgemäß? Das Leben ist lang, hört man oft – aber das Leben ist auch kurz. Vieles hat ein Ablaufdatum. Und wir Menschen verändern uns ständig. Deshalb finde ich diesen sehr unromantischen Begriff Lebensabschnittsgefährte tatsächlich mehr oder weniger korrekt: Für den Abschnitt, in dem ich damals steckte, war genau dieser Mensch perfekt. Und dann hat es mich woanders hingezogen, auch körperlich: Ich wollte und musste ganz viel reisen. Und das geht leider am besten, wenn man Pläne allein macht. Die Trennung war deshalb sehr friedlich und einvernehmlich.

»Ein Song über die Liebe zu schreiben, ist für mich das spannendste Spiel mit einem Gegenüber.«

MYP Magazine:
Das heißt, die kommenden Songs werden vielleicht verstärkt von Solo-Abenteuern handeln und weniger von Liebhabern?

Emily Roberts: (lacht)
Ich schreibe so gerne über die Liebe. Ich habe meinen ersten Song über die Liebe geschrieben und werde vermutlich auch meinen letzten Song über die Liebe schreiben. Es ist für mich das spannendste Spiel mit einem Gegenüber – wie eine gute Partie Tennis.

MYP Magazine:
Ein Lied, das mir besonders gut gefällt, heißt „Lipstick Stains“. Welche inneren Konflikte bespricht es?

Emily Roberts:
Zwei Tage nach der Trennung, die ich in diesem Song verarbeitet habe, war ich im Studio. Und ich habe mich nicht getraut, Mascara zu tragen, weil ich in den 24 Stunden davor sehr viel geweint habe. Aber ich trug den Lippenstift, um den es geht. Der hatte eine sehr echte Rolle in dieser Trennung. Und wenn man „Lipstick Stains“ hört, ist es ein bisschen so, als wäre man an diesem Abend dabei gewesen, weil ich diesen Mann oft zitiere: „You say you‘re scared of ending up in a song / Scared of me writing it down and moving on.“ Das hat dieser Mensch so zu mir gesagt.

MYP Magazine:
Was hast Du ihm in dieser Situation entgegnet?

Emily Roberts:
Sowas wie: „Ja, vielleicht mache ich das. Du weißt, dass es das ist, was ich immer mache. Und ich dachte, du wärst anders. Und nicht nur ein bis drei Songs.“ Mittlerweile sind wir aber sehr gute Freunde. Das können wir richtig gut, auf diese Art und Weise haben wir unser Happy End gefunden. Wir haben ganz viel Liebe füreinander, auch wenn wir einfach nicht in eine Beziehung gehören.

»Ich hatte in L.A. mit einem viel stärkeren Kampf gerechnet, den ich von der Ellenbogengesellschaft in Deutschland gewohnt war.«

MYP Magazine:
Dafür scheinst Du ganz neue Zugehörigkeiten entdeckt zu haben, etwa was die USA und Großbritannien betrifft. Dort bist du zurzeit viel unterwegs. Gibt es in diesen Ländern einen anderen Vibe in der Unterhaltungsindustrie, als du ihn in Berlin erlebst?

Emily Roberts:
Alle meine Freundinnen machen Deutschpop – ich kann nie mit ihnen zusammenarbeiten, weil wir eine Sprachbarriere haben. Deshalb fühle ich mich hier manchmal wie ein Alien. Aber da ich halbe Britin bin, liegt mir diese Sprache künstlerisch einfach näher. Zudem habe ich seit meinen beruflichen Reisen in die USA den Eindruck, dass das Miteinander dort offener ist. Da hängen Grammys an der Wand und trotzdem sind die Menschen total motiviert, mit mir zu arbeiten. In Los Angeles konnte ich viel mehr ich selbst sein. Dabei hatte ich dort mit einem viel stärkeren Kampf gerechnet, den ich von der Ellenbogengesellschaft in Deutschland gewohnt war.

MYP Magazine:
Der Stadt Berlin hast Du einen Großteil deiner wilden Zwanziger gewidmet. Was ist Dein Fazit dieser Jugend aus kreativer Perspektive?

Emily Roberts:
Wild war es wirklich. Ich bin nach Berlin gezogen und habe gefühlt gar nicht mehr geschlafen. Ich habe hier superviele neue Freundinnen kennengelernt und auch beruflich haben sich ganz neue Welten eröffnet. Davor steckte ich leider in einem Exklusivvertrag und durfte nur mit einem einzigen Produzenten arbeiten, was ein absoluter Witz war. Aber als das endlich hinter mir lag, habe ich mich extrem ausgetobt und über alle Genres hinweg mit verschiedensten Leuten gearbeitet, bis ich endlich zu dem Sound gefunden habe, den ich jetzt verfolgen möchte. Auf diesem Weg hat Berlin mich maßgeblich geprägt.

»Würde ich Kohle machen wollen, hätte ich Investmentbanking gelernt.«

MYP Magazine:
Was sind die Unterschiede zwischen Berlin und Deiner Heimstadt Hamburg?

Emily Roberts:
In Hamburg herrscht eher eine Nase-hoch-Attitüde gegenüber Popmusik. Mir wurde vorgeworfen, dass ich kommerzgeil sei und deshalb diese Art von Liedern schreibe. Aber wenn ich unbedingt Kohle machen wollte, hätte ich Investmentbanking gelernt und keine Musikkarriere gewählt. Das ist ein sehr steiniger Weg.

MYP Magazine:
Du wirst oft als Singer-Songwriterin bezeichnet. Was bedeutet dieser Begriff für Dich?

Emily Roberts:
Für mich heißt das ganz klassisch: Ich bin Sängerin und ich schreibe meine Lieder selbst. Womit ich mich allerdings schwertue, ist diese Idee, dass man als Künstler:in nicht zusammen mit anderen Menschen an den eigenen Liedern arbeiten darf. Wenn man offen darüber spricht, gibt es Leute, die finden, dass man an Authentizität verliere. Dabei kann es sehr spaßig sein, mit Co-Writer:innen zu arbeiten. Für mich funktioniert dieses Bild sehr gut: In einer Großküche hast du auch jemanden, der die Karotten schneidet und das Nudelwasser aufsetzt. Aber wenn du der Chefkoch bist, hast du das Menü kreiert und trägst auch die Verantwortung dafür.

»Einen Song spiele ich nicht mehr, weil daran ein Täter mitgewirkt hat.«

MYP Magazine:
Du bist eine scharfe Beobachterin der Entertainment-Branche und äußerst Dich häufig öffentlich zu gesellschaftlich wie politisch relevanten Themen. So etwa zum Fall Luke Mockridge, der von seiner Ex-Partnerin Ines Aioli wegen Vergewaltigung angezeigt wurde. Warum ist Dir das so ein Bedürfnis?

Emily Roberts:
Gerade im popkulturellen Umfeld erlebe ich immer wieder, dass in Situationen, in denen Frauen öffentlich machen, was ihnen zugestoßen ist, die Leute erst mal auf Abstand gehen und sagen: „Ob das so wirklich so passiert ist, wissen wir nicht, wir waren ja nicht dabei.“ Natürlich waren sie nicht dabei. Aber die Frauen, die Betroffenen, die waren dabei. Und es kostet sie gerade eine enorme Überwindung und sehr viel Mut, uns davon zu berichten – und zwar öffentlich. Ines Aioli zum Beispiel ist eine Freundin von mir. Und ich kann nicht verstehen, warum so viele Leute einen mutmaßlichen Täter auf Social Media bis aufs Blut verteidigen, nur weil sie mal über einen Witz von ihm gelacht haben. Gleichzeitig ärgert es mich, dass es für viele Täter immer noch so wenige Konsequenzen gibt.

MYP Magazine:
Aus genau diesem Grund hast Du einen Song aus Deinem Repertoire genommen…

Emily Roberts:
Es gibt einen veröffentlichten Song von mir, den ich nicht mehr spiele oder bewerbe, weil daran ein Täter mitgewirkt hat. Weder ich noch dieser Täter sollen an dem Lied noch einen Cent verdienen. Meine Werte stehen immer über allem, sogar über der Kunst.

»Ist es politische Musik, die nicht erwünscht ist, oder feministische?«

MYP Magazine:
Hast Du aus der Musikindustrie mal die Ansage bekommen, dass Du zu laut bist?

Emily Roberts:
Ich habe von jemandem mal das Feedback bekommen, dass politische Musik so nicht erwünscht ist. Doch die Situation gestaltete sich so, dass ich mir die Frage gestellt habe: Ist es politische Musik, die nicht erwünscht ist, oder feministische? Als wolle man die Leute im Radio an einem sonnigen Nachmittag nicht daran erinnern, dass die Welt scheiße ist.

MYP Magazine:
Wie gehst Du mit dieser Ausgangssituation als Künstlerin um?

Emily Roberts:
Man muss einen schmalen Pfad finden, ich nenne meinen immer „sexy Feminismus“. Weil ich eine absolute Feministin bin und eine sehr feminine Frau. Ich fühle mich gerne super weiblich. Mein Weg ist es, politische Themen ein bisschen in Zuckerguss zu verpacken, damit wir gemeinsam darüber reden können und sich niemand vor den Kopf gestoßen fühlt – obwohl ich gerne alle mit dem Zaunpfahl abschlachten möchte, so wichtig ist mir das Thema. Aber ich weiß, dass wir als Gesellschaft noch nicht so weit sind.

»Die Schwangerschaft war das Resultat meines absoluten Kontrollverlusts.«

MYP Magazine:
Vor kurzem hast Du auf Instagram die politischen Entwicklungen in den USA mit einer persönlichen Abtreibungsgeschichte kommentiert. War das befreiend?

Emily Roberts:
Ich habe darüber acht Jahre nicht gesprochen, vor allem, weil ich es meiner Mutter nie erzählt hatte. Damals als junges Mädchen war ich in einer furchtbaren Beziehung und die Schwangerschaft war das Resultat meines absoluten Kontrollverlusts in diesem Liebesverhältnis. Meine Mutter fand den Jungen ohnehin echt scheiße. Ich habe mich also aus vielen Gründen so sehr geschämt, dass das passiert ist. Der Abbruch geschah dann im Nebel eines eingesetzten Überlebensmodus. Aber diese ganze Situation und das Stigma drumherum waren extrem schmerzhaft für mich. Dieses Erlebnis jetzt endlich mit anderen Menschen teilen zu können, hat sich wirklich gut angefühlt. Würden wir viel offener über das Thema Abtreibung sprechen, hätten die USA jetzt vielleicht eine andere Rechtslage erwirkt.

»Ich will, dass die Menschen wissen, dass ich eine Frau bin, die einen Schwangerschaftsabbruch durchgemacht hat.«

MYP Magazine:
Denkst Du manchmal daran, wie dein Leben verlaufen wäre, wenn das nicht möglich gewesen wäre?

Emily Roberts:
Ja. Und ich will, dass die Menschen, die auf meine Konzerte kommen, weil sie meine Musik mögen, wissen, dass ich eine Frau bin, die einen Schwangerschaftsabbruch durchgemacht hat. Wenn ich mit 20 ein Kind bekommen hätte, hätte ich mich wahrscheinlich nicht so konsequent meiner Musikkarriere widmen können. Und dazu hätte ich immer diesen schrecklichen Menschen als Vater des Kindes in meinem Leben. Jetzt habe ich den Luxus, dass ich nicht einmal mehr an ihn denken muss. Das hätte mich komplett unglücklich gemacht.

Katharina Weiß:
Die freie Wahl hat Dir die Möglichkeit gegeben, nun auf andere Weise zu erschaffen. Wie werden Deine Song-Babys geboren?

Emily Roberts:
Ich bin die obsessivste Demo-Hörerin. Wenn ich die Aufnahme nicht direkt danach aus dem Studio mitnehmen kann, werde ich irre. Häufig höre ich das Lied hunderte Male nacheinander an. Manchmal gefällt es mir dann immer besser, manchmal nicht. Auf jeden Fall versuche ich, meine Lieder immer so schnell wie möglich fertigzustellen. Ansonsten brennt mir das offene Projekt auf der Seele. Leider dauert es oft ewig von der Aufnahme bis zur Veröffentlichung. Das finde ich immer schlimm, ich bin da total ungeduldig. Oft finde ich den Song, den ich als letztes geschrieben habe, am geilsten.

»Wenn es mir schlecht geht, ziehe ich meine pinkfarbene Jogginghose an.«

MYP Magazine:
Die Sprache in Deinen Songtexten ist sehr bildhafte, ähnlich verhält es sich auch mit Deinem Klamottenstil. Wie hat sich diese besondere Outfit-Ästhetik entwickelt?

Emily Roberts:
Ich liebe einfach Dinge. Und ich finde es toll, Gegenstände aus ihrem Kontext zu entfremden, gerade in der Mode. Ich habe zum Beispiel Ohrringe in Form von angezündeten Zigaretten oder Transformers-Miniaturen. Das macht dem Kind in mir großen Spaß. Auch meine Wohnung ist superbunt und lebensbejahend. Kürzlich ist mir zudem aufgefallen, dass ich oft versuche, mit Gegenständen meine Stimmung zu beeinflussen. Wenn es mir schlecht geht, ziehe ich meine pinkfarbene Jogginghose an und schaue, ob es hilft. Manchmal klappt es.


Máni Orrason

Interview — Máni Orrason

»Every single person that I’ve tried to be has felt strange«

For many years, Máni Orrason had a reputation as a cute youngster who talks openly about his emotional state and wraps it up in pleasing pop music—a role he had given himself. With his new album, »The World Is Big And You Will Never Find Me,« he not only shows several new musical facets of himself, but the young man also seems to have grown up to be a little more at peace with himself. We met with him for a very personal interview about self-acceptance, his obsession with nostalgia, and the idea of torturing himself in a video.

19. August 2022 — Interview & Text: Jonas Meyer, Photography: Juliusz Gastev

It is remarkable how differently people deal with the past. Some mourn their old selves, others want nothing more to do with them, and still others have made their peace with the person they used to be, celebrating the progress they’ve made and the wisdom they’ve gained.

Máni Orrason does a little bit of everything. The 24-year-old musician who was born in Iceland, lived in Spain for a long time, and moved to Berlin a few years ago, has just released a new album that is the best proof of this. With “The World Is Big And You Will Never Find Me,” on the one hand, he distances himself from his self-assigned role as a cute youngster making pop music. At the same time, the new album feels like a tribute to all the music that has inspired Máni throughout his life, especially his teenage years.

With the anthemic and energetic sound of tracks like “Dreama,” for example, he takes us back to the nineties and the peak times of garage rock. Then there are songs like “Death By Head” that with their dreamy and ballad-like sound seem to come directly out of a love drama, whereas pieces like “I Just Can’t Have It All” could be part of a soundtrack for a high school series.

The new album is by no means something to erase the past, but Máni uses it to document the significant personal progress he’s made, musically and emotionally. And what is most important: This thoughtful young man still speaks so openly and sincerely about his flaws, demons, and insecurities that he continues to create a safe space for his audience with his music.

A couple of weeks before the album release, we met the sensitive and candid musician for an interview at Berlin Funkhaus Nalepastraße, a huge building complex under monument protection where the GDR’s state radio once had its headquarters. Today it is abuzz with countless creatives, including musical artists who have set up their studios here—including Máni Orrason. What an inspiring example of honoring the past!

»I’ve always presented a pre-defined, stylized version of how I wanted to be perceived.«

MYP Magazine:
Máni, in the press kit for your new album you say: “So much of the new album is me trying to hide in public or run away from something.” We were wondering what part of your personality you are talking about, because you used to speak very openly about your feelings, fears, and weaknesses—as for example a video interview with Diffus. Can you explain this supposed contradiction?

Máni Orrason:
I’m aware of the fact that I give a lot of different signals through the new album. In its various tracks I sometimes put myself into the role of a big rockstar who’s not giving a fuck, and sometimes it happens that I seem to be the complete opposite—which means I’m depressed and don’t want to live on this planet anymore. For me, listening to the record feels like I’m not defining a certain vision or idea of myself—you just can’t pinpoint me. I think that’s because in the past, I struggled so much with my performed identity, as I used to call it.
I’ve always had the feeling that, no matter how much I tried to be myself, I was just performing something. I’ve always presented a pre-defined, stylized version of how I wanted to be perceived. With the new album I try to show that I don’t want to define myself anymore. I simply just can’t—because that would cause many existential feelings like, for example, being a fraud, a liar, or something else. That’s why I really wanted to hide in public, just releasing all the songs and letting all the different facets of me exist together.

»Today I really try to keep doing music in a form that doesn’t feel insane or fraudulent.«

MYP Magazine:
Was this “performed identity” one that you had defined yourself? Or was it created by someone else?

Máni Orrason:
It has always been me. But…

(Máni ponders)

MYP Magazine:
… you had put yourself in a position you didn’t like anymore.

Máni Orrason:
Yes, in a way. I always struggled with the characters I presented. But today I’ve come to a point where I really try to find a way to be happy—and to keep doing music in a form that doesn’t feel insane or fraudulent. I know that these two words sound extreme, but I had so many weird identity issues throughout my life when it comes to myself and my music that every single person that I’ve tried to be has felt strange somehow. Maybe it’s all part of growing up and getting rid of all childhood delusions—fantasies you once needed to survive and to picture a future for yourself. Of course, I wanted to be a rockstar, I’ve lived like a rockstar, I’ve seen myself as a rockstar—but all that in a way that I maybe pictured as a kid.
I see so many artists who seem so stable and so okay with differentiating their artistry from themselves. On the one hand, they have their own identities including their own families and friends, and on the other hand there’s this second world with their music. I personally have never been able to live like that. My music has always been an extension of me and such an important way to express and define myself. That’s why I live very quietly now, especially on Instagram or other platforms. I don’t like to say so much anymore, I don’t like to give so much away. That makes me feel safer and more creative.

»I just wanted to go pop, look cute, shake my butt, and smile pretty.«

MYP Magazine:
In contrast, you tell a lot about yourself in your music—in the song “Coffin,” for example, which in places sounds like an inventory of your state of mind, with lyrics like Baby Angel on the run / See the ticking of the clock / Don’t know what I’m running from / I’ve been stuck in between / Where I don’t know anyone. From what emotional place did you write this track?

Máni Orrason:
There was a moment a few years ago when I almost signed with a British major label. I flew to London, had a meeting with 20 people in a boardroom, got the contract offers, and had negotiations with some lawyers afterwards. One of these people told me: “If you do this, you have to be ready. You should talk to your friends, to your family, and especially to yourself to find out if you’re really ready to commit to this—because it’s forever.”
But I wasn’t ready. When I made the “Baby Angel” EP, it was clear for me that I just wanted to go pop, look cute, shake my butt, and smile pretty. It was just fun. But then a little after, when I had the negotiations with the label, the music I was making in the meantime was very far away from this. So, I started to feel very anxious about the deal and decided not to sign with them. I just backed out.

This is kind of where “Coffin” comes from. The song describes the feeling of really being stuck in my destiny. With the lyrics I got my jacket from Lou Reed / My coats are not my own / I’m a ghost in leather jeans, I’m characterizing a vapid star of the show business who’s sold to the devil; a situation that’s like shooting yourself in the foot.

»I had to learn again to accept parts of myself that I had long found so cringe and embarrassing.«

MYP Magazine:
With its anthemic and energetic sound, your album really took us back to the nineties here and there. The song “Dreama” for example reminds us of the peak times of garage rock. “Death By Head” has a very ballad-like sound that could come directly out of a love drama. And your track “I Just Can’t Have It All” could be part of a soundtrack for a high school series. What musical world did you want to create with “The World Is Big And You Will Never Find Me?”

Máni Orrason:
A collage, basically! It took me about two and a half years to make it—the album went through so many different stages. There was so much time to get lost in different worlds and then, somehow, to find the link between everything. At a point for example I was really attracted to these larger-than-life music styles. I guess that’s why many songs sound so huge, cinematic, and diverse.

(As we sit talking by the water, a small boat passes us by, loudly blaring the song “Sugar, Sugar” by The Archies.)

Máni Orrason (smiles):
Oh, I love these party boats—but not when they play terrible music! But let’s get back to the new album: When I was working on it, I felt in many ways that I was really coming back to a teenage part of myself. It was going full circle because I had to learn again to accept parts of myself that I had long found so cringe and embarrassing. I like this idea that bad things are good, that’s a really self-accepting and emotional way to make a pop punk song out of it.
Besides that, a lot of the new album’s songs are very dreamy and nostalgic. With “Seven” or “White Slugs,” for example, I wanted to create an instant nostalgia for myself. During the last two years, I had so much time to question the past, my relationships, and other experiences. There was a moment when I said: Oh my God, I was once in L.A., doing mushrooms in the forest, and now I’m in my parents’ basement making an album…

MYP Magazine:
… and now you have a studio in the former broadcasting headquarter of the GDR.

Máni Orrason (laughs):
Exactly! So, it seems that I’m constantly living in the past, fetishizing nostalgia and memories. I think this is one of the main reasons why things are so far away from reality on the album. It’s so dreamy, weird, and over the top.

»Green Day opened a whole world for me when I was a kid living on a farm, starting a band out of a cowshed.«

MYP Magazine:
But why this fetish for the 90s? In your music videos for “Change The World” or “Coffin” it seems that you’ve fallen in love with this decade—with all its visualities, fashion statements, and an internet that was still in its infancy. You yourself were born in 1997 and probably have no personal memories of the 90s. What fascinates you so much about it?

Máni Orrason:
The reason why I play guitar at all is Green Day. This opened a whole world for me when I was a kid living on a farm, starting a band out of a cowshed. When I was growing up, I didn’t have a lot of people showing me music and other pop culture things. When I came across Green Day and other bands of this time, it opened a universe for me that I really loved—and that I still associate with my youth.
Two years ago, I got a book called Our Band Could Be Your Life, which is about this Indie-Punk-DIY scene in the America of the 80s and 90s and its specific aesthetics with two-tone posters, Xerox prints, and all this stuff made of a DIY mentality. I’m highly attracted to that world, both sonically and visually. And even if I think my new album is more a pop record, I loved playing with these themes. It’s definitely a reference to that special time.

»Me being tortured? My haters will love it!«

MYP Magazine:
There’s another video—for the song “Just Can’t Have It All”—where you play two characters and torture yourself. What does this self-harm stand for?

Máni Orrason:
My original idea was just me hanging super high up from the ceiling. But you can’t do that for three minutes in a music video. (laughs) So, the director Andjani Autumn Gatzweiler developed the concept of torture; I had told her about how living in the past—in memories and regrets—can feel like a form of torture because you can’t let go, you can’t forgive, you’re in a constant cycle. From this was born the idea that I subjectify it and relieve it again and again—and torturing myself was just the most extreme way to visualize it.

MYP Magazine:
Hard stuff…

Máni Orrason (smiles):
…but it’s funny though! And to be honest: When I saw the concept for the video for the very first time, I thought: Me being tortured? My haters will love it!

MYP Magazine:
When you released your album „I Woke Up Waiting” in 2018, it was about personal experiences with bulimia, depression, and anxiety disorders. This album came out of a heavy and dark personal state, as you said at the time. How are you today? What is your relationship with yourself?

Máni Orrason:
Definitely much better. I accepted a lot of things about myself. Today I’m a very different person than I was. For example, I’ve become super social and open in comparison to how I used to be. I was so shy for the first 22 years of my life, basically. Although I feel that I’m still in a constant struggle, there are a lot of things today that have filled the void in my heart that I felt once. I mean, just look at all the friends I have now in my life.

»When I’m broke, he feeds me, and when he’s broke, I feed him.«

MYP Magazine:
One of these friends is the German producer and musician Yann Lauren who also plays an important role in your life professionally. In the video for “Change The World,” for example, we can see him at your side as a guitarist. How did you guys meet? And what does he mean to you?

Máni Orrason:
In March 2020, when the first Covid lockdown was looming, I went back to Spain where my parents live. They called me to fly over because they didn’t want me to stay alone in my tiny apartment. I literally caught the last flight to Spain—and stayed there until August. During that months-long period, I reevaluated my life, processed a very long relationship I had just gotten out of, and let time pass. When I returned to Berlin, it felt that I had very little to come back to. I didn’t have many people to work and feel connected with anymore, so I really started questioning being here in Berlin. But then I thought that I needed to find my people here because I knew somehow that they were out there.

Then something extremely random happened. I was going to have a session together with an artist called Alina. A few days before she asked me if I would mind if Yann joined us. He was producing her EP or something. It turned out that the session was in his apartment, so I went there, to this crazy guy with long hair who had two big speakers in his bedroom. I sat down, picked up a guitar, and started playing. Yann suddenly looked at me and said: “You really play guitar! Okay…” After the session with Alina, we started playing his music, the stuff he was working on—and that was one of the most insane things.
I was so inspired by him and became so interested in this guy that in the time that followed he totally drew me into his world, musically and privately. All his friends became my friends, and slowly we became really close. Now we make so much music together, are best friends, and have our studios across from each other. For me, it’s such a profound type of relationship that I never had in my life before. When I’m broke, he feeds me, and when he’s broke, I feed him. I have so much love and admiration for him.

»It was a horrible time—and I’m definitely not going back to that.«

MYP Magazine:
In the music video for “Change The World,” you and Yann show yourselves as two hungry little caterpillars, accompanied by lyrics like To picture a dream and then conceive it / to say what you are and then believe it / You don’t hate your body / just what you feed it. Is the eating disorder still something you’re suffering from? Are you mocking that to free yourself?

Máni Orrason:
No, these lines are a direct reference to the bulimia and body dysmorphia I was suffering from. Back then, I had such horrific feelings about myself, eating just felt like torture. It was a horrible time—and I’m definitely not going back to that, just like I sing in the song. I am not this person anymore, I really let this part of myself go.

MYP Magazine:
Many thanks that you’re so open about this topic and share your experiences with us! It’s not something that a lot of people talk about.

Máni Orrason:
Today, I feel comfortable talking about it. Talking to people helps.

»My anger was always expressed in sadness.«

MYP Magazine:
Listening back to the last seven years, it seems that one can hear less anger and more serenity and self-confidence in your voice today. Do you also perceive it that way?

Máni Orrason:
Actually, no! I’ve really never been angry. My anger was always expressed in sadness. But I feel like I’m just becoming a person that can be comfortable with being angry. Maybe it’s expressed less in my music, but as a person, I feel I can stand up for myself now and am much more confident. (smiles)

»Baby Angel is just a nice ideal to be aspired to.«

MYP Magazine:
On a trip through Texas with your ex-partner a couple of years ago, you got a special necklace—an angel wearing a cowboy hat. From this came the title “Baby Angel” for your 2019 EP. It seems that this term has become an important part of your artistic narrative. You are still playing with it, for example in the video for “Coffin.” What does “Baby Angel” mean in your life today?

Máni Orrason:
When I was very young, at the age of 16 or so, I stuck to my own name. But with the EP, there was suddenly this special feeling inside of me that I liked this alias more than Máni Orrason. So, a little after, I started calling myself “Baby Angel” and got—additionally to the necklace—a tattoo showing a baby angel with a cowboy hat. I love the sweetness of the name, it’s so pure and good in a way. And just a nice ideal to be aspired to.

MYP Magazine:
Only that the baby has grown up a little.

Máni Orrason:
Yeah, exactly. I’m a grown-ass-man angel now. (smiles)