Rosalie Thomass
Interview — Rosalie Thomass
»Der Korridor, innerhalb dessen ein Frauenkörper okay ist, ist schmal«
In »Lügen über meine Mutter« spielt Rosalie Thomass nicht nur die Hauptrolle. Sie hat auch das Drehbuch geschrieben, das auf Daniela Dröschers gleichnamigem Roman basiert. Im Zentrum der Story, die im Westdeutschland der 1980er Jahre spielt, steht eine Familie, in der der Körper der Mutter zum Schauplatz von Kontrolle, Scham und sozialem Aufstieg wird. Ein Interview über die Akzeptanz von Frauenkörpern, die Einsamkeit von Müttern, finanzielle Abhängigkeit und darüber, warum weibliche Geschichten im deutschen Kino noch immer viel zu oft als »Sparte« behandelt werden.
1. Oktober 2026 — Text: Katharina Viktoria Weiß, Fotografie: Birgit von Bally

Ein Swimmingpool steht vor dem Fenster, bezahlt mit ihrem Geld. Trotzdem soll Cornelia nicht hinein. Ihr Mann Werner findet, sie sei zu dick für einen Badeanzug – und sagt das vor der gemeinsamen Tochter. Es ist eine jener Szenen in »Lügen über meine Mutter«, in denen sich häusliche Gewalt nicht in einem Schlag, sondern in einem Satz verdichtet – in einer Behauptung, wie ein Frauenkörper auszusehen hat und wer über ihn verfügen darf.
Der Kinofilm, der am 8. Oktober 2026 startet, basiert auf Daniela Dröschers gleichnamigem Bestseller. Der autobiografische Roman stand 2022 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und erzählt – aus der Perspektive der kleinen Tochter Ela – von einer Familie in der westdeutschen Provinz der 1980er Jahre. Vater Werner macht das Gewicht seiner Frau Cornelia zunehmend für all das verantwortlich, was ihm selbst im Leben versagt bleibt: für beruflichen Aufstieg, gesellschaftliche Anerkennung und ganz allgemein für das Gefühl, nicht dort zu sein, wo er seiner Meinung nach hingehört. Die Frage, ob Cornelia tatsächlich »zu dick« ist, wird dabei selbst zur Falle.
Für die Verfilmung hat Rosalie Thomass eine ungewöhnliche Doppelrolle übernommen: Sie spielt Cornelia und schrieb zugleich das Drehbuch. Regie führt Aron Lehmann, mit dem Thomass bereits mehrfach zusammengearbeitet hat. Im Roman gibt es keine Kiloangabe und keine Kleidergröße der Mutter. Gerade diese Leerstelle beschäftigte Thomass: Beim Lesen ertappte sie sich selbst bei dem Wunsch zu wissen, ob Werner mit seiner Behauptung vielleicht recht haben könnte – und erschrak über die Frage, was dieses recht haben überhaupt bedeuten sollte. Für den Film musste ein realer Körper sichtbar werden. Statt ihn eindeutig zu vermessen, spielen Kamera, Kostüm und Perspektive deshalb bewusst damit, wie unterschiedlich derselbe Körper gelesen werden kann.
Doch dieser Körper, an dem ständig herumkritisiert wird, steht auch als Metapher für weitere Themen: Hinter ihm liegen Fragen nach Care-Arbeit, ökonomischer Abhängigkeit, familiärer Isolation und der Macht, Wirklichkeit zu definieren. Zugleich wehrt sich der Film dagegen, Cornelia als reine Opferfigur zu erzählen. Sie trägt Trotz, Lust, Hoffnung und Widerstand in sich – bis hin zu einem Befreiungs-Tanz, in dem sie buchstäblich Raum einnimmt.
Wir haben Schauspielerin und Autorin Rosalie Thomass zum Shooting im Strandbad Mitte getroffen, uns mit ihr ein Eis im Spoonful gegönnt und uns anschließend im traditionsreichen Clärchens Ballhaus darüber unterhalten, was sie an Dröschers Stoff persönlich so berührt hat, warum ein Frauenkörper im Kino noch immer durch einen erstaunlich schmalen Korridor passen soll und weshalb es für weibliche Geschichten neben Wut und Hoffnung vor allem eines braucht: Beharrlichkeit.


»Man darf nicht unterschätzen, was es mit einem Menschen macht, so etwas sagen zu müssen.«
MYP Magazine:
Als Drehbuchautorin hast Du Ehemann Werner Sätze in den Mund gelegt, die Du dir später in Deiner Rolle als Cornelia immer wieder selbst anhören musstest. Gab es einen Drehtag, an dem die Schauspielerin Rosalie Thomass die Autorin Rosalie Thomass am liebsten gefeuert hätte?
Rosalie Thomass:
Ja, es gab einen Tag, an dem es mir wirklich zugesetzt hat. Das war bei der Szene, in der Werner am Fenster steht und sagt: »Jetzt haben wir einen Pool und du kannst nicht rein.« In seiner Welt ist sie zu dick, um einen Badeanzug zu tragen – und er attestiert ihr das auch noch vor dem Kind. An dem Drehtag hat mich das wirklich getroffen. Danach bin ich zu meinem Kollegen Golo Euler gegangen, der den Werner spielt, und habe ihn um eine Umarmung gebeten. Ihm selbst ging es auch schlecht. Man darf auch nicht unterschätzen, was es mit einem Menschen macht, so etwas sagen zu müssen.
Mittlerweile glaube ich fast, dass es in diesem Fall gar nicht anders gegangen wäre, als das Drehbuch selbst zu schreiben. Wenn man als Schauspielerin ein Drehbuch erhält, in dem ein Mann die ganze Zeit sagt: »Du bist mir zu dick« – ich weiß nicht, ob man das einfach so aushalten würde. Ich wollte außerdem, dass Cornelias Körper sichtbar ist, dass sie selbst mit diesem Körper kein Problem hat und um ihr Selbstbestimmungsrecht ringt.

»Wir sind irgendwann bei der Erkenntnis gelandet, dass es egal ist, wie diese Frau aussieht. Das Problem liegt allein in seinem Kopf.«
MYP Magazine:
Im Roman nennt Daniela Dröscher weder eine Kiloangabe noch eine Kleidergröße. Im Film muss man Cornelia aber sehen. Wie habt Ihr diese Leerstelle übersetzt?
Rosalie Thomass:
Ich finde, genau das ist der Geniestreich des Romans. Mich hat es beim Lesen wirklich fuchsig gemacht, weil ich wissen wollte: Hat Werner denn recht? Und genau dieser Gedanke hat mich so erschreckt. Was würde denn recht haben heißen? Ab welchem Punkt hätte er das Recht, über ihren Körper zu urteilen? Die Antwort ist: Natürlich nie. Es ist ihr Körper. Allein die Idee, dass er eine Art Bestimmungsrecht darüber haben könnte, ist völlig wahnsinnig.
Für den Film war das eine lange Suche. Wir haben vieles ausprobiert und sind irgendwann bei der Erkenntnis gelandet, dass es egal ist, wie diese Frau aussieht. Das Problem liegt allein in seinem Kopf und in seiner Unzulänglichkeit: Er muss sich größer machen, indem er sie klein macht. Mein Körper hat sich für den Dreh verändert, aber ich bin sehr zurückhaltend damit, das in den Vordergrund zu stellen. Viel spannender war, wie wir mit Kamera, Kostüm, Stoffen und Proportionen gearbeitet haben. Was lässt einen Körper in einer Szene wuchtiger wirken, was schmaler?
Mein ganzes Berufsleben – und eigentlich auch mein ganzes Frauenleben – hatte ich mit Begriffen wie vorteilhaft und kaschierend zu tun, musste Weisheiten abwehren wie: »Querstreifen machen dick, Schwarz macht schlank.« Hier stand zum ersten Mal nicht die Frage im Vordergrund: Wie können wir die Frau möglichst schmal aussehen lassen? Das war eine überwältigende künstlerische Erfahrung.

»Warum muss jemand ständig Diät halten, den ich als so schön wahrnehme?«
MYP Magazine:
Was hat Dich an dem Buch so stark getroffen, dass Du den Stoff unbedingt verfilmen wolltest?
Rosalie Thomass:
Ich habe darin meine Mutter wiedererkannt, die auch dauernd Diät gehalten hat, obwohl sie wahnsinnig schön war – eine Frau, nach der sich Menschen umgedreht haben. Als Kind habe ich diese Diskrepanz überhaupt nicht verstanden: Warum muss jemand ständig Diät halten, den ich als so schön wahrnehme?
Darunter liegt aber noch etwas anderes: diese Selbstaufgabe von Müttern, die auch meine Mama unfreiwillig praktiziert hat. Ich finde es unerträglich, wie abschätzig wir gesellschaftlich auf Hausfrauen und Mütter schauen. Da steht immer dieses nur davor: Sie ist nur Mutter. Sie ist nur Hausfrau. Oder es wird erwartet, dass man all das nebenbei macht, während man noch berufstätig ist. Ich fand es immer erstaunlich, wie wenig Wert wir der Aufgabe beimessen, kleine Menschen ins Leben zu begleiten – genauso wie etwa in der Altenpflege oder bei der Betreuung von Menschen mit Behinderung.
Dazu kommt diese selbstverständliche Annahme, dass Frauen sich gerne um alles kümmern. Wenn aber Männer Väter werden, können sie – gesellschaftlich betrachtet – den Rest ihres Lebens selbstverständlich weiterführen wie zuvor. Gerade in der westdeutschen Provinz, mit wenig Betreuung und ohne eine Oma, die mit anpackt, entsteht für Cornelia eine extreme Einsamkeit – wie generell für viele Mütter. Das hat mich emotional erwischt, auch weil die Isolation es schwieriger macht zu erkennen, dass man in einer Gewaltdynamik lebt.

»Ich wollte mit der Vorstellung spielen, dass Werner ihren Körper vielleicht sogar ganz anziehend findet – aber nur innerhalb der eigenen vier Wände.«
MYP Magazine:
Du hast für den Film einiges an der Geschichte verändert. Welche Entscheidungen waren für die Adaption besonders wichtig?
Rosalie Thomass:
Die größte Entscheidung war, den Zeitraum stärker zu begrenzen. Im Roman vergeht eine sehr viel längere Zeit, bis sich die Frau befreien kann. Für einen Film braucht man eine andere Dramaturgie. Daniela schreibt sehr elliptisch und szenisch; ich habe vor allem eine andere Struktur gebaut und hatte auch eine starke Sehnsucht, dass Cornelia früher gehen kann.
Ich habe zum Beispiel eine Szene erfunden, in der die beiden miteinander schlafen, weil ich diese Intimität nicht auslassen wollte. Ich wollte mit der Vorstellung spielen, dass Werner ihren Körper vielleicht sogar ganz anziehend findet – aber nur innerhalb der eigenen vier Wände, wo es niemand mitbekommt. Ihm geht es vor allem um das Außen: Wie wird meine Frau von anderen wahrgenommen? Damit wird sichtbarer, dass hinter seiner Fixierung eine Statusidee steckt und keine echte Sorge. In seiner Welt erzählt er sich ja, dass er es nur gut mit ihr meint.

»Dieses Bild, dass Frauen ständig weinen müssen, gibt es vor allem in Filmen von Männern.«
MYP Magazine:
Cornelia wirkt trotz der Boshaftigkeit, die sie erlebt, nie wie eine reine Opferfigur. Sie trägt fast ständig Trotz und Widerstand in sich. War Dir das besonders wichtig?
Rosalie Thomass:
Sehr. Ich wollte nicht, dass sie eine Opferperson ist. Ich habe auch den Roman so verstanden, dass sie eine Kraft in sich trägt, die im Film vielleicht noch etwas präsenter ist. Das hat sicherlich auch mit meinem Frauenbild zu tun. Ich kenne eigentlich keine Frau, die sich jammernd in irgendeine Ecke legt. Dieses Bild, dass Frauen ständig weinen müssen, gibt es meiner Wahrnehmung nach vor allem in Filmen von Männern.
Für mich gibt es diese weibliche Qualität, sich am eigenen Schopf selbst aus der Gosse zu ziehen, den Kopf über Wasser zu halten, immer wieder Hoffnung zu haben und eine Lösung finden zu wollen. Hoffnung ist auch Cornelias Antrieb. Gleichzeitig muss man sich anschauen, welche Möglichkeiten eine Frau in dieser Zeit überhaupt vorgefunden hat. Im Roman gibt es sinngemäß die Formulierung, dass sie es gar nicht gewohnt war, eigenes Geld zu haben – und deshalb auch nicht wusste, dass es überhaupt erlaubt wäre, mit diesem Geld eigene Entscheidungen zu treffen. Diese Fantasie existierte gar nicht.
Sie bekommt ein zweites Kind, das sie eigentlich nicht wollte, sie ist an zu Hause gebunden, beruflich nicht eingestiegen, ihre Träume sind zerplatzt, sie pflegt ihre demenzkranke Mutter und ihr Vater ist gestorben. Dann erscheint dieses Geld erst mal als Möglichkeit, wenigstens die Familie zu heilen: Vielleicht wird Werner mit einem eigenen Haus endlich glücklich. Ich bewundere, wie der Roman uns lehrt, die eigenen Eltern auch als Kinder ihrer Zeit zu betrachten. Man kann unzufrieden mit ihren Entscheidungen sein und trotzdem fragen: Welche Strukturen und welche Vorbilder hatten sie überhaupt, um sich ihren Lebensweg zu bauen?


»Es offenbart sich nicht beim Kennenlernen, dass jemand irgendwann so mit dir umgehen wird.«
MYP Magazine:
Welche Rolle spielt finanzielle Unabhängigkeit in dieser Ehe?
Rosalie Thomass:
Eine sehr große. Ich habe dazu viel recherchiert – auch dazu, wie schleichend solche Gewaltdynamiken entstehen. Es offenbart sich nicht beim Kennenlernen, dass jemand irgendwann so mit dir umgehen wird. Das entwickelt sich über längere Zeit.
Bei Beratungsstellen wird der fehlende Zugang zu Geld sehr oft als Grund genannt, warum eine Frau nicht geht: weil es kein eigenes Konto gibt oder weil sie einen Kredit mit abbezahlt hat, aber gar nicht im Grundbuch steht. Das ist eine reale und sehr gefährliche Abhängigkeit. Ich finde, das müssen wir allen Töchtern sehr deutlich beibringen. Und den Söhnen müssen wir beibringen, dass es nicht cool ist, Frauen abhängig zu machen. Finanzielle Unabhängigkeit zu bewahren, ist entscheidend – weil du am Anfang nicht weißt, wie sich ein Mensch oder eine Beziehung entwickeln wird.

»Im Film darf eine Frau eben bitte nicht größer sein als der Mann. Ich fand das komplett antiquiert.«
MYP Magazine:
Welche Lügen über Deinen eigenen Körper hast Du im Laufe Deines Lebens übernommen?
Rosalie Thomass:
Ich bin da relativ resistent, weil ich vom Grundcharakter widerspenstig bin und Dinge verstehen und hinterfragen will. Wenn jemand zu mir gesagt hat, ich sei zu groß, zu dick oder irgendetwas anderes, habe ich mich eher gefragt, warum diese Person das sagt. Mein Eindruck ist, dass es stets mehr über die andere Person aussagt als über mich.
Wenn ich zurückblicke, finde ich aber schon erstaunlich, was mir gerade am Anfang meines Berufs gespiegelt wurde. Als ich mit 16, 17 anfing, wurde tatsächlich problematisiert, dass ich groß sei. Ich habe das gar nicht verstanden, ich bin ja nun auch nicht zwei Meter – ich sage mal, ich passe durch jede Tür. Aber im Film darf eine Frau eben bitte nicht größer sein als der Mann. Ich fand das komplett antiquiert.
Ich hatte zum Glück etwas in mir, das gesagt hat: Ich beanspruche jetzt diesen Ort für mich. Trotzdem gab es Momente, in denen ich geglaubt habe, ich sei irgendwie zu viel oder passe nicht hinein. Das war dann die Lüge, die ich mir selbst zwar nicht erzählt, aber kurz übernommen hatte. Ich habe mich aber immer wieder sehr bewusst dagegen entschieden, mich diesen Vorstellungen zu unterwerfen.

»Ich finde jedenfalls, dass wir gerade dringend ausdrücklich feministisch-kämpferische Filme brauchen.«
MYP Magazine:
War es schwierig, einen so ausdrücklich feministischen Film zu finanzieren?
Rosalie Thomass:
Als ich mich um die Filmrechte beworben habe, gab es von meiner Seite schon ein Paket: eine Produktionsfirma, TOBIS als Verleih, Aron Lehmann als Regisseur, der bereits Literaturadaptionen gemacht hatte. Und natürlich einen Bestseller, der Rückenwind gegeben hat. Trotzdem war es kein Spaziergang, den Film zu finanzieren. Die Partnerinnen und Partner, die am Ende dabei waren, waren dafür mit voller Überzeugung dabei. Beim ZDF, beim FFF Bayern und bei der Film- und Medienstiftung NRW habe ich wahnsinnig viel Unterstützung erlebt.
Ich finde jedenfalls, dass wir gerade dringend ausdrücklich feministisch-kämpferische Filme brauchen – und davon haben wir in Deutschland noch bei Weitem nicht genug. Gleichzeitig war dieser Film sicher leichter zu finanzieren als ein freistehender Stoff. Wenn die Branche schon gesehen hat, dass eine Geschichte als Roman funktioniert und vermarktet werden kann, ist das ein Sicherheitsnetz.

»Es wird wirklich dankbar angenommen, wenn Frauen sich als Publikum gesehen fühlen.«
MYP Magazine:
Du hast schon bei der Komödie »Jagdsaison« am Drehbuch mitgeschrieben und dort eine klassische Frauenkonkurrenz aufgebrochen. Warum hält sich so hartnäckig die Vorstellung, weibliche Figuren müssten vor allem um Männer kreisen?
Rosalie Thomass:
Bei »Jagdsaison« war die Vorlage ursprünglich viel stärker eine Frauenkonkurrenzgeschichte zwischen einer älteren Frau und der neuen, jüngeren Partnerin des Mannes. Das fand ich ein bisschen langweilig. Im Kern blieb zwar die nachvollziehbare Angst einer Mutter, dass das eigene Kind die neue Partnerin vielleicht lieber hat – aber für mich sollte es am Ende um Schwesternschaft gehen und nicht um diese ständige Männerfixierung.
Ich erhalte auf solche Filme sehr viel schönes Feedback, von Frauen jeden Alters. Das macht mich tief glücklich. Ich glaube, was die deutsche Filmindustrie manchmal noch nicht richtig versteht, ist, dass wir als Zuschauerinnen teilweise richtig ausgehungert sind. Frauen finden derart wenig statt in interessanten, multiperspektivischen, aufregenden und auch witzigen Geschichten, dass es wirklich dankbar angenommen wird, wenn Frauen sich als Publikum gesehen fühlen. Ich glaube, wir stehen da erst am Anfang dessen, was wir noch ausschöpfen können. Es fängt gerade erst an, dass wir uns trauen, diese Geschichten zu schreiben.
»Wenn ich in einen Buchladen gehe, komme ich mit zehn Büchern heraus, die mich meinen.«
MYP Magazine:
Gleichzeitig hört man gerade wieder, dass Streamer stärker nach Stoffen mit Männern und Gewalt-Thematik suchen. Hast Du das Gefühl, dass dieser Raum schon wieder kleiner wird?
Rosalie Thomass:
Ich werde jedenfalls tun, was ich kann, um dem entgegenzuwirken. Solche Ansagen geistern durch die Branche, aber ich weiß nicht, wie belastbar das jeweils ist. Was wir als Zuschauerinnen auf jeden Fall in der Hand haben: Wir können ins Kino gehen und diese Filme anschauen – also nicht nur Missstände benennen, sondern das Ticket kaufen, mitgestalten.
Mein Eindruck ist, dass der Literaturmarkt sich da schneller entwickelt. Wenn ich in einen Buchladen gehe, komme ich mit zehn Büchern heraus, die mich meinen, in denen meine Mutter oder meine Freundinnen vorkommen, in denen Frauen erzählen, wie sie die Welt wahrnehmen. Das war früher nicht so. Ich bin davon begeistert, weil ich dort auch Lebensrealitäten kennenlernen kann, die komplett außerhalb meiner eigenen Erfahrung liegen. Im visuellen Medium könnten wir das genauso versuchen. Es passiert schon viel, und wir haben auch einiges an starkem Fernsehen. Aber es darf noch sehr viel mehr werden.

»Auch Männer profitieren davon, sich mal eine andere Perspektive anzuschauen als ihre eigene.«
MYP Magazine:
Warum ist der Buchmarkt in Deinen Augen bei weiblichen Perspektiven weiter als das Kino?
Rosalie Thomass:
Also, die Stoffe sind da. Es gibt so viele tolle Drehbuchautorinnen, die wahnsinnig interessante Geschichten schreiben. Woran die Hemmung liegt, diese Stoffe umzusetzen, muss man die Verantwortlichen fragen. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, wie Frauen in der Öffentlichkeit aufgebaut werden, wie sehr sie gehypt werden – und damit, dass wir erst noch lernen müssen, mehr als eine erfolgreiche Filmemacherin gleichzeitig auszuhalten.
Was ich manchmal erlebe, ist diese Haltung: »Wir hatten leider gerade schon einen Frauenfilm.« Als gäbe es echte Filme und echte Literatur – und dann das extra Zeug für Frauen. Das finde ich ziemlich frech, immerhin machen wir die Hälfte der Menschheit aus. Und auch Männer profitieren davon, sich mal eine andere Perspektive anzuschauen als ihre eigene. Bei unserem Film zum Beispiel: Jeder Mann hat eine Mutter. Auch Söhne erkennen die Geschichten ihrer Mütter darin wieder, und ich habe auch von Männern schon sehr berührendes Feedback bekommen.
Zu Wut und Hoffnung braucht es deshalb wahrscheinlich noch Beharrlichkeit. Man muss mit einer gewissen Freude immer wieder nachfragen, dabeibleiben und nicht weggehen. Ein bisschen muss man halt nerven, damit man nicht so schnell abzuwimmeln ist. Und wenn solche Filme entstehen, ist wichtig, dass viele sie sehen. Im Literaturbetrieb sind Frauen ja nicht nur deshalb präsenter und erfolgreicher als in der Filmbranche, weil dort alle so nett sind. Sondern weil damit Geld zu verdienen ist. Von mir aus können wir allein schon aus rein wirtschaftlichem Interesse sehr viel mehr Angebot für Frauen schaffen – und ihnen ermöglichen, sich auch im Kino wirklich abgebildet und gesehen zu fühlen.
»Lügen über meine Mutter«
ab dem 8. Oktober im Kino.
Übrigens:

Kurz nach dem Kinostart von »Lügen über meine Mutter« steht für Rosalie Thomass bereits die nächste große Premiere an: Mit »Gottesgarten« gibt sie ihr Debüt als Kriminalhauptkommissarin Emilia Rathgeber im »Tatort Franken«. An der Seite von Fabian Hinrichs und Eli Wasserscheid ermittelt sie in einem Mordfall, der die Frage aufwirft, wo Recht endet und Gerechtigkeit beginnt.
Der von Grimme-Preisträger Dustin Loose inszenierte »Tatort« führt von einem Nürnberger Stundenhotel bis in die oberfränkische Region Gottesgarten und ist ab dem 23. Oktober 2026 in der ARD-Mediathek sowie am 25. Oktober um 20.15 Uhr im Ersten zu sehen.
Bildnachweise:
BR / Claussen+Putz Filmproduktion GmbH / Hendrik Heiden


Mit besonderem Dank an die Teams von
Mehr von Rosalie Thomass:
players.de
instagram.com/rosalie_thomass
instagram.com/birnbaumberlin.pr
Interview & Text: Katharina Viktoria Weiß
Fotografie (Interview): Birgit von Bally
Styling (Interview): Romina Mann
Hair & Make-up (Interview): Valentina Schwez
Knats
Interview — Knats
»In Newcastle, there’s always a way forward«
Since the release of their album A Great Day In Newcastle, Knats have been making waves far beyond Britain. Blending fresh, energetic and meticulously crafted jazz with evocative poetry, the young band explores both the character and the hardships of life in North East England. This interview explores what it means to conceal your musical passion in a culture shaped by toxic masculinity, how strict compositional constraints can lead to better music, and the lessons that can be drawn from the work ethic of a traditional mining community.
17. September 2026 — Interview & text: Jonas Meyer, Editing: Chloe Jacob, Photography: Roberto Brundo

“Trust me when I say that everything you’ve ever felt has been experienced by another human being before you. You may not think so, but it’s true,” writes Benjamin Myers in his novel The Offing, adding: “That is what poetry is. It exists to remind us of this very fact. Poetry is mankind’s way of saying that we are not entirely alone in the world.”
In his book, Myers tells the story of a sixteen-year-old boy who, in the late 1940s, decides to leave his village in North East England. Driven by a longing to escape his family’s expectations, he sets out in the hope of finding something beyond the horizons he has always known. Like generations before him, he is set to become a miner and spend his life extracting coal. In this part of the country, that is simply how things have always been, and for many, the way life was meant to remain.
On his journey south, he meets an elderly woman who lives in a solitary cottage on the Yorkshire coast. She introduces him to the world of literature and, in doing so, opens up an entirely new perspective on what his life could become. And without giving too much away: he’s never gonna be a miner.
It is from this former mining heartland — the very region the sixteen-year-old protagonist of Myers’s novel is so desperate to escape — that Knats also hail from. More specifically, they come from the port city of Newcastle upon Tyne.
The youthful group — all six members in their early twenties — was founded by bassist Stan Woodward and drummer King David Ike-Elechi, who first met as Year 7 pupils. They began as classmates, became best friends, and now make music together. Over time, the band grew into the six-piece ensemble it is today. Trumpeter Ferg Kilsby was the first to join Woodward and Ike-Elechi, followed by saxophonist George Johnson and pianist Sandro Shar. The final addition was poet Cooper Robson.
And yes, you read that correctly. On their second album, released in early May, Knats weave elements of poetry into their music. But these are far from whimsical tales. Rather, Robson’s poems explore many facets of life in a region that, until the closure of its last coal mines, was shaped by hard work underground and a stricter set of values above it. Today, that same region is grappling with a difficult mix of limited opportunities, toxic masculinity, drugs and alcohol — issues that have become their source of motivation.
Yet Knats did not call their album A Great Day In Newcastle without good reason. They have chosen to approach their hometown and its problems with love rather than anger; to embrace it rather than push it away; to speak of it with appreciation rather than contempt. The result is a vibrant, fresh and powerful jazz album that really leaves its mark—and that you simply can’t stop listening to. Having played at the Brick Lane Jazz Festival in London and recently appeared on the BBC’s Later… with Jools Holland, Knats are beginning to attract attention beyond Newcastle. With their new album, they just have been shortlisted for the 2026 Mercury Prize. It is now our pleasure to introduce the band to our readers in Germany. For our interview, we met four of them on a great day in Berlin.


»If you hug someone as a joke, you're still hugging them.«
MYP Magazine:
Stan, a couple of weeks ago, you told the audience on stage at the Brick Lane Jazz Festival: ‘Tell your family and friends you love ‘em!’ Why was that so important to you in the moment?
Stan:
As far as I remember, I said that at the end of Azure Blues, one of the tunes from our new record. It doesn’t feel particularly genuine to us to stand on stage and tell people they should love each other. That’s why my remark was more of a tongue-in-cheek joke. I basically just said it to be funny.
Ferg:
At the same time, I think even when it’s meant as a joke, it’s a good way to get people to come closer together. If you hug someone as a joke, you’re still hugging them.
Cooper:
Ferg’s right. Of course, all that lovey-dovey stuff, when done earnestly, can be a bit much. But if you do it as a joke, it’s funny, and at the same time people can take it at face value and think, ‘Oh yeah, man, I love you.’

»You only realise what’s so precious once you’ve left it behind.«
MYP Magazine:
Speaking of love: At the Brick Lane Jazz Festival, you also explained that your new record is a love letter to your hometown of Newcastle — a place that you left a couple of years ago when you moved to London. Is it easier to write a love letter from a distance? Does it sharpen the eyesight?
Stan:
Yeah, to a degree. When you’re not there, you really miss it. It’s just like everything else in life: you only realise what’s so precious once you’ve left it behind. We’ve travelled a lot with the band, and it’s precisely at times like those, that you realise what makes home so special compared to elsewhere.
MYP Magazine:
Ferg, you’ve moved to London, just like Stan. What exactly do you both miss about your hometown whilst you’re there?
Ferg:
The sarcasm! There’s a lot of sarcasm in Newcastle that doesn’t always translate. People in London don’t always get that sort of humour. It’s a bit like an English person going to the US, where people might not get certain jokes either.
Stan:
For me, it’s mostly the people. In London, people are very different. In Newcastle, folks are generally a bit friendlier — or, to be more precise, more outgoing. They’ll stop you in the street as you’re walking past just to say hello. It’s the same when you’re on the bus; people just start chatting to you. That’s not just because Newcastle is smaller, there’s also a strong sense of community.


»For many, drug abuse stems from boredom, depression or loneliness.«
MYP Magazine:
In your musical love letter to Newcastle, you tackle a lot of difficult issues, such as toxic masculinity, alcoholism, and violence. Is the album an angry reckoning with where you come from?
Stan:
Nah, it’s more about raising awareness of the struggles that people face who have different lives — lives with fewer opportunities. I’m not just talking about fewer opportunities for creative expression. Generally, limited opportunities lead to boredom, and that, in turn, is often why people turn to alcohol or drugs. Unless, you enjoy going out and getting fucked up — which, I must admit, was something I enjoyed as well. But for many, drug abuse stems from boredom, depression or loneliness.
»There was always a fight somewhere in Newcastle.«
MYP Magazine:
Being on stage at the Brick Lane Jazz Festival a couple of weeks ago, you introduced your song Never Gonna Be A Boxer with the words: ‘The next song’s about someone whose dad wants them to be a boxer, but they want to be somebody else: a creative, perhaps. Or a plumber. But definitely not a boxer.’
Stan:
Yeah. This remark referred to a time when I was at school, and everyone just seemed to be out looking for a fight. Where I come from, there’s this culture where men are expected to behave in a typically ‘manly’ way, which is a pretty toxic culture. You know, there was always a fight somewhere in Newcastle.
MYP Magazine:
Watching you on stage, however, you still look as though you’re holding your bass like a weapon…
Stan:
Maybe it has left its mark on me after all. In Newcastle, there’s a big fighting culture — loads of lads on the estate get into fights all the time. It’s this awful culture where everyone’s terrified of it, but feels compelled to do it anyway. That was the idea behind the song, but again, it’s meant to be a bit tongue-in-cheek and ironic. Simultaneously, there are parts of the album that are meant to be taken literally — the introduction poem, for example. However, even that still has humour in it.
Cooper: (smiles)
A little bit.

»Working-class kids still face a real lack of opportunities.«
MYP Magazine:
In an interview with The Guardian, you revealed that at school you tried to hide the fact that you were making music from your friends.
Stan:
Correct. I taught myself to play the guitar when I was ten. Back then, the other kids saw it as embarrassing to be a musician, or even to be musical. It was just one of those things you didn’t want people to know about.
MYP Magazine:
How does the community in Newcastle generally deal with children who fall outside the norm?
Stan:
Working-class kids still face a real lack of opportunities, especially for creative expression. We’re trying to change that by offering music masterclasses. A lot of kids still end up out on the streets doing all sorts of shit.
Cooper:
Yeah, but like many other cities, Newcastle has very different areas and very different types of people, but despite all that, its core identity is still tied to the traditional, “manly” working-class bloke. Even though it’s increasingly becoming a student city, with ongoing gentrification and more young professionals moving in, that identity remains. As soon as you leave the city centre and head out into the surrounding areas, it’s exactly as Stan described. It isn’t pretty.

»The song is about all the graft that went into pit mining, and about how massively fucked up it was.«
MYP Magazine:
102 years ago, on 11 May 1924, a certain Jackie Milburn was born. What significance does this figure hold for Newcastle? And why did you dedicate a track to him?
Stan:
At Christmas 2024, I was sitting in a pub with my best friend and his dad, who told us about Jackie Milburn. He was a famous football player and trainer raised in the Newcastle area, working half days in the coal mine and half days on the pitch. People revered him and everyone simply called him ‘Wor Jackie’ — ‘wor’ is Newcastle dialect for ‘our.’ But our song is less of a tribute, even though it shares the same title. Instead, we wanted to create an archetype, a figure who could represent the topic we wanted to talk about: Wor Jackie is about all the graft that went into pit mining over decades, even centuries in North East England, and about how massively fucked up it was. To capture that, Cooper wrote this brilliant poem about pit mining, which goes:
Beads of sweat cascade from skin
Sinews punch as pistons
The furnace hungers
Its palate honed
To men
Enlisted for wrist strength and persistence
»When we started out, we would just sit there mass-emailing venues, and it took us years and years to get a gig.«
MYP Magazine:
Do you have any family members who worked in the pit?
Stan:
Yeah, my godfather was a pit man.
Ferg:
My grandparents were steel workers. But my parents both work in regular jobs. Nevertheless, it didn’t necessarily make growing up any easier, especially for my mum. Her dad died when she was nine, and she was raised by her mother alone before eventually attending Oxford. Looking at her today, she still works her arse off.
Cooper:
I do not have much personal experience with pit mining, which is why I wanted the poem to focus more on work ethic. The North East of England has a long history of shipbuilding and heavy industry, so traditional values are deeply ingrained. The guiding principle is essentially: work hard and you’ll get good results. My grandmother is a perfect example of that mindset. She loves to say, “The more you put in, the more you get back…”
Stan:
…which is kind of what we’ve done with this band. That’s why it’s doing so well now — it’s come from a lot of graft. But getting here was tough; it’s been a non-stop journey. When we started out, we would just sit there mass-emailing venues, and it took us years and years to get a gig. Behind it all was the same mentality: the more you put in, the more you get back.

»When you're constantly surrounded by that sort of music as a child, you just absorb it.«
MYP Magazine:
Part of this journey also involved experimenting with different musical styles. Why did jazz ultimately become your genre of choice?
Stan:
I grew up listening to a lot of music. My dad was a drum & bass DJ. When I was with him, I was constantly surrounded by music, and jazz was a big part of that. He used to play a lot of Herbie Hancock, Miles Davis and Charles Mingus in his car. When you’re constantly surrounded by that sort of music as a child, you just absorb it. So, over the years, my passion for it grew, which eventually needed an outlet.

»Everyone matters so much in the band — as well as everyone around Knats.«
MYP Magazine:
George, you met King on Discord during lockdown and joined Knats a little while later. As a saxophonist, have you always focused on jazz?
George:
I think so. Like Stan’s dad, mine is a musician as well. When I was a kid, he used to put jazz records on, and I always felt that there was just something special about it. Jazz is like a puzzle — a constant interplay of improvisation and communication. That’s one of the reasons I love being in this band so much. Over the years, we’ve not only become good friends, we’ve also gotten to know each other musically. Now it’s at the point where we can almost predict what the others are going to play, sometimes before they even know themselves.
What’s more, I feel I’ve learnt a lot from this band. I’m not from Newcastle myself, and I grew up in a different environment. Even though we come from very different backgrounds, it’s amazing to see that we all share the same love for this music. It’s such a fresh sound because everything comes together in it: Stan’s writing, the way King makes the tunes sound so different, and the creative touch that Ferg, Cooper and Sandro each bring to it.
Stan:
Yeah, everyone matters so much in the band — as well as everyone around Knats. Everybody has their own individual thing. For me, it all adds up.

»That's exactly what I love so much about our band: Knats is pushing boundaries.«
MYP Magazine:
When you played in Liverpool in May, one of your fans posted an enthusiastic story on Instagram about your performance, including the comment: “Jazz is not dead!” Have you ever had the impression that the genre was dead?
Stan:
I don’t think jazz will ever die.
George:
Perhaps the fan was thinking more of the traditional kind of jazz. But you could also ask: is classical music dead? Is soul music dead? Is R&B dead? In the end, it’s all about how you bring a style to life and interpret it in the present day. That’s exactly what I love so much about our band: Knats is pushing boundaries. And I think that’s what really resonated with the fans at that moment.

»If you work within strict boundaries, you often end up making more interesting music.«
MYP Magazine:
Stan, you’re the one who writes the music. Could you take us inside your mind and heart for a moment and explain how, when and where your compositions come about?
Stan:
For me, everything starts at the piano. The first few songs I wrote for the new album, such as Wor Jackie and Never Gonna Be A Boxer, were born of a fairly strict compositional approach. Wor Jackie in particular started as an exercise in using a limited number of notes. I was heavily inspired by the French composer Olivier Messiaen, a revolutionary in harmonies. He developed a system of symmetrical scales, known as Messiaen’s modes, which I use when composing. I try to stick rigidly to a given framework, like only using Messiaen’s modes, and challenge myself to create something within it.
MYP Magazine:
What about this technique appeals to you?
Stan:
If you work within strict boundaries and set yourself clear rules, you often end up making more interesting music, at least in my experience. That said, I was completely burnt out after the first album and was so unhappy with it that I ended up trying something different.

»Newcastle was constantly on my mind, and I wanted the album to explore themes connected to where I come from.«
MYP Magazine:
Your new album stands out not only for its music, but also for another fundamental element: Cooper’s poetry, which makes the whole thing truly special. How exactly did this idea come about?
Stan:
I locked myself away for about nine months to write music and spent pretty much all my time at the piano. I was in London, which should have been the ideal place to make music, but the whole time I just found myself thinking about home. Newcastle was constantly on my mind, and I wanted the album to explore themes connected to where I come from. But because the kind of music we make doesn’t really give you much opportunity to talk about it — other than in interviews like this — I had the idea of putting an introductory monologue at the start of the album, laying out the themes of the songs.
MYP Magazine:
This resulted in the introductory track 7 Bridges To Burn, which begins with one of Cooper’s poems.
Stan: (smiles)
Yeah, it’s like the beginning of a fairytale, isn’t it?
»I was asked to create something in which I spoke just as openly and loudly about the difficulties of the region as I did about the things I love.«
MYP Magazine:
Cooper, had this poem already existed before? Or did you write it especially for the new Knats album?
Cooper:
I already had a poem about the North East up my sleeve. I was pretty happy with it, to be honest — it’s one of my favourites. When Stan asked if I would contribute some poetry to the album, I thought to myself “I’ll use what I’ve already got.” However, I quickly realised it wasn’t working.
MYP Magazine:
Why not?
Cooper:
In my texts, I speak a lot about the North East. That has always been a long-standing theme in my poetry. But I’ve always looked at things through rose-tinted glasses. When I started writing for this project, the task was different: I was asked to create something in which I spoke just as openly and loudly about the difficulties of the region as I did about the things I love, without dwelling on the wounds. The way I phrased it, it almost reads like a love letter. Because when you write a truly heartfelt and sincere love letter to someone, it is usually not to some fairytale character, but to a real person — someone with strengths and weaknesses, endearing qualities and imperfections.

»When you really love someone, you love absolutely everything about them.«
MYP Magazine:
And yet we humans tend to romanticise those we’ve fallen for.
Cooper:
Of course! When you really love someone, you love absolutely everything about them. In fact, even if there’s one thing about a person that really gets on your nerves, you’d miss it if it suddenly disappeared.
In any case, I ended up writing something completely new, which was an absolute blessing. It feels much more intimate and much more consistent with the rest of the piece.
MYP Magazine:
Who is this “young lad down the way, a pugilist, with tight fists like that meme of Arthur,” as the poem says?
Cooper:
Like in Wor Jackie, it’s an archetype, a person — or several persons — going through different stages of life. Writing it, I felt like describing a hundred people I’ve seen in my life, a reflection of their difficulties.

»I started keeping a journal. And somehow, my entries ended up rhyming.«
MYP Magazine:
How did you get into poetry?
Cooper:
I originally studied maths at uni — I was very objective-minded growing up. When lockdown hit, I struggled a lot with my mental health. I was living with my grandmother at the time. One day she was watching This Morning, that awful UK breakfast TV programme. They recommended journalling as a way of processing emotions. Even though the show was horrible, I followed the advice and started keeping a journal. And somehow, my entries ended up rhyming.
As I began to feel better over time, I stopped writing, but soon found myself missing it. So I started again, although this time not about myself, but about the world as I saw it. And then over patches of on and off, I kept writing, and then, about three and a half years ago, I did my first gig. It was not enough; I just kept wanting more.


»We'd actually approached a different producer first, but for one reason or another it didn't work out.«
MYP Magazine:
Another figure who played a key role in the creation of your new album is Geordie Greep, the former frontman of British rock band Black Midi. He agreed to produce your album pro bono. How did this collaboration come about?
Stan:
Geordie is a good friend. King and I have known him for quite a while, and we’ve made music together in the past. When he did his first UK tour, we asked if we could support him, and Knats ended up opening the first three tours he did.
When we were working on A Great Day In Newcastle, we’d actually approached a different producer first, but for one reason or another it didn’t work out. It was incredibly frustrating because we couldn’t see a way forward. Then, all of a sudden, Geordie stepped in and said, “I’ll produce it — and I’ll do it for free.”
MYP Magazine:
What prompted him to make such a generous gesture?
Stan:
At the time, Geordie was starting to get more involved in production. He saw our project as a chance to improve his skills in that area. That was brilliant for us, of course.

»That's the most valuable quality in a producer: to have a savvy ear not personally involved in the music.«
MYP Magazine:
There’s a saying in Germany: “Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul.”
Ferg:
Don’t look a gift horse in the mouth.
MYP Magazine:
How come you speak German, Ferg?
Ferg: (smiles)
I learned it at school.
MYP Magazine:
The saying means: You don’t complain about gifts. Did that make it harder to get involved in the production process?
Stan:
Not at all. For Geordie, it was as much an experiment as it was for us. He wanted to produce a record because he’d never done it before. He’s a very humble guy, which is why, throughout the whole process he kept saying, “I don’t really know what I’m doing.” And yet he has released many albums with Black Midi and as a solo artist. As far as we could tell, he was completely on top of it.
Ferg:
No wonder — after all, he’s listened to billions of albums in his lifetime. Geordie has an enormous knowledge of music, so during the production process he could always present a reference for every musical detail.
Stan:
You basically need a fresh set of eyes, because you get caught up in your own head about things pretty fast. For me, that’s the most valuable quality in a producer: to have a savvy ear not personally involved in the music. I think that’s paramount for making good records.


»I absolutely didn’t want to mess up in front of this dude.«
MYP Magazine:
Cooper, what was the whole process like for you?
Cooper:
I have absolutely no musical background and I’ve never been in a studio before. I met Geordie on a Monday morning and by the evening, he was saying: “Okay, I like your delivery, but it’s time to become more like a riot.” In the end, we didn’t use that “riot-y” take because it sounded silly. But it put me in a mindset that actually got what we really needed from me, because he pushed me in such a ridiculous direction that, when I came back, I was right where I started, just in a new position. So within one hour, I was able to write my Wor Jackie part. That was fun — although for me, it also felt like a bit of a bigwig attendance. I absolutely didn’t want to mess up in front of this dude and sometimes I felt stupid. But in the end, it was a very special and enlightening experience.

»Cooper’s poetry brings our songs to another level by adding an emotional gravity to it.«
MYP Magazine:
It’s interesting that you say you have no musical background. Isn’t your poetry also about rhythm, tone and harmony?
Stan:
Cooper never gives himself enough credit. In my opinion, he’s very musically talented as well. We just come from different worlds, but rhythmically it was always wild how everything came together when we were recording. Cooper wrote a lot of his poems for the album without really knowing how long the sections would be, but in the end, everything always fit. I remember when we recorded Bigg Market Scrappa, we did like one take and that was it. It just lined up perfectly. We were just like, what the fuck, how is that even possible?
Ferg:
I can only agree with Stan on that. The way Cooper thinks about the structure in his poetry, it’s less about words and more about the rhythm.
Cooper:
You guys are sweet, thank you.
MYP Magazine:
At the same time, it’s still hard to imagine music without your contribution; the poems seem to be a fundamental part of Knats.
Stan:
Definitely. It seems to me that it’s no longer possible to make our songs without the poems. Cooper’s poetry brings them to another level by adding an emotional gravity to it. I myself feel so much more when Cooper does his stuff. It really brings that spark.

»Working-class solidarity is always particularly strong in good times. But in tougher times, this principle suddenly begins to crumble.«
MYP Magazine:
In Farewell Johnny Miner, the final track on the album, there’s a part where you all sing together: “What is this thing that they call working-class solidarity?” Are you providing your own answer to that question through the album cover photo, in which you brought together a number of Newcastle residents from a wide variety of professions, all of whom gathered in front of a bridge?
Stan:
The introduction of the song is a compilation of excerpts from a TV report about Durham miners from 1972. It asks: “What does it mean to be a pitman? What does it mean to trudge through conditions like these?”
Ferg:
These questions arose at a time of growing disillusionment amongst miners. Essentially, the point is that working-class solidarity is always particularly strong in good times. But in tougher times, such as after the first miners’ strikes in the early 1970s, this principle suddenly begins to crumble.
Stan:
Exactly. And as for the album cover, we took our inspiration from one of the most famous photographs in jazz history, A Great Day in Harlem. It is a group photograph of 57 jazz musicians in front of a building on 126th Street, taken on 12 August 1958. The occasion was a planned issue of Esquire magazine on the golden age of jazz, and the photographer had previously spread the word amongst New York’s musicians that the shoot was to take place at 10 o’clock in the morning. To his surprise, a relatively large number of well-known jazz musicians turned up at what was, for them, an unusually early hour.

»When I was a kid, finding my own identity was a big struggle for me, especially faced with the pressures of masculinity.«
MYP Magazine:
It’s impressive just how much you can learn when you really get to explore this album. What have you learned about yourselves, working on A Great Day In Newcastle?
Stan:
When I was a kid, finding my own identity was a big struggle for me, especially faced with the pressures of masculinity. Working on the album, I’ve managed to distance myself from those kinds of role models and articulate some of the things I’d been thinking about through writing. It’s a good vessel for me to get stuff off my mind.
Cooper:
I feel as though I’m more versatile than I would previously have given myself credit for, which is a lovely thing to learn. But I also think I’m not as hard-working as I should be, observing how much effort the other members put into every aspect of their lives inspires me.
Stan:
What about you, Ferg?
Ferg:
Big question. In some ways, I think I’ve kind of realised that we all have way more in common than we think, and that at the same time, we’re more different than we thought.
George:
I come from almost the opposite background to you guys. I didn’t grow up in a working-class family; I grew up in London. For me, it’s very inspiring to hear these stories. Especially when we go on stage and play live, you can hear how significant they are to everyone in the band. The live shows are everything, really.

»In our relationships, humans are quick to burn the bridges behind us, a permanent loss.«
MYP Magazine:
For our final question, let’s return once more to your opening track, 7 Bridges To Burn. Even though we’ve learnt that the “young lad down the way” is an archetype, how might his path continue from here? Where is he heading?
Stan:
I think it’s really an open-ended question. But given the circumstances he’s witnessing, the best thing to say is that this lad doesn’t really have much choice.
Cooper:
The poem — which, as I have already said, is an amalgamation of ideas — begins by depicting a difficult life shaped by unavoidable experiences. But then, roughly halfway through the poem, there is a shift that goes:
He might never learn
But you know what?
Us lot, we’ve got seven bridges to burn
So we’ll be that friendly tone on the phone
And we’ll give the wheel another turn
In our relationships, humans are quick to burn the bridges behind us, a permanent loss. In Newcastle, we have no fewer than seven bridges. So if you mess up and make a mistake, you’ve got six other chances. The wheel I’m talking about is the wheel of fate, which contains all that’s happened, and all the wrong decisions. But people here are forgiving. If you earnestly ask for help, no matter who you were before, you’ll receive it. In Newcastle, there’s always a way forward.

Special thanks to Ellie Slorick, Dan Gray and the Brick Lane Jazz Festival.
More about Knats:
Interview & text: Jonas Meyer
Editing: Chloe Jacob
Photography: Roberto Brundo
Knats
Interview — Knats
»In Newcastle gibt es immer einen Weg nach vorn«
Mit »A Great Day In Newcastle« haben Knats im Mai eines der aufregendsten Jazzalben des Jahres vorgelegt. Die Platte besticht einerseits durch ihren frischen und energetischen Sound, andererseits durch die für dieses Genre so besondere Verknüpfung von Musik und Poesie: ein Stilmittel, mit dem die junge Band das Leben im Nordosten Englands beleuchtet – ungeschönt, pointiert und gleichzeitig überaus liebevoll. Im Interview erzählen die Jungs, wie es ist, in einer von toxischer Männlichkeit geprägten Kultur aufzuwachsen, wie mithilfe strenger Regeln bessere Musik entstehen kann und was das Arbeitsethos einer alten Bergbauregion mit ihrer jungen Band zu tun hat.
17. September 2026 — Interview & Text: Jonas Meyer, Fotografie: Roberto Brundo

»Du kannst mir glauben«, schreibt Benjamin Myers in »Offene See«, »alles, was du je gefühlt hast, wurde vor dir schon von einem anderen menschlichen Wesen gefühlt. Vielleicht kannst du dir das nicht vorstellen, aber es ist die Wahrheit. Darum geht es in der Lyrik. Sie erinnert uns genau an diese Tatsache. Durch Dichtung vermittelt uns die Menschheit, dass wir nicht völlig allein auf der Welt sind.«
In seinem Roman erzählt Myers die Geschichte eines Teenagers, der Ende der 1940er Jahre die Enge seines Heimatdorfs im Nordosten Englands verlässt – getrieben wird er von der Sehnsucht, dass da draußen vielleicht noch ein anderes Leben auf ihn warten könnte als das, was seine Eltern für ihn vorgesehen haben. Denn wenn es nach seiner Familie geht, soll der junge Mann, wie etliche Generationen vor ihm, sein Leben als Bergmann unter Tage fristen. So war und ist es in dieser Gegend üblich, so soll es immer bleiben.
Doch diesem Schicksal will sich der 16-Jährige nicht so einfach ergeben und wandert einfach los. Auf seiner Reise ins Unbekannte freundet er sich mit einer älteren Dame an, die allein in einem Cottage an der Küste von Yorkshire lebt und ihn behutsam mit der Welt der Literatur vertraut macht, was ihm eine gänzlich neue Perspektive für sein Leben eröffnet.
Aus dieser von Bergbau geprägten Region im äußersten Nordosten Englands stammt auch die Jazzband Knats, genauer gesagt aus der Hafenstadt Newcastle upon Thyne. Gegründet wurde die Combo von Bassist Stan Woodward und Drummer King David Ike-Elechi. Die beiden lernten sich als Siebtklässler in der Schule kennen, wurden beste Freunde und fingen an, gemeinsam Musik zu machen. Im Laufe der Zeit kam der Trompeter Ferg Kilsby dazu, dann folgten der Saxophonist George Johnson, Sandro Shar am Piano und schließlich der Dichter Cooper Robson.
Ja, richtig gelesen: ein Dichter. Denn in ihrem zweiten Studioalbum, das Anfang Mai erschienen ist, lassen Knats immer wieder mit Poesie-Elemente in ihre Musik einfließen. Diese Texte befassen sich eindrücklich mit den Lebensumständen in einer Gegend, die lange von knochenharter Arbeit unter Tage geprägt war. Eine Gegend, in der sich heute, nachdem auch die letzte Zeche geschlossen wurde, immer wieder Perspektivlosigkeit, toxische Männlichkeit und Alkoholmissbrauch zu einem gefährlichen Mix zusammenbrauen, was Knats auf ihrem neuen Album schonungslos thematisieren.
Dennoch hat die Band ihre neue Platte »A Great Day In Newcastle« getauft – und das aus gutem Grund. Denn die Jungs haben entschieden, ihrer Heimat mit viel Liebe statt mit Wut zu begegnen. Sie nehmen ihre Stadt musikalisch in den Arm und begegnen ihr mit viel Humor, Empathie und Wertschätzung, statt sich von ihr abzuwenden – auch wenn die meisten Bandmitglieder mittlerweile in London leben.
Herausgekommen ist dabei eine wahnsinnig gute, frische und mächtige Jazzplatte, die es gerade auf die Shortlist des renommierten Mercury Prize geschafft hat – als Anwärter auf das beste Album des Jahres 2026. Vor wenigen Wochen waren Knats in der BBC-Show »Later… with Jools Holland« zu Gast, jetzt dürfen wir sie hier in Deutschland vorstellen. Vier der sechs Bandmitglieder haben wir zum Interview getroffen – an einem großartigen Tag in Berlin.


»Wenn man jemanden aus Spaß umarmt, umarmt man ihn trotzdem.«
MYP Magazine:
Stan, Ende April hast Du beim Brick Lane Jazz Festival dem Londoner Publikum zugerufen: »Lasst eure Familie und Freunde wissen, dass ihr sie liebhabt!« Warum war es Dir in dem Moment so wichtig, das loszuwerden?
Stan:
Soweit ich mich erinnere, habe ich das nach »Azure Blues« gerufen, einem Stück von unserem neuen Album. Ganz ehrlich: Die Bemerkung war eher mit einem Augenzwinkern gemeint. Denn ich finde es immer ein bisschen unauthentisch, wenn man fremden Menschen solche Sätze entgegenwirft. Aber in der Situation war’s einfach lustig.
Ferg:
Trotzdem kann so ein Satz die Leute näher zusammenbringen – auch wenn er als Scherz gemeint war. Denn wenn man jemanden aus Spaß umarmt, umarmt man ihn trotzdem.
Cooper:
Ferg hat recht. Dieses ganze »Wir haben uns alle lieb«-Ding kann schnell zu viel werden, wenn man es todernst meint. Aber mit einem gewissen Augenzwinkern funktioniert es ganz gut. Die Leute lachen im ersten Moment darüber, denken sich aber vielleicht auch: »Stimmt eigentlich, ich sollte meiner Familie und Freunden mal wieder sagen: Ich hab‘ euch lieb.«

»Erst, wenn man etwas hinter sich lässt, merkt man, wie wertvoll es eigentlich ist.«
MYP Magazine:
Apropos Liebe: Beim Brick Lane Jazz Festival habt Ihr euer neues Album auch als Liebesbrief an eure Heimatstadt bezeichnet. Dabei haben einige von Euch mittlerweile Newcastle gegen London eingetauscht. Ist es leichter, so einen Liebesbrief an die Heimat aus der Distanz zu schreiben? Braucht es einen gewissen Abstand, um den Blick zu schärfen?
Stan:
Ja, mehr oder weniger. Es ist wie mit so vielem im Leben: Erst, wenn man etwas hinter sich lässt, merkt man, wie wertvoll es eigentlich ist. Gerade in Zeiten, in denen wir mit der Band viel unterwegs sind, wird uns immer wieder bewusst, was unsere eigene Heimat so besonders macht.
MYP Magazine:
Ferg, du bist wie Stan vor einer Weile nach London gezogen. Gibt es etwas in Bezug auf Newcastle, was Du dort vermisst?
Ferg:
Den Newcastle-Sarkasmus! Diese Art von Humor lässt sich nicht immer übersetzen – gerade in London verstehen die Leute viele unserer Witze nicht.
Stan:
Für mich sind es vor allem die Menschen. In Newcastle sind die Leute im Vergleich zu London freundlicher – und offener. Da wirst du auf der Straße angehalten, nur weil jemand kurz hallo sagen will. Oder jemand fängt im Bus einfach ein Gespräch mit dir an. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass Newcastle kleiner ist. Aber es gibt dort einfach ein sehr ausgeprägtes Gemeinschaftsgefühl.


»Bei vielen Menschen sind Alkohol und Drogen eine Folge von Langeweile, Depression oder Einsamkeit.«
MYP Magazine:
In Eurem musikalischen Liebesbrief an Newcastle greift Ihr viele ernste Themen auf, darunter toxische Männlichkeit, Alkoholismus und Gewalt. Ist das neue Album auch gleichzeitig eine Art Abrechnung mit Eurer Heimat?
Stan:
Nein, ganz im Gegenteil. Es geht uns darum, auf die Probleme von Menschen aufmerksam zu machen, die im Leben mit weniger Chancen beschenkt wurden. Und damit meine ich nicht nur fehlende Möglichkeiten, um sich kreativ auszudrücken. Sondern auch die Tatsache, dass Perspektivlosigkeit oft zu Langeweile führt – und wer sich langweilt, greift schneller mal zur Flasche. Klar, es gibt auch Leute, die einfach gerne feiern. Zu diesen Leuten hab‘ ich selbst auch mal gehört. Aber bei vielen Menschen sind Alkohol und Drogen eine Folge von Langeweile, Depression oder Einsamkeit. Das ist ein großes Problem in unserer Gesellschaft.
»In Newcastle gab es immer irgendwo eine Schlägerei.«
MYP Magazine:
Beim Brick Lane Jazz Festival hast Du das Stück »Never Gonna Be A Boxer« mit den Worten angekündigt: »Der nächste Song handelt von einem Jungen, dessen Vater möchte, dass er Boxer wird. Dabei will der Junge etwas ganz anderes sein: ein Kreativer vielleicht. Oder ein Klempner. Aber auf keinen Fall ein Boxer.« Um welche Botschaft ging es Dir hier?
Stan:
Ich habe mich da an eine Zeit erinnert, als ich selbst noch zur Schule ging. Damals waren die meisten Jungs eigentlich immer nur auf der Suche nach dem nächsten Kampf. Dort, wo ich herkomme, herrscht eine Kultur, in der es darum geht, sich möglichst männlich zu verhalten – das ist absolut toxisch. In Newcastle gab es immer irgendwo eine Schlägerei.
MYP Magazine:
Dabei wirkt es auf der Bühne manchmal so, als würdest Du deinen Bass wie ein Gewehr halten.
Stan: (lacht)
Vielleicht hat das Ganze bei mir tiefere Spuren hinterlassen, als ich dachte. Das Groteske ist: In Newcastle herrscht eine ausgeprägte Prügelkultur und die allermeisten Typen fühlen sich regelrecht verpflichtet, dabei mitzumachen. Gleichzeitig haben sie aber riesige Angst davor.
Auf dieser Widersprüchlichkeit basiert auch die Grundidee des Songs, der allerdings mit einem gewissen Augenzwinkern zu verstehen ist – im Gegensatz übrigens zu vielen anderen Stücken, die eher ernst gemeint wörtlich zu nehmen sind. Ich denke da zum Beispiel an »7 Bridges To Burn«, den Intro-Track unseres neuen Albums. Aber selbst darin steckt ein gewisser Humor.
Cooper: (lächelt)
Ein ganz kleines bisschen.

»Kinder aus Arbeiterfamilien haben nach wie vor weniger Chancen.«
MYP Magazine:
Stan, in einem Interview mit The Guardian haben King und Du erzählt, dass Ihr in der Schule vor Euren Freunden die Tatsache geheim halten wolltet, dass Ihr Musik macht. Was war der Grund?
Stan:
Als ich zehn war, habe ich mir selbst Gitarre beigebracht. Aber bei den Leuten, mit denen wir damals abhingen, galt es als ziemlich peinlich, Musiker zu sein oder sich überhaupt für Musik zu interessieren. Daher wollte ich diesen Aspekt meines Lebens so gut wie möglich verstecken. Das war einfach nichts, womit ich mich vor den anderen entblößen wollte.
MYP Magazine:
Wie geht die Gemeinschaft in Newcastle generell mit Kindern um, die aus dem normativen Rahmen fallen?
Stan:
Kinder aus Arbeiterfamilien haben nach wie vor weniger Chancen, insbesondere wenn es um ihre kreative Entfaltung geht. Wir als Band versuchen, dagegen etwas zu tun, indem wir Musik-Workshops anbieten. Aber viele Kids entwickeln sich leider so, dass sie durch die Straßen ziehen und Scheiße bauen.
Cooper:
Dazu muss man sagen, dass Newcastle – wie viele andere Städte auch – sehr unterschiedliche Viertel hat, in denen sehr unterschiedliche Menschen leben. Gleichzeitig ist die Identität der Stadt noch immer stark mit dem Bild des traditionellen, männlichen Arbeiterklasse-Typs verbunden. Auch wenn es inzwischen mehr Studierende, mehr Gentrifizierung und mehr junge Berufstätige gibt: Sobald man das Stadtzentrum verlässt und sich in Richtung der Vorstädte bewegt, wird man mit dem konfrontiert, was Stan beschrieben hat. Und das ist nicht besonders schön.

»Es geht um die gewaltige und endlose Schufterei, die die Leute über Jahrzehnte und Jahrhunderte im Kohlebergbau geleistet haben. Und darum, wie abgefuckt diese Arbeit war.«
MYP Magazine:
Vor 102 Jahren, am 11. Mai 1924, wurde ein gewisser Jackie Milburn geboren. Welche Bedeutung hat diese Person für Newcastle? Und warum habt Ihr ihm einen Song gewidmet?
Stan:
Als ich an Weihnachten 2024 mit meinem besten Freund im Pub saß, erzählte uns sein Vater die Geschichte von Jackie Milburn, einem der berühmtesten Fußballspieler und Trainer aus der Region Newcastle. Das Spannende an ihm war: In den 1940ern arbeitete er Vollzeit als Bergmann und wurde gleichzeitig von Newcastle United als Profispieler verpflichtet. Die Leute in Newcastle verehren ihn bis heute und nennen ihn wie schon zu seinen Lebzeiten Wor Jackie. Wor bedeutet in unserem Dialekt unser.
Aber auch wenn der Song denselben Titel trägt, ist er weniger als Hommage an Jackie Milburn gedacht. Vielmehr wollten wir mit »Wor Jackie« einen Archetypen erschaffen – eine Figur, die stellvertretend für das steht, worüber wir sprechen wollten: Es geht um die gewaltige und endlose Schufterei, die die Leute über Jahrzehnte und Jahrhunderte im Kohlebergbau geleistet haben. Und darum, wie abgefuckt diese Arbeit war. Um das textlich einzufangen, hat Cooper ein großartiges Gedicht geschrieben:
Beads of sweat cascade from skin
Sinews punch as pistons
The furnace hungers
Its palate honed
To men
Enlisted for wrist strength and persistence
»Es hat Jahre gedauert, bis wir überhaupt einen Auftritt bekamen.«
MYP Magazine:
Habt Ihr selbst Familienmitglieder, die im Bergbau gearbeitet haben?
Stan:
Ja, mein Patenonkel war Bergmann.
Ferg:
Meine Großeltern haben in der Stahlindustrie gearbeitet, meine Eltern dagegen haben ganz normale Jobs. Trotzdem hatten sie es nicht unbedingt einfacher, vor allem nicht meine Mutter. Ihr Vater starb, als sie neun Jahre alt war. Sie wurde nur von ihrer Mutter großgezogen und hat später sogar den Sprung nach Oxford geschafft. Das hat sie allerdings nicht davor bewahrt, sich die Seele aus dem Leib zu arbeiten.
Cooper:
Ich persönlich habe in meiner Familie kaum einen Bezug zum Bergbau. Daher wollte ich in meinem Gedicht eher die Arbeitsethik im Allgemeinen beleuchten, die den Menschen hier so eigen ist. Der Nordosten Englands hat neben dem Kohleabbau auch eine lange Geschichte im Schiffbau und in der Schwerindustrie. Entsprechend tief sind bei den Leuten traditionell-konservative Werte verwurzelt. Das Grundprinzip lautet: Wer hart arbeitet, wird am Ende belohnt. Meine Großmutter verkörpert dieses Motto übrigens perfekt. Ihr Lieblingsspruch lautet: »Je mehr du hineinsteckst, desto mehr bekommst du zurück.«
Stan:
Und genau das haben wir auch als Band beherzigt. Deshalb läuft es mittlerweile so gut. All das, was wir gerade erleben dürfen, geht zurück auf wirklich harte Arbeit. Und dieser Weg war stellenweise echt brutal. Als wir angefangen haben, saßen wir oft einfach nur da und haben massenhaft E-Mails an Veranstalter geschickt. Es hat Jahre gedauert, bis wir überhaupt einen Auftritt bekamen. Was uns in dieser schweren Zeit getragen hat, war die eine Überzeugung: Je mehr du hineinsteckst, desto mehr bekommst du zurück.

»Wenn man als Kind permanent von solcher Musik umgeben ist, absorbiert man sie ganz automatisch.«
MYP Magazine:
Auf Eurem Weg als Band habt Ihr euch auch immer wieder in verschiedenen Genres ausprobiert. Warum ist der Jazz am Ende Eure musikalische Heimat geworden?
Stan:
Ich bin mit sehr viel Musik aufgewachsen. Mein Vater war Drum-&-Bass-DJ, immer wenn ich bei ihm war, lief im Hintergrund Musik – und Jazz spielte dabei eine besondere Rolle. Im Auto zum Beispiel hörte er sehr viel Herbie Hancock, Miles Davis oder Charles Mingus. Wenn man als Kind permanent von solcher Musik umgeben ist, absorbiert man sie ganz automatisch. Daraus entstand mit den Jahren eine Leidenschaft, die immer größer wurde. Und irgendwann brauchte es dafür ein Ventil, eine Ausdrucksform.

»Jeder Einzelne in dieser Band ist wichtig – genauso wie die Leute um Knats herum.«
MYP Magazine:
George, wie war es bei Dir? Du hast King in der Coronazeit auf Discord kennengelernt und bist als Saxofonist kurze Zeit später bei Knats eingestiegen. War bei Dir Jazz auch vorher schon das Genre Deiner Wahl?
George:
Ja, kann man so sagen. Wie Stans Vater ist auch meiner Musiker. Als ich noch ein Kind war, legte er oft Jazzplatten auf. Dabei hatte ich immer das Gefühl, dass dieser Musikstil etwas Besonderes hat. Jazz ist wie ein Puzzle – ein ständiges Spiel aus Improvisation und Kommunikation.
Daher liebe ich es übrigens auch so, in dieser Band zu sein. Wir sind über die Jahre nicht nur enge Freunde geworden, sondern haben uns auch auf musikalischer Ebene immer besser kennengelernt. Mittlerweile sind wir an einem Punkt angelangt, an dem wir oft sogar vorhersagen können, was die anderen im nächsten Moment spielen werden – manchmal sogar bevor sie es selbst wissen. (lächelt)
Davon abgesehen habe ich durch Knats wahnsinnig viel gelernt. Ich selbst komme nicht aus Newcastle und bin auch in einem ganz anderen sozialen Umfeld aufgewachsen. Trotzdem verbindet uns sechs die große Liebe zu dieser Musik, die so frisch und unkonventionell klingt, weil sich darin alle unsere Talente vereinen: Stans Kompositionen, Kings Art, die Stücke zu formen, sowie der jeweilige kreative Touch von Ferg, Cooper und Sandro. All das greift perfekt ineinander.
Stan:
Absolut. Jeder Einzelne in dieser Band ist wichtig – genauso wie die Leute um Knats herum. Jede Person bringt etwas Eigenes mit. Und genau daraus entsteht am Ende ein Ganzes.

»Genau das liebe ich auch an unserer Band: Knats verschiebt Grenzen.«
MYP Magazine:
Als Ihr im Mai in Liverpool gespielt habt, schrieb ein Fan auf Instagram begeistert: »Jazz ist nicht tot!« Hattet Ihr jemals das Gefühl, Jazz sei vorbei?
Stan:
Ich glaube nicht, dass Jazz jemals sterben wird.
George:
Vielleicht meinte die Person eher die klassische Form von Jazz. Aber man könnte dasselbe auch über Klassik, Soul oder R&B sagen. Am Ende kommt es immer darauf an, wie man eine Stilrichtung in die Gegenwart überträgt. Und genau das liebe ich auch an unserer Band: Knats verschiebt Grenzen. Und ich denke, genau das hat die Leute bei dem Konzert so begeistert.

»Wenn man sich selbst strenge Regeln auferlegt, entstehen oft interessantere Ergebnisse.«
MYP Magazine:
Stan, Du bist derjenige bei Knats, der die Musik schreibt. Kannst Du uns ein bisschen mitnehmen in Deinen kreativen Prozess? Wie, wann und wo entsteht bei Dir ein Song?
Stan:
Bei mir beginnt alles am Klavier. Als ich angefangen habe, die ersten Stücke für das neue Album zu schreiben, habe ich mich an einem sehr strengen kompositorischen Ansatz orientiert. »Never Gonna Be A Boxer«, aber vor allem »Wor Jackie« entstand aus einer Übung heraus, bei der es mir darum ging, möglichst wenige Töne zu verwenden. Zu der Zeit war ich stark von dem französischen Komponisten Olivier Messiaen beeinflusst, der als Revolutionär der Harmonielehre gilt, da er die Musik vom traditionellen Dur-Moll-System befreite. Er entwickelte die sogenannten Messiaen-Modi – symmetrische Tonskalen, mit denen ich bis heute arbeite. Ich verwende sie als striktes Regelwerk, versuche aber, innerhalb dieser unverrückbaren Grenzen etwas Neues zu erschaffen.
MYP Magazine:
Was genau reizt dich daran?
Stan:
Wenn man sich selbst strenge Regeln auferlegt, entstehen oft interessantere Ergebnisse. Zumindest ist das meine persönliche Erfahrung. Außerdem haben mir diese Regeln geholfen, kompositorisch wieder zu mir zu finden. Nach unserem ersten Album fühlte ich mich so ausgebrannt und war so unzufrieden mit dem, was wir da veröffentlicht hatten, dass ich bewusst einen anderen Weg ausprobieren wollte.

»Ich musste die ganze Zeit an Newcastle denken, die Stadt ging mir einfach nicht aus dem Kopf.«
MYP Magazine:
Coopers Lyrik macht Euer Album über die Musik hinaus zu etwas wirklich Besonderem. Wie genau ist die Idee entstanden, Jazz mit Gedichten zu verbinden?
Stan:
Für die Arbeit an dem neuen Album habe ich mich etwa neun Monate lang zu Hause eingeschlossen und so gut wie jede freie Minute am Klavier verbracht. Ich war mitten in London und damit eigentlich an einem idealen Ort, um Musik zu machen. Trotzdem musste ich die ganze Zeit an Newcastle denken, die Stadt ging mir einfach nicht aus dem Kopf. Und so wollte ich ein Album schreiben, das sich mit den Themen meiner Heimat beschäftigt.
Das Problem war nur: Die Art von Musik, die wir machen, bietet kaum Möglichkeiten, solche Inhalte verbal zu transportieren. Das funktioniert vielleicht in Interviews wie diesem, aber in der Regel nicht innerhalb eines Songs. Also kam mir die Idee, das Album mit einem Monolog zu eröffnen, der die Hörenden in die zentralen Themen der einzelnen Stücke einführt…
MYP Magazine:
… »7 Bridges To Burn«, der Intro-Track mit dem Gedicht von Cooper.
Stan: (lächelt)
Ich finde, dieses Stück klingt fast wie die ersten Zeilen eines Märchens.
»Ich wurde gebeten, etwas zu schreiben, bei dem ich über die Schwierigkeiten dieser Region genauso offen und laut spreche wie über all das, was ich an ihr so liebe.«
MYP Magazine:
Cooper, existierte dieses Gedicht bereits, als Stan Dich angesprochen hatte? Oder hast Du es speziell für das neue Knats-Album geschrieben?
Cooper:
Ich hatte zwar bereits ein Gedicht über den Nordosten Englands in der Schublade, das ich sehr mochte. Und als Stan mich fragte, ob ich etwas zum Album beitragen könnte, dachte ich erst: Perfekt, dann nehme ich einfach das, was ich schon habe. Aber dann musste ich sehr schnell feststellen: Das funktioniert nicht.
MYP Magazine:
Warum nicht?
Cooper:
In meinen Texten spreche ich viel über den Nordosten. Das war schon immer ein wiederkehrendes Thema in meiner Lyrik. Aber ganz ehrlich: Ich habe dabei die Dinge auch immer nur durch eine rosarote Brille betrachtet. Bei dem Album-Projekt war die Aufgabe aber eine andere: Ich wurde gebeten, etwas zu schreiben, bei dem ich über die Schwierigkeiten dieser Region genauso offen und laut spreche wie über all das, was ich an ihr so liebe – allerdings ohne dabei zusätzlich Salz in die Wunde zu streuen.
Daher habe ich das Intro-Gedicht wie einen Liebesbrief formuliert. Denn ich finde: Wenn man einen wirklich aufrichtigen Liebesbrief schreibt, der von Herzen kommt, richtet man diesen in der Regel nicht an eine Märchenfigur, sondern an einen echten Menschen – jemanden mit Stärken und Schwächen, liebenswerten Eigenschaften und Unvollkommenheiten.

»Wenn man jemanden wirklich liebt, liebt man absolut alles an der Person.«
MYP Magazine:
Dabei neigen wir Menschen dazu, genau diejenigen zu romantisieren, in die wir uns verliebt haben.
Cooper:
Natürlich! Wenn man jemanden wirklich liebt, liebt man absolut alles an der Person. Selbst wenn es eine Sache an ihr gibt, die einem wirklich auf die Nerven geht, würde man genau diesen Aspekt vermissen, wenn er plötzlich verschwände.
Jedenfalls habe ich am Ende etwas völlig Neues geschrieben und das ursprüngliche Gedicht verworfen. Und das war ein absoluter Segen. Es fühlt sich nicht nur viel intimer an, sondern passt auch viel besser zum Gesamtkonzept des Albums.
MYP Magazine:
Wer ist dieser junge Kerl, der die Straße entlangläuft – ein Boxer, der die Fäuste geballt hat wie die Zeichentrickfigur Arthur, wie es in Deinem Gedicht heißt?
Cooper:
Wie in »Wor Jackie« handelt es sich um einen Archetyp: eine Person, die verschiedene Lebensphasen durchläuft – oder besser gesagt Personen. Denn beim Schreiben hatte ich das Gefühl, nicht einen, sondern gleich hundert Menschen zu skizzieren, denen ich in meinem bisherigen Leben tatsächlich begegnet bin; Menschen, deren Probleme und Lebensumstände ich sichtbar machen wollte.

»Ich habe begonnen, ein Tagebuch zu führen. Und irgendwie haben sich meine Einträge plötzlich gereimt.«
MYP Magazine:
Wie bist Du zur Poesie gekommen, Cooper?
Cooper:
Ursprünglich habe ich mal Mathematik studiert – ich war immer ein ziemlich rational denkender Mensch. Während des Lockdowns ging es mir psychisch jedoch nicht besonders gut. Damals wohnte ich bei meiner Großmutter und eines Tages lief bei ihr im TV die Frühstückssendung »This Morning«. Dort empfahl jemand den Zuschauenden, Tagebuch zu schreiben, um in der Coronazeit ihre Gefühle besser zu verarbeiten. Die Sendung war zwar grauenhaft, aber ich nahm mir den Rat trotzdem zu Herzen und habe begonnen, ein Tagebuch zu führen. Und irgendwie haben sich meine Einträge plötzlich gereimt.
Als es mir mit der Zeit wieder besser ging, hörte ich mit dem Schreiben wieder auf. Aber es dauerte nicht lange, bis mir irgendetwas fehlte. Also fing ich wieder an. Aber diesmal schrieb ich nicht mehr über mich selbst, sondern über die Welt, wie ich sie sah. Und dann schrieb ich mit Unterbrechungen immer weiter. Vor etwa dreieinhalb Jahren hatte ich meinen ersten Auftritt. Danach war klar: Das reicht mir nicht. Ich wollte mehr.


»Eigentlich waren wir zuerst mit einem anderen Produzenten im Gespräch, aber aus dem einen oder anderen Grund hat es nicht geklappt.«
MYP Magazine:
Eine weitere Person, die bei der Entstehung Eures neuen Albums eine wichtige Rolle gespielt hat, ist Geordie Greep, der ehemalige Frontmann der Rockband Black Midi – auch weil er das Album unentgeltlich produziert hat. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Stan:
Geordie ist ein guter Freund. King und ich kennen ihn schon seit einer ganzen Weile haben früher schon gemeinsam Musik gemacht. Als Geordie seine erste UK-Tour plante, fragten wir ihn, ob wir bei ihm als Vorband spielen könnten, und am Ende haben wir mit Knats nicht nur die erste, sondern auch seine beiden nächsten Tourneen eröffnet.
Was »A Great Day In Newcastle« angeht, waren wir eigentlich zuerst mit einem anderen Produzenten im Gespräch, aber aus dem einen oder anderen Grund hat es nicht geklappt. Das war unglaublich frustrierend, weil wir erst mal nicht wussten, wie’s weitergehen sollte. Dann sprang plötzlich Geordie ein und sagte: »Ich produziere es – und zwar kostenlos.«
MYP Magazine:
Was hat ihn zu dieser großzügigen Geste bewogen?
Stan:
Zu dieser Zeit begann Geordie, sich stärker mit der Produktion zu beschäftigen. Er sah unser Projekt als Chance, seine Fähigkeiten in dem Bereich zu verbessern. Das war für uns natürlich großartig.

»Für mich ist das mit Abstand die wichtigste Eigenschaft eines Produzenten: ein geschultes Ohr zu haben, ohne persönlich in die Musik involviert zu sein.«
MYP Magazine:
In Deutschland gibt es das Sprichwort: Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul.
Ferg:
Don’t look a gift horse in the mouth.
MYP Magazine:
Du sprichst Deutsch, Ferg?
Ferg: (smiles)
Ja, hab‘ ich in der Schule gelernt.
MYP Magazine:
Das Sprichwort meint: Über Geschenke beschwert man sich nicht. Hat es das für Euch schwieriger gemacht, Euch in den Produktionsprozess einzubringen?
Stan:
Überhaupt nicht. Für Geordie war es genauso ein Experiment wie für uns. Er wollte das Album produzieren, weil er so etwas noch nie zuvor gemacht hatte. Außerdem ist er ein sehr bescheidener Typ, weshalb er während des gesamten Prozesses immer wieder sagte: »Ich weiß eigentlich gar nicht so recht, was ich da mache.« Dabei hat er bereits etliche Alben in seinem Leben veröffentlicht, sowohl mit Black Midi als auch als Solokünstler. Soweit wir das beurteilen konnten, hatte er alles voll im Griff.
Ferg:
Er hat in seinem Leben ja auch schon Milliarden von Alben gehört. Geordie verfügt über ein enormes Musikwissen, sodass er während des Produktionsprozesses zu jedem erdenklichen Detail immer eine musikalische Referenz aus dem Ärmel schütteln konnte.
Stan:
Wenn man so ein Album zum Leben erwecken will, braucht man ohnehin einen frischen, unvoreingenommenen Blick von außen, da man sonst Gefahr läuft, sich in seinen eigenen Gedanken zu verstricken. Für mich ist das mit Abstand die wichtigste Eigenschaft eines Produzenten: ein geschultes Ohr zu haben, ohne persönlich in die Musik involviert zu sein. Aus meiner Sicht ist das entscheidend, um richtig gute Platten zu machen.


»Vor diesem Typen wollte ich auf keinen Fall versagen.«
MYP Magazine:
Cooper, wie hast Du diesen Produktionsprozess erlebt?
Cooper:
Ich habe absolut kein musikalisches Vorwissen und war auch noch nie zuvor in einem Studio. Ich erinnere mich noch, dass ich Geordie an einem Montagmorgen kennengelernt habe, und schon am Abend meinte er: »Okay, mir gefällt das, was du von dir gibst, aber jetzt lass es mal so klingen, als würdest du einen Aufstand anführen.“ Am Ende haben wir diesen Take nicht benutzt, weil er etwas albern klang. Aber er schob mich damit in ein Mindset, das am Ende genau das hervorbrachte, was die Band von mir brauchte. Geordie drängte mich in immer absurdere Richtungen, dass ich, als wir wieder zurück auf Anfang gingen, das Gefühl hatte, in einer völlig neuen Ausgangslage zu sein. Und plötzlich war ich in der Lage, innerhalb nur einer Stunde meinen Part für »Wor Jackie« schreiben. Das hat wahnsinnig Spaß gemacht – und gleichzeitig hatte ich enormen Respekt vor diesem großen und erfahrenen Musiker. Vor diesem Typen wollte ich auf keinen Fall versagen – und manchmal kam ich mir sogar ganz schön dumm vor. Aber letztendlich war es eine sehr besondere, geradezu erleuchtende Erfahrung.

»Coopers Poesie hebt die Songs auf eine andere Ebene, da sie ihnen emotionale Tiefe geben.«
MYP Magazine:
Es ist interessant, dass Du davon sprichst, kein musikalisches Vorwissen zu haben. Geht es in Deiner Poesie nicht auch um Rhythmus, Klang und Harmonie?
Stan:
Cooper schätzt sich selbst nie hoch genug ein. Meiner Meinung nach ist er musikalisch sehr begabt. Wir kommen zwar aus unterschiedlichen Welten, aber rhythmisch gesehen war es immer wieder unglaublich, wie Musik und Gedichte beim Recording zusammengefunden haben. Cooper hat für das Album viele Texte geschrieben, ohne wirklich zu wissen, wie lang die einzelnen Instrumental-Parts sein würden, in denen sie stattfinden. Aber am Ende hat immer alles gepasst. Ich erinnere mich da zum Beispiel an »Bigg Market Scrappa«: Da haben wir ein einziges Take gemacht und das war’s. Es hat einfach perfekt ineinandergegriffen. Wir dachten nur: What the fuck? Wie ist das überhaupt möglich?
Ferg:
Da kann ich Stan nur zustimmen. So wie Cooper über die Struktur seiner Gedichte nachdenkt, scheint es, als würde es da viel weniger um Worte gehen – und vielmehr um Rhythmus.
Cooper:
Ihr seid echt süß, vielen Dank.
MYP Magazine:
Es fällt nach diesem Album schwer, sich Eure Musik ohne Coopers Texte vorzustellen – seine Gedichte wirken ein fundamentaler Bestandteil von Knats.
Stan:
Das sehe ich auch so. Ich habe das Gefühl, dass es nicht mehr möglich ist, einen Knats-Track ohne ein Gedicht zu machen. Coopers Poesie hebt die Songs auf eine andere Ebene, da sie ihnen emotionale Tiefe geben. Ich selbst empfinde so viel mehr, wenn Cooper sein Ding macht. Da springt wirklich ein Funke über.

»In guten Zeiten ist die Solidarität der Arbeiterklasse immer besonders stark. Aber wenn die Zeiten schwieriger werden, beginnt dieses Prinzip plötzlich zu bröckeln.«
MYP Magazine:
In »Farewell Johnny Miner«, dem letzten Titel des Albums, singt ihr an einer Stelle alle gemeinsam: What is this thing that they call working-class solidarity? Gebt Ihr euch mit dem Albumcover darauf gleich selbst eine Antwort? Immerhin habt Ihr für das Foto mehr als zwei Dutzend Menschen aus Newcastle zusammengebracht, die aus den unterschiedlichsten Berufen stammen und zusammen vor einer Brücke posieren.
Stan:
Das, was wir da am Anfang gemeinsam singen, sind Zitate aus einem Fernsehbericht von 1972 über Bergleute aus Durham. Darin wird gefragt: „Was bedeutet es, ein Bergmann zu sein? Was bedeutet es, unter solchen Bedingungen zu schuften?“
Ferg:
Diese Fragen wurden zu einer Zeit laut, in der die Enttäuschung unter den Bergleuten immer größer wurde. In guten Zeiten ist die Solidarität der Arbeiterklasse ja immer besonders stark. Aber wenn die Zeiten schwieriger werden, wie etwa nach den ersten Bergarbeiterstreiks Anfang der 1970er Jahre, beginnt dieses Prinzip plötzlich zu bröckeln.
Stan:
Genau. Und was das Albumcover angeht: Wir haben uns dafür von »A Great Day in Harlem« inspirieren lassen, einem der berühmtesten Fotos der Jazzgeschichte. Dabei handelt es sich um ein Gruppenfoto von 57 New Yorker Jazzmusikern vor einem Gebäude in der 126th Street, das am 12. August 1958 aufgenommen wurde. Anlass war eine geplante Ausgabe des Esquire-Magazins über das goldene Zeitalter des Jazz. Der Fotograf hatte zuvor die Info gestreut, dass das Shooting um 10 Uhr morgens stattfinden sollte. Zu seiner Überraschung tauchte eine relativ große Anzahl bekannter Jazzmusiker auf – zu einer für sie eher ungewöhnlich frühen Uhrzeit.

»Als Kind hatte ich große Probleme, meine eigene Identität zu finden.«
MYP Magazine:
Von Euch kann man wirklich was lernen. Was habt Ihr in den letzten Jahren über Euch selbst gelernt, insbesondere durch die Arbeit an »A Great Day In Newcastle«?
Stan:
Als Kind hatte ich große Probleme, meine eigene Identität zu finden – vor allem, weil es immer diesen Druck in Bezug auf ein bestimmtes Männlichkeitsbild gab. Aber durch die Arbeit an dem Album habe ich es endlich geschafft, mich von solchen Stereotypen zu distanzieren. Außerdem hat mir das Komponieren ermöglicht, bestimmte Gedanken zu artikulieren, die lange nur in meinem Kopf waren. Für mich ist Musik ohnehin etwas, mit dem ich mir Dinge von der Seele schreiben kann.
Cooper:
Auf mich persönlich bezogen habe ich jetzt, nach diesem Album, das Gefühl, wesentlich vielseitiger zu sein, als ich es mir zuvor zugetraut hätte – und allein so eine Erkenntnis ist wunderschön. Allerdings habe ich auch gemerkt, dass ich nicht ganz so fleißig bin, wie ich eigentlich sein könnte, vor allem im Vergleich zu den anderen. Ich finde es sehr inspirierend, wie viel von sich sie in diese Musik investieren.
Stan:
Was ist mit Dir, Ferg?
Ferg:
Schwere Frage. Ich denke, ich habe durch »A Great Day In Newcastle« realisiert, dass wir alle viel mehr gemeinsam haben, als wir denken – und dass wir gleichzeitig viel unterschiedlicher sind, als wir davor vermutet hatten.
George:
Stimmt. Ich habe ja bereits erwähnt, dass ich aus einem gänzlich anderen Umfeld komme als der Rest der Band. Daher berührt es mich immer noch sehr, all diese Geschichten erfahren zu haben und sie jetzt mit den anderen auf der Bühne erzählen zu dürfen. Vor allem, wenn wir live spielen, merkt man, wie wichtig diese Themen und Geschichten für jeden Einzelnen sind. Die Live-Shows sind wirklich alles.

»In unseren Beziehungen neigen wir Menschen dazu, die Brücken hinter uns schnell abzubrechen.«
MYP Magazine:
Lasst uns zum Schluss noch mal auf Euren Intro-Track »7 Bridges To Burn« zurückkommen. Auch wenn wir wissen, dass dieser young lad down the way ein Archetyp ist – wie könnte sein Weg weitergehen? Wohin würde er sich bewegen?
Stan: (lächelt)
Ich denke, das ist wirklich eine Frage, die offen bleibt. Aber angesichts der Umstände, in denen er lebt, hat dieser Junge nicht wirklich eine große Wahl.
Cooper:
Das Gedicht, das wie bereits erwähnt eine Verschmelzung verschiedener Persönlichkeiten ist, startet mit der Schilderung eines schwierigen Lebens, das von vielen unvermeidbaren Erfahrungen geprägt ist. Doch dann, etwa in der Mitte der Geschichte, gibt es eine Wendung:
He might never learn
But you know what?
Us lot, we’ve got seven bridges to burn
So we’ll be that friendly tone on the phone
And we’ll give the wheel another turn
In unseren Beziehungen neigen wir Menschen dazu, die Brücken hinter uns schnell abzubrechen – und damit ist oft alles für immer verloren. Bei uns in Newcastle haben wir aber nicht weniger als sieben Brücken. Das bedeutet: Wenn man einen Fehler macht, hat man noch sechs weitere Chancen. The wheel, von dem ich spreche, ist das Rad des Schicksals, in dem sich alles sammelt, was im Leben passiert ist – auch die falschen Entscheidungen, die man getroffen hat. Aber die Menschen in Newcastle sind nachsichtig. Wenn man sie aufrichtig um Verzeihung bittet, nehmen sie die Entschuldigung an – ganz gleich, wie man sich zuvor verhalten hat oder was für ein Mensch man war. In Newcastle gibt es immer einen Weg nach vorn.

Mit besonderem Dank an Ellie Slorick, Dan Gray und das Brick Lane Jazz Festival.
Mehr von und über Knats:
Interview & Text: Jonas Meyer
Fotografie: Roberto Brundo
FLOSS
Interview — FLOSS
»Es wäre traurig, wenn Kunst niemanden provozieren würde«
Als »Angry Feminist Techno Pop« bezeichnet die Berlinerin Künstlerin FLOSS ihren Sound, auf ihrem gerade erschienen Album »b0dy c0un1« verbindet sie Rave, Sex, Tod und weibliche Wut zu einem Club-Manifest. Ein Gespräch über Ruhm, Provokation und den Mut, zu viel zu sein.
19. August 2026 — Interview & Text: Katharina Viktoria Weiß, Fotografie: Steven Lüdtke

FLOSS will nicht gefallen, sie will einschlagen: Mit ihrem Debütalbum »b0dy c0un1« (der Titel ist angelegt an den Begriff Body Count, der die Anzahl der Sexualpartner einer Person bezeichnet) schleudert die Berliner Künstlerin wütenden feministischen Techno-Pop zwischen Rave, »Riot Grrrl«-Attitüde und Electroclash in die Gegenwart.
»Riot Grrrl«, das ist eine feministische Subkultur und Lebenseinstellung, die Anfang der 1990er Jahre im US-amerikanischen Underground-Punk entstand. Sie steht für wütendes Empowerment, kompromisslose Selbstermächtigung und den lautstarken Kampf gegen Sexismus. Und so geht es auch auf dem neuen FLOSS-Album um reichlich Sex, Tod, Ruhm und weibliche Wut.
Wir haben die Künstlerin auf ihrer knallbunten Album-Release-Party im Neuköllner Club Sameheads getroffen und mit ihr unter anderem über posthumen Fame, provokante Lust und alte weiße Männer gesprochen – und darüber, warum der Dancefloor manchmal der ehrlichste Ort der Welt ist.

»Wenn man in Deutschland englischsprachige Musik macht, muss man sich auf sehr viel Zurückweisung einstellen.«
MYP Magazine:
FLOSS, wie wütend bist Du aktuell?
FLOSS:
So ‘ne entspannte sechs von zehn.
MYP Magazine:
Im Song »Avant-Garde« spielst Du mit der Fantasie, nach dem Tod berühmter zu sein als zu Lebzeiten. Wie viel Eitelkeit steckt in dieser Sehnsucht nach Nachruhm – und wie viel echte Angst davor, als Künstlerin übersehen zu werden?
FLOSS:
Ich bin super oft frustriert. Wenn man in Deutschland englischsprachige Musik macht, muss man sich auf sehr viel Zurückweisung einstellen, weil viele Leute leider so klein denken oder in ihren erlernten Musikindustrie-Strukturen festhängen. Aber ich habe in den letzten Jahren gelernt, weniger Ficks zu geben und niemandem mehr gefallen zu wollen. Seitdem macht alles viel mehr Spaß – und läuft tatsächlich irgendwie auch automatisch viel besser.
In Zeiten, in denen ich mal wieder an all dem zweifle und ein bisschen Eskapismus brauche, macht mir eine Sache besonders viel Spaß: mich in Geschichten über spekulative Zukunftsszenarien zu verlieren. Mein Netflix-Account sagt mir übrigens auch, dass »intellektuelle Science-Fiction« mein Lieblingsgenre ist. Ich hoffe, dass mich meine Kunst überlebt und dass es auch noch im Jahr 2291 FLOSS-Fans gibt, die meine Musik checken – vielleicht dann ja im postkapitalistischen Matriarchat.
Darum habe ich meine eigene »Avant-Garde-Fame-Formel« entwickelt und die Behauptung aufgestellt, dass Künstler*innen erst dann die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen, und dadurch mehr wert werden, wenn sie tot sind. Das Ganze habe ich in eine sehr dramatische, campy Hyperpop-Hook verpackt – my medium of choice.

»Was gibt es Besseres, als das eigene Sex Tape auf dem Sterbebett zu drehen, damit die Erben es verkaufen können?«
MYP Magazine:
»Do you wanna sell my sex tape? We can make it on my death bed« – was hat Dich zu dieser Zeile inspiriert?
FLOSS:
Der ganze Song ist eine überspitzte Darstellung von Ruhm und Tod. Und diese Zeile treibt es auf die Spitze: Was gibt es Besseres, als das eigene Sex Tape auf dem Sterbebett zu drehen, damit die Erben es verkaufen können? Kris Jenner, take notes!
Die Zeile folgt direkt auf eine Hommage an die französischen Ikone Dalida, deren Lied »Mourir sur scène« in meinen Top-10-Lieblingssongs ever ist. Darin geht es um ihren Wunsch, auf der Bühne zu sterben. Später hat sie Selbstmord begangen. Nummer 1 ist übrigens Madonnas »Die Another Day«. Do you see a pattern here?


MYP Magazine:
Dein Album ist politisch, erotisch und verletzlich – und insgesamt etwas, dass man heute als camp bezeichnen würde. Der Begriff beschreibt eine bewusst übertriebene, künstlich-theatralische Ästhetik, die manchmal ins Kitschige greift und gerade durch ihre Übertreibung reizvoll wird. Camp nimmt sich nicht so ganz ernst, spielt mit Pathos, Glamour, Drama und Ironie. Bei all dem, was Dein neues Album ausmacht: Was ist es nicht?
FLOSS:
Es ist – noch – nicht auf der Festplatte meiner zukünftigen Fans, also bitte direkt kaufen oder speichern.

»Kommentarspalten bilden nicht die Gesellschaft ab.«
MYP Magazine:
Mit Songs wie »Old White Man« und »Bass Bitch« gehst Du in die direkte Konfrontation mit Themen wie patriarchale Machtverhältnisse und von Männerfantasien geprägte Clubkultur. Erntest Du dafür Hass aus dem Netz?
FLOSS:
Es geht. Wenn mal wieder ein Reel viral geht und in bestimmten Blasen von Cis-Männern landet, gibt es schon einige, die sich getriggert fühlen und dumme Kommentare ablassen – weil sie nicht verstehen, dass Feminismus auch für sie gut ist. Wenn so ein Video insgesamt eine Million Menschen erreicht und tausend Incels Hasskommentare hinterlassen, haben es immer noch genügend Leute gesehen, die dabei etwas über Feminismus gelernt haben. (Hinweis der Redaktion: »Incel« ist ein Kofferwort aus dem Englischen für involuntarily celibate – »unfreiwillig ehelos/sexuell enthaltsam« und bezeichnet meist junge, heterosexuelle Männer, die unfreiwillig keine romantischen oder sexuellen Beziehungen führen.)
Es wäre traurig, wenn Kunst niemanden provozieren und keinerlei Reaktionen auslösen würde.
Und wenn es dann doch mal härter zugeht, weiß ich: Das Internet ist nicht die Realität. Kommentarspalten bilden nicht die Gesellschaft ab. Sie sind voller Bots, die entzweien und verunsichern wollen. Dafür verschwende ich nicht meine kostbare Zeit. Es belustigt mich eher, dass da so viel Energie hineingesteckt wird.


»Der Song richtet sich metaphorisch an alle, die an die falschen Götter glauben.«
MYP Magazine:
Mit 600.000 Streams ist Dein Song »I Will Eat Your God« bisher einer Deiner erfolgreichsten. Was macht das Lied so attraktiv?
FLOSS:
Ha, der Song ist cunty, catchy and edgy! Ich denke, er spricht vielen vor allem queeren Menschen mit religiösem Trauma aus der Seele. Er richtet sich metaphorisch an alle, die an die falschen Götter glauben: queerfeindliche Götter, faschistische Götter, kapitalistische Götter. Aber es geht auch um Götter, die als Ausrede benutzt werden, um selbst ein Arschloch zu sein. Wenn ich diese Götter in meiner Fantasie wegnehme – oder sehr bildlich und provokant »aufesse« – merken diese Leute vielleicht, dass sie selbst die Arschlöcher sind.
Die für mich bedeutendste Zeile aus dem Track ist vermutlich: »If you mistake gold for copper, how could you ever recognize a higher power?« Sie ist inspiriert von der Kurzgeschichte »Der wahre Wert des Rings« von dem argentinischen Autor Jorge Bucay. Darin geht es darum, dass man seinen Selbstwert nicht von den falschen Menschen abhängig machen soll.

»Anfangs war TikTok noch eine Art Wilder Westen.«
MYP Magazine:
Obwohl Du ein Millenial bist, scheinst Du dich mühelos in der Welt von TikTok und Co. zu bewegen. Schon bevor die Rapperin Ikkimel in Deutschland groß wurde, machtest du sogenannten Fotzen-Pop auf Englisch.
FLOSS:
Fun Fact: Wir hatten sogar 2022 mal ganz kurz das gleiche Management… Ich finde TikTok spannend, weil sich dort Menschen bewegen, die wirklich neue Musik entdecken wollen. Anfangs war die Plattform noch eine Art Wilder Westen – gerade für Newcomer*innen und unabhängige Artists war das super interessant, weil sie die Dominanz der Major Labels ein Stück weit unterlaufen hat. Aber mittlerweile steckt oft hinter Songs, die scheinbar organisch viral gehen, doch wieder sehr viel Geld. Aber ein bisschen Wilder Westen ist geblieben: Man kann dort eben nicht alles kontrollieren oder mit Geld forcieren.


»Ich bin super schnell gelangweilt – meist schon bevor ein Trend seinen Peak erreicht hat.«
MYP Magazine:
Du scheinst ein feines Gespür für neue Trends zu haben, die Du in Deiner Kunst aufgreifst – hast Du das einfach im Blut oder steckt dahinter viel Arbeit?
FLOSS:
Ich habe Trends im Pussy-Blut und spüre sie in der linken Brust. Es ist Fluch und Segen, dass ich durch die Mode so viel über Trendvorhersagen weiß. So bin ich super schnell gelangweilt – meist schon bevor ein Trend seinen Peak erreicht hat. Darum bewege ich mich persönlich gerne außerhalb davon und erschaffe meine eigenen Welten. Manchmal kann man den nächsten Trend auch einfach selbst setzen.
MYP Magazine:
Du kommst ursprünglich aus der Fashion-Welt, der FLOSS-Look ist Kernpunkt Deiner Kunst, nicht nur Dekoration. Wie setzt sich Deine Ästhetik zusammen?
FLOSS:
Aus Schweiß, der in verschwitzten Underground-Clubs von der Decke auf pinke T-Shirts tropft.

Mehr von und über FLOSS:
Interview & Text: Katharina Viktoria Weiß
Fotografie: Steven Lüdtke
Hair & Make-up: Nadine Hochwieser:
Nails: Thams
Matt Mendo
Interview — Matt Mendo
»Ambient-Musik lässt einen fühlen, was man fühlen will«
Als Produzent hat sich Matt Mendo über Jahre einen Namen im Deutschrap gemacht, jetzt richtet er seinen Fokus vor allem auf die Welt der Ambient-Musik. Ein Interview über die Schattenseiten der Deutschrap-Szene, Musik als Resonanzraum und die Frage, woran man einen guten Song erkennt.
30. Juni 2026 — Interview & Text: Jonas Meyer, Fotografie: Roberto Brundo

Die Geschichte dieses Interviews beginnt im Digitalen, genauer gesagt auf Instagram, wo Fotograf Roberto Brundo im November 2025 einen Story-Post mit einem Song hinterlegt. »Only Lord Knows« heißt das Stück, das sofort im Kopf bleibt – und das nicht nur, weil Sänger Cudi darin mit sanfter Stimme einen Einblick in sein Innerstes gewährt. Es ist auch die feinsinnig komponierte und arrangierte Musik, die dieser Verletzlichkeit ein instrumentales Zuhause gibt: warmherzig, unaufdringlich und dennoch eingängig. Und das in gerade mal zwei Minuten und elf Sekunden. Chapeau!
Der Schöpfer dieser Klangwelt ist Matthäus Dominik Mendo Campoverde – oder kurz Matt Mendo. Geboren wurde er 1997 in Düsseldorf, kurz darauf zog er mit seiner Familie nach El Paso, Texas. Darauf folgten viele weitere Wohnorte, darunter Erftstadt in Nordrhein-Westfalen, Fairfax County in Virginia und das französische Strasbourg. 2017 zog er nach Berlin, wo er die XMO Studios gründete, um professionell in die Musikproduktion einzusteigen.
Seitdem hat sich Matt einen soliden Namen in der Branche erarbeitet, etwa durch die Zusammenarbeit mit Künstler*innen wie Souly, T-Low Beslik, makko oder Eli Preiss. Dass es sich dabei hauptsächlich um Artists aus dem Deutschrap handelt, verwundert nicht. Immerhin ist das Genre eines der umsatzstärksten in Deutschland – dem viertgrößten Musikmarkt der Welt – und dominiert hierzulande deutlich die Streaming-Plattformen: Im letzten Jahr zum Beispiel entfielen etwa 73 Prozent aller Songs der Spotify-Charts auf Hip-Hop-Titel.
Doch was bedeuten schon geschäftliche Erfolgszahlen, wenn einen das Herz irgendwo ganz anders hinzieht? Bei Matt Mendo scheint das gerade eine Welt zu sein, die so gar nichts zu tun hat mit dem lautstarken und testosterongesteuerten Kräftemessen, mit dem sich der Deutschrap gerne präsentiert. Ganz im Gegenteil: Seit ein paar Monaten hat sich der 28-Jährige voll und ganz der Ambient-Musik verschrieben und spielt unter anderem Konzerte an sogenannten Third Spaces, darunter etwa Listening Bars, Ateliers, futuristische Wellness-Oasen oder einfach in der Natur.
Dass Matt auch unser körperliches Wohlbefinden wichtig ist, erleben wir Ende März, als wir ihn zwischen Kreuzberg und Neukölln zum Interview und Photoshoot treffen – denn er hat für jeden von uns einen Apfel dabei.

»Ambient-Musik ist vergleichbar mit einer weißen Leinwand, die man mit seinen eigenen Gedanken und Emotionen füllen darf.«
MYP Magazine:
Matt, in den letzten Jahren hast Du dir vor allem als Deutschrap-Produzent einen Namen gemacht. Aktuell nimmt man Dich allerdings eher über Dein Ambient Deep Listening-Projekt whateverhertz wahr, das Du zusammen mit Nina Medea ins Leben gerufen hast. Hat Dir der Deutschrap die Energie geraubt?
Matt Mendo: (lächelt)
Nein, ganz so schlimm ist es nicht. Ich fand es mit der Zeit nur ein bisschen eintönig, dass sich bei mir fast alles nur noch um Deutschrap drehte. Mein Gefühl sagte mir, dass es Zeit ist für eine neue Phase in meinem Leben. Das hat mich in die Welt der Ambient-Musik geführt – genauer gesagt zur Deep Listening Music.
MYP Magazine:
Vor Kurzem hast Du – an einem Sonntagvormittag in Berlin – eine Deep Listening Session in einem sogenannten Social Wellness Club ANTI gespielt, und zwar in Zusammenarbeit mit der Outdoor-Marke Arc’teryx. Wie blickst Du auf diese ungewöhnliche Kollaboration zurück?
Matt Mendo:
Das war toll! Während die Leute vor uns auf Yogamatten lagen, haben wir dazu Musik gespielt – Musik, die es ihnen erlaubte, allein zu sein mit ihren Gedanken und Emotionen. Das ist für mich generell das Erfrischende an Ambient-Musik: Sie lässt einen fühlen, was man fühlen will.
MYP Magazine:
Und das können andere Genres nicht leisten?
Matt Mendo:
Zumindest bei kommerzieller Musik ist es in der Regel so, dass sie den Hörer*innen eine konkrete Richtung an Gefühlen vorgibt – wie etwa bei klassischen Liebesliedern. Oder bei Songs, die eher melancholisch daherkommen. Ambient-Musik dagegen ist vergleichbar mit einer weißen Leinwand, die man mit seinen eigenen Gedanken und Emotionen füllen darf.

»Ich muss genau darauf achten, nicht in klassischen, kommerziellen Konzepten zu denken.«
MYP Magazine:
Welche Anforderungen stellt das an Dich als Musiker? Musst Du dich da nicht sehr zurückhalten?
Matt Mendo:
Das ist ein wichtiger Punkt. Es gibt Akkordfolgen, die bei vielen Menschen ganz bestimmte Emotionen triggern – die versuche ich zu vermeiden. Außerdem achte ich darauf, keine Akkordfolgen zu spielen, die den Leuten direkt im Kopf bleiben. Ich möchte den Zuhörenden den maximalen Raum geben, damit sie dort ganz unbeeinflusst all das fühlen können, wonach ihnen gerade ist. Daher muss ich genau darauf achten, nicht in klassischen, kommerziellen Konzepten zu denken, sondern meine Musik immer so zu gestalten, dass sie möglichst offen ist.
MYP Magazine:
Ist das bei den vielen Melodien, die wir in unserem Kopf abgespeichert haben, überhaupt möglich?
Matt Mendo:
Es ist zumindest nicht einfach. Als Musiker ist man immer versucht, auch mal eine Melodie zu bringen, die gut klingt. Aber eine Sekunde später merkt man: Das war jetzt vielleicht doch etwas zu viel. Glücklicherweise gibt einem so eine Deep Listening Session kaum eine musikalische Struktur vor, sodass man auch nicht so leicht in die Versuchung gerät, sich zu sehr in eine bestimmte Richtung zu bewegen.
Aus diesem Grund haben wir die Session bei ANTI auch gar nicht mit Musik gestartet, sondern mit Windgeräuschen – also einem Sound, der nicht aus Noten besteht und eher neutral ist. Erst nach einer Weile haben wir ganz langsam einen Ton angespielt, der sukzessive lauter wurde und sich irgendwann zu einem musikalischen Intro entwickelt hat. Und danach war alles improvisiert. Das heißt: Während die Zuhörenden vollkommen frei in ihren Emotionen waren, waren wir vollkommen frei in unserer Musik und konnten uns treiben lassen.

»Man muss Stille immer wieder einladen, wenn man Musik machen will.«
MYP Magazine:
Der isländische Komponist und Pianist Ólafur Arnalds hat uns mal in einem Interview verraten: »People don’t know what silence is anymore« – die Menschen wissen nicht mehr, was Stille ist. Gibt es in Deinem von Musik geprägten Leben so etwas wie absolute Stille?
Matt Mendo:
In der reizüberfluteten Welt, in der wir alle leben, ist es äußerst schwierig, absolute Stille zu finden. Ich erhalte schon am frühen Morgen so viele WhatsApp-Nachrichten, dass jeder Tag mit einer Nicht-Stille beginnt. Dabei liebe ich die Stille. In der Stille kommen immer die besten Ideen auf. Wenn ich von absoluter Stille umgeben bin, habe ich das Gefühl, dass die Melodien zu mir kommen, ohne dass ich sie aktiv schreiben muss – wahrscheinlich, weil ich da aufnahmebereiter bin. Ich vermute, so geht es auch vielen anderen. Daher muss man Stille immer wieder einladen, wenn man Musik machen will. Zumindest wenn es Musik sein soll, die mit einem selbst resoniert.
MYP Magazine:
Was genau meinst Du damit?
Matt Mendo:
Wenn ich im Studio an etwas arbeite, das mir wirklich gut gefällt, erzeugt das ein Gefühl von absoluter Grenzenlosigkeit. Das beschert mir oft einen so heftigen Dopaminschub, dass ich nicht mehr aufhören kann, es anzuhören.


»Nicht jeder Einfall, den man hat, ist automatisch auch ein guter.«
MYP Magazine:
Auf der Onlineplattform Genius, einer Wissensdatenbank für Musik, schreibst Du: »Mir ist vor allem wichtig, einen eigenen Sound zu kreieren, der nicht nur Menschen bewegt, sondern auch auf einer kulturellen Ebene einen Abdruck hinterlässt.« Was genau meinst Du damit?
Matt Mendo: (lacht)
Oh Gott! Wo habt Ihr das denn ausgegraben?
MYP Magazine:
Das Internet vergisst nichts.
Matt Mendo:
Ich war schon immer auf der Suche nach meinem eigenen Sound und will, dass man mich damit identifizieren kann. Das ist Teil der Reise, wenn man Musik macht. Mittlerweile – mit einigen Jahren mehr Erfahrung – weiß ich, dass diese Reise nie zu einem Ende kommt, weil man sich künstlerisch ständig häutet und neu erfindet.
MYP Magazine:
Und die Sache mit dem kulturellen Abdruck?
Matt Mendo:
Ich glaube, das habe ich damals so formuliert, weil ich immer schon die Intention hatte, mit meiner Musik etwas zu schaffen, das Menschen positiv beeinflusst. Ich habe einen sehr starken moralischen Kompass und will mich nicht in 40 Jahren in einer Situation wiederfinden, in der ich zurückblicke und sage, oh, das war aber keine gute Idee oder hat sogar einen gewissen Schaden angerichtet. Klar, nicht jeder Einfall, den man hat, ist automatisch auch ein guter. In der Musik muss man sich permanent ausprobieren. Aber ich persönlich habe mich immer dann am meisten gefreut, wenn mir Leute geschrieben haben, dass ihnen einer meiner Songs durch eine schlechte Phase geholfen hat. Das ist etwas sehr Schönes.

»Ich habe Deutschrap noch nie so hinterfragt wie in den letzten Jahren.«
MYP Magazine:
Kann einem ein starker moralischer Kompass im Musikbusiness nicht auch mal in die Quere kommen – vor allem, wenn man sich im Deutschrap bewegt? Immerhin tummelt sich da der eine oder andere Interpret, für den Begriffe wie Sexismus, Homophobie oder Gewalt nicht unbedingt problematisch sind.
Matt Mendo:
Mein moralischer Kompass stand mir da mehr als einmal im Weg. Viele Kooperationsanfragen habe ich gar nicht erst angenommen, da sie meinen eigenen Prinzipien widersprochen und meine Integrität verletzt hätten. Ich habe schon immer sehr viel Hip-Hop und Deutschrap gehört. Aber insbesondere den Deutschrap habe ich noch nie so hinterfragt wie in den letzten Jahren.
Gleichzeitig hat mir Hip-Hop in erster Linie sehr viel Kraft gegeben. Man sagt nicht ohne Grund, Hip-Hop ist self-empowerment. Wahrscheinlich ist das Genre deshalb auch bei Jugendlichen so beliebt. Als Teenager fühlt man sich oft nicht powerful, man fühlt sich nicht stark und selbstbewusst. Und man weiß auch nicht so recht, wer man ist. Gerade in solchen Situationen gibt einem diese Musik sehr viel Energie. Aber wenn man älter wird, hinterfragt man die Dinge mehr. Und man schaut vor allem genauer auf die Texte. Es ist nicht so, dass ich heute gar keinen Hip-Hop und Deutschrap mehr höre. Aber ich höre viel bewusster hin. Und wenn es frauenfeindlich wird, bin ich raus. Das ist das absolute Gegenteil von dem, wofür ich stehe. Diese Energie möchte ich in meinem Leben nicht haben, weder beruflich noch privat. Ich muss nicht andere runtermachen, damit ich mich selbst größer fühle.
MYP Magazine:
Dennoch hast Du dem Deutschrap einen wichtigen Teil Deiner Karriere zu verdanken.
Matt Mendo:
Das stimmt. Ich habe mich als Produzent in der Deutschrap-Szene etabliert – übrigens auch, weil es ein Markt war, den man gut bedienen konnte. Es gab da einfach sehr viel Nachfrage und hat einige Jahre lang sehr gut für mich funktioniert. Ich dachte mir: Never stop a working system! Aber wie ich bereits gesagt habe: Je älter man wird, desto stärker reflektiert man sein eigenes Handeln.

»Ich bin ein Mensch, der offenherzig durchs Leben geht und trotzdem weiß, dass er dieses offene Herz auch schützen muss.«
MYP Magazine:
Du hast eben erwähnt, als Jugendlicher wisse man noch nicht so richtig, wer man ist. Du bist vor Kurzem 28 geworden. Weißt Du mittlerweile, wer Du bist?
Matt Mendo:
Auf jeden Fall habe ich davon heute eher eine Idee als noch zu meiner Teenagerzeit.
MYP Magazine:
Und?
Matt Mendo:
Ich bin ein Mensch, der das Privileg hat, Musik machen zu dürfen. Ich bin ein Mensch, dessen Persönlichkeit stark beeinflusst wurde von dem tollen Umfeld, in dem er sozialisiert wurde. Ich bin ein Mensch, der nicht perfekt ist, sich aber trotzdem so akzeptiert, wie er ist. Ich bin ein Mensch, für den Werte wie Ehrlichkeit, Nahbarkeit und Authentizität wichtig sind. Und ich bin ein Mensch, der offenherzig durchs Leben geht und trotzdem weiß, dass er dieses offene Herz auch schützen muss.
MYP Magazine:
Nicht viele Menschen können sich selbst so genau betrachten.
Matt Mendo:
Das gelingt mir auch erst seit wenigen Jahren. Davor habe ich mich stark über meine Leistung definiert. Aber je älter ich wurde, desto öfter habe ich mich gefragt: Wer oder was bin ich außerhalb meiner Arbeit, außerhalb meiner Erfolge? Darauf bewusst Antworten zu finden, hat mir sehr gutgetan. Natürlich gibt es immer wieder Tage, an denen ich in alte Muster zurückfalle. Aber das ist okay.

»Je melancholischer ein Song ist, desto mehr fühlt er sich nach echtem Leben an.«
MYP Magazine:
Vor drei Jahren haben Dich die Kollegen von 16BARS in Deinem Studio besucht und mit der Kamera begleitet. In dem Videoportrait, das dabei entstanden ist, redest Du unter anderem darüber, wie Du einem Rap-Star wie Drake ein Projekt pitchen würdest. Du sagst: »Ich würde ihm niemals einen Drake-Type Beat vorspielen – denn das hat er schon tausend Mal gehört. Nein, ich würde ihm was zeigen, was nach Matt Mendo klingt.« Wie genau klingt Matt Mendo?
Matt Mendo:
Es gibt da eine bestimmte Notenkombination auf dem Klavier, die mit mir besonders stark resoniert, weil sie so verträumt, introspektiv und organisch wirkt. Diese Kombination integriere ich immer wieder in meine Projekte und spiele sie in den verschiedensten Tonlagen – daraus entwickelt sich etwas sehr Melancholisches. Je melancholischer ein Song ist, desto mehr fühlt er sich nach echtem Leben an – ganz im Gegenteil zu Liedern, die im Studio so lange perfektioniert und glattgebügelt wurden, dass sie keinen Charakter mehr haben.
»Mir geht es darum, einen Raum zu schaffen, in dem man sich verletzlich machen kann, ohne sich rechtfertigen zu müssen oder verurteilt zu fühlen.«
MYP Magazine:
2024 hast Du für den deutschen Singer-Songwriter Cudi den Song »Only Lord Knows« produziert, in dem man dieser verträumt-introspektiven Ästhetik auf besondere Weise begegnen kann. Das Besondere dabei: Die Melancholie findet nicht nur auf der musikalischen Ebene statt, sondern auch auf der inhaltlichen, denn in den Lyrics erzählt Cudi von nicht gerade einfachen Familienverhältnissen. Dabei lässt er uns tief in seine Gefühlswelt blicken. Wie gehst Du persönlich, aber auch in Deiner Arbeit als Produzent damit um, wenn Dir Künstler*innen ihr Innerstes anvertrauen?
Matt Mendo:
Wenn ich mit Menschen Musik mache, fühle ich mich manchmal wie ein Therapeut. Allerdings habe ich nicht die Absicht, die Künstler*innen, mit denen ich zusammenarbeite, in irgendeiner Form heilen zu wollen. Ganz im Gegenteil: Mir geht es darum, einen Raum zu schaffen, in dem man sich verletzlich machen kann, ohne sich rechtfertigen zu müssen oder verurteilt zu fühlen. Für mich ist das der einzige Weg, um das, was die Artists tief in sich tragen, in Musik zu fassen. Diese Herangehensweise hat meine Arbeit in den letzten Jahren immer stärker geprägt. Es bedeutet mir viel, Menschen auf dieser Ebene zu begegnen. Cudi kannte ich übrigens schon vor unserer Kollaboration und wusste, welche Geschichten und Themen er mitbringt. Daher konnte ich mich voll und ganz darauf konzentrieren, zu seiner zerbrechlichen und gospelhaften Engelsstimme ein starkes Gerüst aus Bass, Akkord und Melodie zu entwickeln.

»Je öfter man Nein sagt, desto geübter wird man darin.«
MYP Magazine:
Du hast in den letzten Jahren mit einer Vielzahl von Künstler*innen gearbeitet. Wie genau kommt es bei Dir in der Regel zu einer Kollaboration?
Matt Mendo:
Ich könnte jetzt davon erzählen, dass ich am Anfang eines jeden Jahres eine Wunschliste von Leuten erstelle, mit denen ich gerne mal zusammenarbeiten möchte. Aber tatsächlich ist es bei mir so, dass die allermeisten Kollaborationen durch Zufälle zustande kommen. Genau das ist ja auch das Schöne am Leben: dass man nicht alles vorhersehen kann.
MYP Magazine:
Und wann lehnst Du Kollaborationen ab?
Matt Mendo:
Wenn ich merke, dass es musikalisch nicht passt. Es wäre auch gegenüber der anderen Person unfair, wenn ich mit ihr zusammenarbeiten würde, obwohl ich die Musik nicht feiere. Genau deshalb finde ich es auch wichtig, zu vielem Nein zu sagen. Denn am Ende verschwendet man nicht nur seine eigene Zeit, sondern auch die des Gegenübers. Ich habe in meinem Leben viel zu oft Ja gesagt, obwohl mein Bauchgefühl mir dringend davon abgeraten hat. Nein sagen muss man lernen. Das Gute ist: Je öfter man Nein sagt, desto geübter wird man darin.

»Wir freuen uns, wenn uns die Musik starke und klar definierte Held*innen liefert, die wir auf ein Podest heben können – vor allem in der Popkultur.«
MYP Magazine:
Wenn Menschen einen Song hören, denken sie für gewöhnlich an den Artist, der ihn herausgebracht hat. An die Produzent*innen dahinter denken die wenigsten – dabei machen die einen Song oft erst zu dem, was er ist. Ärgert es Dich, dass Dein Beruf in der Öffentlichkeit kaum sichtbar ist?
Matt Mendo:
Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass mich das nie gestört hätte. Wenn jemand ganz allein die Lorbeeren für etwas einsackt, an dem ein ganzes Team beteiligt war, ist das nicht cool. Aber ganz ehrlich: Ich finde, zumindest den Konsument*innen kann man dieses Verhalten nicht übelnehmen. Die wenigsten Leute, die Musik hören, interessieren sich für den Produktionsprozess dahinter. Denn erstens ist das ein eher unzugänglicher und technischer Bereich. Und zweitens neigen wir Menschen zur Vereinfachung und denken gerne in Schwarz und Weiß. Daher freuen wir uns auch so, wenn uns die Musik starke und klar definierte Held*innen liefert, die wir auf ein Podest heben können – vor allem in der Popkultur.
In der Ambient-Musik dagegen ist das ganz anders: Da steht niemand im Vordergrund und es geht auch nicht um irgendeine Brand Identity oder irgendwelche Popstar-Bestrebungen. Das Einzige, was zählt, sind die Gefühle der Zuhörenden.

»Mein eigenes Empfinden ist letztlich der einzige Maßstab.«
MYP Magazine:
Bleiben wir kurz beim Thema Heldentum: Wie macht man als Musikproduzent aus einem Song einen richtig guten Song?
Matt Mendo:
Die Frage ist doch viel eher: Wann ist ein Song ein guter Song? Und woran bemisst man seine Qualität? Etwa am kommerziellen Erfolg, an der Komposition oder am Arrangement? Für mich ist ein Song gut, wenn er für mich persönlich gut ist. Mein eigenes Empfinden ist letztlich der einzige Maßstab.

»Wenn jemand schon mit einer schlechten Energie ins Studio kommt, kommt dabei am Ende mit Sicherheit nichts Großartiges heraus.«
MYP Magazine:
Hast Du dennoch so etwas wie ein Erfolgsrezept?
Matt Mendo:
Nein, aber ich habe so etwas wie eine Grundregel: absolute Ehrlichkeit. Dabei geht es nicht nur darum, ehrlich zueinander zu sein, sondern auch zu sich selbst. Sonst wird das nichts. Wenn man versucht sich einzureden, dass das, was man gerade kreiert, etwas Gutes ist, obwohl man tief in sich spürt, dass das nicht so ist, ist man schon auf dem falschen Weg.
Übrigens: So eine Produktion ist immer ein Prozess, in dem sich alle Beteiligten gegenseitig beeinflussen. Das heißt: Wenn jemand schon mit einer schlechten Energie ins Studio kommt, kommt dabei am Ende mit Sicherheit nichts Großartiges heraus.

»Ich wollte die Musik, auf die ich gestoßen war, gerne mit anderen teilen – wie damals im Schulbus.«
MYP Magazine:
Vor Kurzem hast Du auf Instagram Deine meistgespielten Vinyls des Jahres 2025 vorgestellt. Warum ist es Dir wichtig, diese Musik mit anderen Menschen zu teilen?
Matt Mendo:
Ich war schon immer jemand, der nicht nur sehr viel Musik hört, sondern dem es auch wichtig ist, Musik zu kuratieren. Schon als Kind musste ich mich entscheiden, welche Songs ich auf meinen MP3-Player lade, um sie dann im Schulbus meinen Freunden vorzustellen.
Als ich letztes Jahr angefangen habe, auf Vinyl aufzulegen, habe ich das Kuratieren für mich wiederentdeckt. Ich wollte die Musik, auf die ich gestoßen war, gerne mit anderen teilen – wie damals im Schulbus. So sind diese Instagram-Posts entstanden.

»Es macht mir riesigen Spaß, anderen Menschen Musik zu zeigen, die mich berührt.«
MYP Magazine:
Royel Madell, der Gitarrist der australischen Indie-Band Royel Otis, hat uns letzten Sommer im Interview den Satz mitgegeben: »Musik mit jemandem zu teilen ist, wie sich gegenseitig in die Seele zu schauen.« Was erzählt die Musik, die Du mit uns teilst, über Dich?
Matt Mendo:
Ob man mir damit direkt in die Seele schauen kann, weiß ich nicht. Aber die Alben, die ich vorstelle, spiegeln definitiv einen Teil meiner Persönlichkeit. Aktuell höre ich sehr viel ruhige, reflektierte und eher introspektive Musik, woran man diese gewisse Nachdenklichkeit ablesen kann, die ich in mir trage. Aber ich würde diese Videos auch nicht überinterpretieren. Es macht mir einfach riesigen Spaß, anderen Menschen Musik zu zeigen, die mich berührt.

»Ich versuche immer, mich auf das Ungewisse einzulassen.«
MYP Magazine:
Wenn Du auf unseren heutigen Interview- und Shooting-Nachmittag zurückblickst und die Stimmung erfasst, in der Du dich gerade befindest: Fällt Dir spontan ein Song ein, der dazu gut passen würde und den Du mit uns teilen möchtest?
Matt Mendo: (überlegt kurz)
Ja, »Quit Your Job, Runaway!« von Junior Mesa. Der Song hat nicht wirklich eine Struktur, man weiß nie, was als nächstes passiert. Das fasst den heutigen Nachmittag sehr gut zusammen. Ich wusste vor dem Interview auch nicht, welche Fragen mich erwarten würden, und habe einfach darauf vertraut, dass es gut werden wird.
Ich versuche ohnehin immer, mich auf das Ungewisse einzulassen und mich all den Unsicherheiten und Unwägbarkeiten hinzugeben, die auf mich zukommen – wir Menschen tendieren ja dazu, Struktur und Ordnung haben zu wollen. Alles muss sicher, effizient und immer verfügbar sein. Dabei fällt mir gerade ein: Die Vinyl von Junior Mesa, die ich vor ein paar Wochen bestellt habe, wurde noch nicht geliefert. Ich hoffe, die kommt bald.

Mehr von und über Matt Mendo:
instagram.com/matt_mendo
instagram.com/whateverhertz
linktr.ee/matt_mendo
Interview & Text: Jonas Meyer
Fotografie: Roberto Brundo
Hannah Schiller
Interview — Hannah Schiller
»Ich habe früh gelernt, mit Ablehnung umzugehen«
Hannah Schiller spielt Figuren am Rand: Ihr Projekt »Liebhaberinnen«, eine filmische Adaption des gleichnamigen Romans von Elfriede Jelinek, lief kürzlich auf der Berlinale und zeigt Jugendliche zwischen Selbstinszenierung und Selbstverlust. Ein Interview über Kindheit im Rampenlicht, Grenzen am Set und die Frage, wie nah man Abgründen wirklich kommen will.
21. April 2026 — Interview & Text: Katharina Viktoria Weiß, Fotografie: Frederike van der Straeten

Wenn Hannah Schiller über ihre Rollen spricht, geht es selten um einfache Geschichten. Die 26-jährige Schauspielerin, die schon als Kind vor der Kamera stand, bewegt sich auffällig oft in Figuren, die an Grenzen stoßen – emotional, sozial, körperlich. Vielleicht ist es genau diese frühe Erfahrung im Beruf, die ihr heute eine besondere Klarheit gibt: Schiller wirkt reflektiert, wach, fast unbeeindruckt vom Betrieb, in dem sie sich längst etabliert hat.
Nach Projekten wie »Reset«, »Runner« und einem internationalen Dreh in London (»Everybody Wants to F*ck Me«) steht für sie nun ein Jahr an, das ihre Vielseitigkeit noch einmal neu ausstellt. Im Zentrum steht dabei die filmische Adaption des Romans »Die Liebhaberinnen« aus dem Jahr 1975. Mit dem Film, der in seinem Titel auf den Artikel verzichtet und schlicht »Liebhaberinnen« heißt, verlegt die Regisseurin Caroline Kox Elfriede Jelineks schonungslos radikalen Blick auf Geschlechterverhältnisse und soziale Abhängigkeiten in die Gegenwart.

Hannah Schiller spielt darin Paula, eine 17-Jährige aus der Provinz, die sich mithilfe digitaler Selbstinszenierung ein anderes Leben erträumt und dabei immer tiefer in ein System aus ökonomischem Druck, Begehren und Selbstverlust gerät. Die Geschichte ist unbequem, oft überzeichnet und voller Figuren, die man kaum lieben kann – doch gerade darin liegt ihre Wucht.
Wir treffen die Schauspielerin im Berliner Café-Restaurant Manzini, einem Ort, der so gar nicht zu dieser düsteren Welt passen will. Hier, wo man seit Jahren auf klassische Gastlichkeit und aufmerksamen Service setzt, wirkt alles warm, ruhig und ein wenig aus der Zeit gefallen. Zwischen vertrauten Gesichtern, schweren Vorhängen und dem Gefühl, willkommen zu sein, spricht Hannah Schiller über frühe Verantwortung, künstlerische Ekstase – und darüber, warum sie sich von den Abgründen ihrer Rollen nicht verschlucken lässt.


»Ich lasse mich am Set nicht so schnell verunsichern.«
MYP Magazine:
Du hast früh angefangen zu arbeiten – als Kind vor der Kamera. Wie sehr hat Dich diese Zeit geprägt?
Hannah Schiller:
Sehr. Ich habe früh gelernt, mit Ablehnung umzugehen. Wenn ein Casting nicht klappt, erschüttert mich das nicht mehr so stark. Das liegt daran, dass ich das schon lange mache. Und ich lasse mich am Set nicht so schnell verunsichern, denn ich habe ebenso früh gelernt, wie diese Abläufe funktionieren.
MYP Magazine:
Im Ersten lief vor Kurzem die Dokumentation »Kinderschauspieler – Der Preis des Erfolgs« gezeigt. Gab es darin etwas, das Dir aus Deinem eigenen Leben bekannt vorkam?
Hannah Schiller:
Ja, zum Beispiel dieses Gefühl: Vor der Kamera ist man jemand anderes, danach wieder man selbst. Oder dass man während eines Drehs sehr intensive Beziehungen hat – und dann gehen alle wieder auseinander. Das ist schon speziell. Und auch dieses Leben in zwei Welten: Am Set wird man ernst genommen, ist Teil eines Teams mit Erwachsenen. Und dann ist man wieder in der Schule und nur Teenager.


»Ich glaube, dass ich körperlich am Set sehr resilient geworden bin.«
MYP Magazine:
Gab es auch bei Dir Situationen, in denen Deine Grenzen überschritten wurden?
Hannah Schiller:
Rückblickend würde ich sagen: ja, vereinzelt. Aber als Kind merkt man das oft gar nicht so. Heute sehe ich das anders – und kann meine Grenzen sehr gut setzen. Das ist etwas, das ich definitiv im Laufe der Jahre gelernt habe. Ich glaube auch, dass ich körperlich am Set, also bei der Arbeit, sehr resilient geworden bin. Ich habe als Kind auch teilweise mit Magen-Darm-Grippe oder so gedreht. Klar, du kannst absagen, aber das ist auch nicht unkompliziert – und ungefähr achtzig Erwachsene betteln dich an, ob du nicht trotzdem drehen kannst.


»Ich musste mich selbst organisieren, selbst lernen, selbst Entscheidungen treffen.«
MYP Magazine:
Was hat Dir diese Zeit im Positiven gegeben?
Hannah Schiller:
Ich hatte schon als Kind einen extrem kreativen Input, durch meine Zeit an der Oper. Das ist ein magisches Umfeld, in dem man da aufwächst – umgeben von Musik, Disziplin, künstlerischem Geist und Schaffensdrang. Überhaupt war ich so ein Kind, das immer sehr, sehr viele Fragen gestellt hat und sehr interessiert an allem war – da gab es einfach wahnsinnig viel zu entdecken, das hat mich sehr stimuliert.
MYP Magazine:
Du hast außerdem schon in jungen Jahren viel allein reisen dürfen. Hat Dich das ebenfalls geprägt?
Hannah Schiller:
Sehr. Ich war schon mit zwölf oder dreizehn längere Zeit allein unterwegs, weil meine Eltern mich nicht immer begleiten konnten. Das hat mir früh Verantwortung gegeben. Ich musste mich selbst organisieren, selbst lernen, selbst Entscheidungen treffen.

»Ich wollte mich nicht mit diesen Figuren identifizieren – und irgendwo tut man es doch.«
MYP Magazine:
Kommen wir zu Elfriede Jelinek: Du spielst eine Hauptrolle in ihrer neusten Romanverfilmung. Was war Dein erster ehrlicher Gedanke, als du »Die Liebhaberinnen« gelesen hast?
Hannah Schiller:
Ich habe das Buch fürs Casting gelesen – und es zu lesen, hat mir nicht gefallen. Oder besser gesagt: Es hat sich unwohl angefühlt. Aber das ist auch das Interessante daran, genau so soll sein. Ich wollte mich nicht mit diesen Figuren identifizieren – und irgendwo tut man es doch.
MYP Magazine:
Wie habt Ihr das Provokative des Romans aus dem Jahr 1975 in die 2020er geholt?
Hannah Schiller:
Ich würde sagen, Jelinkes Sprache wurde mit filmischen Mitteln symbolisiert, wenn man das so sagen kann. Es wurde die gesamte Bandbreite filmischer Mittel genutzt, um die Härte, aber auch das Skurrile darin spürbar und erlebbar zu machen. Ich finde, es lohnt sich, das anzuschauen, weil es etwas sehr Unkonventionelles hat. Und weil es so unangenehm, aber gleichzeitig auch sehr lustig ist.

»Ich glaube, dass man den ökonomischen Aspekt von Liebe unterschätzt.«
MYP Magazine:
In der Geschichte geht es stark um ökonomische Abhängigkeit und soziale Aufstiegshoffnungen über Beziehungen. Wie zeitgenössisch wirkt dieser Blick auf Liebe für Dich?
Hannah Schiller:
Ich glaube, dass man den ökonomischen Aspekt von Liebe unterschätzt – und wie präsent er auch jetzt noch in Deutschland ist. Natürlich würde ich gerne einfach sagen: Das ist nicht mehr zeitgemäß. Aber wenn man ehrlich ist, passiert es nicht selten, dass Frauen solchen Umständen ausgesetzt sind. Die soziale Aufstiegshoffnung über eine romantische Beziehung – gerade dieser Aspekt ist noch sehr gegenwärtig. Sich das anzuschauen, ist schmerzhaft. Und deshalb so ehrlich.

»Was machen die da eigentlich im Internet?«
MYP Magazine:
Im Film geht es auch um Selbstinszenierung zum Verkauf des eigenen Körpers im digitalen Raum. Was hat Dich daran gereizt?
Hannah Schiller:
Viele Jugendliche kommen an den Punkt, an dem sie sagen: »Ich will mal schauen, was passiert, wenn ich im echten Leben etwas tue, das ich vorher nur online gemacht habe.« Ich glaube, das ist etwas, das vielen jungen Menschen heute passiert. Klar, das Internet bringt eine extreme Weite in die eigene kleine Welt und birgt viele Möglichkeiten, aber auch viele Gefahren und Risiken. Natürlich sollte man nicht immer nur auf diese Gefahren schauen. Aber trotzdem ist das etwas, das die Erwachsenen um Kinder und Jugendliche herum oft gar nicht so richtig im Blick haben: Was machen die da eigentlich im Internet?

»Das Drehen im Selfiemodus war eine neue Selbsterfahrung.«
MYP Magazine:
Was macht es mit Dir, so einen Stoff zu drehen – der ja gleichzeitig überzeichnet, skurril, lustig und doch auch total deprimierend ist?
Hannah Schiller:
Wir haben in einem sehr kleinen Team gedreht, das hatte etwas sehr Intimes und teilweise auch sehr Unangenehmes. Denn das, was ich da gedreht habe, zeigt eine harte Ehrlichkeit, die man vielleicht sonst nicht so präsent hat. Wenn man das aber vor der Kamera spielt, spürt man es unmittelbar. Wir haben viel in Plansequenzen gedreht, dabei habe ich mich mit dem Handy immer selbst gefilmt. Das heißt, es gab quasi keine Schnitte. Ein Beispiel: Ich war zehnmal in einer Situation, habe zehnmal mein Badewasser abgelassen und dieses für Männer im Internet abgefüllt. Das Drehen im Selfiemodus war eine neue Selbsterfahrung. Daher habe ich auch einen Kamera-Credit im Abspann erhalten.
MYP Magazine:
Du hast gerade in London »Everybody wants to f*ck me« gedreht, eine Art Erotik-Horror. Wie wurde dort mit Intimität am Set heute umgegangen?
Hannah Schiller:
Sehr professionell. Es gab Intimacy-Koordinatorinnen, regelmäßige Angebote zum Austausch, sogar Gespräche mit Psycholog*innen. Ich selbst hatte keine sehr körperlichen Szenen, aber ich fand es beeindruckend, wie ernst das genommen wurde.


»In meiner Kunst finde ich sehr zu mir selbst und fühle mich weitgehend unbeeinflusst.«
MYP Magazine:
Wenn Du heute auf Dein Leben schaust: Was waren drei wichtige Turning Points, die nichts mit Deinem Beruf zu tun hatten?
Hannah Schiller:
Ich würde sagen, erstens: als ich an der Oper angefangen habe zu singen. Das war ein totaler Turning Point, weil mich das so sehr in diese Kunst und die Musik eingeführt hat – und weil sich dadurch eine eigene Welt für mich erschlossen hat. Zweitens auf jeden Fall mein Abitur und mein Umzug nach Berlin – oder besser gesagt der Umzug in mein eigenes Leben. Und der dritte Punkt: Darüber muss ich noch ein bisschen nachdenken. Aber wahrscheinlich hat das auch mit Berlin zu tun, mit den Freundschaften, die ich hier geschlossen habe.

»Wenn ich zeichne oder schreibe, kann ich das genau so machen, wie nur ich das will.«
MYP Magazine:
Ekstase oder Disziplin – was nimmt in Deinem Leben mehr Raum ein?
Hannah Schiller:
Ich glaube, Ekstase – aber auf eine sehr von mir individuell ausgelegte Art und Weise. Ich erlebe diese Ekstase in den künstlerischen Dingen, die ich mache, weil ich mich darin sehr vergessen kann. Ich würde nicht sagen, dass es so ist wie auf Drogen. Ich nehme keine Drogen. Aber ich stelle mir vor, dass man da vielleicht nicht unbedingt mehr zu sich selbst findet. Dagegen finde ich in meiner Kunst sehr zu mir selbst und fühle mich weitgehend unbeeinflusst. Gerade beim Zeichnen oder wenn ich Musik mache, würde ich schon sagen, dass das etwas Ekstatisches hat. Beim Film ist man sehr im Teamwork, man führt auch das aus, was andere sagen, und alle tragen ihren Senf dazu bei. Wenn ich aber zeichne oder schreibe, kann ich das genau so machen, wie nur ich das will. Und das hat etwas sehr Selbstwirksames.

Mit besonderem Dank an das Team des Café-Restaurant Manzini.
Mehr von und über Hannah Schiller:
Interview & Text: Katharina Viktoria Weiß
Fotografie: Frederike van der Straeten
Jonny Mahoro
Interview — Jonny Mahoro
»Wir müssen in alle Richtungen Hoffnung ausstrahlen«
Zwischenphasen, Zukunftsangst und Zuversicht – mit seiner Musik gibt Jonny Mahoro seiner Generation eine Stimme und gilt damit als bedeutsamer Newcomer des vergangenen Jahres. Sein Song »Zwischenphase« brachte ihm populäre und kritische Anerkennung, mit der EP »Innenleben« legte er nach. Wir treffen den 26-Jährigen in einem Waschsalon und sprechen über sein neues Leben als erfolgreicher Musiker, die damit verbundenen Kehrseiten, emotionale Ehrlichkeit und Hoffnung in unsicheren Zeiten.
22. Februar 2026 — Interview & Text: Noah Anton Schmitt, Fotografie: Juliusz Gastev

Jonny Mahoro hat ein aufregendes Jahr hinter sich: Am Anfang ist er noch arbeitslos und am Ende für den POLYTON-Preis nominiert: eine Auszeichnung, die von den renommierten Mitglieder:innen der Akademie für Populäre Musik verliehen wird. Dahingebrach hat ihn sein Song »Zwischenphase«, in dem er beschreibt, wie es sich anfühlt, als Mitte-Zwanzigjähriger zwischen Lebensphasen zu stehen und nicht genau zu wissen, wie es weitergeht: auf der einen Seite mit dem Ernst des Erwachsenseins konfrontiert zu sein und auf der anderen Seite noch in jugendlicher Leichtigkeit zu schwelgen, so schön wie sie ist.
Im Herbst 2025 folgte dann der Release von »Innenleben«, seiner zweiten EP. Getragen von einprägsamen Melodien und zarten Stimmlagen verleiht Jonny Mahoro dem Wechselbad seiner Gefühle Raum. Von der Suche nach Selbstliebe, Herzschmerz und Haltlosigkeit bis zu Hymnen auf die schönen Seite des Lebens ist alles mit dabei. Besonders eindrucksvoll ist der Song »Zukunftsangst«, denn Jonny Mahoro gelingt es, der Gefühlswelt einer Generation an jungen Menschen Ausdruck zu verschaffen, der vor lauter Krisen die Zukunft abhanden gekommen ist. So sind seine Songs Balsam für die Seele. Dazu passt, dass er bei seinen Konzerten Blumen an Menschen im Publikum verteilt, die gerade eine besonders schwere Zeit durchmachen.
Wir treffen Jonny Mahoro bei »Freddy Leck sein Waschsalon« im Berliner Stadtteil Moabit. Seit nahezu zwanzig Jahren ist der Ort mit der kultigen Tapete nicht mehr aus der Gotzkowskystraße wegzudenken. Hier geht die Nachbarschaft ein und aus, unterhält sich, trinkt einen Kaffee oder liest eine der ausliegenden Zeitschriften. Wäsche wird von Herrn »F. Leck« mit Leidenschaft gemacht: So trägt jede Waschmaschine sogar einen eigenen Namen.

»Ich muss mich immer noch kneifen, wenn ich den Song live spiele.«
MYP Magazine:
Jonny, Anfang 2025 hattest Du noch einen Termin beim Jobcenter, dann ging Dein Song »Zwischenphase« auf TikTok viral und hat mittlerweile über zehn Millionen Streams erreicht. Wie ist es für Dich, so einen Hit geschrieben zu haben?
Jonny Mahoro:
Es ist ein bisschen surreal. Den Song habe ich im Sommer 2024 geschrieben, kurz nach meinem 25. Geburtstag. Danach lag er in der Dropbox und es ist erst mal nichts passiert. Erst acht Monate später haben wir den Track in den sozialen Medien geteasert, daraus hat sich dann ein komplettes Eigenleben entwickelt. Ich fand den Song gut, aber dass er so erfolgreich wird, habe ich nicht erwartet. Mich freut es, dass so viele Menschen sich damit verbunden fühlen. Tatsächlich muss ich mich immer noch kneifen, wenn ich den Song live spiele, denn er hat mein Leben verändert.

»Viele meiner Freunde sind jetzt mit dem Master fertig, andere heiraten, und ich fühle mich gerade von beidem extrem weit weg.«
MYP Magazine:
Wie sah Dein Leben vor dem Song aus?
Jonny Mahoro:
Vor einem Jahr war alles ziemlich schwer für mich. Ich hatte kein Geld, wirklich gar kein Geld für nichts, nicht mal für meine Miete. Zum Glück hat das jemand anderes für mich übernommen. Dazu kam, dass ich nach dem Abschluss meines Studiums keinen Job gefunden habe. Außerdem wusste ich nicht, wie es mit meiner Beziehung weitergeht, und über meine Eltern habe ich mir auch Gedanken gemacht. Auch von den Labels, mit denen wir damals im Gespräch waren, haben wir keine zielführenden Angebote bekommen. Mein Manager und ich waren ganz schön verzweifelt, wir wussten nicht, wie wir den nächsten Schritt machen sollten. »Zwischenphase« war der Katalysator dafür, dass ich mich voll auf meine Musik konzentrieren und die Miete wieder zahlen konnte.
MYP Magazine:
Befindest Du dich aktuell noch in einer Zwischenphase?
Jonny Mahoro:
Ich glaube, es gibt nicht nur die eine Zwischenphase, die ich in dem Song beschreibe. Vielleicht war das die Spitze der Mitte-Zwanzig-Zwischenphase. Ganz über den Berg bin ich allerdings noch nicht. Was ich in dem Song beschreibe, ist immer noch relevant. Viele meiner Freunde sind jetzt mit dem Master fertig, andere heiraten, und ich fühle mich gerade von beidem extrem weit weg.

»Ich hatte wenig Zeit für meine Familie und Freunde. Für manche konnte ich kein guter Freund sein.«
MYP Magazine:
Aus der Arbeitslosigkeit zum POLYTON-Preis, Dein vergangenes Jahr könnte als Hollywood-Geschichte erzählt werden. Erfolg hat aber auch Kehrseiten, wie alles im Leben. Was hat Dich der Erfolg gekostet?
Jonny Mahoro:
Ich hatte wenig Zeit für meine Familie und Freunde. Für manche konnte ich kein guter Freund sein, weil ich nicht immer erreichbar war. Wenn ich die ganze Zeit weg bin und auf Nachrichten nicht antworte, wirkt sich das auf Beziehungen aus. Natürlich ist meine Absicht nicht böse, aber leider geht das jetzt mit meinem Leben einher. Man lernt Neues zu schätzen und merkt, mit wem Freundschaften trotzdem leicht zu pflegen sind.
Klar, andere Berufe wirken sich auch auf das Privatleben aus, aber bei mir kommt hinzu, dass ich in der Öffentlichkeit stehe. Auf der einen Seite ist es toll, wenn so viele Leute mich feiern, andererseits bekomme ich auch den Hass im Internet ab. Ich versuche zwar, mich davon abzugrenzen, aber das ist nicht so leicht. Irgendwo bin ich auch nur ein Mitte-Zwanzigjähriger, der ein sehr, sehr verrücktes Jahr erleben durfte.

»Was ich nicht verlieren will, ist ehrliche Kunst zu machen.«
MYP Magazine:
Deine Songtexte sind von emotionaler Ehrlichkeit gekennzeichnet. Woher kommt der Mut, Dich öffentlich so verletzlich zu zeigen?
Jonny Mahoro:
Oft vergeht eine ganze Weile zwischen dem Moment, in dem ich einen Song schreibe, und dem Release. In der Zwischenzeit rede ich viel mit Menschen, die mir nahestehen. So kann ich meine Gefühle verarbeiten, bevor ich mit den Songs auf die Bühne gehe.
Es gibt auch aktuell in meiner Ablage Lieder, bei denen ich noch nicht bereit bin, sie zu veröffentlichen. Mit Songs ist es schon fast wie mit einer Schwangerschaft: Es zieht sich einfach. Und wenn die Zeit reif ist, kann das Kind das Licht der Welt erblicken. Manchmal braucht die Geburt länger, manchmal ist sie komplizierter und manchmal leichter. Was ich nicht verlieren will, ist ehrliche Kunst zu machen.

»Vor allem versuche ich zu vermeiden, über Dinge zu schreiben, von denen ich wenig Ahnung habe.«
MYP Magazine:
Wie erreichst Du diese Ehrlichkeit, wenn Du einen Song schreibst?
Jonny Mahoro:
Ich schreibe aus meiner Perspektive: wie ich das Leben wahrnehme, was ich fühle. Wenn ich persönlich Musik von anderen höre, kann ich mich viel besser in die Situation hineinversetzen, wenn sie aus der Ich-Perspektive geschrieben ist. Vor allem versuche ich zu vermeiden, über Dinge zu schreiben, von denen ich wenig Ahnung habe. Zum Beispiel, wenn es um Politik geht: Dazu habe ich keinen richtigen Bezug und wüsste auch nicht, wie ich das in einen Song packen würde.

»Es ist ein Wahnsinn, was sich Leute im Internet herausnehmen zu schreiben.«
MYP Magazine:
Trotzdem singst Du in »Zukunftsangst« darüber, dass Du dir die Zukunft inmitten von Unsicherheiten kaum mehr vorstellen kannst. Ist das kein politischer Song?
Jonny Mahoro:
Doch, der Song ist schon politisch – aber ohne, dass er ein politischer Song sein will. In der Promophase habe ich schnell gemerkt, dass so ein Song von mir als Schwarzem Künstler automatisch politisch ist. Ich habe viele rassistische Anfeindungen erlebt, die Kommentare in den sozialen Medien waren wirklich bodenlos. Es ist ein Wahnsinn, was sich Leute im Internet herausnehmen zu schreiben. Das hat mich aber nur darin bestärkt, diesen Song herauszubringen. Ursprünglich kam das Stück aber aus einem anderen Kontext. Ausgehend von der Zwischenphase lag die Zukunftsangst mehr auf der Hand als der große Optimismus.

»Ich denke nicht, dass die Lage hoffnungslos ist. Man muss die Hoffnung nur ein bisschen mehr suchen.«
MYP Magazine:
Optimismus findet man an anderer Stelle, da singst Du: »Vielleicht, vielleicht, vielleicht wird alles viel leichter.« Woher schöpfst Du diese Zuversicht?
Jonny Mahoro:
Aus lustigen Abenden mit Freunden, Telefonaten mit meinen Eltern, diesen fünf Minuten, in denen die Welt ziemlich in Ordnung ist. Ob man auf einer Party ist oder am Meer hockt, es gibt genug gute Momente. Ich denke nicht, dass die Lage hoffnungslos ist. Man muss die Hoffnung nur ein bisschen mehr suchen. Tatsächlich weigere ich mich, hoffnungslos zu sein. Gerade wir als Menschen, die eine Stimme haben, die jung und gesund sind und das Privileg besitzen, dass es ihnen gut geht, müssen in alle Richtungen Hoffnung ausstrahlen. Ja, die Welt ist gerade scheiße, aber wir müssen trotzdem das Beste daraus machen.

»Damals habe ich meinen Selbstwert daran festgemacht, beliebt zu sein.«
MYP Magazine:
In dem Song »Ich lieb mich nicht« thematisierst du unter anderem ein geringes Selbstwertgefühl als Teenager. Was würdest Du deinem jüngeren Ich heute sagen?
Jonny Mahoro:
Damals habe ich meinen Selbstwert daran festgemacht, beliebt zu sein und Bestätigung von anderen zu bekommen. Beides ist aber ultrafragil. Hinzukam, dass meinen Eltern schulischer Erfolg sehr wichtig war. Schulischer Misserfolg hat sich dementsprechend zehnmal schlimmer angefühlt, als er eigentlich war. Ich war auch nicht dumm, nur vielleicht etwas langsam und ein bisschen faul. Abgesehen davon würde ich meinem jüngeren Ich sagen: Sei noch ein Stück mutiger, trau dich aus deiner Komfortzone heraus. Und mach noch viel mehr Musik, so viel wie du kannst.
»Sich selbst zu lieben ist eine schwierige Sache.«
MYP Magazine:
Hast Du mittlerweile das Gefühl, Dich selbst zu lieben?
Jonny Mahoro:
Inzwischen verstehe ich mich besser und bin ehrlicher zu mir selbst – meistens zumindest. Sich selbst zu lieben ist aber eine schwierige Sache. Lange habe ich mich nicht als vollwertig liebenswert gesehen. In meiner Wahrnehmung dachte ich immer: Ich bin lieb und nett, aber ich habe auch diese oder jene schlechte Sache gemacht, die das wieder zunichtemacht. Ich habe gelernt, dass auch solche Gedanken okay sind und dazugehören. Es wird keinen Punkt geben, an dem ich perfekt bin, an dem ich mit einem Traumkörper herumlaufe, meine Finanzen im Griff habe und so weiter.


»Meine Eltern sind trotz sehr widriger Umstände überaus lebensfroh.«
MYP Magazine:
Du sprichst oft über Deine Eltern, auch in Deinen Songs. Kannst Du beschreiben, welche Rolle sie in Deinem Leben spielen?
Jonny Mahoro:
Sie gehören zu den wichtigsten Menschen in meinem Leben. Ohne meine Eltern wäre ich jetzt nicht hier – zuallererst natürlich, weil sie mich auf diese wunderschöne Welt gebracht haben. (lacht) Aber auch, weil sie mich im Rahmen ihrer Möglichkeiten immer voll unterstützt haben. Ich habe viel Respekt für das, was sie durchgemacht haben. Sie sind als junge Erwachsene aus Burundi nach Deutschland gekommen. Obwohl wir als Familie deutlich weniger finanzielle Mittel hatten als die meisten meiner Freunde, hat es meiner Schwester und mir an nichts gefehlt. Meine Eltern sind trotz sehr widriger Umstände überaus lebensfroh. Ich habe von ihnen gelernt, nicht aufzugeben, auszuhalten, durchzuhalten und trotzdem nicht die Freude am Leben zu verlieren.

»Ich muss lernen, dass meine Kapazitäten begrenzt sind.«
MYP Magazine:
Durchhaltevermögen braucht man in der Musikbranche, der Erfolgsdruck und die Arbeitsauslastung sind hoch. Wie gehst Du damit um?
Jonny Mahoro:
Es stimmt schon, ich arbeite extrem viel – auch wenn es sich manchmal nicht so anfühlt, weil es mir so viel Spaß macht. Ich fordere einiges von mir, muss aber lernen, dass meine Kapazitäten begrenzt sind. Körperlich merke ich, dass in den letzten Monate viel los war. Etwas Erholung würde mir guttun, nicht zuletzt, um mental wieder fit zu werden. Nur so kann ich die ehrlichste und beste Musik machen. Wenn man einen erfolgreichen Song hat, ist natürlich immer die Frage, wie es danach weitergeht. Ich habe jedoch nur bedingt Kontrolle darüber, ob ein Song erfolgreich wird oder nicht. Alles, was ich machen kann, ist möglichst gute Musik. Am Ende sind es die Leute, mein Publikum, die daraus mehr machen.

»Mir ist es enorm wichtig, einen Raum zu schaffen, in dem sich alle wohlfühlen.«
MYP Magazine:
Wie würdest Du die Leute beschreiben, die Deine Musik hören?
Jonny Mahoro:
Ich habe wirklich sehr mausige Fans. Das merke ich auch bei meinen Konzerten immer wieder, die Leute sind so lieb zueinander. Teilweise kommt jemand allein und geht mit Freunden. Mir ist es enorm wichtig, einen Raum zu schaffen, in dem sich alle wohlfühlen und ich mich dementsprechend auch wohlfühlen kann. Ich schätze den gegenseitigen Austausch sehr, dafür sind die sozialen Medien optimal. Wenn ich dort sehe, wie meine Fans erzählen, was sie denken und wie sie sich bei meinen Songs fühlen, berührt mich das. Es ist wahnsinnig schön, da mitzufühlen.

»Für das große Ganze sollte man sich auch mal in den Arsch beißen können.«
MYP Magazine:
Du hast in den sozialen Medien eine große Reichweite und bist dort sehr aktiv. Kann man als Musiker heute eigentlich noch Erfolg haben, ohne gleichzeitig auch Influencer zu sein?
Jonny Mahoro:
Wenn man ganz neu anfängt, ist es ohne soziale Medien sicherlich möglich, aber viel schwieriger. Ich verstehe, dass Musiker einfach nur Musik machen wollen. Gleichzeitig denke ich auch, dass man mit einer starken Abwehrhaltung gegenüber sozialen Medien die Möglichkeit verpassen, eine Menge Menschen abzuholen. Aus meiner Sicht gibt es keinen Job, der nicht auch etwas hat, das man ungern macht. Für das große Ganze sollte man sich auch mal in den Arsch beißen können.

»Mittlerweile ist die Mütze für mich wie ein Superhelden-Umhang.«
MYP Magazine:
Auffällig ist, dass man Dich in der Öffentlichkeit nie ohne Deine Mütze sieht. Was hat es damit auf sich?
Jonny Mahoro:
Die Mütze ist mein Markenzeichen geworden. Ich trage sowieso schon für mein Leben gerne Kopfbedeckungen, irgendwann ist es bei der pink-roten Mütze geblieben. Mittlerweile ist die Mütze für mich wie ein Superhelden-Umhang. Sobald ich sie aufziehe, springt der Jonny Mahoro an. Da gibt’s auch eine lustige Geschichte: Ich war im Sommer auf einem Festival und hatte auf dem Weg zur Bühne meine Mütze nicht auf, die Person vom Sicherheitsdienst wollte mich nicht durchlassen. Dann hab‘ ich sie aufgezogen und wurde erkannt. Ich werde auch auf der Straße ohne Mütze viel weniger erkannt als mit, das ist wild. (lacht)

»Jonny muss erst das gebrochene Herz erleben, damit Jonny Mahoro dann auf der Bühne darüber singen kann.«
MYP Magazine:
Wie würdest Du den Unterschied beschreiben zwischen Jonny Mahoro – dem Musiker mit Mütze – und Jonny, der Privatperson?
Jonny Mahoro:
Einen grundsätzlichen Unterschied gibt es nicht. Oft sehe ich mich allerdings eher als Jonny und weniger als Jonny Mahoro. Ich glaube, Jonny Mahoro fällt es ein bisschen leichter, mit Problemen umzugehen. Jonny dagegen macht die ganze Arbeit, damit Jonny Mahoro die Lorbeeren dafür einsacken kann. Jonny muss erst das gebrochene Herz erleben, damit Jonny Mahoro dann auf der Bühne darüber singen kann.
MYP Magazine:
Was kommt als nächstes?
Jonny Mahoro:
Ich mache neue Musik und habe das Gefühl, mich dabei neu zu finden. In meinem Kopf sind momentan viele Punkte, Ausrufezeichen und Fragezeichen. Das finde ich total spannend. Am Ende des Tages bin ich einfach gespannt, wo der Weg für mich hingeht. Ob es ein kometenhafter Aufstieg wird oder eher – weil realistischer – ein Hoch und Runter: Ich habe einfach Bock auf das, was kommt.

Mit besonderem Dank an das Team des Freddy Leck sein Waschsalon.
Mehr von und über Jonny Mahoro:
Interview & Text: Noah Anton Schmitt
Fotografie: Juliusz Gastev
Anika Decker & Miriam Junge
Interview — Anika Decker & Miriam Junge
»Es geht darum, die Menschen zu finden, mit denen du Tiefe leben kannst«
Was schulden wir unseren Eltern – und was uns selbst? Autorin Anika Decker und Psychologin Miriam Junge sprechen in ihrem neuen Podcast »Bin ich jetzt das Problem?« und im MYP-Interview über Liebe, Freiheit, Wut, Abgrenzung und die »Galerie der Exfreunde«.
9. Februar 2026 — Interview & Text: Katharina Viktoria Weiß, Fotografie: Juliusz Gastev

Wenn sich Bestsellerautorin und Regisseurin Anika Decker und Psychotherapeutin und Coachin Miriam Junge über Beziehungen, Jobs und Abenteuer unterhalten, würde man gerne bei einem Glas Wein danebensitzen und zusammen bis ins Morgengrauen quatschen. Denn in ihrem neuen Audible-Podcast »Bin ich jetzt das Problem?« suchen die beiden Frauen gemeinsam nach dem, was hinter unserem Verhalten liegt: Scham, Selbstwert oder Wut etwa. Oder jene kleinen Momente in unserem Leben, in denen alles kippt.
Im Interview erzählen die beiden, warum Nähe manchmal Mut braucht, weshalb ein Gefühl von Zugehörigkeit nicht an Familie gebunden ist – und wieso man Exfreunde am besten wie eine Ausstellung kuratiert: chronologisch, nach dem schönsten Scheitern sortiert und mit ein paar »Psychos« im musealen Seitenflügel.

»Selbstwert ist so existenziell, dass Menschen ihn instinktiv mit Wut verteidigen, wenn sie nicht reflektieren.«
MYP Magazine:
Anika und Miriam, Ihr beide seid Freundinnen, aber auch Profis in Euren jeweiligen Berufsfeldern. So treffen sich in Eurem neuen Podcast Storytelling und Psychologie. Worin liegen für Euch die größten Gemeinsamkeiten?
Anika Decker:
Im Analysieren, also bei der Frage: Warum macht jemand etwas Bestimmtes – und was steckt dahinter? Mir hat mal ein Spezialist bescheinigt, dass ich eine besondere Faszination für Muster und Strukturen habe.
Miriam Junge:
Und Du hast auch eine Begabung dafür. Du kannst gut zwischen den Zeilen lesen und hast einen Sinn für Dinge, die nicht direkt ausgesprochen werden, aber trotzdem spürbar sind. Manchmal begegnen wir beide einem Menschen, schauen uns zehn Sekunden an – und dann ist vieles klar. Schwer zu beschreiben, aber das ist unsere Verbindung. Diese intensive Ebene gibt uns auch ein Gefühl von Sicherheit miteinander.
Anika Decker:
Das, was hinter unserem menschlichen Handeln liegt, fasziniert mich auch auf vielfältige Weise. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Streit, den ich lange nicht verstanden habe: Jemand wurde mir gegenüber wahnsinnig aufgebracht und aggressiv, obwohl ich eigentlich nur zufällig über etwas gestolpert bin, das mir verschwiegen worden war, ein Loyalitätsthema. Und ich erkannte: Das, was den Menschen da gerade umtreibt, ist Scham.
Scham hängt am Selbstwert – und Selbstwert ist so existenziell, dass Menschen ihn instinktiv mit Wut verteidigen, wenn sie nicht reflektieren. Als ich das verstanden habe, war ich total erleichtert. Diese Aggression war plötzlich nicht mehr so angsteinflößend, weil ich kapiert habe, was dahinter liegt. Und genau da setzt auch der Podcast an: Wenn man versteht, was unter der Oberfläche passiert, verliert vieles seinen Schrecken. Und man kann sich wieder leichter miteinander verbinden.
Miriam Junge:
Durch Gespräche kann man sich oft gegenseitig die Augen öffnen. Ich bin nicht die Coachin in unserer Freundschaft. Gerade dann, wenn ich selbst zu nah dran bin und den Wald vor lauter Bäumen nicht sehe, brauche ich die Perspektive von anderen. Anika erklärt Dinge in einer Geschwindigkeit, die bei mir sofort Erleichterung auslöst. Plötzlich wird etwas Greifbares daraus.

»Irgendwann dachte ich nur noch: Wer ist eigentlich diese Miriam?«
MYP Magazine:
Wann und wie habt Ihr euch kennengelernt?
Anika Decker:
Über drei Ecken. Wir hatten mehrere gemeinsame Freundeskreise. Und irgendwann dachte ich nur noch: Wer ist eigentlich diese Miriam? Dann standen wir auf einem Geburtstag nebeneinander, kamen ins Gespräch und etwas später habe ich auch ein Coaching bei ihr gemacht.
In dieses Coaching bin ich damals mit gefühlt zehn Themen gegangen: Beruf, Trauer – mein Vater war gestorben – und nach einer langen Krankheitsphase war einfach alles zu viel. Ganz ehrlich, am Morgen vor dem Termin war ich überhaupt nicht in der Stimmung. Ich dachte: Ich will das jetzt wegdrücken und lieber irgendetwas machen, das sich leichter anfühlt. Aber dann kam ich aus diesem Coaching heraus mit ganz leichten Schritten – das war eine richtige Erleichterung.

»Zu glauben, ich wüsste ›besser‹ als die Person vor mir, wie Gefühle funktionieren, ist Quatsch.«
MYP Magazine:
Miriam, Du arbeitest in Deinem Beruf in der Regel mit den Themen anderer. Jetzt sprichst Du auch über Dich selbst. Wie war für Dich dieser Seitenwechsel?
Miriam Junge:
Schwierig. Am Anfang war ich gebremst, weil ich als approbierte Psychotherapeutin berufsethischen Regeln unterliege. Gleichzeitig finde ich: Dieses strenge »Ich bin die professionelle Person, ich sage nichts über mich« ist nicht mehr zeitgemäß. Die Augenhöhe ist wichtig: dieses menschlich sein und greifbar sein – gerade heute. Zu glauben, ich wüsste »besser« als die Person vor mir, wie Gefühle funktionieren, ist Quatsch. Also habe ich angefangen, mehr über mich zu sprechen.
MYP Magazine:
Das ist wie im Journalismus: Auch da gibt es dieses Ringen um vermeintliche Objektivität, obwohl wir alle von unseren Sprechpositionen geprägt sind.
Miriam Junge:
Genau. Wenn man auf Beziehungsebene spricht und sich Menschen gehört und gesehen fühlen, entsteht ein anderer Raum. Dann kann man tiefer gehen – und das brauchen wir heutzutage mehr denn je.

»Wenn man den eigenen Wert untergräbt, um zufrieden zu sein, entsteht emotionale Abhängigkeit.«
MYP Magazine:
Folge eins Eures Podcasts dreht sich um Bedürfnisse, Freiheit, Einlassen, Familienfragen – und darum, wie schnell man sich selbst verliert. Welche Schlüsselmomente haben Eure eigene Entwicklung in dieser Hinsicht geprägt?
Anika Decker:
Ich war mal in einer Beziehung, die eine krasse Schwere hatte – und ich habe es lange nicht richtig gemerkt. Ich bin harmoniesüchtig, ich drücke Dinge weg, ich will es schön haben. Ich erinnere mich besonders an einen Moment: Ich fuhr zu meinem Freund und hatte vier schwere Einkaufstüten voll mit Feinkost dabei, dazu Blumen. Ich wollte ankommen und etwas Beeindruckendes mitbringen. Aber dann stand ich auf der Straße und mir fiel ein, dass mein eigener Kühlschrank leer war und ich selbst keine Blumen zuhause hatte. Und so dachte ich: Das ist völlig übertrieben. Es läuft doch gerade gar nicht gut in dieser Beziehung. Was mache ich da?
In dem Moment musste ich mir eingestehen: Ich wollte, dass er happy ist. Und dass er sich freut. Gleichzeitig war er längst nicht mehr nett zu mir. Ich bin umgedreht, nach Hause gelaufen, habe alles in meinen Kühlschrank geräumt – und Schluss gemacht. Das war ein Schlüsselmoment.
Miriam Junge:
Bei mir ist es weniger ein einzelnes Erlebnis, sondern eher ein Muster – und das nicht nur in Liebesbeziehungen. Ich bin jemand, der oft mehr gibt. Und ich habe gemerkt: Ich erfülle Menschen Dinge, die ich eigentlich selbst brauche. Das bringt mich in ein Ungleichgewicht und ist nichts, was einmal gelöst ist – ich muss bis heute darauf achten. Wenn man den eigenen Wert untergräbt, um zufrieden zu sein, entsteht emotionale Abhängigkeit. Und darunter liegen am Ende immer Bedürfnisse.

»Zugehörigkeit ist nicht exklusiv an Familie gebunden.«
MYP Magazine:
In einer Stadt wie Berlin ist es leicht, Begegnungen zu haben, die sich anfühlen wie ein offenes Buch: keine Geheimnisse, keine Scham – von Tod und Verderben bis zum krassesten Orgasmus kann alles auf den Tisch. Gleichzeitig gibt es viele Menschen, die gerade mit ihren Eltern diese Gespräche überhaupt nicht führen können. Gibt es dafür eine Art Aushilfe? Oder muss man einfach akzeptieren, dass in manchen Familien die Sprachlosigkeit bleibt, bis die ältere Generation geht?
Miriam Junge:
Wenn du ewig kämpfst, damit sich Menschen ändern, die gar nicht verstehen, was du meinst, dann kämpfst du irgendwann nicht mehr für dich, sondern für etwas, das nicht greifbar ist. Und dann geht es eher darum, die Menschen zu finden, mit denen du diese Tiefe leben kannst – damit du bei dir bleibst und dich verbunden fühlst. Dieses Gefühl von »Mir fehlt in meiner Ursprungsfamilie etwas« ist erst mal traurig. Aber Zugehörigkeit ist nicht exklusiv an Familie gebunden. Man kann sich auf die Reise machen und sie auch bei anderen Menschen finden – wenn man die Augen offen hält.
MYP Magazine:
Mit geöffneten Augen passiert das also?
Anika Decker:
Ja, oft passiert es besonders dann, wenn es im Leben knirscht. Ich hatte zum Beispiel Einschnitte: eine schwere Krankheit, jahrelang ein Gerichtsverfahren – extremere Situationen. Da merkst du plötzlich, wo Beziehungen tragen und wo nicht. Ich habe die Erfahrung gemacht: Es lohnt sich, etwas zu beenden, das dir nicht guttut. Oder zu sagen: Das reicht mir gerade nicht. Das sind manchmal Sprünge ins Leere, aber rückblickend waren sie immer gut für mich. Ich kann das wirklich empfehlen.

»Ich finde es befremdlich, wenn jemand eifersüchtig auf die Vergangenheit ist.«
MYP Magazine:
Eure erste Podcast-Folge startet mit einer Idee: Anika, Du willst eine »Galerie der Exfreunde« kuratieren – Dein Bruder hat dich darauf gebracht. Was wäre das für eine Ausstellung: eher Geisterbahn oder Pop-Art? Und nach welchen Kriterien würdest Du kuratieren: nach red flags, Höhenflügen oder dem schönsten Scheitern?
Anika Decker:
Ich glaube, ich würde es chronologisch machen – einfach, um zu sehen: Gibt es einen Verlauf? Ein Muster? Ich habe neulich alte Fotos gefunden und mich über manche sogar gefreut. Vielleicht gäbe es einen Raum mit dem Titel »die größten Psychos« – und daneben »die größten Learnings«. Das hängt ja oft zusammen.
MYP Magazine:
Und Dein heutiger Partner, findet der rückblickend jemanden besonders schräg?
Anika Decker:
Der ist eher hartgesotten. Er weiß: Das war der Weg, der mich zu ihm geführt hat. Ich finde es befremdlich, wenn jemand eifersüchtig auf die Vergangenheit ist. Bei uns ist es eher neugieriges Kopfschütteln: »Warum hast du dir das angetan?« Und dann ist die interessante Frage: Was hat mich daran angezogen?
Miriam Junge:
Genau. Jede Person, die wir nah an uns herangelassen haben, hat irgendetwas berührt oder gelöst. Oft versteht man erst im Nachhinein, was man da eigentlich verhandelt hat. Und warum man manchmal viel zu lange an etwas festhält.
Anika Decker:
Ich glaube, wenn man das Leben so betrachtet, verzweifelt man weniger. Ich hatte eine Nahtoderfahrung durch einen Diagnosefehler (Anm. d. Red.: Anika Decker fiel nach einer unbehandelten Blutvergiftung ins Koma und war mehrere Monate komplett auf Pflegehilfe angewiesen) – ich könnte mein Leben lang in Wut aufgehen. Oder ich kann fragen: Was habe ich daraus gezogen? Was hat es mir auch geschenkt? Nicht im Sinne von »war gut«, sondern im Sinne von: Ich will mein Leben nicht in düsterer Wut verbringen. Und bei miesen Beziehungen ist es ähnlich: Was habe ich gesucht, was habe ich gelernt? Im Zweifel war’s eben Recherche für die nächste Komödie.
Miriam Junge:
Dieser Blick ist auch ein Schutzmechanismus: Wir bewegen uns manchmal in Situationen, die emotionalen Stress erzeugen, aber die uns auch Erkenntnis bringen. Oder durch ihre Absurdität sogar Humor.

»Viele unterschätzen, wie viel Verantwortung trotzdem bleibt.«
MYP Magazine:
Eure zweite Folge startet Ihr mit der großen Frage: »Was schulden wir unseren Eltern?« Wie reagieren Menschen bei diesem Thema?
Miriam Junge:
Das ist so ein Thema, das in fast jeder Person schwelt. Viele wollen sich noch nicht damit beschäftigen. Ich glaube, diese Folge ist daher eine, für die man Zeit und Raum braucht – oder die man erst hört, wenn man sich wirklich bereit fühlt.
Anika Decker:
Die zweite ist wahrscheinlich die schwierigste Folge. Weil es darin viele Perspektiven gibt – auch die von Menschen, die ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern haben und ganz selbstverständlich Verantwortung übernehmen. Und selbst wenn man sagt, »dann eben Pflegeheim«, unterschätzen viele, wie viel Verantwortung trotzdem bleibt.

»Fremdbestimmung – dagegen habe ich bis heute eine starke Allergie.«
MYP Magazine:
Später in der Folge sagt Ihr: Wut schafft Distanz – und Pubertät ist wichtig, weil sie diese Distanz überhaupt erst möglich macht. Wie war Eure eigene Trotzphase als Teenager?
Anika Decker:
Ich war ziemlich rebellisch. Mit zwölf habe ich eine Zeit lang mit meinem Vater in England gelebt, mit 15 hatte ich ein Stipendium und war in Australien. Ich habe mich darauf beworben, es bekommen. Wir hätten uns das sonst nie leisten können. Diese Weite, diese Entfernung, dieses »ich kann das« – darauf bin ich bis heute stolz. Das war eine krasse Erfahrung, so jung am anderen Ende der Welt zu sein.
Aber ob ich Hessen da immer so würdig vertreten habe? Es wurde schon sehr viel gekifft in Australien… Und als ich zurückkam, habe ich meinen Eltern ziemlich klar gesagt: Ich informiere euch in Zukunft, aber ich frage euch nicht mehr. Ich dachte, ich sei schon »fertig« und war darin sehr entschlossen. Ich bin mit voller Wucht ins Leben – und na ja, mit 15 hat man nicht immer die besten Ideen.
Miriam Junge:
Bei mir war es fast umgekehrt. Ich komme aus einem kleineren Ort, bei uns war viel Regulierung. Ich habe mich innerlich zugemacht und war nicht mehr zugänglich, eher trotzig, motzig, null Bock. So richtig gegen die Wand. Und das hat sich erst verändert, als ich ausgezogen bin. Fremdbestimmung – dagegen habe ich bis heute eine starke Allergie.

»Ich wollte es wirklich wissen, ich war richtig anti.«
MYP Magazine:
Gibt es einen Moment in Eurer Teenagerzeit, auf den Ihr bis heute stolz seid – so ein »geil, dass ich mich das getraut habe«? Manchmal geht’s ja auch schief, manchmal kommt die Polizei…
Miriam Junge:
Ich bin mal drei Tage abgehauen. Das fand ich damals super.
Anika Decker:
Wo hast Du geschlafen?
Miriam Junge:
Einmal auf einer Wiese, dann bei Freund:innen. Ich wollte es wirklich wissen, ich war richtig anti. Aber es hat funktioniert.
MYP Magazine:
Die Polizei wurde nicht eingeschaltet?
Miriam Junge:
Nein. Ich glaube, die haben darauf vertraut, dass ich wiederkomme.
Anika Decker:
Bei mir kam auch nie die Polizei – aber wilde Partys gab’s schon. Sobald meine Eltern aus dem Haus waren!


»Wir würden am liebsten noch 2.000 weitere Folgen machen.«
MYP Magazine:
Was wünscht Ihr euch für den Podcast?
Anika Decker:
Ich fände es wirklich spannend zu erfahren, was die Folgen bei Hörer:innen auslösen – auch, weil wir am liebsten noch 2.000 weitere Folgen machen würden. Ich habe richtig Spaß daran. Es ist ein Teil meines Jobs, der sich leicht anfühlt und mir wahnsinnig viel gibt.
Miriam Junge:
Mir geht’s genauso. Mich interessiert besonders das Feedback zu bestimmten Themen – zum Beispiel zur Folge über Mobbing und Gaslighting im beruflichen Umfeld. Da bin ich wirklich neugierig, was bei den Leuten hängen bleibt.

Der Podcast »Bin ich jetzt das Problem?« ist verfügbar auf der Plattform Audible.
Mehr von und über Anika Decker:
Mehr von und über Miriam Junge:
Interview & Text: Katharina Viktoria Weiß
Fotografie: Juliusz Gastev
Til Schindler
Interview — Til Schindler
Wie spielt man jemanden, dem die Liebe entzogen wurde?
Seit wenigen Tagen ist Til Schindler im bewegenden Mutter-Sohn-Drama »Scham« zu sehen, für seine schauspielerische Leistung wurde er gerade mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet. Zum Kinostart haben wir mit dem 32-Jährigen über Sprachlosigkeit in Familien, normative Wertvorstellungen und die Kraft von Film und Theater in dunklen Zeiten gesprochen.
2. Februar 2026 — Interview & Text: Jonas Meyer, Fotografie: Moritz Högemann

»Dieser Film ist eine Zumutung« – mit diesen Worten leitete die Ökumenische Jury des renommierten Max-Ophüls-Filmfestivals im Januar 2025 ihre Urteilsbegründung ein, als sie dem Kinodrama »Scham« ihren Preis verlieh.
Und tatsächlich: Die Spannung, die der Film erzeugt, ist oft sehr schwer zu ertragen. Dafür musste Autor und Regisseur Lukas Röder aber weder einen bösen Clown aus der Kanalisation bemühen noch Sigourney Weaver bitten, erneut gegen ein monströses Alien in einem Raumschiff zu kämpfen. Nein, die Szenerie ist bei Röder noch viel bedrückender, denn »Scham« spielt am Küchentisch eines Einfamilienhauses in der bayerischen Provinz.
Hier begegnen sich eine Mutter und ihr Sohn, nachdem sie sich vier Jahre lang nicht gesehen haben. Der Sohn, Aaron, lebt mittlerweile in Berlin und hat sich auf den weiten Weg zurück in seine Heimat gemacht, um seiner Mutter Susanne all die Fragen zu stellen, die sich seit Jahren in seine Seele bohren. Sein Ziel, so sagt er an einer Stelle des Films: »Ich will einfach herausfinden, warum wir aufgehört haben, Mutter und Sohn zu sein.« Und so schaut man Susanne und Aaron gebannt dabei zu, wie sie im Zwiegespräch Minute um Minute die Abgründe ihrer Beziehung offenlegen – oder besser gesagt dessen, was davon übrig ist.
Dass dieses intime Kammerspiel so fesselnd und berührend ist, liegt nicht nur an der von Lukas Röder verfassten und inszenierten Story, sondern auch an der wirklich herausragenden Besetzung: Heike Hanold-Lynch und Til Schindler bieten in »Scham« ein Schauspiel, bei dem glaubt, Zeuge einer realen Auseinandersetzung zwischen Mutter und Sohn zu werden. Nicht wenige im Publikum werden sich hier an eigene Konfliktgespräche am heimischen Küchentisch erinnert fühlen. Kein Wunder , dass beide dafür vor Kurzem mit dem Bayerischen Filmpreis 2026 in der Kategorie »Entdeckung« ausgezeichnet wurden.
Etwa zwei Wochen vor der Preisverleihung treffen wir Til Schindler, den einen Teil des Erfolgsduos, zum Interview und Photoshoot. Der 32-jährige Film- und Theaterschauspieler, der an der Berliner Universität der Künste studierte, verfügt über einen enormen Erfahrungsschatz: Seit 2011 wirkte er in über 40 Produktionen vor der Kamera und auf der Bühne mit. Aktuell ist er am Deutschen Theater in Berlin im Stück »Sonne und Beton« zu sehen, ab dem 26. März auch in »Automatenbüfett«.
Zum Gespräch begegnen wir Til ebenfalls an einem Tisch – allerdings an einem, der bei den daran Sitzenden durchweg positive Gefühle auslösen dürfte. Denn er steht an einem Ort, der für viele, die einst von woanders flüchteten, ein wichtiger Bezugspunkt wurde: das Hackbarth’s in Berlin-Mitte. Nachmittags Café und abends Bar, breitet es seit jeher für alle seine Arme aus, die Wärme suchen – und erzeugt damit nicht selten jenes wohlige Zuhause-Gefühl, das so mancher Küchentisch nie leisten wollte.

»Zwischen Eltern und Kindern gibt es etliche Themen, die immer wieder verhandelt werden müssen.«
MYP Magazine:
Vor ziemlich genau einem Jahr feierte »Scham« Weltpremiere auf dem Max-Ophüls-Festival. Der Regisseur Lukas Röder sagte damals in einem Interview mit dem Saarländischen Rundfunk: »Alle Beziehungen zwischen Eltern und ihren Kindern – von Freunden von mir, die ich kenne, und wenn ich meine eigene Beziehung zu meinen Eltern betrachte –, die sind immer problembehaftet. Die Gespräche darüber sind oft schwer zu ertragen. Sich damit zu konfrontieren, wirklich in den Austausch zu gehen, ist für viele sehr, sehr hart.« Hast Du persönlich ähnliche Erfahrungen gemacht?
Til:
Jeder Mensch hat irgendeine Art von Konflikt mit seinen Eltern oder Kindern – selbst wenn die familiäre Situation eine gute ist und man nicht solche schlimmen Erfahrungen gemacht hat wie die Figuren in unserem Film. Zwischen Eltern und Kindern gibt es etliche Themen, die immer wieder verhandelt werden müssen. Und ich finde, das macht die Geschichte von »Scham« so universell – wobei die Beziehung zwischen Mutter und Sohn in unserem Film sehr, sehr anders ist als meine Beziehung zu meinen Eltern. Wir haben ein gutes Verhältnis zueinander, meine Eltern haben mich eher antiautoritär erzogen, mir wenige Grenzen gesetzt und mich immer in allem unterstützt, was ich machen wollte.


»Vor allem bei Fernsehrollen stößt man immer wieder auf Sätze, die man gar nicht sprechen kann.«
MYP Magazine:
Die Ökumenische Jury des Max-Ophüls-Festivals bemerkte letztes Jahr in ihrer Urteilsbegründung: »So schonungslos die handelnden Personen miteinander umgehen, geht der Film mit den Zuschauenden um.« Wie erging es Dir beim Lesen des Drehbuchs? Erinnerst Du dich an die Gefühle, die der Stoff in Dir auslöste?
Til:
Zunächst mal fand ich den Text sehr, sehr gut und bewegend geschrieben. Die Dialoge hatten einen so mündlichen Charakter, dass man daran wenig verändern musste und sie sehr leicht sprechen konnte. Das ist in meinem Job leider nicht immer so. Vor allem bei Fernsehrollen stößt man in Drehbüchern immer wieder auf Sätze, die man gar nicht sprechen kann. Oder besser gesagt: die man nicht so sprechen kann, dass sie natürlich klingen. Bei »Scham« war das ganz anders. Lukas Röders Sprache sehr geholfen, meine Figur Aaron viel besser greifen zu können.

»Ich habe mich gefragt: Wie kann man nur so sein?«
MYP Magazine:
Was ist dieser Aaron für ein Mensch?
Til:
Aaron ist eine sehr interessante, komplexe und widersprüchliche Figur, die ich erst nach der Arbeit an »Scham« wirklich zu hundert Prozent verstehen konnte. Außerdem entdecke ich an ihr immer wieder neue Facetten, das finde ich spannend. Während des Drehs habe ich meine Figur gegenüber Heike Hanold-Lynch, die Aarons Mutter Susanne spielt, bis aufs Äußerste verteidigt. Ich fand es schwer zu ertragen, wenn sie aus ihrer Perspektive argumentiert hat. Oder ihre Figur Susanne dem eigenen Sohn Falschbehauptungen unterstellt hat, mit Sätzen wie: »Ich hab‘ das nicht gemacht, was Du mir vorwirfst.« Ich habe mich in solchen Momenten gefragt: Wie kann man nur so sein?
Gleichzeitig empfinde ich inzwischen auch für Susanne immer mehr Empathie. Ich habe gelernt: Zwischen Mutter und Sohn gibt es nicht die eine Wahrheit, sondern zwei unterschiedliche Realitäten im Hier und Jetzt. So kann ich zwar Susannes Verhalten gegenüber Aaron immer noch nicht gutheißen, aber ich kann verstehen, warum sie so ist, denkt und fühlt.

»Über all dem steht der Wunsch, von der Mutter geliebt zu werden.«
MYP Magazine:
Susanne und Aaron sind sich über die Jahre fremd geworden und scheinen sich als Menschen überhaupt nicht zu kennen. Warum hat er sich gerade jetzt, nach all den Jahren, in den Zug gesetzt, um das Gespräch mit seiner Mutter zu suchen?
Til:
Ich glaube, sein Ziel ist die Aufarbeitung dessen, was passiert ist. Aaron ist in seinem heutigen erwachsenen Leben damit konfrontiert, dass seine Kindheit große Auswirkungen darauf hat, wie er heute ist und wie es ihm geht. Und er hat das große Bedürfnis, Antworten auf all seine Fragen zu finden, die er in einem kleinen Notizbuch festgehalten hat. Über all dem steht der Wunsch, von der Mutter geliebt zu werden und wieder eine gute Beziehung zu ihr zu haben.

»Aarons Familie ist eine, in der alles unter den Teppich gekehrt wurde, was problematisch war.«
MYP Magazine:
Die Mutter glänzt gegenüber ihrem Sohn nicht gerade mit Herzlichkeit. Warum tut sich Aaron das trotzdem an?
Til:
Weil seine Sehnsucht nach Liebe so unendlich groß ist. Die elterliche Liebe ist extrem wichtig für die psychische Konstitution und Entwicklung eines Menschen. Daher hat Aaron auch nicht vor, Susanne in irgendeiner Form zu verurteilen oder fertigzumachen. Er möchte vielmehr die jahrelange Sprachlosigkeit zwischen den beiden überwinden und über die Sachen sprechen, über die man sonst nicht spricht.
MYP Magazine:
Was sind das für Sachen, über die man sonst nicht spricht?
Til:
Scham zum Beispiel. Oder Gewalt. Aber auch tiefliegende Konflikte oder schwierige Familienstrukturen. Es gibt Familien, in denen Konflikte miteinander besprochen, aufgearbeitet und gelöst werden. Und es gibt Familien, in denen passiert das nicht. Da wird eher alles totgeschwiegen. Und Aarons Familie ist so eine, in der über Jahre und Jahrzehnte alles unter den Teppich gekehrt wurde, was problematisch war.

»Ich suche mir ein Substitut, auf das ich diese Sehnsucht projizieren kann.«
MYP Magazine:
Wie spielt man jemanden, dem die Liebe entzogen wurde?
Til:
Für Aaron war mein Schlüsselbegriff »suchend«. Er ist ein Mensch, der auf der Suche ist nach Antworten und Liebe; ein Mensch, der im Grunde genommen nichts weiß und dadurch emotional sehr fragil ist. Bei so einer Figur überlege ich mir immer Vorfeld, was ihr Ziel ist – im Allgemeinen, aber auch in den entsprechenden Szenen. Und ein so übergeordnetes, fundamentales Ziel wie »Ich will Liebe« kann man als Schauspieler sehr gut nutzen.
Für mich persönlich heißt das: Ich versuche, mir dieses Bedürfnis in eine andere Situation zu übersetzen. Dabei suche ich mir ein Substitut – also eine ganz andere Person als meine eigene Mutter –, auf das ich diese Sehnsucht projizieren kann. Und darum herum baue ich mir eine emotionale Welt, in der ich ähnliche Bedürfnisse habe oder ähnliche Dinge erreichen will wie meine Figur. Wichtig ist nur, diese Vorbereitung auch irgendwann wieder loszulassen, spätestens beim eigentlichen Spielen. Sonst versucht man nur, in den Szenen etwas abzuspulen und reproduzieren, statt wirklich im Moment mit seiner Spielpartnerin zu sein.

»Eigene negative Erfahrungen sind keine Rechtfertigung dafür, zu anderen Leuten scheiße zu sein.«
MYP Magazine:
Was bräuchte eigentlich Mutter Susanne, um sich von ihrem Sohn geliebt zu fühlen?
Til:
Wahrscheinlich auch Verständnis für ihre Perspektive. Und Akzeptanz. Das ist für jemanden wie Aaron natürlich schwer und auch sehr viel verlangt. Ich weiß nicht, ob er ihr das unbedingt geben muss.
MYP Magazine:
Warum nicht? Susanne sagt: »Ich bin auch ein Mensch. Mich gibt es auch. Ich habe auch existiert in den 20 Jahren.« Hat sie damit nicht recht?
Til:
Ich finde, eigene negative Erfahrungen sind keine Rechtfertigung dafür, zu anderen Leuten scheiße zu sein. Daher stehe ich nach wie vor fest an der Seite meiner Figur. Gleichzeitig kann ich mir immer besser vorstellen, wie schwierig es sein muss, Eltern zu sein. Das hat damit zu tun, dass einige Freunde von mir jetzt Kinder bekommen haben und mir deren Perspektive viel näher ist. Die müssen natürlich erst mal lernen, wie dieses Elternsein so funktioniert. Ich finde die Vorstellung auch lustig, dass unsere Eltern ebenfalls mal diese Leute waren: superjung mit sehr kleinen Kindern und wenig Ahnung von allem.


»Die gesellschaftlichen Zusammenhänge wollen wir gar nicht untersuchen.«
MYP Magazine:
Die Entfremdung zwischen Eltern und Kindern ist immer wieder auch Thema in der Literatur, etwa bei Didier Eribon, Édouard Louis oder Marco Ott. Alle beschreiben die wachsende emotionale Distanz als eine Art Flucht aus der Arbeitsklasse in ein künstlerisches Milieu, bei Eribon und Louis geht es zusätzlich um die Flucht aus einer heteronormativen in eine queere Lebenswelt. Ist Aaron als schwuler Filmemacher ebenfalls ein solcher doppelter Klassenflüchtling?
Til:
Natürlich hat Aaron, der als junger schwuler Mann vom Dorf nach Berlin gezogen ist, um Künstler zu werden, in gewisser Weise die Klasse oder zumindest das Milieu gewechselt. Aber aus meiner Sicht erzählt Didier Eribon über dieses Thema viel mehr, als wir es mit unserem Film überhaupt wollen. Eribon ist auch viel politischer, weil er mit seinen Büchern nicht nur die eigene Geschichte erzählt, sondern sie auch in gesellschaftliche Zusammenhänge einordnet. Diese wollen wir in »Scham« aber gar nicht untersuchen. Es geht uns nur um die Beziehung dieser beiden konkreten Figuren zueinander.

MYP Magazine:
Aber enthält der Film durch Aarons Erzählung, dass er damals auf dem Dorf Angst hatte, sich als schwuler Jugendlicher sichtbar zu machen, nicht trotzdem eine politische Ebene? Immerhin zeigt das die widrigen gesellschaftspolitischen Umstände, in denen Aaron und unzählige andere queere Menschen aufgewachsen sind.
Til:
Das stimmt. Ich persönlich bin genauso alt wie meine Figur, unser Regisseur ebenso. Das heißt: Wir sind im Deutschland der Neunziger- und Nullerjahre aufgewachsen – und beide zufälligerweise in Vororten von München. Und ja, damals war die Situation noch eine ganz andere. Es gab noch keine Coming-outs in der Schule, es gab kaum geouteten Menschen im Bekanntenkreis. Das ist heutzutage deutlich anders.

»Die normative Sichtweise, wie sie Aarons Mutter hat, steht für die Nichtakzeptanz unterschiedlicher Lebensentwürfe.«
MYP Magazine:
Die Mutter sagt, sie habe sich für Aaron ein »ganz normales Leben« gewünscht. Was meint sie damit? Ein heterosexuelles?
Til:
Es kann schon sein, dass das hier mitschwingt. Aber das ist zwischen den beiden gar nicht so das Konfliktthema. Es geht ihr eher um eine konventionellere Vorstellung von Arbeit. Aaron versucht sich seit Jahren als Filmemacher, verdient damit aber kein eigenes Geld und wird immer noch von seinem Vater unterstützt – und das mit 28. Aus Sicht der Mutter hat er keinen richtigen Job, steht nicht wirklich auf eigenen Beinen und führt ein sehr unstetes Leben irgendwo in Berlin, weit weg von seiner bayerischen Heimat. Ich glaube, Susanne hätte sich für ihren Sohn einfach einen geradlinigeren Lebensweg vorgestellt – so einen wie seine Geschwister, die beide noch in der Nähe wohnen und normale Berufe haben.

MYP Magazine:
Braucht es in unserer Gesellschaft eine Revision des Begriffs normal?
Til:
Ja, klar. Die normative Sichtweise, wie sie Aarons Mutter hat, steht ganz allgemein für die Nichtakzeptanz unterschiedlicher Lebensentwürfe – und für viele Menschen beinhaltet das auch den Aspekt der Sexualität. Für Leute wie Susanne ist etwas unnormal, wenn die eigenen Kinder Entscheidungen treffen, die sie selbst anders treffen würden. Und statt die Kinder in dem zu unterstützen, was sie wollen, versuchen sie, ihnen die eigenen Wünsche und Lebenswege aufzudrücken.

»Es gibt so viele unterschiedliche Lebensentwürfe, da müssen nicht alle den gleichen haben.«
MYP Magazine:
Wie kann es uns gelingen, mehr Empathie und Interesse füreinander aufzubringen – zwischen Stadt und Land, homo und hetero, jung und alt, künstlerisch und bürgerlich?
Til:
Wir alle müssen uns – auf jeweils beiden Seiten – klarmachen, dass nicht alle Menschen die gleichen Entscheidungen treffen. Und dass man diese manchmal akzeptieren muss, solange sie niemandem schaden oder bestimmte Grenzen überschreiten – auch wenn man sie vielleicht nicht gut findet. Es gibt so viele unterschiedliche Lebensentwürfe, da müssen nicht alle den gleichen haben.
Gleichzeitig müssen wir lernen, dass es okay ist, wenn unsere Entscheidungen von anderen Menschen kritisiert werden, auch innerhalb der Familie. Und dass es okay ist, wenn wir selbst die von anderen kritisieren. Davon abgesehen finde ich: Man muss nicht für alles Empathie haben. Manche Sachen sind einfach scheiße, Punkt.

»Ich erzähle dir jetzt zwei Geschichten aus meinem Leben, die ich noch nie jemandem erzählt habe.«
MYP Magazine:
In dem eben angesprochenen SR-Interview hast Du erwähnt, dass Du dich in Vorbereitung auf Deine Rolle sehr intensiv mit Deiner eigener Scham auseinandergesetzt hast. Inwiefern hat Dir das geholfen?
Til:
Es gibt im Film eine Szene, in der wir von Aaron etwas erfahren, wofür er sich sehr schämt. Zu dieser Situation habe ich erst keinen richtigen Zugang gefunden, weil das, was er da erzählt, von mir persönlich sehr weit weg und schwer vorstellbar ist. Also habe ich Lukas gebeten, am Abend, bevor wir die Szene gedreht haben, in mein Hotelzimmer zu kommen. Ich habe ihm mein Handy in die Hand gedrückt und gesagt: Ich erzähle dir jetzt zwei Geschichten aus meinem Leben, die ich noch nie jemandem erzählt habe. Kannst du mich dabei bitte filmen?
Ich wollte mich persönlich dieser Situation aussetzen, der sich auch meine Figur Aaron aussetzt, um das Ganze besser nachempfinden zu können. Und dann habe ich Lukas tatsächlich zwei Sachen erzählt, die nicht mal meine besten Freund:innen kennen – und habe mich dabei extrem geschämt. Im Anschluss habe ich das Video genau studiert. Ich wollte wissen: Was passiert mit mir? Was passiert mit meinem Körper? Was passiert mit meiner Stimme?
MYP Magazine:
Was für ein Vertrauensbeweis!
Til:
Ja. Spätestens seit diesem Abend sind wir auch sehr gute Freunde. Und mittlerweile weiß ich auch etwas über ihn, das sonst niemand weiß. (lächelt)

»Das vor der Kamera oder auf der Bühne öffentlich zu veräußern, ist nicht unbedingt hilfreich.«
MYP Magazine:
Die Scham nährt sich aus dem Verstecken und hasst das Rampenlicht, heißt es so schön. Hat Dir die Schauspielerei – also das tatsächliche Rampenlicht – geholfen, Deine eigene Scham abzulegen?
Til: (lacht)
Nein, das ist eher noch schlimmer geworden. Als Schauspieler werden Teile der eigenen Persönlichkeit öffentlich. Der Prozess des Spielens ist etwas sehr Intimes, der trotz der Rolle, in die man schlüpft, viel über einen selbst preisgibt. Das vor der Kamera oder auf der Bühne öffentlich zu veräußern, ist nicht unbedingt hilfreich, zumindest nicht für mich.
Ohnehin war Scham schon immer ein Thema für mich. Ich erinnere mich noch gut an dieses Gefühl der Beschämung, das ich als Kind manchmal hatte. Außerdem ist es so, dass ich Situationen, in denen mir etwas peinlich war, jahrelang nicht vergesse. Das muss gar nichts Schlimmes gewesen sein. Dennoch kann ich mich daran noch Jahre später erinnern. Seltsam, dass das so in einem stecken bleibt.

»Ich finde es eher unangenehm und anstrengend, wenn mein Gegenüber nicht weiß, dass ich schwul bin.«
MYP Magazine:
Apropos Scham: Die Journalistin Theresa Tröndle hat 2020 in »ZEIT Campus« ihre bewegende Reportage »Zu Hause ist er hetero« veröffentlicht. Darin berichtet sie von einem jungen Mann, der in der Großstadt, in der studiert, offen schwul lebt, aber bei seinen Eltern in der Heimat nicht geoutet ist. In ihrem Text beschreibt Theresa sehr genau, wie sich das Verhalten des Mannes ändert, wenn er seine Familie besucht, und wie oberflächlich die Gespräche bleiben – aus der puren Angst, sich sichtbar zu machen. Kennst Du aus Deinem eigenen Leben auch dieses Phänomen der schwulen Scham, die zum Beispiel auch Johannes Kram in seinem Buch »Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber …« beschreibt?
Til:
Ich habe mich mit 18 geoutet. Auch wenn mein eigenes Coming-out kein schmerzhafter, sondern ein wirklich befreiender Prozess war, hatte ich davor eine sehr kurze Phase, in der ich ein bisschen gay panic hatte – also Angst, aufgedeckt zu werden. Aber das Ganze ist jetzt 15 Jahre her und das Gefühl der schwulen Scham längst verflogen. Ich lebe mein Leben als schwuler Mann gerne und mit absoluter Selbstverständlichkeit. Und ich verstecke meine Sexualität nicht, ganz im Gegenteil: Ich finde es eher unangenehm und anstrengend, wenn mein Gegenüber nicht weiß, dass ich schwul bin.

»Viele queere Paare trauen sich nicht mehr, in der Öffentlichkeit Händchen zu halten.«
MYP Magazine:
Wie nimmst Du die gesellschaftliche Situation für junge Queers heute wahr?
Til:
Seit meiner Schulzeit damals haben wir eine deutliche Liberalisierung erlebt. Damit sage ich nicht, dass Schule nicht immer noch ein homophober Ort sein kann. Aber es gibt heute für queere Jugendliche zumindest eine andere Art und auch Menge von Vorbildern. Außerdem gibt es in Filmen, Serien und Büchern eine viel stärkere Repräsentation queerer Geschichten, als das noch vor 15 Jahren der Fall war.
Gleichzeitig erleben wir aktuell wieder einen Backlash. Es gibt – von Rechtsextremen bis zu Islamisten – verschiedenste Gruppen, die etwas gegen queere Menschen haben und sich immer mehr Gehört verschaffen. Das ist zwar nicht vergleichbar mit Ländern, in denen nicht-heterosexuelle Menschen staatlich verfolgt werden. Aber auch hier in Deutschland gibt es jeden Tag queerfeindliche Gewalt, selbst hier in Berlin, einer Stadt, von der man denkt, sie sei weltoffen und tolerant. Aber so ganz stimmt das eben nicht. Es ist mittlerweile so, dass sich viele queere Paare nicht mehr trauen, in der Öffentlichkeit Händchen zu halten.

»Beides besitzt für mich die Fähigkeit, auch eine andere Welt zu erzählen.«
MYP Magazine:
Was gibt Dir Hoffnung in Zeiten, die immer dunkler zu werden scheinen?
Til:
Kunst gibt mir Hoffnung. Vor allem Theater und Kino, denn beides besitzt für mich die Fähigkeit, auch eine andere Welt zu erzählen. Beides eröffnet einen Raum für Geschichten, die nach ganz anderen Regeln funktionieren als die Welt, in der wir leben; Geschichten, die außerhalb unserer materiellen Verhältnisse stattfinden oder andere Formen gesellschaftlichen Zusammenlebens erzählen können.
MYP Magazine:
Warum sollte man »Scham« im Kino schauen?
Til:
Weil es ein sehr besonderer Film ist, der eine außergewöhnliche Beziehung erzählt, über eine tolle visuelle Ästhetik verfügt und der, wie ich anfangs schon verraten habe, echt gut geschrieben ist. »Scham« ist ein Film, der einen nachhaltig beeindruckt und bewegt; der einen dazu auffordert, über bestimmte Dinge nachzudenken; und der einen dazu bringt, seine eigene Familiensituation dazu ins Verhältnis zu setzten. Und ja, wir erzählen da eine wirklich harte Geschichte. Aber so eine Geschichte im Kino zu sehen, kann auch eine total positive Erfahrung sein.

Mit besonderem Dank an das Team des Hackbarth’s in Berlin.
Mehr von und über Til Schindler:
Interview & Text: Jonas Meyer
Fotografie: Moritz Högemann
Produktionsassistenz: Lukas Hundertpfund








