Marie Louise Albertine Becker & August Wittgenstein
Interview — Marie Louise Albertine Becker & August Wittgenstein
»Wie lange dauert es, bis man wieder zueinanderfindet?«
In »Ku’damm 77«, der jüngsten Fortsetzung der ZDF-Kultserie, trifft eine rebellische Tochter aus Westberlin auf einen Vater, der für die Liebe in die DDR übergesiedelt ist. Im Interview sprechen die Schauspielerin Marie Louise Albertine Becker und ihr Kollege August Wittgenstein über die Dreharbeiten zu Staffel vier – und zwar stilgerecht im Ostalgie-Setting der Museumswohnung Hellersdorf.
27. Dezember 2025 — Text: Katharina Viktoria Weiß, Fotografie: Birgit von Bally

Wenn man die Museumswohnung Hellersdorf betritt, geschieht etwas Seltsames: Die Zeit beginnt zu knistern. Das Linoleum atmet Vergangenheit, die grünen Velours-Sofas duften nach einem Leben, das es so nicht mehr gibt, und man wartet fast darauf, dass jemand um eine Tasse Kaffee »vom guten Rondo« bittet. Seit 2004 ist hier ein Stück DDR-Wohnkultur konserviert – und das mit voller Absicht: Denn anlässlich der bevorstehenden Komplettsanierung des Hellersdorfer Grabenviertels hatte sich die damalige Geschäftsführung der STADT UND LAND Wohnbauten-Gesellschaft entschieden, an diesem Ort ostdeutsche Alltagsgeschichte und das dazu gehörende Lebensgefühl zu bewahren.
Es könnte also kaum einen besseren Ort geben, um über die neueste »Ku‘damm«-Staffel zu sprechen: jene Serie, die sich seit Jahren wie kaum eine andere dem Deutschland der Nachkriegszeit widmet und die Aufbrüche, Sehnsüchte und Verwerfungen jener Zeit erzählt, und das entlang der fiktiven Geschichte der Familie Schöllack und ihrer Tanzschule »Galant« am Berliner Kurfürstendamm.
Drei Staffeln gibt es bisher (»Ku’damm 56«, »59«, »63«), die vierte startet am 27. Dezember in der ZDF-Mediathek. In »Ku‘damm 77« spielt August Wittgenstein den schwulen Familienvater Wolfgang von Boost, der in der Serie übrigens in einer ganz ähnlichen DDR-Wohnung lebt wie in jener Hellersdorfer Museumswohnung. Dort treffen wir den 44-jährigen Schauspieler mit seiner Film-Tochter Friederike zum Gespräch, die von Marie Louise Albertine Becker (22) verkörpert wird.
Friederike von Boost ist ein Mädchen, das im Westen groß wird, und zwischen der – nicht nur bei Fans mittlerweile legendären – Tanzschule Galant, neuen Jugendkulturen und dem leisen, schmerzlichen Schatten einer Familie aufwächst, die nie ganz vollständig ist. Während der Vater wegen der Liebe in die DDR ging, kämpft Friederike in Westberlin um Selbstbestimmung, Freiheit und darum, ihren eigenen Weg zu finden – trotz familiärer Erwartungen, Rollenbildern und vererbter Zwänge.

»Für einen adeligen Anwalt, der nicht unbedingt systemnah ist, ist das keine leichte Entscheidung.«
MYP Magazine:
Die einst junge Generation von »Ku‘damm 56« ist mittlerweile in ihren Enddreißigern und alle vereint zunächst dasselbe Schicksal: Das ganz große Glück ist ausgeblieben. August, wie hat Wolfgang von Boost die Jahre seit dem Serienfinale von »Ku‘damm 63« verbracht?
August Wittgenstein:
Er ist der Liebe wegen in den Osten gegangen – wissend, dass das für einen adeligen Anwalt, der nicht unbedingt systemnah ist, keine leichte Entscheidung ist. Er hat dort glückliche und schwierige Jahre verbracht, weil er sich in vielerlei Hinsicht neu finden musste. Vor allem aber war es für ihn hart, seine Tochter zurückzulassen. Jetzt geht er in seiner Vaterrolle auf, ist entspannter, weniger innerlich zerrissen – aber die große Liebe, die völlige Erfüllung, ist trotzdem ausgeblieben.


»Ich bin immer überrascht, was Annette Hess aus dem Ärmel schüttelt.«
MYP Magazine:
Und was hat es mit Dir gemacht, das Drehbuch zu lesen und all die Wendungen zu erfahren, die das Leben der Schöllack-Töchter und ihrer Liebsten genommen hat?
August Wittgenstein:
Ich bin so lange schon ein Teil dieses Kosmos, dass sich jede neue Staffel für mich anfühlt wie das Blättern in einer Familienchronik. Ich bin immer überrascht, was Annette Hess aus dem Ärmel schüttelt – kleine, brillante Wendungen. Und trotz aller Dramen ist es für mich ein sehr familiäres Gefühl, die Drehbücher zu bekommen.

»Dieser Gedanke hat mich viel stärker in die Figur katapultiert als jede Schlaghose.«
MYP Magazine:
Marie, welches Gefühl für die späten Siebziger hattest Du vor dem Projekt – und wie haben Recherche und Dreh Deine Perspektive verändert?
Marie Louise Albertine Becker:
Ich kannte die Siebziger vor allem über Musik und Mode: ABBA, Schlaghosen, alles, was glitzert. Aber wenn du selbst zum ersten Mal die originalen Siebziger-Kostüme trägst, merkst du, wie viel schwerer die Zeit in Wirklichkeit war. Und als ich in den Studios zum ersten Mal die Wohnung der Schöllacks gesehen habe, dachte ich nur: Wo bin ich hier gelandet?
Ich habe zur Vorbereitung viele Dokus gesehen und eine Führung durch die »Berliner Unterwelten« gemacht – auch durch einen nachgebauten Fluchttunnel. Das war extrem eindrücklich. Außerdem habe ich mir wieder einige historische Details vor Augen geführt: Zu begreifen, dass Frauen in Westdeutschland erst 1977 ohne Erlaubnis ihres Mannes arbeiten durften, war krass. Dieser Gedanke hat mich viel stärker in die Figur katapultiert als jede Schlaghose.


»Ihr Kampf durch die männerdominierte Polizeiwelt der Siebziger, das ist pure Emanzipation.«
MYP Magazine:
Welche Themen der Siebziger – Selbstbestimmung, Körperbilder, neue Jugendkulturen – hast Du in Friederike aufblitzen sehen?
Marie Louise Albertine Becker:
Friederike ist für mich Rebellion in Person. Sie ist die Jüngste, aber eigentlich die Weiteste der Familie. Sie kämpft für starke Frauen, für ihr eigenes Leben, dagegen, dass ihr irgendetwas vorgeschrieben wird. Und sie spricht Dinge aus, die andere in ihrer Familie noch gar nicht denken können. Ihr Kampf durch die männerdominierte Polizeiwelt der Siebziger, das ist pure Emanzipation.

»Der Westen hat stärker auf das Individuum geschaut, der Osten mehr aufs Kollektiv.«
MYP Magazine:
Vater und Tochter sind in völlig unterschiedlichen politischen Systemen sozialisiert worden. Wie habt Ihr über diese Ost-West-Reibung nachgedacht?
August Wittgenstein:
Der Westen hat stärker auf das Individuum geschaut, der Osten mehr aufs Kollektiv. Für jemanden wie Wolfgang, der im Westen sozialisiert wurde und dann im Erwachsenenalter in die DDR geht, bedeutet das: Umstellung, sich anpassen, eigene Wünsche hintanstellen.
Marie Louise Albertine Becker:
Und für Friederike bedeutet es, dass ihr Vater zwar weit weg ist, aber emotional oft näher als ihre Mutter. Wir haben viel darüber fantasiert: Wie fühlt es sich an, wenn der Vater plötzlich in einem anderen System lebt? Wie lange dauert es, bis man wieder zueinanderfindet?
MYP Magazine:
In der Serie hat die einst junge Generation, zu der auch Wolfgang von Boost gehört, plötzlich erwachsene Kinder. Fühlst Du dich selbst schon so erwachsen, August?
August Wittgenstein:
Überhaupt nicht. Aber ich fühle mich generell irgendwie nie erwachsen. Ich habe das Gefühl, noch ein Spätentwickler zu sein. Ich brauche für alles 20 Jahre länger.


»Das macht sie so berührend: die Stärke an der Oberfläche und darunter die Wunden, die man nur erahnt.«
MYP Magazine:
Die Staffel zeigt drei Generationen, die alle mit Ohnmacht, Zwängen und Aufbruch kämpfen. Welche Figur berührt Euch persönlich am meisten?
August Wittgenstein:
Für mich ist Caterina Schöllack – schon zum viertem Mal großartig gespielt von Claudia Michelsen – eine der berührendsten Figuren im gesamten »Ku‘damm«-Kosmos. Sie hat so viele Epochen erlebt und wirkt wie eine schützende, starke Mutterfigur, die ihre Familie von einem Schicksalsschlag zum nächsten trägt. Gleichzeitig ist sie streng und kann sogar manipulativ sein, manchmal beinahe intrigant. Aber hinter all dem steckt immer ihr Wunsch, das Beste für die Familie zu tun. Sie hat eine Vision davon, wohin sie diese Familie führen will, und sie trägt sie mit unglaublicher Konsequenz durch all diese Zeiten. Dazu kommen ihre eigene Vergangenheit, ihre Verletzungen, ihr Herzschmerz, den sie oft gut versteckt. Das macht sie so vielschichtig und berührend: die Stärke an der Oberfläche und darunter die Wunden, die man nur erahnt.


»Auf dem Papier konnte man in der DDR homosexuell leben – gesellschaftlich war das trotzdem nicht hoch angesehen.«
MYP Magazine:
Drehbuchautorin Annette Hess arbeitet stark mit Ambivalenzen. Gab es eine Szene, bei der Ihr dachtet, wow, das wird brenzlig – aber da will ich rein?
Marie Louise Albertine Becker:
Ja. Meine erste Szene mit gezogener Waffe. Ich hatte vorher noch nie eine in der Hand. Und die Clubszene – ich kann nicht spoilern, aber Friederike macht dort eine schockierende Entdeckung.
MYP Magazine:
Wolfgang ist eine Figur, die zwischen Anpassung, Sehnsucht und Angst lebt. Wie passt die DDR zu ihm?
August Wittgenstein:
Auf dem Papier konnte man in der DDR homosexuell leben – gesellschaftlich war das trotzdem nicht hoch angesehen. Für Wolfgang bedeutet der Schritt in die DDR aber: Ballast abwerfen, endlich ehrlich leben. Das macht ihn freier, entspannter.

»Es gab viele Momente, in denen ich dachte: Wie gerne hätte ich selbst so viel davon.«
MYP Magazine:
Wenn Ihr eure Figuren aus »Ku’damm 77« heute treffen würdet, was würdet Ihr ihnen raten?
August Wittgenstein:
Ehrlich gesagt: Ich würde Wolfgang gar nichts raten. Er hätte so viel Lebenserfahrung gesammelt, dass er wahrscheinlich eher mir etwas beibringen könnte. Vielmehr würde ich mich gerne mit ihm austauschen – und herausfinden, ob ich seinen Kern beim Spielen richtig getroffen habe.
Marie Louise Albertine Becker:
Ich würde beiden Figuren einfach »Chapeau!« sagen. Besonders Friederikes Mut beeindruckt mich. Es gab beim Drehen viele Momente, in denen ich dachte: Wie gerne hätte ich selbst so viel davon. In Szenen, in denen ich als Marie unsicher war, hat mir Friederikes Entschlossenheit richtig geholfen.

»Es lohnt sich, eigene Wege einzuschlagen und Dinge auszuprobieren – auch wenn man mal auf die Schnauze fällt.«
MYP Magazine:
Was habt Ihr aus dem Dreh für Euer Leben mitgenommen – ein Gedankenbild, ein Satz, eine Haltung?
August Wittgenstein:
Eine Sache hat sich mir richtig eingebrannt: Ich hatte einen Drehtag, an dem ich so krank war wie noch nie zuvor in meinem Leben – wirklich komplett am Limit. Trotzdem musste ich diesen halben Drehtag schaffen. Und das Team hat mich da durchgetragen. Claudia und Maria (Anm. d. Red.: Maria Ehrich, spielt in der Serie Wolfangs Exfrau Helga von Boost) waren da. Und ich habe gemerkt: Selbst das geht. Selbst das ist möglich, wenn ein Team so zusammenhält.
Marie Louise Albertine Becker:
Ich habe in dieser ganzen Zeit gemerkt, dass es sich lohnt, eigene Wege einzuschlagen und Dinge auszuprobieren – auch wenn man mal auf die Schnauze fällt. Aktuell in meinem Schauspielstudium passiert das zum Beispiel ständig. Umso schöner war es zu erleben, dass Menschen mir zutrauen, eine Figur wirklich mit Leben zu füllen. Das hat mir unglaublich viel Selbstbewusstsein gegeben. Und ganz ehrlich: Es war die geilste Zeit meines Lebens.

»Ku’damm 77«
6×45 min., abrufbar ab sofort in der ZDF-Mediathek und am 12., 13. und 14. Januar 2026 jeweils als Doppelfolge um 20.15 Uhr im ZDF.
Im Anschluss an die ersten beiden Folgen am 12. Januar läuft um 21.45 Uhr »Ku’damm 77 – Die Dokumentation«.
Mit herzlichem Dank an das Team der
Museumswohnung WBS 70
Hellersdorfer Straße 179
12627 Berlin
Öffnungszeiten: Sonntag 14–16 Uhr
Infos: stadtundland.de/museumswohnung
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Interview & Text: Katharina Viktoria Weiß
Fotografie: Birgit von Bally
Luise von Finckh
Interview — Luise von Finckh
»Wem schenke ich meine Empathie? Eine Mammutaufgabe«
Zwischen nostalgischem Erbe und neuen Konflikten – Schauspielerin Luise von Finckh führt die Kultserie »Liebling Kreuzberg« aus den Neunzigern in die Gegenwart und trägt die großen Fragen unserer Zeit mitten hinein: Gerechtigkeit, gesellschaftliche Spaltung, Überforderung. Wir treffen sie im Kreuzberger Kiez und sprechen über Verantwortung, Empathie in Krisenzeiten und rechte Stimmungslagen.
20. November 2025 — Text: Katharina Viktoria Weiß, Fotografie: Frederike van der Straeten

Mit »Kanzlei Liebling Kreuzberg« kehrt ein Stück Berliner Fernsehgeschichte zurück – neu gedacht, neu erzählt und doch eng verbunden mit dem ikonischen Original, das seit den 1980er-Jahren einen festen Platz in der Erinnerung vieler Zuschauer*innen hat.
Im Mittelpunkt der modernen Fortsetzung stehen zwei Frauen: die junge Anwältin Lisa Liebling, gespielt von Luise von Finckh, und die erfahrene Juristin Dr. Talia Jahnka, verkörpert von Gabriela Maria Schmeide. Gemeinsam navigieren sie durch eine Stadt im Wandel, in der der Kampf um (Generationen-)Gerechtigkeit oft in feinfühligen Grauzonen geführt wird.
Nach dem erfolgreichen Piloten im vergangenen Jahr führt Das Erste die Geschichte nun in zwei weiteren Fernsehfilmen fort: Am 21. November startet der zweite, am 28. November folgt der dritte. Dabei geht wieder um Themen, die direkt aus dem Berliner Alltag gegriffen scheinen: gesellschaftliche Spaltung, Altersarmut oder Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt.
Luise von Finckh trägt diese Spannungsfelder in ihrer Figur mit: Als Enkelin der von Manfred Krug gespielten Kultfigur Robert Liebling schafft sie eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Lisa Liebling steht am Beginn ihrer Karriere und ist fest entschlossen, Haltung zu zeigen – und gleichzeitig ihren eigenen Platz in einer Welt zu finden, die sich unbarmherzig schnell verändert. Die Mischung aus Neugier, Idealismus und Zweifel gelingt der Schauspielerin mit Bravour. Kein Wunder, denn die 31-Jährige steht auch immer häufiger hinter der Kamera und erdenkt als Filmemacherin selbst mutige Stoffe.
Wir treffen Luise von Finck in der Kreuzberger Bar und Pizzeria alimentari totti – einem bunten Laden unweit des Kottbusser Damms, an dem sich vor allem in lauen Sommernächten der halbe Gräfekiez zu tummeln scheint. Und in dem das Motto gilt: Leben auf der Aperolspur! Dazu gibt‘s köstliche Pizzaschnitten auf die Hand.


»Wir haben den nostalgischen Aspekt der alten Serie in eine moderne Zeit übertragen.«
MYP Magazine:
Vor Kurzem hast Du in einem Interview gesagt, dass Du am Anfang gar keine richtige Lust auf die Rolle hattest. Du dachtest, das sei einfach irgendeine andere Fernseh-Anwältin. Tatsächlich steht »Kanzlei Liebling Kreuzberg« aber auf den Schultern einer Vorgänger-Serie, die tief im popkulturellen Gedächtnis eines wiedervereinigten Deutschlands verankert ist. Was macht das Konzept für dich so ungewöhnlich?
Luise von Finckh:
Was uns gelungen ist: dass wir den nostalgischen Aspekt der alten Serie und die Bedeutung, die sie für viele Menschen hatte, in eine moderne Zeit übertragen haben – und darin die modernen, aktuellen Konflikte aufgreifen. Für meine Figur Lisa geht es vor allen Dingen darum, hinter die Kulissen zu schauen und zwischen Recht und Unrecht die Grauzonen zu erwischen. Eine junge Frau, die versucht, sich im Beruf zu etablieren. Diese Dualität aus beidem macht es besonders.
MYP Magazine:
In der Kanzlei prallen starke Charaktere aufeinander. Wie würdest Du die Beziehungen beschreiben?
Luise von Finckh:
Auf jeden Fall antagonistisch. Die alte Serie funktionierte nach der Prämisse: Die Welt verändert sich, aber jemand hat gar keinen Bock darauf. Und darauf hatten die Leute Lust. Jetzt sehen wir: Die Welt verändert sich immer mehr – und meine Figur probiert, für das Richtige einzustehen.

»Auch die Mutter der Hauptfigur wird gefragt, ob sie betroffen sein könnte. Dadurch wird es systemischer.«
MYP Magazine:
In der dritten Folge Eurer Serie spielt Altersarmut bei Frauen eine zentrale Rolle. Was hat Dich daran berührt?
Luise von Finckh:
Ich finde das Thema total spannend, weil Altersarmut – und besonders Altersarmut bei Frauen – ein riesiges gesellschaftliches Thema ist. Und dann geben wir dieser Figur ein Gesicht: eine ältere Dame, die nach dem Tod ihres Mannes überfordert ist und selbst anfängt, komische Sachen zu machen. Sie wird erst als Opfer wahrgenommen, aber man sieht auch ihre Mittäterinnenschaft, weil sie nie Verantwortung übernommen hat. Was ich außerdem gut fand: dass auch die Mutter der Hauptfigur gefragt wird, ob sie betroffen sein könnte. Dadurch wird es systemischer.

»In New York kannst du gar keine High Heels anziehen, weil du so weite Strecken läufst«
MYP Magazine:
Die Serie löst ein starkes Gefühl von Wohlempfinden aus – im Englischen würde man vielleicht von feel-good movie sprechen. Welche TV-Shows oder Filme geben Dir so ein Gefühl, vielleicht sogar ein bisschen Glauben an die Menschheit zurück?
Luise von Finckh:
Tatsächlich »Sex and the City« – obwohl es so realitätsfern ist. Ich war geraden eben erst zwei Monate in New York, um dort als Regisseurin ein Kurzfilmprojekt zu drehen, und musste feststellen: Du kannst dort gar keine High Heels anziehen, weil du so weite Strecken läufst. Aber ich liebe das Gefühl der Serie. Es macht mich einfach glücklich, so viele enge Freundinnen zu sehen, die gemeinsam das Leben meistern.

»Auch bei Gentrifizierung gibt es immer zwei Seiten.«
MYP Magazine:
Yasmine M’Barek schreibt in ihrem neuen Essayband »I feel you« darüber, Empathie auch gegenüber denen aufzubringen, die nicht die eigenen Positionen teilen. Warum schafft »Kanzlei Liebling Kreuzberg« das aus Deiner Sicht so gut?
Luise von Finckh:
Das ist auf den Punkt genau das, was wir da probieren. Auch bei Gentrifizierung gibt es immer zwei Seiten. Du und ich sind total glückliche Kreuzbergerinnen – aber wahrscheinlich Teil der Gentrifizierung. Und das probieren wir in den Fällen aufzugreifen. Es ist nicht immer der arme Anwohner gegen den bösen Kredithai. Wir fragen: Wie kann man die Konflikte der Parteien auf menschliche Art und Weise auflösen?


»So viele Menschen haben Angst, abgehängt zu werden.«
MYP Magazine:
Wenn Du selbst Nachrichten konsumierst: Wie schwer fällt es Dir, Empathie als Alltagsübung aufrechtzuerhalten?
Luise von Finckh:
Ich finde das sauschwer. Ich habe eine Zeit lang gar keine Nachrichten mehr gelesen, weil es mich so überfordert hat. Sudan, Israel, Ukraine, all die Krisen. Dazu erleben wir einen riesigen Rechtsruck. So viele Menschen haben Angst, abgehängt zu werden. Das ist nachvollziehbar – auch wenn rechts sein der falsche Weg ist. Ich finde es sehr schwer, sich in diesen Zeiten festzulegen: Wem schenke ich meine Empathie? Eine Mammutaufgabe. Auch wegen des Überangebots an medialen Informationen.


»Ich gehe gerne mit düsteren Gedanken spazieren.«
MYP Magazine:
Du hast viele interessante Frauenfiguren gespielt, vor allem Heldinnen. Und dann gab es Stella Goldschlag in »Ich bin! Margot Friedländer« Goldschlag war eine bekannte Jüdin, die als Denunziantin für die Gestapo tätig war und untergetauchte Juden ihren Verfolgern ausgeliefert hat. Wie gestalten sich für Dich die Dreharbeiten, wenn Du eine Figur spielst, die auf der falschen Seite der Geschichte steht?
Luise von Finckh:
Als ich Stella gespielt habe, war ich nicht falsch. Ich muss meine Figur verteidigen. Gerade bei Stella finde ich es so interessant: Warum hat sie so gehandelt? Wie kann ich ihr Leben so erzählen, dass man ihre Beweggründe glaubt – und ihr vielleicht sogar verzeiht? Ich gehe gerne mit düsteren Gedanken spazieren.
MYP Magazine:
Neben der Schauspielerei hast Du Kommunikationswissenschaft studiert und drehst eigene Filme. 2023 hast Du das Drama »Triggerwarnung« veröffentlicht. Welche Themen beschäftigten Dich da?
Luise von Finckh:
Bei »Triggerwarnung« geht es um eine Frau nach einer Vergewaltigung – genauer gesagt um ein junges Mädchen, das nicht weiß, wie es seine Grenzen setzt. Dann passiert ein Übergriff, den man so oder so sehen kann. Sie versucht zu begreifen: Wann ist eine Vergewaltigung eine Vergewaltigung? Am Ende geht es darum, dass sie für sich selbst herausfinden muss, was sie will.

»Ich habe das Gefühl, dass keiner mehr Bock hat auf ernste Themen.«
MYP Magazine:
Glaubst Du, dass Filme und Serien heute noch gesellschaftliche Impulse setzen können? Und besteht aus Deiner Sicht eine Bedrohung durch reaktionäre Kräfte?
Luise von Finckh:
Ich habe das Gefühl, dass gerade alle eher dem Eskapismus frönen und keiner mehr Bock hat auf ernste Themen. Es ist schwerer geworden, viele Menschen zu erreichen – der Markt ist diversifiziert. Jeder hat seine eigene Wahrheit gefunden, auch rechte Erzählungen finden viel Anklang. Trotzdem haben Filme und Serien immer noch die Chance, jemanden zum richtigen Zeitpunkt zu berühren und ihn vielleicht zum Umdenken zu bringen.
MYP Magazine:
Der Branche geht es aktuell nicht gut, neben Budgetproblemen gibt es ideologische Grabenkämpfe. Ist die Schauspielerei trotzdem Dein Schicksal?
Luise von Finckh:
Ich habe immer wieder gehadert. Vor allem mit dem großen Druck, funktionieren zu müssen. Aber ich will das Leben, das ich da lebe. Es ist das, was ich als Mensch der Welt geben kann: Menschen berühren. Jeder hat eine Aufgabe. Und das ist aktuell meine.

»Es gibt immer mehr Menschen, die am Kapitalismus verzweifeln. Ich finde das gruselig.«
MYP Magazine:
Wie prägt Dich als Urberlinerin das Leben in Berlin? Und welche Herausforderung nimmst Du hier aktuell am stärksten wahr?
Luise von Finckh:
Ich wohne seit zehn Jahren zwischen Neukölln und Kreuzberg. Was mich beschäftigt: die zunehmende Obdachlosigkeit und der Drogenkonsum auf der Straße. Es gibt immer mehr Menschen, die am Kapitalismus verzweifeln. Ich finde das gruselig. Und ich weiß nicht, wie man damit umgehen soll. Man kann nicht nach und nach alle ausschließen.
MYP Magazine:
Du hast schon früh mit der Schauspielerei begonnen, unter anderem in der Kinderserie »Schloss Einstein«. Welche Werte aus Deiner Kindheit tragen Dich heute noch – und welche hast Du bewusst neu definiert?
Luise von Finckh:
Was sich jetzt noch mal mehr etabliert hat, ist: Menschlichkeit. Ich bin in eine Welt hineingewachsen, in der es viel um Erfolg ging und um das Bild nach außen. Und ich merke, dass mir gute Beziehungen immer wichtiger werden. Am Ende geht es darum, zu geben. Alles andere kommt on top.

»Kanzlei Liebling Kreuzberg«:
Teil 2 (»Bewährungsprobe«) am Freitag, den 21. November 2025, um 20:15 Uhr im Ersten, Teil 3 (»Nachbarschaftshilfe«) am 28. November um 20:15 Uhr.
Alle drei Filme sind bereits jetzt abrufbar in der ARD-Mediathek.
Mehr von Luise von Finckh:
Interview & Text: Katharina Viktoria Weiß
Fotografie: Frederike van der Straeten
Zimmer90
Interview — Zimmer90
»Jeder Mensch sollte ab und zu mal in sein Innerstes abtauchen«
Mit »Interior« hat das Indie-Pop-Duo Zimmer90 gerade sein lange erwartetes Debütalbum veröffentlicht. Für die Freiburger Band ist die Platte nicht weniger als das Ergebnis einer tiefgreifenden Erforschung der eigenen Seele, übersetzt in zehn Tracks und eine dicke musikalische Umarmung. Ein Gespräch über ein Debütalbum als Safe Space, alte Gemälde, die an neue Songs erinnern, und die Frage, warum es wichtig ist, sein eigener Freund zu sein.
6. November 2025 — Interview & Text: Jonas Meyer, Fotografie: Maximilian König

Die Welt ist ein ständiges Zuviel. Laut einer aktuellen Erhebung mit dem knackigen Titel »Stress-Studie« fühlt sich etwa die Hälfte aller Deutschen gestresst. Die Ursachen dafür sind vielfältig: Die Angst vor Kriegen und politischen Krisen kann in einem Menschen genauso Stress auslösen wie die mangelnde Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben, finanzielle Probleme oder die klimabedingte Zunahme von Naturkatastrophen.
Dabei kennt Stress kein Alter: Der kürzlich erschienene »Präventionsradar 2024/2025« einer deutschen Krankenversicherung kommt zu dem Ergebnis, dass knapp zwei Drittel der befragten Kinder und Jugendlichen über häufige Erschöpfung klagen.
Ganz ähnlich erging es auch Finn Gronemeyer und Joscha »Josch« Becker, den beiden Köpfen hinter der Indie-Pop-Band Zimmer90: »In der Welt, in der wir leben«, schreiben sie im Booklet ihres gerade erschienenen Debütalbums, »sind wir einer permanenten Überstimulation ausgesetzt und abhängig von ständiger Bestätigung von außen.«
An dieser Reizüberflutung sind die beiden jungen Männer allerdings nicht ganz unschuldig: Nachdem ihre Single »What Love Is« Ende 2023 auf TikTok zu einem viralen Hit wurde, explodierte der Erfolg der Band regelrecht. Wenige Monate später starteten Zimmer90 in eine ausverkaufte Europa-Tournee mit Konzert-Debüts in Amsterdam, Paris und London, im November 2024 folgte die erste USA-Tour.
Wie sich Finn und Josch dem ganzen Stress entziehen konnten, erklären sie ebenfalls im Album-Booklet: »Wir haben Klarheit gefunden, indem wir nach innen geschaut haben. Dieses Album zu erschaffen war eine Möglichkeit, uns selbst besser zu verstehen – und anderen etwas zu bieten, mit dem sie sich ebenfalls identifizieren können.« Oder um es mit Marc Aurel zusammenzufassen: »Blicke in dein Inneres! Da ist die Quelle des Guten.«
Kein Wunder, dass die beiden ihr erstes Studioalbum »Interior« genannt haben. Und ebenfalls kein Wunder, dass sich diese Platte anfühlt wie eine dicke musikalische Umarmung. An einem sehr entspannten, sonnigen Septembernachmittag haben wir Finn und Josch in Berlin zu einem kleinen Plausch und Photoshoot getroffen.

»Da bleibt keine Zeit, gemeinsam ein Bier zu trinken und die letzten Jahre zu reflektieren.«
MYP Magazine:
»120 Shows, 17 Länder, 30 Städte« – im Booklet Eures neuen Albums fasst Ihr so die letzten beiden Jahre zusammen. Wie ist es Euch in dieser Zeit ergangen? Und wie geht es Euch heute?
Finn:
Momentan fühlen wir uns einfach platt. Das neue Album ist gerade erst erschienen und die Tage sind so voll, dass wir abends direkt ins Bett fallen und versuchen, so viel wie möglich zu schlafen. Ganz ehrlich: Da bleibt keine Zeit, gemeinsam ein Bier zu trinken und die letzten Jahre zu reflektieren. Dennoch kann man festhalten, dass diese Jahre ziemlich intensiv für uns waren, auch weil wir zum ersten Mal außerhalb Deutschlands und sogar außerhalb von Europa auf Tour waren.

»Man kann das nicht einfach so einfach abschütteln.«
MYP Magazine:
Auf Instagram habt Ihr zur Veröffentlichung Eures Debütalbums geschrieben: »In gewisser Weise markiert dieses Album das Ende eines Kapitels.« Öffnet so ein erstes Album nicht eher etwas, als es zu beschließen?
Finn:
Als das Album am 19. September um Punkt null Uhr online ging, fühlte es sich an, als wäre eine enorme Last von unseren Schultern gefallen. Wenn man an einem so großen Projekt über einen längeren Zeitraum arbeitet, kann man das nicht einfach so einfach abschütteln. Man trägt das ständig mit sich herum. Insgesamt haben wir an »Interior« über ein Jahr lang geschrieben und produziert. Ich bin sehr stolz auf dieses Album und super happy damit, wie alles zustande gekommen ist. Aber ich muss auch sagen: Ich bin echt froh, dass dieser Prozess nun ein Ende gefunden hat und es wieder Platz gibt für etwas Neues.
Joscha:
Das sehe ich genauso. Endlich ist da wieder Freiraum, um neue Sachen auszuprobieren. Gerade in den letzten Wochen einer Albumproduktion geht es nur noch darum, an Kleinigkeiten zu arbeiten, alles auf den Punkt zu bringen und abzurunden. Das ist so ziemlich das Gegenteil von frischer Kreativarbeit, bei der man sich darauf konzentrieren kann, neue Songs zu schreiben.

»Man muss das Touren und Schreiben nicht wie Schwarz und Weiß voneinander trennen.«
MYP Magazine:
Ihr habt an diesem Album sogar geschrieben, als Ihr auf Tour wart. Im Musikgeschäft ist das eher ungewöhnlich.
Joscha:
Stimmt. Allerdings gab es auch viele andere Situationen, in denen wir am Album arbeiten konnten. Mal waren wir für ein, zwei Wochen in Frankreich, in einem Haus mitten in der Natur. Mal waren wir in unserem Studio in Freiburg. Mal waren wir in Berlin. Diese besonderen Ruhepunkte, an denen wir uns vollkommen auf die neue Musik konzentrieren konnten, hatten wir auf Tour natürlich nicht. Dennoch war es eine gute Erfahrung. Auch wenn viele das Gegenteil behaupten: Man muss das Touren und Schreiben nicht wie Schwarz und Weiß voneinander trennen. Man kann diese beiden Welten tatsächlich verweben.
»Das noch unfertige Album fühlte sich wie ein kleines Stück Zuhause an, in das wir uns immer wieder zurückziehen konnten.«
MYP Magazine:
In dem eben erwähnten Instagram-Post erklärt Ihr außerdem, dass es Euer Anspruch war, mit den Album einen Safe Space zu schaffen. Welches Bedürfnis steckt dahinter?
Finn:
Für uns ist es immer schön zu hören, dass Menschen, die unsere Songs hören, sich damit emotional verbinden können. Gleichzeitig ist es so, dass wir immer erst bei uns selbst anfangen, wenn wir an neuer Musik arbeiten. Für uns ist es superwichtig, dass wir das, was wir schreiben und produzieren, erst mal intern an einen Punkt bringen, an dem es sich für uns gut und richtig anfühlt – auch wenn das manchmal ein sehr langer Prozess ist. Die Außenwelt kommt da erst an zweiter Stelle.
Dieses Prinzip hat uns auch auf unserer Tour eine ganz besondere Erfahrung geschenkt: Mit dem noch unfertigen Album hatten wir immer das Gefühl, etwas Kleines, ganz Eigenes in der Tasche zu haben, das niemand kannte und mit dem wir uns beschäftigen konnten. Das war vor allem an Tagen so, an denen wir wieder in irgendeiner neuen Stadt waren und uns fragten: Was geht jetzt eigentlich? Gerade in solchen Momenten fühlte sich das Album wie ein kleines Stück Zuhause an, in das wir uns immer wieder zurückziehen konnten. Wenn sich dieses Gefühl jetzt auch für andere Menschen einstellt, sobald sie es hören, ist das natürlich umso toller.

»Uns ist aufgefallen, dass wir zurzeit eher introvertiertere Musik mögen, mit der man das Nervensystem herunterfahren kann.«
MYP Magazine:
Da wir mal unterstellen, dass Ihr persönlich nicht nur Zimmer90 hört: In welcher Musik findet Ihr euren Safe Space?
Joscha:
Wir beide hören sehr gerne Men I Trust – eine kanadische Indie-Band, die eher ruhigere Musik macht. Ohnehin ist uns aufgefallen, dass wir zurzeit eher introvertiertere Musik mögen, mit der man das Nervensystem herunterfahren kann: Musik, bei der man nicht darüber nachdenken muss, ob irgendetwas daran catchy ist oder nicht.
MYP Magazine:
Braucht Ihr diese Musik, weil Euer Leben gerade durchdreht? Oder eher, weil die Welt durchdreht?
Joscha: (lächelt)
Vielleicht eine Mischung aus beidem.

»Wir finden es spannend, was in der inneren Welt eines Menschen passieren kann.«
MYP Magazine:
In »Interior« setzt Ihr euch sehr ausführlich mit dem Bedürfnis von Menschen auseinander, sich bewusst zurückzuziehen und Zeit für sich zu nehmen. Ist dieses Bedürfnis nach innerer Einkehr ein Zeichen unserer Zeit?
Finn:
Wir finden es generell spannend, was in der inneren Welt eines Menschen passieren kann. Das muss nicht immer heißen, dass man zur Ruhe kommt. Da drinnen kann auch wahnsinnig viel abgehen. Aus diesem Grund sind viele Tracks auf dem neuen Album sehr outgoing und tanzbar. Davon abgesehen glaube ich, dass jeder Mensch ab und zu mal in sein Innerstes abtauchen sollte, um sich mit dieser Welt auseinanderzusetzen…
MYP Magazine:
… auch wenn das oft die Auseinandersetzung mit schwierigen Emotionen bedeutet. Erforscht Ihr in »Yours & Mine«, dem letzten Song auf dem Album, eigentlich das Gefühl von Liebeskummer?
Finn: (lächelt)
Wir wollen mit unserer Musik grundsätzlich kein Thema vorschreiben. Bei unseren Lyrics zum Beispiel ist es oft so, dass sie sich einfach nur phonetisch gut anfühlen. Es geht da nur im Ansatz um eine Geschichte, daher ist die oft auch nur bis zu einem gewissen Grad ausformuliert. Ich finde es cool, dass jemand bei einem Song wie »Yours & Mine« eine Liebeskummer-Assoziation hat. Ich selbst zum Beispiel verbinde mit dem Song ein ganz anderes Thema. Aber beides ist total fein. Ich glaube, dieses Offenstellen von Interpretationsmöglichkeiten ist es auch, was uns so reizt und was wir mit unserer Musik immer wieder erzeugen.

»Eine Wohnung kann oft ein Ausdruck dessen sein, was die Menschen, die darin leben, ausmacht.«
MYP Magazine:
»Interior« kann auch das Innere eines Raumes bedeuten. Was verrät das Interieur eines Hauses oder eines Zimmers über die Menschen, die darin leben?
Finn:
Ich würde sagen, es ist so ein bisschen wie beim Sprichwort »Kleider machen Leute«. Eine Wohnung kann oft ein Ausdruck dessen sein, was die Menschen, die darin leben, ausmacht.
Joscha:
Stimmt. Für mich haben Räume, die total geleckt wirken und in denen alles perfekt arrangiert ist, wenig Seele. Ich habe in der Vergangenheit auch immer wieder die Erfahrung gemacht, dass sich das oft in den Leuten spiegelt, die darin wohnen. Diese Menschen sind immer ein bisschen distanzierter, kälter und verschlossener als die, die in Wohnungen leben, wo man sofort sieht: Hier wird gelebt.

»Welcher Song passt zu welchem Bild? Und welches Bild fühlt sich nach welchem Song an?«
MYP Magazine:
Bei den meisten Eurer Kolleg*innen entsteht das Artwork erst nach der Musik. Bei Euch war das teilweise umgekehrt: Ihr habt Euch beim Songwriting von teilweise jahrzehntealten Gemälden inspirieren lassen und diese auch für das Album-Artwork benutzt. Wie genau kam es dazu?
Joscha:
Mein Opa war Maler, in seinem Haus am Bodensee stehen unendlich viele Bilder herum. In diesem Haus waren wir sehr oft, um Musik zu machen. Irgendwann haben wir angefangen, unsere Tracks mit den Gemälden zu matchen. Wir haben geschaut: Welcher Song passt zu welchem Bild? Und welches Bild fühlt sich nach welchem Song an? Und so kam beides Stück für Stück zusammen.

»Wir wollten andeuten: Dieser Song ist ein Fragment des gesamten Albums – wie ein großes Gemälde.«
MYP Magazine:
Für die Titelbilder der einzelnen Single-Auskopplungen habt Ihr jeweils einen Ausschnitt von der Ecke eines Gemäldes gewählt. Habt Ihr durch diese Fokussierung neue Elemente in den Bildern entdeckt, die Euch sonst nicht aufgefallen wären?
Joscha:
Wir haben uns für die Ecken-Ausschnitte entschieden, weil wir konzeptuell andeuten wollten: Dieser Song ist ein Fragment des gesamten Albums – wie ein großes Gemälde, von dem man erst mal nur einen Teil zu sehen bekommt.
Finn:
Bei mir ist es ohnehin so, dass ich mir ein Bild stundenlang anschauen kann und dabei immer wieder etwas Neues finde. Das mache ich auch oft im Museum so: Ich setze mich bewusst vor maximal drei oder vier Bilder, aber dafür jeweils für eine halbe Stunde. Es ist krass, was dabei alles herauskommt.

»Im Grunde denken wir uns gar nicht so viel. Wir nehmen das, was gerade da ist.«
MYP Magazine:
Wie entsteht bei Euch beiden ein Song? Und wie genau arbeitet Ihr zusammen?
Joscha:
Wir haben dafür kein allgemeines Rezept, da jeder von uns auch für sich schreibt und dann mit einer Idee ins Studio kommt. Ich selbst zum Beispiel entwickle einen Song gerne einfach am Klavier und gehe dabei viel über Gesangslinien oder Lyrics. Finn dagegen baut eher Instrumentals und Drums. Manchmal setzen wir uns auch einfach nur gemeinsam ins Studio, Finn spielt Bass, ich Keys und fange an zu singen. Aber im Grunde denken wir uns gar nicht so viel. Wir nehmen das, was gerade da ist. Und wenn keiner von uns eine konkrete Idee mitbringt, starten wir einfach zusammen eine neue und hangeln uns daran entlang.
MYP Magazine:
Ist Zimmer90 eigentlich eine Bandstory oder eine Freundestory?
Joscha:
Ich würde sagen, auf jeden Fall eine Bandstory. Wir haben uns über die Musik erst kennengelernt, das war von Anfang an der Kern unserer Freundschaft. Davor standen wir in keiner Beziehung zueinander, das hat sich alles durch die Band ergeben.
Finn:
Yes, we’re creative partners.

»Je besser man sich kennenlernt, desto besser kann man auch aufeinander achten.«
MYP Magazine:
Das australische Indie-Duo Royel Otis hat uns vor Kurzem im Interview verraten: Wenn man gemeinsam eine Band hat und viel miteinander unterwegs ist, lernt man, wann man den anderen in Ruhe lassen muss. In welchen Situationen müsst ihr Euch gegenseitig in Ruhe lassen?
Finn: (lacht)
Das stimmt auf jeden Fall. Dadurch, dass wir so viel Zeit miteinander verbringen, ist die Band wirklich schwer vergleichbar mit anderen Beziehungen, die man so hat. Das ist schon ein sehr spezielles Leben. Man bekommt den jeweils anderen in fast jeder erdenklichen Situation mit und lernt ihn in seiner Persönlichkeit sehr gut kennen, mit allen Gewohnheiten und allen Details. Irgendwann bekommt man ein sehr gutes Gespür dafür, wann der andere ein bisschen Raum braucht oder ob eine Situation gerade problematisch für ihn ist. Das Gute ist: Je besser man sich kennenlernt, desto besser kann man auch aufeinander achten. Das geht natürlich nur, wenn man auch darüber spricht – und zwar regelmäßig, ganz egal, was gerade los ist.

»Wenn man es schafft, sein eigener Freund zu sein, ist das der richtige Weg.«
MYP Magazine:
Den Interview-Artikel mit Royel Otis haben wir damals eingeleitet mit einem Zitat aus dem Roman »Vom Ende der Einsamkeit« von Benedict Wells: »Am wichtigsten ist, dass du deinen wahren Freund findest. Dein wahrer Freund ist jemand, der immer da ist, der dein ganzes Leben an deiner Seite geht. Du musst ihn finden, das ist wichtiger als alles, auch als die Liebe. Denn die Liebe kann vergehen.« Stimmt Ihr zu?
Finn:
Nee.
Joscha:
Ich glaube, ich auch nicht.
MYP Magazine:
Dann tausend Dank fürs Gespräch.
(Beide lachen)
Joscha:
Freundschaften sind gut und wichtig. Aber in meiner Wahrnehmung sind sie eher ein Plus zum eigenen Leben. Oder anders gesagt: Alles fängt zunächst bei einem selbst an: Wenn man es schafft, sein eigener Freund zu sein, und nicht abhängig von der Freundschaft zu jemand anderem ist, ist das der richtige Weg. Ich muss zuerst wissen: Mir geht‘s gut, ich checke mich, ich weiß, was los ist. Und alles, was dazukommt, macht das Leben nur noch schöner.
Mehr von Zimmer90:
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Interview & Text: Jonas Meyer
Fotografie: Maximilian König
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double-t-photographers.com (Repräsentanz)
Leonard Scheicher
Interview — Leonard Scheicher
»Wer von uns eckt schon gerne an?«
Im neuen Kinofilm »Bubbles« spielt Leonard Scheicher einen jungen Mann, der übers Wochenende in seine alte Heimat fährt. Dort wird er nicht nur mit einer Lebenswelt konfrontiert, der er lange entflohen ist, sondern auch mit seinem ehemals besten Freund, der mittlerweile politisch auf Rechtsaußen setzt. Ein Interview über die Macht sozialer Blasen, die Schwierigkeit, für sich selbst Position zu beziehen, und die Frage, wie wir als Gesellschaft wieder mehr ins Gespräch finden können.
26. Oktober 2025 — Interview & Text: Jonas Meyer, Fotografie: Maximilian Motel

Gibt es in Deutschland eine Entkopplung sozialer Gruppen? Mit dieser Frage beschäftigt sich ein Bericht des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ), der vor knapp zwei Jahren veröffentlicht wurde. Als wissenschaftliche Grundlage dafür dienten die Antworten von 12.000 Menschen, die unter anderem zu ihren Idealen des gesellschaftlichen Zusammenlebens befragt wurden.
Das FGZ kommt zu dem Schluss: »Die deutsche Gesellschaft ist weit davon entfernt, in vollständig polarisierte Lager gespalten zu sein.« Grund genug also zur Entwarnung?
Nicht ganz. Denn »gleichwohl«, so ergänzen die Wissenschaftler*innen, »finden wir Tendenzen gesellschaftlicher Spaltungen im Sinne einer lebensweltlichen Entkopplung bestimmter sozialer Gruppen.« Dabei seien sie auf »eigensinnige Netzwerkgruppen« gestoßen, die stark segregiert seien und sich in Bezug auf die untersuchten Aspekte deutlich von anderen unterschieden, darunter etwa »politisch homogene Netzwerke mit Grünen- bzw. AfD-Sympathisant*innen, homogen ostdeutsche, homogen hochgebildete sowie homogen ländliche Netzwerke.«
Außerdem fragen sie: »Handelt es sich bei den sozialen Gruppen, die strengere Klimaschutzmaßnahmen und eine geschlechtergerechte Sprache fordern, um eine urbane akademische Mittel- und Oberschicht, die in einer Blase lebt und den Kontakt zu den einfachen Leuten verloren hat?«
Um diese Frage geht es auch im Drama »Bubbles …wir waren doch Freunde«, das gerade in den bundesdeutschen Kinos angelaufen ist. Im Zentrum des Films von Autor und Regisseur Sebastian Husak steht ein junger Mann namens Fiete, der mit seiner Freundin Amiri ein Wochenende in seiner alten Heimat am Wattenmeer verbringen will. Kaum in der ländlichen Idylle angekommen, stoßen die beiden auf den charismatischen Luca, der mal Fietes bester Freund war.
Doch Luca lebt mit seinem inzwischen rechtskonservativen Weltbild nicht nur in einer völlig anderen Blase als der Neu-Großstädter Fiete. Er konfrontiert ihn auch mit einer lange verdrängten, persönlichen Schuld aus der Vergangenheit. Und so dauert es nicht lange, bis die beiden Männer und ihre Lebenswelten aufeinanderprallen.
Gespielt wird Fiete von Leonard Scheicher. Der 33-Jährige, der in München geboren ist und mittlerweile in Berlin lebt, war zuletzt unter anderem in der Sky-Serie »Das Boot« und in dem Kinofilm »Der vermessene Mensch« zu sehen. Bereits 2017 haben wir den vielseitigen Schauspieler zu einem Interview getroffen, vor wenigen Wochen nun sind wir ihm erneut begegnet, um mit ihm über »Bubbles« zu sprechen – jenen Film, der so erschreckend gut in die Zeit passt und bei dem man sich als Zuschauer seltsam ertappt fühlt, ganz egal, wie man persönlich auf die Welt schaut.


»Fiete ist ein Mensch, den es überfordert, Position zu beziehen.«
MYP Magazine:
Leonard, vor ziemlich genau acht Jahren hast Du uns im Interview verraten: »Für jede Figur entwickle ich ganz am Anfang eine Idee – die verfolge ich dann mit dem vollen Risiko, nie zu wissen, ob diese Idee am Ende aufgeht.«
Leonard Scheicher: (lacht)
Bah! Was für ein großkotziger Satz, so im Rückblick.
MYP Magazine:
Bleiben wir kurz dabei: Welches Risiko bist Du bei Deiner Figur Fiete eingegangen?
Leonard Scheicher:
Fiete ist ein Mensch, den es überfordert, Position zu beziehen. Er schwankt immer zwischen verschiedenen Meinungen und weiß nicht, welcher er sich anschließen soll. Das Einzige, das ihm wichtig ist, ist seine Freundin Amiri nicht zu verlieren und eine gute Zeit zu haben. Sich in so einen Charakter hineinfallen zu lassen, bedeutet für mich als Schauspieler ein gewisses Risiko – zumal wir alles improvisiert haben.

»Unser Film hat etwas von einem griechischen Drama.«
MYP Magazine:
In einem Interview mit dem Movie-College hast Du dieses improvisierte Spiel als »Leben vor der Kamera« bezeichnet. Was genau meinst Du damit?
Leonard Scheicher:
Beim Impro kann man nicht ausweichen. Man muss entweder agieren oder reagieren – und das fühlt sich besonders lebendig und lebensnah an. Für die Zuschauer*innen bedeutet das, dass sie die Figuren unmittelbarer erleben und ihre Disposition besser verstehen können. Durch diesen Aspekt hat unser Film auf jeden Fall etwas von einem griechischen Drama, in dem jede Position klar nachvollziehbar ist. Ich weiß, das sind große Worte, aber ich finde, dass »Bubbles« das sehr gut gelungen ist.


»Da muss man sich im Vorfeld gut abstimmen, damit alle die gleiche Version von dieser Vergangenheit haben.«
MYP Magazine:
Wie hast Du dich auf dieses Improvisationsspiel vorbereitet?
Leonard Scheicher:
Generell hat das Drehbuch klar beschrieben, was passieren soll. Dramaturgisch war das alles sehr dicht konstruiert. Das Einzige, das gefehlt hat, waren die Dialoge – auch wenn es im Buch den einen oder anderen Vorschlag gab, welche Sätze fallen müssen. Das war’s aber.
Für die Vorbereitung hieß das: Ich musste so viel wie möglich über meine Figur sowie über ihre Beziehung zu den anderen herausfinden. Das war wichtig, denn Luca und Fiete haben eine gemeinsame Vergangenheit, die ein großes Thema zwischen den beiden ist. Da muss man sich mit den Kolleg*innen im Vorfeld gut abstimmen, damit alle die gleiche Version von dieser Vergangenheit haben.
Darüber hinaus ist es so, dass man für einen Film wie »Bubbles« keine einzelnen Szenen vorbereitet, sondern eher Konstellationen erarbeitet und sich intensiv mit der Geschichte und Eigenheiten der Charaktere befasst. Man klärt Fragen wie: Warum funktioniert die Beziehung zwischen Amiri und Fiete? Warum haben sie sich ineinander verliebt und hängen so aneinander? Was geben sie sich, was fehlt ihnen am jeweils anderen? Oder genauso wichtig: Wie war die Beziehung zwischen Luca und Fiete damals, wie ist sie heute? Wo und warum werden Schuldgefühle verdrängt? Und wie gehen sie damit um?

»Es ist nicht so leicht, Position zu beziehen und dafür einzustehen.«
MYP Magazine:
Es dauert im Film keine drei Minuten, da fällt Dein Fiete schon mit seiner ersten Lüge auf. Dieses Verhalten steht im krassen Gegensatz zu seiner Attitüde der moralischen Überlegenheit, mit der er Luca gegenübertritt – etwa beim Thema Fleischkonsum. Was ist das für ein Selbstverständnis?
Leonard Scheicher:
Ich glaube, erst mal gar keins. Fiete will nirgendwo anecken. Aber gerade das macht die Figur so interessant. Man weiß nie, ob er die Dinge, die er sagt, wirklich so sieht oder ob er sich seine Meinung nur angeeignet hat – und zwar in der Bubble, in die er geraten ist; jene Bubble, die ihn aufgenommen hat und jetzt sein Leben bestimmt.
Übrigens: Ich finde, man kann ihm dieses Verhalten nicht mal vorwerfen. Die allermeisten von uns benehmen sich ganz ähnlich. Die Art und Weise, wie wir reden und handeln, wird davon bestimmt, in welchem sozialen Umfeld wir uns bewegen. Und seien wir ehrlich: Wer von uns eckt schon gerne an oder geht auf Konfrontationskurs?
MYP Magazine:
Du auch nicht?
Leonard Scheicher:
Natürlich nicht! Es ist nicht so leicht, Position zu beziehen und dafür einzustehen. Das muss man erst mal lernen. Ich selbst kenne diesen Drang, bei anderen gut ankommen zu wollen. Da kann man sich schon mal irgendwo reinreiten. Bei Fiete ist das natürlich alles viel größer: Da werden Lügen aufgefahren, um den schönen Schein zu wahren und den netten Jungen von nebenan zu geben.

»Online schlagen die Meinungen blitzschnell und ungezügelt in Hass um.«
MYP Magazine:
Dabei glänzen Luca und Amiri auch nicht gerade durch ihre kommunikativen Fähigkeiten.
Leonard Scheicher:
Ja, aber auch das ist ein Zeichen unserer Zeit. Ich glaube, vor 40, 50 Jahren war das in unserer Gesellschaft noch anders. Da hat man viel krasser miteinander diskutiert.
MYP Magazine:
Hast Du ein Beispiel?
Leonard Scheicher:
Ich denke da etwa an die politischen Talkshows der Siebziger, in denen die Gäste ketterauchend und in schwere Ledersessel versunken ihre Standpunkte ausgefochten haben – hart in der Sache, aber mit einer gewissen Gesprächskultur. Es gibt da einen Ausschnitt mit Nina Hagen, auf den ich mal gestoßen bin. Im Vergleich dazu wirkt heutzutage im TV alles ein bisschen weichgespült, während online die Meinungen blitzschnell und ungezügelt in Hass umschlagen.

»Ich will umgeben zu sein von Menschen, die jemanden, der von woanders herkommt, nicht scheiße finden.«
MYP Magazine:
In welcher Bubble lebst Du selbst eigentlich?
Leonard Scheicher:
Ich würde meine Bubble mal beschreiben als großstädtisch, aufgeklärt, links oder linksliberal… keine Ahnung. Auf jeden Fall arbeiten die meisten meiner Freundinnen und Freunde in künstlerischen oder kreativen Berufen. Da ist kaum jemand dabei, der einen industriellen Job hat.
MYP Magazine:
Was genau meinst Du mit großstädtisch?
Leonard Scheicher:
Zum Beispiel, keine Angst vor dem Fremden zu haben und weltoffen zu sein. Ich habe in London, Berlin und München gelebt. Vor allem in London hat man den Eindruck, dass die ganze Welt in einer Stadt wohnt und miteinander klarkommt. Das ist ohnehin etwas, das mir in meinem Leben wichtig ist: Ich will umgeben sein von Menschen, die jemanden, der von woanders herkommt, nicht scheiße finden oder Angst vor ihm haben.

»Wir sollten uns auf das Miteinander besinnen, auf das Gemeinsame.«
MYP Magazine:
Wann hast Du dich zum letzten Mal mit jemandem ernsthaft ausgetauscht, der absolut gar nichts mit Deiner Bubble zu tun hat?
(Leonard überlegt einige Sekunden)
MYP Magazine:
Allein das Nachdenken ist schon ein Zeichen.
Leonard Scheicher:
Ich finde, wir sollten uns auf das Miteinander besinnen, auf das Gemeinsame – trotz der bei den Wahlen so spürbaren Spaltung. Ich war zum Beispiel vor Kurzem in Brandenburg auf einem Dorffest. Da hat ein ganz anderer Schnack geherrscht als der, den ich aus meiner eigenen Lebenswelt gewohnt bin. Ich bin dort zwar nicht in ein politisches Gespräch eingestiegen, geschweige denn in die Konfrontation gegangen. Aber man kann bei solchen Anlässen wunderbar zusammen etwas trinken und sich über den Musikgeschmack des DJs lustig machen. Am Ende haben wir alle sogar ein bisschen getanzt.
MYP Magazine:
Du hast brandenburgische Dorffest-Erfahrungen?
Leonard Scheicher:
Ein Freund von mir hat dort ein Haus, ich hab‘ ihn vor Kurzem besucht und wir waren zusammen auf einem Dorffest.

»Es kommt unweigerlich zum Clash, da beide ihr jeweiliges Anliegen über das ihres Gegenübers stellen.«
MYP Magazine:
In Eurem Film kollidieren die einzelnen Bubbles zum ersten Mal, als alle drei am Lagerfeuer sitzen. Doch während Amiri und Luca schnell aneinandergeraten und immer hitziger argumentieren, entzieht sich Fiete dem Gespräch und macht Musik an…
Leonard Scheicher:
… ja, das ist eine Schlüsselszene. Alle sind leicht angetrunken und sticheln passiv-aggressiv herum. Das Ganze explodiert, als der rechtskonservativ eingestellte Luca plötzlich den provokanten Vorschlag macht, dass man die Protestierenden der Letzten Generation einfach mit dem Flugzeug überfahren sollte, wenn sie sich auf der Landebahn eines Flughafens festkleben.
MYP Magazine:
Kurz darauf fragt Amiri aufgebracht: »Welches Problem ist denn größer als der Klimawandel?« Und Luca antwortet: »Die Armut zum Beispiel.« In dem Moment möchte man sich als Zuschauer gerne dazusetzen und sagen: Streitet nicht so miteinander! Ihr sitzt doch in einem Boot.
Leonard Scheicher:
Das stimmt. Beide haben in gewisser Weise recht, denn beide Probleme betreffen beide. Das Ding ist nur, dass die jeweiligen Prioritäten irgendwo anders liegen. So kommt es unweigerlich zum Clash, da beide ihr jeweiliges Anliegen über das ihres Gegenübers stellen.


»Es scheint jeden Tag ein bisschen normaler zu werden, Witze zu machen, bei denen es etwa um das Überfahren von Menschen geht.«
MYP Magazine:
Wie könnte man die Situation entspannen – auch bei vergleichbaren Diskursen in der realen Welt?
Leonard Scheicher:
Das ist alles andere als leicht. In unserem Film scheitert die Entspannung nicht zuletzt an der rechtskonservativen Einstellung von Luca. Und die ist – auch in der realen Welt – Ergebnis dessen, dass wir als Gesellschaft Stück für Stück nach rechts rücken. Es scheint jeden Tag ein bisschen normaler zu werden, Witze zu machen, bei denen es etwa um das Überfahren von Menschen geht.
Dahinter steckt eine ganze Philosophie. Es gibt immer mehr Leute, die sich trauen, irgendetwas öffentlich zu äußern, das noch vor zehn Jahren undenkbar gewesen wäre. Der darauf folgende Mechanismus ist immer derselbe: Menschen empören sich, dann ebbt die Empörung ab, kurz darauf haut wieder jemand etwas raus, das noch ein bisschen krasser ist, und danach geht das Ganze von vorne los. Dabei wird die Grenze des Sagbaren immer mehr verschoben. So wird das, was früher noch undenkbar war, sukzessive normalisiert.

»Luca benennt Probleme, die ihn direkt betreffen und mit denen er sich alleingelassen fühlt. Diese Position macht ihn sehr stark.«
MYP Magazine:
Der französische Autor Édouard Louis hat vor Kurzem bei einer Lesung in Berlin gesagt: »Man kann Gewalt nur wirksam bekämpfen, indem man versucht, sie zu verstehen.«
Leonard Scheicher:
Das ist ein guter Ansatz.
MYP Magazine:
Was würde man herausfinden, wenn man versuchen würde, Lucas verbale Gewalt zu verstehen?
Leonard Scheicher:
Luca benennt Probleme, die ihn direkt betreffen und mit denen er sich alleingelassen fühlt – etwa, dass die Leute aus seinem Dorf wegziehen, weil die Infrastruktur nicht mehr funktioniert. Das sei, so erklärt er, auch der Grund für sein Engagement in der rechtspopulistischen Partei: »Weißt Du, was die für unser Dorf tun, Fiete? Die hören uns zu.« Diese Position macht ihn sehr stark.

»Für uns Menschen ist es grundsätzlich schwer zu fassen, dass es in einem Land verschiedenste Lebensrealitäten gibt.«
MYP Magazine:
Der Film »Alle reden übers Wetter« von Autorin und Regisseurin Annika Pinske aus dem Jahr 2022 beschäftigt sich ebenfalls mit diesem Thema: Er macht sichtbar, wie Menschen, die vom Land in die Stadt gezogen sind, gerne mal vergessen, dass die Zurückgelassenen ebenfalls Gefühle und eine eigene Lebensrealität haben – aus Ignoranz, Selbstfixierung und einem scheinbaren Überlegenheitsgefühl heraus. Warum ist Fiete der Blick für die Leute in seiner Heimat abhandengekommen?
Leonard Scheicher:
Ich glaube, in ihm gab es schon immer den Antrieb, dort wegzukommen und diesem Leben zu entfliehen. Dafür hat er gelernt, sich zu verstellen – ganz ähnlich übrigens, wie Édouard Louis das in seinem Buch »Anleitung ein anderer zu werden« beschreibt. In der neuen Bubble, in der Fiete jetzt lebt, sind die Probleme von vorher nicht mehr wichtig, und er kann sich damit auch nicht mehr identifizieren.
Dazu kommt, dass es für uns Menschen grundsätzlich schwer zu fassen ist, dass es in einem Land, in dem wir alle gemeinsam leben, verschiedenste Lebensrealitäten gibt. Aus meiner eigenen Erfahrung weiß ich, dass man gerade mal die Probleme der Menschen versteht, die direkt um einen herum sind: im Freundeskreis, im Sportverein, vielleicht auch noch im Dorf. Aber für mehr haben wir scheinbar nicht das Fassungsvermögen.
MYP Magazine:
Vielleicht wollen wir auch gar nicht mehr sehen.
Leonard Scheicher:
Das ist ebenso möglich, ja. Wir alle sind supergut darin, Dinge zu verdrängen. Das ist bei Fiete nicht anders. Aber dieses Verdrängen hilft uns Menschen auch dabei, am Leben zu bleiben. Davon abgesehen haben die meisten Leute auch gar nicht die Zeit, sich mit den Problemen anderer zu befassen. Etwa, weil sie zwei oder drei Jobs machen, um über die Runden kommen. In so einer Situation hat man nicht mal Zeit, über sich selbst nachzudenken. Was für ein Fluch! Demgegenüber genieße ich als Schauspieler ein enormes Privileg, weil ich sehr viel herumkomme, verschiedenste Orte und Lebensumstände kennenlerne und mein Beruf mich mehr oder weniger dazu zwingt, empathisch zu sein.


»Ich habe mir als Kind gewünscht, dass meine Familie mehr Geld hat.«
MYP Magazine:
Gerade in den letzten Jahren ist viel sogenannte Klassenliteratur entstanden, die sich mit der wachsenden Distanz zu Herkunftsort und -milieu beschäftigt, die sich einstellt, wenn man die sozioökonomische Klasse wechselt, etwa wenn man aus einem Arbeitermilieu in ein Künstlermilieu wechselt. Bist Du ein solcher Klassenwechsler?
Leonard Scheicher:
Nein, ich bin maximal ein Stadtwechsler, weil ich von München nach Berlin gezogen bin – aber auch das nicht so richtig. Da mein Vater seit vielen Jahren in Berlin lebt, kannte die Stadt auch vorher schon ganz gut. Trotzdem kann ich mich erinnern, dass ich mir als Kind gewünscht habe, dass meine Familie mehr Geld hat. Mein Vater ist Künstler, meine Mutter arbeitet als pharmazeutisch-technische Angestellte. Zwar ging es uns immer gut und wir hatten keine krassen finanziellen Probleme. Dennoch war ich auf meiner Waldorfschule immer umgeben von Kindern, die in deutlich mehr Wohlstand aufgewachsen sind. Als ich das gesehen habe, wollte ich das auch – das ist das einzige bisschen Klassenwechsel, das ich mir vorstellen kann.

»Wir Schauspielende sind in besonderem Maße davon abhängig, gewollt zu werden.«
MYP Magazine:
»Ihr in eurer Altbauwohnung!«, kanzelt Luca die beiden anderen nach der Szene am Lagerfeuer ab. Mit welchen Klischees bist Du persönlich als Schauspieler konfrontiert?
Leonard Scheicher:
Naja, auf viele wirkt so ein Schauspielerleben relativ schillernd. Aber die bittere Realität ist, dass gerade viele von uns keinen Job haben. Der Branche geht es schlecht, der ganzen Wirtschaft geht es schlecht. Die Situation ist wirklich ernst. Wo das hinführt, weiß ich noch nicht.
MYP Magazine:
»Verlieren tut der Seele gut, mal aus dem Schlamm wieder hoch«, sagt Luca an jenem Abend am Lagerfeuer. Man müsse auch mal verlieren können, sonst werde man ein bisschen arrogant und elitär. Siehst Du das ähnlich?
Leonard Scheicher:
Verlieren ist so ein starkes Wort. Aber klar: Von zehn Castings, zu denen ich eingeladen werde, führen am Ende acht zu Absagen. Die Ablehnung ist der Normalzustand. Dennoch fühlt sich fast jede einzelne Absage wie eine fette Niederlage an: so kurz vor einem tollen Job mit einem tollen Regiemenschen zu sein, aber das Ding dann doch nicht zu bekommen, ist hart. Aber das gehört zu meinem Beruf dazu – wie es auch zu anderen Berufen gehört, dass dort nicht immer alles klappt.
Dummerweise sind wir Schauspielende in besonderem Maße davon abhängig, gewollt zu werden. Daher ist es in unserem Job umso wichtiger, immer wieder aufzustehen und weiterzumachen. Talent zu haben ist in unserer Branche das eine. Aber eine echte Karriere damit zu machen, ist das andere.

»Die Städte, aus denen es Angebote für mich gab, waren für mein Ego nicht groß genug.«
MYP Magazine:
Wäre das Theater kein Karriereweg für Dich gewesen? Immerhin ist man da fest angestellt.
Leonard Scheicher:
Tja. Nach der Schauspielschule war ich bereit, ein Engagement an einem Theater anzutreten. Aber die Städte, aus denen es Angebote für mich gab, waren für mein Ego nicht groß genug. Ich war mir damals absolut sicher, dass ich auch an größere Bühnen kommen könnte, und sei es nur als Gast. Das hat sich aber nicht eingestellt. Wenig später kam Corona, alles wurde schwieriger und an den paar Häusern, an denen ich noch vorsprechen konnte, hat es nicht geklappt. Kurz darauf bin ich nach England gezogen und hatte das Gefühl, dass sich damit ein Kapitel geschlossen hatte.
Dabei vermisse ich das Theater total. Ich vermisse es, auf einer Bühne live die Sachen zu verhandeln – und zwar vor und mit den Menschen, für die es gemacht ist. Vielleicht bräuchte ich dazu einfach noch mal die Möglichkeit. Und vielleicht müsste ich mich darum einfach mal mehr kümmern.


»Seit ich 30 bin, finde ich mein Alter super.«
MYP Magazine:
Das klingt etwas melancholisch. In unserem Interview von vor acht Jahren hast Du erzählt, dass es Dir ziemlich oft passiert, dass Du deiner eigenen Jugend hinterhertrauerst. Ist das immer noch so?
Leonard Scheicher:
Hinterhertrauern? Nee. Seit ich 30 bin, finde ich mein Alter super. Die Zwanziger sind eine verdammt harte Zeit. Das Schöne ist: Man erlebt vieles zum ersten Mal. Aber es gibt auch eine Kehrseite: Das alles kann einen sehr leicht überfordern und man weiß in dieser Zeit eigentlich nie so richtig, wohin mit sich.
Ich glaube, ich habe das damals gesagt, weil ich mich zurückgesehnt habe nach der der jugendlichen Leichtigkeit, die ich hatte, als ich noch zu Hause wohnte. Man war in der Schule, hatte einen geregelten Alltag und war insgesamt von einer viel größeren Sicherheit umgeben. Doch auch wenn ich eine gute Kindheit und Jugend hatte: Heute würde ich nicht mehr unterschreiben, dass ich diesen Jahren hinterhertrauere.
MYP Magazine:
Was ist aus Deiner Sicht das Gute am Erwachsenwerden?
Leonard Scheicher:
Dass man schon einiges erlebt hat und durch diese Erfahrung ein bisschen gelassener auf bestimmte Dinge schauen kann. Und dass man ernst genommen wird – zumindest ernster als mit 20.

»Mein Schauspieler-Ich flüstert mir dann ins Ohr: Das ist es! Jetzt erzählst du vom Menschsein.«
MYP Magazine:
In »Bubbles« gibt es eine Szene, in der Fiete und Luca nackt in der Sauna zu sehen sind. Hilft diese Erfahrung auch dabei, sich vor der Kamera in solche körperlich intimen Situation zu begeben?
Leonard Scheicher:
Ich empfinde die physische Nacktheit hier nicht als Problem, denn sie gehört zu der konkreten Situation im Leben der Figur, die ich im Film verkörpere. Klar, natürlich gibt es Grenzen und es stellt sich auch immer die Frage: Worum geht es? Und was zeigt die Kamera und was nicht? In dem konkreten Fall geht es um zwei alte Freunde in der Sauna. Und die sind besoffen und nackt. Wenn ich weiß, das wird von der Kamera eingefangen, bin ich damit auch total d‘accord.
MYP Magazine:
Gibt es Situationen in Deinem Spiel, in denen Du das Gefühl hast, Dich dem Publikum gegenüber emotional nackt zu machen?
Leonard Scheicher:
Absolut! Das sind die Momente, in denen man komplett aufmachen kann. Das ist deutlich anstrengender, als sich physisch nackt zu machen. Es erfordert viel mehr Vertrauen und Mut – und vor allem die Bereitschaft, wirklich loszulassen. Mit Anspannung geht da gar nichts. Man muss bewusst in die Entspannung gehen, um sich dem aussetzen zu können. Aber genau das ist es auch, wofür ich es mache. Mein Schauspieler-Ich flüstert mir dann ins Ohr: Das ist es! Jetzt erzählst du vom Menschsein, genau dieses Gefühl kennen wir alle. Und du hast das große Privileg, das vor anderen ausüben zu dürfen.

»Es gibt unendlich viele Orte, an denen Dialog stattfinden kann.«
MYP Magazine:
In dem eben erwähnten Interview mit dem Movie-College hast Du gesagt: »Der Film ist eine Einladung, dass wir wieder mehr miteinander reden und an Orte gehen, wo wir aufeinandertreffen und einen Dialog führen können.« Was könnten das für Orte sein?
Leonard Scheicher:
Der Tanzkurs. Der Chor. Die Kirche. Das Fest der Freiwilligen Feuerwehr. Und natürlich auch die Sauna! Es gibt unendlich viele Orte, an denen man auf die unterschiedlichsten Menschen trifft und Dialog stattfinden kann. Wenn ich mich zurückerinnere an meine Kindheit, war das im Fußballverein oder Konfirmationsunterricht nichts anderes. Ich finde, das ist etwas, das wir uns auch als Erwachsene beibehalten können. Und ich persönlich freue mich besonders, wenn die Menschen kulturelle Einrichtungen wählen, um sich zu begegnen – wie etwa das Theater. Das ist dafür ein ganz hervorragender Ort.

Mehr von Leonard Scheicher:
Interview & Text: Jonas Meyer
Fotografie: Maximilian Motel
instagram.com/maxmotel
maxmotel.de
severinwendeler.com (Repräsentanz)
Luke Noa
Interview — Luke Noa
»Ich halte nichts davon, den Dingen nicht genug Zeit zu geben«
Da ist es endlich: Mit »Début« hat Luke Noa vor Kurzem sein lange erwartetes Debütalbum veröffentlicht. Dass er daran so intensiv gearbeitet hat, kann man hören: In der Platte steckt viel musikalische, aber auch emotionale Reife. In einem American Diner haben wir den 27-Jährigen zum Interview getroffen: ein Gespräch über die Kraft zeitloser Musik, den richtigen Umgang mit einem Celebrity Crush und die Frage, warum man seine Dämonen ab und zu in den Arm nehmen sollte.
5. Oktober 2025 — Interview & Text: Jonas Meyer, Fotografie: Osman Balkan

Wir schreiben das Jahr 1965. Während in den USA die erste bezahlbare Mikrowelle auf den Markt kommt, Cadillac die dritte Generation seines Erfolgsmodells »DeVille« vorstellt und Bürgerrechtler Malcom X ermordet wird, landen über dreitausend US-Marines in Vietnam, der Russe Alexei Leonow wagt als erster Mensch den Weltraumausstieg und Werder Bremen wird deutscher Fußballmeister.
Und auch musikalisch tut sich was – ziemlich viel sogar: The Beatles veröffentlichen »Help!« und »Yesterday«, The Rolling Stones werfen »(I Can’t Get No) Satisfaction« in die Welt und The Who liefern mit »My Generation« nicht weniger als die Hymne einer ganzen Jugendkultur. Dazu gesellen sich Bob Dylans »Like a Rolling Stone«, The Supremes mit »Stop! In the Name of Love« und The Mamas and the Papas mit »California Dreamin‘«. Kein Wunder, dass dieses 1965 heute als eines der prägendsten Jahre der modernen Pop- und Rockmusik gilt. Ein akustisches Feuerwerk, das bis in die Gegenwart leuchtet.
60 Jahre später. Bei Burger und Milchshake sitzen wir im Route 66 Diner, das wenige Gehminuten vom Berliner Kurfürstendamm entfernt liegt. Das liebevoll gestaltete Restaurant ist ein idealer Ort, um sich (zurück) in die Sechziger zu träumen. Sogar das schwarze Cadillac DeVille Cabrio, das das Team des Diners lässig hinter der Bar geparkt hat, stammt aus jener dritten Modellgeneration ab 1965.
In dieser knallbunten Zeitkapsel sind wir mit Luke Noa verabredet. Der 27-jährige Singer-Songwriter, der mit bürgerlichem Namen Luca Göpper heißt, hat vor Kurzem ein bemerkenswertes Debütalbum vorgestellt. Mit seinen acht Songs präsentiert es sich als ein wundervoll arrangiertes, feinsinniges und nahbares Stück Musik, in dem viel instrumentale, aber auch emotionale Reife steckt – ganz anders, als der Titel »Debút« vielleicht vermuten ließe.
Thematisch passt Luke Noa eigentlich nicht hierher. Denn während sich andere Musiker seiner Altersklasse – man denke etwa an Elliot James Reay oder Stephen Sanchez – ganz dem US-amerikanischen Sound der Fünfziger- und Sechzigerjahre verschrieben haben, ist die Musik von Luke Noa eher schwer an einem bestimmten Raum oder an einer bestimmten Zeit festzumachen.
Eine kleine Verbindung zu damals gibt es trotzdem. Denn irgendwo auf seinem neuen Album hat der junge Mann eine kleine Referenz auf das Jahr 1965 versteckt. Aber dazu kommen wir später…

»Ein Fan hatte 13 Stunden damit verbracht, bunte Herzen aus Papier auszuschneiden.«
MYP Magazine:
Luke, Ende Mai hast Du dein Debütalbum vorgestellt, gerade kommst Du von Deiner ersten Headline-Tour zurück. Welche Eindrücke bringst Du mit? Welche Momente haben sich in Deine Erinnerung gebrannt?
Luke Noa:
Es gab etliche schöne Momente, aber einer ist die klare Nummer eins: Auf der Show in München gab es einen Fan, der im Vorfeld 13 Stunden damit verbracht hatte, bunte Herzen aus Papier auszuschneiden und sie vor dem Konzert an die Leute im Publikum zu verteilen. Ich wusste davon nichts und war ziemlich geflasht, als beim Song »What A Day« plötzlich Hunderte Herzen vor mir in die Höhe schossen.
So etwas zu erleben, ist absolut neu für mich. Ich mache zwar schon seit ein paar Jährchen Musik, habe aber immer noch das Gefühl, mich im Aufbau zu befinden. Dass es jetzt schon Leute gibt, denen meine Songs so viel bedeuten, dass sie 13 Stunden lang von Hand Papierherzen ausschneiden, berührt mich sehr.
MYP Magazine:
Was bedeuten Dir selbst die Songs Deiner neuen Platte?
Luke Noa:
Ein Debütalbum ist immer ein Riesenschritt – den ich selbst vergleichsweise spät gewagt habe. Seit ich Musik mache, habe ich insgesamt vier EPs veröffentlicht, mit denen ich sukzessive und ganz behutsam auf mein erstes Album zugesteuert bin. Aus meiner Perspektive fasst »Début« daher in erster Linie die letzten Jahre zusammen: in Bezug auf das, was ich erlebt habe, aber auch, wie ich mich musikalisch und persönlich entwickelt habe.
MYP Magazine:
Warum hast Du dem Albumtitel einen Accent aigu verpasst? Hast Du einen besonderen Bezug zu Frankreich?
Luke Noa: (lächelt)
Das werde ich witzigerweise bei jedem Interview gefragt. Die Idee dahinter war eine rein ästhetische – und ich fühle mich deshalb fast ein bisschen peinlich berührt. Ich hatte darüber vorher kaum nachgedacht und fand die französische Schreibweise einfach nur visuell spannend. Aber jetzt ist es bei jedem Interview Thema und ich kann darauf maximal antworten, dass der Accent das Wort ein bisschen verfeinert.

»Für mich ging in diesem Moment ein riesiger Traum in Erfüllung.«
MYP Magazine:
Für die Arbeit an Deinem Debütalbum hast Du Chris Maas gewinnen können, den Tour-Schlagzeuger Band Mumford & Sons, der vor Kurzem auch mit Sting auf Konzertreise war. Wie seid Ihr euch begegnet? Und wie hast Du ihn von einer Zusammenarbeit überzeugt?
Luke Noa:
Das war das Werk meines Managers Tim. In den Jahren 2022 und 2023 hatte er als Tourmanager den australischen Singer-Songwriter Matt Corby bei seinen Europa-Konzerten begleitet – und Chris Maas spielte diese Tour als Drummer. Die beiden haben sich angefreundet und irgendwann hat Tim ihm einige meiner Demos für das neue Album vorgespielt. Chris sagte: »Why not?« Er schien meine Musik zu mögen, hatte Lust auf ein junges Projekt und sagte spontan zu, für eine Woche nach Berlin zu kommen und mit uns an dem Album zu arbeiten. Tim rief mich kurz danach an und erzählte mir, dass er gerade mit Chris Maas zusammengesessen und über mein Album gesprochen hatte. Für mich ging in diesem Moment ein riesiger Traum in Erfüllung.

»Nur, wenn ich absolut keine Erwartungshaltung habe, kann ein Song in Ruhe wachsen.«
MYP Magazine:
Dein Album beginnt mit dem Song »Do I Wanna«, an dem Du bereits 2023 bei einer Reise durch Neuseeland geschrieben hattest und dessen Fertigstellung fast zwei Jahre in Anspruch genommen hat. Warum der Song diese Zeit gebraucht?
Luke Noa:
Ich halte nichts davon, den Dingen nicht genug Zeit zu geben, und lasse Songs gerne reifen. Wenn ich das Gefühl habe, ich müsste eine gute Idee zu hart biegen oder zu hart pushen, mache ich lieber einen Schritt zurück und befasse mich mit etwas anderem. Ich empfinde es als einen wichtigen persönlichen Qualitätsprozess, immer einen Raum zu schaffen, in dem sich Ideen natürlich entwickeln können.
MYP Magazine:
Hier schräg gegenüber gibt’s eine Weinbar, an deren Schaufenster der Spruch prangt: »Wine improves with age.«
Luke Noa:
Und genauso ist es für mich bei der Musik! Natürlich kann es auch mal passieren, dass ich Songs in sehr kurzer Zeit schreibe. Aber ganz allgemein halte ich es immer noch für das Beste, mich einer Idee ganz ohne Verkrampftheit und Verkopftheit zu nähern. Nur, wenn ich absolut keine Erwartungshaltung habe, kann ein Song in Ruhe wachsen, Tag für Tag ein Stückchen mehr.


»Wenn man zu sehr in der Vergangenheit festhängt, macht das einen in der Gegenwart nur unglücklich.«
MYP Magazine:
In »Do I Wanna« verhandelst Du die Narben und Sehnsüchte, die die Vergangenheit Dir zugefügt hat. Und Du sprichst über den Umstand, nicht loslassen zu können. Bist Du ein Mensch, der sich gerne Gedankenspielen hingibt, die sich darum drehen, was passiert wäre, wenn man hier und da einen anderen Weg eingeschlagen hätte?
Luke Noa:
Auf jeden Fall. Ich mag es, mich ab und zu gedanklich in solche theoretischen Räume zu begeben, vor allem, wenn es um zwischenmenschliche Beziehungen geht. Man kann sich einem Menschen jahrelang unendlich nah fühlen und glauben, ihn total gut zu kennen. Doch wenn sich die gemeinsamen Wege trennen, wird mit den Jahren die Frage immer spannender, wie man sich persönlich entwickelt hätte, wenn dieser Mensch nah an einem drangeblieben wäre.
MYP Magazine:
Wirst Du gerade etwas nostalgisch?
Luke Noa:
Für mich ist Nostalgie eng verwoben mit Veränderung – in Bezug auf sich selbst, auf andere, auf die Welt. Ich finde, das ist eines der spannendsten Themen überhaupt, weil es für uns Menschen gleichermaßen faszinierend wie furchteinflößend sein kann. Aber man muss vorsichtig sein: Wenn man zu sehr in der Vergangenheit festhängt, macht einen das in der Gegenwart nur unglücklich, da man permanent seine Entscheidungen infrage stellt und sich alternative Realitäten ausmalt.

»Ohne Biberach wäre ich wahrscheinlich nicht zur Musik gekommen.«
MYP Magazine:
Bleiben wir kurz in der Vergangenheit. Wenn man in Deine Biografie schaut, findet man unter anderem zwei Orte, die ein wichtiger Teil Deines Lebens zu sein scheinen, aber unterschiedlicher nicht klingen könnten: Biberach und Roccastrada. Wie haben Dich diese Orte geprägt?
Luke Noa:
Biberach in Baden-Württemberg ist mein Geburtsort. Zwar ist meine Familie mit mir kurz nach meiner Geburt in die Schweiz gezogen, aber nach zwölf Jahren ging’s wieder zurück. Für mich ist Biberach Heimat und so etwas wie ein Familienzuhause, an dem meine Verwandten leben, an dem ich sämtliche Weihnachten und diverse Schützenfeste gefeiert habe, an dem ich Abi gemacht habe – und das mich sehr stark geprägt hat auf meinem frühen Weg als Singer-Songwriter. Ohne Biberach wäre ich wahrscheinlich nicht zur Musik gekommen.
MYP Magazine:
Und Roccastrada?
Luke Noa:
Das ist ein kleiner Ort in der Toskana, wo wir in meiner Kindheit und Jugend immer wieder in Urlaub waren. Gewohnt haben wir jedes Mal im Nachbardorf Sassofortino, in dem Freunde meiner Eltern ein Haus mit unzähligen Zimmern besitzen. Es ist wahnsinnig schön dort, das Haus ist umgeben von Olivenbaum-Feldern und in nur 40 Minuten ist man am Meer. In dieser Gegend ist auch das Musikvideo zu »Roccastrada« entstanden.

»All das, was ich in der Zeit gefühlt, erlebt und gesehen habe, habe ich in einem Song verwoben.«
MYP Magazine:
Klingt nach einem guten Leben.
Luke Noa:
Total. Den Song habe ich allerdings in einer Situation geschrieben, als ich sehr starken Liebeskummer hatte. Das war während unseres letzten gemeinsamen Urlaubs im Jahr 2019.
MYP Magazine:
Warum hast Du den Song nicht »Sassofortino« genannt?
Luke Noa:
Weil ich von meinem Schlafzimmer aus immer auf Roccastrada geschaut habe. Der Ort ist auf einem riesigen Felsmassiv errichtet, das sieht vor allem nachts wie ein Gemälde aus. Wenn ich in meinem Liebeskummer nicht schlafen konnte und stundenlang wach lag, hatte ich ständig diesen besonderen Ort vor Augen. Und so habe ich all das, was ich in der Zeit gefühlt, erlebt und gesehen habe, in einem Song verwoben.

»Man muss verstehen, dass man sich auch mit anderen Dingen beschäftigen muss als mit seinen Träumen.«
MYP Magazine:
Im Song »New World« sprichst Du über eine alte Welt, in der Du dich früher versteckt hast und die Du mittlerweile lange hinter Dir gelassen hast. Was genau war in Deinem Leben diese alte Welt? Und wovor hast Du dich versteckt?
Luke Noa:
Das Leben ist auf so vielen Ebenen einfacher, wenn man noch zu Hause wohnt. Man ist ein bisschen naiver und hat viel Platz für seine Träume. Aber wenn man sich dann tatsächlich auf den Weg macht, um diese Träume zu verfolgen, stößt man mindestens einmal, wenn nicht sogar mehrfach an einen Punkt, an dem man realisiert: Das, was man sich erträumt hat, ist gar nicht so nice, glamourös und leicht erreichbar. Man befindet sich in einem enormen Struggle, aus dem heraus man mit viel Nostalgie auf das unbeschwerte Leben von damals zurückschaut.
Das ist übrigens ein Phänomen, dass ich auch bei vielen Freund*innen wahrnehme, die ebenfalls in künstlerischen Berufen arbeiten. Aber wir alle müssen lernen, dass diese neue Ernsthaftigkeit des Alltags ein Teil des Erwachsenwerdens ist, ein ziemlich wichtiger sogar. Man muss Geld verdienen. Man muss lernen, auf sich selbst zu achten. Und man muss verstehen, dass man sich auch mit anderen Dingen beschäftigen muss als mit seinen Träumen. Oder mit seinem aktuellen Crush…
»Es ist so unglaublich hart für viele da draußen.«
MYP Magazine:
… oder mit den Entwicklungen auf der Welt.
Luke Noa:
Ja, das steckt für mich genauso in diesem Song. Ich habe das Gefühl, dass sich unsere Welt gerade fundamental ändert und zu einer neuen formt. Daher mag ich auch den Chorus so sehr, in dem ich auf das Thema Geld eingehe – mit einem ironischen »Hey! Man braucht halt ein bisschen Geld, um klarzukommen.«
Es ist so unglaublich hart für viele da draußen und die Schere geht immer weiter auseinander. Entweder man hat Glück und gehört zu denen, die in sehr viel kürzerer Zeit sehr viel mehr Geld machen als noch vor wenigen Jahren – etwa, indem man irgendwelche Produkte auf Social Media anpreist. Oder man steht auf der anderen Seite und versucht, von seiner Kunst zu leben. In der Kunstbranche war es zwar schon immer schwierig zu überleben, zumindest wenn man nicht mega kommerziell unterwegs war. Aber mit Corona wurde es für uns in dieser neuen Welt noch viel schwieriger. Und so habe ich mit »New World« meiner, unserer alten Welt einen Abschiedssong gewidmet.

»Kunst ist nicht Design, sondern ein Drang, etwas auszudrücken.«
MYP Magazine:
Mit Deiner Musik machst Du deinem Publikum – auf der musikalischen wie auf der inhaltlichen Ebene – ein sehr intimes Angebot, indem Du es in Deine Gefühlswelt einlädst. Dafür muss man als Hörer*in wiederum eine gewisse Offenheit mitbringen, um sich darauf einzulassen. Denkst Du beim Songwriting die emotionale Verfasstheit Deines Publikums mit?
Luke Noa:
Nein, ganz im Gegenteil. Ich versuche das aktiv zu umgehen, denn andernfalls würde ich nur den Rahmen der Notwendigkeit verlassen, aus der heraus ich Musik mache.
MYP Magazine:
Ein Kunstwerk ist gut, wenn es aus Notwendigkeit entstand, wie Rilke sagt.
Luke Noa:
Richtig. Wenn man Musik aus einer emotionalen Notwendigkeit heraus schreibt, verliert man keinen Gedanken daran, wie das, was man erschafft, am Ende wahrgenommen wird. Kunst ist nicht Design, sondern ein Drang, etwas auszudrücken.

»Wenn Musik in der Lage ist, sich von der Zeit zu lösen, hat sie auch das Potenzial, Grenzen zu überschreiten.«
MYP Magazine:
Deiner Musik haftet eine gewisse Zeitlosigkeit an. Kann man sich das als junger Künstler in der heutigen, Social-Media-getriebenen Welt überhaupt erlauben?
Luke Noa:
Der Aspekt der Zeitlosigkeit war mir in meiner Musik schon immer wichtig. Ich finde, wenn etwas nicht an eine bestimmte Zeit gebunden ist, gibt ihm das einen höheren Wert. Das soll nicht heißen, dass Musik, die gerade gut in die Zeit passt, wertloser ist – ich finde es ohnehin absurd, Musik zu bewerten. Aber wenn Musik in der Lage ist, sich von der Zeit zu lösen, hat sie auch das Potenzial, Grenzen zu überschreiten – genrebezogene Grenzen, nationale Grenzen, emotionale Grenzen. »Gracie« zum Beispiel, mein Lieblingssong auf dem neuen Album, verkörpert das für mich auf eine ganz besondere Weise.

»Die Bewunderung wird größer und größer und dabei verlässt man sukzessive die Ebene der Realität.«
MYP Magazine:
»Gracie« handelt von einem hartnäckigen Celebrity Crush, den Du mal hattest. Damit bist Du nicht allein: Wir Menschen verknallen uns immer wieder in Leute, die wir nur von Social Media kennen, und schenken unser Herz am Ende digitalen Avataren. Was ist aus Deiner Sicht der Grund dafür?
Luke Noa:
Am Anfang steht immer eine ernsthafte Bewunderung. Man entdeckt im Internet eine Person, ist zutiefst beeindruckt von ihr und ihrer Arbeit und beschäftigt sich immer mehr mit ihr. Die Bewunderung wird größer und größer und dabei verlässt man sukzessive die Ebene der Realität. Irgendwann gerät man in einen Zustand, in dem man die Person von Kopf bis Fuß idealisiert. Man glaubt nicht nur, sie persönlich zu kennen, sondern sie auch emotional zu verstehen. Dabei ist man ihr noch nie begegnet. Völlig absurd. Vor allem, wenn man erleben muss, dass jede Idealisierung in sich zusammenfällt oder zumindest auf ein Normalmaß heruntergebrochen wird, wenn man den betreffenden Menschen mal persönlich kennengelernt hat.
MYP Magazine:
Und »Gracie« ist in Deinem Fall wer?
Die Singer-Songwriterin Gracie Abrams, die unfassbar tolle Musik macht. Ich war erst vor Kurzem hier in Berlin auf einem Konzert von ihr und dachte mir schon wieder: Wow, wie kann ein Mensch nur so krasse Songs schreiben, so grandios singen, so wunderschön aussehen und insgesamt nur so perfekt sein?


»Was sagt dieses Idealbild, das ich von einer anderen Person für mich geschaffen habe, über mich selbst aus?«
MYP Magazine:
Neigst Du allgemein dazu, andere zu auf einen Sockel zu heben?
Luke Noa:
Ja und nein. Ich weiß, dass ich grundsätzlich schon ein bisschen anfällig dafür bin. Aber im Fall Gracie Abrams war es eher ein Ausnahmefall, da hier ganz viele Aspekte zusammenkommen, die ich toll finde.
Übrigens: Dass ich mich in einem Song zu meinem Celebrity Crush bekenne, war für mich etwas vollkommen Neues. Immerhin mache ich mich damit auch ein Stück weit nackt. Aber mir war es wichtig zu zeigen, dass es hier nicht um Gracie Abrams geht, sondern nur um mich – so einen Crush zu haben, hat überhaupt nur mit einem selbst zu tun.
Ich frage mich in dem Song: Was sagt dieses Idealbild, das ich von einer anderen Person für mich geschaffen habe, über mich selbst aus? Und ist es überhaupt gesund, den unbedingten Drang zu verspüren, so perfekt wie mein Crush zu werden – weil ich sonst das Gefühl habe, für die Welt nicht gut genug zu sein? Das in einem Song zu ergründen, war mit das Spannendste, was ich je gemacht habe.

»Bei den Beatles dachte man damals noch, das seien Übermenschen.«
MYP Magazine:
Wie gehst Du selbst damit um, wenn Du von anderen auf ein Podest gestellt wirst, zum Beispiel von Fans?
Luke Noa:
Ich hatte noch nie den konkreten Fall, dass ich damit konfrontiert war oder darauf reagieren musste. Meine Fans sind glücklicherweise sehr, sehr respektvoll, wofür ich überaus dankbar bin. Davon abgesehen habe ich den Eindruck, dass sich vor allem bei jüngeren Generationen dieses Überhöhen anderer immer stärker reduziert. Bei den Beatles dachte man damals noch, das seien Übermenschen. Heute verstehen wir immer besser, dass diese Idealisierung nur in unseren Köpfen stattfindet und ein völlig einseitiges Ding ist.

»Nach diesem Song habe ich keine wirkliche Angst mehr davor, mich in meiner Musik nackt zu machen.«
MYP Magazine:
Du hast eben erwähnt, dass Du dich mit »Gracie« ein Stück weit nackt gemacht hast. Wie stellst Du für dich in Deiner Musik sicher, dass Du dich emotional nicht vollkommen auslieferst, sondern Dir immer einen Rest Privatheit bewahrst?
Luke Noa:
Ich glaube: Ein gewisses Risiko tut gut, auch der Kunst. Als ich »Gracie« geschrieben habe, dachte ich erst, das kann ich nicht machen, das ist zu offenbarend, damit mache ich mich angreifbar. Darüber zu sprechen, hat mich eine enorme Überwindung gekostet, denn so ein Thema ist mit einer gewissen Scham verbunden. Aber gerade das macht es am Ende so authentisch.
Spätestens nach diesem Song habe ich keine wirkliche Angst mehr davor, mich in meiner Musik nackt zu machen. Ganz im Gegenteil: Mittlerweile halte ich das sogar für eine Notwendigkeit. Denn wenn man sich zu sehr versteckt, ist man in seiner Kunst auch nicht mehr authentisch. Aber gerade das ist aus meiner Sicht das Wichtigste an Musik.
»Es ist ein bisschen einfacher, mit seinen Dämonen zu leben, wenn man sie ab und zu in den Arm nimmt.«
MYP Magazine:
Du beschließt Dein Debütalbum mit dem Song »Demons«, der nur aus sechs Zeilen besteht:
I’ve been California dreamin‘ baby
I’ve been riding with the demons baby
and I don’t wanna stand in the rain no more
I’ve been living in a daydream baby
I’ve been hiding with my demons lately
and I don’t really see any other way
Gleich mit der ersten Line schlägst Du eine Brücke in die Vergangenheit, und zwar zu dem berühmten Song von The Mamas and the Papas aus dem Jahr 1965, zu dem Omar Apollo übrigens 2021 ein wunderschön-melancholisches Cover veröffentlicht hat. Der musikalische Klassiker startet mit den Zeilen:
I’d be safe and warm
If I was in L.A.
California dreamin‘
On such a winter’s day
Lassen wir uns kurz beide Songtexte verbinden: Was spendet Dir Wärme und Sicherheit im Leben? Was lässt Dich deine Dämonen loslassen? Und was holt Dich aus dem Regen ins Trockene?
Luke Noa:
Mein privates Umfeld und meine Familie. Ich bin sehr dankbar für all die guten und engen Freundschaften, die es in meinem Leben gibt, und für das gute Verhältnis, das ich zu meinen Brüdern und Eltern habe. Das fängt mich immer wieder auf.
Was mir darüber hinaus hilft, vor allem im Umgang mit den eigenen Dämonen, ist, dass ich gelernt habe, mein Innerstes zu erforschen. Ich möchte verstehen, woher diese Dämonen kommen, und mich ihnen stellen. Das heißt nicht, dass sie dadurch verschwinden. Aber es ist ein bisschen einfacher, mit seinen Dämonen zu leben, wenn man sie ab und zu in den Arm nimmt und zu sich ins Wohnzimmer einlädt. Klar, man will natürlich, dass sie sich schnellstmöglich wieder verabschieden. Aber man kann anders mit ihnen umgehen, wenn man sich vor ihnen nicht hinter einem Schrank verstecken muss, sondern sich mit ihnen an einen Tisch setzt.


»Alles um einen herum ist anders. Nur die Dämonen sind dieselben.«
MYP Magazine:
Und notfalls kann man ja immer noch nach Roccastrada fahren.
Luke Noa:
Richtig. Oder nach Neuseeland. Aber auch da kommt man irgendwann an einen Punkt, an dem man sich fragen muss: Hat man durch den Ortswechsel tatsächlich etwas verändert? Oder ist man nur wieder mal vor etwas geflohen, ohne sich dem wirklich zu stellen? Ich glaube, es ist immer eine gute Entscheidung, sich mit seinen Dämonen auseinanderzusetzen, statt vor ihnen abzuhauen.
Auf meiner letzten EP gibt es einen Song, »Bethells Beach«, in dem ich genau dieses Thema behandle: Ich reise nach Neuseeland und fliege dafür um die halbe Welt. Doch als ich dort ankomme, merke ich, dass sich einige emotionale Themen, die ich eigentlich zu Hause lassen wollte, heimlich in meinen Koffer geschlichen haben.
Aber das Ganze hat auch einen Vorteil: Wenn man so weit weg ist von zu Hause, hat man einen überkrassen Filter. Alles um einen herum ist anders, andere Zeitzone, andere Sprache, andere Natur. Nur die Dämonen sind dieselben. Und plötzlich sieht man sie wie unterm Mikroskop.

Mit besonderem Dank an das Team des Route 66 Diner in Berlin:
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Fotografie: Osman Balkan
Interview & Text: Jonas Meyer
Sivilian
Interview — Sivilian
»Es hilft Menschen, wenn man offenbart, dass es einem ähnlich geht«
Der Schweizer Adrian Graf alias Sivilian steht für eingängige, fast hymnische Popsongs, in der auch immer eine gewisse Melancholie mitschwingt. In seiner aktuellen EP »Growing up Hurts« gewährt er zudem einen sehr privaten Einblick in sein Leben, denn er erzählt darin von seinem Aufwachsen als queerer Teenager in den Bergen. Im MYP-Interview erklärt Sivilian, warum ihm als Kind die Worte gefehlt haben, wieso die Mischung aus Britney Spears und Bob Dylan für ihn der ideale Musikstil ist und weshalb ein Coming-out nicht weniger ist als eine klassische Held*innen-Geschichte.
23. September 2025 — Interview & Text: Jonas Meyer, Fotografie: Juliusz Gastev

Eau Claire in Wisconsin, Bognor Regis in West Sussex oder Sebastopol im kalifornischen Sonoma County: Man muss nicht in einer pulsierenden Metropole wohnen, um die Welt mit guter Musik zu beglücken – siehe Justin Vernon, Gründer von Bon Iver, Robert Smith von The Cure oder Tom Waits. Und damit sind die drei bei Weitem nicht alleine.
Bei Adrian Graf alias Sivilian zum Beispiel sieht es ganz ähnlich aus. Für die Arbeit an seiner aktuellen EP »Growing up Hurts« wählte der Schweizer Singer-Songwriter vor drei Jahren ganz bewusst das malerische Goldiwil, ein kleines Dorf im Schweizer Kanton Bern, in dem er auch seine Kindheit und Jugend verbracht hatte. Und das ungefähr so viele Einwohner*innen hat wie Höhenmeter.
Sivilians Musik in irgendeiner Form mit Bon Iver, The Cure oder Tom Waits zu vergleichen, darum soll‘s an dieser Stelle gar nicht gehen. Dennoch fallen mindestens zwei Gemeinsamkeiten auf: Erstens haben sich alle Genannten zumindest temporär für einen Ort entschieden, der ihnen und ihrer Kreativität am besten tut – als Akt der Selbstfürsorge, sozusagen. Und zweitens besticht auch Sivilian durch eine eigene und klar erkennbare musikalische Handschrift. Nicht alle, die ihre Songs von London, Nashville oder Berlin aus schreiben, können das für sich in Anspruch nehmen.
Diese Handschrift zeichnet sich aus durch eine besondere Mischung aus Stimmfarbe und -umfang, eingängigen, fast hymnischen Hooks und der mal mehr und mal weniger stark ausgeprägten Melancholie, die in einem Sivilian-Song in der Regel subtil unter energetischen Poprhythmen liegt.
Und dann gibt es da noch etwas: Adrian ist schwul. Klar, könnte man jetzt boshaft sagen, in der kleinen Schweiz nimmt man als queerer Musiker automatisch eine exponierte Stellung ein, besetzt man doch die Nische in der Nische. Aber das würde dem 33-Jährigen nicht in Ansätzen gerecht. Denn Adrian Graf aka. Sivilian macht sich nicht nur außerhalb seiner Kunst für die Rechte queerer Menschen und ihre Themen stark. Er übersetzt auch die ganz eigenen Erlebnisse und Erfahrungen eines schwulen Teenagers, der in einem 1.100-Seelendorf großgeworden ist, zu gleichsam mutmachenden wie einfühlsamen Songs. »Take your broken heart, make it into art«, würde Carrie Fisher sagen.
Dass das nicht jedem gefällt, durfte Sivilian am Morgen des 1. September erleben. Vor seiner Wohnung in Zürich, wo er seit zwei Jahren wieder lebt, bewarfen Unbekannte seine aus dem Fenster hängende Regenbogenflagge erst mit Eiern, dann entfernten sie sie gewaltsam und hinterließen dabei Brandspuren vor dem Gebäude.
»The kid is algright. F*ckers.«, ließ er die Welt kurz darauf in einem Instagram-Statement wissen, womit er den Titel seiner jüngsten Single aufgriff: ein Song, mit dem er tief in seine Seele blicken lässt und beschreibt, wie man in dunklen Zeiten zu Kraft, Mut und Zuversicht findet.

»Ich war ein Kind, das sich vieles nicht zu sagen getraut hat.«
MYP Magazine:
Adrian, das Cover Deiner aktuellen EP »Growing up Hurts« zeigt Dich in einem T-Rex-Kostüm für Kinder, dem Du deutlich entwachsen bist. Wie kam es zu diesem ungewöhnlichen, etwas melancholisch wirkenden Foto?
Sivilian:
Als Kind habe ich Dinosaurier geliebt! Eigentlich wollte ich dieses Thema im Artwork noch viel stärker aufgreifen. Aber ich hatte die Sorge, keinen einzigen Dino beim Namen nennen zu können, falls ich in Interviews dazu gefragt würde. (lächelt)
Darüber hinaus hatte ich schon als kleiner Junge großen Spaß daran, mich zu verkleiden und in die unterschiedlichsten Kostüme zu schlüpfen – ich glaube, die Faszination dafür teilen generell viele queer kids. Diese beiden Erinnerungen an meine Kindheit wollte ich auf dem EP-Cover vereinen.
MYP Magazine:
In dem gleichnamigen Song singst Du: Growing up hurts when it’s hard to communicate. Was genau meinst Du damit?
Sivilian:
Die Zeile bezieht sich auf etwas, das ich viel zu lange nicht realisiert habe: Ich war ein Kind, das sich vieles nicht zu sagen getraut hat. Für mich war das über Jahre das Grundproblem aller Probleme. Ich wollte so vieles sagen, konnte aber nicht. Ich hatte dafür schlicht und einfach keine Sprache. Aus diesem Grund ist der Song auch sehr kryptisch gehalten. Mir war es wichtig, diese jahrelange Sprachlosigkeit nicht einfach platt zu beschreiben, sondern das Gefühl zu vermitteln, mit dem man in seinem Inneren konfrontiert ist, wenn man eigentlich kommunizieren möchte, aber keine Silbe über die Lippen bringt – oft auch aus Angst.

»Kein Wunder, dass einem da die Worte fehlen.«
MYP Magazine:
Angst wovor?
Sivilian:
Davor, nicht oder nicht richtig verstanden zu werden. Es gab in meinem Leben schon früh erste Anzeichen, dass ich schwul bin. Aber es gab niemanden, der mir das Gefühl geben konnte, dass das okay ist. Es gab auch in der breiten Öffentlichkeit niemanden – oder zumindest habe ich niemanden wahrgenommen –, der offen schwul war. Dabei hätte mir das extrem geholfen. Ich bin in einem christlich-konservativen Schweizer Dorf aufgewachsen, dort war das Thema mehr oder weniger tabu. Zwar nicht unbedingt zu Hause bei meinen Eltern, aber auf jeden Fall in meinem weiteren Umfeld, etwa in der Schule oder im Dorf.
MYP Magazine:
Wie hat sich das geäußert?
Sivilian:
Mein Gitarrist zum Beispiel, der auch aus diesem Dorf kommt, ist bei einem lesbischen Paar aufgewachsen. Unser erzkatholischer Lehrer hat mit der gesamten Klasse dafür gebetet, dass der Junge nicht in die Hölle kommt. Und nicht nur das: Er wurde gemobbt, seine Mütze wurde abgefackelt und am Ende musste er die Schule wechseln. So viel zu dem Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin. Kein Wunder, dass einem da die Worte fehlen.

»Wir haben uns aus unserem kleinen Kaff heraus ganze Welten gebaut.«
MYP Magazine:
Hat Deine Sprachlosigkeit als Kind Dich zur Musik gebracht?
Sivilian: (lächelt)
Nein, dass war eher die Langweile. Der Ort, an dem ich aufgewachsen bin, ist so klein, dass man da nicht viel unternehmen kann. Man hat kaum Optionen, vor allem nicht als Kind. Daher habe ich sehr früh begonnen, mit meinen zwei besten Freunden kleine Filme zu drehen, Theater zu spielen, Musik zu machen oder – ganz allgemein gesagt – Geschichten zu erzählen. Wir haben uns aus unserem kleinen Kaff heraus ganze Welten gebaut. Lustigerweise ist der eine am Ende Regisseur geworden und der andere arbeitet als Illustrator.

»Ich habe mir ständig eingeredet: Es ist nur für ein Jahr, dann ziehst du weiter.«
MYP Magazine:
Zu der aktuellen EP, die im März erschienen ist, hast Du auch eine kleine Video-Doku veröffentlicht. Darin berichtest Du von einem kritischen Moment in Deinem Leben, als Du dich entscheiden musstest, das Jobangebot einer Berliner Werbeagentur anzunehmen oder wieder bei Deinen Eltern in Goldiwil einzuziehen. Du hast Dich am Ende für das Schweizer Alpendorf und gegen Berlin entschieden. Bereust Du deine Wahl?
Sivilian:
Nein, ganz und gar nicht. Rückblickend war meine Wahl die absolut richtige, denn sie war eine klare Entscheidung für die Musik.
MYP Magazine:
Warum nur rückblickend?
Sivilian:
Mit Ende 20 zurück ins Elternhaus zu ziehen, hat sich im ersten Moment wie Scheitern angefühlt. Außerdem dachte ich auch eine ganze Weile, ich müsse mich dafür verteidigen – dabei war es für die Leute überhaupt kein Thema, dass ich wieder bei den Eltern wohne, um mich dort meiner Musik zu widmen. Dennoch habe ich mir vor allem in den ersten Wochen und Monaten ständig eingeredet: Es ist nur für ein Jahr, um an der EP zu arbeiten, dann ziehst du weiter.
Heute bereue ich es ein bisschen, meine Wahl nicht mit mehr Stolz getragen zu haben. Ich hätte meine Zeit von Anfang an viel mehr genießen und nutzen können, vor allem in Bezug auf meine Kreativität. Davon abgesehen ist das eine unglaublich schöne Gegend und ich bin froh, hier aufgewachsen zu sein, trotz der Enge und der vielen Widrigkeiten.

»Da war einfach eine riesengroße Angst in mir.«
MYP Magazine:
Nach Deinem Umzug hast Du in Deinem ehemaligen Kinderzimmer ein altes Tagebuch gefunden. Wie war es für Dein erwachsenes Ich, darin Deinem jugendlichen Ich zu begegnen?
Sivilian: (lacht)
Das war cringe! Auch, weil ich feststellen musste, dass ich damals selbst in meinem Tagebuch nicht ehrlich und aufrichtig sein konnte. Ich habe darin eigentlich nur performt. Soll heißen: Statt einfach für mich persönlich wahre Gedanken und Gefühle niederzuschreiben, habe ich sie aufwändig verpackt und verschlüsselt – aus Angst, jemand könnte das Buch finden und mich erkennen.
In meiner Erinnerung war mein Coming-out-Prozess auch lange etwas, das mehr oder weniger okay war für alle Beteiligten. Aber in den letzten Jahren habe ich – auch durch den Tagebuch-Fund – realisiert, dass ich diese Zeit romantisiert habe. Tatsächlich ging es mir als Teenager nicht gut. Da war einfach eine riesengroße Angst in mir. Und die Musik gibt mir heute die Möglichkeit, das für mich ein bisschen aufzuarbeiten.
»Menschen wie wir nehmen die erste Liebe immer als etwas Problematisches wahr.«
MYP Magazine:
Die Videodokumentation zu »Growing up Hurts« startet damit, wie Du erzählst, zum ersten Mal als »Schwuchtel« beleidigt worden zu sein. Didier Eribon schreibt in »Rückkehr nach Reims«:
Als ich dreizehn oder vierzehn war, freundete ich mich mit einem Jungen aus meiner Klasse an […]. Es ist nicht übertrieben, meinen damaligen Zustand als Verliebtheit zu bezeichnen. Ich liebte diesen Jungen, wie man in diesem Alter eben liebt. Doch weil wir beide männlich waren, konnte ich ihm gegenüber natürlich unmöglich meine Zuneigung ausdrücken. (Eine der traumatischsten Erfahrungen für heranwachsende, aber auch erwachsene Homosexuelle: dem anderen nicht sagen können, was man für ihn empfindet. Auch deshalb sind Begegnungsorte, sobald man von ihnen weiß und alt genug ist, um dorthin zu gehen, so wichtig. Dort ist von vornherein klar, dass die Regeln des Selbstverständlichen außer Kraft gesetzt sind.) Ich habe geschrieben, es sei mir unmöglich gewesen, »ihm gegenüber meine Zuneigung auszudrücken«. Das ist wahr. Unmöglich war es aber auch, sie für mich selbst zu formulieren.
Würdest Du sagen, dass Du auf ähnliche Weise traumatisiert bist?
Sivilian:
Ich mag diese Passage sehr. Didier Eribon ist 1953 geboren, ich 1992. Aber das, was er da erzählt, ist fast eins zu eins auch meine Geschichte. Und ich befürchte, dass sich queere Teenager von heute in dem Text genauso wiederfinden wie ich. Das ist doch tragisch. Menschen wie wir nehmen die erste Liebe immer als etwas Problematisches wahr. Man merkt, man ist anders und kann seine Liebe oft weder aussprechen noch ausleben. So bleibt sie in den allermeisten Fällen im Geheimen, während heterosexuelle Jungs ganz offen ihre Schwärmereien für Mädchen teilen dürfen.
Aus diesem Gefühl heraus habe ich auch meinen Song »Boy« geschrieben. Er ist ein Liebeslied an einen Jungen, der meine erste Liebe war – eine Liebe, die nicht erwidert wurde und der ich einen guten Liebessong schenken wollte.

»Ich möchte meinem früheren Ich sagen: You’re doing good.«
MYP Magazine:
In welcher Musik hast Du als Kind und Jugendlicher Trost gefunden?
Sivilian: (grinst)
It’s Britney, bitch! Ich habe in jungen Jahren wirklich sehr viel Popmusik gehört. Gleichzeitig war ich aber auch sehr beeinflusst von dem Musikgeschmack meiner Eltern, die zum Beispiel Bands wie Abba, Queen und Creedence Clearwater Revival mochten. Und zur Musik von Bob Dylan habe ich Gitarre spielen gelernt. All das zusammen war der Soundtrack meiner Kindheit.
MYP Magazine:
Diesen Soundtrack hast Du nachträglich erweitert, denn mit Deiner »Growing up Hurts«-EP wendest Du dich direkt an Dein früheres Ich. Welche Botschaft möchtest Du damit in die Vergangenheit schicken?
Sivilian:
Ich möchte meinem früheren Ich sagen: You’re doing good. Alles, was du tust, dient deiner Fantasie. Zweifel nicht an dir, sondern mach einfach weiter – auch wenn dir andere sagen, du solltest deine Zeit besser in Mathe investieren.

»Ich wurde musikalisch zwischen Britney Spears und Bob Dylan sozialisiert.«
MYP Magazine:
Worin hast Du deine Zeit damals lieber investiert?
Sivilian:
Ich fand es toll, mich zu verkleiden und eine Show zu machen, so im »Mini Playback Show«-Stil. Das war damals echt groß für mich. Und irgendwann habe ich begonnen, Geschichten zu erzählen. Ich habe endlose Stunden damit verbracht, Texte zu schreiben und darin ganze Länder zu zeichnen und Welten zu bauen. Eine Zeit lang wollte ich sogar mal Autor werden. Ich habe davon geträumt, Bücher zu veröffentlichen. Aber ich habe schnell gemerkt, dass ich nicht das Sitzfleisch habe, um Hunderte von Seiten zu schreiben. Mir gelingt es eher, kurze Geschichten zu skizzieren, in nur wenigen Sätzen. Darauf habe ich mich am Ende fokussiert: Ich schreibe heute viele kleine Geschichten und mache, dass sie gut klingen.
MYP Magazine:
Wann in Deinem Leben gab es eine erste Idee von der musikalischen Handschrift, mit der Du diese Geschichten zum Klingen bringst? Wie ist der spezifische Sivilian-Sound entstanden?
Sivilian: (lacht)
Ich selbst höre diesen sogenannten Sivilian-Sound nicht. Wenn ich ins Studio gehe, habe ich immer ein paar Referenzsongs im Kopf, die grob umreißen, in welche Richtung ich mich bewegen möchte. Wie gesagt, ich wurde musikalisch zwischen Britney Spears und Bob Dylan sozialisiert. Das sind auch in meiner eigenen Musik die Welten, die ich versuche zu verbinden. Wahrscheinlich ist es das: Britney Dylan. Sivilian ist das Streben nach Britney Dylan.
MYP Magazine:
Interessante Kombination.
Sivilian:
Ja, finde ich auch. Aber ich habe das Gefühl, dass, ich lange noch nicht fertig bin, diesen Stil zu schärfen und zu finden. Das ist ein Prozess. Bevor ich Sivilian als Soloprojekt gegründet habe, war ich zehn Jahre lang Teil einer Folk-Pop-Band. Und bei meinem ersten Mal allein im Studio war klar: Ich will nicht klingen wie diese Band. Also habe ich mich stärker in die Poprichtung bewegt.

»Mach doch mal andere Musik als diesen melancholischen Folk-Pop.«
MYP Magazine:
Wie ist überhaupt der Name Sivilian entstanden?
Sivilian:
Meine Schwester heißt Silvia, ich heiße Adrian und Sivilian ist eine etwas freiere Kombination aus beiden Namen. Meine Schwester war die Person, die mich ermutigt hat, ein Soloprojekt zu starten. Sie sagte: »Mach doch mal andere Musik als diesen melancholischen Folk-Pop. Ich will zu Deiner Musik ein bisschen tanzen können.« Und so ist zu ihren Ehren der Name entstanden…
MYP Magazine:
… der sich anhört wie das englische civilian, Zivilist.
Sivilian:
Ja, das war natürlich noch ein Bonus on top.

»Ich habe das Gefühl, immer sicherer zu werden mit dem, wo ich musikalisch hinwill.«
MYP Magazine:
Seit Veröffentlichung Deines ersten Songs »Invisible to Automatic Doors« im Jahr 2020 hat man den Eindruck, dass Deine Musik sukzessive bestimmter, resoluter und präsenter geworden ist. Bemerkst Du eine ähnliche Entwicklung?
Sivilian:
Ich würde es anders ausdrücken: Ich habe das Gefühl, immer sicherer zu werden mit dem, wo ich musikalisch hinwill. Das merke ich auch im Studio. Ich arbeite zunehmend mit anderen Leuten zusammen, mit denen ich in sogenannten Sessions innerhalb eines Tages einen kompletten Song schreibe. Durch das ständige Pingpong-Spiel zwischen uns schärft sich das Bild, das wir alle von dem Song haben viel schneller. Ich mag diese Arbeitsweise total – erstens, weil es sehr viel Spaß macht. Und zweitens, weil ich merke, dass ich dadurch ein besseres Gefühl dafür entwickle, was für meine Musik gut ist und was nicht.
MYP Magazine:
Du hast in Deinem Leben bisher eine dreifache Emanzipation durchlaufen. Du bist erwachsen geworden, hast Dich mit Deiner Sexualität sichtbar gemacht und zu Deiner ganz eigenen Musik gefunden. Auf welchen dieser Aspekte bist du am meisten stolz?
Sivilian:
Auf die Musik! Ich habe damit für mich eine ideale Möglichkeit gefunden, mich auszudrücken und Geschichten zu erzählen. Und das sind nicht nur queere Geschichten. Mit »Versailles« zum Beispiel erscheint diesen Winter ein Song, in dem es um die Züricher Wohnungskrise geht. Mir ist es wichtig, auch solche Themen zu bearbeiten.

»Ich habe zum ersten Mal realisiert, wie verletzlich ich mich mit meiner Musik mache.«
MYP Magazine:
Trotzdem hast Du letztes Jahr mit »Chlorine« zum ersten Mal Deine eigene Queerness hör- und sichtbar gemacht. Welche Bedeutung hatte die Veröffentlichung des Songs und des dazugehörigen Videos für Dich?
Sivilian:
Ich werde oft gefragt, ob das eine bewusste Entscheidung gewesen sei. Aber ich mache mir über so etwas im Vorfeld nie Gedanken. Ganz im Gegenteil. Mir geht es immer nur darum, eigene Erfahrungen und Gefühle in einem Song zu verpacken.
Im Fall von »Chlorine« war es so, dass ich darüber in einem Interview mit einer großen Schweizer Zeitung gesprochen hatte. Dabei ging es auch um die queere Thematik des Songs. Ich erinnere mich noch, wie ich kurze Zeit später in der Tram unterwegs war und vor mir eine alte Dame saß, die eine Zeitung in der Hand hatte. Als sie umblätterte, sprang mir ein riesiges Foto von mir entgegen – versehen mit dem Zitat: »Die queeren Vorbilder fehlten«.
In dem Moment habe ich zum ersten Mal realisiert, wie verletzlich ich mich mit meiner Musik mache, wenn ich darin von meinem eigenen Leben erzähle – mit allem, was dazugehört. Aber gleichzeitig habe ich auch gespürt, dass ich dadurch zu einer neuen Kraft gefunden habe: einer Kraft, die mich anspornt, das Ganze in einem meiner nächsten Songs vielleicht noch ein bisschen auf die Spitze zu treiben. (lächelt)
»Wenn das Poolwasser nach Chlor schmeckt, haben wahrscheinlich schon einige Leute reingepinkelt.«
MYP Magazine:
Das Musikvideo zu »Chlorine« spielt um und in einem Swimmig Pool. Dieses Pool-Thema scheint eine besondere Anziehungskraft zu haben, man findet es auch bei vielen anderen queeren Künstler*innen, etwa bei Ryan Beatty, Omar Apollo oder Troye Sivan. Wofür genau steht dieses Setting eines sommerlichen Swimming Pools für Dich?
Sivilian:
Für heiße Leute.
MYP Magazine:
Punkt.
Sivilian: (lächelt)
Genau, Punkt. Es gibt einen tollen Videoclip von Kylie Minogue zu ihrem Song »Slow«, der an einem Pool in Barcelona gedreht wurde. Dieses Video war eine große Inspiration für mich. Den Song selbst gibt‘s schon seit einer halben Ewigkeit, an einem ersten Entwurf habe ich schon mit Anfang 20 geschrieben. Im Laufe der Zeit hat sich die Idee immer weiterentwickelt. Irgendwann ist mir aufgefallen, dass man das Chlor im Wasser eines Pools eigentlich erst wahrnehmen kann, wenn es gegen die Verschmutzung arbeitet. Oder anders gesagt: Wenn das Poolwasser nach Chlor schmeckt, haben wahrscheinlich schon einige Leute reingepinkelt. Das gibt dem Ganzen irgendwie eine lustige Note.

»Ich bin froh, dass ich mein öffentliches Coming-out erst hatte, als ich schon etwas älter war.«
MYP Magazine:
Letztes Jahr haben wir den Schauspieler und Musiker Daniel Donskoy interviewt, der auch Gastgeber des ARD-Formats »Freitagnacht Jews« war. Er erzählte uns: »Vor ›Freitagnacht Jews‹ war ich nur der Schauspieler und Musiker Daniel Donskoy. Nach ›Freitagnacht Jews‹ war ich der jüdische Schauspieler und Musiker Daniel Donskoy – und zwar nur noch der jüdische.« Bist Du seit »Chlorine« der schwule Musiker Sivilian – und zwar nur noch der schwule?
Sivilian:
Ich bin schwul, das gehört zu mir. Ich sage das so klar, weil es mir darum geht, das Vokabular zurückzugewinnen, für mich und für uns. Immerhin gehört das Wort bei Jugendlichen immer noch zu den beliebtesten Beleidigungen. Und das ist für mich nicht akzeptabel. Ich weiß, dass ich da gegen Windmühlen kämpfe, aber wenn ich das Wort nur im Ansatz zurückgewinnen will, geht das nicht, ohne dass ich mein eigenes Schwulsein offen lebe.
Ich bin vor Kurzem in die »Kaulitz & Kaulitz«-Doku eingestiegen. Auch wenn ich den Hype um Tokio Hotel damals miterlebt habe, mit all den Kontroversen, ist es heute im Rückblick heftig zu sehen, wieviel Hass Bill damals abbekommen hat – und wie gut er darin war und ist, diesen Hass von sich abprallen zu lassen. Ich bezweifle, dass mir das persönlich gelingen würde. Zwar bin ich jetzt auch schon eine ganze Weile im Musikgeschäft, aber ich bin froh, dass ich mein öffentliches Coming-out erst hatte, als ich schon etwas älter war. Mit 17 hätte ich das wahrscheinlich noch nicht durchgestanden.

»Wir alle haben mit unserem Coming-out eine klassische Held*innen-Geschichte geschaffen.«
MYP Magazine:
Das heißt, wenn Du die Zeit zurückdrehen könntest, würdest Du dich einer Zeitung wieder so offenbaren?
Sivilian:
Ja, natürlich. Auch weil ich finde, dass es eine echt gute Geschichte ist. Wir alle haben mit unserem Coming-out eine klassische Held*innen-Geschichte geschaffen, denn wir haben diese Reise überlebt.
Ob ich diesen Stempel jetzt habe oder nicht, ist mir ehrlich gesagt egal. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass mich das von irgendetwas ausschließt, etwa was Festivals oder generell die Musikindustrie angeht. Und wenn, würde ich dort auch nicht auftreten wollen. Davon abgesehen gibt es in der Schweiz eh nicht so viele queere Musiker*innen. Von daher: the more the merrier.

»Ich musste viel kämpfen, mit mir selbst und meinem Sein.«
MYP Magazine:
Wir haben eben kurz über queere Musikerkollegen wie Ryan Beatty, Omar Apollo oder Troye Sivan gesprochen. Diese sind für unzählige queere Teenager auf der Welt riesige Vorbilder. Bist Du mittlerweile selbst ein sogenanntes role model?
Sivilian:
Ja, es gibt Leute, für die ich das bin. Zumindest entnehme ich das den Nachrichten, die sie mir schicken – etwa auf Instagram, wo ich manchmal Geschichten erfahre, die so heftig sind, dass ich erst mal lernen muss, wie man damit umgeht. Oder wie man jemanden zurückschreibt, der mehrere Suizidversuche hinter sich hat. Sich in so einem Trauma-Dumping wiederzufinden, war gerade am Anfang nicht leicht für mich und fordert mich immer noch heraus (Hinw. d. Red.: Trauma-Dumping ist das Teilen zu vieler traumatischer oder belastender Informationen mit anderen, ohne Rücksicht auf die Auswirkungen auf den Zuhörer).
Gleichzeitig freut es mich riesig zu sehen, dass es Menschen hilft, wenn man von sich erzählt und offenbart, dass es einem ähnlich geht oder ergangen ist. Das ist übrigens auch ein bisschen die Prämisse meines neuesten Songs, »The Kid Is Alright«. Darin unterstreiche ich diesen »Es wird besser«-Satz, der einem als Teenager oftmals zugeworfen wird. Ich möchte jungen Menschen Hoffnung machen, indem ich ihnen sage: Ich musste viel kämpfen, mit mir selbst und meinem Sein. Aber ich habe das irgendwie hingekriegt. Und du wirst das auch schaffen.

»Das, was in den USA abgeht, scheint mittlerweile auch in der Schweiz populär zu werden.«
MYP Magazine:
Apropos »Es wird besser«: Wir erleben in Deutschland gerade einen rapiden Anstieg von queerfeindlicher Gewalt. Wie ist Situation in der Schweiz?
Sivilian:
Auch bei uns ist die Situation zunehmend beängstigend. Beispielsweise wird in Zürich gerade heiß diskutiert – angestoßen natürlich von der SVP –, ob trans Jugendliche geschlechtsangleichenden Operationen erhalten dürfen oder nicht. Das, was in den USA abgeht, scheint also mittlerweile auch in der Schweiz populär zu werden. Dennoch habe ich die Hoffnung, dass wir den Trumpismus als mahnendes Beispiel sehen und daraus lernen. Es gibt in der Schweiz tolle Menschen, auch in der Politik, die sich Gedanken machen, wie sie junge Leute erreichen und deren Probleme erfassen können. Mittlerweile scheinen sie verstanden zu haben, dass man Social Media nicht den Rechten überlassen darf. Diese Bewegung möchte ich unterstützen.

»Mindestens 700 Leute glauben, dass ich mir auf OnlyFans ein bisschen was dazuverdiene.«
MYP Magazine:
Du dagegen scheinst genau zu wissen, wie Du die sozialen Medien für Dich nutzen kannst. So hast Du zum Beispiel mal über einen fingierten OnlyFans-Link in einer Instagram-Story die Leute zu Deinem neuen Song »Chlorine« gelockt.
Sivilian:
Ja, aber von etwa tausend Menschen, die diese Story gesehen haben, haben nur 300 auf den Link geklickt und erfahren, wohin er wirklich führt. Das heißt: Mindestens 700 Leute glauben seitdem, dass ich mir auf OnlyFans ein bisschen was dazuverdiene.
MYP Magazine:
Verkauft sich Sex in der Musik immer noch am besten?
Sivilian:
Leider ja. Als ich auf Instagram zum allerersten Mal auf den Song hingewiesen habe, ohne die OnlyFans-Falle, haben 30 Leute auf den Link geklickt. Aber als ich den falschen Link eingebaut habe, waren es wie erwähnt 300. Sex macht also einen Unterschied.

»Ich bereue nichts. Höchstens vielleicht, dass ich nicht in Bitcoins investiert habe.«
MYP Magazine:
Auf der Kontaktseite Deiner Homepage hast Du die Leute bis vor Kurzem aufgefordert, Dir Liebesbriefe und Nacktbilder zu schicken. Was waren die bemerkenswertesten Einsendungen?
Sivilian:
Leider ist diesem Aufruf tatsächlich noch niemand gefolgt. Wahrscheinlich, weil heutzutage keiner mehr eine Website besucht.
MYP Magazine:
Vielleicht sind Websites nur etwas für Ältere.
Sivilian:
Vielleicht.
MYP Magazine:
Du setzt Dich in Deinen Texten sehr stark mit dem Älterwerden und sogar mit der Endlichkeit menschlichen Lebens auseinander. Wenn Du heute, mit 33, auf Dein bisheriges Leben zurückblickst: Gibt es etwas, das Du bereust oder anders machen könntest, wenn Du die Chance hättest?
Sivilian:
Ich würde früher ein Soloprojekt starten – obwohl, vielleicht auch nicht. Wer weiß, welche Musik ich dann gemacht hätte und ob ich damit überhaupt glücklich geworden wäre. Soll heißen: Ich bereue nichts. Höchstens vielleicht, dass ich nicht in Bitcoins investiert habe. Aber da ich sowieso in nichts investiere außer in meine Musik, ist das auch ziemlich egal.

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Chaos, Überforderung, Drogenmissbrauch: Mit ihrer packenden Inszenierung der Zustände in einer Neuköllner Notaufnahme löste die Serie »Krank Berlin« im Frühjahr einen kleinen Hype aus. Gerade wurde sie sechsfach für den Deutschen Fernsehpreis nominiert. Wir haben Samuel Jefferson, den Chefautor der Serie, zum Interview getroffen und ihn um eine Bestandsaufnahme des Gesundheitssystems gebeten – schließlich hat er selbst lange als Arzt in einer Notaufnahme gearbeitet.
6. September 2025 — Interview & Text: Jonas Meyer, Fotografie: Maximilian Motel

»Mega«, »absolute Empfehlung«, »muss man gesehen haben«: Als Ende Februar die Serie »Krank Berlin« auf Apple TV+ startete, teilten viele Zuschauer*innen auf Social Media ihre Verzückung über den packend inszenierten Achtteiler, der in einer chaotischen Berliner Notaufnahme spielt.
Und auch die Presse sparte nicht mit Lob. So stellte etwa der Tagesspiegel fest: »Im großen Pool der Krankenhausserien schwimmt ›Kran Berlin‹ damit für sich allein. Vergleiche mit deutschen Vorbildern à la ›Schwarzwaldklinik‹ und Co. muss man gar nicht erst bemühen.« Und die F.A.Z. fragte: »Wurden deutsche Ärzte, Pfleger und Sanitäter jemals so atemberaubend in Szene gesetzt?«
In der Notaufnahme mangelt es an allem: an Zeit, an Personal, an modernem Gerät. Dazu gesellt sich die permanente Überforderung aller Figuren, die durch die Bildschirme zu Hause fast ungefiltert zu den Zuschauer*innen dringt – über eine Kombination aus starkem Cast, packendem Skript, cineastischen Farben und einer fast hyperdynamischen Kameraführung. Kein Wunder, dass sich »Krank Berlin« über viele Wochen in den Top 10 des Streamingdienstes hielt. Und die sicher eine zweite Welle der Begeisterung erfährt, wenn sie in einigen Monaten auf ZDFneo zu sehen sein wird.
Doch während – wie immer bei neuen Serien – der Anfangshype erst mal verflogen ist und sich die Nation bereits an »Kaulitz & Kaulitz« ergötzt hat, sind die Probleme, die in »Krank Berlin« beschrieben werden, nicht aus der Welt. Denn die katastrophalen Zustände in der Notaufnahme entspringen nicht der blühenden Fantasie ihrer Erschaffer. Ganz im Gegenteil: Sie sind der authentische Spiegel einer traurigen Realität.
Einer, der es wissen muss, ist Samuel Jefferson, Chefautor der Serie. Der gebürtige Engländer arbeitete von 2011 bis 2017 als Notfallmediziner in Leeds, Harrogate und London, bevor der den Job an den Nagel hängte und Drehbuchautor wurde.
Großbritannien, könnte man jetzt sagen, ist doch mit Deutschland gar nicht vergleichbar. Aber stimmt das denn? Einige Wochen nach Serienstart haben wir Samuel Jefferson zu einer schonungslosen Bestandsaufnahme getroffen.

»Alles, was wir zeigen, hat einen wahren Kern, nichts ist aus der Luft gegriffen.«
MYP Magazine:
Samuel, Eure Serie zieht die Zuschauer*innen ab Sekunde eins in die chaotischen Zustände einer Berliner Notaufnahme. Du selbst hast in London einige Jahre lang als Notfallmediziner gearbeitet. Wie nah ist das, was die Serie zeigt, an der Realität?
Samuel Jefferson:
Sehr nah! Für die Story haben wir diverse Elemente aus dem realen Arbeitsalltag in einer Notaufnahme zusammengetragen, verdichtet und dramatisiert. Alles, was wir zeigen, hat einen wahren Kern, nichts ist aus der Luft gegriffen. Unser Ziel war es, den Leuten vor den Fernsehern einen authentischen Einblick in den Job von Ärztinnen, Krankenpflegern und Rettungssanitäterinnen zu geben – oder kurz gesagt: von Menschen, die Tag für Tag ans Limit gehen. Und dabei zeigen wir längst noch nicht alles: zum Beispiel die Unmenge an Papierkram, mit der man sich als Arzt jeden Tag herumschlagen muss. Das wäre aus dramaturgischer Sicht viel zu langweilig.

»In solchen Momenten gab es oft die stille Übereinkunft, dass man gemeinsam schwieg und sich betrank.«
MYP Magazine:
Unterscheidet sich die Arbeit in einer britischen Notaufnahme in irgendeiner Form von der in einer deutschen?
Samuel Jefferson:
Als ich 2019 anfing, mit dem Team über die Serie zu sprechen, war ich mir nicht sicher, ob sich meine Erfahrungen als britischer Arzt ohne Weiteres auf Deutschland übertragen ließen. Aber dann haben wir uns mit ein paar Berliner Ärzten zum Gespräch getroffen und festgestellt: Der Stress und die Traumata, die sie in ihrem Alltag erlebten, waren genau dieselben, die ich persönlich auch aus London kannte.
Wenn man eine gewisse Zeit als Arzt gearbeitet hat, ist das ohnehin eine interessante Beobachtung, die man macht: Trifft man im Privaten zufällig auf andere Ärzt*innen, etwa auf einer Dinnerparty, schaut man sich auf eine ganz bestimmte Art an, im Sinne von: Du weißt, wie‘s läuft, nicht wahr? Und das beziehe ich nicht auf die Tatsache, dass beide einen gesellschaftlich exponierten Job haben. Sondern darauf, dass man die gleichen Widrigkeiten in Bezug auf den Arbeitsalltag teilt – weil man das gleiche Leid gesehen hat, weil man Traumata erlebt hat und weil man weiß, dass sich an der ganzen Situation auf absehbare Zeit nichts ändern wird. Wir wissen es einfach. Wir kennen die Branche, in der wir arbeiten. In solchen Momenten gab es oft die stille Übereinkunft, dass man gemeinsam schwieg und sich betrank.

»Ich vermute, für die allermeisten Ärzt*innen ist das die einzige Form, mit dem Elend umzugehen.«
MYP Magazine:
Hat Dir die Arbeit an »Krank Berlin« geholfen, all das zu verarbeiten, was Du persönlich während Deiner Zeit als Notfallmediziner erlebt hast?
Samuel Jefferson:
Tatsächlich war das Schreiben für mich eine Art Traumatherapie – zumindest weiß ich das aus heutiger Perspektive. Eine der Autorinnen, mit der ich zusammengearbeitet habe, sagte mal zu mir: »Samuel, ich glaube, das ist ein Teil deines persönlichen Prozesses, um über diesen Job hinwegzukommen und zu reflektieren.« Sie hatte in ihrem Leben bereits umfangreiche Therapieerfahrungen gemacht und wusste, wovon sie sprach. Ganz im Gegensatz zu mir: Ich habe das erst mal abgetan und wollte es nicht glauben.
Aber als ich einige Monate später am ersten Drehtag ans Set kam und alles dort aussah wie in einer echten Notaufnahme, merkte ich nicht nur, dass ich die vielen Geräte blind bedienen konnte. Ich erinnerte mich auch an all die negativen Gefühle zurück. Erst in diesem Moment wurde mir klar, wie traumatisch der Arztberuf für mich gewesen war. Das hatte ich bis dahin immer verdrängt oder trivialisiert – etwa, indem ich darüber auf sehr britische Art Scherze gemacht habe. Ich vermute, für die allermeisten Ärzt*innen ist das die einzige Form, mit dem Elend umzugehen. Ist das nicht furchtbar?

»Ich hatte wenig Lust, wieder eine Krankenhausserie zu machen.«
MYP Magazine:
Du hast 2015 Deinen Drehbuch-Master an der renommierten »London Film School« gemacht, im selben Jahr hast Du einen Wettbewerb der »British Academy of Film and Television Arts« (BAFTA) gewonnen – mit einer Notaufnahmen-Sitcom, die Du geschrieben hattest. Warum hatte für Dich erst die Arbeit an »Krank Berlin« eine gewisse therapeutische Wirkung – und nicht bereits die an Deiner BAFTA-Serie?
Samuel Jefferson:
Die Sitcom brachte mir damals zwar meinen Agenten ein, aber ich hatte danach erst mal wenig Lust, wieder eine Krankenhausserie zu machen – obwohl es immer wieder Angebote gab. Ich wollte einfach nicht mehr über das Arztsein schreiben. Jeder Arbeitstag fühlte sich am Ende so an, als würde ich von einem stressigen Job nach Hause kommen, dessen einziger Inhalt es war, über einen stressigen Job zu schreiben. Aber mir blieb nichts anderes übrig, denn die Arbeit an der Sitcom schien mir der einzige Weg zu sein, um das zu werden, was ich wirklich liebe: Drehbuchautor.
MYP Magazine:
Warum hast Du nach dieser Erfahrung trotzdem eine weitere Krankenhausserie entwickelt?
Samuel Jefferson:
Beim Schreiben gibt es einen Grundsatz: Man soll darüber schreiben, was man persönlich kennt. Mit diesem Satz konnte ich aber nie etwas anfangen – bis zu »Krank Berlin«. Die Arbeit an der Serie hat mir einen gewissen Erweckungsmoment geschenkt. Ich habe für mich verstanden, dass es nicht nur um die entsprechenden Inhalte und Settings geht, sondern auch die Gefühle und Erfahrungen, die man in Bezug auf das Thema gemacht hat. Erlebte Traumata können da übrigens genauso hilfreich sein wie Scham-, Angst- oder Ohnmachtsgefühle. Hauptsache, es ist real und authentisch.

»Dieses Krankenhaus ist tatsächlich ein beschissener Ort.«
MYP Magazine:
Wie genau ist »Krank Berlin« entstanden?
Samuel Jefferson:
Nachdem ich 2017 nach Berlin gezogen war, wurde ich von einem Freund einer Produktionsfirma empfohlen, die darüber nachdachte, eine funky Neuköllny Krankenhausserie zu machen. Aber mehr gab es dazu noch nicht. Einer der Co-Kreatoren, Viktor Jakovleski, hatte eine Menge Freunde, die in Berliner Krankenhäusern arbeiteten. Beim Zusammensitzen in der Kneipe hatte er sich über die Jahre immer wieder ihre heftigen Job-Geschichten angehört. Irgendwann hatte er das Bedürfnis, das alles aufzuschreiben und auf die große Leinwand zu bringen. Mit dieser inhaltlichen Grundlage kam die Produktionsfirma schließlich auf mich zu und hat mich zu einem ersten Treffen eingeladen. Wir haben uns alle sehr gut verstanden und herausgefunden, dass sich meine britischen Erfahrungen mit denen von Viktors Freunden aus Berlin mehr oder weniger deckten. Und so war »Krank Berlin« geboren…
MYP Magazine:
… ein Name, mit dem die Protagonist*innen der Serie auch das Krankenhaus selbst bezeichnen. Ein very shitty place, wie man im Englischen sagen würde: alles wirkt schmuddelig, heruntergekommen und kaputtgespart.
Samuel Jefferson: (lächelt)
Ja, das ist tatsächlich ein beschissener Ort.

»Es ist wie in jeder Branche: Wenn man das Ganze erst mal von innen sieht, entdeckt man unter dem Glanz das ganze Elend.«
MYP Magazine:
Entspricht das auch Deiner persönlichen Erfahrung: dass Orte, die für Gesundheit stehen, so beschissen sein können?
Samuel Jefferson:
Ich dachte immer, das sei ein spezielles britisches Problem, weil der NHS (»National Health Service«, die Red.) seit vielen Jahren chronisch unterfinanziert ist. In England fallen manche Krankenhausgebäude wortwörtlich auseinander. Und mittlerweile weiß ich, dass es solche Orte auch in Deutschland gibt. Auch wenn einige deutsche Krankenhäuser einen glänzenden Eindruck erwecken, weil sie mehr Geld von privaten Versicherungen erhalten, verbergen sich hinter den repräsentativen Eingangshallen und aufpolierten Schildern dieselben Probleme wie in anderen Häusern: Unterbesetzung, Unterbezahlung, Überlastung, fehlende Ressourcen und so weiter, und so weiter.
Es ist wie in jeder Branche: Wenn man das Ganze erst mal von innen sieht, entdeckt man unter dem Glanz das ganze Elend und die vielen menschlichen Dramen, die sich Tag für Tag abspielen. Das ist übrigens in der Film- und Fernsehbranche nicht anders.

»In meiner Verzweiflung blieb mir nichts anderes übrig, als das Ganze zu googeln.«
MYP Magazine:
Viele der Charaktere Eurer Serie befinden sich in einem permanenten Zustand der Erschöpfung, manche brechen sogar zusammen. Gab es während Deiner Zeit in der Notaufnahme ebenfalls einen Punkt, an dem Du so entkräftet warst, dass du nicht mehr weiterarbeiten konntest?
Samuel Jefferson:
Es gab nicht einen, sondern viele. Das Schlimme ist: Meine Kolleg*innen und ich hatten das Gefühl, dass das wie selbstverständlich zum Job gehört. Am Anfang meiner Ausbildung musste ich insgesamt zwei Jahre lang in verschiedenen Kliniken arbeiten – diese sogenannten foundation years sind vergleichbar mit dem Praktischen Jahr (»PJ«) in Deutschland, bei dem man diverse Stationen durchläuft. Ich erinnere mich noch genau, dass ich meinen ersten Arbeitstag in einer Nachtschicht hatte, da war ich gerade 24 Jahre alt. Ich war immer wahnsinnig müde und musste versuchen, irgendwie durchzuhalten. Dazu kam der generelle Stress, den ein neuer Job so mit sich bringt.
Ich werde nie vergessen, wie ich in meiner ersten Nacht versucht habe, eine Gleichung zu verstehen, mit der man den sogenannten INR-Wert berechnet – ein Verfahren zur Umrechnung des Blutgerinnungsmesswerts eines Patienten. Das hatte ich im Medizinstudium nie gelernt und wusste dementsprechend auch nicht, wie man das macht. Die Krankenschwester wusste es auch nicht, also blieb mir in meiner Verzweiflung nichts anderes übrig, als das Ganze zu googeln. Gleichzeitig klingelte ständig das Telefon und ich musste mich um diverse andere Dinge zu kümmern.

»Das hat sich stellenweise so angefühlt, als würde man in einem Restaurant arbeiten, in dem es kein Buchungssystem gibt.«
MYP Magazine:
Das erinnert sehr stark an die Figur des Dr. Dominik Kohn, einem permanent überforderten Assistenzarzt, der alles versucht, um seine Überforderung und sein Nichtwissen zu verbergen.
Samuel Jefferson:
Dr. Kohns Situation kenne ich nur zu gut. Wie in jedem anderen Beruf gilt aber auch: Irgendwann wird man in allem ein bisschen erfahrener und weiß, wie man einen INR-Wert berechnet oder die Formulare ausfüllt. Das Ding ist nur: Wenn man mal diese Punkt erreicht hat, steht man gleich vor der nächsten Hürde. Dann geht es vor allem darum, mit dem komplexen Management einer Notaufnahme Schritt zu halten. Das hat sich stellenweise so angefühlt, als würde man in einem Restaurant arbeiten, in dem es kein Buchungssystem gibt.
Das heißt: Es kommen ständig neue Leute rein, alle wollen gleichzeitig bestellen, essen und bezahlen. Zudem ist ein Koch ausgefallen und man muss allein die Tische abräumen und herrichten, alle Gerichte kochen und abkassieren. Und dazu klingelt ständig das Telefon. Ich habe schon mal in der Gastronomie gearbeitet und weiß, wie stressig das ist. Im Gegensatz zu einem Restaurant geht’s in der Notaufnahme aber oft um Leben und Tod. Das kann schnell zu einem absoluten Grauen werden, vor allem für Einsteiger.

»Es ist interessant, dass unsere Gesellschaft das zulässt.«
MYP Magazine:
Was hat dieses Grauen mit Dir gemacht?
Samuel Jefferson:
Manchmal, vor Beginn meiner Nachtschicht, saß ich oft zehn, fünfzehn Minuten lang regungslos in meinem Auto auf dem Parkplatz vor dem Krankenhaus. Ich konnte einfach nicht aussteigen. Also starrte ich ins Leere, wie in einem Film noir. Durch meinen Kopf raste immer wieder der Satz: »Ich kann das nicht. Ich kann das nicht.« Ich habe meine Arbeit wirklich gehasst. Ich habe mich davor gefürchtet, dieses Gebäude zu betreten. Aber irgendwann erinnert man sich an seine Pflicht, steigt aus und geht rein. Ich finde das sehr interessant.
MYP Magazine:
Warum interessant?
Samuel Jefferson:
Es ist interessant, dass unsere Gesellschaft das zulässt: dass gerade die Menschen, die Entscheidungen treffen müssen, bei denen es um Leben oder Tod geht, so überarbeitet sind und so wenig Schlaf bekommen, dass sie in einen physischen und psychischen Zustand geraten, der sie am wenigsten funktionieren lässt. Auch wenn ich selbst längst den Job gewechselt habe: In meinem Freundeskreis gibt es immer noch etliche Ärztinnen und Ärzte, bei denen ich mit ansehen musste, wie sie etwa während der Corona-Zeit 70-Stunden-Schichten schieben mussten, einige von ihnen sogar mit Corona-Symptomen. Aber denen wurde gesagt, sie mögen in der Zeit ihrer eigenen Erkrankung bitte Büroarbeit machen, weil sie gebraucht würden.
MYP Magazine:
Immerhin gab’s öfter mal Applaus.
Samuel Jefferson: (grinst spöttisch)
Toll, oder? Das hat nur leider nichts am Grundproblem geändert. Eigentlich ist der Arztberuf etwas Großartiges, zumindest in der Theorie: Man lernt, den menschlichen Körper zu verstehen; man lernt herauszufinden, warum es jemandem nicht gut geht; man lernt, wie man kranken Menschen helfen kann. Das ist unglaublich! Ich wette: Wenn man die moderne Medizin unserer Zeit in eine Kleinstadt des Jahres 1960 verpflanzen könnte, in der man als Arzt genug Zeit für eine überschaubare Zahl von Patienten hat, wäre das der perfekte Beruf.

»Arzt zu sein ist, wie jeden Morgen um sechs am Easyjet-Gate eines Flughafens zu arbeiten.«
MYP Magazine:
Bleiben wir im Jahr 2025. Was konkret müsste sich ändern, um Ärzt*innen zu helfen und den Beruf wieder attraktiver zu machen?
Samuel Jefferson:
Man müsste das Personal verdreifachen. Aber dafür bräuchte es mehr Geld, mehr Ressourcen und vor allem die Sensibilisierung der Bevölkerung für unsere prekäre Situation. Bei vielen Leuten hält sich immer noch die hartnäckige Vorstellung, dass man als Arzt einen Haufen Geld verdient, einen Jaguar fährt und einen traumhaften, entspannten Job macht. Aber das ist nicht die Realität, leider. Arzt zu sein ist, wie jeden Morgen um sechs am Easyjet-Gate eines Flughafens zu arbeiten: Man wird von den Leuten permanent angeschrien.
MYP Magazine:
Das ist wirklich ein Albtraum.
Samuel Jefferson:
Das Schlimme ist, dass man keinerlei Möglichkeit hat, damit in einer gesunden Form umzugehen. Im Medizinstudium wird einem beigebracht, dass man zu den Besten der Besten gehört und all das händeln könne, was der Beruf so mit sich bringt. Dem versucht man gerecht zu werden. Etwa, indem man Wege sucht, seine Gefühle zu unterdrücken und immer weiter zu funktionieren.
Es wäre als Arzt auch höchst problematisch, bei einem aufgebrachten Patienten ebenfalls emotional zu werden. Man muss den Leuten immer das Gefühl vermitteln, dass man stark ist und alles im Griff hat: »Keine Sorge, Mrs. Jones, das wird schon wieder.« Und dann geht man nach Hause und weiß nicht, wo man die unterdrückten Gefühle hintun soll.

»Es gibt viele Ärzt*innen, die eine ganze Menge Drogen nehmen.«
MYP Magazine:
Um mit all dem umzugehen, vergreift sich einer der Hauptprotagonisten Eurer Serie, Dr. Ben Weber, regelmäßig am Medikamentenschrank und schluckt Opioide.
Samuel Jefferson:
Es gibt viele Ärzt*innen, die eine ganze Menge Drogen nehmen. Diesen Aspekt haben wir uns nicht einfach so ausgedacht. Für die meisten ist das ein bewährtes Mittel, um die permanente Ausnahmesituation zu bewältigen. Dabei bräuchten sie eher mal eine Umarmung.
Viele glauben uns das mit den Drogen übrigens gar nicht: Ein Zuschauer schrieb uns, dass er davon überzeugt sei, dass Ärztinnen und Ärzte in der Realität keine Drogen nähmen. Das sei völlig übertrieben. Und wenn, seien das eher Einzelfälle. Das Problem liege da ganz allein bei den jeweiligen Personen. Ich antwortete ihm, dass sich das nicht mit meinen persönlichen Erfahrungen decke. Und dass es wichtig sei, der Frage nachzugehen, warum Ärzte Drogen nehmen, und nicht ob. Die meisten Menschen, die in einer Notaufnahme arbeiten, sind emotional komplett blockiert und brauchen dringend therapeutischen Support. Doch kaum jemand erhält den. Und so bleiben Drogen und Alkohol für viele der einzige Weg, um damit umzugehen – so traurig und problematisch das auch ist.

»Ich dachte, es sei in diesem Beruf ganz normal, sich zu betäuben.«
MYP Magazine:
Hast Du in Deiner Zeit als Arzt ebenfalls auf Drogen zurückgegriffen?
Samuel Jefferson:
Meine eigene Story ist nicht so extrem wie die von Dr. Ben Weber. Stolz bin ich darauf trotzdem nicht. Nach unseren Schichten gingen meine Kolleg*innen und ich regelmäßig in einen Pub, tranken Bier und machten Witze über das, was wir am Tag erlebt hatten – schwarzer Humor ist unter Ärzt*innen weit verbreitet. Dabei hätte es uns viel besser getan, den Alkohol wegzulassen, uns gemeinsam in einen safe space zu begeben und ernsthaft über das zu sprechen, was während der Schicht passiert ist. Denn das war oft sehr schlimm.
Aber wir haben auf den Alkohol gesetzt – die einzige Bewältigungsstrategie, die wir kannten. Und das war auch schon im Studium so. Ich weiß nicht, wie es in Deutschland ist, aber in Großbritannien funktioniert der Arztberuf nach dem Motto: work very hard, play very hard. Und so wurde der massive Alkoholismus von Beginn an zu etwas ziemlich Coolem stilisiert.
Ganz ehrlich: Damals habe ich mir nichts dabei gedacht. Ich dachte, es sei in diesem Beruf ganz normal, sich zu betäuben. Erst durch die Arbeit an »Krank Berlin« wurde mir klar, dass mein Alkoholkonsum ein fataler Bewältigungsmechanismus war. Heute ist mein Leben unendlich viel besser. Ich bin clean und nüchtern.

»Wie die meisten Süchtigen muss auch Dr. Weber eine Lücke in sich füllen.«
MYP Magazine:
Du hast eben davon gesprochen, dass überfordertes Klinikpersonal öfter mal eine Umarmung bräuchte. Würden mehr Umarmungen tatsächlich Dr. Weber davon abhalten, Opioide aus dem Medikamentenschrank zu klauen?
Samuel Jefferson: (lächelt)
Nein, natürlich löst man mit einer Umarmung allein kein Suchtproblem. Dennoch würde sie ihm helfen. Denn wie die meisten Süchtigen muss auch Dr. Weber eine Lücke in sich füllen, die er auf andere Weise nicht zu füllen weiß. Sollte unsere Serie in eine zweite Staffel gehen, wäre es spannend herauszufinden, warum da diese Leere ist – und warum er fast zwanghaft versucht, allen Leuten zu helfen, die sich irgendwie in Not befinden…
MYP Magazine:
… zum Beispiel Patient*innen, die nicht krankenversichert sind.
Samuel Jefferson:
Genau. Leider wird seine selbstlose Fürsorge für andere immer mehr zu seinem eigenen Nachteil. Im Prinzip ist Dr. Weber ein sehr einfühlsamer Mensch, doch tief in ihm schlummert ein schweres, unverarbeitetes Trauma, das sich zu einer posttraumatischen Belastungsstörung entwickelt hat. Der einzige Weg, wie er mit diesem Ansturm von Emotionen umgehen kann, ist die Betäubung. Etwas anderes hat er nicht gelernt – wie meine Kolleg*innen und ich damals. Ist das nicht verrückt?

»Viele können sich mittlerweile nicht mal mehr einen Film im Kino anschauen, ohne dass sie ein Bier in der Hand haben.«
MYP Magazine:
Alkohol ist in unserer Gesellschaft – in der deutschen wie in der britischen – eben allgegenwärtig und leicht zu beschaffen.
Samuel Jefferson:
Ja. Aber ich finde: Wenn man wirklich Spaß am Feiern hat, sollte man das auch nüchtern können. Immerhin geht’s ja um Spaß. Aber viele können sich mittlerweile nicht mal mehr einen Film im Kino anschauen, ohne dass sie ein Bier in der Hand haben.
MYP Magazine:
Was könnte Dr. Weber neben einer Umarmung noch helfen?
Samuel Jefferson:
Einer suchtkranken Person wie ihm kann man nicht einfach sagen: »Hör damit auf!« Vielleicht muss er eine Situation erleben, die ihn wirklich bricht und in der er erkennt, dass er sich vor seinen Dämonen nicht mehr verstecken kann. Ich glaube, dass es diese Kapitulation braucht, um auf gesunde Weise neue Bewältigungsstrategien zu entwickeln.

»Das Problem ist, dass das Schiff bereits gesunken ist, wenn man seine neue Stelle antritt.«
MYP Magazine:
Aber auch das befreit einen Arzt nicht von der enormen Verantwortung, die auf seinen Schultern lastet – immerhin vertrauen ihm fremde Menschen ihre Gesundheit und manchmal auch ihr Leben an. Den jungen Assistenzarzt Dr. Dominik Kohn scheint diese Verantwortung immer wieder zu überfordern, er macht Fehler. Wie bist Du selbst damals mit Deiner Verantwortung umgegangen?
Samuel Jefferson:
Niemand ist für die Verantwortung bereit, wenn er in der Notaufnahme anfängt. Man kann im Studium zwar alle Zahlen, Fakten und Körperteile auswendig lernen. Aber erst, wenn man in dem Job auch tatsächlich arbeitet, weiß man, worum es geht. Daher bin ich auch der Meinung, dass das Medizinstudium viel kürzer gehalten sein könnte – und auch, dass der Zugang erleichtert werden müsste. Das Ganze per Numerus clausus künstlich zu beschränken, nur weil man die Leute mit den besten Noten will, halte ich für Unsinn. Viel wichtiger wäre, auf engagierte Leute zu setzen – und darauf, ihnen beizubringen, wie sie später im Job ihre Emotionen verarbeiten können. In dieser Hinsicht jedenfalls war mein Medizinstudium ziemlich cool.
MYP Magazine:
Inwiefern?
Samuel Jefferson:
An unserer Uni in Newcastle gab es ein sogenanntes Kommunikationstraining. Das heißt, wir konnten mit Schauspieler*innen arbeiten, die sich als Patienten ausgaben und denen wir Nachrichten wie »Ihr Mann ist gerade gestorben« überbringen mussten. Diese Vorbereitung hat mir später im Beruf sehr geholfen. Dennoch hätte ich mir vor allem in meinen ersten Wochen in der Notaufnahme mehr Unterstützung gewünscht, etwa in Form eines Mentors. Aber das Problem ist, dass das Schiff bereits gesunken ist, wenn man seine neue Stelle antritt. Niemand sagt: »Hey, wir nehmen uns drei Wochen Zeit und ich zeige dir, wie man was macht.« Da heißt es nur: »Nimm das da drüben und hilf mir, das Feuer zu löschen!« Von der allerersten Sekunde an befindet man sich in der Defensive und muss kämpfen.

»Ich war überzeugt, dass ich später mal als berühmter Schönheitschirurg in Miami landen würde.«
MYP Magazine:
Du hast bereits während Deines Medizinstudiums erste Drehbücher geschrieben. Warum wolltest Du nicht gleich Drehbuchautor werden, sondern erst mal Arzt?
Samuel Jefferson:
In Großbritannien muss man sich bereits in der Oberstufe entscheiden, was man beruflich machen will – im Gegensatz zu den Deutschen, die nach dem Abi erst mal zwölf Studiengänge absolvieren, um zu schauen, was ihnen liegt. Das gefällt mir. (grinst) Aber in Großbritannien gibt es das sogenannte sixth form, was in etwa der 12. und 13. Klassenstufe eines deutschen Gymnasiums entspricht und in dem man spezielle, berufsvorbereitende Fächer wählen muss.
Ich war immer sehr gut in Kunst und Naturwissenschaften, in Mathe aber eine Niete. Daher war ich erst mal unsicher, welchen Weg ich einschlagen sollte. Da ich an der Highschool sehr viel Theater gespielt habe, wollte ich eigentlich auf eine Schauspielschule. Das hätte ich auch fast geschafft. Aber mir war damals schon klar, dass ich eigentlich nur berühmt werden wollte. Ich war gerade mal 18 und konnte mein Ego geradezu riechen. Mir war klar: Das ist keine gesunde Grundlage, um ein ernsthafter Schauspieler zu werden. Als mir dann ein Kumpel davon erzählte, dass er Medizin studieren wolle, hat es bei mir plötzlich klick gemacht. Ich dachte: Das kann auch was für mich sein.
MYP Magazine:
Und warum wurde es ausgerechnet die Uni in Newcastle?
Samuel Jefferson:
Das war eine der wenige Universitäten, an denen ich mit meinen Noten eine Chance hatte. Nach einem Erstgespräch an der medizinischen Fakultät war ich total begeistert. Ich sah mich schon als coolen Arzt – so einer wie aus »Emergency Room« oder »Nip/Tuck« – und war überzeugt, dass ich später mal als berühmter Schönheitschirurg in Miami landen würde.
MYP Magazine:
Immer noch das Ego?
Samuel Jefferson: (lacht)
Ja! Aber mein Medizinstudium war insgesamt echt toll. Ich konnte an der Uni sogar weiter Theater spielen und Stücke schreiben. So war die medizinische Fakultät am Ende für mich auch eine Art inoffizielle Schauspielschule. Mit dem Eintritt in den Job brach dieser Teil meines Lebens allerdings plötzlich weg. In meinem Arztalltag war einfach kein Raum mehr für Kreativität. Erst dadurch habe ich gespürt, wie lebenswichtig dieser Aspekt für mich ist. Und so wurde ich von Tag zu Tag trauriger.

»Berlin zwingt die Leute dazu, am echten Leben teilzuhaben.«
MYP Magazine:
Du bist 2017 nach Berlin gezogen. Was war der Grund?
Samuel Jefferson:
Irgendetwas an der Stadt faszinierte mich. Ursprünglich wollte ich nur acht Monate bleiben, um das »Serial Eyes«-Programm für professionelles Schreiben an der Deutschen Film- und Fernsehakademie (DFFB) in Berlin zu absolvieren – ein großartiger Kurs für Autor*innen und Produzent*innen. Aber das ist mittlerweile fast neun Jahre her. Ich kenne etliche andere Expats, denen es ganz genauso ergangen ist: Sie sind irgendwann zufällig in Berlin gelandet und dann einfach geblieben.
MYP Magazine:
Eure Serie spielt in einer Berliner Notaufnahme. Warum habt Ihr die Story gerade hier angesiedelt und nicht zum Beispiel in Hamburg, München oder Köln?
Samuel Jefferson:
Berlin ist so ein seltsamer Ort. Es ist eklig, es stinkt und es gibt tausend Aspekte, die ich nicht mag. Damit steht Berlin aber auch gleichzeitig für eine gewisse Wahrhaftigkeit, weil es auf der Straße alle Facetten des menschlichen Lebens zeigt. Ich glaube, aus diesem Grund habe ich Orte wie etwa Los Angeles nie verstanden. Die Leute fahren in Autos mit abgedunkelten Scheiben von einem Restaurant zum anderen, wo sie dank riesiger Hecken vor den Blicken anderer geschützt sind. In L.A. gilt der Grundsatz: Je mehr Geld man hat, desto mehr kann man die Stadt selbst einfach ausblenden. In Berlin dagegen kann man das nicht, dem Charakter der Stadt kann niemand entfliehen, egal, wie sehr man sich von anderen abschotten will. Ich finde das irgendwie schön, weil es die Leute dazu zwingt, am echten Leben teilzuhaben.

»Irgendwann muss man einfach akzeptieren, dass man nicht alles unter Kontrolle haben kann, auch nicht als Arzt.«
MYP Magazine:
Wie würdest Du dieses echte Leben in Berlin beschreiben?
Samuel Jefferson:
Wir haben im Vorfeld viel darüber gesprochen, was Berlin ausmacht – das wollten wir zu einem essenziellen Teil der Show machen. Das Spannende war: Jeder von uns hat etwas völlig anderes genannt. Dadurch wurde uns klar, dass es nicht die eine Sache gibt, die Berlin ausmacht, sondern 100 verschiedene Dinge. Der besondere Reiz der Stadt liegt darin, dass alle Aspekte zusammengemixt sind. Außerdem befindet sich Berlin ständig im Wandel. Im Gegensatz zu London oder New York kann man hier immer noch alles machen. Und man kann alles sein, ohne das Gefühl haben zu müssen, damit irgendeine Nische zu besetzen. Ganz im Gegenteil: Jede und jeder Einzelne ist hier ein wichtiger Teil des Kuchens.
Daher hat sich unsere Serie beim Schreiben auch sehr schnell in eine Richtung entwickelt, die abbilden sollte, wie chaotisch das Menschsein an sich ist – und dass im Leben nichts so läuft, wie man es sich wünscht. Irgendwann muss man einfach akzeptieren, dass man nicht alles unter Kontrolle haben kann, auch nicht als Arzt. Erst, wenn man diese Erkenntnis für sich annimmt, kann man wirklich inneren Frieden finden.

»In einem Job, in dem man keine Emotionen zeigen darf, sind Gefühle, die sich um die eigene Identität drehen, zusätzliches Gift.«
MYP Magazine:
Der Cast Eurer Serie wirkt erfrischend authentisch, da er die Vielfalt und Alltagsrealität des Berliner Straßenbilds sehr genau abbildet. In der britischen Film- und Serienlandschaft ist das mittlerweile Standard, hier in Deutschland allerdings wirkt diese Diversität immer noch neu und ungesehen. Haben wir da einen gewissen Nachholbedarf?
Samuel Jefferson:
Absolut. Glücklicherweise hatten wir mit Lisa Stutzky eine großartige Casterin an unserer Seite. Lisa hat sich auf Schauspieler*innen spezialisiert, die normalerweise nicht besetzt würden – spannende, außergewöhnliche Leute außerhalb der Norm. Mein Eindruck ist, dass wir hier in Deutschland immer noch viel zu weiß besetzen, obwohl das gar nicht mehr dem Straßenbild und der deutschen Alltagsrealität entspricht. Selbst sogenannte Diversity-Castings sind oft wenig divers, frei nach dem Motto: »Wenn wir einen Schwarzen dazuholen, haben wir Diversität geschaffen.« Dabei macht es gerade bei einer Krankenhausserie Sinn, auch queere Diversität abzubilden.
MYP Magazine:
Warum genau?
Samuel Jefferson:
Die Medizin zieht eine Menge queere Menschen an. Vielleicht ist es nur meine subjektive Erfahrung aus dem Studium in Newcastle, aber im Vergleich zu anderen Bereichen gab es in unserem Studiengang überdurchschnittlich viele queere Studierende.
Ich habe mich oft gefragt, womit das zusammenhängen könnte. Vielleicht damit, dass queere Menschen verstärkt dazu neigen, sich gegenüber anderen zu beweisen: Sie versuchen, mit besonderen Leistungen oder exponierten Berufen einen vermeintlichen Makel auszugleichen, der ihnen als solcher in einer heteronormativ geprägten Gesellschaft vermittelt wird. Viele hoffen: Wenn ich es schaffe, Arzt zu werden, dann habe ich mich als würdig, wertvoll und gut genug erwiesen. Und das mit dem Schwulsein ist nicht mehr so schlimm.
MYP Magazine:
Das Phänomen der schwulen Scham.
Samuel Jefferson:
Ganz genau. Das Tragische ist, dass dieser gesellschaftliche Druck die Traumata noch verstärkt, die man als Arzt in einer Notaufnahme ohnehin schon erleidet. In einem Job, in dem man keine Emotionen zeigen darf, sind Gefühle, die sich um die eigene Identität drehen, zusätzliches Gift.
Mit anderen minorisierten Gruppen ist das übrigens dasselbe. Menschen mit einer anderen Hautfarbe oder Herkunft stehen oft unter dem Druck, sich besonders beweisen zu müssen, um einen vermeintlichen Makel auszugleichen. In unserer Serie zeigen wir das zum Beispiel in der Figur der Dr. Suzanna Parker, die von Haley Louise Jones sensationell gespielt wird.

»Wären wir einen anderen Weg gegangen, hätten wir wahrscheinlich etliche Ecken und Kanten abschleifen müssen – und wären geendet wie etliche andere Serien.«
MYP Magazine:
Mit Assistenzarzt Dr. Kian Amini habt Ihr einen queeren BIPOC-Mann in die Serie geschrieben, der seinen besten Freund mit Drogen versorgt. So eine Kombination ist für den einen oder anderen Redakteur in Deutschland schnell mal zu viel des Guten. Gab es während des Entwicklungsprozesses irgendwelche Einwände in Bezug auf die vielschichtige Anlage der Rollen?
Samuel Jefferson:
Tatsächlich war die Entwicklungsphase recht turbulent – auch, weil wir mit diversen Partnern im Gespräch waren, bei denen wir das Gefühl hatten, dass sie nicht so richtig wollten. Am Ende landeten wir bei Apple und dem ZDF, die aus meiner Sicht das perfekte Zuhause für die Serie sind. Unser Glück war, dass die Drehbücher bereits sehr früh einen recht hohen Ausarbeitungsgrad hatten. Ohne diese inhaltliche Komplexität hätten wir so manche Hürde nicht überwinden können. Im Nachhinein bin ich echt froh, dass wir das so durchgezogen haben. Wären wir einen anderen Weg gegangen, hätten wir wahrscheinlich etliche Ecken und Kanten abschleifen müssen – und wären geendet wie etliche andere Serien.

»Unsere Serie will nicht wegschauen – vor allem nicht dort, wo es unbequem wird.«
MYP Magazine:
Ist der Druck, bei der Entwicklung von Formaten eher konform zu sein, in Deutschland besonders groß?
Samuel Jefferson:
Nein, das ist kein rein deutsches Problem. Wir erleben das aktuell überall, besonders bei den US-amerikanischen Streamern. Man kann förmlich dabei zusehen, wie die Stoffe weichgespült werden, nur um den Leuten möglichst soften und leicht verdaulichen Content zu bieten. Im Vergleich dazu ist »Krank Berlin« ziemlich hart: einerseits, weil sehr viel Liebe in der Entwicklung steckt. Und andererseits, weil unsere Serie nicht wegschauen will – vor allem nicht dort, wo es unbequem wird. Folge vier zum Beispiel ist so intensiv, dass man danach das Gefühl hat, man hätte einen sechsstündigen Actionfilm gesehen. Jesus, ist das heftig!

»Die europäische Filmlandschaft fühlt sich gerade an wie der Wilde Westen.«
MYP Magazine:
Steckt in dieser Form der Entwicklung nicht auch die Chance, sich von den USA zu emanzipieren?
Samuel Jefferson:
Die Idee, nicht mehr mit den USA mitzuhalten, sondern einfach sein eigenes Ding zu machen, erlebe ich in ganz Europa. Früher war es so: Wenn man in Deutschland oder Europa ein bisschen Erfolg hatte, zog man in die USA, um dort weiter Serien zu machen. Das war der nächste logische Karriereschritt. Aber vor allem im Laufe der letzten Jahre hat sich das deutlich verändert, auch wegen des politischen Klimas. Aus diesem Grund fühlt sich die europäische Filmlandschaft gerade an wie der Wilde Westen. Alles scheint möglich. Und das ist superspannend.
MYP Magazine:
Das heißt, wir werden gerade Zeuge, wie sich eine gesamteuropäische Filmidentität entwickelt?
Samuel Jefferson:
Der italienische Drehbuchautor und Produzent Nicola Lusuardi, bei dem ich 2017 und 2018 ein Seminar an der DFFB besucht hatte, referierte mal darüber, dass es keinen europäischen Traum gebe – im Gegensatz etwa zum American Dream. Lusuardi sagte, dass er aber genau darin eine Chance sehe, denn dieser Traum könne von uns europäischen Filmschaffenden gemeinsam erfunden werden. Es ging ihm dabei nicht darum, einfach ein leeres Schlagwort zu besetzen, sondern sich ganz ehrlich mit der Frage auseinanderzusetzen, was es heißt, Europäer zu sein.

»In Zeiten wie diesen sollten wir uns alle ernsthaft fragen, wofür wir als Europa stehen wollen.«
MYP Magazine:
Was heißt es für Dich persönlich, Europäer zu sein?
Samuel Jefferson:
Einer der Gründe, warum ich Großbritannien verlassen habe, war der Wunsch, mich wieder europäisch zu fühlen – nicht nur juristisch, sondern im Herzen. Europa ist für mich ein politisches Ideal, gegründet auf Werten, die ich voll und ganz teile. Ich finde, gerade in Zeiten wie diesen sollten wir uns alle ernsthaft fragen, wofür wir als Europa stehen wollen.

»In der Notaufnahme ist man als Arzt oft mehr Psychologe als Mediziner.«
MYP Magazine:
Zu den europäischen Werten gehört auch die Idee des Sozialstaats. In Eurer Serie geht es immer wieder auch um Menschen, die keine Krankenversicherung haben – eine Problematik, die vielen Zuschauer*innen wahrscheinlich gar nicht so bewusst ist. Wie hast Du diese Situation ein Deiner eigenen Zeit als Arzt erlebt? Wie beeinflusst das den Alltag in Notaufnahmen?
Samuel Jefferson:
Wenn du in der Bahn jemandem mit psychischen Problemen oder schwerer Sucht begegnest, kannst du einfach wegschauen und musst dich nicht damit befassen. Als Arzt kann man das nicht. Man muss sich jedem einzelnen Menschen stellen – seinem Schmerz, seiner Geschichte und seinem Körper, der genauso viel wert ist wie der eines reichen Patienten.
In der Notaufnahme ist man als Arzt oft mehr Psychologe als Mediziner. Man trifft auf aggressive, verzweifelte Personen, die man natürlich nicht verurteilen oder bewerten will, selbst wenn man von ihnen bespuckt, angeschrien oder getreten wird. Selbst in solchen Extremsituationen muss man für sich einen Weg finden, Mensch zu bleiben.
Ich glaube, das ist auch einer der Gründe, warum ich Berlin so mag: weil es dich nicht weggucken lässt. Wir erleben gerade in Deutschland und Europa eine Drogenkrise, wir erleben eine Krise in Bezug auf mentale Gesundheit, das alles spielt sich direkt vor unseren Augen ab. Wir dürfen das nicht länger ausblenden, sondern müssen endlich hinsehen.

»Ich bin mit ›Star Trek‹ aufgewachsen, für mich ging’s da immer um Verantwortung, Zusammenhalt, Frieden.«
MYP Magazine:
Kann »Krank Berlin« dazu beitragen, dass Menschen besser hinsehen?
Samuel Jefferson:
Ich weiß, es klingt idealistisch. Aber ich bin mit »Star Trek« aufgewachsen, für mich ging’s da immer um Verantwortung, Zusammenhalt, Frieden. Natürlich hat unsere Serie nicht das Potenzial, die Welt zu retten. Aber ich finde, sie hat die Kraft, Menschen zu berühren – weil das, was wir zeigen, nicht unrealistisch ist. Vielleicht bringt sie sogar jemanden dazu, mal auf einen persönlichen Luxus zu verzichten und stattdessen den Leuten in der Nachbarschaft zu helfen.
Ich bin immer noch stolz darauf, was wir da auf die Beine gestellt haben: eine Serie, mit der sich die Zuschauer*innen im ersten Moment womöglich etwas unwohl fühlen. Aber die sie dazu bringen kann, die Dinge um sie herum in Zukunft etwas anders zu betrachten.

Mehr von Samuel Jefferson:
Fotografie: Maximilian Motel
instagram.com/maxmotel
maxmotel.de
severinwendeler.com (Repräsentanz)
Interview & Text: Jonas Meyer
Redaktionelle Mitarbeit: Yannik Carstensen
Royel Otis
Interview — Royel Otis
»Musik mit jemandem zu teilen ist, wie sich gegenseitig in die Seele zu schauen«
»hickey«, Knutschfleck, heißt das neue Album von Royel Otis. Die Platte ist genau das, was der Name verspricht: zupackend, intensiv und eine Achterbahn der Gefühle – musikalisch wie lyrisch. Wir haben das australische Indie-Duo zum Interview getroffen und mit ihnen über Freundschaft, Selbstzweifel und Musik als Seelenspiegel gesprochen – und natürlich darüber, warum man öfter sagen sollte: »You’re so fucking gorgeous.« Auch zu sich selbst.
22. August 2025 — Interview & Text: Jonas Meyer, Fotografie: Stefan Hobmaier

»Am wichtigsten ist, dass du deinen wahren Freund findest«, schreibt Benedict Wells in seinem Roman »Vom Ende der Einsamkeit«: »Dein wahrer Freund ist jemand, der immer da ist, der dein ganzes Leben an deiner Seite geht. Du musst ihn finden, das ist wichtiger als alles, auch als die Liebe. Denn die Liebe kann vergehen.«
Ein sonniger Nachmittag Ende Juni. In der Deutschland-Zentrale von Universal Music im Berliner Stadtteil Friedrichshain haben sich knapp hundert Menschen vor einer kleinen Bühne versammelt, neben der ein großer Bildschirm aufgebaut ist. Das Plattenlabel hat zu einem sogenannten Listening Event geladen, vorgestellt wird das neue Album der australischen Indie-Band Royel Otis. Der Titel: »hickey«. Oder auf Deutsch: Knutschfleck.
In der Regel laufen solche Veranstaltungen so ab, dass den Anwesenden die neue Musik vom Band vorgespielt wird. Dazu gibt es eine kleine Talkrunde, in der man sich – mal in Anwesenheit, mal in Abwesenheit der Künstler*innen – über das soeben Gehörte unterhält.
Das heutige Event startet nicht anders: Zuerst wird dem Publikum das neue Musikvideo zum Song »Car« präsentiert, in dem man Royel Madell und Otis Pavlovic – die beiden Köpfe des Indie-Duos – dabei verfolgen kann, wie sie des Nachts gemeinsam durch die Straßen von New York ziehen. Im Anschluss wird die Managerin der Band von einem Universal-Repräsentanten zum neuen Album interviewt. So weit, so erwartbar.
Doch dann gibt es einen Bruch im Protokoll – denn Otis und Royel betreten nicht nur selbst die Bühne, sondern greifen auch sofort zu ihren Instrumenten. Was folgt, ist ein ausgedehntes Akustik-Set, bei dem man die Band von einer ganz anderen musikalischen Seite kennengelernt. Bestechen die Songs von Royel Otis sonst durch die Verknüpfung von energetischen Upbeat-Rhythmen, eingängigen Melodien und einer subtilen Grundmelancholie, die unter allem liegt, füllt an diesem Nachmittag eine ganz andere Stimmung den Raum: das Gefühl von Nahbarkeit, Zurückgezogenheit, ja sogar Verletzlichkeit liegt in der Luft, getragen von der glasklaren, hellen und gleichsam dringlichen Stimme von Sänger Otis.
Am nächsten Vormittag treffen wir die beiden an selber Stelle wieder, zu einem kleinen Plausch über das neue Album und einer kurzen Foto-Session. Ach ja, fast vergessen: Mit »hickey« ist Royel Otis – schon wieder – ein richtig gutes Album gelungen, das einem schnell ans Herz wächst. Mehr Indie mag, kommt daran nicht vorbei.


»Der Song ist für uns eine wahnsinnig schöne Erinnerung.«
MYP Magazine:
Lasst uns mit dem letzten Track Eures neuen Albums starten, dem Song »Jazz Burger«. Auf dem Listening Event gestern haben wir erfahren, dass dies Euer Lieblingssong auf der neuen Platte ist. Warum?
Royel:
»Jazz Burger« ist zwar der letzte Track auf dem Album, war aber der allererste Song, den wir dafür geschrieben hatten. Das ist für uns einfach eine wahnsinnig schöne Erinnerung…
Otis:
… ja, auch weil sich der Song beim Schreiben ganz natürlich und leicht zusammengefügt hat. Im Gegensatz zu den zwölf anderen Songs, die ziemliche Uptempo-Nummern sind, hört sich »Jazz Burger« eher wie eine Ballade an. Auch das macht ihn für uns zu etwas ganz Besonderem.

»Dieser Schmerz zeigt mir: Meine Liebe ist echt.«
MYP Magazine:
Euer Album trägt den Titel »hickey«. Im Deutschen würde man »Knutschfleck« sagen.
Otis: (grinst)
Das können wir nicht aussprechen.
MYP Magazine:
Zu diesem Titel gebt Ihr uns folgende Bemerkung mit: Love bites harder than any other feeling in the world. Habt Ihr persönlich die Erfahrung gemacht, dass Liebe etwas Schmerzvolles ist, selbst wenn man frisch verliebt ist und sich auf Wolke sieben befindet?
Otis:
Liebe muss nicht immer wehtun. Aber wenn sie es tut, ist der Schmerz manchmal so groß, dass mir richtig schlecht wird.
Royel:
Ich kenne dieses Gefühl ebenfalls – weil ich dazu neige, zu viel an jemanden zu denken. Aber wie Otis sehe auch ich das nicht unbedingt als etwas Negatives. Der Schmerz zeigt mir: Meine Liebe ist echt.


»Man kann niemandem vertrauen, den man nicht respektiert.«
MYP Magazine:
»hickey« ist – im Gegensatz zu Euren vorherigen Alben – in Kooperation mit diversen anderen Partnern entstanden, darunter renommierte Namen wie Blake Slatkin, Omer Fedi und Billy Walsh, die schon für Gracie Abrams, Lil Nas X oder The Weeknd produziert haben. Warum habt Ihr euch entschieden, für dieses Album Eure musikalische Küche weit zu öffnen und mit vielen unterschiedlichen Menschen an einem Album zu arbeiten?
Otis:
Dahinter steckt weniger ein strategischer Gedanke, sondern vielmehr die Lust, einfach mal auszuprobieren, wie es ist, mit anderen an einem Album zu schreiben. Wir dachten: Von solchen erfahrenen Produzenten kann man bestimmt was lernen. (lächelt)
Royel:
Genau! Davon abgesehen ist Abwechslung die Würze des Lebens, wie man so schön sagt.
MYP Magazine:
Dennoch erfordert so ein Schritt viel Vertrauen zwischen allen Beteiligten.
Royel:
In erster Linie erfordert es gegenseitigen Respekt, aus dem letztendlich Vertrauen entsteht. Man kann niemandem vertrauen, den man nicht respektiert.
MYP Magazine:
Das wäre schon mal eine mögliche Überschrift fürs Interview.
(Alle lachen)

»Wir haben viel über Musik geredet und darüber Freundschaften aufgebaut.«
MYP Magazine:
Wie genau kam es zu diesen vielen Kooperationen?
Otis:
Uns wurden ein paar Produzenten empfohlen. Und mit denen, bei denen wir das Gefühl hatten, dass sie gut zu uns passen könnten, sind wir in Kontakt getreten. Wir haben viel über Musik geredet, darüber Freundschaften aufgebaut und gemeinsam Ideen entwickelt, wie die jeweiligen Songs funktionieren können. Diese Vorgehensweise hat sich zu hundert Prozent ausgezahlt: Mit dem Ergebnis sowie dem gesamten Prozess dahinter sind wir mehr als happy.

»Ich liebe so was: wenn es schön klingt, aber mehr dahintersteckt.«
MYP Magazine:
Eure Musik zeichnet sich aus durch eine Mischung aus treibenden, energetischen Rhythmen, unter denen aber immer eine subtile Melancholie zu liegen scheint. Wie erklärt Ihr euch diesen speziellen »Royel Otis Sound«?
Otis:
Ganz einfach: weil in uns beiden ein bisschen von beidem steckt. Wir sind zwei Menschen, die eine gewisse Melancholie in sich tragen und trotzdem großen Spaß an energiegeladener Musik haben.
Royel:
Absolut. Ich persönlich stehe total auf Songs, die einen treibenden Beat haben und beim ersten Hören super fröhlich klingen, aber gleichzeitig auch eine dunkle Seite besitzen – etwa auf der lyrischen Ebene. »Every Breath You Take« von The Police ist da ein gutes Beispiel. Der Song klingt erst mal super romantisch, ist letztendlich aber aus der Perspektive eines Stalkers geschrieben. Ich liebe so was: wenn es schön klingt, aber mehr dahintersteckt.


»Wenn man selbst mit Dunkelheit zu kämpfen hat, ist es einfacher, andere zum Lachen bringen, als sich selbst aufzuheitern.«
MYP Magazine:
Von der australischen Singer-Songwriterin Kat Frankie, die hier in Berlin lebt, stammt der Satz: »Leute, die traurige Lieder schreiben, sind eigentlich ein bisschen happier.« Hat sie recht?
Otis: (lacht)
Ich weiß nicht, ob ich das glauben kann.
Royel: (nickt)
Ja, sag das mal jemandem wie Elliott Smith…
Otis:
… oder Sinéad O’Connor. Und bedeutet das nicht auch in der Konsequenz, dass die Leute, die fröhliche Musik schreiben, eigentlich die traurigen sind?
Royel:
Das würde Sinn machen. Zumindest, wenn sie sich selbst mit ihrer Musik davon überzeugen wollen, dass sie glücklich sind. Es gibt auch viele Comedians, die an Depressionen leiden. Ich glaube, wenn man selbst mit Dunkelheit zu kämpfen hat, ist es einfacher, andere zum Lachen bringen, als sich selbst aufzuheitern.

»Wenn ich an einem Song schreibe, ist das, als würde ich mit mir selbst ins Gespräch kommen.«
MYP Magazine:
Aus welchem Bedürfnis heraus macht Ihr beide Musik?
Otis:
Musikmachen ist für mich die reine Entspannung und hat fast etwas Meditatives. Wenn ich an einem Song schreibe, ist das, als würde ich mit mir selbst ins Gespräch kommen. Das klingt seltsam, ist aber etwas Wunderschönes.
Royel:
Ich mache Musik aus dem Bedürfnis heraus, lebendig zu sein. Aus dem Bedürfnis zu leben, zu überleben. Auf jeden Fall ist es ein gutes Ventil.
MYP Magazine:
Überleben im emotionalen oder existenziellen Sinn?
Royel:
Leider beides. Wie fast alle Musiker.


»Je bekannter man wird, desto mehr Selbstzweifel kommen hinzu.«
MYP Magazine:
In Euren Songs sprecht Ihr auch oft über Unsicherheiten und Selbstzweifel. Ist es ein Irrglaube, dass berühmte Menschen weniger davon haben?
Otis:
Das Gegenteil ist sogar der Fall. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen: Je bekannter man wird, desto mehr Selbstzweifel kommen hinzu.
Royel:
Das liegt daran, dass man dem Urteil von immer mehr Leuten ausgesetzt ist. Viele Stars, von denen man denkt, dass sie alles haben müssten, um glücklich zu sein, sind tatsächlich extrem unsicher und tragen einen enormen emotionalen Ballast mit sich herum.

»Wir blenden immer den Hinweis ein, dass man den Leuten direkt neben sich sagen soll, dass sie fucking gorgeous sind.«
MYP Magazine:
Wir Menschen neigen dazu, andere auf ein Podest zu heben und selbst dabei klein zu machen. Mit Eurem Song »Sofa King« habt Ihr uns gegen diese schlechte Angewohnheit eine wundervolle Textzeile geschenkt, die mittlerweile fast Kultstatus genießt: You’re so fucking gorgeous. Gelingt es Euch selbst, Euch so einen Satz ab und zu mal vor dem Spiegel ins Gesicht zu sagen?
Royel:
Ganz ehrlich: Ich persönlich bin nicht wirklich gut darin. Aber ich finde es schön, wenn man so was in einem Song ausdrücken kann – oder besser gesagt: wenn ich es in einem Song sagen kann. Und wenn wie bei unseren Shows alle Leute im Publikum diese eine Zeile mitschreien, ist das umso schöner. Wenn wir den Song spielen, blenden wir auf der Videowand hinter der Bühne immer den Hinweis ein, dass man den Leuten direkt neben sich sagen soll, dass sie fucking gorgeous sind. Wenn man – wie ich – schon nicht in der Lage ist, sich selbst diese Worte zu sagen, sollte man zumindest von Menschen umgeben sein, die einem das mal zurufen. Und das gilt nicht nur für ein Konzert von Royel Otis.

»Das wird hier langsam zu einer Therapiesitzung.«
MYP Magazine:
Was schätzt Ihr beide an dem jeweils anderen und macht ihn zu einem fucking gorgeous Menschen?
Royel:
Otis‘ verschlafene Rehaugen.
Otis: (lacht)
Meine was?!
Royel:
Ja, Du hast verschlafene Kulleraugen. Wie ein Reh.
Otis: (lächelt)
Das wird hier langsam zu einer Therapiesitzung. Aber okay: Ich schätze an Royel, dass er immer die Stimmung hochhält und wir etwas zu lachen haben.
Royel:
Danke, Mann!
MYP Magazine:
Letztes Jahr saßen wir im Raum nebenan mit einem anderen australischen Duo zusammen: Angus & Julia Stone. Im Interview haben wir damals auf die zehnjährige Bandgeschichte zurückgeblickt. Royel Otis besteht mittlerweile seit sechs Jahren. Mit welchen sechs Begriffen würdet Ihr eure gemeinsame musikalische Reise zusammenfassen?
Royel: (überlegt)
Chaotisch, schlaflos, …
Otis:
… schmerzhaft. Und überraschend.
Royel:
Vor allem dankbar.
Otis:
Und schlafbedürftig.

»Bei Elton John hatten wir nicht unbedingt eine Überschneidung – leider.«
MYP Magazine:
Ihr habt Euch 2019 darüber kennengelernt, dass Ihr die gleiche Musik gehört und dieselben Bands gut fandet. Otis hat gestern bei dem Akustikset ein Elton-John-T-Shirt getragen. Gehört er zu den musikalischen Helden von Euch beiden?
Otis:
Nein, bei Elton John hatten wir nicht unbedingt eine Überschneidung – leider. Ich liebe seine Musik.
Royel:
Es waren vielmehr The Cure, Joy Division, New Order, …
Otis:
… The Weeknd, Frank Ocean, Alessi Brothers, The Modern Lovers.
MYP Magazine:
Ist das nicht seltsam? Nur durch die Aufzählung einiger Bands hat man direkt das Gefühl, sein Gegenüber ein kleines bisschen besser zu verstehen und seine Persönlichkeit zu erkennen.
Royel:
Ja, Musik mit jemandem zu teilen ist, wie sich in gegenseitig in die Seele zu schauen.


»Man lernt, wann man den anderen in Ruhe lassen muss.«
MYP Magazine:
Gestern beim Listening Event lief Euer Musikvideo zum Song »Car«. Wenn man Euch dabei zusieht, wie Ihr zusammen nachts durch die Straßen von New York zieht, hat man den Eindruck, dass Royel Otis sich einfach als eine wunderschöne Geschichte von Freundschaft zusammenfassen lässt – ein Wort übrigens, das Ihr in Eurer Aufzählung eben gar nicht genannt habt…
Royel:
… stimmt, das gehört da unbedingt dazu.
MYP Magazine:
Ist Eure Musik eigentlich ein Produkt Eurer Freundschaft? Oder hat sich diese Freundschaft erst aus dem gemeinsamen Musikmachen ergeben?
Otis:
Unsere Freundschaft ist ganz klar aus der Musik entstanden. Unser erstes richtiges Gespräch drehte sich nur um Musik – und die Band hat über die Jahre eine gewisse Nähe erzwungen, die sich zu einer engen Freundschaft entwickelt hat.
MYP Magazine:
Macht das die Freundschaft stärker?
Royel:
Definitiv. Gemeinsam auf Tour zu sein ist der beste Weg, um einen Menschen bis ins Detail kennenzulernen. Nicht nur, weil man sich von Tag zu Tag besser versteht. Sondern auch, weil man lernt, wann man den anderen in Ruhe lassen muss.

»Es ist schon so, dass man Teile seines alten Lebens verliert, die man immer sehr mochte.«
MYP Magazine:
In dem Song »Car« singt ihr: We know it’s gonna change sometime. Wie hat sich Euer Leben in den letzten sechs Jahren verändert?
Otis:
Wir sind heute viel, viel beschäftigter als noch vor sechs Jahren. Und was mich persönlich angeht, habe ich den Eindruck, dass ich mich emotional irgendwie verändert habe. Ob zum Guten oder zum Schlechten, weiß ich aber nicht. (lacht)
Royel:
Es ist schon so, dass man Teile seines alten Lebens verliert, die man immer sehr mochte. Aber das ist nicht unbedingt etwas Schlechtes. Ich würde es eher als einen Reset beschreiben.


»Ich vermisse die Einfachheit eines geregelten Alltags.«
MYP Magazine:
Gibt es etwas, das Ihr an Eurem alten Leben vermisst? Zum Beispiel jetzt gerade, während Ihr hier am anderen Ende der Welt ein Interview führt, statt zu Hause in Australien zu sein?
Royel:
Gerade im Moment vermisse ich meine Familie und die Möglichkeit, einfach mal für längere Zeit an einem Ort zu bleiben.
Otis:
Genau, dieses Sesshafte fehlt mir auch manchmal. Außerdem vermisse ich die Einfachheit eines geregelten Alltags: jeden Morgen am selben Ort aufwachen und dann in der eigenen Routine leben. Das mal wieder zu haben, wäre echt schön.

Mehr von Royel Otis:
Interview & Text: Jonas Meyer
Fotografie: Stefan Hobmaier
Aaron Altaras & Clemens Schick
Interview — Aaron Altaras & Clemens Schick
»Der Club ist eine Hochdruckkammer des Lebens«
Clubs als Drahtseilakt ohne Netz, Hedonismus als Flucht – und Berlin als Sehnsuchtsort wider die Schwerkraft des Alltags: Im glamourösen Ballhaus Wedding haben wir mit den Schauspielern Aaron Altaras und Clemens Schick über ihren neuen Kinofilm »Rave On«, über politische Freiräume, Hangover und das Recht auf Vergnügen in düsteren Zeiten gesprochen.
31. Juli 2025 — Text: Katharina Viktoria Weiß, Fotografie: Birgit von Bally

Können Musik, Ekstase und Nähe eine suchende Seele retten? Diese flirrende Hoffnung umtanzt »Rave On«, der neue Kinofilm der Regisseure Nikias Chryssos und Viktor Jakovleski. Herausgekommen ist dabei aber kein Techno-Märchen, sondern ein bittersüßer Realismus-Trip durch das Nachtleben. Er zeigt die Clubszene als das, was sie ist: als einen Ort der Sehnsucht, der Eskalation, der Verheißung – und der großen Müdigkeit.
Gedreht wurde »Rave On« fast dokumentarisch in echten Partynächten, zwischen schwitzenden Körpern und tatsächlichen Gästen. Inmitten dieses Settings begegnen wir Kosmo, der einst ein gefeierter Techno-Produzent und DJ war, dem aber nie der ganz große Durchbruch gelang. Während eine neue Generation von DJs über die Jahre zu regelrechten Stars aufstieg, zog sich Kosmo immer mehr aus der Szene zurück. Als er jedoch erfährt, dass ein legendärer Techno-Pionier auf dem Line-up eines der berüchtigtsten Clubs der Stadt steht, wagt er einen letzten Versuch, seinen gescheiterten Traum zu retten.
Gespielt wird Kosmo von Aaron Altaras, der zwar die allermeisten Szenen für sich alleine bestreitet – klug, zärtlich, nachdenklich –, für den die Nacht aber auch diverse Zwiegespräche birgt: etwa mit der Figur Klaus, die von Clemens Schick verkörpert wird.
Wir treffen die beiden Schauspieler im Ballhaus Wedding, einem Ort, der die Geheimnisse der Berliner Feierkultur seit über hundert Jahren hütet. Und der ein bisschen so wirkt, als hätte sich jemand das Berlin vergangener Jahrhunderte erträumt und mit roten Samtsofas, Champagnerbar und Kaminzimmer in der Gegenwart platziert.
Konsequent im Stil der Belle Époque gestaltet, beherbergt das Ballhaus eine der größten Gründerzeitsammlungen Berlins und lässt mit seinen opulenten Salons, Varietébühnen, liebevoll gestalteten Boudoirs, Roulette-Tischen und dem prachtvollen Ballsaal die glanzvollen Zeiten der Berliner Ballhäuser auferstehen. Nach einem fast hundert Jahre langen Dornröschenschlaf fanden hier seit der Neueröffnung 2022 über 500 kulturelle Veranstaltungen statt – von durchtanzten Nächten und Stummfilmkino mit Live-Musik bis hin zu Poesie-Salons und Zeitreisepartys.
Der perfekte Ort also, um mit Aaron Altaras und Clemens Schick – zwischen Historie und Hedonismus, Glanz und Geheimnis – über die Fragilität der Freiheit zu sprechen. Und darüber, warum ein Club immer auch ein romantisches Versprechen ist.


»Clubkultur wird politisch, wenn sie verboten oder reguliert wird.«
MYP Magazine:
Aaron und Clemens, Euer Film »Rave On« spielt im Dunstkreis von Clubnächten, Ekstase und Identitätssuche. Wie nah ist Euch persönlich dieser Kosmos?
Aaron Altaras:
Ich bin in Berlin aufgewachsen. Wie viele andere bin ich sehr früh mit dem Nachtleben in Kontakt gekommen. Für mich sind Clubs nicht nur Orte zum Feiern – sie sind integraler Bestandteil meines Lebens. Ich habe dort Freundschaften geschlossen, Liebe erlebt – und Verlust. Ich habe dort die schlimmsten und die schönsten Dinge erlebt. Es sind Räume, die ich schützen will. Ich war sehr früh im Berghain, bin auch heute noch oft da.
Ich empfinde Clubs als Orte der Selbstreinigung. Nicht im Sinne einer politischen Performance, sondern als Raum für Verbindung, für Träume. Ich gehe dahin, um zu vergessen – und um mich zu erinnern. Um mich sicher zu fühlen. Um über die Stränge zu schlagen. Um mich mit anderen zu verbinden. Ein Club ist für mich eine Hochdruckkammer des Lebens.
Clemens Schick:
Ich lebe seit 1993 in Berlin. Für mein Lebensgefühl war es immer wichtig zu wissen, dass diese Orte schnell erreichbar und in meiner Nähe sind. Mittlerweile hat sich mein Besuch in Clubs eher auf den Sonntagnachmittag verschoben. Aber für mich bleibt es relevant, dass ich hingehen kann, wenn ich das Bedürfnis habe. Wenn solche Orte nicht um mich herum sind, vermisse ich sie.

»In Berlin gibt es den Luxus, dass Handykameras abgeklebt werden.«
MYP Magazine:
Ist Clubkultur für Euch auch ein politischer Akt?
Aaron Altaras:
Wird sie, wenn sie verboten oder reguliert wird. Ich persönlich gehe nicht in den Club, um ein politisches Statement zu setzen. Aber der Ort ist politisch, weil dort alle gleichgestellt sind. Er ist ein Raum für Menschen, die es anderswo schwer haben. Und das ist per se politisch.
Clemens Schick:
Für mich ist der Club ein Ort der Freiheit, nicht der politischen Artikulation. In Berlin gibt es den Luxus, dass Handykameras abgeklebt werden – das erzeugt einen Safe Space, in dem man einfach loslassen kann. Das ist heute selten geworden…

MYP Magazine:
… gerade für Personen der Öffentlichkeit?
Aaron Altaras:
Wenn das für mich ein Problem wäre, würde ich gar nicht hingehen. Ich mache dort, was ich will – ob mich jemand erkennt oder nicht. Wichtig ist mir, dass ich selbst nicht fotografiere. Ich lasse mein Handy manchmal in der Garderobe, weil es dort nicht darum geht. Ich will präsent sein.
Clemens Schick:
Es geht weniger um Kontrolle, mehr um Vertrauen. Man weiß: In diesem Raum wird nichts festgehalten. Es geht nicht um Dokumentation, sondern darum, Erinnerungen zu schaffen. Das klingt kitschig, ist aber so.
Aaron Altaras:
Und Clubs sind auch kitschig – auf die schönste Weise.


»Ein Club ist auch ein sehr, sehr romantisches Versprechen, das eigentlich nie wirklich eingelöst wird.«
MYP Magazine:
Euer Film zeigt auch die Fragilität dieser Räume. Irgendwann endet die Party – und dann?
Aaron Altaras:
Genau das macht es so spannend. Ich liebe an Berlin, dass es emotionale und physische Freiräume gibt. Aber klar: Nachtleben ist auch Verdrängung, eine Form von Eskapismus. Und das macht es zerbrechlich. Der Club ist ein Drahtseilakt ohne Sicherheitsnetz. Ein Club ist auch ein sehr, sehr romantisches Versprechen, das eigentlich nie wirklich eingelöst wird.
Clemens Schick:
Ich bin älter als Aaron. Ich habe erlebt, wie sich das Feiern verändert – der Hangover war irgendwann so bestimmend, dass ich mein eigenes Feiern angepasst habe. Ich liebe es, wach zu sein. Und ich habe Berlin erlebt, als es noch das Ostgut gab – das war vor dem Berghain. Ich habe die ganze Entwicklung gesehen. Es war immer beides: Freiheit und Gefahr.
(Hinweis der Red.: Das Ostgut war in den 1990er Jahren ein bekannter Berliner Technoclub, der als Vorläufer des Berghain gilt. Beheimatet war es in der Lagerhalle eines ehemaligen Güterbahnhofs im Stadtteil Friedrichshain. In den Nullerjahren wurde auf dem Gelände eine Mehrzweckhalle errichtet, die heute den Namen »Uber Arena« trägt.)

»Kontinuität? Unwichtig. Das Gefühl zählt.«
MYP Magazine:
»Rave On« wurde inmitten echter Clubnächten gedreht. Wie war das?
Aaron Altaras:
Es war wahnsinnig. Keine Kompars*innen – echte Gäste. Sie wussten, dass gedreht wird, aber wir waren mittendrin. Keine Unterbrechungen. Ein durchweg organischer Dreh.
Clemens Schick:
Normalerweise fährt man bei Tanzszenen alles hoch und runter. Hier nicht. Wir tauchten ein, drehten, zogen uns zurück, tauchten wieder auf. Der Schnitt ist großartig.
Aaron Altaras:
Genau. Kontinuität? Unwichtig. Das Gefühl zählt. Es geht nicht um klassische Dramaturgie. Und ja, auch der Ton war ein Abenteuer – bei voller Musik. Aber nur so geht das: Wenn die Musik echt ist, tanzen die Leute auch echt.


»Wach zu bleiben und sanft und zart und liebevoll, das kostet Kraft.«
MYP Magazine:
Die Hauptfigur Kosmo, gespielt von Aaron, ist erst um die 30, die Karriere als DJ scheint aber bereits beendet. Resoniert das bei Euch mit Erlebnissen aus dem eigenen Berufsleben?
Aaron Altaras:
Ich bin ja noch gar nicht so weit! Ich musste mich noch nicht so oft neu erfinden oder dranbleiben oder was auch immer. Ich bin auch durch ganz viele Lebensphasen noch gar nicht durch. Das Schauspiel – und noch vielmehr der Club-Bereich – sind aber auf jeden Fall ein Young Man’s Game. Es ist ein sehr extremes Leben und für viele Leute mit einem geregelten Alltag nicht kompatibel.
Clemens Schick:
Ich glaube, es geht gar nicht um einen großen Karriereknick, sondern darum, dass man als Schauspieler oder Musiker maximal nah an sich selbst dran ist. Es gibt zwischen dem Handwerk und dem eigenem Ich in dem Sinne keine Unterscheidung mehr. Man muss wach bleiben, sich immer wieder infrage stellen, neugierig bleiben, Lust auf Ungewohntes haben. Das bringt großes Vergnügen, ist aber gleichzeitig auch eine riesige Kraftanstrengung.
Und dann kommt die Balance: Was ist kommerziell, was bringt also Geld, und was befriedigt die eigene Lust? Dabei ist man von einer Branche abhängig, die immer auf der Suche nach dem großen Erfolgsrezept ist. Und wenn irgendjemand mal die Antwort darauf hätte, gäbe es wahrscheinlich gute Filme überall. Stattdessen ist alles so fragil. Und diese Fragilität gilt es auszuhalten. Ich will das auf gar keinen Fall beklagen, denn wir haben uns selbst für diesen Weg entschieden – hätten wir ja auch anders. Aber da wach zu bleiben und sanft und zart und liebevoll, das kostet Kraft.


»Ich frage nicht, was die Stadt mir gibt – sondern was ich ihr geben kann.«
MYP Magazine:
Und Berlin – ist es ein Sehnsuchtsort geblieben?
Aaron Altaras:
Ich komme aus Berlin. Ich frage nicht, was die Stadt mir gibt – sondern was ich ihr geben kann. Wenn Leute sagen, Berlin sei tot, sage ich: Dann bau dir dein Berlin. Klar, es gibt weniger Räume. Aber die Möglichkeiten, die Freiheit, das ist immer noch besonders.
Clemens Schick:
Mir ist noch eines wichtig bei dem Gespräch, das wir führen: dass es ein Luxus ist. Allein sich die Gedanken machen zu dürfen, die wir uns gerade machen in diesen crazy Zeiten, in denen wir auf dieser Welt leben… und die Ekstase ist eine Grundlage für eine wichtige Auseinandersetzung. Aber es braucht trotzdem immer eine Einordnung – ein Bewusstsein dafür, dass feiern gehen zu dürfen in diesen Zeiten ein Luxus ist.

»Ich habe gelernt: Menschen lachen überall über dieselben Pointen.«
MYP Magazine:
Clemens, Du warst zweimal mit einem Theaterstück in Afghanistan bei deutschen Truppen. Warum hast Du dich damals dazu entschieden?
Clemens Schick:
Ich hatte die rot-grüne Regierung gewählt. Nach der Wahl hat sie Soldaten in einen Kriegseinsatz geschickt. Ich habe mich mit der Frage auseinandergesetzt, wie ich mich dazu verhalten soll. Also bin ich 2008 und 2011 hin, mit meinem Solo-Stück. Ich habe dort gespielt, diskutiert, krasse Erfahrungen gesammelt. Und gelernt: Menschen lachen überall über dieselben Pointen.


»Dass uns heute solche Fragen gestellt werden, wäre damals undenkbar gewesen.«
MYP Magazine:
Merkt man das Kriegsgeflüster, dass aktuell in unserer Gesellschaft lauter zu werden scheint, auch bei Euch in der Kulturszene?
Aaron Altaras:
Ich bin zynischer Optimist. Ja, es sind schlimme Zeiten. Aber nur weil es hier keinen Krieg gibt, heißt das nicht, dass alles gut ist. Der Krieg ist schon da, hier um die Ecke. Ich finde, man muss in beide Richtungen immer vorsichtig sein. Je mehr man über Krieg und Rüstung redet, desto mehr beschwört man etwas auch herbei. Gleichzeitig ist die Realität, dass es überall einen sehr, sehr, sehr harten, nationalistischen Ton gibt. Und das muss man ernst nehmen.
Clemens Schick:
In den letzten fünf Jahren hat sich unsere Realität massiv verschoben – im Denken, in dem, was überhaupt noch vorstellbar ist. Allein, dass uns heute solche Fragen gestellt werden, wäre damals undenkbar gewesen. Und das erschöpft. In den Fragen »Wie geht es mir?« und »Wie steht es um die Welt?« kann ein großer Unterschied liegen. Manchmal geht es mir persönlich gut, obwohl ich spüre, wie die Welt in rasantem Tempo auf eine Wand zurast, deren Kontur ich nicht mal klar erkenne. Und deshalb kann ich gleichzeitig als Individuum auch feststellen, dass ich tanzen gehe – trotz allem.

»Rave On« (81 min.),
Regie: Nikias Chryssos & Viktor Jakovleski,
seit dem 31. Juli 2025 im Kino
Mehr von Aaron Altaras:
Mehr von Clemens Schick:
Mit besonderem Dank an das Ballhaus Wedding:

Das Ballhaus Wedding stellt sich vor:
Sie gehen gerne ins Theater, lieben (klassische) Konzerte, Poetry Slams, Varieté, durchtanzte Nächte, Zeitreisepartys, einen Sonntagsbrunch oder Stummfilmkino mit Live-Musik? Sie wollen am Roulettetisch zocken, an der goldenen Champagnerbar plaudern, einen Ball oder Salon in den ehrwürdigen Räumen miterleben, im Kaminzimmer chillen, den Abend mit der Selfie-Box festhalten oder über jenen Boden flanieren, auf dem schon Marlene Dietrich in »Der blaue Engel« getanzt hat? Dann werden Sie das Ballhaus lieben!


Hier können Sie tanzen, trinken, sich austauschen, lachen und die Zeit vergessen, um Ihren Veranstaltungstraum erleben: Die malerische Hochzeit, ein spektakuläres Sommerfest, eine imposante Preisverleihung, ein herzlicher Jubiläumsempfang, eine ausschweifende Geburtstagsparty oder eine einmalige Weihnachtsfeier – das Ballhaus Wedding ist für alles gerüstet und setzt jede Veranstaltung perfekt und mit Liebe zum Detail um. Das freundliche Team freut sich auf Sie und hofft, Ihnen unvergessliche Stunden bereiten zu dürfen.

Treten Sie ein in einen Ort, der wie aus der Zeit gefallen zu sein scheint und der immer wieder neu in seinem ganz eigenen Rhythmus atmet:


Interview & Text: Katharina Viktoria Weiß
Fotografie: Birgit von Bally
Robert Lindemann
Interview — Robert Lindemann
»Ich trete immer nur nach oben«
Mit seinen lustigen Reaction-Videos stemmt sich Robert Lindemann fast täglich auf TikTok, Instagram und Co. gegen das, was von selbst ernannten Dating-, Fitness- und Masculinity-Coaches in die Weiten des Internets gekippt wird. Das ist auch bitter nötig, denn allzu oft handelt es sich dabei nicht nur um albernes Geschwätz, sondern um misogyne, homophobe oder demokratiefeindliche Inhalte. Wir haben den digitalen Allzweckreiniger zum Interview getroffen.
22. Juli 2025 — Interview & Text: Jonas Meyer, Fotografie: Steven Lüdtke

»Warum sind es immer wieder die Frauen mit einem hohen Bodycount, die versuchen, sich mit Männern auf Augenhöhe zu unterhalten?«, fragt ein mittelalter Zwirbelbartträger mit Karohemd und schwarzen Hosenträgern in die Kamera.
Während man als Zuschauer noch dabei ist, seine Gedanken zu diesem seltsamen Einstieg in ein Social-Media-Video zu sortieren, gibt es einen harten Cut: Zu sehen ist plötzlich ein sympathischer Anfang 30-Jähriger mit schulterlangen Haaren und Sonnenhut, der zu Hause in der Küche steht. Kurzerhand gibt er dem Herrn im Karohemd genau die Antwort, die man selbst gerade auf der Zunge hat: »Und warum sind es immer Männer wie du, die sich nie mit Frauen auf Augenhöhe unterhalten und sie lieber grundsätzlich abwerten?«
Schnitt zurück auf den Zwirbelbartträger, der eine zweite, noch seltsamere Frage hinterherschiebt: »Wie schaffst du es, eine intelligente Frau von einer Frau zu unterscheiden, die gar nicht so gebildet und intelligent ist und einfach nur irgendwelche Worte nachplappert, die sie überhaupt gar nicht erklären kann und meistens auch nicht weiß, was sie bedeuten?«
Wieder ein harter Cut auf den langhaarigen Widersacher, der nun richtig hochfährt. Er fragt zurück, wo denn der Zusammenhang zwischen Intelligenz und Bodycount liege – also der Zahl, die angibt, mit wie vielen Menschen jemand Sex hatte. Sichtlich genervt schließt er mit dem Satz: »Jetzt raus hier!« Das knapp 50-sekündige Video endet.
Bereits seit einigen Jahren reagiert Robert Lindemann – der sympathische Herr mit den langen Haaren – auf diese Weise auf Inhalte, die von meist männlichen Charakteren in die Weiten des Internets gekippt werden. Mit seinen TikTok- und Instagram-Videos kontert er allerlei irritierende Ansichten, Thesen und Ratschläge, die Menschen wie der Zwirbelbartträger im digitalen Raum verbreiten. Die Thesen der selbst ernannten Dating-, Fitness- oder Masculinity-Coaches erstrecken sich dabei von niedlich-bescheuert bis zu misogyn, homophob, demokratiefeindlich oder einfach nur gruselig.
In einer Mischung aus Humor, Chuzpe und Faktencheck stellt sich Robert Lindemann fast täglich diesem Irrsinn entgegen – und zeigt damit ein Engagement, das man selbst vielleicht ein bisschen öfter erbringen sollte, wenn man im Alltag menschenfeindlichen Inhalten begegnet. Wie haben die Omas gegen Rechts uns erst vor Kurzem noch im Interview wissen lassen? »Es ist wichtig, die öffentlichen Räume zu besetzen.« Das gilt auch fürs Digitale.
Vor einigen Wochen haben wir den gebürtigen Kieler, der in einer niedersächsischen Kleinstadt aufgewachsen ist und heute in Hamburg lebt, zu einem Interview und Photoshoot getroffen.

»In vielen Männern steckt das dringende Bedürfnis, anderen erzählen zu wollen, wie es im Leben zu laufen hat – auch gerne ungefragt.«
MYP Magazine:
Robert, warum fühlen sich so viele Männer dazu berufen, im Internet anderen Männern Ratschläge zu erteilen?
Robert Lindemann:
Ich glaube, das gehört bei vielen zum männlichen Selbstverständnis. Der Begriff Mansplaining existiert ja nicht von ungefähr. In vielen Männern steckt das dringende Bedürfnis, anderen erzählen zu wollen, wie es im Leben zu laufen hat – auch gerne ungefragt. Und daraus ist nun ein Internetphänomen geworden.
MYP Magazine:
Hast Du dich selbst auch schon mal beim Mansplainen ertappt?
Robert Lindemann: (lächelt)
Hat das nicht jeder mal? Klar, auch ich habe mich hin und wieder dabei erwischt, wie ich anderen Leuten proaktiv irgendetwas erklären wollte. Aber zum Glück habe ich in den allermeisten Situationen noch rechtzeitig die Kurve gekriegt und gemerkt: Stopp, wart‘ mal kurz, lass die anderen erst mal ausreden! Und genau darum geht es letztendlich: ein Gefühl dafür zu entwickeln, dass andere Menschen auch etwas zu sagen haben.

»Diese Leute fühlen sich durch den vermeintlichen ›Woke-Wahnsinn‹ dazu berufen, die Rückkehr zu traditionellen Werten zu propagieren.«
MYP Magazine:
Die Männer, mit denen Du dich in Deinen Videos befasst, offenbaren im Netz ihre recht eigentümliche Sichtweise auf das, wie man als Mann zu sein hat. Einer zum Beispiel kommt zu der Conclusio: Wenn man als Mann in kurzen Hosen rumlaufe, könne man ja gleich einen Minirock tragen, gefolgt von dem Hinweis: »Geh Ballett!« (sic!) Ein anderer hämmert seinen – wahrscheinlich durchgehend männlichen – Zuschauern ein: »Du bist ein dominanter, starker, maskuliner Mann. Und sie ist eine feminine, sensible, harmonische, glückliche Frau.« Was für ein Männlichkeitsbild ist das, das Du uns da vorführst?
Robert Lindemann:
Ein sehr antiquiertes, das gegen den Status quo und den gesellschaftlichen Fortschritt aufbegehrt. Diese Leute fühlen sich durch den vermeintlichen »Woke-Wahnsinn« dazu berufen, die Rückkehr zu traditionellen Werten zu propagieren. Und das wiederum animiert viele andere, in ähnlich seltsamen Videos ebenso von einem klassischen Männlichkeitsbild zu schwadronieren, das dringend wieder hergestellt werden müsse.

»Wenn man in solche Accounts tiefer eintaucht, stellt man mit Entsetzen fest, welche frauenfeindliche und rückständige Scheiße da so veröffentlicht wird.«
MYP Magazine:
Empfindest Du für Deine Protagonisten auch gelegentlich Mitleid?
Robert Lindemann:
Es gab tatsächlich mal einen Fall, in dem ich eine subtile Art von Mitleid verspürt habe. Einer dieser Dating-Coaches hat vor einiger Zeit auf Instagram ein Video von mir löschen lassen, und zwar aufgrund eines angeblichen Copyright-Verstoßes. Da ich mich aber in den Captions meiner Videos immer auf das Zitatrecht berufe, war mein Content schnell wieder hergestellt. In dem Moment hat mir der Dating-Coach wirklich ein bisschen leid getan, weil ich mir vorgestellt habe, wie er zu Hause alleine in seinem Zimmer saß und die Welt nicht mehr verstand, im Sinne von: »Da kommt jetzt so ein langhaariger Typ aus Hamburg und darf mich einfach ärgern. Dabei will ich den Leuten mit meinen Tipps doch nur helfen.«
MYP Magazine:
Der Arme.
Robert Lindemann:
Von wegen! Wenn man in solche Accounts tiefer eintaucht, stellt man mit Entsetzen fest, welche frauenfeindliche und rückständige Scheiße da so veröffentlicht wird. Daher hat es sich mit meinem Mitleid auch sehr in Grenzen gehalten, nach wenigen Minuten war es wieder verflogen.

»Ich hatte ein bisschen Angst, dass er gleich um die Ecke biegen und mich erkennen würde.«
MYP Magazine:
Bist du einem Deiner Protagonisten mal persönlich begegnet?
Robert Lindemann:
Nee, zum Glück nicht. Ich war neulich mal auf einer Hiphop-Veranstaltung in Hamburg, von der ich wusste, dass dort Menschen aus dem Umfeld eines Fitness-Coaches unterwegs waren, auf den ich kurz vorher in einem meiner Videos reagiert hatte. Daher hatte ich in Hamburg ein bisschen Angst, dass er gleich um die Ecke biegen und mich erkennen würde – um mich dann mit seiner körperlichen Präsenz einzuschüchtern, um’s mal sachlich auszudrücken.
Zu meinem Glück bin ich ihm nicht begegnet, ebenso wenig wie irgendeinem anderen dieser Leute. (überlegt einen Moment) Aber was heißt zum Glück? Ich wüsste ehrlich gesagt nicht, wie ich in so einer Situation reagieren würde. Und ich hätte auch keine Ahnung, wie die andere Person damit umgehen würde, mich zu sehen. Stattdessen habe ich auf der Veranstaltung in Hamburg viel Zuspruch von Personen erhalten, die mich erkannt haben – sogar von Menschen aus seinem Umfeld.

»Dieser Blick auf die Welt geht Hand in Hand mit der Incel-Kultur, in der Frauen die Schuld für alles tragen.«
MYP Magazine:
Die Zahl der Männer, die sich bemüßigt fühlen, vor einer Kamera ihre Ansichten zu Frauen und Männlichkeit in die Welt zu kippen, scheint zu wachsen. Woher kommt aus Deiner Sicht dieses Bedürfnis? Sind den Männern in unserer Gesellschaft die Orientierungspunkte abhanden gekommen?
Robert Lindemann:
Mein Eindruck ist, dass viele Männer nicht damit klarkommen, dass sich die tradierten Geschlechterrollen zunehmend aufweichen. Die Tatsache, dass sich die Welt nicht mehr nur in schwarz und weiß, in männlich und weiblich einteilen lässt, sondern die vielen Abstufungen dazwischen immer sichtbarer werden, scheint sie völlig zu überfordern und ihnen die Sicherheit zu nehmen. Dieser Blick auf die Welt geht übrigens Hand in Hand mit der Incel-Kultur, in der Frauen die Schuld für alles tragen.
(Anm. der Redaktion: Laut Definition ist das Wort Incel »eine Neuschöpfung aus Abkürzungen für die englischen Begriffe ›involuntary‹ und ›celibate men‹. Incel steht für Männer, die ›unfreiwillig‹ im Zölibat leben, die also keinen Sex haben. Sie organisieren sich im Internet, bestätigen sich gegenseitig ihre Weltsicht in ihren Foren, tauschen Videos und Gewaltfantasien miteinander aus. Dreh und Angelpunkt ist ihr Hass gegen Frauen.«)

»Bestimmt habe ich mich als dummer Teenager auch sexistisch oder rassistisch geäußert.«
MYP Magazine:
Wie könnten diese Männer besser damit klarkommen?
Robert Lindemann: (lacht)
Ich weiß es nicht. Ich persönlich komme damit sehr gut klar – zumindest mittlerweile. Ich bin in einer kleinen, christlich-konservativen Gegend in Niedersachsen großgeworden und hatte als Jugendlicher ein deutlich anderes Weltbild als heute. Und bestimmt habe ich mich als dummer Teenager auch mal sexistisch oder rassistisch geäußert, weil ich es einfach nicht anders kannte.
MYP Magazine:
Was hat Deine Sichtweise verändert?
Robert Lindemann:
Unter anderem der Umzug in die Großstadt. Hamburg hat mir geholfen, über den Tellerrand zu blicken. Ich will nicht pauschal die Leute auf dem Dorf shamen. Dennoch erlebe ich immer wieder, dass insbesondere diejenigen, die es noch nicht geschafft haben, über den Tellerrand zu blicken, nach wie vor Sachen von sich geben, bei denen man nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen kann. Ich frage mich in solchen Momenten immer: Muss ich jetzt intervenieren und Aufklärung betreiben? Oder mache ich die Diskussion erst gar nicht auf, weil das vielleicht zu einer noch größeren Ablehnung und noch mehr Unverständnis führt?
Um es auf den Punkt zu bringen: Das Problem ist die Sozialisierung. Und wenn junge Leute dann noch zusätzlich von irgendwelchen Dating- und Männlichkeits-Coaches im Internet manipuliert werden, radikalisiert sich dieses Gedankengut im schlimmsten Fall. Die Serie »Adolescence« zum Beispiel zeigt das aktuell auf bedrückende Art und Weise.

»Vor allem junge Männer scheinen oft kaum in der Lage zu sein, reflektieren zu können, was solche Leute so von sich geben.«
MYP Magazine:
Das vierteilige Netflix-Format »Adolescence« befasst sich damit, welchen verheerenden Einfluss chauvinistische und frauenfeindliche Social-Media-Persönlichkeiten wie etwa Andrew Tate auf Kinder und Jugendliche haben können. Welche Gefahren siehst Du persönlich in dem Content, mit dem Du dich in Deinen Videos befasst?
Robert Lindemann:
Männer, die sich in ihrer Sexualität oder Männlichkeit eher unsicher fühlen, folgen Dating-Coaches oft, weil die ihnen einfache Antworten auf komplexe Fragestellungen geben. Das sind die gleichen Mechanismen wie bei denen, die am Ende bei der AfD landen. Vor allem junge Männer scheinen oft kaum in der Lage zu sein, reflektieren zu können, was solche Leute so von sich geben. Ob das auch das Richtige ist, stellen sie nicht in Frage, weil die große Reichweite und die vielen Likes dieser Leute eine gewisse Legitimation vermittelt. Und so machen die Kids diese Weltsicht letztendlich zu ihrer. Hinzu kommen noch vereinzelt das Aufbegehren gegen die Weltsicht ihrer – oft eher linken – Elterngeneration sowie eine allgemeine Perspektivlosigkeit und Einsamkeit.

»Ich weiß, dass ich mit meinem Content keine misogynen Typen bekehren werde, da mache ich mir keine Illusionen.«
MYP Magazine:
Du bringst mit Deinen Videos Millionen von Menschen zum Lachen. Ist Humor die beste Waffe, um kruden Inhalten zu begegnen? Oder ist die Situation dafür mittlerweile zu ernst?
Robert Lindemann:
Humor ist zumindest für mich ein Mechanismus, mit dem ich das Ganze verarbeiten und aufbereiten kann – im ersten Schritt für mich selbst, im zweiten Schritt für meine Zuschauer*innen. Ich will sie darauf aufmerksam machen, welche irren Leute es da draußen gibt. Dabei versuche ich auch immer, einen kleinen aufklärerischen Part in meine Videos zu packen und hier und da ein paar Fakten einzustreuen, die dem Gefasel dieser selbst ernannten Coaches widersprechen – auch wenn mir natürlich bewusst ist, dass die Leute, die mir folgen, ohnehin eine ähnliche Denke haben wie ich. Ich weiß, dass ich mit meinem Content keine misogynen Typen bekehren werde, da mache ich mir keine Illusionen. Der Algorithmus würde ihnen meine Videos eh nicht ausspielen. Und wenn, würden sie sie richtig scheiße finden.

»Ich habe mir einen Fake-Account angelegt, mit dem ich all diesen irren Typen folge.«
MYP Magazine:
Wie gerätst Du selbst an diese Inhalte? Musst Du danach aktiv suchen? Oder ist Dein eigener Algorithmus mittlerweile so versaut, dass Dir die Videos automatisch vorgeschlagen werden?
Robert Lindemann: (lächelt)
Mein privater Algorithmus ist zum Glück relativ heile. An den Content komme ich einerseits durch meine Follower*innen, die mir etliche Hinweise schicken. Zum anderen habe ich vor einigen Jahren einen Fake-Account angelegt, mit dem ich all diesen irren Typen folge. Meine Recherche läuft in der Regel so ab, dass ich abends im Bett liege, mich auf dem Fake Account einlogge und durch die Reels in meinem Feed gehe. Die Videos, die ich sehr gut finde oder zu denen mir direkt eine Idee in den Kopf schießt, speichere ich ab und lade sie herunter. Dann stückele ich sie mit einem Schnittprogramm auf meinem Handy auseinander, schreibe ein Skript und nehme das Ganze am nächsten Tag auf.

»Irgendwann hat man alles Übel dieser Welt gesehen.«
MYP Magazine:
Wie hältst Du es aus, Dir tagtäglich so viel Mist anzusehen?
Robert Lindemann:
Ich mache das jetzt schon so viele Jahre, dass mich nichts mehr überrascht oder schockiert. Irgendwann hat man alles Übel dieser Welt gesehen oder gehört. Und wenn es mir mal zu viel wird, wechsele ich zurück auf meinen privaten Account, schaue mir witzige Reels und Hundevideos an und dann ist es auch schon wieder viel zu spät und ich schlafe ein.
MYP Magazine:
Glaubst Du, das Internet hat Menschen wie die Dating-Coaches erst zu dem gemacht, was sie sind?
Robert Lindemann:
Ohne das Internet wäre das Thema auf jeden Fall nicht so groß. Und ohne das Internet wäre auch die AfD nicht so groß. Und Donald Trump. Und so vieles, was gerade problematisch ist in der Welt. Aber das Netz ist dabei natürlich nicht das Grundproblem. Es ist eher ein Multiplikator dessen – was für ein schlauer Satz! (lacht)
MYP Magazine:
Das können wir ja explizit dazuschreiben.
Robert Lindemann:
Ja, bitte!

»Ich äußere mich nicht zu dem Körper oder Aussehen eines Menschen.«
MYP Magazine:
Welche Grenzen gibt es für Dich, wenn es darum geht, den Content anderer auseinanderzunehmen?
Robert Lindemann:
Mir ist wichtig, nicht nach unten zu treten, sondern immer nur nach oben. Außerdem äußere ich mich nicht zu dem Körper oder Aussehen eines Menschen. Und wenn ich das Gefühl habe, dass die Leute zu jung sind oder nicht so ganz wissen, was sie da von sich geben, lasse ich ebenfalls die Finger davon.
MYP Magazine:
Oliver Kalkofe hat sich bereits 1994 in ähnlichen Videoclips darüber lustig gemacht, was im TV lief. Ist er ein Vorbild für Dich?
Robert Lindemann:
Ich habe seine Clips immer sehr gerne geschaut und würde ihn auf jeden Fall als Vorbild bezeichnen, insbesondere was die kreative Arbeit mit Fremd-Content angeht. Genauso gut fand ich aber auch »Switch Reloaded«. Vor Kurzem habe ich mit »Insta Realoaded« ein ganz ähnliches Format angefangen, bei dem es nicht mehr um klassische Reaction-Videos geht, sondern ich die entsprechenden Leute tatsächlich nachspiele.

»Irgendwann muss ich wohl in jenes Rabbit Hole abgetaucht sein, in dem der ganze schreckliche Content steckt.«
MYP Magazine:
Kalkofes Mattscheibe lief 1991 als eine Radiosendung an, die er 1994 zu einem TV-Format weiterentwickelte. Was war der Ursprung Deiner Reaction-Videos?
Robert Lindemann:
Schon als Kind wollte ich immer irgendetwas mit Film machen, egal ob Kameramann, Regisseur, Schauspieler oder Stuntman. Durch meine Liebe zum Film bin ich aber erst mal zur Fotografie gekommen und habe eine Ausbildung gemacht. Danach habe ich jahrelang als Fotoassistent gearbeitet – einerseits, weil ich zu faul war, ein eigenes Portfolio aufzubauen. Und anderseits, weil ich dadurch die ganze Welt bereisen konnte: Eine der Fotografinnen, für die ich damals gearbeitet habe, wurde immer wieder für Modekatalog-Shootings gebucht. Und da die Sommermode immer im Winter fotografiert wird, ging‘s auf diesen Jobs meistens ins Warme.
Das war eine echt geile Zeit, aber ich habe mit den Jahren gemerkt, dass ich mich vor der Kamera wesentlich wohler fühle als dahinter – etwa in Momenten, in denen ich am Strand für die Fotografen Lichtdouble stehen durfte. So ist übrigens auch irgendwann mein Erotik-Kalender entstanden…
MYP Magazine:
… auf den wir gleich noch zu sprechen kommen.
Robert Lindemann:
Auf jeden Fall kam ich über den Casting-Hinweis einer Regisseurin, die ich von einem meiner Assistenten-Jobs kannte, zu einer Rolle in einem Werbespot. Danach folgten einige weitere kleinere Darstellerjobs. Etwa in der gleichen Zeit wurde auch meine Reichweite auf Instagram immer größer.
Als ich neulich mal mein Story-Archiv durchgesehen habe, ist mir aufgefallen, dass ich bereits vor sechs, sieben Jahren irgendwelche Videos von Marcus Prinz von Anhalt bearbeitet habe. Das waren im Prinzip die Vorläufer meines heutigen Contents. Aber wann genau die ersten Reaction-Videos – etwa zu den Dating-Coaches – entstanden sind, weiß ich gar nicht so genau. Irgendwann muss ich wohl in jenes Rabbit Hole abgetaucht sein, in dem der ganze schreckliche Content steckt. Und von da an wurde es immer mehr.

»Der Bereich des gesellschaftlich Sagbaren hat sich über die letzten Jahre weit nach rechts verschoben, im Analogen wie im Digitalen.«
MYP Magazine:
In Deinen Videos befasst Du dich – ähnlich wie Oliver Kalkofe – nicht nur mit Männlichkeits-Coachs und sogenannten Fitness Bros, sondern auch mit Leuten, die Misstrauen in Institutionen und die Demokratie säen, wie etwa Mario Barth. Nimmt dieser Content zu? Verschiebt sich da gerade etwas im Internet?
Robert Lindemann:
Auf jeden Fall. Das Internet ist ein Spiegel der Gesellschaft. Und da unsere Gesellschaft gerade einen deutlichen Rechtsruck erlebt, findet das online genauso statt. Ich habe den Eindruck, dass die Leute sich immer öfter trauen, bestimmte Dinge öffentlich zu sagen oder zu posten, die sie vielleicht vor zehn Jahren noch nicht so gesagt hätten. Und damit meine ich nicht nur die populistische Scheiße, die Prominente wie Mario Barth oder Dieter Nuhr von sich geben. Sondern auch das, was die sogenannten normalen Leute mittlerweile wie selbstverständlich im Netz raushauen. Der Bereich des gesellschaftlich Sagbaren hat sich über die letzten Jahre weit nach rechts verschoben, im Analogen wie im Digitalen. Das kann ich mir Tag für Tag ansehen.
MYP Magazine:
Siehst Du persönlich einen Zusammenhang zwischen dem Content, der sich mit Themen wie Maskulinität, Geld und Dating-Erfolg befasst, und dem, der eher politisch geprägt ist und aus der rechten Ecke kommt?
Robert Lindemann:
Nicht alle Dating-Coaches sind rechts. Aber da deren Content in den allermeisten Fällen klassische Familien- und Rollenbilder propagiert, gibt es gewisse Überschneidungspunkte – thematisch, aber auch in Bezug auf das Publikum, das damit erreicht wird. Auf jeden Fall sind das keine Ideale, die jemand aus meiner linken Bubble verfolgen würde.

»Ich habe aus Spaß ein bisschen sexy posiert.«
MYP Magazine:
Du hast uns eben bereits das Stichwort gegeben: Seit mittlerweile sechs Jahren gibst Du einen eigenen Erotik-Kalender heraus, der wie ein lustiges Statement gegen das auf Instagram und Co. vorherrschende Schönheitsideal wirkt. Wie genau ist dieser Kalender entstanden?
Robert Lindemann:
2019 habe ich bei einer Foto-Produktion in Mexiko am Strand in Badehose Lichtdouble für eine Fotografin gestanden und dabei aus Spaß ein bisschen sexy posiert. Irgendwie mochte ich diese Bilder. Und so hatte ich die Idee, daraus einen Kalender zu machen und diesen als Weihnachtsaussendung an Kund*innen, Kolleg*innen und Freund*innen zu schicken. Inspiriert dazu hatte mich ein bisschen der Rapper MC Smoke, der viele Jahre lang einen ähnlichen Kalender gemacht hatte. Allerdings wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass meinen eigenen Kalender jemals irgendjemand kaufen würde – zumal ich damals auf Instagram noch überhaupt keine Reichweite hatte.
Aber plötzlich wollten etliche Leute dieses Ding haben. Und so habe ich ein Jahr später den nächsten Kalender bereits über einen eigenen Onlineshop verkauft. Allerdings wuchs mir das Ganze schnell über den Kopf, sodass ich mir im dritten Jahr einen richtigen Vertrieb gesucht habe, der sich seitdem um das Logistische kümmert. Über die Jahre ist daraus ein richtiges Business geworden, wobei ich sagen muss, dass die meisten Einnahmen nach wie vor gespendet werden. Alle Fotograf*innen, die daran beteiligt sind, arbeiten pro bono. Und ich selbst will mich daran ebenfalls nicht bereichern. Daher geht ein Großteil des Geldes an Organisationen wie Viva con Agua oder Sea Watch.

»Plötzlich saß ich live in einem Radiointerview bei Deutschlandfunk Kultur und musste etwas zu Körperbildern erzählen.«
MYP Magazine:
Auch renommierte Medien wie Deutschlandfunk Kultur oder das Redaktionsnetzwerk Deutschland haben über Deinen Kalender berichtet, und zwar im Kontext des Themas Bodypositivity. Wie bist Du mit diesem medialen Rummel umgegangen?
Robert Lindemann: (lacht)
Dieser Rummel gefiel mir durchaus! Bei so einem Kalender geht es in erster Linie um die eigene Person, daher war für mich die mediale Aufmerksamkeit erst mal etwas Schönes. Allerdings hatte ich selbst das Ganze gar nicht aus jenem Bodypositivity-Aspekt heraus gedacht, den die Presse darin von Anfang an gesehen hat. Ich fand es einfach nur witzig, aus meinen Strandfotos einen Kalender zu machen – und plötzlich saß ich live in einem Radiointerview bei Deutschlandfunk Kultur und musste etwas zu Körperbildern erzählen.
In dem Moment dachte ich nur: Okay, was?! Erst mit der Zeit habe ich verstanden, dass das, was ich da mache, anderen Männern tatsächlich dabei hilft, sich wohler in ihrem Körper zu fühlen. Für Frauen gibt es da bereits etliche Vorbilder, aber für Männer irgendwie gar nicht. Ich will mich jetzt auch nicht groß als Vorbild inszenieren. Aber mir haben viele Männer geschrieben, wie stark sie es finden, dass ich mich »mit meinem Körper traue«, solche Bilder zu machen, und dass ihnen das persönlich Mut gemacht hat. Heute kann ich sagen: Auch wenn ich damals ungeplant und unfreiwillig zum Thema Bodypositivity gekommen bin, freue ich mich heute umso mehr, dafür einzustehen.

»Es sprang einem ein normschöner Körper nach dem anderen entgegen.«
MYP Magazine:
War Dein eigener Blick auf Deinen Körper jemals ein problematischer?
Robert Lindemann:
Nein, ich habe mich schon immer in meinem Körper wohlgefühlt, ganz egal, ob ich dicker oder dünner war. Dabei bin ich in den Neunzigern mit einem körperlichen Idealbild großgeworden, das mehr oder weniger omnipräsent war – im TV, auf Plakaten und natürlich auch in diesen dicken Versandhauskatalogen, die es damals gab. Wenn man die so durchgeblättert hat, sprang einem ein normschöner Körper nach dem anderen entgegen. Von sogenannten Plus-Size- oder Curvy-Models war da noch lange keine Rede.
MYP Magazine:
Die gibt‘s mittlerweile sogar bei »Germany‘s Next Topmodel«.
Robert Lindemann:
Aber das ist auch so scheinheilig, Digga! Vor fünf Jahren hat Heidi Klum noch die Plus-Size-Models fertiggemacht. Und jetzt macht sie einen auf »Wir sind total offen für alle, bla, bla, bla«. Das ist so ekelhaft, ey.

»Das kann doch nur daran liegen, dass sie eine Frau ist.«
MYP Magazine:
In dem Interview mit Deutschlandfunk Kultur hast Du bemerkt, dass Frauen, die ähnlichen Content machen wie Du, mit deutlich mehr Hasskommentaren zu kämpfen hätten. Kannst Du erklären, warum?
Robert Lindemann:
Klar – weil sie Frauen sind. Und weil wir in einer misogynen Gesellschaft leben. Nehmen wir zum Beispiel Tara-Louise Wittwer, die mit ihrem Format »wastarasagt« sehr ähnlichen Content wie ich macht. Aber in den Kommentaren bekommt Tara im Vergleich zu mir viel mehr Hass ab. Das liegt offensichtlich daran, dass die Leute da draußen immer noch super frauenfeindlich sind.

»Man macht etwas, das wiederum zu etwas anderem führt und schließlich Menschen in irgendeiner Form berührt.«
MYP Magazine:
Auf der Website der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung heißt es: »In der öffentlichen Meinung gelten Essstörungen verbreitet als Frauenkrankheit. Doch auch Jungen und Männer können betroffen sein. Ihr Leidensdruck ist in vielen Fällen besonders hoch, weil sie mit ihrer Erkrankung oft nicht wahr- und ernstgenommen werden. Hinzukommt, dass vor allem bei männlichen Patienten eine andere Störung vorliegen kann, die wenig bekannt ist. Auch die sogenannte Muskelsucht geht oft mit bedenklichen und zwanghaften Ernährungsgewohnheiten einher.« Würdest Du von Dir behaupten, ein Role Model für solche jungen Männer zu sein?
Robert Lindemann:
Bin ich ein Vorbild? (überlegt einen Moment) Wenn dem so ist, dann eher unfreiwillig. Es war nie mein Ziel, ein Role Model zu sein. Aber wenn ich auf das viele positive Feedback schaue, das ich erhalte, ist es wahrscheinlich so. Am Ende ist es wie bei meinem Kalender: Man macht etwas, das wiederum zu etwas anderem führt und schließlich Menschen in irgendeiner Form berührt. Das nehme ich gerne an. Und ich freue mich darüber, dass ich offenbar mit dem, was ich tue, anderen Menschen helfen kann.
»Das ist eine gute Prämisse: sich selbst nicht so ernst nehmen.«
MYP Magazine:
Die Typen in Deinen Videos predigen Werte wie Geld, Frauen und Fitness. Einer schreit seine Zuschauer regelrecht an: »Go to the gym!« Sind diese Typen das Symptom einer Gesellschaft, der die Empathie abhanden gekommen ist?
Robert Lindemann:
Ich befürchte.
MYP Magazine:
Für welche Werte stehst Du persönlich?
Robert Lindemann:
Puh! Hier jetzt ein paar große Begriffe zu droppen, ist mir zu pathetisch. Ich finde, so ein persönliches Wertekonzept ist viel komplexer, als dass ich es in ein paar Stichpunkten verpacken könnte.
MYP Magazine:
Vielleicht geht es im Leben auch einfach nur darum, dass unterschiedlichste Leute sich begegnen und ein bisschen Spaß miteinander haben.
Robert Lindemann:
Total! Und man sollte sich selbst und andere nicht immer so ernst nehmen. Ich denke, das ist eine gute Prämisse: sich selbst nicht so ernst nehmen. Sonst verkommt man am Ende nur zu einem dieser verbitterten Typen wie die Coaches. Wenn man das Leben mit ein bisschen Humor und einer kleinen Prise Selbstkritik nimmt, ist alles halb so wild.

»Man kann nicht verhindern, dass das Internet ein toxischer Raum bleibt.«
MYP Magazine:
Du hast einen Podcast mit dem Titel »Digitales Gift«. Wie stellst Du sicher, dass der digitale Raum für Dich nicht zu einer toxischen Falle wird? Schaltest Du ab und zu mal ab und lebst nur im Analogen?
Robert Lindemann:
Leider viel zu selten. Aber das liegt auch daran, dass Social Media mittlerweile mein Hauptjob ist. Und den kann ich nicht einfach so von heute auf morgen abstellen… Vielleicht ist das aber gerade auch nur eine Ausrede, ich weiß es nicht.
Was ich allerdings weiß, ist, dass man nicht verhindern kann, dass das Internet ein toxischer Raum bleibt. Die Freiheit, die uns das Internet gegeben hat, ist Fluch und Segen zugleich. Daher ist es umso wichtiger, gut auf sich selbst aufzupassen und Profile, die einem nicht gefallen, einfach mal zu blockieren.

»Es gibt immer noch genügend Menschen, die sich den Gegebenheiten unserer Zeit in den Weg stellen.«
MYP Magazine:
Was gibt Dir in der analogen Welt Mut und Zuversicht?
Robert Lindemann:
Dass sich gerade Widerstand regt. Wir erleben zum Beispiel gerade, dass in den USA mehr und mehr Menschen gegen Trump auf die Straße gehen. Und auch hier in Deutschland scheinen immer mehr Leute zu merken, dass einfache Lösungen, wie sie die AfD anbietet, vielleicht nicht das Richtige sind.
Mag sein, dass ich durch die Bubble, in der ich lebe, in meiner Wahrnehmung völlig geblendet bin. Aber ich habe den Eindruck, dass es immer noch genügend Menschen gibt, die wirklich gutes Zeug von sich geben und sich den Gegebenheiten unserer Zeit in den Weg stellen. Das gibt mir ein kleines bisschen Hoffnung.

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robertlindemann.de
Interview & Text: Jonas Meyer
Fotografie: Steven Lüdtke








