Jonny Mahoro

Interview — Jonny Mahoro

»Wir müssen in alle Richtungen Hoffnung ausstrahlen«

Zwischenphasen, Zukunftsangst und Zuversicht – mit seiner Musik gibt Jonny Mahoro seiner Generation eine Stimme und gilt damit als bedeutsamer Newcomer des vergangenen Jahres. Sein Song »Zwischenphase« brachte ihm populäre und kritische Anerkennung, mit der EP »Innenleben« legte er nach. Wir treffen den 26-Jährigen in einem Waschsalon und sprechen über sein neues Leben als erfolgreicher Musiker, die damit verbundenen Kehrseiten, emotionale Ehrlichkeit und Hoffnung in unsicheren Zeiten.

22. Februar 2026 — Interview & Text: Noah Anton Schmitt, Fotografie: Juliusz Gastev

Jonny Mahoro hat ein aufregendes Jahr hinter sich: Am Anfang ist er noch arbeitslos und am Ende für den POLYTON-Preis nominiert: eine Auszeichnung, die von den renommierten Mitglieder:innen der Akademie für Populäre Musik verliehen wird. Dahingebrach hat ihn sein Song »Zwischenphase«, in dem er beschreibt, wie es sich anfühlt, als Mitte-Zwanzigjähriger zwischen Lebensphasen zu stehen und nicht genau zu wissen, wie es weitergeht: auf der einen Seite mit dem Ernst des Erwachsenseins konfrontiert zu sein und auf der anderen Seite noch in jugendlicher Leichtigkeit zu schwelgen, so schön wie sie ist.

Im Herbst 2025 folgte dann der Release von »Innenleben«, seiner zweiten EP. Getragen von einprägsamen Melodien und zarten Stimmlagen verleiht Jonny Mahoro dem Wechselbad seiner Gefühle Raum. Von der Suche nach Selbstliebe, Herzschmerz und Haltlosigkeit bis zu Hymnen auf die schönen Seite des Lebens ist alles mit dabei. Besonders eindrucksvoll ist der Song »Zukunftsangst«, denn Jonny Mahoro gelingt es, der Gefühlswelt einer Generation an jungen Menschen Ausdruck zu verschaffen, der vor lauter Krisen die Zukunft abhanden gekommen ist. So sind seine Songs Balsam für die Seele. Dazu passt, dass er bei seinen Konzerten Blumen an Menschen im Publikum verteilt, die gerade eine besonders schwere Zeit durchmachen.

Wir treffen Jonny Mahoro bei »Freddy Leck sein Waschsalon« im Berliner Stadtteil Moabit. Seit nahezu zwanzig Jahren ist der Ort mit der kultigen Tapete nicht mehr aus der Gotzkowskystraße wegzudenken. Hier geht die Nachbarschaft ein und aus, unterhält sich, trinkt einen Kaffee oder liest eine der ausliegenden Zeitschriften. Wäsche wird von Herrn »F. Leck« mit Leidenschaft gemacht: So trägt jede Waschmaschine sogar einen eigenen Namen.

»Ich muss mich immer noch kneifen, wenn ich den Song live spiele.«

MYP Magazine:
Jonny, Anfang 2025 hattest Du noch einen Termin beim Jobcenter, dann ging Dein Song »Zwischenphase« auf TikTok viral und hat mittlerweile über zehn Millionen Streams erreicht. Wie ist es für Dich, so einen Hit geschrieben zu haben?

Jonny Mahoro:
Es ist ein bisschen surreal. Den Song habe ich im Sommer 2024 geschrieben, kurz nach meinem 25. Geburtstag. Danach lag er in der Dropbox und es ist erst mal nichts passiert. Erst acht Monate später haben wir den Track in den sozialen Medien geteasert, daraus hat sich dann ein komplettes Eigenleben entwickelt. Ich fand den Song gut, aber dass er so erfolgreich wird, habe ich nicht erwartet. Mich freut es, dass so viele Menschen sich damit verbunden fühlen. Tatsächlich muss ich mich immer noch kneifen, wenn ich den Song live spiele, denn er hat mein Leben verändert.

»Viele meiner Freunde sind jetzt mit dem Master fertig, andere heiraten, und ich fühle mich gerade von beidem extrem weit weg.«

MYP Magazine:
Wie sah Dein Leben vor dem Song aus?

Jonny Mahoro:
Vor einem Jahr war alles ziemlich schwer für mich. Ich hatte kein Geld, wirklich gar kein Geld für nichts, nicht mal für meine Miete. Zum Glück hat das jemand anderes für mich übernommen. Dazu kam, dass ich nach dem Abschluss meines Studiums keinen Job gefunden habe. Außerdem wusste ich nicht, wie es mit meiner Beziehung weitergeht, und über meine Eltern habe ich mir auch Gedanken gemacht. Auch von den Labels, mit denen wir damals im Gespräch waren, haben wir keine zielführenden Angebote bekommen. Mein Manager und ich waren ganz schön verzweifelt, wir wussten nicht, wie wir den nächsten Schritt machen sollten. »Zwischenphase« war der Katalysator dafür, dass ich mich voll auf meine Musik konzentrieren und die Miete wieder zahlen konnte.

MYP Magazine:
Befindest Du dich aktuell noch in einer Zwischenphase?

Jonny Mahoro:
Ich glaube, es gibt nicht nur die eine Zwischenphase, die ich in dem Song beschreibe. Vielleicht war das die Spitze der Mitte-Zwanzig-Zwischenphase. Ganz über den Berg bin ich allerdings noch nicht. Was ich in dem Song beschreibe, ist immer noch relevant. Viele meiner Freunde sind jetzt mit dem Master fertig, andere heiraten, und ich fühle mich gerade von beidem extrem weit weg.

»Ich hatte wenig Zeit für meine Familie und Freunde. Für manche konnte ich kein guter Freund sein.«

MYP Magazine:
Aus der Arbeitslosigkeit zum POLYTON-Preis, Dein vergangenes Jahr könnte als Hollywood-Geschichte erzählt werden. Erfolg hat aber auch Kehrseiten, wie alles im Leben. Was hat Dich der Erfolg gekostet?

Jonny Mahoro:
Ich hatte wenig Zeit für meine Familie und Freunde. Für manche konnte ich kein guter Freund sein, weil ich nicht immer erreichbar war. Wenn ich die ganze Zeit weg bin und auf Nachrichten nicht antworte, wirkt sich das auf Beziehungen aus. Natürlich ist meine Absicht nicht böse, aber leider geht das jetzt mit meinem Leben einher. Man lernt Neues zu schätzen und merkt, mit wem Freundschaften trotzdem leicht zu pflegen sind.
Klar, andere Berufe wirken sich auch auf das Privatleben aus, aber bei mir kommt hinzu, dass ich in der Öffentlichkeit stehe. Auf der einen Seite ist es toll, wenn so viele Leute mich feiern, andererseits bekomme ich auch den Hass im Internet ab. Ich versuche zwar, mich davon abzugrenzen, aber das ist nicht so leicht. Irgendwo bin ich auch nur ein Mitte-Zwanzigjähriger, der ein sehr, sehr verrücktes Jahr erleben durfte.

»Was ich nicht verlieren will, ist ehrliche Kunst zu machen.«

MYP Magazine:
Deine Songtexte sind von emotionaler Ehrlichkeit gekennzeichnet. Woher kommt der Mut, Dich öffentlich so verletzlich zu zeigen?

Jonny Mahoro:
Oft vergeht eine ganze Weile zwischen dem Moment, in dem ich einen Song schreibe, und dem Release. In der Zwischenzeit rede ich viel mit Menschen, die mir nahestehen. So kann ich meine Gefühle verarbeiten, bevor ich mit den Songs auf die Bühne gehe.
Es gibt auch aktuell in meiner Ablage Lieder, bei denen ich noch nicht bereit bin, sie zu veröffentlichen. Mit Songs ist es schon fast wie mit einer Schwangerschaft: Es zieht sich einfach. Und wenn die Zeit reif ist, kann das Kind das Licht der Welt erblicken. Manchmal braucht die Geburt länger, manchmal ist sie komplizierter und manchmal leichter. Was ich nicht verlieren will, ist ehrliche Kunst zu machen.

»Vor allem versuche ich zu vermeiden, über Dinge zu schreiben, von denen ich wenig Ahnung habe.«

MYP Magazine:
Wie erreichst Du diese Ehrlichkeit, wenn Du einen Song schreibst?

Jonny Mahoro:
Ich schreibe aus meiner Perspektive: wie ich das Leben wahrnehme, was ich fühle. Wenn ich persönlich Musik von anderen höre, kann ich mich viel besser in die Situation hineinversetzen, wenn sie aus der Ich-Perspektive geschrieben ist. Vor allem versuche ich zu vermeiden, über Dinge zu schreiben, von denen ich wenig Ahnung habe. Zum Beispiel, wenn es um Politik geht: Dazu habe ich keinen richtigen Bezug und wüsste auch nicht, wie ich das in einen Song packen würde.

»Es ist ein Wahnsinn, was sich Leute im Internet herausnehmen zu schreiben.«

MYP Magazine:
Trotzdem singst Du in »Zukunftsangst« darüber, dass Du dir die Zukunft inmitten von Unsicherheiten kaum mehr vorstellen kannst. Ist das kein politischer Song?

Jonny Mahoro:
Doch, der Song ist schon politisch – aber ohne, dass er ein politischer Song sein will. In der Promophase habe ich schnell gemerkt, dass so ein Song von mir als Schwarzem Künstler automatisch politisch ist. Ich habe viele rassistische Anfeindungen erlebt, die Kommentare in den sozialen Medien waren wirklich bodenlos. Es ist ein Wahnsinn, was sich Leute im Internet herausnehmen zu schreiben. Das hat mich aber nur darin bestärkt, diesen Song herauszubringen. Ursprünglich kam das Stück aber aus einem anderen Kontext. Ausgehend von der Zwischenphase lag die Zukunftsangst mehr auf der Hand als der große Optimismus.

»Ich denke nicht, dass die Lage hoffnungslos ist. Man muss die Hoffnung nur ein bisschen mehr suchen.«

MYP Magazine:
Optimismus findet man an anderer Stelle, da singst Du: »Vielleicht, vielleicht, vielleicht wird alles viel leichter.« Woher schöpfst Du diese Zuversicht?

Jonny Mahoro:
Aus lustigen Abenden mit Freunden, Telefonaten mit meinen Eltern, diesen fünf Minuten, in denen die Welt ziemlich in Ordnung ist. Ob man auf einer Party ist oder am Meer hockt, es gibt genug gute Momente. Ich denke nicht, dass die Lage hoffnungslos ist. Man muss die Hoffnung nur ein bisschen mehr suchen. Tatsächlich weigere ich mich, hoffnungslos zu sein. Gerade wir als Menschen, die eine Stimme haben, die jung und gesund sind und das Privileg besitzen, dass es ihnen gut geht, müssen in alle Richtungen Hoffnung ausstrahlen. Ja, die Welt ist gerade scheiße, aber wir müssen trotzdem das Beste daraus machen.

»Damals habe ich meinen Selbstwert daran festgemacht, beliebt zu sein.«

MYP Magazine:
In dem Song »Ich lieb mich nicht« thematisierst du unter anderem ein geringes Selbstwertgefühl als Teenager. Was würdest Du deinem jüngeren Ich heute sagen?

Jonny Mahoro:
Damals habe ich meinen Selbstwert daran festgemacht, beliebt zu sein und Bestätigung von anderen zu bekommen. Beides ist aber ultrafragil. Hinzukam, dass meinen Eltern schulischer Erfolg sehr wichtig war. Schulischer Misserfolg hat sich dementsprechend zehnmal schlimmer angefühlt, als er eigentlich war. Ich war auch nicht dumm, nur vielleicht etwas langsam und ein bisschen faul. Abgesehen davon würde ich meinem jüngeren Ich sagen: Sei noch ein Stück mutiger, trau dich aus deiner Komfortzone heraus. Und mach noch viel mehr Musik, so viel wie du kannst.

»Sich selbst zu lieben ist eine schwierige Sache.«

MYP Magazine:
Hast Du mittlerweile das Gefühl, Dich selbst zu lieben?

Jonny Mahoro:
Inzwischen verstehe ich mich besser und bin ehrlicher zu mir selbst – meistens zumindest. Sich selbst zu lieben ist aber eine schwierige Sache. Lange habe ich mich nicht als vollwertig liebenswert gesehen. In meiner Wahrnehmung dachte ich immer: Ich bin lieb und nett, aber ich habe auch diese oder jene schlechte Sache gemacht, die das wieder zunichtemacht. Ich habe gelernt, dass auch solche Gedanken okay sind und dazugehören. Es wird keinen Punkt geben, an dem ich perfekt bin, an dem ich mit einem Traumkörper herumlaufe, meine Finanzen im Griff habe und so weiter.

»Meine Eltern sind trotz sehr widriger Umstände überaus lebensfroh.«

MYP Magazine:
Du sprichst oft über Deine Eltern, auch in Deinen Songs. Kannst Du beschreiben, welche Rolle sie in Deinem Leben spielen?

Jonny Mahoro:
Sie gehören zu den wichtigsten Menschen in meinem Leben. Ohne meine Eltern wäre ich jetzt nicht hier – zuallererst natürlich, weil sie mich auf diese wunderschöne Welt gebracht haben. (lacht) Aber auch, weil sie mich im Rahmen ihrer Möglichkeiten immer voll unterstützt haben. Ich habe viel Respekt für das, was sie durchgemacht haben. Sie sind als junge Erwachsene aus Burundi nach Deutschland gekommen. Obwohl wir als Familie deutlich weniger finanzielle Mittel hatten als die meisten meiner Freunde, hat es meiner Schwester und mir an nichts gefehlt. Meine Eltern sind trotz sehr widriger Umstände überaus lebensfroh. Ich habe von ihnen gelernt, nicht aufzugeben, auszuhalten, durchzuhalten und trotzdem nicht die Freude am Leben zu verlieren.

»Ich muss lernen, dass meine Kapazitäten begrenzt sind.«

MYP Magazine:
Durchhaltevermögen braucht man in der Musikbranche, der Erfolgsdruck und die Arbeitsauslastung sind hoch. Wie gehst Du damit um?

Jonny Mahoro:
Es stimmt schon, ich arbeite extrem viel – auch wenn es sich manchmal nicht so anfühlt, weil es mir so viel Spaß macht. Ich fordere einiges von mir, muss aber lernen, dass meine Kapazitäten begrenzt sind. Körperlich merke ich, dass in den letzten Monate viel los war. Etwas Erholung würde mir guttun, nicht zuletzt, um mental wieder fit zu werden. Nur so kann ich die ehrlichste und beste Musik machen. Wenn man einen erfolgreichen Song hat, ist natürlich immer die Frage, wie es danach weitergeht. Ich habe jedoch nur bedingt Kontrolle darüber, ob ein Song erfolgreich wird oder nicht. Alles, was ich machen kann, ist möglichst gute Musik. Am Ende sind es die Leute, mein Publikum, die daraus mehr machen.

»Mir ist es enorm wichtig, einen Raum zu schaffen, in dem sich alle wohlfühlen.«

MYP Magazine:
Wie würdest Du die Leute beschreiben, die Deine Musik hören?

Jonny Mahoro:
Ich habe wirklich sehr mausige Fans. Das merke ich auch bei meinen Konzerten immer wieder, die Leute sind so lieb zueinander. Teilweise kommt jemand allein und geht mit Freunden. Mir ist es enorm wichtig, einen Raum zu schaffen, in dem sich alle wohlfühlen und ich mich dementsprechend auch wohlfühlen kann. Ich schätze den gegenseitigen Austausch sehr, dafür sind die sozialen Medien optimal. Wenn ich dort sehe, wie meine Fans erzählen, was sie denken und wie sie sich bei meinen Songs fühlen, berührt mich das. Es ist wahnsinnig schön, da mitzufühlen.

»Für das große Ganze sollte man sich auch mal in den Arsch beißen können.«

MYP Magazine:
Du hast in den sozialen Medien eine große Reichweite und bist dort sehr aktiv. Kann man als Musiker heute eigentlich noch Erfolg haben, ohne gleichzeitig auch Influencer zu sein?

Jonny Mahoro:
Wenn man ganz neu anfängt, ist es ohne soziale Medien sicherlich möglich, aber viel schwieriger. Ich verstehe, dass Musiker einfach nur Musik machen wollen. Gleichzeitig denke ich auch, dass man mit einer starken Abwehrhaltung gegenüber sozialen Medien die Möglichkeit verpassen, eine Menge Menschen abzuholen. Aus meiner Sicht gibt es keinen Job, der nicht auch etwas hat, das man ungern macht. Für das große Ganze sollte man sich auch mal in den Arsch beißen können.

»Mittlerweile ist die Mütze für mich wie ein Superhelden-Umhang.«

MYP Magazine:
Auffällig ist, dass man Dich in der Öffentlichkeit nie ohne Deine Mütze sieht. Was hat es damit auf sich?

Jonny Mahoro:
Die Mütze ist mein Markenzeichen geworden. Ich trage sowieso schon für mein Leben gerne Kopfbedeckungen, irgendwann ist es bei der pink-roten Mütze geblieben. Mittlerweile ist die Mütze für mich wie ein Superhelden-Umhang. Sobald ich sie aufziehe, springt der Jonny Mahoro an. Da gibt’s auch eine lustige Geschichte: Ich war im Sommer auf einem Festival und hatte auf dem Weg zur Bühne meine Mütze nicht auf, die Person vom Sicherheitsdienst wollte mich nicht durchlassen. Dann hab‘ ich sie aufgezogen und wurde erkannt. Ich werde auch auf der Straße ohne Mütze viel weniger erkannt als mit, das ist wild. (lacht)

»Jonny muss erst das gebrochene Herz erleben, damit Jonny Mahoro dann auf der Bühne darüber singen kann.«

MYP Magazine:
Wie würdest Du den Unterschied beschreiben zwischen Jonny Mahoro – dem Musiker mit Mütze – und Jonny, der Privatperson?

Jonny Mahoro:
Einen grundsätzlichen Unterschied gibt es nicht. Oft sehe ich mich allerdings eher als Jonny und weniger als Jonny Mahoro. Ich glaube, Jonny Mahoro fällt es ein bisschen leichter, mit Problemen umzugehen. Jonny dagegen macht die ganze Arbeit, damit Jonny Mahoro die Lorbeeren dafür einsacken kann. Jonny muss erst das gebrochene Herz erleben, damit Jonny Mahoro dann auf der Bühne darüber singen kann.

MYP Magazine:
Was kommt als nächstes?

Jonny Mahoro:
Ich mache neue Musik und habe das Gefühl, mich dabei neu zu finden. In meinem Kopf sind momentan viele Punkte, Ausrufezeichen und Fragezeichen. Das finde ich total spannend. Am Ende des Tages bin ich einfach gespannt, wo der Weg für mich hingeht. Ob es ein kometenhafter Aufstieg wird oder eher – weil realistischer – ein Hoch und Runter: Ich habe einfach Bock auf das, was kommt.

Mit besonderem Dank an das Team des Freddy Leck sein Waschsalon.


Anika Decker & Miriam Junge

Interview — Anika Decker & Miriam Junge

»Es geht darum, die Menschen zu finden, mit denen du Tiefe leben kannst«

Was schulden wir unseren Eltern – und was uns selbst? Autorin Anika Decker und Psychologin Miriam Junge sprechen in ihrem neuen Podcast »Bin ich jetzt das Problem?« und im MYP-Interview über Liebe, Freiheit, Wut, Abgrenzung und die »Galerie der Exfreunde«.

9. Februar 2026 — Interview & Text: Katharina Viktoria Weiß, Fotografie: Juliusz Gastev

Wenn sich Bestsellerautorin und Regisseurin Anika Decker und Psychotherapeutin und Coachin Miriam Junge über Beziehungen, Jobs und Abenteuer unterhalten, würde man gerne bei einem Glas Wein danebensitzen und zusammen bis ins Morgengrauen quatschen. Denn in ihrem neuen Audible-Podcast »Bin ich jetzt das Problem?« suchen die beiden Frauen gemeinsam nach dem, was hinter unserem Verhalten liegt: Scham, Selbstwert oder Wut etwa. Oder jene kleinen Momente in unserem Leben, in denen alles kippt.

Im Interview erzählen die beiden, warum Nähe manchmal Mut braucht, weshalb ein Gefühl von Zugehörigkeit nicht an Familie gebunden ist – und wieso man Exfreunde am besten wie eine Ausstellung kuratiert: chronologisch, nach dem schönsten Scheitern sortiert und mit ein paar »Psychos« im musealen Seitenflügel.

»Selbstwert ist so existenziell, dass Menschen ihn instinktiv mit Wut verteidigen, wenn sie nicht reflektieren.«

MYP Magazine:
Anika und Miriam, Ihr beide seid Freundinnen, aber auch Profis in Euren jeweiligen Berufsfeldern. So treffen sich in Eurem neuen Podcast Storytelling und Psychologie. Worin liegen für Euch die größten Gemeinsamkeiten?

Anika Decker:
Im Analysieren, also bei der Frage: Warum macht jemand etwas Bestimmtes – und was steckt dahinter? Mir hat mal ein Spezialist bescheinigt, dass ich eine besondere Faszination für Muster und Strukturen habe.

Miriam Junge:
Und Du hast auch eine Begabung dafür. Du kannst gut zwischen den Zeilen lesen und hast einen Sinn für Dinge, die nicht direkt ausgesprochen werden, aber trotzdem spürbar sind. Manchmal begegnen wir beide einem Menschen, schauen uns zehn Sekunden an – und dann ist vieles klar. Schwer zu beschreiben, aber das ist unsere Verbindung. Diese intensive Ebene gibt uns auch ein Gefühl von Sicherheit miteinander.

Anika Decker:
Das, was hinter unserem menschlichen Handeln liegt, fasziniert mich auch auf vielfältige Weise. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Streit, den ich lange nicht verstanden habe: Jemand wurde mir gegenüber wahnsinnig aufgebracht und aggressiv, obwohl ich eigentlich nur zufällig über etwas gestolpert bin, das mir verschwiegen worden war, ein Loyalitätsthema. Und ich erkannte: Das, was den Menschen da gerade umtreibt, ist Scham.
Scham hängt am Selbstwert – und Selbstwert ist so existenziell, dass Menschen ihn instinktiv mit Wut verteidigen, wenn sie nicht reflektieren. Als ich das verstanden habe, war ich total erleichtert. Diese Aggression war plötzlich nicht mehr so angsteinflößend, weil ich kapiert habe, was dahinter liegt. Und genau da setzt auch der Podcast an: Wenn man versteht, was unter der Oberfläche passiert, verliert vieles seinen Schrecken. Und man kann sich wieder leichter miteinander verbinden.

Miriam Junge:
Durch Gespräche kann man sich oft gegenseitig die Augen öffnen. Ich bin nicht die Coachin in unserer Freundschaft. Gerade dann, wenn ich selbst zu nah dran bin und den Wald vor lauter Bäumen nicht sehe, brauche ich die Perspektive von anderen. Anika erklärt Dinge in einer Geschwindigkeit, die bei mir sofort Erleichterung auslöst. Plötzlich wird etwas Greifbares daraus.

»Irgendwann dachte ich nur noch: Wer ist eigentlich diese Miriam?«

MYP Magazine:
Wann und wie habt Ihr euch kennengelernt?

Anika Decker:
Über drei Ecken. Wir hatten mehrere gemeinsame Freundeskreise. Und irgendwann dachte ich nur noch: Wer ist eigentlich diese Miriam? Dann standen wir auf einem Geburtstag nebeneinander, kamen ins Gespräch und etwas später habe ich auch ein Coaching bei ihr gemacht.
In dieses Coaching bin ich damals mit gefühlt zehn Themen gegangen: Beruf, Trauer – mein Vater war gestorben – und nach einer langen Krankheitsphase war einfach alles zu viel. Ganz ehrlich, am Morgen vor dem Termin war ich überhaupt nicht in der Stimmung. Ich dachte: Ich will das jetzt wegdrücken und lieber irgendetwas machen, das sich leichter anfühlt. Aber dann kam ich aus diesem Coaching heraus mit ganz leichten Schritten – das war eine richtige Erleichterung.

»Zu glauben, ich wüsste ›besser‹ als die Person vor mir, wie Gefühle funktionieren, ist Quatsch.«

MYP Magazine:
Miriam, Du arbeitest in Deinem Beruf in der Regel mit den Themen anderer. Jetzt sprichst Du auch über Dich selbst. Wie war für Dich dieser Seitenwechsel?

Miriam Junge:
Schwierig. Am Anfang war ich gebremst, weil ich als approbierte Psychotherapeutin berufsethischen Regeln unterliege. Gleichzeitig finde ich: Dieses strenge »Ich bin die professionelle Person, ich sage nichts über mich« ist nicht mehr zeitgemäß. Die Augenhöhe ist wichtig: dieses menschlich sein und greifbar sein – gerade heute. Zu glauben, ich wüsste »besser« als die Person vor mir, wie Gefühle funktionieren, ist Quatsch. Also habe ich angefangen, mehr über mich zu sprechen.

MYP Magazine:
Das ist wie im Journalismus: Auch da gibt es dieses Ringen um vermeintliche Objektivität, obwohl wir alle von unseren Sprechpositionen geprägt sind.

Miriam Junge:
Genau. Wenn man auf Beziehungsebene spricht und sich Menschen gehört und gesehen fühlen, entsteht ein anderer Raum. Dann kann man tiefer gehen – und das brauchen wir heutzutage mehr denn je.

»Wenn man den eigenen Wert untergräbt, um zufrieden zu sein, entsteht emotionale Abhängigkeit.«

MYP Magazine:
Folge eins Eures Podcasts dreht sich um Bedürfnisse, Freiheit, Einlassen, Familienfragen – und darum, wie schnell man sich selbst verliert. Welche Schlüsselmomente haben Eure eigene Entwicklung in dieser Hinsicht geprägt?

Anika Decker:
Ich war mal in einer Beziehung, die eine krasse Schwere hatte – und ich habe es lange nicht richtig gemerkt. Ich bin harmoniesüchtig, ich drücke Dinge weg, ich will es schön haben. Ich erinnere mich besonders an einen Moment: Ich fuhr zu meinem Freund und hatte vier schwere Einkaufstüten voll mit Feinkost dabei, dazu Blumen. Ich wollte ankommen und etwas Beeindruckendes mitbringen. Aber dann stand ich auf der Straße und mir fiel ein, dass mein eigener Kühlschrank leer war und ich selbst keine Blumen zuhause hatte. Und so dachte ich: Das ist völlig übertrieben. Es läuft doch gerade gar nicht gut in dieser Beziehung. Was mache ich da?
In dem Moment musste ich mir eingestehen: Ich wollte, dass er happy ist. Und dass er sich freut. Gleichzeitig war er längst nicht mehr nett zu mir. Ich bin umgedreht, nach Hause gelaufen, habe alles in meinen Kühlschrank geräumt – und Schluss gemacht. Das war ein Schlüsselmoment.

Miriam Junge:
Bei mir ist es weniger ein einzelnes Erlebnis, sondern eher ein Muster – und das nicht nur in Liebesbeziehungen. Ich bin jemand, der oft mehr gibt. Und ich habe gemerkt: Ich erfülle Menschen Dinge, die ich eigentlich selbst brauche. Das bringt mich in ein Ungleichgewicht und ist nichts, was einmal gelöst ist – ich muss bis heute darauf achten. Wenn man den eigenen Wert untergräbt, um zufrieden zu sein, entsteht emotionale Abhängigkeit. Und darunter liegen am Ende immer Bedürfnisse.

»Zugehörigkeit ist nicht exklusiv an Familie gebunden.«

MYP Magazine:
In einer Stadt wie Berlin ist es leicht, Begegnungen zu haben, die sich anfühlen wie ein offenes Buch: keine Geheimnisse, keine Scham – von Tod und Verderben bis zum krassesten Orgasmus kann alles auf den Tisch. Gleichzeitig gibt es viele Menschen, die gerade mit ihren Eltern diese Gespräche überhaupt nicht führen können. Gibt es dafür eine Art Aushilfe? Oder muss man einfach akzeptieren, dass in manchen Familien die Sprachlosigkeit bleibt, bis die ältere Generation geht?

Miriam Junge:
Wenn du ewig kämpfst, damit sich Menschen ändern, die gar nicht verstehen, was du meinst, dann kämpfst du irgendwann nicht mehr für dich, sondern für etwas, das nicht greifbar ist. Und dann geht es eher darum, die Menschen zu finden, mit denen du diese Tiefe leben kannst – damit du bei dir bleibst und dich verbunden fühlst. Dieses Gefühl von »Mir fehlt in meiner Ursprungsfamilie etwas« ist erst mal traurig. Aber Zugehörigkeit ist nicht exklusiv an Familie gebunden. Man kann sich auf die Reise machen und sie auch bei anderen Menschen finden – wenn man die Augen offen hält.

MYP Magazine:
Mit geöffneten Augen passiert das also?

Anika Decker:
Ja, oft passiert es besonders dann, wenn es im Leben knirscht. Ich hatte zum Beispiel Einschnitte: eine schwere Krankheit, jahrelang ein Gerichtsverfahren – extremere Situationen. Da merkst du plötzlich, wo Beziehungen tragen und wo nicht. Ich habe die Erfahrung gemacht: Es lohnt sich, etwas zu beenden, das dir nicht guttut. Oder zu sagen: Das reicht mir gerade nicht. Das sind manchmal Sprünge ins Leere, aber rückblickend waren sie immer gut für mich. Ich kann das wirklich empfehlen.

»Ich finde es befremdlich, wenn jemand eifersüchtig auf die Vergangenheit ist.«

MYP Magazine:
Eure erste Podcast-Folge startet mit einer Idee: Anika, Du willst eine »Galerie der Exfreunde« kuratieren – Dein Bruder hat dich darauf gebracht. Was wäre das für eine Ausstellung: eher Geisterbahn oder Pop-Art? Und nach welchen Kriterien würdest Du kuratieren: nach red flags, Höhenflügen oder dem schönsten Scheitern?

Anika Decker:
Ich glaube, ich würde es chronologisch machen – einfach, um zu sehen: Gibt es einen Verlauf? Ein Muster? Ich habe neulich alte Fotos gefunden und mich über manche sogar gefreut. Vielleicht gäbe es einen Raum mit dem Titel »die größten Psychos« – und daneben »die größten Learnings«. Das hängt ja oft zusammen.

MYP Magazine:
Und Dein heutiger Partner, findet der rückblickend jemanden besonders schräg?

Anika Decker:
Der ist eher hartgesotten. Er weiß: Das war der Weg, der mich zu ihm geführt hat. Ich finde es befremdlich, wenn jemand eifersüchtig auf die Vergangenheit ist. Bei uns ist es eher neugieriges Kopfschütteln: »Warum hast du dir das angetan?« Und dann ist die interessante Frage: Was hat mich daran angezogen?

Miriam Junge:
Genau. Jede Person, die wir nah an uns herangelassen haben, hat irgendetwas berührt oder gelöst. Oft versteht man erst im Nachhinein, was man da eigentlich verhandelt hat. Und warum man manchmal viel zu lange an etwas festhält.

Anika Decker:
Ich glaube, wenn man das Leben so betrachtet, verzweifelt man weniger. Ich hatte eine Nahtoderfahrung durch einen Diagnosefehler (Anm. d. Red.: Anika Decker fiel nach einer unbehandelten Blutvergiftung ins Koma und war mehrere Monate komplett auf Pflegehilfe angewiesen) – ich könnte mein Leben lang in Wut aufgehen. Oder ich kann fragen: Was habe ich daraus gezogen? Was hat es mir auch geschenkt? Nicht im Sinne von »war gut«, sondern im Sinne von: Ich will mein Leben nicht in düsterer Wut verbringen. Und bei miesen Beziehungen ist es ähnlich: Was habe ich gesucht, was habe ich gelernt? Im Zweifel war’s eben Recherche für die nächste Komödie.

Miriam Junge:
Dieser Blick ist auch ein Schutzmechanismus: Wir bewegen uns manchmal in Situationen, die emotionalen Stress erzeugen, aber die uns auch Erkenntnis bringen. Oder durch ihre Absurdität sogar Humor.

»Viele unterschätzen, wie viel Verantwortung trotzdem bleibt.«

MYP Magazine:
Eure zweite Folge startet Ihr mit der großen Frage: »Was schulden wir unseren Eltern?« Wie reagieren Menschen bei diesem Thema?

Miriam Junge:
Das ist so ein Thema, das in fast jeder Person schwelt. Viele wollen sich noch nicht damit beschäftigen. Ich glaube, diese Folge ist daher eine, für die man Zeit und Raum braucht – oder die man erst hört, wenn man sich wirklich bereit fühlt.

Anika Decker:
Die zweite ist wahrscheinlich die schwierigste Folge. Weil es darin viele Perspektiven gibt – auch die von Menschen, die ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern haben und ganz selbstverständlich Verantwortung übernehmen. Und selbst wenn man sagt, »dann eben Pflegeheim«, unterschätzen viele, wie viel Verantwortung trotzdem bleibt.

»Fremdbestimmung – dagegen habe ich bis heute eine starke Allergie.«

MYP Magazine:
Später in der Folge sagt Ihr: Wut schafft Distanz – und Pubertät ist wichtig, weil sie diese Distanz überhaupt erst möglich macht. Wie war Eure eigene Trotzphase als Teenager?

Anika Decker:
Ich war ziemlich rebellisch. Mit zwölf habe ich eine Zeit lang mit meinem Vater in England gelebt, mit 15 hatte ich ein Stipendium und war in Australien. Ich habe mich darauf beworben, es bekommen. Wir hätten uns das sonst nie leisten können. Diese Weite, diese Entfernung, dieses »ich kann das« – darauf bin ich bis heute stolz. Das war eine krasse Erfahrung, so jung am anderen Ende der Welt zu sein.
Aber ob ich Hessen da immer so würdig vertreten habe? Es wurde schon sehr viel gekifft in Australien… Und als ich zurückkam, habe ich meinen Eltern ziemlich klar gesagt: Ich informiere euch in Zukunft, aber ich frage euch nicht mehr. Ich dachte, ich sei schon »fertig« und war darin sehr entschlossen. Ich bin mit voller Wucht ins Leben – und na ja, mit 15 hat man nicht immer die besten Ideen.

Miriam Junge:
Bei mir war es fast umgekehrt. Ich komme aus einem kleineren Ort, bei uns war viel Regulierung. Ich habe mich innerlich zugemacht und war nicht mehr zugänglich, eher trotzig, motzig, null Bock. So richtig gegen die Wand. Und das hat sich erst verändert, als ich ausgezogen bin. Fremdbestimmung – dagegen habe ich bis heute eine starke Allergie.

»Ich wollte es wirklich wissen, ich war richtig anti.«

MYP Magazine:
Gibt es einen Moment in Eurer Teenagerzeit, auf den Ihr bis heute stolz seid – so ein »geil, dass ich mich das getraut habe«? Manchmal geht’s ja auch schief, manchmal kommt die Polizei…

Miriam Junge:
Ich bin mal drei Tage abgehauen. Das fand ich damals super.

Anika Decker:
Wo hast Du geschlafen?

Miriam Junge:
Einmal auf einer Wiese, dann bei Freund:innen. Ich wollte es wirklich wissen, ich war richtig anti. Aber es hat funktioniert.

MYP Magazine:
Die Polizei wurde nicht eingeschaltet?

Miriam Junge:
Nein. Ich glaube, die haben darauf vertraut, dass ich wiederkomme.

Anika Decker:
Bei mir kam auch nie die Polizei – aber wilde Partys gab’s schon. Sobald meine Eltern aus dem Haus waren!

»Wir würden am liebsten noch 2.000 weitere Folgen machen.«

MYP Magazine:
Was wünscht Ihr euch für den Podcast?

Anika Decker:
Ich fände es wirklich spannend zu erfahren, was die Folgen bei Hörer:innen auslösen – auch, weil wir am liebsten noch 2.000 weitere Folgen machen würden. Ich habe richtig Spaß daran. Es ist ein Teil meines Jobs, der sich leicht anfühlt und mir wahnsinnig viel gibt.

Miriam Junge:
Mir geht’s genauso. Mich interessiert besonders das Feedback zu bestimmten Themen – zum Beispiel zur Folge über Mobbing und Gaslighting im beruflichen Umfeld. Da bin ich wirklich neugierig, was bei den Leuten hängen bleibt.

Der Podcast »Bin ich jetzt das Problem?« ist verfügbar auf der Plattform Audible.


Til Schindler

Interview — Til Schindler

Wie spielt man jemanden, dem die Liebe entzogen wurde?

Seit wenigen Tagen ist Til Schindler im bewegenden Mutter-Sohn-Drama »Scham« zu sehen, für seine schauspielerische Leistung wurde er gerade mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet. Zum Kinostart haben wir mit dem 32-Jährigen über Sprachlosigkeit in Familien, normative Wertvorstellungen und die Kraft von Film und Theater in dunklen Zeiten gesprochen.

2. Februar 2026 — Interview & Text: Jonas Meyer, Fotografie: Moritz Högemann

»Dieser Film ist eine Zumutung« – mit diesen Worten leitete die Ökumenische Jury des renommierten Max-Ophüls-Filmfestivals im Januar 2025 ihre Urteilsbegründung ein, als sie dem Kinodrama »Scham« ihren Preis verlieh.

Und tatsächlich: Die Spannung, die der Film erzeugt, ist oft sehr schwer zu ertragen. Dafür musste Autor und Regisseur Lukas Röder aber weder einen bösen Clown aus der Kanalisation bemühen noch Sigourney Weaver bitten, erneut gegen ein monströses Alien in einem Raumschiff zu kämpfen. Nein, die Szenerie ist bei Röder noch viel bedrückender, denn »Scham« spielt am Küchentisch eines Einfamilienhauses in der bayerischen Provinz.

Hier begegnen sich eine Mutter und ihr Sohn, nachdem sie sich vier Jahre lang nicht gesehen haben. Der Sohn, Aaron, lebt mittlerweile in Berlin und hat sich auf den weiten Weg zurück in seine Heimat gemacht, um seiner Mutter Susanne all die Fragen zu stellen, die sich seit Jahren in seine Seele bohren. Sein Ziel, so sagt er an einer Stelle des Films: »Ich will einfach herausfinden, warum wir aufgehört haben, Mutter und Sohn zu sein.« Und so schaut man Susanne und Aaron gebannt dabei zu, wie sie im Zwiegespräch Minute um Minute die Abgründe ihrer Beziehung offenlegen – oder besser gesagt dessen, was davon übrig ist.

Dass dieses intime Kammerspiel so fesselnd und berührend ist, liegt nicht nur an der von Lukas Röder verfassten und inszenierten Story, sondern auch an der wirklich herausragenden Besetzung: Heike Hanold-Lynch und Til Schindler bieten in »Scham« ein Schauspiel, bei dem glaubt, Zeuge einer realen Auseinandersetzung zwischen Mutter und Sohn zu werden. Nicht wenige im Publikum werden sich hier an eigene Konfliktgespräche am heimischen Küchentisch erinnert fühlen. Kein Wunder , dass beide dafür vor Kurzem mit dem Bayerischen Filmpreis 2026 in der Kategorie »Entdeckung« ausgezeichnet wurden.

Etwa zwei Wochen vor der Preisverleihung treffen wir Til Schindler, den einen Teil des Erfolgsduos, zum Interview und Photoshoot. Der 32-jährige Film- und Theaterschauspieler, der an der Berliner Universität der Künste studierte, verfügt über einen enormen Erfahrungsschatz: Seit 2011 wirkte er in über 40 Produktionen vor der Kamera und auf der Bühne mit. Aktuell ist er am Deutschen Theater in Berlin im Stück »Sonne und Beton« zu sehen, ab dem 26. März auch in »Automatenbüfett«.

Zum Gespräch begegnen wir Til ebenfalls an einem Tisch – allerdings an einem, der bei den daran Sitzenden durchweg positive Gefühle auslösen dürfte. Denn er steht an einem Ort, der für viele, die einst von woanders flüchteten, ein wichtiger Bezugspunkt wurde: das Hackbarth’s in Berlin-Mitte. Nachmittags Café und abends Bar, breitet es seit jeher für alle seine Arme aus, die Wärme suchen – und erzeugt damit nicht selten jenes wohlige Zuhause-Gefühl, das so mancher Küchentisch nie leisten wollte.

»Zwischen Eltern und Kindern gibt es etliche Themen, die immer wieder verhandelt werden müssen.«

MYP Magazine:
Vor ziemlich genau einem Jahr feierte »Scham« Weltpremiere auf dem Max-Ophüls-Festival. Der Regisseur Lukas Röder sagte damals in einem Interview mit dem Saarländischen Rundfunk: »Alle Beziehungen zwischen Eltern und ihren Kindern – von Freunden von mir, die ich kenne, und wenn ich meine eigene Beziehung zu meinen Eltern betrachte –, die sind immer problembehaftet. Die Gespräche darüber sind oft schwer zu ertragen. Sich damit zu konfrontieren, wirklich in den Austausch zu gehen, ist für viele sehr, sehr hart.« Hast Du persönlich ähnliche Erfahrungen gemacht?

Til:
Jeder Mensch hat irgendeine Art von Konflikt mit seinen Eltern oder Kindern – selbst wenn die familiäre Situation eine gute ist und man nicht solche schlimmen Erfahrungen gemacht hat wie die Figuren in unserem Film. Zwischen Eltern und Kindern gibt es etliche Themen, die immer wieder verhandelt werden müssen. Und ich finde, das macht die Geschichte von »Scham« so universell – wobei die Beziehung zwischen Mutter und Sohn in unserem Film sehr, sehr anders ist als meine Beziehung zu meinen Eltern. Wir haben ein gutes Verhältnis zueinander, meine Eltern haben mich eher antiautoritär erzogen, mir wenige Grenzen gesetzt und mich immer in allem unterstützt, was ich machen wollte.

»Vor allem bei Fernsehrollen stößt man immer wieder auf Sätze, die man gar nicht sprechen kann.«

MYP Magazine:
Die Ökumenische Jury des Max-Ophüls-Festivals bemerkte letztes Jahr in ihrer Urteilsbegründung: »So schonungslos die handelnden Personen miteinander umgehen, geht der Film mit den Zuschauenden um.« Wie erging es Dir beim Lesen des Drehbuchs? Erinnerst Du dich an die Gefühle, die der Stoff in Dir auslöste?

Til:
Zunächst mal fand ich den Text sehr, sehr gut und bewegend geschrieben. Die Dialoge hatten einen so mündlichen Charakter, dass man daran wenig verändern musste und sie sehr leicht sprechen konnte. Das ist in meinem Job leider nicht immer so. Vor allem bei Fernsehrollen stößt man in Drehbüchern immer wieder auf Sätze, die man gar nicht sprechen kann. Oder besser gesagt: die man nicht so sprechen kann, dass sie natürlich klingen. Bei »Scham« war das ganz anders. Lukas Röders Sprache sehr geholfen, meine Figur Aaron viel besser greifen zu können.

»Ich habe mich gefragt: Wie kann man nur so sein?«

MYP Magazine:
Was ist dieser Aaron für ein Mensch?

Til:
Aaron ist eine sehr interessante, komplexe und widersprüchliche Figur, die ich erst nach der Arbeit an »Scham« wirklich zu hundert Prozent verstehen konnte. Außerdem entdecke ich an ihr immer wieder neue Facetten, das finde ich spannend. Während des Drehs habe ich meine Figur gegenüber Heike Hanold-Lynch, die Aarons Mutter Susanne spielt, bis aufs Äußerste verteidigt. Ich fand es schwer zu ertragen, wenn sie aus ihrer Perspektive argumentiert hat. Oder ihre Figur Susanne dem eigenen Sohn Falschbehauptungen unterstellt hat, mit Sätzen wie: »Ich hab‘ das nicht gemacht, was Du mir vorwirfst.« Ich habe mich in solchen Momenten gefragt: Wie kann man nur so sein?
Gleichzeitig empfinde ich inzwischen auch für Susanne immer mehr Empathie. Ich habe gelernt: Zwischen Mutter und Sohn gibt es nicht die eine Wahrheit, sondern zwei unterschiedliche Realitäten im Hier und Jetzt. So kann ich zwar Susannes Verhalten gegenüber Aaron immer noch nicht gutheißen, aber ich kann verstehen, warum sie so ist, denkt und fühlt.

»Über all dem steht der Wunsch, von der Mutter geliebt zu werden.«

MYP Magazine:
Susanne und Aaron sind sich über die Jahre fremd geworden und scheinen sich als Menschen überhaupt nicht zu kennen. Warum hat er sich gerade jetzt, nach all den Jahren, in den Zug gesetzt, um das Gespräch mit seiner Mutter zu suchen?

Til:
Ich glaube, sein Ziel ist die Aufarbeitung dessen, was passiert ist. Aaron ist in seinem heutigen erwachsenen Leben damit konfrontiert, dass seine Kindheit große Auswirkungen darauf hat, wie er heute ist und wie es ihm geht. Und er hat das große Bedürfnis, Antworten auf all seine Fragen zu finden, die er in einem kleinen Notizbuch festgehalten hat. Über all dem steht der Wunsch, von der Mutter geliebt zu werden und wieder eine gute Beziehung zu ihr zu haben.

»Aarons Familie ist eine, in der alles unter den Teppich gekehrt wurde, was problematisch war.«

MYP Magazine:
Die Mutter glänzt gegenüber ihrem Sohn nicht gerade mit Herzlichkeit. Warum tut sich Aaron das trotzdem an?

Til:
Weil seine Sehnsucht nach Liebe so unendlich groß ist. Die elterliche Liebe ist extrem wichtig für die psychische Konstitution und Entwicklung eines Menschen. Daher hat Aaron auch nicht vor, Susanne in irgendeiner Form zu verurteilen oder fertigzumachen. Er möchte vielmehr die jahrelange Sprachlosigkeit zwischen den beiden überwinden und über die Sachen sprechen, über die man sonst nicht spricht.

MYP Magazine:
Was sind das für Sachen, über die man sonst nicht spricht?

Til:
Scham zum Beispiel. Oder Gewalt. Aber auch tiefliegende Konflikte oder schwierige Familienstrukturen. Es gibt Familien, in denen Konflikte miteinander besprochen, aufgearbeitet und gelöst werden. Und es gibt Familien, in denen passiert das nicht. Da wird eher alles totgeschwiegen. Und Aarons Familie ist so eine, in der über Jahre und Jahrzehnte alles unter den Teppich gekehrt wurde, was problematisch war.

»Ich suche mir ein Substitut, auf das ich diese Sehnsucht projizieren kann.«

MYP Magazine:
Wie spielt man jemanden, dem die Liebe entzogen wurde?

Til:
Für Aaron war mein Schlüsselbegriff »suchend«. Er ist ein Mensch, der auf der Suche ist nach Antworten und Liebe; ein Mensch, der im Grunde genommen nichts weiß und dadurch emotional sehr fragil ist. Bei so einer Figur überlege ich mir immer Vorfeld, was ihr Ziel ist – im Allgemeinen, aber auch in den entsprechenden Szenen. Und ein so übergeordnetes, fundamentales Ziel wie »Ich will Liebe« kann man als Schauspieler sehr gut nutzen.
Für mich persönlich heißt das: Ich versuche, mir dieses Bedürfnis in eine andere Situation zu übersetzen. Dabei suche ich mir ein Substitut – also eine ganz andere Person als meine eigene Mutter –, auf das ich diese Sehnsucht projizieren kann. Und darum herum baue ich mir eine emotionale Welt, in der ich ähnliche Bedürfnisse habe oder ähnliche Dinge erreichen will wie meine Figur. Wichtig ist nur, diese Vorbereitung auch irgendwann wieder loszulassen, spätestens beim eigentlichen Spielen. Sonst versucht man nur, in den Szenen etwas abzuspulen und reproduzieren, statt wirklich im Moment mit seiner Spielpartnerin zu sein.

»Eigene negative Erfahrungen sind keine Rechtfertigung dafür, zu anderen Leuten scheiße zu sein.«

MYP Magazine:
Was bräuchte eigentlich Mutter Susanne, um sich von ihrem Sohn geliebt zu fühlen?

Til:
Wahrscheinlich auch Verständnis für ihre Perspektive. Und Akzeptanz. Das ist für jemanden wie Aaron natürlich schwer und auch sehr viel verlangt. Ich weiß nicht, ob er ihr das unbedingt geben muss.

MYP Magazine:
Warum nicht? Susanne sagt: »Ich bin auch ein Mensch. Mich gibt es auch. Ich habe auch existiert in den 20 Jahren.« Hat sie damit nicht recht?

Til:
Ich finde, eigene negative Erfahrungen sind keine Rechtfertigung dafür, zu anderen Leuten scheiße zu sein. Daher stehe ich nach wie vor fest an der Seite meiner Figur. Gleichzeitig kann ich mir immer besser vorstellen, wie schwierig es sein muss, Eltern zu sein. Das hat damit zu tun, dass einige Freunde von mir jetzt Kinder bekommen haben und mir deren Perspektive viel näher ist. Die müssen natürlich erst mal lernen, wie dieses Elternsein so funktioniert. Ich finde die Vorstellung auch lustig, dass unsere Eltern ebenfalls mal diese Leute waren: superjung mit sehr kleinen Kindern und wenig Ahnung von allem.

»Die gesellschaftlichen Zusammenhänge wollen wir gar nicht untersuchen.«

MYP Magazine:
Die Entfremdung zwischen Eltern und Kindern ist immer wieder auch Thema in der Literatur, etwa bei Didier Eribon, Édouard Louis oder Marco Ott. Alle beschreiben die wachsende emotionale Distanz als eine Art Flucht aus der Arbeitsklasse in ein künstlerisches Milieu, bei Eribon und Louis geht es zusätzlich um die Flucht aus einer heteronormativen in eine queere Lebenswelt. Ist Aaron als schwuler Filmemacher ebenfalls ein solcher doppelter Klassenflüchtling?

Til:
Natürlich hat Aaron, der als junger schwuler Mann vom Dorf nach Berlin gezogen ist, um Künstler zu werden, in gewisser Weise die Klasse oder zumindest das Milieu gewechselt. Aber aus meiner Sicht erzählt Didier Eribon über dieses Thema viel mehr, als wir es mit unserem Film überhaupt wollen. Eribon ist auch viel politischer, weil er mit seinen Büchern nicht nur die eigene Geschichte erzählt, sondern sie auch in gesellschaftliche Zusammenhänge einordnet. Diese wollen wir in »Scham« aber gar nicht untersuchen. Es geht uns nur um die Beziehung dieser beiden konkreten Figuren zueinander.

MYP Magazine:
Aber enthält der Film durch Aarons Erzählung, dass er damals auf dem Dorf Angst hatte, sich als schwuler Jugendlicher sichtbar zu machen, nicht trotzdem eine politische Ebene? Immerhin zeigt das die widrigen gesellschaftspolitischen Umstände, in denen Aaron und unzählige andere queere Menschen aufgewachsen sind.

Til:
Das stimmt. Ich persönlich bin genauso alt wie meine Figur, unser Regisseur ebenso. Das heißt: Wir sind im Deutschland der Neunziger- und Nullerjahre aufgewachsen – und beide zufälligerweise in Vororten von München. Und ja, damals war die Situation noch eine ganz andere. Es gab noch keine Coming-outs in der Schule, es gab kaum geouteten Menschen im Bekanntenkreis. Das ist heutzutage deutlich anders.

»Die normative Sichtweise, wie sie Aarons Mutter hat, steht für die Nichtakzeptanz unterschiedlicher Lebensentwürfe.«

MYP Magazine:
Die Mutter sagt, sie habe sich für Aaron ein »ganz normales Leben« gewünscht. Was meint sie damit? Ein heterosexuelles?

Til:
Es kann schon sein, dass das hier mitschwingt. Aber das ist zwischen den beiden gar nicht so das Konfliktthema. Es geht ihr eher um eine konventionellere Vorstellung von Arbeit. Aaron versucht sich seit Jahren als Filmemacher, verdient damit aber kein eigenes Geld und wird immer noch von seinem Vater unterstützt – und das mit 28. Aus Sicht der Mutter hat er keinen richtigen Job, steht nicht wirklich auf eigenen Beinen und führt ein sehr unstetes Leben irgendwo in Berlin, weit weg von seiner bayerischen Heimat. Ich glaube, Susanne hätte sich für ihren Sohn einfach einen geradlinigeren Lebensweg vorgestellt – so einen wie seine Geschwister, die beide noch in der Nähe wohnen und normale Berufe haben.

MYP Magazine:
Braucht es in unserer Gesellschaft eine Revision des Begriffs normal?

Til:
Ja, klar. Die normative Sichtweise, wie sie Aarons Mutter hat, steht ganz allgemein für die Nichtakzeptanz unterschiedlicher Lebensentwürfe – und für viele Menschen beinhaltet das auch den Aspekt der Sexualität. Für Leute wie Susanne ist etwas unnormal, wenn die eigenen Kinder Entscheidungen treffen, die sie selbst anders treffen würden. Und statt die Kinder in dem zu unterstützen, was sie wollen, versuchen sie, ihnen die eigenen Wünsche und Lebenswege aufzudrücken.

»Es gibt so viele unterschiedliche Lebensentwürfe, da müssen nicht alle den gleichen haben.«

MYP Magazine:
Wie kann es uns gelingen, mehr Empathie und Interesse füreinander aufzubringen – zwischen Stadt und Land, homo und hetero, jung und alt, künstlerisch und bürgerlich?

Til:
Wir alle müssen uns – auf jeweils beiden Seiten – klarmachen, dass nicht alle Menschen die gleichen Entscheidungen treffen. Und dass man diese manchmal akzeptieren muss, solange sie niemandem schaden oder bestimmte Grenzen überschreiten – auch wenn man sie vielleicht nicht gut findet. Es gibt so viele unterschiedliche Lebensentwürfe, da müssen nicht alle den gleichen haben.
Gleichzeitig müssen wir lernen, dass es okay ist, wenn unsere Entscheidungen von anderen Menschen kritisiert werden, auch innerhalb der Familie. Und dass es okay ist, wenn wir selbst die von anderen kritisieren. Davon abgesehen finde ich: Man muss nicht für alles Empathie haben. Manche Sachen sind einfach scheiße, Punkt.

»Ich erzähle dir jetzt zwei Geschichten aus meinem Leben, die ich noch nie jemandem erzählt habe.«

MYP Magazine:
In dem eben angesprochenen SR-Interview hast Du erwähnt, dass Du dich in Vorbereitung auf Deine Rolle sehr intensiv mit Deiner eigener Scham auseinandergesetzt hast. Inwiefern hat Dir das geholfen?

Til:
Es gibt im Film eine Szene, in der wir von Aaron etwas erfahren, wofür er sich sehr schämt. Zu dieser Situation habe ich erst keinen richtigen Zugang gefunden, weil das, was er da erzählt, von mir persönlich sehr weit weg und schwer vorstellbar ist. Also habe ich Lukas gebeten, am Abend, bevor wir die Szene gedreht haben, in mein Hotelzimmer zu kommen. Ich habe ihm mein Handy in die Hand gedrückt und gesagt: Ich erzähle dir jetzt zwei Geschichten aus meinem Leben, die ich noch nie jemandem erzählt habe. Kannst du mich dabei bitte filmen?
Ich wollte mich persönlich dieser Situation aussetzen, der sich auch meine Figur Aaron aussetzt, um das Ganze besser nachempfinden zu können. Und dann habe ich Lukas tatsächlich zwei Sachen erzählt, die nicht mal meine besten Freund:innen kennen – und habe mich dabei extrem geschämt. Im Anschluss habe ich das Video genau studiert. Ich wollte wissen: Was passiert mit mir? Was passiert mit meinem Körper? Was passiert mit meiner Stimme?

MYP Magazine:
Was für ein Vertrauensbeweis!

Til:
Ja. Spätestens seit diesem Abend sind wir auch sehr gute Freunde. Und mittlerweile weiß ich auch etwas über ihn, das sonst niemand weiß. (lächelt)

»Das vor der Kamera oder auf der Bühne öffentlich zu veräußern, ist nicht unbedingt hilfreich.«

MYP Magazine:
Die Scham nährt sich aus dem Verstecken und hasst das Rampenlicht, heißt es so schön. Hat Dir die Schauspielerei – also das tatsächliche Rampenlicht – geholfen, Deine eigene Scham abzulegen?

Til: (lacht)
Nein, das ist eher noch schlimmer geworden. Als Schauspieler werden Teile der eigenen Persönlichkeit öffentlich. Der Prozess des Spielens ist etwas sehr Intimes, der trotz der Rolle, in die man schlüpft, viel über einen selbst preisgibt. Das vor der Kamera oder auf der Bühne öffentlich zu veräußern, ist nicht unbedingt hilfreich, zumindest nicht für mich.
Ohnehin war Scham schon immer ein Thema für mich. Ich erinnere mich noch gut an dieses Gefühl der Beschämung, das ich als Kind manchmal hatte. Außerdem ist es so, dass ich Situationen, in denen mir etwas peinlich war, jahrelang nicht vergesse. Das muss gar nichts Schlimmes gewesen sein. Dennoch kann ich mich daran noch Jahre später erinnern. Seltsam, dass das so in einem stecken bleibt.

»Ich finde es eher unangenehm und anstrengend, wenn mein Gegenüber nicht weiß, dass ich schwul bin.«

MYP Magazine:
Apropos Scham: Die Journalistin Theresa Tröndle hat 2020 in »ZEIT Campus« ihre bewegende Reportage »Zu Hause ist er hetero« veröffentlicht. Darin berichtet sie von einem jungen Mann, der in der Großstadt, in der studiert, offen schwul lebt, aber bei seinen Eltern in der Heimat nicht geoutet ist. In ihrem Text beschreibt Theresa sehr genau, wie sich das Verhalten des Mannes ändert, wenn er seine Familie besucht, und wie oberflächlich die Gespräche bleiben – aus der puren Angst, sich sichtbar zu machen. Kennst Du aus Deinem eigenen Leben auch dieses Phänomen der schwulen Scham, die zum Beispiel auch Johannes Kram in seinem Buch »Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber …« beschreibt?

Til:
Ich habe mich mit 18 geoutet. Auch wenn mein eigenes Coming-out kein schmerzhafter, sondern ein wirklich befreiender Prozess war, hatte ich davor eine sehr kurze Phase, in der ich ein bisschen gay panic hatte – also Angst, aufgedeckt zu werden. Aber das Ganze ist jetzt 15 Jahre her und das Gefühl der schwulen Scham längst verflogen. Ich lebe mein Leben als schwuler Mann gerne und mit absoluter Selbstverständlichkeit. Und ich verstecke meine Sexualität nicht, ganz im Gegenteil: Ich finde es eher unangenehm und anstrengend, wenn mein Gegenüber nicht weiß, dass ich schwul bin.

»Viele queere Paare trauen sich nicht mehr, in der Öffentlichkeit Händchen zu halten.«

MYP Magazine:
Wie nimmst Du die gesellschaftliche Situation für junge Queers heute wahr?

Til:
Seit meiner Schulzeit damals haben wir eine deutliche Liberalisierung erlebt. Damit sage ich nicht, dass Schule nicht immer noch ein homophober Ort sein kann. Aber es gibt heute für queere Jugendliche zumindest eine andere Art und auch Menge von Vorbildern. Außerdem gibt es in Filmen, Serien und Büchern eine viel stärkere Repräsentation queerer Geschichten, als das noch vor 15 Jahren der Fall war.
Gleichzeitig erleben wir aktuell wieder einen Backlash. Es gibt – von Rechtsextremen bis zu Islamisten – verschiedenste Gruppen, die etwas gegen queere Menschen haben und sich immer mehr Gehört verschaffen. Das ist zwar nicht vergleichbar mit Ländern, in denen nicht-heterosexuelle Menschen staatlich verfolgt werden. Aber auch hier in Deutschland gibt es jeden Tag queerfeindliche Gewalt, selbst hier in Berlin, einer Stadt, von der man denkt, sie sei weltoffen und tolerant. Aber so ganz stimmt das eben nicht. Es ist mittlerweile so, dass sich viele queere Paare nicht mehr trauen, in der Öffentlichkeit Händchen zu halten.

»Beides besitzt für mich die Fähigkeit, auch eine andere Welt zu erzählen.«

MYP Magazine:
Was gibt Dir Hoffnung in Zeiten, die immer dunkler zu werden scheinen?

Til:
Kunst gibt mir Hoffnung. Vor allem Theater und Kino, denn beides besitzt für mich die Fähigkeit, auch eine andere Welt zu erzählen. Beides eröffnet einen Raum für Geschichten, die nach ganz anderen Regeln funktionieren als die Welt, in der wir leben; Geschichten, die außerhalb unserer materiellen Verhältnisse stattfinden oder andere Formen gesellschaftlichen Zusammenlebens erzählen können.

MYP Magazine:
Warum sollte man »Scham« im Kino schauen?

Til:
Weil es ein sehr besonderer Film ist, der eine außergewöhnliche Beziehung erzählt, über eine tolle visuelle Ästhetik verfügt und der, wie ich anfangs schon verraten habe, echt gut geschrieben ist. »Scham« ist ein Film, der einen nachhaltig beeindruckt und bewegt; der einen dazu auffordert, über bestimmte Dinge nachzudenken; und der einen dazu bringt, seine eigene Familiensituation dazu ins Verhältnis zu setzten. Und ja, wir erzählen da eine wirklich harte Geschichte. Aber so eine Geschichte im Kino zu sehen, kann auch eine total positive Erfahrung sein.


LINA

Interview — LINA

»Wenn man allen gefallen will, wird die eigene Kunst zum Kompromiss«

Da ist sie wieder: Mit »Melodrama« hat LINA gerade ihr neues Studioalbum veröffentlicht – das fünfte in zehn Jahren. Die Platte ist alles andere als business as usual, denn für das 28-jährige Multitalent bedeutet sie nicht weniger als eine fundamentale Abkehr von allem, was war: von alter Musik, von alter Liebe, von einem altem beruflichen Umfeld. Wir treffen LINA zu einem sehr persönlichen Gespräch über Kunst, die aus Notwendigkeit entsteht, fehlende Haltung in der deutschen Musikindustrie und das überwältigende Gefühl, sich selbst zu vermissen.

26. Januar 2026 — Interview & Text: Jonas Meyer, Fotografie: Maximilian König

Das Eckhaus an der Kreuzung Mittelstraße 42 und Neustädtische Kirchstraße 3 im Berliner Stadtteil Mitte hat schon viel erlebt. Im Laufe seiner über zweihundertjährigen Geschichte war der Gebäudekomplex mal Lebensmittelladen, mal Fotogeschäft und beheimatete unter anderem diverse Bankhäuser, einen Maklerverein sowie eine Destillerie. Nach dem Zweiten Weltkrieg zogen in das Eckhaus erst eine Drogerie und dann eine Gaststätte. Das städtische Fremdenverkehr-Unternehmen Ostberlins und die Redaktion »Wohin in Berlin« waren hier ebenfalls mal ansässig – und, so mutmaßt man, auch eine Abhörstation zur nachrichtendienstlichen Observation der Botschaft der USA.

Nach der Wende stand das Gebäude 24 Jahre lang leer, wurde für Pop-up-Events und als Filmkulisse genutzt und schließlich von einem Stararchitekten umfassend saniert und umgebaut. Und so präsentiert sich das Haus seit September 2022 in seiner bislang jüngsten Facette: als charmantes Boutique-Hotel mit dem glanzvollen Namen Château Royal. Ob es die letzte Rolle ist, in die es schlüpft? Wer weiß.

Deutlich jünger, aber nicht weniger wandelbar ist Lina Larissa Strahl alias LINA, mit der wir uns hier zum Interview und Photoshoot verabredet haben. Die heute 28-Jährige, die in der beschaulichen Gemeinde Seelze in Niedersachsen aufgewachsen ist, gewann 2013 den KiKA-Nachwuchswettbewerb »Dein Song«, spielte dann von 2014 bis 2017 die Hauptrolle in den drei »Bibi & Tina«-Filmen von Detlev Buck, zu deren Soundtrack sie auch mehrere Songs beisteuerte, und veröffentlichte 2016 ihr erstes Studioalbum.

In den Jahren 2017 und 2018 folgten nicht nur zwei weitere, sie wurde in dieser Zeit auch zweimal für den ECHO nominiert. 2019 arbeitete sie zum ersten Mal als Synchronsprecherin und war zudem Kandidatin in der Sat.1-Show »Dancing on Ice«. 2023 brachte sie ihr viertes Album heraus, 2024 nahm sie an der RTL-Sendung »Let’s Dance« teil und startete – in Kooperation mit dem Jugend-Angebot »Dasding« des SWR – den Podcast »Fühl ich«, in dem sie ihre persönliche Erfahrungen zum Thema mentale Gesundheit einbrachte. 2025 wurde sie in die Jury der »Jewrovision« berufen, dem größten Musik- und Tanzwettbewerb jüdischer Jugendzentren in Deutschland. Und 2026?

Das neue Jahr ist aus Linas Sicht fulminant gestartet, hat sie doch mit »Melodrama« gerade ihr fünftes Studioalbum veröffentlicht. Doch mit diesem Album, so hat sie es angekündigt, beginne etwas vollkommen Neues in ihrem Leben: »Jetzt geht es darum, nur noch das zu machen, was sich wirklich richtig anfühlt.« Höchste Zeit also, um mit Lina Larissa Strahl über ihre bislang jüngste Facette zu sprechen. Ob es die letzte Rolle ist, in die sie schlüpft? Wer weiß.

»Mir drängte sich die Frage auf: Wer oder was bin ich eigentlich?«

MYP Magazine:
LINA, in den letzten Monaten wurdest Du vielfach mit dem Satz zitiert: »Ich habe keine Lust mehr auf halb. Keine halben Gefühle, keine halben Songs.« Was genau hast Du damit gemeint?

LINA:
In den Jahren nach meinem dritten Album bin ich in eine Phase geraten, in der ich mich zunehmend unsicher und fremdbestimmt gefühlt habe. Immer mehr Leute aus meinem engsten Umfeld hatten eine Meinung dazu, wohin ich mich als Künstlerin entwickeln sollte. Aber ich selbst fand mich in diesen Ideen immer weniger wieder. Mir drängte sich die Frage auf: Wer oder was bin ich eigentlich? Und wo will ich hin? Aber statt darauf eine Antwort zu finden, habe ich nur versucht, es allen recht zu machen: meinem Team, meinem Publikum und mir selbst. Das Problem ist: Wenn man allen gefallen will, wird die eigene Kunst zum Kompromiss. Das Ganze gipfelte schließlich in »24/1«, meinem vierten Album aus dem Jahr 2023. Wenn ich heute auf diese Platte zurückblicke, kann ich mich damit nur noch schwer identifizieren.

MYP Magazine:
Was ist der Grund dafür?

LINA:
Musikalisch war »24/1« eher melancholisch und introvertiert. Das bin ich als Person zwar auch, vor allem, wenn ich zu Hause bin. Aber das ist nur eine Seite von mir. Im Kern bin ich ein heller, fröhlicher Mensch, der das auch gerne nach außen trägt. Diesem Aspekt wurde »24/1« leider nicht gerecht. »Melodrama« dagegen klingt wie eine musikalische 180-Grad-Drehung. Die 15 Songs sind sehr poppy, rosig und gehen nach vorne. Ich habe das Gefühl: Dieses neue Album will etwas.

»Kann ich das wirklich machen? Oder ist dann mein Leben im Arsch?«

MYP Magazine:
Du verarbeitest in »Melodrama« auch die Trennung von Deinem langjährigen Freund. Ist das der Grund, warum Du das Album in der Presseankündigung als das »persönlichste Kapitel« Deiner bisherigen Karriere beschreibst?

LINA:
Das ist einer der Gründe. Ein anderer ist, dass ich in den letzten zweieinhalb Jahren fast mein gesamtes Team ausgetauscht habe. Nach der Veröffentlichung von »24/1« war ich irgendwann so niedergeschlagen und perspektivlos, dass ich dringend etwas ändern wollte, ändern musste. Aber ich hatte keine Idee, was genau. In diesem Moment kam durch Zufall mein heutiger Manager Gena Londa um die Ecke. Ein Wink des Schicksals! Das Doofe war nur: Ich bin ein sehr harmoniebedürftiger Mensch und habe mich erst nicht getraut, diese Chance tatsächlich zu ergreifen und mein Management zu wechseln. Ich hasse Entscheidungen wie diese und habe sie sehr lange vor mir hergeschoben.

MYP Magazine:
Am Ende ist es Dir aber gelungen.

LINA: (lacht)
Ja, allerdings habe ich vorher noch den Segen meiner Therapeutin gebraucht. Vor dem Trennungs-Gespräch mit meinem alten Manager rief ich sie an und fragte: »Kann ich das wirklich machen? Oder ist dann mein Leben im Arsch?« Und sie antwortete ganz ruhig: »Nee, machen sie das mal ruhig.«

»Ich dachte: Wo ist eigentlich die Person, die hier alles unter Kontrolle hat?«

MYP Magazine:
Was wäre die Welt ohne Therapeut:innen!

LINA:
Stimmt. Und mittlerweile habe ich auch ein neues Label, einen neuen Verlag und neue Produzenten. Für mich ist das ein riesiger Schritt nach vorne, denn bei »Melodrama« kann ich voller Stolz sagen: Alles darauf bin zu hundert Prozent ich. Jede Textzeile, jeder Ton ist mindestens einmal durch meine Gedanken gegangen. Das hat vor allem in der Abgabephase auch einen gewissen Druck erzeugt. Ich dachte: Wo ist eigentlich die Person, die hier alles unter Kontrolle hat? Und da ist mir aufgefallen, dass ich jetzt diese Person bin.

»Es gibt mir etwas, wenn ich weiß, dass meine ängstliche Seite irgendwo ein Auffangbecken hat.«

MYP Magazine:
Wie war es für Dich, mit Menschen, die Du vorher nicht kanntest, an so einer persönlichen, fast intimen Platte zu arbeiten?

LINA:
Ich habe schon immer sehr viel daraus gezogen, mich mit anderen Menschen zu verbinden und beispielsweise Stressmomente gemeinsam durchzustehen. Es gibt mir etwas, wenn ich weiß, dass meine ängstliche Seite irgendwo ein Auffangbecken hat und ich Menschen um mich herum habe, die an mich glauben.
Aber es stimmt schon: Gerade in der Musikszene, in der es oft um sehr persönliche Gefühle oder unangenehme Themen geht, ist es nicht so leicht, sich gegenüber anderen zu öffnen. Oft braucht man eine Weile, um sich einzugrooven – vor allem, wenn man wie ich gerade den Zusammenbruch einer langjährigen Liebesbeziehung erlebt hat und mit der Welt völlig überfordert ist.

MYP Magazine:
Aber ist gerade dieses Trennungsthema nicht so universell, dass so gut wie alle Menschen, mit denen man sich dazu austauscht, aus ihren eigenen Erfahrungen und Gefühlen schöpfen?

LINA:
Das ist es zweifellos. Aber mir persönlich fällt es grundsätzlich schwer, mich vor anderen Menschen traurig und verletzlich zu zeigen. Früher habe ich in solchen Situationen gerne eine Maske aufgesetzt und die Lustige gespielt. Aber ich musste feststellen: Es ist sehr, sehr energieziehend, wenn man sich permanent verstellt. Glücklicherweise war ich bei der Arbeit am neuen Album ausschließlich mit Leuten zusammen, die mir schnell das Gefühl gaben, dass ich alles mit ihnen teilen kann – und dass das auch auf eine entsprechende Resonanz trifft. Ich habe gespürt: Meine Gedanken werden gehört und jemand anderes findet vielleicht noch andere, bessere Worte für das, was ich eigentlich sagen will.

»Ich habe an mir die Gewissheit vermisst, dass ich auch allein funktionieren kann.«

MYP Magazine:
Apropos in Verbindung treten: Mit dem Song »Wieder da« sprichst Du vielen aus der Seele, die ebenfalls gerade eine Trennung hinter sich haben. Hängen bleibt dabei vor allem die Zeile fühlt sich gut an, ich hab‘ mich vermisst. Sich selbst diesen Satz zu sagen, ist eher ungewöhnlich. Was genau hast Du an Dir vermisst?

LINA:
Ich habe an mir die Gewissheit vermisst, dass ich auch allein funktionieren kann. Die war mir abhandengekommen. Denn zum einen steckte ich in einer Beziehung fest, die schon seit Jahren am seidenen Faden hing und die ich trotzdem nicht beenden wollte – aus Angst, wieder allein zu sein. Zum anderen hat mein berufliches Umfeld nicht mehr gepasst. Natürlich bin ich jetzt kein neuer Mensch. Und ich spiele auf dem neuen Album auch textlich mit vielen theoretischen Versionen und Wunschbildern von mir, von denen ich in Realität noch ganz weit weg von mir sind.

MYP Magazine:
Ist sich selbst zu vermissen etwas, das man aktiv lernen muss?

LINA:
Es tut auf jeden Fall gut, ab und zu mal in seinem Leben innezuhalten und zu überprüfen, wer man ist, was man macht und ob das alles noch richtig ist. Nach dem Ende meiner Beziehung habe ich mich gefragt: Wer bin ich überhaupt allein, ohne den anderen? Vor allem in den ersten Wochen war ich überzeugt: Ohne meinen Partner bin ich niemand, ohne meinen Partner bin ich gar nicht existenzfähig.

»Ich setze mich nur ans Klavier, wenn ich kurz vorm Weinen bin.«

MYP Magazine:
Manchmal ist es eh viel wichtiger zu wissen, wer man nicht sein will und was man nicht machen will.

LINA:
Genau. Ich will nicht mehr kleingehalten werden. Und ich will nicht mehr für Mucke stehen, die zurückgenommen und eingefallen ist. Meine Karriere fing damals an mit einem Song, der »Freakin’ Out« hieß und richtig laut war. Und die darauf folgenden drei Alben waren ebenfalls laut. Das bedeutete live auf der Bühne: herumspringen, strahlende Gesichter, viel Rosa und Glitzer. Das ist leider irgendwann verloren gegangen.

MYP Magazine:
Und deshalb nun der Albumtitel »Melodrama«?

LINA:
Absolut. Lyrisch stecken viele, viele Sehnsüchte in dem Album, aber es ist alles auch mit einem leichten Lächeln verbunden.

MYP Magazine:
Im »Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache« ist der Begriff Melodrama definiert als ein »Werk, das leidenschaftlich-pathetisch und dramatisch effektvoll inszeniert ist«…

LINA:
… aber das nie tragisch endet! Sonst wäre es eine Tragödie.

MYP Magazine:
Das heißt, wenn schon Neuanfang, dann mit Pauken und Trompeten?

LINA:
Irgendwie ja. Mein Team und ich denken auch schon weiter, denn wir glauben: Man muss musikalisch noch viel mehr abreißen und etwas noch Wilderes machen.

MYP Magazine:
Und trotzdem schreibst Du deine Songs spätabends am Klavier. In welche Stimmung begibst Du dich da? Und was löst das in Dir aus?

LINA:
Ich setze mich nur ans Klavier, wenn ich kurz vorm Weinen bin oder gerade nicht mehr weiß, was ich machen soll. Ich glaube, das geht den allermeisten Künstler:innen ähnlich. Mich würde mal interessieren, ob es wirklich Leute gibt, die – wenn sie sich zu Hause in einem absolut glücklichen Moment befinden und denken: best day ever – darüber tatsächlich einen Song schreiben. Bei mir ist es das Gegenteil: Die meisten Ideen habe ich tief in der Nacht, wenn ich nicht schlafen kann.

»Meine Lyrics sind nach wie vor sehr dunkel.«

MYP Magazine:
Von der Schauspielerin Carrie Fisher stammt der berühmte Satz »Take your broken heart, make it into art.« Ist es nicht tragisch, dass es bei Kunst oft erst ein gebrochenes Herz braucht, aus dem man emotional schöpfen kann?

LINA:
Ach, wie lustig: Zu der Zeit, als ich mich von meinem Freund trennen wollte und alles so grausam war, sagte jemand zu mir: »Schreib es auf und mach daraus Kunst.« Diese Notiz habe ich immer noch auf meinem Handy.

MYP Magazine:
Da schließt sich der Kreis.

LINA: (lacht)
Tatsächlich! Um auf Carrie Fisher zurückzukommen: Ich glaube, aus Gefühlen wie Verzweiflung, Einsamkeit, Melancholie oder Sehnsucht kann man künstlerisch sehr viel erschaffen. Allerdings würde ich mich auch freuen, wenn ich einfach mal einen happy Song hätte, der mir richtig leicht über die Lippen kommt. Aber noch ist das nicht ganz so mein Ding, meine Lyrics sind nach wie vor sehr dunkel, auch wenn sie musikalisch in uplifting poppy vibes verpackt sind.

»Ich finde es bestürzend, wie wenig Kolleg:innen sich mit den Demonstrierenden im Iran solidarisiert haben.«

MYP Magazine:
Du wolltest mit diesem neuen Album nicht nur Pop mit einer persönlichen Geschichte machen, sondern auch »Pop mit Haltung«, wie es in der Vorankündigung heißt. Darin schreibst Du: Du wolltest »Songs machen, die auf Deutsch genau das transportieren, was international so selbstverständlich klingt.« Wie blickst Du auf die Musikszene hierzulande? Wo genau fehlt es an Haltung?

LINA:
Schwierige Frage. Aus meiner Sicht ist Haltung generell ein Problem in der Musikindustrie. Ich habe den Eindruck, dass sehr viele Artists ihre Stimmen nur für das erheben, was auch alle anderen sagen. Das passiert in der Regel aus einer Wohlfühl-Bubble heraus, in der man Dinge schreiben oder sagen kann, ohne von irgendjemandem schief angeschaut zu werden. In dem Zusammenhang finde ich es auch bestürzend, wie wenig Kolleg:innen sich in den letzten Tagen und Wochen öffentlichkeitswirksam mit den Demonstrierenden im Iran solidarisiert haben.

MYP Magazine:
Hast Du eine Vermutung, woran das liegen könnte?

LINA:
Ich denke, das hat vor allem damit zu tun, dass hier ein gemeinsames Feindbild fehlt. Der Protest gegen Israel zum Beispiel ging vielen, die jetzt zum Iran schweigen, wesentlich einfacher von den Lippen.

»Man muss als deutsche Popkünstlerin nicht immer nur die sein, die permanent laut ist, sich nicht unterkriegen lässt und die Hosen anhat.«

MYP Magazine:
Apropos Haltung: In Deinem Song »Sie weiß« erzählst Du von einer Frau, die von ihrem Mann betrogen wird, aber ganz genau checkt, welches Spiel er mit ihr spielt. Müsste man sie im Song nicht ermutigen, diesen Lappen endlich zu verlassen?

LINA:
Ich weiß, das klingt im ersten Moment nach einer eher unterwürfigen Rolle, die ich da skizziere. Aber in der Realität ist die Situation oft komplexer, als man das gerne hätte. Viele Frauen befinden sich nach wie vor in Abhängigkeitsverhältnissen zu ihren Ehemännern, da ist es nicht so leicht, einfach zu gehen. Davon abgesehen waren das in dem Moment, als ich den Song geschrieben habe, meine tatsächlichen Gefühle und Gedanken. Warum sollte ich die nicht genau so in Lyrics fassen?
Und in anderen Songs beschreibe ich zum Beispiel mein Bedürfnis, anderen gefallen zu wollen. Das ist etwas total Menschliches, das ich ebenfalls genau so formulieren kann. Man muss als deutsche Popkünstlerin nicht immer nur die sein, die permanent laut ist, sich nicht unterkriegen lässt und die Hosen anhat. Man darf auch mal das Bedürfnis haben, in einer Beziehung die kleinere Person sein. Und diese Gefühlslage möchte ich in einem Song ausdrücken können, ohne dass direkt herumgeschrien wird.

»Im Kern geht es darum, dass man sich als Frau dem Mann zu unterwerfen hat. Hauptsache, sie kocht für ihn.«

MYP Magazine:
Wenn man mal in andere Musikgenres blickt, etwa den Deutschrap, scheint es für viele Männer auch im Jahr 2026 immer noch völlig okay zu sein, ihre Frauen zu betrügen. Die Maßstäbe und Wertvorstellungen, die dagegen an Frauen gerichtet sind, sind nach wie vor ganz andere. Wie blicken Menschen Deiner Generation auf diese Situation?

LINA:
Ganz ehrlich: Ich bin total verwirrt und checke nicht, was da gerade abgeht. In der deutschen Influencer-Szene macht sich zurzeit ein ultrachristlicher Trend breit, in dessen Kern es darum geht, dass man sich als Frau dem Mann zu unterwerfen hat. Hauptsache, sie kocht für ihn. Das Kranke ist: So etwas wird nicht nur von Jungs verbreitet, sondern auch von Mädels. Die predigen voller Ernst diesen rückwärtsgewandten Lifestyle.
Aber auch in der deutschen Musikszene ist das Thema Feminismus aus meiner Sicht noch ausbaufähig. Bitte nicht falsch verstehen: Ich finde es voll okay, wenn Kolleg:innen sich möglichst skinny in knappen Outfits präsentieren. You do you. Und ich freue mich für jede einzelne Frau, die mit ihrer Musik Erfolg hat. Leider stelle ich mir vor allem bei deutschen Artists oft die Frage: Wie viel davon ist authentisch? Und wie viel wird nur gemacht, damit es auf Plattformen wie TikTok funktioniert?

MYP Magazine:
Fällt Dir eine Kollegin ein, bei der Du spontan sagen würdest, die macht’s richtig gut?

LINA:
Ja, Addison Rae aus den USA zum Beispiel. Die finde ich supercool. Auch sie ist immer ultraknapp angezogen, aber vermittelt aus meiner Sicht ein viel selbstbestimmteres, stärkeres Frauenbild als etliche deutsche Kolleginnen. Das gelingt ihr unter anderem mit einem Körper, der einfach gesund aussieht – wie auch immer Körper aussehen sollten.
Ich finde, bei Alison können die Kids wirklich hinschauen, ohne direkt schlechte Gefühle zu haben – und zwar im Sinne von: Ich muss jetzt so und so aussehen oder das und das machen, um ein Bunny zu sein. Diese Attitüde verwirrt mich ohnehin sehr, das verstehe ich persönlich nicht. Aber in der Kunst ist es eh so, dass am Ende alle für sich selbst entscheiden müssen, wie und womit sie nach außen treten.

»Ich weiß, dass mein neues Album wahrscheinlich keine Platte wird, bei der das halbe Land durchdreht.«

MYP Magazine:
»Ein Kunstwerk ist gut, wenn es aus Notwendigkeit entstand«, heißt es bei Rilke. Siehst Du das ähnlich?

LINA:
Ja, man muss etwas wollen. Ich weiß, dass mein neues Album wahrscheinlich keine Platte wird, bei der das halbe Land durchdreht. Aber das ist auch völlig okay. Viel wichtiger ist mir, dass »Melodrama« etwas ist, an dem ich persönlich wachsen konnte. Dieses Wachstum ging stellenweise so schnell, dass mir bereits während der Finishing-Phase auffiel, dass die eine oder andere Textstelle nicht mehr aktuell ist – weil sie nicht mehr meinem emotionalen Entwicklungsstand entspricht.
Aber das ist egal. Das Album ist eh eine Momentaufnahme aus meinem Leben, das aus all den Gedanken entstand, die ich über Monate und Jahre als Handy-Notiz festgehalten hatte. Und es steht für eine Musik, die mir persönlich gefällt und die im Studio einfach so aus mir herausgekommen ist.

»In den USA ist der Begriff Kinderstar nicht so negativ konnotiert wie bei uns in Deutschland.«

MYP Magazine:
Du stemmst Dich seit vielen Jahren gegen die Bezeichnung Kinderstar, die Dir medial immer wieder angeheftet wird. Ist dieser Begriff ein beliebtes und bequemes Mittel, um eine junge Frau nicht so ernst zu nehmen und sich mit ihren erwachsenen Anliegen zu befassen?

LINA:
Mittlerweile bekomme ich bei dem Wort kein Herzrasen mehr. Am Ende stimmt es ja auch. Miley Cyrus war ebenfalls ein Kinderstar, jetzt ist sie eine erwachsene Frau. Für mich – und viele andere – wird sie immer der Star meiner Kindheit bleiben. Und gleichzeitig ist sie der Star meiner Gegenwart.
In den USA ist der Begriff ohnehin nicht so negativ konnotiert wie bei uns in Deutschland. Hierzulande wird das Wort eher abfällig benutzt. Erstens, weil wir gerne immer noch in Schubladen denken. Und zweitens, weil es hier nicht riesige Maschinerien wie Disney gibt, die ehemalige Kinderstars auch im Erwachsenenalter konsequent weiterentwickeln, bis sie für den Oscar nominiert sind oder wie Zendaya in »Dune« mitspielen. Diese Denke gibt es hier nicht.

»Solche Nachrichten haben mich immer wieder zum Weinen gebracht.«

MYP Magazine:
Für viele Deiner Fans hast auch Du dich vom Kinderstar zum erwachsenen role model entwickelt – nicht zuletzt durch Deinen SWR-Podcast »Fühl ich«, in dem Du 2024 über persönliche Erfahrungen rund um das Thema mentale Gesundheit gesprochen hast. Wie blickst Du auf diese Zeit zurück?

LINA:
Dieser Podcast war mein allergrößtes Herzensprojekt – auch wenn das Ganze unfassbar viel Zeit gekostet hat und ich gezwungen war, mich viel mit mir selbst und den entsprechenden Themen zu beschäftigen. Trotzdem erinnere ich mich gerne daran zurück, auch weil ich damals etliche Nachrichten von Menschen erhalten habe, die sich bei mir bedankt haben. Ich erinnere mich zum Beispiel noch gut an einen Jugendlichen, der mir schrieb, wie sehr es ihm geholfen habe, dass wir das Thema Depressionen so ausführlich behandelt hätten. Solche Nachrichten haben mich immer wieder zum Weinen gebracht.

»Ich wollte in meinem Podcast über transgenerationale Traumata sprechen.«

MYP Magazine:
Warum war schon nach zwölf Folgen Schluss?

LINA:
Dass der Podcast zu Ende ging, war eher unfreiwillig. Das Projekt ist tatsächlich an einem Haltungs-Thema gescheitert. Damals gab es bereits erste Vorgespräche zu einer zweiten Staffel. Meine Idee war, für die einzelnen Folgen diverse Künstler:innen aus der Musikbranche einzuladen, außerdem wollte ich für eine Folge die Psychologin und Autorin Laura Cazés zu Gast haben. Mit ihr wollte ich in meinem Podcast über transgenerationale Traumata sprechen. Lauras Kernthema ist die Diversität jüdischer Lebenswelten in Deutschland, es geht ihr in ihrer Arbeit um deren Wahrnehmung und Einbezug in gesellschaftliche Diskursräume.

MYP Magazine:
Das klingt nach einer spannenden Besetzung.

LINA:
Laura wäre ideal gewesen. Die Vorfahren ihres Vaters waren türkische Jüdinnen und Juden, die nach Argentinien emigrierten, ihre Mutter stammt von polnischen Jüdinnen und Juden ab, die die Shoah überlebten. Dabei ist das Thema nicht nur für uns Deutsche interessant, die in ihren Familien immer noch nicht oder nur unzureichend die Verantwortung der eigenen Vorfahren bei der Ermöglichung des Holocaust diskutieren. Auch für Menschen, die aus Ländern geflohen sind, in denen seit Jahrzehnten Gewalt und Unterdrückung herrscht, ist die Theorie transgenerationaler Traumata ein relevantes Thema.

»Ich wäre nicht im Entferntesten auf die Idee gekommen, jemanden aufgrund einer Identitätsfrage auszuladen.«

MYP Magazine:
Woran ist es am Ende gescheitert?

LINA:
Dieser Podcast sollte trotz der schweren Themen ein Wohlfühlding sein, an dem alle Menschen teilhaben können. Aber mein Manager und ich hatten nach mehreren Gesprächen den Eindruck, dass einige Vertreter:innen des SWR mit Lauras kulturellem Hintergrund ein Problem hatten. Und so gab es keine Grundlage mehr für eine weitere Zusammenarbeit.

»Nicht wenige Schüler:innen meldeten sich, weil sie nicht wussten, was Stolpersteine sind.«

MYP Magazine:
Vor Kurzem warst Du selbst zu Gast in einem Podcast, genauer gesagt im Diffus-Format »Zum Dorfkrug«. Darin haben Dir die Kolleg:innen einige interessante Fakten zu Deiner Heimatgemeinde Seelze vorgestellt – etwa in Bezug auf die jüdische Familie Willner, die vor etwa 100 Jahren in Seelze ein Textilgeschäft betrieben hatte. Während Vater Emil und Tochter Ilse kurz vor dem Krieg fliehen konnten, wurden die beiden Brüder Erwin und Berthold im KZ Bergen-Belsen bzw. im Ghetto Riga ermordet. Kanntest Du die Geschichte dieser Familie?

LINA:
Nein, leider nicht. Ich muss aber auch sagen, dass ich – wahrscheinlich wie viele Kids meiner Generation – in der Schule davon nichts mitbekommen habe. Gerade, was die Aufarbeitung der Schicksale von Menschen angeht, die in unserem heutigen Wohnumfeld gelebt haben, haben wir aus meiner Sicht krasse Lücken gelassen. Ich kann mich noch gut erinnern, dass es bei uns in einer Abi-Klausur mal um das Thema Stolpersteine ging. Nicht wenige Schüler:innen meldeten sich, weil sie nicht wussten, was Stolpersteine sind – und das im Prüfungsfach Geschichte mit Schwerpunkt NS-Zeit. Klar, es werden einem in der Schule die wichtigsten Fakten zur Nazi-Diktatur beigebracht. Aber um Einzelschicksale geht es da so gut wie nie. Und in den einzelnen Familien wird auch kaum darüber gesprochen. Was das Thema Vergangenheit angeht, handeln viele nach dem Motto: Wir packen das mal weg und reden nicht darüber. Daher fand ich es sehr erfrischend, dass die Diffus-Leute an die jüdische Familie aus Seelze erinnert haben. So etwas erlebt man leider immer seltener.

MYP Magazine:
Wir haben eben über Pop mit Haltung gesprochen. Versagt die deutsche Musikszene auch im Kampf gegen Antisemitismus?

LINA:
Ja, ich finde schon. Aus meiner Sicht sollte man vor allem als Künstler:in die Grundhaltung haben, dass es nicht nur wichtig ist, gegen das Töten von Menschen zu sein, sondern auch gegen jegliche Ausgrenzung aufgrund von Kultur, Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht oder sexueller Identität. Leider ist es mittlerweile zur Normalität geworden, ganz bequem mit einem Klick irgendwelche KI-generierten Sachen zu teilen, ohne zu prüfen, woher diese Inhalte kommen oder was damit eigentlich gesagt wird.

»Die Kids konnten sich einfach nicht erklären, dass sich eine nichtjüdische Person für ihr Event interessiert und sie unterstützt.«

MYP Magazine:
Du warst letztes Jahr in der Jury der Jewrovision 2025. Was genau ist das für ein Event?

LINA:
Die Jewrovision ist der größte überregionale Gesangs- und Tanzwettbewerb der jüdischen Jugendzentren in Deutschland, organisiert und ausgerichtet wird er wird vom Zentralrat der Juden in Deutschland. Kids aus 16 Bundesländern treten mit ihren Musik- und Tanzperformances gegeneinander an – und das Bundesland, das gewinnt, trägt das Event im nächsten Jahr aus.

MYP Magazine:
Und warum war es Dir wichtig, Teil dessen zu sein?

LINA:
Ich war bereits 2024 als Besucherin da, um mir das Ganze mal anzuschauen. Schon damals fand ich es überwältigend, so viele Jugendliche in einem Raum zu sehen, die sich in der deutschen Gesellschaft – vor allem in der aufgeheizten Stimmung gerade – nicht wirklich wiederfinden und denen es dennoch gelingt, ein ganz besonderes Gefühl der Zusammengehörigkeit zu erzeugen.
Das Traurige ist: Die Kids haben mich damals gefragt, ob ich auch Jüdin bin. Sie konnten sich einfach nicht erklären, dass sich eine nichtjüdische Person für ihr Event interessiert und sie unterstützt. Dabei tragen gerade diese Kinder und Jugendlichen jene Notwendigkeit in sich, über die wir eben gesprochen haben. So waren ihre vielen Performances auch durchgehend geprägt von ernsten Anliegen und einer tiefen Traurigkeit, gleichzeitig aber auch von extrem viel Hoffnung, Mut und Optimismus. Diese Kids, die wollen wirklich etwas. Das hat mich sehr, sehr berührt.


Marie Louise Albertine Becker & August Wittgenstein

Interview — Marie Louise Albertine Becker & August Wittgenstein

»Wie lange dauert es, bis man wieder zueinanderfindet?«

In »Ku’damm 77«, der jüngsten Fortsetzung der ZDF-Kultserie, trifft eine rebellische Tochter aus Westberlin auf einen Vater, der für die Liebe in die DDR übergesiedelt ist. Im Interview sprechen die Schauspielerin Marie Louise Albertine Becker und ihr Kollege August Wittgenstein über die Dreharbeiten zu Staffel vier – und zwar stilgerecht im Ostalgie-Setting der Museumswohnung Hellersdorf.

27. Dezember 2025 — Text: Katharina Viktoria Weiß, Fotografie: Birgit von Bally

Wenn man die Museumswohnung Hellersdorf betritt, geschieht etwas Seltsames: Die Zeit beginnt zu knistern. Das Linoleum atmet Vergangenheit, die grünen Velours-Sofas duften nach einem Leben, das es so nicht mehr gibt, und man wartet fast darauf, dass jemand um eine Tasse Kaffee »vom guten Rondo« bittet. Seit 2004 ist hier ein Stück DDR-Wohnkultur konserviert – und das mit voller Absicht: Denn anlässlich der bevorstehenden Komplettsanierung des Hellersdorfer Grabenviertels hatte sich die damalige Geschäftsführung der STADT UND LAND Wohnbauten-Gesellschaft entschieden, an diesem Ort ostdeutsche Alltagsgeschichte und das dazu gehörende Lebensgefühl zu bewahren.

Es könnte also kaum einen besseren Ort geben, um über die neueste »Ku‘damm«-Staffel zu sprechen: jene Serie, die sich seit Jahren wie kaum eine andere dem Deutschland der Nachkriegszeit widmet und die Aufbrüche, Sehnsüchte und Verwerfungen jener Zeit erzählt, und das entlang der fiktiven Geschichte der Familie Schöllack und ihrer Tanzschule »Galant« am Berliner Kurfürstendamm.

Drei Staffeln gibt es bisher (»Ku’damm 56«, »59«, »63«), die vierte startet am 27. Dezember in der ZDF-Mediathek. In »Ku‘damm 77« spielt August Wittgenstein den schwulen Familienvater Wolfgang von Boost, der in der Serie übrigens in einer ganz ähnlichen DDR-Wohnung lebt wie in jener Hellersdorfer Museumswohnung. Dort treffen wir den 44-jährigen Schauspieler mit seiner Film-Tochter Friederike zum Gespräch, die von Marie Louise Albertine Becker (22) verkörpert wird.

Friederike von Boost ist ein Mädchen, das im Westen groß wird, und zwischen der – nicht nur bei Fans mittlerweile legendären – Tanzschule Galant, neuen Jugendkulturen und dem leisen, schmerzlichen Schatten einer Familie aufwächst, die nie ganz vollständig ist. Während der Vater wegen der Liebe in die DDR ging, kämpft Friederike in Westberlin um Selbstbestimmung, Freiheit und darum, ihren eigenen Weg zu finden – trotz familiärer Erwartungen, Rollenbildern und vererbter Zwänge.

»Für einen adeligen Anwalt, der nicht unbedingt systemnah ist, ist das keine leichte Entscheidung.«

MYP Magazine:
Die einst junge Generation von »Ku‘damm 56« ist mittlerweile in ihren Enddreißigern und alle vereint zunächst dasselbe Schicksal: Das ganz große Glück ist ausgeblieben. August, wie hat Wolfgang von Boost die Jahre seit dem Serienfinale von »Ku‘damm 63« verbracht?

August Wittgenstein:
Er ist der Liebe wegen in den Osten gegangen – wissend, dass das für einen adeligen Anwalt, der nicht unbedingt systemnah ist, keine leichte Entscheidung ist. Er hat dort glückliche und schwierige Jahre verbracht, weil er sich in vielerlei Hinsicht neu finden musste. Vor allem aber war es für ihn hart, seine Tochter zurückzulassen. Jetzt geht er in seiner Vaterrolle auf, ist entspannter, weniger innerlich zerrissen – aber die große Liebe, die völlige Erfüllung, ist trotzdem ausgeblieben.

»Ich bin immer überrascht, was Annette Hess aus dem Ärmel schüttelt.«

MYP Magazine:
Und was hat es mit Dir gemacht, das Drehbuch zu lesen und all die Wendungen zu erfahren, die das Leben der Schöllack-Töchter und ihrer Liebsten genommen hat?

August Wittgenstein:
Ich bin so lange schon ein Teil dieses Kosmos, dass sich jede neue Staffel für mich anfühlt wie das Blättern in einer Familienchronik. Ich bin immer überrascht, was Annette Hess aus dem Ärmel schüttelt – kleine, brillante Wendungen. Und trotz aller Dramen ist es für mich ein sehr familiäres Gefühl, die Drehbücher zu bekommen.

»Dieser Gedanke hat mich viel stärker in die Figur katapultiert als jede Schlaghose.«

MYP Magazine:
Marie, welches Gefühl für die späten Siebziger hattest Du vor dem Projekt – und wie haben Recherche und Dreh Deine Perspektive verändert?

Marie Louise Albertine Becker:
Ich kannte die Siebziger vor allem über Musik und Mode: ABBA, Schlaghosen, alles, was glitzert. Aber wenn du selbst zum ersten Mal die originalen Siebziger-Kostüme trägst, merkst du, wie viel schwerer die Zeit in Wirklichkeit war. Und als ich in den Studios zum ersten Mal die Wohnung der Schöllacks gesehen habe, dachte ich nur: Wo bin ich hier gelandet?
Ich habe zur Vorbereitung viele Dokus gesehen und eine Führung durch die »Berliner Unterwelten« gemacht – auch durch einen nachgebauten Fluchttunnel. Das war extrem eindrücklich. Außerdem habe ich mir wieder einige historische Details vor Augen geführt: Zu begreifen, dass Frauen in Westdeutschland erst 1977 ohne Erlaubnis ihres Mannes arbeiten durften, war krass. Dieser Gedanke hat mich viel stärker in die Figur katapultiert als jede Schlaghose.

»Ihr Kampf durch die männerdominierte Polizeiwelt der Siebziger, das ist pure Emanzipation.«

MYP Magazine:
Welche Themen der Siebziger – Selbstbestimmung, Körperbilder, neue Jugendkulturen – hast Du in Friederike aufblitzen sehen?

Marie Louise Albertine Becker:
Friederike ist für mich Rebellion in Person. Sie ist die Jüngste, aber eigentlich die Weiteste der Familie. Sie kämpft für starke Frauen, für ihr eigenes Leben, dagegen, dass ihr irgendetwas vorgeschrieben wird. Und sie spricht Dinge aus, die andere in ihrer Familie noch gar nicht denken können. Ihr Kampf durch die männerdominierte Polizeiwelt der Siebziger, das ist pure Emanzipation.

»Der Westen hat stärker auf das Individuum geschaut, der Osten mehr aufs Kollektiv.«

MYP Magazine:
Vater und Tochter sind in völlig unterschiedlichen politischen Systemen sozialisiert worden. Wie habt Ihr über diese Ost-West-Reibung nachgedacht?

August Wittgenstein:
Der Westen hat stärker auf das Individuum geschaut, der Osten mehr aufs Kollektiv. Für jemanden wie Wolfgang, der im Westen sozialisiert wurde und dann im Erwachsenenalter in die DDR geht, bedeutet das: Umstellung, sich anpassen, eigene Wünsche hintanstellen.

Marie Louise Albertine Becker:
Und für Friederike bedeutet es, dass ihr Vater zwar weit weg ist, aber emotional oft näher als ihre Mutter. Wir haben viel darüber fantasiert: Wie fühlt es sich an, wenn der Vater plötzlich in einem anderen System lebt? Wie lange dauert es, bis man wieder zueinanderfindet?

MYP Magazine:
In der Serie hat die einst junge Generation, zu der auch Wolfgang von Boost gehört, plötzlich erwachsene Kinder. Fühlst Du dich selbst schon so erwachsen, August?

August Wittgenstein:
Überhaupt nicht. Aber ich fühle mich generell irgendwie nie erwachsen. Ich habe das Gefühl, noch ein Spätentwickler zu sein. Ich brauche für alles 20 Jahre länger.

»Das macht sie so berührend: die Stärke an der Oberfläche und darunter die Wunden, die man nur erahnt.«

MYP Magazine:
Die Staffel zeigt drei Generationen, die alle mit Ohnmacht, Zwängen und Aufbruch kämpfen. Welche Figur berührt Euch persönlich am meisten?

August Wittgenstein:
Für mich ist Caterina Schöllack – schon zum viertem Mal großartig gespielt von Claudia Michelsen – eine der berührendsten Figuren im gesamten »Ku‘damm«-Kosmos. Sie hat so viele Epochen erlebt und wirkt wie eine schützende, starke Mutterfigur, die ihre Familie von einem Schicksalsschlag zum nächsten trägt. Gleichzeitig ist sie streng und kann sogar manipulativ sein, manchmal beinahe intrigant. Aber hinter all dem steckt immer ihr Wunsch, das Beste für die Familie zu tun. Sie hat eine Vision davon, wohin sie diese Familie führen will, und sie trägt sie mit unglaublicher Konsequenz durch all diese Zeiten. Dazu kommen ihre eigene Vergangenheit, ihre Verletzungen, ihr Herzschmerz, den sie oft gut versteckt. Das macht sie so vielschichtig und berührend: die Stärke an der Oberfläche und darunter die Wunden, die man nur erahnt.

»Auf dem Papier konnte man in der DDR homosexuell leben – gesellschaftlich war das trotzdem nicht hoch angesehen.«

MYP Magazine:
Drehbuchautorin Annette Hess arbeitet stark mit Ambivalenzen. Gab es eine Szene, bei der Ihr dachtet, wow, das wird brenzlig – aber da will ich rein?

Marie Louise Albertine Becker:
Ja. Meine erste Szene mit gezogener Waffe. Ich hatte vorher noch nie eine in der Hand. Und die Clubszene – ich kann nicht spoilern, aber Friederike macht dort eine schockierende Entdeckung.

MYP Magazine:
Wolfgang ist eine Figur, die zwischen Anpassung, Sehnsucht und Angst lebt. Wie passt die DDR zu ihm?

August Wittgenstein:
Auf dem Papier konnte man in der DDR homosexuell leben – gesellschaftlich war das trotzdem nicht hoch angesehen. Für Wolfgang bedeutet der Schritt in die DDR aber: Ballast abwerfen, endlich ehrlich leben. Das macht ihn freier, entspannter.

»Es gab viele Momente, in denen ich dachte: Wie gerne hätte ich selbst so viel davon.«

MYP Magazine:
Wenn Ihr eure Figuren aus »Ku’damm 77« heute treffen würdet, was würdet Ihr ihnen raten?

August Wittgenstein:
Ehrlich gesagt: Ich würde Wolfgang gar nichts raten. Er hätte so viel Lebenserfahrung gesammelt, dass er wahrscheinlich eher mir etwas beibringen könnte. Vielmehr würde ich mich gerne mit ihm austauschen – und herausfinden, ob ich seinen Kern beim Spielen richtig getroffen habe.

Marie Louise Albertine Becker:
Ich würde beiden Figuren einfach »Chapeau!« sagen. Besonders Friederikes Mut beeindruckt mich. Es gab beim Drehen viele Momente, in denen ich dachte: Wie gerne hätte ich selbst so viel davon. In Szenen, in denen ich als Marie unsicher war, hat mir Friederikes Entschlossenheit richtig geholfen.

»Es lohnt sich, eigene Wege einzuschlagen und Dinge auszuprobieren – auch wenn man mal auf die Schnauze fällt.«

MYP Magazine:
Was habt Ihr aus dem Dreh für Euer Leben mitgenommen – ein Gedankenbild, ein Satz, eine Haltung?

August Wittgenstein:
Eine Sache hat sich mir richtig eingebrannt: Ich hatte einen Drehtag, an dem ich so krank war wie noch nie zuvor in meinem Leben – wirklich komplett am Limit. Trotzdem musste ich diesen halben Drehtag schaffen. Und das Team hat mich da durchgetragen. Claudia und Maria (Anm. d. Red.: Maria Ehrich, spielt in der Serie Wolfangs Exfrau Helga von Boost) waren da. Und ich habe gemerkt: Selbst das geht. Selbst das ist möglich, wenn ein Team so zusammenhält.

Marie Louise Albertine Becker:
Ich habe in dieser ganzen Zeit gemerkt, dass es sich lohnt, eigene Wege einzuschlagen und Dinge auszuprobieren – auch wenn man mal auf die Schnauze fällt. Aktuell in meinem Schauspielstudium passiert das zum Beispiel ständig. Umso schöner war es zu erleben, dass Menschen mir zutrauen, eine Figur wirklich mit Leben zu füllen. Das hat mir unglaublich viel Selbstbewusstsein gegeben. Und ganz ehrlich: Es war die geilste Zeit meines Lebens.

»Ku’damm 77«

6×45 min., abrufbar ab sofort in der ZDF-Mediathek und am 12., 13. und 14. Januar 2026 jeweils als Doppelfolge um 20.15 Uhr im ZDF.

Im Anschluss an die ersten beiden Folgen am 12. Januar läuft um 21.45 Uhr »Ku’damm 77 – Die Dokumentation«.

Mit herzlichem Dank an das Team der

Museumswohnung WBS 70
Hellersdorfer Straße 179
12627 Berlin
Öffnungszeiten: Sonntag 14–16 Uhr
Infos: stadtundland.de/museumswohnung


Luise von Finckh

Interview — Luise von Finckh

»Wem schenke ich meine Empathie? Eine Mammutaufgabe«

Zwischen nostalgischem Erbe und neuen Konflikten – Schauspielerin Luise von Finckh führt die Kultserie »Liebling Kreuzberg« aus den Neunzigern in die Gegenwart und trägt die großen Fragen unserer Zeit mitten hinein: Gerechtigkeit, gesellschaftliche Spaltung, Überforderung. Wir treffen sie im Kreuzberger Kiez und sprechen über Verantwortung, Empathie in Krisenzeiten und rechte Stimmungslagen.

20. November 2025 — Text: Katharina Viktoria Weiß, Fotografie: Frederike van der Straeten

Mit »Kanzlei Liebling Kreuzberg« kehrt ein Stück Berliner Fernsehgeschichte zurück – neu gedacht, neu erzählt und doch eng verbunden mit dem ikonischen Original, das seit den 1980er-Jahren einen festen Platz in der Erinnerung vieler Zuschauer*innen hat.

Im Mittelpunkt der modernen Fortsetzung stehen zwei Frauen: die junge Anwältin Lisa Liebling, gespielt von Luise von Finckh, und die erfahrene Juristin Dr. Talia Jahnka, verkörpert von Gabriela Maria Schmeide. Gemeinsam navigieren sie durch eine Stadt im Wandel, in der der Kampf um (Generationen-)Gerechtigkeit oft in feinfühligen Grauzonen geführt wird.

Nach dem erfolgreichen Piloten im vergangenen Jahr führt Das Erste die Geschichte nun in zwei weiteren Fernsehfilmen fort: Am 21. November startet der zweite, am 28. November folgt der dritte. Dabei geht wieder um Themen, die direkt aus dem Berliner Alltag gegriffen scheinen: gesellschaftliche Spaltung, Altersarmut oder Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt.

Luise von Finckh trägt diese Spannungsfelder in ihrer Figur mit: Als Enkelin der von Manfred Krug gespielten Kultfigur Robert Liebling schafft sie eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Lisa Liebling steht am Beginn ihrer Karriere und ist fest entschlossen, Haltung zu zeigen – und gleichzeitig ihren eigenen Platz in einer Welt zu finden, die sich unbarmherzig schnell verändert. Die Mischung aus Neugier, Idealismus und Zweifel gelingt der Schauspielerin mit Bravour. Kein Wunder, denn die 31-Jährige steht auch immer häufiger hinter der Kamera und erdenkt als Filmemacherin selbst mutige Stoffe.

Wir treffen Luise von Finck in der Kreuzberger Bar und Pizzeria alimentari totti – einem bunten Laden unweit des Kottbusser Damms, an dem sich vor allem in lauen Sommernächten der halbe Gräfekiez zu tummeln scheint. Und in dem das Motto gilt: Leben auf der Aperolspur! Dazu gibt‘s köstliche Pizzaschnitten auf die Hand.

»Wir haben den nostalgischen Aspekt der alten Serie in eine moderne Zeit übertragen.«

MYP Magazine:
Vor Kurzem hast Du in einem Interview gesagt, dass Du am Anfang gar keine richtige Lust auf die Rolle hattest. Du dachtest, das sei einfach irgendeine andere Fernseh-Anwältin. Tatsächlich steht »Kanzlei Liebling Kreuzberg« aber auf den Schultern einer Vorgänger-Serie, die tief im popkulturellen Gedächtnis eines wiedervereinigten Deutschlands verankert ist. Was macht das Konzept für dich so ungewöhnlich?

Luise von Finckh:
Was uns gelungen ist: dass wir den nostalgischen Aspekt der alten Serie und die Bedeutung, die sie für viele Menschen hatte, in eine moderne Zeit übertragen haben – und darin die modernen, aktuellen Konflikte aufgreifen. Für meine Figur Lisa geht es vor allen Dingen darum, hinter die Kulissen zu schauen und zwischen Recht und Unrecht die Grauzonen zu erwischen. Eine junge Frau, die versucht, sich im Beruf zu etablieren. Diese Dualität aus beidem macht es besonders.

MYP Magazine:
In der Kanzlei prallen starke Charaktere aufeinander. Wie würdest Du die Beziehungen beschreiben?

Luise von Finckh:
Auf jeden Fall antagonistisch. Die alte Serie funktionierte nach der Prämisse: Die Welt verändert sich, aber jemand hat gar keinen Bock darauf. Und darauf hatten die Leute Lust. Jetzt sehen wir: Die Welt verändert sich immer mehr – und meine Figur probiert, für das Richtige einzustehen.

»Auch die Mutter der Hauptfigur wird gefragt, ob sie betroffen sein könnte. Dadurch wird es systemischer.«

MYP Magazine:
In der dritten Folge Eurer Serie spielt Altersarmut bei Frauen eine zentrale Rolle. Was hat Dich daran berührt?

Luise von Finckh:
Ich finde das Thema total spannend, weil Altersarmut – und besonders Altersarmut bei Frauen – ein riesiges gesellschaftliches Thema ist. Und dann geben wir dieser Figur ein Gesicht: eine ältere Dame, die nach dem Tod ihres Mannes überfordert ist und selbst anfängt, komische Sachen zu machen. Sie wird erst als Opfer wahrgenommen, aber man sieht auch ihre Mittäterinnenschaft, weil sie nie Verantwortung übernommen hat. Was ich außerdem gut fand: dass auch die Mutter der Hauptfigur gefragt wird, ob sie betroffen sein könnte. Dadurch wird es systemischer.

»In New York kannst du gar keine High Heels anziehen, weil du so weite Strecken läufst«

MYP Magazine:
Die Serie löst ein starkes Gefühl von Wohlempfinden aus – im Englischen würde man vielleicht von feel-good movie sprechen. Welche TV-Shows oder Filme geben Dir so ein Gefühl, vielleicht sogar ein bisschen Glauben an die Menschheit zurück?

Luise von Finckh:
Tatsächlich »Sex and the City« – obwohl es so realitätsfern ist. Ich war geraden eben erst zwei Monate in New York, um dort als Regisseurin ein Kurzfilmprojekt zu drehen, und musste feststellen: Du kannst dort gar keine High Heels anziehen, weil du so weite Strecken läufst. Aber ich liebe das Gefühl der Serie. Es macht mich einfach glücklich, so viele enge Freundinnen zu sehen, die gemeinsam das Leben meistern.

»Auch bei Gentrifizierung gibt es immer zwei Seiten.«

MYP Magazine:
Yasmine M’Barek schreibt in ihrem neuen Essayband »I feel you« darüber, Empathie auch gegenüber denen aufzubringen, die nicht die eigenen Positionen teilen. Warum schafft »Kanzlei Liebling Kreuzberg« das aus Deiner Sicht so gut?

Luise von Finckh:
Das ist auf den Punkt genau das, was wir da probieren. Auch bei Gentrifizierung gibt es immer zwei Seiten. Du und ich sind total glückliche Kreuzbergerinnen – aber wahrscheinlich Teil der Gentrifizierung. Und das probieren wir in den Fällen aufzugreifen. Es ist nicht immer der arme Anwohner gegen den bösen Kredithai. Wir fragen: Wie kann man die Konflikte der Parteien auf menschliche Art und Weise auflösen?

»So viele Menschen haben Angst, abgehängt zu werden.«

MYP Magazine:
Wenn Du selbst Nachrichten konsumierst: Wie schwer fällt es Dir, Empathie als Alltagsübung aufrechtzuerhalten?

Luise von Finckh:
Ich finde das sauschwer. Ich habe eine Zeit lang gar keine Nachrichten mehr gelesen, weil es mich so überfordert hat. Sudan, Israel, Ukraine, all die Krisen. Dazu erleben wir einen riesigen Rechtsruck. So viele Menschen haben Angst, abgehängt zu werden. Das ist nachvollziehbar – auch wenn rechts sein der falsche Weg ist. Ich finde es sehr schwer, sich in diesen Zeiten festzulegen: Wem schenke ich meine Empathie? Eine Mammutaufgabe. Auch wegen des Überangebots an medialen Informationen.

»Ich gehe gerne mit düsteren Gedanken spazieren.«

MYP Magazine:
Du hast viele interessante Frauenfiguren gespielt, vor allem Heldinnen. Und dann gab es Stella Goldschlag in »Ich bin! Margot Friedländer« Goldschlag war eine bekannte Jüdin, die als Denunziantin für die Gestapo tätig war und untergetauchte Juden ihren Verfolgern ausgeliefert hat. Wie gestalten sich für Dich die Dreharbeiten, wenn Du eine Figur spielst, die auf der falschen Seite der Geschichte steht?

Luise von Finckh:
Als ich Stella gespielt habe, war ich nicht falsch. Ich muss meine Figur verteidigen. Gerade bei Stella finde ich es so interessant: Warum hat sie so gehandelt? Wie kann ich ihr Leben so erzählen, dass man ihre Beweggründe glaubt – und ihr vielleicht sogar verzeiht? Ich gehe gerne mit düsteren Gedanken spazieren.

MYP Magazine:
Neben der Schauspielerei hast Du Kommunikationswissenschaft studiert und drehst eigene Filme. 2023 hast Du das Drama »Triggerwarnung« veröffentlicht. Welche Themen beschäftigten Dich da?

Luise von Finckh:
Bei »Triggerwarnung« geht es um eine Frau nach einer Vergewaltigung – genauer gesagt um ein junges Mädchen, das nicht weiß, wie es seine Grenzen setzt. Dann passiert ein Übergriff, den man so oder so sehen kann. Sie versucht zu begreifen: Wann ist eine Vergewaltigung eine Vergewaltigung? Am Ende geht es darum, dass sie für sich selbst herausfinden muss, was sie will.

»Ich habe das Gefühl, dass keiner mehr Bock hat auf ernste Themen.«

MYP Magazine:
Glaubst Du, dass Filme und Serien heute noch gesellschaftliche Impulse setzen können? Und besteht aus Deiner Sicht eine Bedrohung durch reaktionäre Kräfte?

Luise von Finckh:
Ich habe das Gefühl, dass gerade alle eher dem Eskapismus frönen und keiner mehr Bock hat auf ernste Themen. Es ist schwerer geworden, viele Menschen zu erreichen – der Markt ist diversifiziert. Jeder hat seine eigene Wahrheit gefunden, auch rechte Erzählungen finden viel Anklang. Trotzdem haben Filme und Serien immer noch die Chance, jemanden zum richtigen Zeitpunkt zu berühren und ihn vielleicht zum Umdenken zu bringen.

MYP Magazine:
Der Branche geht es aktuell nicht gut, neben Budgetproblemen gibt es ideologische Grabenkämpfe. Ist die Schauspielerei trotzdem Dein Schicksal?

Luise von Finckh:
Ich habe immer wieder gehadert. Vor allem mit dem großen Druck, funktionieren zu müssen. Aber ich will das Leben, das ich da lebe. Es ist das, was ich als Mensch der Welt geben kann: Menschen berühren. Jeder hat eine Aufgabe. Und das ist aktuell meine.

»Es gibt immer mehr Menschen, die am Kapitalismus verzweifeln. Ich finde das gruselig.«

MYP Magazine:
Wie prägt Dich als Urberlinerin das Leben in Berlin? Und welche Herausforderung nimmst Du hier aktuell am stärksten wahr?

Luise von Finckh:
Ich wohne seit zehn Jahren zwischen Neukölln und Kreuzberg. Was mich beschäftigt: die zunehmende Obdachlosigkeit und der Drogenkonsum auf der Straße. Es gibt immer mehr Menschen, die am Kapitalismus verzweifeln. Ich finde das gruselig. Und ich weiß nicht, wie man damit umgehen soll. Man kann nicht nach und nach alle ausschließen.

MYP Magazine:
Du hast schon früh mit der Schauspielerei begonnen, unter anderem in der Kinderserie »Schloss Einstein«. Welche Werte aus Deiner Kindheit tragen Dich heute noch – und welche hast Du bewusst neu definiert?

Luise von Finckh:
Was sich jetzt noch mal mehr etabliert hat, ist: Menschlichkeit. Ich bin in eine Welt hineingewachsen, in der es viel um Erfolg ging und um das Bild nach außen. Und ich merke, dass mir gute Beziehungen immer wichtiger werden. Am Ende geht es darum, zu geben. Alles andere kommt on top.

»Kanzlei Liebling Kreuzberg«:

Teil 2 (»Bewährungsprobe«) am Freitag, den 21. November 2025, um 20:15 Uhr im Ersten, Teil 3 (»Nachbarschaftshilfe«) am 28. November um 20:15 Uhr.

Alle drei Filme sind bereits jetzt abrufbar in der ARD-Mediathek.


Zimmer90

Interview — Zimmer90

»Jeder Mensch sollte ab und zu mal in sein Innerstes abtauchen«

Mit »Interior« hat das Indie-Pop-Duo Zimmer90 gerade sein lange erwartetes Debütalbum veröffentlicht. Für die Freiburger Band ist die Platte nicht weniger als das Ergebnis einer tiefgreifenden Erforschung der eigenen Seele, übersetzt in zehn Tracks und eine dicke musikalische Umarmung. Ein Gespräch über ein Debütalbum als Safe Space, alte Gemälde, die an neue Songs erinnern, und die Frage, warum es wichtig ist, sein eigener Freund zu sein.

6. November 2025 — Interview & Text: Jonas Meyer, Fotografie: Maximilian König

Die Welt ist ein ständiges Zuviel. Laut einer aktuellen Erhebung mit dem knackigen Titel »Stress-Studie« fühlt sich etwa die Hälfte aller Deutschen gestresst. Die Ursachen dafür sind vielfältig: Die Angst vor Kriegen und politischen Krisen kann in einem Menschen genauso Stress auslösen wie die mangelnde Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben, finanzielle Probleme oder die klimabedingte Zunahme von Naturkatastrophen.

Dabei kennt Stress kein Alter: Der kürzlich erschienene »Präventionsradar 2024/2025« einer deutschen Krankenversicherung kommt zu dem Ergebnis, dass knapp zwei Drittel der befragten Kinder und Jugendlichen über häufige Erschöpfung klagen.

Ganz ähnlich erging es auch Finn Gronemeyer und Joscha »Josch« Becker, den beiden Köpfen hinter der Indie-Pop-Band Zimmer90: »In der Welt, in der wir leben«, schreiben sie im Booklet ihres gerade erschienenen Debütalbums, »sind wir einer permanenten Überstimulation ausgesetzt und abhängig von ständiger Bestätigung von außen.«

An dieser Reizüberflutung sind die beiden jungen Männer allerdings nicht ganz unschuldig: Nachdem ihre Single »What Love Is« Ende 2023 auf TikTok zu einem viralen Hit wurde, explodierte der Erfolg der Band regelrecht. Wenige Monate später starteten Zimmer90 in eine ausverkaufte Europa-Tournee mit Konzert-Debüts in Amsterdam, Paris und London, im November 2024 folgte die erste USA-Tour.

Wie sich Finn und Josch dem ganzen Stress entziehen konnten, erklären sie ebenfalls im Album-Booklet: »Wir haben Klarheit gefunden, indem wir nach innen geschaut haben. Dieses Album zu erschaffen war eine Möglichkeit, uns selbst besser zu verstehen – und anderen etwas zu bieten, mit dem sie sich ebenfalls identifizieren können.« Oder um es mit Marc Aurel zusammenzufassen: »Blicke in dein Inneres! Da ist die Quelle des Guten.«

Kein Wunder, dass die beiden ihr erstes Studioalbum »Interior« genannt haben. Und ebenfalls kein Wunder, dass sich diese Platte anfühlt wie eine dicke musikalische Umarmung. An einem sehr entspannten, sonnigen Septembernachmittag haben wir Finn und Josch in Berlin zu einem kleinen Plausch und Photoshoot getroffen.

»Da bleibt keine Zeit, gemeinsam ein Bier zu trinken und die letzten Jahre zu reflektieren.«

MYP Magazine:
»120 Shows, 17 Länder, 30 Städte« – im Booklet Eures neuen Albums fasst Ihr so die letzten beiden Jahre zusammen. Wie ist es Euch in dieser Zeit ergangen? Und wie geht es Euch heute?

Finn:
Momentan fühlen wir uns einfach platt. Das neue Album ist gerade erst erschienen und die Tage sind so voll, dass wir abends direkt ins Bett fallen und versuchen, so viel wie möglich zu schlafen. Ganz ehrlich: Da bleibt keine Zeit, gemeinsam ein Bier zu trinken und die letzten Jahre zu reflektieren. Dennoch kann man festhalten, dass diese Jahre ziemlich intensiv für uns waren, auch weil wir zum ersten Mal außerhalb Deutschlands und sogar außerhalb von Europa auf Tour waren.

»Man kann das nicht einfach so einfach abschütteln.«

MYP Magazine:
Auf Instagram habt Ihr zur Veröffentlichung Eures Debütalbums geschrieben: »In gewisser Weise markiert dieses Album das Ende eines Kapitels.« Öffnet so ein erstes Album nicht eher etwas, als es zu beschließen?

Finn:
Als das Album am 19. September um Punkt null Uhr online ging, fühlte es sich an, als wäre eine enorme Last von unseren Schultern gefallen. Wenn man an einem so großen Projekt über einen längeren Zeitraum arbeitet, kann man das nicht einfach so einfach abschütteln. Man trägt das ständig mit sich herum. Insgesamt haben wir an »Interior« über ein Jahr lang geschrieben und produziert. Ich bin sehr stolz auf dieses Album und super happy damit, wie alles zustande gekommen ist. Aber ich muss auch sagen: Ich bin echt froh, dass dieser Prozess nun ein Ende gefunden hat und es wieder Platz gibt für etwas Neues.

Joscha:
Das sehe ich genauso. Endlich ist da wieder Freiraum, um neue Sachen auszuprobieren. Gerade in den letzten Wochen einer Albumproduktion geht es nur noch darum, an Kleinigkeiten zu arbeiten, alles auf den Punkt zu bringen und abzurunden. Das ist so ziemlich das Gegenteil von frischer Kreativarbeit, bei der man sich darauf konzentrieren kann, neue Songs zu schreiben.

»Man muss das Touren und Schreiben nicht wie Schwarz und Weiß voneinander trennen.«

MYP Magazine:
Ihr habt an diesem Album sogar geschrieben, als Ihr auf Tour wart. Im Musikgeschäft ist das eher ungewöhnlich.

Joscha:
Stimmt. Allerdings gab es auch viele andere Situationen, in denen wir am Album arbeiten konnten. Mal waren wir für ein, zwei Wochen in Frankreich, in einem Haus mitten in der Natur. Mal waren wir in unserem Studio in Freiburg. Mal waren wir in Berlin. Diese besonderen Ruhepunkte, an denen wir uns vollkommen auf die neue Musik konzentrieren konnten, hatten wir auf Tour natürlich nicht. Dennoch war es eine gute Erfahrung. Auch wenn viele das Gegenteil behaupten: Man muss das Touren und Schreiben nicht wie Schwarz und Weiß voneinander trennen. Man kann diese beiden Welten tatsächlich verweben.

»Das noch unfertige Album fühlte sich wie ein kleines Stück Zuhause an, in das wir uns immer wieder zurückziehen konnten.«

MYP Magazine:
In dem eben erwähnten Instagram-Post erklärt Ihr außerdem, dass es Euer Anspruch war, mit den Album einen Safe Space zu schaffen. Welches Bedürfnis steckt dahinter?

Finn:
Für uns ist es immer schön zu hören, dass Menschen, die unsere Songs hören, sich damit emotional verbinden können. Gleichzeitig ist es so, dass wir immer erst bei uns selbst anfangen, wenn wir an neuer Musik arbeiten. Für uns ist es superwichtig, dass wir das, was wir schreiben und produzieren, erst mal intern an einen Punkt bringen, an dem es sich für uns gut und richtig anfühlt – auch wenn das manchmal ein sehr langer Prozess ist. Die Außenwelt kommt da erst an zweiter Stelle.
Dieses Prinzip hat uns auch auf unserer Tour eine ganz besondere Erfahrung geschenkt: Mit dem noch unfertigen Album hatten wir immer das Gefühl, etwas Kleines, ganz Eigenes in der Tasche zu haben, das niemand kannte und mit dem wir uns beschäftigen konnten. Das war vor allem an Tagen so, an denen wir wieder in irgendeiner neuen Stadt waren und uns fragten: Was geht jetzt eigentlich? Gerade in solchen Momenten fühlte sich das Album wie ein kleines Stück Zuhause an, in das wir uns immer wieder zurückziehen konnten. Wenn sich dieses Gefühl jetzt auch für andere Menschen einstellt, sobald sie es hören, ist das natürlich umso toller.

»Uns ist aufgefallen, dass wir zurzeit eher introvertiertere Musik mögen, mit der man das Nervensystem herunterfahren kann.«

MYP Magazine:
Da wir mal unterstellen, dass Ihr persönlich nicht nur Zimmer90 hört: In welcher Musik findet Ihr euren Safe Space?

Joscha:
Wir beide hören sehr gerne Men I Trust – eine kanadische Indie-Band, die eher ruhigere Musik macht. Ohnehin ist uns aufgefallen, dass wir zurzeit eher introvertiertere Musik mögen, mit der man das Nervensystem herunterfahren kann: Musik, bei der man nicht darüber nachdenken muss, ob irgendetwas daran catchy ist oder nicht.

MYP Magazine:
Braucht Ihr diese Musik, weil Euer Leben gerade durchdreht? Oder eher, weil die Welt durchdreht?

Joscha: (lächelt)
Vielleicht eine Mischung aus beidem.

»Wir finden es spannend, was in der inneren Welt eines Menschen passieren kann.«

MYP Magazine:
In »Interior« setzt Ihr euch sehr ausführlich mit dem Bedürfnis von Menschen auseinander, sich bewusst zurückzuziehen und Zeit für sich zu nehmen. Ist dieses Bedürfnis nach innerer Einkehr ein Zeichen unserer Zeit?

Finn:
Wir finden es generell spannend, was in der inneren Welt eines Menschen passieren kann. Das muss nicht immer heißen, dass man zur Ruhe kommt. Da drinnen kann auch wahnsinnig viel abgehen. Aus diesem Grund sind viele Tracks auf dem neuen Album sehr outgoing und tanzbar. Davon abgesehen glaube ich, dass jeder Mensch ab und zu mal in sein Innerstes abtauchen sollte, um sich mit dieser Welt auseinanderzusetzen…

MYP Magazine:
… auch wenn das oft die Auseinandersetzung mit schwierigen Emotionen bedeutet. Erforscht Ihr in »Yours & Mine«, dem letzten Song auf dem Album, eigentlich das Gefühl von Liebeskummer?

Finn: (lächelt)
Wir wollen mit unserer Musik grundsätzlich kein Thema vorschreiben. Bei unseren Lyrics zum Beispiel ist es oft so, dass sie sich einfach nur phonetisch gut anfühlen. Es geht da nur im Ansatz um eine Geschichte, daher ist die oft auch nur bis zu einem gewissen Grad ausformuliert. Ich finde es cool, dass jemand bei einem Song wie »Yours & Mine« eine Liebeskummer-Assoziation hat. Ich selbst zum Beispiel verbinde mit dem Song ein ganz anderes Thema. Aber beides ist total fein. Ich glaube, dieses Offenstellen von Interpretationsmöglichkeiten ist es auch, was uns so reizt und was wir mit unserer Musik immer wieder erzeugen.

»Eine Wohnung kann oft ein Ausdruck dessen sein, was die Menschen, die darin leben, ausmacht.«

MYP Magazine:
»Interior« kann auch das Innere eines Raumes bedeuten. Was verrät das Interieur eines Hauses oder eines Zimmers über die Menschen, die darin leben?

Finn:
Ich würde sagen, es ist so ein bisschen wie beim Sprichwort »Kleider machen Leute«. Eine Wohnung kann oft ein Ausdruck dessen sein, was die Menschen, die darin leben, ausmacht.

Joscha:
Stimmt. Für mich haben Räume, die total geleckt wirken und in denen alles perfekt arrangiert ist, wenig Seele. Ich habe in der Vergangenheit auch immer wieder die Erfahrung gemacht, dass sich das oft in den Leuten spiegelt, die darin wohnen. Diese Menschen sind immer ein bisschen distanzierter, kälter und verschlossener als die, die in Wohnungen leben, wo man sofort sieht: Hier wird gelebt.

»Welcher Song passt zu welchem Bild? Und welches Bild fühlt sich nach welchem Song an?«

MYP Magazine:
Bei den meisten Eurer Kolleg*innen entsteht das Artwork erst nach der Musik. Bei Euch war das teilweise umgekehrt: Ihr habt Euch beim Songwriting von teilweise jahrzehntealten Gemälden inspirieren lassen und diese auch für das Album-Artwork benutzt. Wie genau kam es dazu?

Joscha:
Mein Opa war Maler, in seinem Haus am Bodensee stehen unendlich viele Bilder herum. In diesem Haus waren wir sehr oft, um Musik zu machen. Irgendwann haben wir angefangen, unsere Tracks mit den Gemälden zu matchen. Wir haben geschaut: Welcher Song passt zu welchem Bild? Und welches Bild fühlt sich nach welchem Song an? Und so kam beides Stück für Stück zusammen.

»Wir wollten andeuten: Dieser Song ist ein Fragment des gesamten Albums – wie ein großes Gemälde.«

MYP Magazine:
Für die Titelbilder der einzelnen Single-Auskopplungen habt Ihr jeweils einen Ausschnitt von der Ecke eines Gemäldes gewählt. Habt Ihr durch diese Fokussierung neue Elemente in den Bildern entdeckt, die Euch sonst nicht aufgefallen wären?

Joscha:
Wir haben uns für die Ecken-Ausschnitte entschieden, weil wir konzeptuell andeuten wollten: Dieser Song ist ein Fragment des gesamten Albums – wie ein großes Gemälde, von dem man erst mal nur einen Teil zu sehen bekommt.

Finn:
Bei mir ist es ohnehin so, dass ich mir ein Bild stundenlang anschauen kann und dabei immer wieder etwas Neues finde. Das mache ich auch oft im Museum so: Ich setze mich bewusst vor maximal drei oder vier Bilder, aber dafür jeweils für eine halbe Stunde. Es ist krass, was dabei alles herauskommt.

»Im Grunde denken wir uns gar nicht so viel. Wir nehmen das, was gerade da ist.«

MYP Magazine:
Wie entsteht bei Euch beiden ein Song? Und wie genau arbeitet Ihr zusammen?

Joscha:
Wir haben dafür kein allgemeines Rezept, da jeder von uns auch für sich schreibt und dann mit einer Idee ins Studio kommt. Ich selbst zum Beispiel entwickle einen Song gerne einfach am Klavier und gehe dabei viel über Gesangslinien oder Lyrics. Finn dagegen baut eher Instrumentals und Drums. Manchmal setzen wir uns auch einfach nur gemeinsam ins Studio, Finn spielt Bass, ich Keys und fange an zu singen. Aber im Grunde denken wir uns gar nicht so viel. Wir nehmen das, was gerade da ist. Und wenn keiner von uns eine konkrete Idee mitbringt, starten wir einfach zusammen eine neue und hangeln uns daran entlang.

MYP Magazine:
Ist Zimmer90 eigentlich eine Bandstory oder eine Freundestory?

Joscha:
Ich würde sagen, auf jeden Fall eine Bandstory. Wir haben uns über die Musik erst kennengelernt, das war von Anfang an der Kern unserer Freundschaft. Davor standen wir in keiner Beziehung zueinander, das hat sich alles durch die Band ergeben.

Finn:
Yes, we’re creative partners.

»Je besser man sich kennenlernt, desto besser kann man auch aufeinander achten.«

MYP Magazine:
Das australische Indie-Duo Royel Otis hat uns vor Kurzem im Interview verraten: Wenn man gemeinsam eine Band hat und viel miteinander unterwegs ist, lernt man, wann man den anderen in Ruhe lassen muss. In welchen Situationen müsst ihr Euch gegenseitig in Ruhe lassen?

Finn: (lacht)
Das stimmt auf jeden Fall. Dadurch, dass wir so viel Zeit miteinander verbringen, ist die Band wirklich schwer vergleichbar mit anderen Beziehungen, die man so hat. Das ist schon ein sehr spezielles Leben. Man bekommt den jeweils anderen in fast jeder erdenklichen Situation mit und lernt ihn in seiner Persönlichkeit sehr gut kennen, mit allen Gewohnheiten und allen Details. Irgendwann bekommt man ein sehr gutes Gespür dafür, wann der andere ein bisschen Raum braucht oder ob eine Situation gerade problematisch für ihn ist. Das Gute ist: Je besser man sich kennenlernt, desto besser kann man auch aufeinander achten. Das geht natürlich nur, wenn man auch darüber spricht – und zwar regelmäßig, ganz egal, was gerade los ist.

»Wenn man es schafft, sein eigener Freund zu sein, ist das der richtige Weg.«

MYP Magazine:
Den Interview-Artikel mit Royel Otis haben wir damals eingeleitet mit einem Zitat aus dem Roman »Vom Ende der Einsamkeit« von Benedict Wells: »Am wichtigsten ist, dass du deinen wahren Freund findest. Dein wahrer Freund ist jemand, der immer da ist, der dein ganzes Leben an deiner Seite geht. Du musst ihn finden, das ist wichtiger als alles, auch als die Liebe. Denn die Liebe kann vergehen.« Stimmt Ihr zu?

Finn:
Nee.

Joscha:
Ich glaube, ich auch nicht.

MYP Magazine:
Dann tausend Dank fürs Gespräch.

(Beide lachen)

Joscha:
Freundschaften sind gut und wichtig. Aber in meiner Wahrnehmung sind sie eher ein Plus zum eigenen Leben. Oder anders gesagt: Alles fängt zunächst bei einem selbst an: Wenn man es schafft, sein eigener Freund zu sein, und nicht abhängig von der Freundschaft zu jemand anderem ist, ist das der richtige Weg. Ich muss zuerst wissen: Mir geht‘s gut, ich checke mich, ich weiß, was los ist. Und alles, was dazukommt, macht das Leben nur noch schöner.


Leonard Scheicher

Interview — Leonard Scheicher

»Wer von uns eckt schon gerne an?«

Im neuen Kinofilm »Bubbles« spielt Leonard Scheicher einen jungen Mann, der übers Wochenende in seine alte Heimat fährt. Dort wird er nicht nur mit einer Lebenswelt konfrontiert, der er lange entflohen ist, sondern auch mit seinem ehemals besten Freund, der mittlerweile politisch auf Rechtsaußen setzt. Ein Interview über die Macht sozialer Blasen, die Schwierigkeit, für sich selbst Position zu beziehen, und die Frage, wie wir als Gesellschaft wieder mehr ins Gespräch finden können.

26. Oktober 2025 — Interview & Text: Jonas Meyer, Fotografie: Maximilian Motel

Gibt es in Deutschland eine Entkopplung sozialer Gruppen? Mit dieser Frage beschäftigt sich ein Bericht des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ), der vor knapp zwei Jahren veröffentlicht wurde. Als wissenschaftliche Grundlage dafür dienten die Antworten von 12.000 Menschen, die unter anderem zu ihren Idealen des gesellschaftlichen Zusammenlebens befragt wurden.

Das FGZ kommt zu dem Schluss: »Die deutsche Gesellschaft ist weit davon entfernt, in vollständig polarisierte Lager gespalten zu sein.« Grund genug also zur Entwarnung?

Nicht ganz. Denn »gleichwohl«, so ergänzen die Wissenschaftler*innen, »finden wir Tendenzen gesellschaftlicher Spaltungen im Sinne einer lebensweltlichen Entkopplung bestimmter sozialer Gruppen.« Dabei seien sie auf »eigensinnige Netzwerkgruppen« gestoßen, die stark segregiert seien und sich in Bezug auf die untersuchten Aspekte deutlich von anderen unterschieden, darunter etwa »politisch homogene Netzwerke mit Grünen- bzw. AfD-Sympathisant*innen, homogen ostdeutsche, homogen hochgebildete sowie homogen ländliche Netzwerke.«

Außerdem fragen sie: »Handelt es sich bei den sozialen Gruppen, die strengere Klimaschutzmaßnahmen und eine geschlechtergerechte Sprache fordern, um eine urbane akademische Mittel- und Oberschicht, die in einer Blase lebt und den Kontakt zu den einfachen Leuten verloren hat?«

Um diese Frage geht es auch im Drama »Bubbles …wir waren doch Freunde«, das gerade in den bundesdeutschen Kinos angelaufen ist. Im Zentrum des Films von Autor und Regisseur Sebastian Husak steht ein junger Mann namens Fiete, der mit seiner Freundin Amiri ein Wochenende in seiner alten Heimat am Wattenmeer verbringen will. Kaum in der ländlichen Idylle angekommen, stoßen die beiden auf den charismatischen Luca, der mal Fietes bester Freund war.

Doch Luca lebt mit seinem inzwischen rechtskonservativen Weltbild nicht nur in einer völlig anderen Blase als der Neu-Großstädter Fiete. Er konfrontiert ihn auch mit einer lange verdrängten, persönlichen Schuld aus der Vergangenheit. Und so dauert es nicht lange, bis die beiden Männer und ihre Lebenswelten aufeinanderprallen.

Gespielt wird Fiete von Leonard Scheicher. Der 33-Jährige, der in München geboren ist und mittlerweile in Berlin lebt, war zuletzt unter anderem in der Sky-Serie »Das Boot« und in dem Kinofilm »Der vermessene Mensch« zu sehen. Bereits 2017 haben wir den vielseitigen Schauspieler zu einem Interview getroffen, vor wenigen Wochen nun sind wir ihm erneut begegnet, um mit ihm über »Bubbles« zu sprechen – jenen Film, der so erschreckend gut in die Zeit passt und bei dem man sich als Zuschauer seltsam ertappt fühlt, ganz egal, wie man persönlich auf die Welt schaut.

»Fiete ist ein Mensch, den es überfordert, Position zu beziehen.«

MYP Magazine:
Leonard, vor ziemlich genau acht Jahren hast Du uns im Interview verraten: »Für jede Figur entwickle ich ganz am Anfang eine Idee – die verfolge ich dann mit dem vollen Risiko, nie zu wissen, ob diese Idee am Ende aufgeht.«

Leonard Scheicher: (lacht)
Bah! Was für ein großkotziger Satz, so im Rückblick.

MYP Magazine:
Bleiben wir kurz dabei: Welches Risiko bist Du bei Deiner Figur Fiete eingegangen?

Leonard Scheicher:
Fiete ist ein Mensch, den es überfordert, Position zu beziehen. Er schwankt immer zwischen verschiedenen Meinungen und weiß nicht, welcher er sich anschließen soll. Das Einzige, das ihm wichtig ist, ist seine Freundin Amiri nicht zu verlieren und eine gute Zeit zu haben. Sich in so einen Charakter hineinfallen zu lassen, bedeutet für mich als Schauspieler ein gewisses Risiko – zumal wir alles improvisiert haben.

»Unser Film hat etwas von einem griechischen Drama.«

MYP Magazine:
In einem Interview mit dem Movie-College hast Du dieses improvisierte Spiel als »Leben vor der Kamera« bezeichnet. Was genau meinst Du damit?

Leonard Scheicher:
Beim Impro kann man nicht ausweichen. Man muss entweder agieren oder reagieren – und das fühlt sich besonders lebendig und lebensnah an. Für die Zuschauer*innen bedeutet das, dass sie die Figuren unmittelbarer erleben und ihre Disposition besser verstehen können. Durch diesen Aspekt hat unser Film auf jeden Fall etwas von einem griechischen Drama, in dem jede Position klar nachvollziehbar ist. Ich weiß, das sind große Worte, aber ich finde, dass »Bubbles« das sehr gut gelungen ist.

»Da muss man sich im Vorfeld gut abstimmen, damit alle die gleiche Version von dieser Vergangenheit haben.«

MYP Magazine:
Wie hast Du dich auf dieses Improvisationsspiel vorbereitet?

Leonard Scheicher:
Generell hat das Drehbuch klar beschrieben, was passieren soll. Dramaturgisch war das alles sehr dicht konstruiert. Das Einzige, das gefehlt hat, waren die Dialoge – auch wenn es im Buch den einen oder anderen Vorschlag gab, welche Sätze fallen müssen. Das war’s aber.
Für die Vorbereitung hieß das: Ich musste so viel wie möglich über meine Figur sowie über ihre Beziehung zu den anderen herausfinden. Das war wichtig, denn Luca und Fiete haben eine gemeinsame Vergangenheit, die ein großes Thema zwischen den beiden ist. Da muss man sich mit den Kolleg*innen im Vorfeld gut abstimmen, damit alle die gleiche Version von dieser Vergangenheit haben.
Darüber hinaus ist es so, dass man für einen Film wie »Bubbles« keine einzelnen Szenen vorbereitet, sondern eher Konstellationen erarbeitet und sich intensiv mit der Geschichte und Eigenheiten der Charaktere befasst. Man klärt Fragen wie: Warum funktioniert die Beziehung zwischen Amiri und Fiete? Warum haben sie sich ineinander verliebt und hängen so aneinander? Was geben sie sich, was fehlt ihnen am jeweils anderen? Oder genauso wichtig: Wie war die Beziehung zwischen Luca und Fiete damals, wie ist sie heute? Wo und warum werden Schuldgefühle verdrängt? Und wie gehen sie damit um?

»Es ist nicht so leicht, Position zu beziehen und dafür einzustehen.«

MYP Magazine:
Es dauert im Film keine drei Minuten, da fällt Dein Fiete schon mit seiner ersten Lüge auf. Dieses Verhalten steht im krassen Gegensatz zu seiner Attitüde der moralischen Überlegenheit, mit der er Luca gegenübertritt – etwa beim Thema Fleischkonsum. Was ist das für ein Selbstverständnis?

Leonard Scheicher:
Ich glaube, erst mal gar keins. Fiete will nirgendwo anecken. Aber gerade das macht die Figur so interessant. Man weiß nie, ob er die Dinge, die er sagt, wirklich so sieht oder ob er sich seine Meinung nur angeeignet hat – und zwar in der Bubble, in die er geraten ist; jene Bubble, die ihn aufgenommen hat und jetzt sein Leben bestimmt.
Übrigens: Ich finde, man kann ihm dieses Verhalten nicht mal vorwerfen. Die allermeisten von uns benehmen sich ganz ähnlich. Die Art und Weise, wie wir reden und handeln, wird davon bestimmt, in welchem sozialen Umfeld wir uns bewegen. Und seien wir ehrlich: Wer von uns eckt schon gerne an oder geht auf Konfrontationskurs?

MYP Magazine:
Du auch nicht?

Leonard Scheicher:
Natürlich nicht! Es ist nicht so leicht, Position zu beziehen und dafür einzustehen. Das muss man erst mal lernen. Ich selbst kenne diesen Drang, bei anderen gut ankommen zu wollen. Da kann man sich schon mal irgendwo reinreiten. Bei Fiete ist das natürlich alles viel größer: Da werden Lügen aufgefahren, um den schönen Schein zu wahren und den netten Jungen von nebenan zu geben.

»Online schlagen die Meinungen blitzschnell und ungezügelt in Hass um.«

MYP Magazine:
Dabei glänzen Luca und Amiri auch nicht gerade durch ihre kommunikativen Fähigkeiten.

Leonard Scheicher:
Ja, aber auch das ist ein Zeichen unserer Zeit. Ich glaube, vor 40, 50 Jahren war das in unserer Gesellschaft noch anders. Da hat man viel krasser miteinander diskutiert.

MYP Magazine:
Hast Du ein Beispiel?

Leonard Scheicher:
Ich denke da etwa an die politischen Talkshows der Siebziger, in denen die Gäste ketterauchend und in schwere Ledersessel versunken ihre Standpunkte ausgefochten haben – hart in der Sache, aber mit einer gewissen Gesprächskultur. Es gibt da einen Ausschnitt mit Nina Hagen, auf den ich mal gestoßen bin. Im Vergleich dazu wirkt heutzutage im TV alles ein bisschen weichgespült, während online die Meinungen blitzschnell und ungezügelt in Hass umschlagen.

»Ich will umgeben zu sein von Menschen, die jemanden, der von woanders herkommt, nicht scheiße finden.«

MYP Magazine:
In welcher Bubble lebst Du selbst eigentlich?

Leonard Scheicher:
Ich würde meine Bubble mal beschreiben als großstädtisch, aufgeklärt, links oder linksliberal… keine Ahnung. Auf jeden Fall arbeiten die meisten meiner Freundinnen und Freunde in künstlerischen oder kreativen Berufen. Da ist kaum jemand dabei, der einen industriellen Job hat.

MYP Magazine:
Was genau meinst Du mit großstädtisch?

Leonard Scheicher:
Zum Beispiel, keine Angst vor dem Fremden zu haben und weltoffen zu sein. Ich habe in London, Berlin und München gelebt. Vor allem in London hat man den Eindruck, dass die ganze Welt in einer Stadt wohnt und miteinander klarkommt. Das ist ohnehin etwas, das mir in meinem Leben wichtig ist: Ich will umgeben sein von Menschen, die jemanden, der von woanders herkommt, nicht scheiße finden oder Angst vor ihm haben.

»Wir sollten uns auf das Miteinander besinnen, auf das Gemeinsame.«

MYP Magazine:
Wann hast Du dich zum letzten Mal mit jemandem ernsthaft ausgetauscht, der absolut gar nichts mit Deiner Bubble zu tun hat?

(Leonard überlegt einige Sekunden)

MYP Magazine:
Allein das Nachdenken ist schon ein Zeichen.

Leonard Scheicher:
Ich finde, wir sollten uns auf das Miteinander besinnen, auf das Gemeinsame – trotz der bei den Wahlen so spürbaren Spaltung. Ich war zum Beispiel vor Kurzem in Brandenburg auf einem Dorffest. Da hat ein ganz anderer Schnack geherrscht als der, den ich aus meiner eigenen Lebenswelt gewohnt bin. Ich bin dort zwar nicht in ein politisches Gespräch eingestiegen, geschweige denn in die Konfrontation gegangen. Aber man kann bei solchen Anlässen wunderbar zusammen etwas trinken und sich über den Musikgeschmack des DJs lustig machen. Am Ende haben wir alle sogar ein bisschen getanzt.

MYP Magazine:
Du hast brandenburgische Dorffest-Erfahrungen?

Leonard Scheicher:
Ein Freund von mir hat dort ein Haus, ich hab‘ ihn vor Kurzem besucht und wir waren zusammen auf einem Dorffest.

»Es kommt unweigerlich zum Clash, da beide ihr jeweiliges Anliegen über das ihres Gegenübers stellen.«

MYP Magazine:
In Eurem Film kollidieren die einzelnen Bubbles zum ersten Mal, als alle drei am Lagerfeuer sitzen. Doch während Amiri und Luca schnell aneinandergeraten und immer hitziger argumentieren, entzieht sich Fiete dem Gespräch und macht Musik an…

Leonard Scheicher:
… ja, das ist eine Schlüsselszene. Alle sind leicht angetrunken und sticheln passiv-aggressiv herum. Das Ganze explodiert, als der rechtskonservativ eingestellte Luca plötzlich den provokanten Vorschlag macht, dass man die Protestierenden der Letzten Generation einfach mit dem Flugzeug überfahren sollte, wenn sie sich auf der Landebahn eines Flughafens festkleben.

MYP Magazine:
Kurz darauf fragt Amiri aufgebracht: »Welches Problem ist denn größer als der Klimawandel?« Und Luca antwortet: »Die Armut zum Beispiel.« In dem Moment möchte man sich als Zuschauer gerne dazusetzen und sagen: Streitet nicht so miteinander! Ihr sitzt doch in einem Boot.

Leonard Scheicher:
Das stimmt. Beide haben in gewisser Weise recht, denn beide Probleme betreffen beide. Das Ding ist nur, dass die jeweiligen Prioritäten irgendwo anders liegen. So kommt es unweigerlich zum Clash, da beide ihr jeweiliges Anliegen über das ihres Gegenübers stellen.

»Es scheint jeden Tag ein bisschen normaler zu werden, Witze zu machen, bei denen es etwa um das Überfahren von Menschen geht.«

MYP Magazine:
Wie könnte man die Situation entspannen – auch bei vergleichbaren Diskursen in der realen Welt?

Leonard Scheicher:
Das ist alles andere als leicht. In unserem Film scheitert die Entspannung nicht zuletzt an der rechtskonservativen Einstellung von Luca. Und die ist – auch in der realen Welt – Ergebnis dessen, dass wir als Gesellschaft Stück für Stück nach rechts rücken. Es scheint jeden Tag ein bisschen normaler zu werden, Witze zu machen, bei denen es etwa um das Überfahren von Menschen geht.
Dahinter steckt eine ganze Philosophie. Es gibt immer mehr Leute, die sich trauen, irgendetwas öffentlich zu äußern, das noch vor zehn Jahren undenkbar gewesen wäre. Der darauf folgende Mechanismus ist immer derselbe: Menschen empören sich, dann ebbt die Empörung ab, kurz darauf haut wieder jemand etwas raus, das noch ein bisschen krasser ist, und danach geht das Ganze von vorne los. Dabei wird die Grenze des Sagbaren immer mehr verschoben. So wird das, was früher noch undenkbar war, sukzessive normalisiert.

»Luca benennt Probleme, die ihn direkt betreffen und mit denen er sich alleingelassen fühlt. Diese Position macht ihn sehr stark.«

MYP Magazine:
Der französische Autor Édouard Louis hat vor Kurzem bei einer Lesung in Berlin gesagt: »Man kann Gewalt nur wirksam bekämpfen, indem man versucht, sie zu verstehen.«

Leonard Scheicher:
Das ist ein guter Ansatz.

MYP Magazine:
Was würde man herausfinden, wenn man versuchen würde, Lucas verbale Gewalt zu verstehen?

Leonard Scheicher:
Luca benennt Probleme, die ihn direkt betreffen und mit denen er sich alleingelassen fühlt – etwa, dass die Leute aus seinem Dorf wegziehen, weil die Infrastruktur nicht mehr funktioniert. Das sei, so erklärt er, auch der Grund für sein Engagement in der rechtspopulistischen Partei: »Weißt Du, was die für unser Dorf tun, Fiete? Die hören uns zu.« Diese Position macht ihn sehr stark.

»Für uns Menschen ist es grundsätzlich schwer zu fassen, dass es in einem Land verschiedenste Lebensrealitäten gibt.«

MYP Magazine:
Der Film »Alle reden übers Wetter« von Autorin und Regisseurin Annika Pinske aus dem Jahr 2022 beschäftigt sich ebenfalls mit diesem Thema: Er macht sichtbar, wie Menschen, die vom Land in die Stadt gezogen sind, gerne mal vergessen, dass die Zurückgelassenen ebenfalls Gefühle und eine eigene Lebensrealität haben – aus Ignoranz, Selbstfixierung und einem scheinbaren Überlegenheitsgefühl heraus. Warum ist Fiete der Blick für die Leute in seiner Heimat abhandengekommen?

Leonard Scheicher:
Ich glaube, in ihm gab es schon immer den Antrieb, dort wegzukommen und diesem Leben zu entfliehen. Dafür hat er gelernt, sich zu verstellen – ganz ähnlich übrigens, wie Édouard Louis das in seinem Buch »Anleitung ein anderer zu werden« beschreibt. In der neuen Bubble, in der Fiete jetzt lebt, sind die Probleme von vorher nicht mehr wichtig, und er kann sich damit auch nicht mehr identifizieren.
Dazu kommt, dass es für uns Menschen grundsätzlich schwer zu fassen ist, dass es in einem Land, in dem wir alle gemeinsam leben, verschiedenste Lebensrealitäten gibt. Aus meiner eigenen Erfahrung weiß ich, dass man gerade mal die Probleme der Menschen versteht, die direkt um einen herum sind: im Freundeskreis, im Sportverein, vielleicht auch noch im Dorf. Aber für mehr haben wir scheinbar nicht das Fassungsvermögen.

MYP Magazine:
Vielleicht wollen wir auch gar nicht mehr sehen.

Leonard Scheicher:
Das ist ebenso möglich, ja. Wir alle sind supergut darin, Dinge zu verdrängen. Das ist bei Fiete nicht anders. Aber dieses Verdrängen hilft uns Menschen auch dabei, am Leben zu bleiben. Davon abgesehen haben die meisten Leute auch gar nicht die Zeit, sich mit den Problemen anderer zu befassen. Etwa, weil sie zwei oder drei Jobs machen, um über die Runden kommen. In so einer Situation hat man nicht mal Zeit, über sich selbst nachzudenken. Was für ein Fluch! Demgegenüber genieße ich als Schauspieler ein enormes Privileg, weil ich sehr viel herumkomme, verschiedenste Orte und Lebensumstände kennenlerne und mein Beruf mich mehr oder weniger dazu zwingt, empathisch zu sein.

»Ich habe mir als Kind gewünscht, dass meine Familie mehr Geld hat.«

MYP Magazine:
Gerade in den letzten Jahren ist viel sogenannte Klassenliteratur entstanden, die sich mit der wachsenden Distanz zu Herkunftsort und -milieu beschäftigt, die sich einstellt, wenn man die sozioökonomische Klasse wechselt, etwa wenn man aus einem Arbeitermilieu in ein Künstlermilieu wechselt. Bist Du ein solcher Klassenwechsler?

Leonard Scheicher:
Nein, ich bin maximal ein Stadtwechsler, weil ich von München nach Berlin gezogen bin – aber auch das nicht so richtig. Da mein Vater seit vielen Jahren in Berlin lebt, kannte die Stadt auch vorher schon ganz gut. Trotzdem kann ich mich erinnern, dass ich mir als Kind gewünscht habe, dass meine Familie mehr Geld hat. Mein Vater ist Künstler, meine Mutter arbeitet als pharmazeutisch-technische Angestellte. Zwar ging es uns immer gut und wir hatten keine krassen finanziellen Probleme. Dennoch war ich auf meiner Waldorfschule immer umgeben von Kindern, die in deutlich mehr Wohlstand aufgewachsen sind. Als ich das gesehen habe, wollte ich das auch – das ist das einzige bisschen Klassenwechsel, das ich mir vorstellen kann.

»Wir Schauspielende sind in besonderem Maße davon abhängig, gewollt zu werden.«

MYP Magazine:
»Ihr in eurer Altbauwohnung!«, kanzelt Luca die beiden anderen nach der Szene am Lagerfeuer ab. Mit welchen Klischees bist Du persönlich als Schauspieler konfrontiert?

Leonard Scheicher:
Naja, auf viele wirkt so ein Schauspielerleben relativ schillernd. Aber die bittere Realität ist, dass gerade viele von uns keinen Job haben. Der Branche geht es schlecht, der ganzen Wirtschaft geht es schlecht. Die Situation ist wirklich ernst. Wo das hinführt, weiß ich noch nicht.

MYP Magazine:
»Verlieren tut der Seele gut, mal aus dem Schlamm wieder hoch«, sagt Luca an jenem Abend am Lagerfeuer. Man müsse auch mal verlieren können, sonst werde man ein bisschen arrogant und elitär. Siehst Du das ähnlich?

Leonard Scheicher:
Verlieren ist so ein starkes Wort. Aber klar: Von zehn Castings, zu denen ich eingeladen werde, führen am Ende acht zu Absagen. Die Ablehnung ist der Normalzustand. Dennoch fühlt sich fast jede einzelne Absage wie eine fette Niederlage an: so kurz vor einem tollen Job mit einem tollen Regiemenschen zu sein, aber das Ding dann doch nicht zu bekommen, ist hart. Aber das gehört zu meinem Beruf dazu – wie es auch zu anderen Berufen gehört, dass dort nicht immer alles klappt.
Dummerweise sind wir Schauspielende in besonderem Maße davon abhängig, gewollt zu werden. Daher ist es in unserem Job umso wichtiger, immer wieder aufzustehen und weiterzumachen. Talent zu haben ist in unserer Branche das eine. Aber eine echte Karriere damit zu machen, ist das andere.

»Die Städte, aus denen es Angebote für mich gab, waren für mein Ego nicht groß genug.«

MYP Magazine:
Wäre das Theater kein Karriereweg für Dich gewesen? Immerhin ist man da fest angestellt.

Leonard Scheicher:
Tja. Nach der Schauspielschule war ich bereit, ein Engagement an einem Theater anzutreten. Aber die Städte, aus denen es Angebote für mich gab, waren für mein Ego nicht groß genug. Ich war mir damals absolut sicher, dass ich auch an größere Bühnen kommen könnte, und sei es nur als Gast. Das hat sich aber nicht eingestellt. Wenig später kam Corona, alles wurde schwieriger und an den paar Häusern, an denen ich noch vorsprechen konnte, hat es nicht geklappt. Kurz darauf bin ich nach England gezogen und hatte das Gefühl, dass sich damit ein Kapitel geschlossen hatte.
Dabei vermisse ich das Theater total. Ich vermisse es, auf einer Bühne live die Sachen zu verhandeln – und zwar vor und mit den Menschen, für die es gemacht ist. Vielleicht bräuchte ich dazu einfach noch mal die Möglichkeit. Und vielleicht müsste ich mich darum einfach mal mehr kümmern.

»Seit ich 30 bin, finde ich mein Alter super.«

MYP Magazine:
Das klingt etwas melancholisch. In unserem Interview von vor acht Jahren hast Du erzählt, dass es Dir ziemlich oft passiert, dass Du deiner eigenen Jugend hinterhertrauerst. Ist das immer noch so?

Leonard Scheicher:
Hinterhertrauern? Nee. Seit ich 30 bin, finde ich mein Alter super. Die Zwanziger sind eine verdammt harte Zeit. Das Schöne ist: Man erlebt vieles zum ersten Mal. Aber es gibt auch eine Kehrseite: Das alles kann einen sehr leicht überfordern und man weiß in dieser Zeit eigentlich nie so richtig, wohin mit sich.
Ich glaube, ich habe das damals gesagt, weil ich mich zurückgesehnt habe nach der der jugendlichen Leichtigkeit, die ich hatte, als ich noch zu Hause wohnte. Man war in der Schule, hatte einen geregelten Alltag und war insgesamt von einer viel größeren Sicherheit umgeben. Doch auch wenn ich eine gute Kindheit und Jugend hatte: Heute würde ich nicht mehr unterschreiben, dass ich diesen Jahren hinterhertrauere.

MYP Magazine:
Was ist aus Deiner Sicht das Gute am Erwachsenwerden?

Leonard Scheicher:
Dass man schon einiges erlebt hat und durch diese Erfahrung ein bisschen gelassener auf bestimmte Dinge schauen kann. Und dass man ernst genommen wird – zumindest ernster als mit 20.

»Mein Schauspieler-Ich flüstert mir dann ins Ohr: Das ist es! Jetzt erzählst du vom Menschsein.«

MYP Magazine:
In »Bubbles« gibt es eine Szene, in der Fiete und Luca nackt in der Sauna zu sehen sind. Hilft diese Erfahrung auch dabei, sich vor der Kamera in solche körperlich intimen Situation zu begeben?

Leonard Scheicher:
Ich empfinde die physische Nacktheit hier nicht als Problem, denn sie gehört zu der konkreten Situation im Leben der Figur, die ich im Film verkörpere. Klar, natürlich gibt es Grenzen und es stellt sich auch immer die Frage: Worum geht es? Und was zeigt die Kamera und was nicht? In dem konkreten Fall geht es um zwei alte Freunde in der Sauna. Und die sind besoffen und nackt. Wenn ich weiß, das wird von der Kamera eingefangen, bin ich damit auch total d‘accord.

MYP Magazine:
Gibt es Situationen in Deinem Spiel, in denen Du das Gefühl hast, Dich dem Publikum gegenüber emotional nackt zu machen?

Leonard Scheicher:
Absolut! Das sind die Momente, in denen man komplett aufmachen kann. Das ist deutlich anstrengender, als sich physisch nackt zu machen. Es erfordert viel mehr Vertrauen und Mut – und vor allem die Bereitschaft, wirklich loszulassen. Mit Anspannung geht da gar nichts. Man muss bewusst in die Entspannung gehen, um sich dem aussetzen zu können. Aber genau das ist es auch, wofür ich es mache. Mein Schauspieler-Ich flüstert mir dann ins Ohr: Das ist es! Jetzt erzählst du vom Menschsein, genau dieses Gefühl kennen wir alle. Und du hast das große Privileg, das vor anderen ausüben zu dürfen.

»Es gibt unendlich viele Orte, an denen Dialog stattfinden kann.«

MYP Magazine:
In dem eben erwähnten Interview mit dem Movie-College hast Du gesagt: »Der Film ist eine Einladung, dass wir wieder mehr miteinander reden und an Orte gehen, wo wir aufeinandertreffen und einen Dialog führen können.« Was könnten das für Orte sein?

Leonard Scheicher:
Der Tanzkurs. Der Chor. Die Kirche. Das Fest der Freiwilligen Feuerwehr. Und natürlich auch die Sauna! Es gibt unendlich viele Orte, an denen man auf die unterschiedlichsten Menschen trifft und Dialog stattfinden kann. Wenn ich mich zurückerinnere an meine Kindheit, war das im Fußballverein oder Konfirmationsunterricht nichts anderes. Ich finde, das ist etwas, das wir uns auch als Erwachsene beibehalten können. Und ich persönlich freue mich besonders, wenn die Menschen kulturelle Einrichtungen wählen, um sich zu begegnen – wie etwa das Theater. Das ist dafür ein ganz hervorragender Ort.


Luke Noa

Interview — Luke Noa

»Ich halte nichts davon, den Dingen nicht genug Zeit zu geben«

Da ist es endlich: Mit »Début« hat Luke Noa vor Kurzem sein lange erwartetes Debütalbum veröffentlicht. Dass er daran so intensiv gearbeitet hat, kann man hören: In der Platte steckt viel musikalische, aber auch emotionale Reife. In einem American Diner haben wir den 27-Jährigen zum Interview getroffen: ein Gespräch über die Kraft zeitloser Musik, den richtigen Umgang mit einem Celebrity Crush und die Frage, warum man seine Dämonen ab und zu in den Arm nehmen sollte.

5. Oktober 2025 — Interview & Text: Jonas Meyer, Fotografie: Osman Balkan

Wir schreiben das Jahr 1965. Während in den USA die erste bezahlbare Mikrowelle auf den Markt kommt, Cadillac die dritte Generation seines Erfolgsmodells »DeVille« vorstellt und Bürgerrechtler Malcom X ermordet wird, landen über dreitausend US-Marines in Vietnam, der Russe Alexei Leonow wagt als erster Mensch den Weltraumausstieg und Werder Bremen wird deutscher Fußballmeister.

Und auch musikalisch tut sich was – ziemlich viel sogar: The Beatles veröffentlichen »Help!« und »Yesterday«, The Rolling Stones werfen »(I Can’t Get No) Satisfaction« in die Welt und The Who liefern mit »My Generation« nicht weniger als die Hymne einer ganzen Jugendkultur. Dazu gesellen sich Bob Dylans »Like a Rolling Stone«, The Supremes mit »Stop! In the Name of Love« und The Mamas and the Papas mit »California Dreamin‘«. Kein Wunder, dass dieses 1965 heute als eines der prägendsten Jahre der modernen Pop- und Rockmusik gilt. Ein akustisches Feuerwerk, das bis in die Gegenwart leuchtet.

60 Jahre später. Bei Burger und Milchshake sitzen wir im Route 66 Diner, das wenige Gehminuten vom Berliner Kurfürstendamm entfernt liegt. Das liebevoll gestaltete Restaurant ist ein idealer Ort, um sich (zurück) in die Sechziger zu träumen. Sogar das schwarze Cadillac DeVille Cabrio, das das Team des Diners lässig hinter der Bar geparkt hat, stammt aus jener dritten Modellgeneration ab 1965.

In dieser knallbunten Zeitkapsel sind wir mit Luke Noa verabredet. Der 27-jährige Singer-Songwriter, der mit bürgerlichem Namen Luca Göpper heißt, hat vor Kurzem ein bemerkenswertes Debütalbum vorgestellt. Mit seinen acht Songs präsentiert es sich als ein wundervoll arrangiertes, feinsinniges und nahbares Stück Musik, in dem viel instrumentale, aber auch emotionale Reife steckt – ganz anders, als der Titel »Debút« vielleicht vermuten ließe.

Thematisch passt Luke Noa eigentlich nicht hierher. Denn während sich andere Musiker seiner Altersklasse – man denke etwa an Elliot James Reay oder Stephen Sanchez – ganz dem US-amerikanischen Sound der Fünfziger- und Sechzigerjahre verschrieben haben, ist die Musik von Luke Noa eher schwer an einem bestimmten Raum oder an einer bestimmten Zeit festzumachen.

Eine kleine Verbindung zu damals gibt es trotzdem. Denn irgendwo auf seinem neuen Album hat der junge Mann eine kleine Referenz auf das Jahr 1965 versteckt. Aber dazu kommen wir später…

»Ein Fan hatte 13 Stunden damit verbracht, bunte Herzen aus Papier auszuschneiden.«

MYP Magazine:
Luke, Ende Mai hast Du dein Debütalbum vorgestellt, gerade kommst Du von Deiner ersten Headline-Tour zurück. Welche Eindrücke bringst Du mit? Welche Momente haben sich in Deine Erinnerung gebrannt?

Luke Noa:
Es gab etliche schöne Momente, aber einer ist die klare Nummer eins: Auf der Show in München gab es einen Fan, der im Vorfeld 13 Stunden damit verbracht hatte, bunte Herzen aus Papier auszuschneiden und sie vor dem Konzert an die Leute im Publikum zu verteilen. Ich wusste davon nichts und war ziemlich geflasht, als beim Song »What A Day« plötzlich Hunderte Herzen vor mir in die Höhe schossen.
So etwas zu erleben, ist absolut neu für mich. Ich mache zwar schon seit ein paar Jährchen Musik, habe aber immer noch das Gefühl, mich im Aufbau zu befinden. Dass es jetzt schon Leute gibt, denen meine Songs so viel bedeuten, dass sie 13 Stunden lang von Hand Papierherzen ausschneiden, berührt mich sehr.

MYP Magazine:
Was bedeuten Dir selbst die Songs Deiner neuen Platte?

Luke Noa:
Ein Debütalbum ist immer ein Riesenschritt – den ich selbst vergleichsweise spät gewagt habe. Seit ich Musik mache, habe ich insgesamt vier EPs veröffentlicht, mit denen ich sukzessive und ganz behutsam auf mein erstes Album zugesteuert bin. Aus meiner Perspektive fasst »Début« daher in erster Linie die letzten Jahre zusammen: in Bezug auf das, was ich erlebt habe, aber auch, wie ich mich musikalisch und persönlich entwickelt habe.

MYP Magazine:
Warum hast Du dem Albumtitel einen Accent aigu verpasst? Hast Du einen besonderen Bezug zu Frankreich?

Luke Noa: (lächelt)
Das werde ich witzigerweise bei jedem Interview gefragt. Die Idee dahinter war eine rein ästhetische – und ich fühle mich deshalb fast ein bisschen peinlich berührt. Ich hatte darüber vorher kaum nachgedacht und fand die französische Schreibweise einfach nur visuell spannend. Aber jetzt ist es bei jedem Interview Thema und ich kann darauf maximal antworten, dass der Accent das Wort ein bisschen verfeinert.

»Für mich ging in diesem Moment ein riesiger Traum in Erfüllung.«

MYP Magazine:
Für die Arbeit an Deinem Debütalbum hast Du Chris Maas gewinnen können, den Tour-Schlagzeuger Band Mumford & Sons, der vor Kurzem auch mit Sting auf Konzertreise war. Wie seid Ihr euch begegnet? Und wie hast Du ihn von einer Zusammenarbeit überzeugt?

Luke Noa:
Das war das Werk meines Managers Tim. In den Jahren 2022 und 2023 hatte er als Tourmanager den australischen Singer-Songwriter Matt Corby bei seinen Europa-Konzerten begleitet – und Chris Maas spielte diese Tour als Drummer. Die beiden haben sich angefreundet und irgendwann hat Tim ihm einige meiner Demos für das neue Album vorgespielt. Chris sagte: »Why not?« Er schien meine Musik zu mögen, hatte Lust auf ein junges Projekt und sagte spontan zu, für eine Woche nach Berlin zu kommen und mit uns an dem Album zu arbeiten. Tim rief mich kurz danach an und erzählte mir, dass er gerade mit Chris Maas zusammengesessen und über mein Album gesprochen hatte. Für mich ging in diesem Moment ein riesiger Traum in Erfüllung.

»Nur, wenn ich absolut keine Erwartungshaltung habe, kann ein Song in Ruhe wachsen.«

MYP Magazine:
Dein Album beginnt mit dem Song »Do I Wanna«, an dem Du bereits 2023 bei einer Reise durch Neuseeland geschrieben hattest und dessen Fertigstellung fast zwei Jahre in Anspruch genommen hat. Warum der Song diese Zeit gebraucht?

Luke Noa:
Ich halte nichts davon, den Dingen nicht genug Zeit zu geben, und lasse Songs gerne reifen. Wenn ich das Gefühl habe, ich müsste eine gute Idee zu hart biegen oder zu hart pushen, mache ich lieber einen Schritt zurück und befasse mich mit etwas anderem. Ich empfinde es als einen wichtigen persönlichen Qualitätsprozess, immer einen Raum zu schaffen, in dem sich Ideen natürlich entwickeln können.

MYP Magazine:
Hier schräg gegenüber gibt’s eine Weinbar, an deren Schaufenster der Spruch prangt: »Wine improves with age.«

Luke Noa:
Und genauso ist es für mich bei der Musik! Natürlich kann es auch mal passieren, dass ich Songs in sehr kurzer Zeit schreibe. Aber ganz allgemein halte ich es immer noch für das Beste, mich einer Idee ganz ohne Verkrampftheit und Verkopftheit zu nähern. Nur, wenn ich absolut keine Erwartungshaltung habe, kann ein Song in Ruhe wachsen, Tag für Tag ein Stückchen mehr.

»Wenn man zu sehr in der Vergangenheit festhängt, macht das einen in der Gegenwart nur unglücklich.«

MYP Magazine:
In »Do I Wanna« verhandelst Du die Narben und Sehnsüchte, die die Vergangenheit Dir zugefügt hat. Und Du sprichst über den Umstand, nicht loslassen zu können. Bist Du ein Mensch, der sich gerne Gedankenspielen hingibt, die sich darum drehen, was passiert wäre, wenn man hier und da einen anderen Weg eingeschlagen hätte?

Luke Noa:
Auf jeden Fall. Ich mag es, mich ab und zu gedanklich in solche theoretischen Räume zu begeben, vor allem, wenn es um zwischenmenschliche Beziehungen geht. Man kann sich einem Menschen jahrelang unendlich nah fühlen und glauben, ihn total gut zu kennen. Doch wenn sich die gemeinsamen Wege trennen, wird mit den Jahren die Frage immer spannender, wie man sich persönlich entwickelt hätte, wenn dieser Mensch nah an einem drangeblieben wäre.

MYP Magazine:
Wirst Du gerade etwas nostalgisch?

Luke Noa:
Für mich ist Nostalgie eng verwoben mit Veränderung – in Bezug auf sich selbst, auf andere, auf die Welt. Ich finde, das ist eines der spannendsten Themen überhaupt, weil es für uns Menschen gleichermaßen faszinierend wie furchteinflößend sein kann. Aber man muss vorsichtig sein: Wenn man zu sehr in der Vergangenheit festhängt, macht einen das in der Gegenwart nur unglücklich, da man permanent seine Entscheidungen infrage stellt und sich alternative Realitäten ausmalt.

»Ohne Biberach wäre ich wahrscheinlich nicht zur Musik gekommen.«

MYP Magazine:
Bleiben wir kurz in der Vergangenheit. Wenn man in Deine Biografie schaut, findet man unter anderem zwei Orte, die ein wichtiger Teil Deines Lebens zu sein scheinen, aber unterschiedlicher nicht klingen könnten: Biberach und Roccastrada. Wie haben Dich diese Orte geprägt?

Luke Noa:
Biberach in Baden-Württemberg ist mein Geburtsort. Zwar ist meine Familie mit mir kurz nach meiner Geburt in die Schweiz gezogen, aber nach zwölf Jahren ging’s wieder zurück. Für mich ist Biberach Heimat und so etwas wie ein Familienzuhause, an dem meine Verwandten leben, an dem ich sämtliche Weihnachten und diverse Schützenfeste gefeiert habe, an dem ich Abi gemacht habe – und das mich sehr stark geprägt hat auf meinem frühen Weg als Singer-Songwriter. Ohne Biberach wäre ich wahrscheinlich nicht zur Musik gekommen.

MYP Magazine:
Und Roccastrada?

Luke Noa:
Das ist ein kleiner Ort in der Toskana, wo wir in meiner Kindheit und Jugend immer wieder in Urlaub waren. Gewohnt haben wir jedes Mal im Nachbardorf Sassofortino, in dem Freunde meiner Eltern ein Haus mit unzähligen Zimmern besitzen. Es ist wahnsinnig schön dort, das Haus ist umgeben von Olivenbaum-Feldern und in nur 40 Minuten ist man am Meer. In dieser Gegend ist auch das Musikvideo zu »Roccastrada« entstanden.

»All das, was ich in der Zeit gefühlt, erlebt und gesehen habe, habe ich in einem Song verwoben.«

MYP Magazine:
Klingt nach einem guten Leben.

Luke Noa:
Total. Den Song habe ich allerdings in einer Situation geschrieben, als ich sehr starken Liebeskummer hatte. Das war während unseres letzten gemeinsamen Urlaubs im Jahr 2019.

MYP Magazine:
Warum hast Du den Song nicht »Sassofortino« genannt?

Luke Noa:
Weil ich von meinem Schlafzimmer aus immer auf Roccastrada geschaut habe. Der Ort ist auf einem riesigen Felsmassiv errichtet, das sieht vor allem nachts wie ein Gemälde aus. Wenn ich in meinem Liebeskummer nicht schlafen konnte und stundenlang wach lag, hatte ich ständig diesen besonderen Ort vor Augen. Und so habe ich all das, was ich in der Zeit gefühlt, erlebt und gesehen habe, in einem Song verwoben.

»Man muss verstehen, dass man sich auch mit anderen Dingen beschäftigen muss als mit seinen Träumen.«

MYP Magazine:
Im Song »New World« sprichst Du über eine alte Welt, in der Du dich früher versteckt hast und die Du mittlerweile lange hinter Dir gelassen hast. Was genau war in Deinem Leben diese alte Welt? Und wovor hast Du dich versteckt?

Luke Noa:
Das Leben ist auf so vielen Ebenen einfacher, wenn man noch zu Hause wohnt. Man ist ein bisschen naiver und hat viel Platz für seine Träume. Aber wenn man sich dann tatsächlich auf den Weg macht, um diese Träume zu verfolgen, stößt man mindestens einmal, wenn nicht sogar mehrfach an einen Punkt, an dem man realisiert: Das, was man sich erträumt hat, ist gar nicht so nice, glamourös und leicht erreichbar. Man befindet sich in einem enormen Struggle, aus dem heraus man mit viel Nostalgie auf das unbeschwerte Leben von damals zurückschaut.
Das ist übrigens ein Phänomen, dass ich auch bei vielen Freund*innen wahrnehme, die ebenfalls in künstlerischen Berufen arbeiten. Aber wir alle müssen lernen, dass diese neue Ernsthaftigkeit des Alltags ein Teil des Erwachsenwerdens ist, ein ziemlich wichtiger sogar. Man muss Geld verdienen. Man muss lernen, auf sich selbst zu achten. Und man muss verstehen, dass man sich auch mit anderen Dingen beschäftigen muss als mit seinen Träumen. Oder mit seinem aktuellen Crush

»Es ist so unglaublich hart für viele da draußen.«

MYP Magazine:
… oder mit den Entwicklungen auf der Welt.

Luke Noa:
Ja, das steckt für mich genauso in diesem Song. Ich habe das Gefühl, dass sich unsere Welt gerade fundamental ändert und zu einer neuen formt. Daher mag ich auch den Chorus so sehr, in dem ich auf das Thema Geld eingehe – mit einem ironischen »Hey! Man braucht halt ein bisschen Geld, um klarzukommen.«
Es ist so unglaublich hart für viele da draußen und die Schere geht immer weiter auseinander. Entweder man hat Glück und gehört zu denen, die in sehr viel kürzerer Zeit sehr viel mehr Geld machen als noch vor wenigen Jahren – etwa, indem man irgendwelche Produkte auf Social Media anpreist. Oder man steht auf der anderen Seite und versucht, von seiner Kunst zu leben. In der Kunstbranche war es zwar schon immer schwierig zu überleben, zumindest wenn man nicht mega kommerziell unterwegs war. Aber mit Corona wurde es für uns in dieser neuen Welt noch viel schwieriger. Und so habe ich mit »New World« meiner, unserer alten Welt einen Abschiedssong gewidmet.

»Kunst ist nicht Design, sondern ein Drang, etwas auszudrücken.«

MYP Magazine:
Mit Deiner Musik machst Du deinem Publikum – auf der musikalischen wie auf der inhaltlichen Ebene – ein sehr intimes Angebot, indem Du es in Deine Gefühlswelt einlädst. Dafür muss man als Hörer*in wiederum eine gewisse Offenheit mitbringen, um sich darauf einzulassen. Denkst Du beim Songwriting die emotionale Verfasstheit Deines Publikums mit?

Luke Noa:
Nein, ganz im Gegenteil. Ich versuche das aktiv zu umgehen, denn andernfalls würde ich nur den Rahmen der Notwendigkeit verlassen, aus der heraus ich Musik mache.

MYP Magazine:
Ein Kunstwerk ist gut, wenn es aus Notwendigkeit entstand, wie Rilke sagt.

Luke Noa:
Richtig. Wenn man Musik aus einer emotionalen Notwendigkeit heraus schreibt, verliert man keinen Gedanken daran, wie das, was man erschafft, am Ende wahrgenommen wird. Kunst ist nicht Design, sondern ein Drang, etwas auszudrücken.

»Wenn Musik in der Lage ist, sich von der Zeit zu lösen, hat sie auch das Potenzial, Grenzen zu überschreiten.«

MYP Magazine:
Deiner Musik haftet eine gewisse Zeitlosigkeit an. Kann man sich das als junger Künstler in der heutigen, Social-Media-getriebenen Welt überhaupt erlauben?

Luke Noa:
Der Aspekt der Zeitlosigkeit war mir in meiner Musik schon immer wichtig. Ich finde, wenn etwas nicht an eine bestimmte Zeit gebunden ist, gibt ihm das einen höheren Wert. Das soll nicht heißen, dass Musik, die gerade gut in die Zeit passt, wertloser ist – ich finde es ohnehin absurd, Musik zu bewerten. Aber wenn Musik in der Lage ist, sich von der Zeit zu lösen, hat sie auch das Potenzial, Grenzen zu überschreiten – genrebezogene Grenzen, nationale Grenzen, emotionale Grenzen. »Gracie« zum Beispiel, mein Lieblingssong auf dem neuen Album, verkörpert das für mich auf eine ganz besondere Weise.

»Die Bewunderung wird größer und größer und dabei verlässt man sukzessive die Ebene der Realität.«

MYP Magazine:
»Gracie« handelt von einem hartnäckigen Celebrity Crush, den Du mal hattest. Damit bist Du nicht allein: Wir Menschen verknallen uns immer wieder in Leute, die wir nur von Social Media kennen, und schenken unser Herz am Ende digitalen Avataren. Was ist aus Deiner Sicht der Grund dafür?

Luke Noa:
Am Anfang steht immer eine ernsthafte Bewunderung. Man entdeckt im Internet eine Person, ist zutiefst beeindruckt von ihr und ihrer Arbeit und beschäftigt sich immer mehr mit ihr. Die Bewunderung wird größer und größer und dabei verlässt man sukzessive die Ebene der Realität. Irgendwann gerät man in einen Zustand, in dem man die Person von Kopf bis Fuß idealisiert. Man glaubt nicht nur, sie persönlich zu kennen, sondern sie auch emotional zu verstehen. Dabei ist man ihr noch nie begegnet. Völlig absurd. Vor allem, wenn man erleben muss, dass jede Idealisierung in sich zusammenfällt oder zumindest auf ein Normalmaß heruntergebrochen wird, wenn man den betreffenden Menschen mal persönlich kennengelernt hat.

MYP Magazine:
Und »Gracie« ist in Deinem Fall wer?

Die Singer-Songwriterin Gracie Abrams, die unfassbar tolle Musik macht. Ich war erst vor Kurzem hier in Berlin auf einem Konzert von ihr und dachte mir schon wieder: Wow, wie kann ein Mensch nur so krasse Songs schreiben, so grandios singen, so wunderschön aussehen und insgesamt nur so perfekt sein?

»Was sagt dieses Idealbild, das ich von einer anderen Person für mich geschaffen habe, über mich selbst aus?«

MYP Magazine:
Neigst Du allgemein dazu, andere zu auf einen Sockel zu heben?

Luke Noa:
Ja und nein. Ich weiß, dass ich grundsätzlich schon ein bisschen anfällig dafür bin. Aber im Fall Gracie Abrams war es eher ein Ausnahmefall, da hier ganz viele Aspekte zusammenkommen, die ich toll finde.
Übrigens: Dass ich mich in einem Song zu meinem Celebrity Crush bekenne, war für mich etwas vollkommen Neues. Immerhin mache ich mich damit auch ein Stück weit nackt. Aber mir war es wichtig zu zeigen, dass es hier nicht um Gracie Abrams geht, sondern nur um mich – so einen Crush zu haben, hat überhaupt nur mit einem selbst zu tun.
Ich frage mich in dem Song: Was sagt dieses Idealbild, das ich von einer anderen Person für mich geschaffen habe, über mich selbst aus? Und ist es überhaupt gesund, den unbedingten Drang zu verspüren, so perfekt wie mein Crush zu werden – weil ich sonst das Gefühl habe, für die Welt nicht gut genug zu sein? Das in einem Song zu ergründen, war mit das Spannendste, was ich je gemacht habe.

»Bei den Beatles dachte man damals noch, das seien Übermenschen.«

MYP Magazine:
Wie gehst Du selbst damit um, wenn Du von anderen auf ein Podest gestellt wirst, zum Beispiel von Fans?

Luke Noa:
Ich hatte noch nie den konkreten Fall, dass ich damit konfrontiert war oder darauf reagieren musste. Meine Fans sind glücklicherweise sehr, sehr respektvoll, wofür ich überaus dankbar bin. Davon abgesehen habe ich den Eindruck, dass sich vor allem bei jüngeren Generationen dieses Überhöhen anderer immer stärker reduziert. Bei den Beatles dachte man damals noch, das seien Übermenschen. Heute verstehen wir immer besser, dass diese Idealisierung nur in unseren Köpfen stattfindet und ein völlig einseitiges Ding ist.

»Nach diesem Song habe ich keine wirkliche Angst mehr davor, mich in meiner Musik nackt zu machen.«

MYP Magazine:
Du hast eben erwähnt, dass Du dich mit »Gracie« ein Stück weit nackt gemacht hast. Wie stellst Du für dich in Deiner Musik sicher, dass Du dich emotional nicht vollkommen auslieferst, sondern Dir immer einen Rest Privatheit bewahrst?

Luke Noa:
Ich glaube: Ein gewisses Risiko tut gut, auch der Kunst. Als ich »Gracie« geschrieben habe, dachte ich erst, das kann ich nicht machen, das ist zu offenbarend, damit mache ich mich angreifbar. Darüber zu sprechen, hat mich eine enorme Überwindung gekostet, denn so ein Thema ist mit einer gewissen Scham verbunden. Aber gerade das macht es am Ende so authentisch.
Spätestens nach diesem Song habe ich keine wirkliche Angst mehr davor, mich in meiner Musik nackt zu machen. Ganz im Gegenteil: Mittlerweile halte ich das sogar für eine Notwendigkeit. Denn wenn man sich zu sehr versteckt, ist man in seiner Kunst auch nicht mehr authentisch. Aber gerade das ist aus meiner Sicht das Wichtigste an Musik.

»Es ist ein bisschen einfacher, mit seinen Dämonen zu leben, wenn man sie ab und zu in den Arm nimmt.«

MYP Magazine:
Du beschließt Dein Debütalbum mit dem Song »Demons«, der nur aus sechs Zeilen besteht:

I’ve been California dreamin‘ baby
I’ve been riding with the demons baby
and I don’t wanna stand in the rain no more

I’ve been living in a daydream baby
I’ve been hiding with my demons lately
and I don’t really see any other way

Gleich mit der ersten Line schlägst Du eine Brücke in die Vergangenheit, und zwar zu dem berühmten Song von The Mamas and the Papas aus dem Jahr 1965, zu dem Omar Apollo übrigens 2021 ein wunderschön-melancholisches Cover veröffentlicht hat. Der musikalische Klassiker startet mit den Zeilen:

I’d be safe and warm
If I was in L.A.
California dreamin‘
On such a winter’s day

Lassen wir uns kurz beide Songtexte verbinden: Was spendet Dir Wärme und Sicherheit im Leben? Was lässt Dich deine Dämonen loslassen? Und was holt Dich aus dem Regen ins Trockene?

Luke Noa:
Mein privates Umfeld und meine Familie. Ich bin sehr dankbar für all die guten und engen Freundschaften, die es in meinem Leben gibt, und für das gute Verhältnis, das ich zu meinen Brüdern und Eltern habe. Das fängt mich immer wieder auf.
Was mir darüber hinaus hilft, vor allem im Umgang mit den eigenen Dämonen, ist, dass ich gelernt habe, mein Innerstes zu erforschen. Ich möchte verstehen, woher diese Dämonen kommen, und mich ihnen stellen. Das heißt nicht, dass sie dadurch verschwinden. Aber es ist ein bisschen einfacher, mit seinen Dämonen zu leben, wenn man sie ab und zu in den Arm nimmt und zu sich ins Wohnzimmer einlädt. Klar, man will natürlich, dass sie sich schnellstmöglich wieder verabschieden. Aber man kann anders mit ihnen umgehen, wenn man sich vor ihnen nicht hinter einem Schrank verstecken muss, sondern sich mit ihnen an einen Tisch setzt.

»Alles um einen herum ist anders. Nur die Dämonen sind dieselben.«

MYP Magazine:
Und notfalls kann man ja immer noch nach Roccastrada fahren.

Luke Noa:
Richtig. Oder nach Neuseeland. Aber auch da kommt man irgendwann an einen Punkt, an dem man sich fragen muss: Hat man durch den Ortswechsel tatsächlich etwas verändert? Oder ist man nur wieder mal vor etwas geflohen, ohne sich dem wirklich zu stellen? Ich glaube, es ist immer eine gute Entscheidung, sich mit seinen Dämonen auseinanderzusetzen, statt vor ihnen abzuhauen.
Auf meiner letzten EP gibt es einen Song, »Bethells Beach«, in dem ich genau dieses Thema behandle: Ich reise nach Neuseeland und fliege dafür um die halbe Welt. Doch als ich dort ankomme, merke ich, dass sich einige emotionale Themen, die ich eigentlich zu Hause lassen wollte, heimlich in meinen Koffer geschlichen haben.
Aber das Ganze hat auch einen Vorteil: Wenn man so weit weg ist von zu Hause, hat man einen überkrassen Filter. Alles um einen herum ist anders, andere Zeitzone, andere Sprache, andere Natur. Nur die Dämonen sind dieselben. Und plötzlich sieht man sie wie unterm Mikroskop.


Sivilian

Interview — Sivilian

»Es hilft Menschen, wenn man offenbart, dass es einem ähnlich geht«

Der Schweizer Adrian Graf alias Sivilian steht für eingängige, fast hymnische Popsongs, in der auch immer eine gewisse Melancholie mitschwingt. In seiner aktuellen EP »Growing up Hurts« gewährt er zudem einen sehr privaten Einblick in sein Leben, denn er erzählt darin von seinem Aufwachsen als queerer Teenager in den Bergen. Im MYP-Interview erklärt Sivilian, warum ihm als Kind die Worte gefehlt haben, wieso die Mischung aus Britney Spears und Bob Dylan für ihn der ideale Musikstil ist und weshalb ein Coming-out nicht weniger ist als eine klassische Held*innen-Geschichte.

23. September 2025 — Interview & Text: Jonas Meyer, Fotografie: Juliusz Gastev

Eau Claire in Wisconsin, Bognor Regis in West Sussex oder Sebastopol im kalifornischen Sonoma County: Man muss nicht in einer pulsierenden Metropole wohnen, um die Welt mit guter Musik zu beglücken – siehe Justin Vernon, Gründer von Bon Iver, Robert Smith von The Cure oder Tom Waits. Und damit sind die drei bei Weitem nicht alleine.

Bei Adrian Graf alias Sivilian zum Beispiel sieht es ganz ähnlich aus. Für die Arbeit an seiner aktuellen EP »Growing up Hurts« wählte der Schweizer Singer-Songwriter vor drei Jahren ganz bewusst das malerische Goldiwil, ein kleines Dorf im Schweizer Kanton Bern, in dem er auch seine Kindheit und Jugend verbracht hatte. Und das ungefähr so viele Einwohner*innen hat wie Höhenmeter.

Sivilians Musik in irgendeiner Form mit Bon Iver, The Cure oder Tom Waits zu vergleichen, darum soll‘s an dieser Stelle gar nicht gehen. Dennoch fallen mindestens zwei Gemeinsamkeiten auf: Erstens haben sich alle Genannten zumindest temporär für einen Ort entschieden, der ihnen und ihrer Kreativität am besten tut – als Akt der Selbstfürsorge, sozusagen. Und zweitens besticht auch Sivilian durch eine eigene und klar erkennbare musikalische Handschrift. Nicht alle, die ihre Songs von London, Nashville oder Berlin aus schreiben, können das für sich in Anspruch nehmen.

Diese Handschrift zeichnet sich aus durch eine besondere Mischung aus Stimmfarbe und -umfang, eingängigen, fast hymnischen Hooks und der mal mehr und mal weniger stark ausgeprägten Melancholie, die in einem Sivilian-Song in der Regel subtil unter energetischen Poprhythmen liegt.

Und dann gibt es da noch etwas: Adrian ist schwul. Klar, könnte man jetzt boshaft sagen, in der kleinen Schweiz nimmt man als queerer Musiker automatisch eine exponierte Stellung ein, besetzt man doch die Nische in der Nische. Aber das würde dem 33-Jährigen nicht in Ansätzen gerecht. Denn Adrian Graf aka. Sivilian macht sich nicht nur außerhalb seiner Kunst für die Rechte queerer Menschen und ihre Themen stark. Er übersetzt auch die ganz eigenen Erlebnisse und Erfahrungen eines schwulen Teenagers, der in einem 1.100-Seelendorf großgeworden ist, zu gleichsam mutmachenden wie einfühlsamen Songs. »Take your broken heart, make it into art«, würde Carrie Fisher sagen.

Dass das nicht jedem gefällt, durfte Sivilian am Morgen des 1. September erleben. Vor seiner Wohnung in Zürich, wo er seit zwei Jahren wieder lebt, bewarfen Unbekannte seine aus dem Fenster hängende Regenbogenflagge erst mit Eiern, dann entfernten sie sie gewaltsam und hinterließen dabei Brandspuren vor dem Gebäude.

»The kid is algright. F*ckers.«, ließ er die Welt kurz darauf in einem Instagram-Statement wissen, womit er den Titel seiner jüngsten Single aufgriff: ein Song, mit dem er tief in seine Seele blicken lässt und beschreibt, wie man in dunklen Zeiten zu Kraft, Mut und Zuversicht findet.

»Ich war ein Kind, das sich vieles nicht zu sagen getraut hat.«

MYP Magazine:
Adrian, das Cover Deiner aktuellen EP »Growing up Hurts« zeigt Dich in einem T-Rex-Kostüm für Kinder, dem Du deutlich entwachsen bist. Wie kam es zu diesem ungewöhnlichen, etwas melancholisch wirkenden Foto?

Sivilian:
Als Kind habe ich Dinosaurier geliebt! Eigentlich wollte ich dieses Thema im Artwork noch viel stärker aufgreifen. Aber ich hatte die Sorge, keinen einzigen Dino beim Namen nennen zu können, falls ich in Interviews dazu gefragt würde. (lächelt)
Darüber hinaus hatte ich schon als kleiner Junge großen Spaß daran, mich zu verkleiden und in die unterschiedlichsten Kostüme zu schlüpfen – ich glaube, die Faszination dafür teilen generell viele queer kids. Diese beiden Erinnerungen an meine Kindheit wollte ich auf dem EP-Cover vereinen.

MYP Magazine:
In dem gleichnamigen Song singst Du: Growing up hurts when it’s hard to communicate. Was genau meinst Du damit?

Sivilian:
Die Zeile bezieht sich auf etwas, das ich viel zu lange nicht realisiert habe: Ich war ein Kind, das sich vieles nicht zu sagen getraut hat. Für mich war das über Jahre das Grundproblem aller Probleme. Ich wollte so vieles sagen, konnte aber nicht. Ich hatte dafür schlicht und einfach keine Sprache. Aus diesem Grund ist der Song auch sehr kryptisch gehalten. Mir war es wichtig, diese jahrelange Sprachlosigkeit nicht einfach platt zu beschreiben, sondern das Gefühl zu vermitteln, mit dem man in seinem Inneren konfrontiert ist, wenn man eigentlich kommunizieren möchte, aber keine Silbe über die Lippen bringt – oft auch aus Angst.

»Kein Wunder, dass einem da die Worte fehlen.«

MYP Magazine:
Angst wovor?

Sivilian:
Davor, nicht oder nicht richtig verstanden zu werden. Es gab in meinem Leben schon früh erste Anzeichen, dass ich schwul bin. Aber es gab niemanden, der mir das Gefühl geben konnte, dass das okay ist. Es gab auch in der breiten Öffentlichkeit niemanden – oder zumindest habe ich niemanden wahrgenommen –, der offen schwul war. Dabei hätte mir das extrem geholfen. Ich bin in einem christlich-konservativen Schweizer Dorf aufgewachsen, dort war das Thema mehr oder weniger tabu. Zwar nicht unbedingt zu Hause bei meinen Eltern, aber auf jeden Fall in meinem weiteren Umfeld, etwa in der Schule oder im Dorf.

MYP Magazine:
Wie hat sich das geäußert?

Sivilian:
Mein Gitarrist zum Beispiel, der auch aus diesem Dorf kommt, ist bei einem lesbischen Paar aufgewachsen. Unser erzkatholischer Lehrer hat mit der gesamten Klasse dafür gebetet, dass der Junge nicht in die Hölle kommt. Und nicht nur das: Er wurde gemobbt, seine Mütze wurde abgefackelt und am Ende musste er die Schule wechseln. So viel zu dem Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin. Kein Wunder, dass einem da die Worte fehlen.

»Wir haben uns aus unserem kleinen Kaff heraus ganze Welten gebaut.«

MYP Magazine:
Hat Deine Sprachlosigkeit als Kind Dich zur Musik gebracht?

Sivilian: (lächelt)
Nein, dass war eher die Langweile. Der Ort, an dem ich aufgewachsen bin, ist so klein, dass man da nicht viel unternehmen kann. Man hat kaum Optionen, vor allem nicht als Kind. Daher habe ich sehr früh begonnen, mit meinen zwei besten Freunden kleine Filme zu drehen, Theater zu spielen, Musik zu machen oder – ganz allgemein gesagt – Geschichten zu erzählen. Wir haben uns aus unserem kleinen Kaff heraus ganze Welten gebaut. Lustigerweise ist der eine am Ende Regisseur geworden und der andere arbeitet als Illustrator.

»Ich habe mir ständig eingeredet: Es ist nur für ein Jahr, dann ziehst du weiter.«

MYP Magazine:
Zu der aktuellen EP, die im März erschienen ist, hast Du auch eine kleine Video-Doku veröffentlicht. Darin berichtest Du von einem kritischen Moment in Deinem Leben, als Du dich entscheiden musstest, das Jobangebot einer Berliner Werbeagentur anzunehmen oder wieder bei Deinen Eltern in Goldiwil einzuziehen. Du hast Dich am Ende für das Schweizer Alpendorf und gegen Berlin entschieden. Bereust Du deine Wahl?

Sivilian:
Nein, ganz und gar nicht. Rückblickend war meine Wahl die absolut richtige, denn sie war eine klare Entscheidung für die Musik.

MYP Magazine:
Warum nur rückblickend?

Sivilian:
Mit Ende 20 zurück ins Elternhaus zu ziehen, hat sich im ersten Moment wie Scheitern angefühlt. Außerdem dachte ich auch eine ganze Weile, ich müsse mich dafür verteidigen – dabei war es für die Leute überhaupt kein Thema, dass ich wieder bei den Eltern wohne, um mich dort meiner Musik zu widmen. Dennoch habe ich mir vor allem in den ersten Wochen und Monaten ständig eingeredet: Es ist nur für ein Jahr, um an der EP zu arbeiten, dann ziehst du weiter.
Heute bereue ich es ein bisschen, meine Wahl nicht mit mehr Stolz getragen zu haben. Ich hätte meine Zeit von Anfang an viel mehr genießen und nutzen können, vor allem in Bezug auf meine Kreativität. Davon abgesehen ist das eine unglaublich schöne Gegend und ich bin froh, hier aufgewachsen zu sein, trotz der Enge und der vielen Widrigkeiten.

»Da war einfach eine riesengroße Angst in mir.«

MYP Magazine:
Nach Deinem Umzug hast Du in Deinem ehemaligen Kinderzimmer ein altes Tagebuch gefunden. Wie war es für Dein erwachsenes Ich, darin Deinem jugendlichen Ich zu begegnen?

Sivilian: (lacht)
Das war cringe! Auch, weil ich feststellen musste, dass ich damals selbst in meinem Tagebuch nicht ehrlich und aufrichtig sein konnte. Ich habe darin eigentlich nur performt. Soll heißen: Statt einfach für mich persönlich wahre Gedanken und Gefühle niederzuschreiben, habe ich sie aufwändig verpackt und verschlüsselt – aus Angst, jemand könnte das Buch finden und mich erkennen.
In meiner Erinnerung war mein Coming-out-Prozess auch lange etwas, das mehr oder weniger okay war für alle Beteiligten. Aber in den letzten Jahren habe ich – auch durch den Tagebuch-Fund – realisiert, dass ich diese Zeit romantisiert habe. Tatsächlich ging es mir als Teenager nicht gut. Da war einfach eine riesengroße Angst in mir. Und die Musik gibt mir heute die Möglichkeit, das für mich ein bisschen aufzuarbeiten.

»Menschen wie wir nehmen die erste Liebe immer als etwas Problematisches wahr.«

MYP Magazine:
Die Videodokumentation zu »Growing up Hurts« startet damit, wie Du erzählst, zum ersten Mal als »Schwuchtel« beleidigt worden zu sein. Didier Eribon schreibt in »Rückkehr nach Reims«:

Als ich dreizehn oder vierzehn war, freundete ich mich mit einem Jungen aus meiner Klasse an […]. Es ist nicht übertrieben, meinen damaligen Zustand als Verliebtheit zu bezeichnen. Ich liebte diesen Jungen, wie man in diesem Alter eben liebt. Doch weil wir beide männlich waren, konnte ich ihm gegenüber natürlich unmöglich meine Zuneigung ausdrücken. (Eine der traumatischsten Erfahrungen für heranwachsende, aber auch erwachsene Homosexuelle: dem anderen nicht sagen können, was man für ihn empfindet. Auch deshalb sind Begegnungsorte, sobald man von ihnen weiß und alt genug ist, um dorthin zu gehen, so wichtig. Dort ist von vornherein klar, dass die Regeln des Selbstverständlichen außer Kraft gesetzt sind.) Ich habe geschrieben, es sei mir unmöglich gewesen, »ihm gegenüber meine Zuneigung auszudrücken«. Das ist wahr. Unmöglich war es aber auch, sie für mich selbst zu formulieren.

Würdest Du sagen, dass Du auf ähnliche Weise traumatisiert bist?

Sivilian:
Ich mag diese Passage sehr. Didier Eribon ist 1953 geboren, ich 1992. Aber das, was er da erzählt, ist fast eins zu eins auch meine Geschichte. Und ich befürchte, dass sich queere Teenager von heute in dem Text genauso wiederfinden wie ich. Das ist doch tragisch. Menschen wie wir nehmen die erste Liebe immer als etwas Problematisches wahr. Man merkt, man ist anders und kann seine Liebe oft weder aussprechen noch ausleben. So bleibt sie in den allermeisten Fällen im Geheimen, während heterosexuelle Jungs ganz offen ihre Schwärmereien für Mädchen teilen dürfen.
Aus diesem Gefühl heraus habe ich auch meinen Song »Boy« geschrieben. Er ist ein Liebeslied an einen Jungen, der meine erste Liebe war – eine Liebe, die nicht erwidert wurde und der ich einen guten Liebessong schenken wollte.

»Ich möchte meinem früheren Ich sagen: You’re doing good.«

MYP Magazine:
In welcher Musik hast Du als Kind und Jugendlicher Trost gefunden?

Sivilian: (grinst)
It’s Britney, bitch! Ich habe in jungen Jahren wirklich sehr viel Popmusik gehört. Gleichzeitig war ich aber auch sehr beeinflusst von dem Musikgeschmack meiner Eltern, die zum Beispiel Bands wie Abba, Queen und Creedence Clearwater Revival mochten. Und zur Musik von Bob Dylan habe ich Gitarre spielen gelernt. All das zusammen war der Soundtrack meiner Kindheit.

MYP Magazine:
Diesen Soundtrack hast Du nachträglich erweitert, denn mit Deiner »Growing up Hurts«-EP wendest Du dich direkt an Dein früheres Ich. Welche Botschaft möchtest Du damit in die Vergangenheit schicken?

Sivilian:
Ich möchte meinem früheren Ich sagen: You’re doing good. Alles, was du tust, dient deiner Fantasie. Zweifel nicht an dir, sondern mach einfach weiter – auch wenn dir andere sagen, du solltest deine Zeit besser in Mathe investieren.

»Ich wurde musikalisch zwischen Britney Spears und Bob Dylan sozialisiert.«

MYP Magazine:
Worin hast Du deine Zeit damals lieber investiert?

Sivilian:
Ich fand es toll, mich zu verkleiden und eine Show zu machen, so im »Mini Playback Show«-Stil. Das war damals echt groß für mich. Und irgendwann habe ich begonnen, Geschichten zu erzählen. Ich habe endlose Stunden damit verbracht, Texte zu schreiben und darin ganze Länder zu zeichnen und Welten zu bauen. Eine Zeit lang wollte ich sogar mal Autor werden. Ich habe davon geträumt, Bücher zu veröffentlichen. Aber ich habe schnell gemerkt, dass ich nicht das Sitzfleisch habe, um Hunderte von Seiten zu schreiben. Mir gelingt es eher, kurze Geschichten zu skizzieren, in nur wenigen Sätzen. Darauf habe ich mich am Ende fokussiert: Ich schreibe heute viele kleine Geschichten und mache, dass sie gut klingen.

MYP Magazine:
Wann in Deinem Leben gab es eine erste Idee von der musikalischen Handschrift, mit der Du diese Geschichten zum Klingen bringst? Wie ist der spezifische Sivilian-Sound entstanden?

Sivilian: (lacht)
Ich selbst höre diesen sogenannten Sivilian-Sound nicht. Wenn ich ins Studio gehe, habe ich immer ein paar Referenzsongs im Kopf, die grob umreißen, in welche Richtung ich mich bewegen möchte. Wie gesagt, ich wurde musikalisch zwischen Britney Spears und Bob Dylan sozialisiert. Das sind auch in meiner eigenen Musik die Welten, die ich versuche zu verbinden. Wahrscheinlich ist es das: Britney Dylan. Sivilian ist das Streben nach Britney Dylan.

MYP Magazine:
Interessante Kombination.

Sivilian:
Ja, finde ich auch. Aber ich habe das Gefühl, dass, ich lange noch nicht fertig bin, diesen Stil zu schärfen und zu finden. Das ist ein Prozess. Bevor ich Sivilian als Soloprojekt gegründet habe, war ich zehn Jahre lang Teil einer Folk-Pop-Band. Und bei meinem ersten Mal allein im Studio war klar: Ich will nicht klingen wie diese Band. Also habe ich mich stärker in die Poprichtung bewegt.

»Mach doch mal andere Musik als diesen melancholischen Folk-Pop.«

MYP Magazine:
Wie ist überhaupt der Name Sivilian entstanden?

Sivilian:
Meine Schwester heißt Silvia, ich heiße Adrian und Sivilian ist eine etwas freiere Kombination aus beiden Namen. Meine Schwester war die Person, die mich ermutigt hat, ein Soloprojekt zu starten. Sie sagte: »Mach doch mal andere Musik als diesen melancholischen Folk-Pop. Ich will zu Deiner Musik ein bisschen tanzen können.« Und so ist zu ihren Ehren der Name entstanden…

MYP Magazine:
… der sich anhört wie das englische civilian, Zivilist.

Sivilian:
Ja, das war natürlich noch ein Bonus on top.

»Ich habe das Gefühl, immer sicherer zu werden mit dem, wo ich musikalisch hinwill.«

MYP Magazine:
Seit Veröffentlichung Deines ersten Songs »Invisible to Automatic Doors« im Jahr 2020 hat man den Eindruck, dass Deine Musik sukzessive bestimmter, resoluter und präsenter geworden ist. Bemerkst Du eine ähnliche Entwicklung?

Sivilian:
Ich würde es anders ausdrücken: Ich habe das Gefühl, immer sicherer zu werden mit dem, wo ich musikalisch hinwill. Das merke ich auch im Studio. Ich arbeite zunehmend mit anderen Leuten zusammen, mit denen ich in sogenannten Sessions innerhalb eines Tages einen kompletten Song schreibe. Durch das ständige Pingpong-Spiel zwischen uns schärft sich das Bild, das wir alle von dem Song haben viel schneller. Ich mag diese Arbeitsweise total – erstens, weil es sehr viel Spaß macht. Und zweitens, weil ich merke, dass ich dadurch ein besseres Gefühl dafür entwickle, was für meine Musik gut ist und was nicht.

MYP Magazine:
Du hast in Deinem Leben bisher eine dreifache Emanzipation durchlaufen. Du bist erwachsen geworden, hast Dich mit Deiner Sexualität sichtbar gemacht und zu Deiner ganz eigenen Musik gefunden. Auf welchen dieser Aspekte bist du am meisten stolz?

Sivilian:
Auf die Musik! Ich habe damit für mich eine ideale Möglichkeit gefunden, mich auszudrücken und Geschichten zu erzählen. Und das sind nicht nur queere Geschichten. Mit »Versailles« zum Beispiel erscheint diesen Winter ein Song, in dem es um die Züricher Wohnungskrise geht. Mir ist es wichtig, auch solche Themen zu bearbeiten.

»Ich habe zum ersten Mal realisiert, wie verletzlich ich mich mit meiner Musik mache.«

MYP Magazine:
Trotzdem hast Du letztes Jahr mit »Chlorine« zum ersten Mal Deine eigene Queerness hör- und sichtbar gemacht. Welche Bedeutung hatte die Veröffentlichung des Songs und des dazugehörigen Videos für Dich?

Sivilian:
Ich werde oft gefragt, ob das eine bewusste Entscheidung gewesen sei. Aber ich mache mir über so etwas im Vorfeld nie Gedanken. Ganz im Gegenteil. Mir geht es immer nur darum, eigene Erfahrungen und Gefühle in einem Song zu verpacken.
Im Fall von »Chlorine« war es so, dass ich darüber in einem Interview mit einer großen Schweizer Zeitung gesprochen hatte. Dabei ging es auch um die queere Thematik des Songs. Ich erinnere mich noch, wie ich kurze Zeit später in der Tram unterwegs war und vor mir eine alte Dame saß, die eine Zeitung in der Hand hatte. Als sie umblätterte, sprang mir ein riesiges Foto von mir entgegen – versehen mit dem Zitat: »Die queeren Vorbilder fehlten«.
In dem Moment habe ich zum ersten Mal realisiert, wie verletzlich ich mich mit meiner Musik mache, wenn ich darin von meinem eigenen Leben erzähle – mit allem, was dazugehört. Aber gleichzeitig habe ich auch gespürt, dass ich dadurch zu einer neuen Kraft gefunden habe: einer Kraft, die mich anspornt, das Ganze in einem meiner nächsten Songs vielleicht noch ein bisschen auf die Spitze zu treiben. (lächelt)

»Wenn das Poolwasser nach Chlor schmeckt, haben wahrscheinlich schon einige Leute reingepinkelt.«

MYP Magazine:
Das Musikvideo zu »Chlorine« spielt um und in einem Swimmig Pool. Dieses Pool-Thema scheint eine besondere Anziehungskraft zu haben, man findet es auch bei vielen anderen queeren Künstler*innen, etwa bei Ryan Beatty, Omar Apollo oder Troye Sivan. Wofür genau steht dieses Setting eines sommerlichen Swimming Pools für Dich?

Sivilian:
Für heiße Leute.

MYP Magazine:
Punkt.

Sivilian: (lächelt)
Genau, Punkt. Es gibt einen tollen Videoclip von Kylie Minogue zu ihrem Song »Slow«, der an einem Pool in Barcelona gedreht wurde. Dieses Video war eine große Inspiration für mich. Den Song selbst gibt‘s schon seit einer halben Ewigkeit, an einem ersten Entwurf habe ich schon mit Anfang 20 geschrieben. Im Laufe der Zeit hat sich die Idee immer weiterentwickelt. Irgendwann ist mir aufgefallen, dass man das Chlor im Wasser eines Pools eigentlich erst wahrnehmen kann, wenn es gegen die Verschmutzung arbeitet. Oder anders gesagt: Wenn das Poolwasser nach Chlor schmeckt, haben wahrscheinlich schon einige Leute reingepinkelt. Das gibt dem Ganzen irgendwie eine lustige Note.

»Ich bin froh, dass ich mein öffentliches Coming-out erst hatte, als ich schon etwas älter war.«

MYP Magazine:
Letztes Jahr haben wir den Schauspieler und Musiker Daniel Donskoy interviewt, der auch Gastgeber des ARD-Formats »Freitagnacht Jews« war. Er erzählte uns: »Vor ›Freitagnacht Jews‹ war ich nur der Schauspieler und Musiker Daniel Donskoy. Nach ›Freitagnacht Jews‹ war ich der jüdische Schauspieler und Musiker Daniel Donskoy – und zwar nur noch der jüdische.« Bist Du seit »Chlorine« der schwule Musiker Sivilian – und zwar nur noch der schwule?

Sivilian:
Ich bin schwul, das gehört zu mir. Ich sage das so klar, weil es mir darum geht, das Vokabular zurückzugewinnen, für mich und für uns. Immerhin gehört das Wort bei Jugendlichen immer noch zu den beliebtesten Beleidigungen. Und das ist für mich nicht akzeptabel. Ich weiß, dass ich da gegen Windmühlen kämpfe, aber wenn ich das Wort nur im Ansatz zurückgewinnen will, geht das nicht, ohne dass ich mein eigenes Schwulsein offen lebe.
Ich bin vor Kurzem in die »Kaulitz & Kaulitz«-Doku eingestiegen. Auch wenn ich den Hype um Tokio Hotel damals miterlebt habe, mit all den Kontroversen, ist es heute im Rückblick heftig zu sehen, wieviel Hass Bill damals abbekommen hat – und wie gut er darin war und ist, diesen Hass von sich abprallen zu lassen. Ich bezweifle, dass mir das persönlich gelingen würde. Zwar bin ich jetzt auch schon eine ganze Weile im Musikgeschäft, aber ich bin froh, dass ich mein öffentliches Coming-out erst hatte, als ich schon etwas älter war. Mit 17 hätte ich das wahrscheinlich noch nicht durchgestanden.

»Wir alle haben mit unserem Coming-out eine klassische Held*innen-Geschichte geschaffen.«

MYP Magazine:
Das heißt, wenn Du die Zeit zurückdrehen könntest, würdest Du dich einer Zeitung wieder so offenbaren?

Sivilian:
Ja, natürlich. Auch weil ich finde, dass es eine echt gute Geschichte ist. Wir alle haben mit unserem Coming-out eine klassische Held*innen-Geschichte geschaffen, denn wir haben diese Reise überlebt.
Ob ich diesen Stempel jetzt habe oder nicht, ist mir ehrlich gesagt egal. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass mich das von irgendetwas ausschließt, etwa was Festivals oder generell die Musikindustrie angeht. Und wenn, würde ich dort auch nicht auftreten wollen. Davon abgesehen gibt es in der Schweiz eh nicht so viele queere Musiker*innen. Von daher: the more the merrier.

»Ich musste viel kämpfen, mit mir selbst und meinem Sein.«

MYP Magazine:
Wir haben eben kurz über queere Musikerkollegen wie Ryan Beatty, Omar Apollo oder Troye Sivan gesprochen. Diese sind für unzählige queere Teenager auf der Welt riesige Vorbilder. Bist Du mittlerweile selbst ein sogenanntes role model?

Sivilian:
Ja, es gibt Leute, für die ich das bin. Zumindest entnehme ich das den Nachrichten, die sie mir schicken – etwa auf Instagram, wo ich manchmal Geschichten erfahre, die so heftig sind, dass ich erst mal lernen muss, wie man damit umgeht. Oder wie man jemanden zurückschreibt, der mehrere Suizidversuche hinter sich hat. Sich in so einem Trauma-Dumping wiederzufinden, war gerade am Anfang nicht leicht für mich und fordert mich immer noch heraus (Hinw. d. Red.: Trauma-Dumping ist das Teilen zu vieler traumatischer oder belastender Informationen mit anderen, ohne Rücksicht auf die Auswirkungen auf den Zuhörer).
Gleichzeitig freut es mich riesig zu sehen, dass es Menschen hilft, wenn man von sich erzählt und offenbart, dass es einem ähnlich geht oder ergangen ist. Das ist übrigens auch ein bisschen die Prämisse meines neuesten Songs, »The Kid Is Alright«. Darin unterstreiche ich diesen »Es wird besser«-Satz, der einem als Teenager oftmals zugeworfen wird. Ich möchte jungen Menschen Hoffnung machen, indem ich ihnen sage: Ich musste viel kämpfen, mit mir selbst und meinem Sein. Aber ich habe das irgendwie hingekriegt. Und du wirst das auch schaffen.

»Das, was in den USA abgeht, scheint mittlerweile auch in der Schweiz populär zu werden.«

MYP Magazine:
Apropos »Es wird besser«: Wir erleben in Deutschland gerade einen rapiden Anstieg von queerfeindlicher Gewalt. Wie ist Situation in der Schweiz?

Sivilian:
Auch bei uns ist die Situation zunehmend beängstigend. Beispielsweise wird in Zürich gerade heiß diskutiert – angestoßen natürlich von der SVP –, ob trans Jugendliche geschlechtsangleichenden Operationen erhalten dürfen oder nicht. Das, was in den USA abgeht, scheint also mittlerweile auch in der Schweiz populär zu werden. Dennoch habe ich die Hoffnung, dass wir den Trumpismus als mahnendes Beispiel sehen und daraus lernen. Es gibt in der Schweiz tolle Menschen, auch in der Politik, die sich Gedanken machen, wie sie junge Leute erreichen und deren Probleme erfassen können. Mittlerweile scheinen sie verstanden zu haben, dass man Social Media nicht den Rechten überlassen darf. Diese Bewegung möchte ich unterstützen.

»Mindestens 700 Leute glauben, dass ich mir auf OnlyFans ein bisschen was dazuverdiene.«

MYP Magazine:
Du dagegen scheinst genau zu wissen, wie Du die sozialen Medien für Dich nutzen kannst. So hast Du zum Beispiel mal über einen fingierten OnlyFans-Link in einer Instagram-Story die Leute zu Deinem neuen Song »Chlorine« gelockt.

Sivilian:
Ja, aber von etwa tausend Menschen, die diese Story gesehen haben, haben nur 300 auf den Link geklickt und erfahren, wohin er wirklich führt. Das heißt: Mindestens 700 Leute glauben seitdem, dass ich mir auf OnlyFans ein bisschen was dazuverdiene.

MYP Magazine:
Verkauft sich Sex in der Musik immer noch am besten?

Sivilian:
Leider ja. Als ich auf Instagram zum allerersten Mal auf den Song hingewiesen habe, ohne die OnlyFans-Falle, haben 30 Leute auf den Link geklickt. Aber als ich den falschen Link eingebaut habe, waren es wie erwähnt 300. Sex macht also einen Unterschied.

»Ich bereue nichts. Höchstens vielleicht, dass ich nicht in Bitcoins investiert habe.«

MYP Magazine:
Auf der Kontaktseite Deiner Homepage hast Du die Leute bis vor Kurzem aufgefordert, Dir Liebesbriefe und Nacktbilder zu schicken. Was waren die bemerkenswertesten Einsendungen?

Sivilian:
Leider ist diesem Aufruf tatsächlich noch niemand gefolgt. Wahrscheinlich, weil heutzutage keiner mehr eine Website besucht.

MYP Magazine:
Vielleicht sind Websites nur etwas für Ältere.

Sivilian:
Vielleicht.

MYP Magazine:
Du setzt Dich in Deinen Texten sehr stark mit dem Älterwerden und sogar mit der Endlichkeit menschlichen Lebens auseinander. Wenn Du heute, mit 33, auf Dein bisheriges Leben zurückblickst: Gibt es etwas, das Du bereust oder anders machen könntest, wenn Du die Chance hättest?

Sivilian:
Ich würde früher ein Soloprojekt starten – obwohl, vielleicht auch nicht. Wer weiß, welche Musik ich dann gemacht hätte und ob ich damit überhaupt glücklich geworden wäre. Soll heißen: Ich bereue nichts. Höchstens vielleicht, dass ich nicht in Bitcoins investiert habe. Aber da ich sowieso in nichts investiere außer in meine Musik, ist das auch ziemlich egal.