Cuco

Portrait — Cuco

»Meine Generation macht verletzlichere Kunst«

Seine Songs werden millionenfach gestreamt, er selbst bleibt aber ein verträumtes Mysterium: Wir haben den kalifornischen Singer-Songwriter und Produzenten Cuco zum Minigolf getroffen und dabei ein bisschen über seine Musik und das Leben geplaudert. Ein Gespräch über elterliche Sorgen, die Vorzüge des Alleinseins und das seltsame Gefühl, nicht viel zu sagen zu haben.

1. August 2022 — Text: Katharina Viktoria Weiß, Fotografie: Frederike van der Straeten

Er ist ein Sprachrohr seiner Generation, das offensichtlich nicht gerne spricht: Der Singer-Songwriter und Producer Cuco, der mit bürgerlichem Namen Omar Banos heißt und momentan vor allem bei den US-Teens äußerst beliebt ist, verleiht dem Begriff Schlafzimmer-Produzent eine ganz neue Bedeutung – denn der Sound des 24-Jährigen wirkt verspielt bis verträumt, seine verästelten Lyrics gleichen LSD-Trips oder zumindest ausgedehnten Gedanken-Spaziergängen. Und auch Cuco selbst macht eher einen besinnlichen, vielleicht sogar bedröppelten Eindruck. Das jedenfalls könnte man meinen, wenn man das eine oder andere Interview mit ihm gesehen hat – etwa das, wo er auf dem diesjährigen Coachella-Festival von einem menschlichen Gecko befragt wurde.

Doch der Eindruck täuscht. Cuco wirkt überaus wach und ist zudem höflich, entspannt und reflektiert. So jedenfalls nehmen wir den jungen Mann war, als wir ihn im Juli zum Minigolf im Berliner Volkspark Hasenheide treffen. Einen Sinn fürs Optische scheint er auch zu haben: Passend zu seinem senffarbenen 90er-Jahre-Outfit hat er sich gleich einen gelben Golfball geschnappt, mit dem er seine Partie spielen wird.

»Meine Eltern hatten Angst, dass ich niemals Geld verdienen würde.«

Dass der Selfmade-Musiker ein Star mit über einer Million Follower:innen auf Instagram ist, merkt man ihm auf sympathischste Weise gar nicht an (Memo an uns und den Rest der Welt: Vielleicht ist das sowieso auch völlig egal). Was man dagegen deutlich merkt: Cuco wirkt eigentümlich alterslos und vielleicht ein bisschen müde. Wer kann es ihm verübeln: Gestern noch Konzert in Atlanta, heute Promo-Tag in Berlin, morgen geht es weiter nach London.

Ein wilder Ritt für den Sohn mexikanischer Einwanderer, der im Städtchen Hawthorne im Süden von Los Angeles aufgewachsen ist. „Für meine Eltern war es schwer vorstellbar, dass das einzige Kind ausgerechnet Musiker werden will. Gerade in meiner Sparte gibt es kaum mexikanische Künstler. Sie hatten Angst, dass ich damit niemals Geld verdienen würde.“ Doch als Cuco seine Eltern zu seiner ersten ausverkauften Show einlud, änderten sie ihre Meinung – auch wenn die damalige Publikumsgröße mit 350 Personen aus heutiger Sicht eher überschaubar war.

Auch wenn der Kalifornier heute seiner Kleinstadt voll und ganz entwachsen ist und gefühlt die ganze Welt bespielt, ist er seinen spanischsprachigen Wurzeln immer treu geblieben: Cuco, der übrigens Trompete, Gitarre, Keyboard, Schlagzeug, Bassgitarre, Mellophon und Waldhorn spielt, schreibt seine Songtexte mal auf Englisch, mal auf Spanisch – je nachdem, „was sich gerade besser anfühlt und zur Vision der Melodie passt.“

»Manchmal fahre ich acht Stunden durchs Land, nur um am Ende allein in einem Airbnb zu sitzen.«

Mit dem Musizieren fing Cuco an, als er etwa acht war, auf der High School spielte er sowohl in der Schulkapelle sowie in einer Jazz-Combo. Nach dem Schulabschluss machte er auf Youtube mit dem Slide-Guitar-Cover des Songs „Sleep Walk“ von Santo & Johnny auf sich aufmerksam und veröffentlichte erste selbst produzierte Songs auf Soundcloud und Bandcamp. Dort veröffentlichte er im Januar 2015 auch seine erste EP mit dem Titel „Heavy Trip“. In dieser Zeit gab er sich auch den Namen Cuco – so hatte ihn seine Mutter als Kind immer genannt.

Nach dem Release zweier Mixtapes in den Jahren 2016 und 2017 fing der junge Mann an, seine Musik auch vor Publikum zu spielen, und trat in diversen Clubs in Kalifornien auf. 2017 erschien auch seine Single „Lo Que Siento“, die Stand heute knapp 235 Millionen Streams auf Spotify zählt – und die einem schon nach den ersten Sekunden mit ihrer träumerischen Melancholie und südkalifornischen Gelassenheit sehr nah ans Herz rückt. Zwei Jahre später warf er sein erstes Studioalbum auf den Markt: In „Para Mi“ ließ er Body-Nova-Elemente mit psychedelischem Indie-Pop verschmelzen. Dann kam die Pandemie.

Wie für die meisten anderen Menschen auf diesem Planeten war diese Zeit auch für Cuco herausfordernd, zumindest für den Künstler-Part seiner Person. Privat jedoch scheint für Omar Banos die Isolation zu den bevorzugten Aggregatzuständen zu gehören. „Ich bin keiner, der viele verrückte Sachen macht. Wenn ich zuhause bin, schaue ich einfach nur TV“, sagt er und schlägt mit seinem Minigolfschläger den gelben Ball in das Loch mit der Nummer 13. Ganz ohne Pathos und mit etwas Scham ergänzt er: „Ich mache Dinge gerne allein. Ich lebe allein mit meinem Hund, gehe allein klettern, joggen und skaten, gehe allein zum Strand, ins Kino oder essen. Manchmal mache ich sogar Roadtrips allein und fahre acht Stunden durchs Land, nur um am Ende allein in einem Airbnb zu sitzen.“

»Brauche ich das Alleinsein mehr als andere Menschen?«

Etwas hilfesuchend blickt er zu seinem Manager und guten Freund Verne. Der ist gerade sehr mit Ball und Schläger beschäftigt, denn er spielt zum allerersten Mal in seinem Leben Minigolf. „Brauche ich das Alleinsein mehr als andere Menschen?“, fragt Cuco seinen Begleiter und gibt damit an ihn die Frage der Interviewerin weiter. „Ich denke, du bist einfach besser im Alleinsein“, antwortet Verne, während er seinen Ball im Gras sucht. „Dort hast du Ruhe und Frieden, das trägt dich auch mental von der Musikbranche weg. Ich glaube, das ist wichtig für die geistige Gesundheit.“

Für jemanden, der Routinen schätzt, ist so ein Leben, wie Cuco es gerade führt, ziemlich anstrengend. Jeder Tag ist anders, der Druck des Rampenlichts, ständig neue Gesichter, Pressearbeit und wenig Schlaf. „Es ist hart. Aber ich bin sehr dankbar, dass ich an diesem Punkt bin. Nicht viele Musiker dürfen das erleben. Ich versuche durchzuhalten und mein Bestes zu geben.“ Dieser Vibe verkörpert das Gefühl, in unsicheren Zeiten irgendwie in der Luft zu hängen und gleichzeitig einen ungetrübten Schaffenswillen zu verspüren. Das scheint zu verfangen, nicht bei der Fangemeinde.

»Wir haben einfach beschlossen, das gemeinsam durchzustehen, anstatt einsam zu leiden.«

Cuco, dessen Musik auf die erste Note eher nach Feel-Good-Melange als nach innerer Zerrissenheit klingt, hat viele Kämpfe mit seiner Psyche auszutragen: Nachdem er ein wenig aufgetaut ist, erzählt er von „starker anxiety“, die ihn ebenso plagt wie „schlimme Depressionen“. Ein Tabubruch ist die Thematisierung dieser persönlichen Probleme für Künstler aus seiner Generation nicht mehr: „Wir sprechen alle offen darüber. Warum? Ich denke, wir haben einfach beschlossen, das gemeinsam durchzustehen, anstatt einsam zu leiden. Das Resultat ist, dass viele Menschen nun verletzlichere Kunst machen – und dafür auch akzeptiert oder sogar wertgeschätzt werden.“

Mit seinem aktuellen Album „Fantasy Gateway“, das am 22. Juli erschienen ist, hat Cuco einen ganz eigenen Weg gewählt, um sich der Welt mitzuteilen. „Darin kreiere ich ein Universum, das in einer anderen Dimension existiert“, beschreibt er seinen verschachtelten Gedankenpalast. Die neuen Songs sind experimentell und eingängig zugleich. „Er hat sich aus der Deckung hervorgewagt und neue Stilmittel getestet“, kommentiert Verne, der seine College-Karriere abgebrochen hat, um mit Cuco um die Welt zu reisen. Es wirkt ehrlich, wenn der Freund und Manager sagt: „Ich finde, es ist ein Meisterwerk.“ Um Cuco alias Omar Bano besser zu verstehen, lernt er gerade Spanisch. Dabei bedienen sich neue Songs wie „Artificial Intelligence“ oder „Sweet Associations“ einer Sprache, die das Verbale übersteigt.

»Ich habe das Gefühl, nicht viel zu sagen zu haben.«

Es verwundert kaum, dass Cuco kurz vor Ende des letzten Loches nachdenklich auf seinen Schläger blickt. Eine Minute hat er nun über eine Frage nachgedacht, bis er sagt: „Ich habe das Gefühl, nicht viel zu sagen zu haben.“ Dabei trifft er mit dieser Selbstannahme nicht unbedingt ins Schwarze. Er sagt sehr viel in seiner Musik – textlich, instrumental und kompositorisch. Doch ohne es zu beabsichtigen, behält er sich vor, ein Geheimnis zu bleiben.

Am Ende der Minigolf-Partie steht die Frage im Raum, was man von diesem Spiel über das Leben lernen kann. Schüchtern schmunzelnd zieht Cuco an seiner Zigarette und sagt: „Manchmal hat man Glück – und manchmal nicht.“


Elisa Valerie

Interview — Elisa Valerie

»Ich habe ein großes Problem mit Kontrollverlust«

Elisa Valerie kam nach Berlin, um die Popwelt zu erobern. Doch während der Corona-Pandemie eroberte die Singer-Songwriterin erst mal Social Media: Als digitale Entertainerin mit feministischem Unterton folgen über 100.000 TikTok-Follower:innen ihren Postings über misslungene Tinder-Romanzen und mentale Gesundheit. Ein Gespräch über konservative Männer, gestörte Körperbilder und ihre bald erscheinende Debüt-EP mit dem Titel »Spaß und Probleme«.

20. Juli 2022 — Interview: Katharina Viktoria Weiß, Fotografie: Frederike van der Straeten

Das Licht ist abgedunkelt. Ein paar Kerzen brennen, ein Sektglas steht herum. Eine Blondine räkelt sich auf dem Laken – und singt über eine sich anbahnende, erotische Begegnung. Auf den ersten Blick wirkt das etwas austauschbar, das Denglisch in manchen Textteilen etwas zu gewollt. Doch wer aufmerksam hinhört, merkt: Irgendwie ist da doch mehr.

In erfrischend frechen Lyrics, die auch mal darauf verweisen, dass der eigene Therapeut nichts von den nächtlichen Abenteuern erfahren wird, thematisiert „Baby“ selbstbestimmten Sex. Die Künstlerin Elisa Valerie hat Spaß damit, eine weibliche Perspektive zu präsentieren, die selbstbewusst und aufgeklärt ist. Besonders wichtig ist dabei auch der Humor der 25-Jährigen, der ihr auf TikTok über 100.000 Follower:innen beschert hat.

Elisa Valerie ist Sängerin und Songwriterin, aber auch Tänzerin, Online-Persönlichkeit und digitale Entertainerin. Oder allgemeiner gesagt: immer das, wonach ihr gerade ist. Seit drei Jahren wohnt sie in Berlin, in ihren Songs geht es oft um modernes Dating und mentale Gesundheit. Passend dazu trägt ihre Debüt-EP, die am 19. August erscheint, den Titel „Spaß und Probleme“. Letztere bespricht sie eingehend bei ihrer Psychotherapie. Nach den Praxis-Stunden entspannt Elisa Valerie gerne in ihrem Lieblingscafé, dem Greenfinch im Bezirk Prenzlauer Berg. Dort treffen wir sie zum ausführlichen Interview.

»Mich nervt dieses Narrativ, dass sich Frauen immer viel schneller verlieben als Männer.«

MYP Magazine:
Hast Du schon mal ein Date hierhergebracht?

Elisa Valerie:
Ein Date nicht, nein.

MYP Magazine:
Warum hast Du für Deinen allerersten Release mit „Baby“ einen Song über unverbindlichen Sex gewählt?

Elisa Valerie:
Mich nervt dieses vorherrschende Narrativ, dass sich Frauen immer viel schneller verlieben als Männer. Dieses Stereotyp eines Kerls, der sagt: „Mach mal ganz ruhig, Mäuschen, das hier ist nur zum Spaß“, finde ich nicht mehr zeitgemäß. Ob man nach Spaß oder Liebe sucht, hat nichts mit dem Geschlecht zu tun.

»In meiner Berliner Künstler-Blase leben und lieben die Leute in ganz verschiedenen, sehr progressiven Modellen.«

MYP Magazine:
Du hast einen kleinen TikTok-Rap über folgende Situation gemacht: Es ist 1:30 Uhr nachts, er schreibt: „Kommst du noch rum?“ Deine Antwort: „Obwohl ich ihn kaum mag / komm‘ ich rum, wenn er mich fragt“. Deine Zeilen gehen an „alle, die auch nicht immer stark sind“. Denn für ihn gab’s ein erotisches Happy End – und für Dich mal wieder nicht. Wie ist das Dating mit Mitte 20 in Berlin?

Elisa Valerie:
Aufregend. Anders als in der Hamburger Vorstadt, aus der ich komme. In Berlin sind die Menschen sehr edgy und woke. Und sehr experimentell. Das finde ich schön. Hamburg ist dagegen sehr konservativ. Und die Menschen, die ich dort gedatet habe, sind eher traditioneller. Darüber hinaus befinde ich mich hier in Berlin in einer Künstler-Blase. Da leben und lieben die Leute in ganz verschiedenen, sehr progressiven Modellen.

MYP Magazine:
Hat Dich das zu dem Song „Platz für 2“ inspiriert, der sich mit Polyamorie beschäftigt – also einer Beziehungsform, in der man mit mehreren Menschen gleichzeitig körperlich und emotional zusammen ist?

Elisa Valerie:
In meinem Bekanntenkreis gibt es ganz viele offene und polyamore Beziehungen. Damit bin ich nicht aufgewachsen, deshalb finde ich das total spannend. Und ich kenne das Gefühl, dass man in mehr als nur einen Menschen verliebt sein kann.

»Ich finde es super, wenn ein Mann bereits eine Therapie gemacht hat.«

MYP Magazine:
Welche Anforderungen hast Du persönlich an einen Partner?

Elisa Valerie:
Ich finde es super, wenn ein Mann bereits eine Therapie gemacht hat. Außerdem ist mir eine gewisse Offenheit gegenüber vielen Themen wichtig. Darüber hinaus wäre eine feministische Haltung schön – soll heißen: wenn er mich selbst und Frauen generell nicht in eine fixierte Rolle stecken will.

MYP Magazine:
Wurdest Du während eines Dates schon mal auf Deine TikTok-Statements angesprochen?

Elisa Valerie:
Nein, das wäre bestimmt awkward. Wenn ich die Social-Media-Präsenz eines Dates bereits kennen würde, würde ich ihn beim ersten Treffen auch nicht darauf ansprechen.

»Als Teenager habe ich immer Problemlagen identifiziert, die ich mit meinen Freundinnen nicht besprechen konnte.«

MYP Magazine:
Deinen TikTok-Kanal hast Du im ersten Lockdown gestartet. Wie kam es überhaupt dazu?

Elisa Valerie:
Das passierte tatsächlich aus Langeweile. Ich hatte Corona – und zwar ganz zu Beginn der Pandemie. Meine Mitbewohnerin und ich haben uns zwei Wochen in der Wohnung eingesperrt. Und da ich als Musikerin keinen Homeoffice-fähigen Job habe, wurde Social Media zu meiner Hauptbeschäftigung.

MYP Magazine:
Wusstest Du bereits davor, dass Du lustig bist?

Elisa Valerie (kichert leise):
Ja, das wurde mir mal gesagt. Ich bin ein selbstironischer Mensch. Allerdings sehe ich mich nicht als Kabarettistin.

MYP Magazine:
Auf TikTok hast Du ein sehr junges Publikum. Wie warst Du selbst als Teenager?

Elisa Valerie:
Einerseits war ich sehr unproblematisch. Ich war in vielen Sportvereinen und habe immer schnell Anschluss gefunden. Andererseits war ich schon extrem früh in Therapie und daher mental vielleicht schon etwas reifer als andere. Ich habe immer Problemlagen identifiziert, die ich mit meinen Freundinnen nicht besprechen konnte – die konnten das zum Glück gar nicht nachvollziehen und wussten auch nicht, was ich gerade durchmache. Dadurch habe ich mich oft unverstanden gefühlt und mit älteren Menschen darüber gesprochen. Oder ich habe mich meiner Familie anvertraut.

»Kinder finden immer etwas, für das sie dich fertigmachen können.«

MYP Magazine:
Gibt es spezielle Themen, die Du oft mit deinem Therapeuten besprichst?

Elisa Valerie:
Ich habe Angstzustände. Wie mich das in meinem Alltag beeinflusst, ist mir wichtig zu besprechen. Ebenso wie Berufliches, ich bin ja noch nicht lange hauptberuflich Musikerin. Dadurch haben sich meine Strukturen stark verändert, das kann Panikattacken auslösen.

MYP Magazine:
Welche Konflikte aus der Kindheit und Jugend hast Du in dein Erwachsenenleben mitgenommen?

Elisa Valerie:
Mir fällt spontan vor allem einen Konflikt ein, den ich nicht mitgenommen habe: Ich habe es geschafft, mein eigenes Bodyshaming abzulegen – früher habe ich wirklich viel an meinem Körper rumgemeckert…

MYP Magazine:
… obwohl Du sogar als Model gejobbt hast.

Elisa Valerie:
Trotzdem kann man auch als Model das Gefühl haben, zu dünn zu sein oder zu kleine Brüste zu haben. Kinder finden immer etwas, für das sie dich fertigmachen können. Ich persönlich war immer schon sehr dünn und früh sehr groß – also der Spargel der Klasse.

»Ich will mich dagegen wehren, dass mir meine Optik irgendwelche Türen öffnet.«

MYP Magazine:
Du hast mit 18 bei Abercrombie & Fitch gearbeitet. Ein Ort, der auch aufgrund einer kürzlich erschienenen Netflix-Doku stark in der Kritik steht, da vorzugsweise weiße, normschöne und junge Körper eingestellt wurden. Wie denkst Du heute über diesen Job?

Elisa Valerie:
Mit ein paar Jahren Abstand finde ich diesen Job total absurd. Der bestand darin, fünf Stunden lang auf einer Treppe zu tanzen und Besucher mit „Welcome to the pier!“ zu begrüßen. Dass da nur Models eingestellt wurden und man kein auffälliges Make-up tragen durfte, wurde damals nicht hinterfragt. In unserer heutigen Zeit unvorstellbar!

MYP Magazine:
Wie reflektierst Du dein eigenes Privileg der Schönheit?

Elisa Valerie:
Es klingt irgendwie eigenartig zu sagen, dass ich ein „Privileg der Schönheit“ habe. Mir ist auf jeden Fall das Privileg, weiß zu sein, sehr bewusst. Durch die Black-Lives-Matter Demonstrationen habe ich mich sehr stark mit dem Thema auseinandergesetzt, eine weiße Frau zu sein. Ansonsten fällt mir zu deiner Frage gerade eine Anekdote ein: Ich hatte in meiner Jugendzeiten eine beste Freundin, deren Mutter ebenfalls Model war. Wenn wir uns vor dem Ausgehen fertig gemacht haben, hat sie oft zu uns gesagt: „Ach, ihr zwei seid so schön, das wird euch noch so viele Türen öffnen im Leben.“ Mit den Jahren habe ich bemerkt, wie viel Wert in dieser Familie auf das Thema Aussehen gelegt wurde. Irgendwie fühle ich mich damit heute total unwohl und möchte mich auch nicht mehr damit identifizieren. Ich will mich dagegen wehren, dass mir meine Optik irgendwelche Türen öffnet.

»Ich sehe mich nicht dafür verantwortlich, über jedes gesellschaftliche Thema informiert zu sein. Sonst wäre ich Politikerin geworden.«

MYP Magazine:
Verspürst du einen gewissen Druck auf Newcomer-Künstlerinnen, sich mit politischen Themen auseinanderzusetzen und sich zu allem äußern zu müssen?

Elisa Valerie:
Ich persönlich mache mir keinen Druck. Manchmal schreiben mir Leute bei Instagram, warum ich noch kein Statement zu einem speziellen Thema abgegeben habe, etwa vor kurzem zum Jahrestag des Attentats von Hanau. Da habe ich ganz nett zurückgeschrieben, dass ich Musikerin bin und meine Seite kein Newsfeed ist. Manchmal spreche ich über Dinge, zu denen ich etwas sagen kann. Ich sehe mich nicht dafür verantwortlich, über jedes gesellschaftliche Thema informiert zu sein. Sonst wäre ich Politikerin geworden.

MYP Magazine:
Dafür sprichst Du viel über Privates in Deiner Kunst. Welcher Deiner neuen Songs ist der persönlichste?

Elisa Valerie:
„Spaß und Probleme“. Der Text ist wie ein Tagebucheintrag: brutal und ehrlich. Und die Melodie, die zwischen Leichtigkeit und Melancholie schwankt, geht mir auch immer wieder nahe.

»Manche Menschen lieben es ja, wenn alle Hemmungen fallen.«

MYP Magazine:
Zum Schluss ein kleiner Themenwechsel: Studien zeigen, dass immer mehr junge Menschen ohne Alkohol und Drogen feiern gehen. In dieser Hinsicht liegst Du voll im Trend: Du trinkst nicht, Koks ist auch nichts für Dich, und sogar das Koffein im Kaffee ist nicht so Deins. Warum nicht?

Elisa Valerie:
Schon das erste Bier, das ich als Teenager probiert habe, hat mir einfach nicht geschmeckt. Vor allem aber habe ich ein großes Problem mit Kontrollverlust – manche Menschen lieben es ja, wenn alle Hemmungen fallen. Exzessiv zu feiern ist mir persönlich aber wirklich fern. Ich habe keinen Spaß daran, nicht mehr zu wissen, was ich tue. Zusätzlich lassen sich diese ganzen Substanzen nicht so gut mit meiner mentalen Gesundheit vereinbaren. Eine Freundin, die ebenfalls nüchtern lebt, meinte mal zu mir: „Ich finde Leute so mutig, die Drogen nehmen. Ich will gar nicht wissen, wo mein Bewusstsein hinwandern würde, wenn ich mir einen Trip einschmeißen würde. Womöglich würde ich in einem Kindheitstrauma landen und auch noch darin stecken bleiben“. Das fühle ich sehr.

MYP Magazine:
Wenn Du nicht so viel feiern gehst, wie lernt Du dann Männer kennen?

Elisa Valerie:
Die lernen mich kennen. Irgendwie finden sie mich immer.


Cassia

Interview — Cassia

»We’ve become a little braver talking about our emotions«

With their second studio album, »Why You Lacking Energy?«, Cassia present a thoughtful, strong, and mature piece of music that is full of soul. In a personal interview, the three guys from Manchester reveal why they decided to show a completely different side of themselves with this album—musically, lyrically, and emotionally. They also explain why they are trying everything to make the world aware of their music, even if that means they have to join TikTok.

16. Juli 2022 — Interview & text: Jonas Meyer, Photography: Maximilian König

In a time when pretty much everything is considered already said, written or invented, it is not often that people create something unique and distinctive, especially in the music world. But sometimes it does happen. Like in 2019, when the band Cassia from Macclesfield, Manchester released their debut album »Replica«. Back then, vocalist and guitarist Rob Ellis, bassist Lou Cotterill, and drummer Jacob Leff left a musical mark on the world that felt quite new and refreshing.

Cassia’s energetic, vibrant and positive sound is often described as tropical or Afro-Caribbean, which is no coincidence. Both, Rob’s father and grandfather spent many years in Zambia and brought back a lot of music from there. At the family’s house in Macclesfield, there was a large record collection of African music that certainly has modified Rob’s musical genes. When Jacob bought a djembe (an African drum whose body was made of the wood of cassia trees) the band’s name was found.

Now, three years later, after the world has been facing multiple crisis, Cassia present their second studio album, named »Why You Lacking Energy?«. As is often the case when a band has set the bar high with their debut album, album number two will inevitably have fans, critics, and others listen closely to see if the band has firstly, stayed true to themselves and secondly, gone next level. The mechanisms of the market apply, as we all know, also and especially in the music industry. When you are an artist, you have to fulfill expectations—period.

With »Why You Lacking Energy?« Cassia refuse to do that—fortunately! Sure, it would have been easy to just copy the pattern of their first album and stick with what works. But the British band has decided to show a completely different side of itself—musically, lyrically and emotionally.

The new record sounds thoughtful, strong, and mature, sometimes even melancholic: probably because the compositions seem more complex and sophisticated; probably because there is a big portion of soul in it; probably because they open the door to their personal stories and experiences in the lyrics. In any case, it is wonderful to listen to Cassia reveal a previously unknown side and to discover songs whose catchy hooks just stick in your head.

Yes, we know that we may be crossing the line of journalistic objectivity here, but this album just sounds like you are getting to know a new, deeper side of someone you spontaneously made friends with three years ago. But enough said: let Cassia tell you everything else. We met the three guys before a concert at the honored Lido venue in Berlin-Kreuzberg for an interview and photo shoot.

»When you’re in your own bubble, you tend not to see things from anyone else’s perspective.«

MYP Magazine:
Three years ago, you asked your fans on Instagram to preorder your first album »Replica«. You said that the music industry was a tough one to crack and that you guys really wanted your new album to hit the top 10. Have you now, three years later, reconciled with the music industry?

(All three are rolling their eyes)

Rob:
Oh no, I don’t think so. Although we’ve had some lucky breaks and things, making it in the music industry is still pretty hard. That’s exactly why it feels so good for me to play our music live on stage in front of thousands of people and have fun touring the UK and Europe. But we also know in our heads that it’s still a long way to go for us. There’s still a lot to achieve.

MYP Magazine:
With your first album »Replica«, you succeeded in two things: First, you presented a very unique and distinctive sound, and second, you created a couple of songs with real earworm potential. Does that kind of success turn out to be a burden when you start writing a second album?

Rob:
I think it’s more an enabler. »Replica« didn’t really feel super successful to us, that’s why we think we can always go bigger and better…

Lou:
…because when you’re in your own bubble, you tend not to see things from anyone else’s perspective. So, we’re always being under way and working on new music all the time. But my main motivation is to play shows, go see different places, and take something from it for ourselves and the music we create.

»There were so many rejections, we had to work, work, work.«

MYP Magazine:
Rob, you just said that you consider your previous album not super successful. How do you personally measure success?

Rob:
I don’t really know. I mean, you’ve got the charts and stuff. But does that even mean anything? I try to define success more from a musical perspective. For us, »Replica« was a good foundation for our work. It gave us a platform to get out and play live shows. But as musicians—at least it’s like that with us—after every album you ask yourself: What’s the next step?
I remember well the time when we were so far off, shooting our e-mails to get a gig and just start. There were so many rejections, we had to work, work, work. And with »Replica«, we could see the result of this work for the first time.

MYP Magazine:
How many people did you write to back then?

Lou:
Millions! We tried everything to make the world aware of our music.

Rob (smiles):
Absolutely everything! In the end, tons of people bought the album, which was really cool. And over the years, a lot of people have come to see us play, that’s even more exciting.

»We always wanted to write positive music—and we really haven’t stopped doing that.«

MYP Magazine:
In the time between your first and second album, the world seemed to have turned upside down. We experienced Brexit, Corona, and now there’s a war on European soil. To what extent do these events influence your music? Or to put it another way: Would your music sound differently without these world events?

Lou:
Outside influences definitely inspire us to write differently. But I don’t think it fuels the main thing and we go for a musical turnaround. From the beginning, we always wanted to write positive music—and we really haven’t stopped doing that.

Jacob:
I would say the influence of these events has more of a secondary effect on each of us. Also, how can things like Covid or the war pass you by? I’m sure that all of this affects us as human beings in a certain way. But we can’t say how exactly.

»We wanted to spin a bit more of a story through each song.«

MYP Magazine:
Let’s talk about your new album, »Why You Lacking Energy?«. There’s not only a big portion of soul in it, it also feels a little more thoughtful and serious. And especially when it comes to songs like »Colossal Happiness« or »Boundless« there’s some melancholia in the air—kind of like how it feels when summer comes to an end. Is this a new musical and emotional facet that you have discovered for yourselves?

Rob:
I think it’s more because we had a lot of time to create something new—something we wanted to be very proud of. That was the first thing we said when we started writing on it. Lyrically, we definitely worked a little more intense on how the words come across and how we want them to sound to people. We wanted to spin a bit more of a story through each song and went crazy on details and stuff. It’s very cool that you say that you hear a lot of soul in it and that it feels more thoughtful—because that bounces what we really wanted it to be like. It hits a completely different part of our Cassia sound.

Lou:
We put a lot of different moods and emotions into the album. This has not only influenced the sound, but there’s also a depth to the lyrics, that surprised even us, while writing the music. It’s deep shit a lot of the time…

(All laughing)

»We’ve become a little braver talking about our emotions.«

MYP Magagzine:
Sometimes you combine these deep, thoughtful lyrics with a happy song title, such as »Colossal Happiness«.

Rob:
Yeah, we actually like that happy-sad-pairing thing.

Lou:
Our music has changed a lot. We always wanted to make happier music—for sad moments when it’s raining or something like that. But now we create this duality within the songs.

MYP Magazine:
Would you say your music has grown up?

Jacob:
I would rather say that we’ve become a little braver talking about our emotions. When we were working on our first album, we could say relatively easily: this is a Cassia song, and this isn’t—because of the musical aspects of it. That tiny thing has been slightly taken away—not fully, but substantially. In the song »Boundless« for example there is a quite dark piano part, that would never have been on the first album. But at that particular position, this piano part expresses our feelings best. That’s why the new album is much more open—and a song like »Boundless« becomes a Cassia song for that very reason.

»There’s lots of different vague questions and ideas on the new album.«

MYP Magazine:
Your new album is called »Why You Lacking Energy?« What is behind this question?

Lou:
It was a lyric in the song, »16-18«. I don’t know if it was ever meant to be the album title when we wrote it. But listening back to the whole album, this particular line seemed to encapsulate this very introspective thing we built. It is not necessarily asked specifically; it can apply to many things… I really like how that works: There are lots of different vague questions and ideas on the new album and for us, it feels like an exploration of our own emotional state. So, the title »Why You Lacking Energy?« is pretty representative—and I guess the question isn’t answered on the album (smiles).

Rob:
No, never answered!

»Reality is often just completely different than expected.«

MYP Magazine:
In your song »Motions« you deal with the construct of time in a very introspective way. Have you already reached a point where you start looking back at your life?

Lou:
Actually yes. The song »Dreams Of My Past« also deals with that topic, both tracks are tales of going back and forth between the past, the present, and the future. This subject is brought up quite a lot.

MYP Magazine:
Not to sound cheesy, but do you »look back in anger« in the words of Oasis?

Jacob:
Not in anger, more in uncertainty. You always say to yourself: In three or four years, I want to have achieved this or that. And when you hit that point, you start looking back to your idea: where you wanted to be, comparing it with the reality, and with where and who you are today. That’s not so much a matter of better or worse than planned, it’s often just completely different than expected. And this experience always raises the question if it will be going well in the next three or four years to come.

»When we started as a band, we didn’t think about being on a platform like TikTok.«

MYP Magazine:
The video to the song »Motions« opens with the information that it’s 2081, and that information overload has drained people of energy. Would you say that information overload is the greatest threat to the creative output of artists nowadays?

Rob:
Absolutely. This overload really influences you and pulls you in. And you definitely start thinking that you should be doing more of the things that have a higher entertainment factor and attract people’s attention. When we started as a band, we didn’t think about, for example, being on a platform like TikTok, where the audience has an attention span of five or ten seconds. The way people consume media, and therefore music, has completely changed, and you have to adapt to it. That’s crazy. Just too much information!

»We didn’t really think that we would be doing any of this stuff one day.«

MYP Magazine:
In your song »See Myself« you sing the lines »I don’t wanna lose track« What do you do as a band, but also as good friends, in order not to lose track in the future?

Lou:
It’s very simple: we just keep making music together.

(Rob and Jacob agree)

Rob:
And we keep playing shows! This is the one real thing and the whole experience. When we started Cassia, we didn’t really think that we would be doing any of this stuff one day. I remember watching videos of bands, looking all tired on tour, and I thought: Why do you look tired? What you are doing is really cool, you should enjoy this moment. That’s why we wanna crack it as long as we can. It’s just fun—and a very special experience that we can share as friends.


Avi Jakobs

Interview — Avi Jakobs

»Das Feminine in mir habe ich lange unterdrückt«

Als Beauty-Expertin ist Avi Jakobs eines der fünf Gesichter der beliebten Netflix-Serie »Queer Eye Germany«. Ihre mediale Sichtbarkeit nutzt sie dabei konsequent, um die Anliegen von LGBTQIA* Menschen in den Fokus zu rücken. Im Interview spricht sie darüber, warum sie sich lange nicht getraut hat, in der Öffentlichkeit ein Kleid zu tragen, was sie so an Fußballtrainer Nils aus Folge 3 bewundert und weshalb auch die queere Community ein Toleranzproblem hat.

13. Juli 2022 — Interview & Text: Jonas Meyer, Fotografie: Osman Balkan

Es gibt Phasen im Leben, da kommt man einfach nicht mehr weiter. Alles scheint festgefahren, man greift nur noch ins Leere und der Tag heute ist derselbe wie gestern, wie morgen, wie immer. Bewegung gibt es nur im Hamsterrad und mit jedem Schritt kümmert man sich ein bisschen weniger um sich selbst.

In solchen Momenten braucht es ein paar gute Geister – oder die fünf Coaches von „Queer Eye Germany“. Im deutschen Ableger der erfolgreichen Makeover-Serie aus den USA, zu sehen seit Anfang März auf Netflix, kümmern sich fünf queere Persönlichkeiten um Menschen, mit denen es das Schicksal nicht immer gut gemeint hat. Oder denen die Bedürfnisse anderer wichtiger sind als die eigenen. Oder die vor einer Hürde stehen und nicht wissen, wie sie diese überwinden sollen.

Wie im amerikanischen Original kümmert sich jede:r der Fünf um eine Disziplin, die dem Körper, der Seele und dem Selbstwert schmeichelt, von Netflix beschrieben als „Fashion, Beauty, Life Coaching, Gesundheit und Design/Styling“.

Das Thema Beauty fällt dabei in den Verantwortungsbereich von Avi Jakobs. Die ausgebildete Expertin für Haare und Make-up hat nicht nur ein Händchen für visuelle Generalüberholungen. Sie setzt sich auch mit viel Nachdruck für die Sichtbarkeit queerer Menschen in der Öffentlichkeit ein. Und sie wird nicht müde, analog wie digital immer wieder auf die Sorgen, Wünsche und Anliegen der LGBTQIA* Community hinzuweisen.

Aufgewachsen ist Avi im beschaulichen Aalen auf der Schwäbischen Alb, heute lebt die 31-Jährige in Berlin. Mitten in einer wohl spannendsten Phase ihres bisherigen Lebens haben wir uns mit ihr zum Gespräch verabredet. Denn wie bei den Protagonist:innen, um die sich Avi in „Queer Eye Germany“ kümmert, finden auch bei ihr gerade fundamentale Veränderungen statt.

»Bei ›Queer Eye‹ denken viele an ein rein schwules Format, das finde ich etwas problematisch.«

MYP Magazine:
Avi, mit dem Start von „Queer Eye Germany“ wurdest Du nicht nur zu einer Person der medialen Öffentlichkeit, sondern auch zu einem Sprachrohr der queeren Community. Wie gehst Du mit dieser neuen Rolle um – und all der Aufmerksamkeit sowie den Erwartungen, die damit verbunden sind?

Avi:
In den letzten Monaten gab es durchaus Momente, in denen mich das alles überfordert hat. Und das tut es stellenweise immer noch. Trotzdem freue ich mich riesig über die Sichtbarkeit, die das Format mit sich gebracht hat. Ich merke, dass ich dadurch wesentlich mehr verändern kann als zuvor – nicht nur innerhalb der Community. Uns haben seit dem Start der Serie etliche Nachrichten von Menschen erreicht, die in ähnlichen Lebenssituationen wie unsere Protagonist:innen stecken und sich bei uns bedankt haben. Das hat mir gezeigt, dass „Queer Eye Germany“ einen enormen Impact hat. Dafür bin ich sehr dankbar. Gleichzeitig verspüre ich durch meine neue Rolle aber auch einen gewissen Druck, weil ich mir einbilde, dass mir die gesamte queere Community im Nacken sitzt. Da ich von vielen als Sprachrohr wahrgenommen werde, hab‘ ich wirklich Schiss, nichts Falsches zu sagen – vor allem, wenn ich Auftritte im Fernsehen habe oder vor Kameras spreche. Ich will ja alle irgendwie erwähnen und niemanden ausschließen.

MYP Magazine:
Ist es überhaupt möglich, für die ganze queere Community zu sprechen?

Avi:
Das ist tatsächlich schwierig. Ohnehin denken viele bei „Queer Eye“ an ein rein schwules Format, das finde ich etwas problematisch. Aus diesem Grund versuche ich immer, auch auf die trans Community einzugehen – diese Gruppe ist eher schlecht repräsentiert, nicht nur medial. Das Gleiche gilt übrigens auch für die lesbische Community.

»Ich selbst traue mich erst seit ›Queer Eye Germany‹, in einem Kleidchen vor die Tür zu gehen.«

MYP Magazine:
In „Queer Eye Germany“ helft Ihr anderen Menschen, sich und ihr Leben in positiver Weise zu verändern. Dabei erlebst auch Du selbst gerade eine große persönliche Veränderung, wie Du in einem Deiner jüngsten Instagram-Videos erzählst. Dort sagst Du unter anderem: „Ich fange jetzt erst an, mich so richtig zu akzeptieren.“ Was passiert momentan in und mit Dir?

Avi:
Durch die strikten Coronamaßnahmen während der Produktion hatte ich ein halbes Jahr lang so gut wie kein Leben und war sehr viel allein. In dieser Zeit habe ich oft meditiert und mich intensiv mit mir selbst auseinandergesetzt. Dabei sind diverse Dinge aus meinem bisherigen Leben aufgeploppt – unter anderem die Erkenntnis, dass ich innerhalb der schwulen Community immer das Bedürfnis hatte, fuckable und attraktiv zu sein. Und das insbesondere für Leute, die eine starke Femmephobia in sich tragen. Der Begriff bedeutet, dass man Menschen ablehnt, die eher weiblich wahrgenommen werden oder über Attribute verfügen, die mit Weiblichkeit assoziiert werden. Daher habe ich das Feminine in mir lange unterdrückt und von mir weggeschoben, vor allem beim Dating.

MYP Magazine:
In der queeren Community ist nicht nur die von Dir angesprochene Femmephobia weit verbreitet, auch andere Menschen erfahren immer wieder systematische Ablehnung. Das spiegelt sich unter anderem in Floskeln wie „no fats, no girls, no Asians, no olds“.

Avi:
Schlimm, oder? Ich selbst traue mich auch erst seit „Queer Eye Germany“, in einem Kleidchen vor die Tür zu gehen. Davor habe ich mir das immer untersagt, zumindest in meinem Alltag. Klar, ab und zu ging das mal, etwa in einem Club oder einem anderen Safe Space, aber draußen in der Öffentlichkeit war das für mich tabu. Momentan lege ich all das ab und merke, wie gut mir das tut. Und ich habe beschlossen, mich dabei von einer Therapeutin begleiten zu lassen. Ich will herauszufinden, was ich mir im Laufe meines bisherigen Lebens noch alles so weggedrückt habe und mir bis heute nicht erlaube.

»Wir geben den Leuten super Ratschläge, aber warum nehmen wir die selbst nicht an?«

MYP Magazine
Hat Dich die Netflix-Serie am Ende selbst enabled?

Avi:
Hundert Prozent ja! Wir als Coaches haben alles dafür gegeben, dass die Protagonist:innen begreifen, dass sie ganz sie selbst sein dürfen. Und in dem einen oder anderen Moment habe ich mich sagen hören: Maybe I should do it, too! Das war wie eine Selbsttherapie – und zwar für uns alle. Darüber haben wir uns erst vor kurzem wieder ausgetauscht. Aljoscha zum Beispiel hat sich durch die Serie ebenfalls krass verändert. So erlaubt er sich erst jetzt, seine Nägel zu lackieren. Vorher war das für ihn ein Riesending. Wenn er es in einem seltenen Fall mal getan hatte, zog er in der Öffentlichkeit immer vor Scham die Finger ein. Am Ende war „Queer Eye Germany“ für uns alle ein Safe Space, in dem wir einerseits als Team zusammengewachsen sind und der uns andererseits sehr viel weitergebracht hat in unseren einzelnen Leben. Noch während der Produktion haben wir uns gefragt: „Wartet mal, wir geben den Leuten super Ratschläge, aber warum nehmen wir die selbst nicht an?“

MYP Magazine:
In dem Instagram-Video, über das wir eben gesprochen haben, zeigst Du der Öffentlichkeit eine sehr verletzliche Seite von Dir und teilst intimste Gedanken. Auch Deine amerikanischen Kolleg:innen gestatten dem „Queer Eye“-Publikum immer wieder einen Blick ins Privateste. Etwa Antoni Porowski, der angibt, keinen Kontakt mehr zu seiner Mutter zu haben. Oder Bobby Berk, der von seiner früheren Obdachlosigkeit erzählt. Erleben wir gerade in der Medienlandschaft eine grundlegende Veränderung des Fernsehstar-Typus?

Avi:
Es findet auf jeden Fall eine Vermenschlichung statt. Und das hat aus meiner Sicht viel mit den sozialen Netzwerken zu tun. Die Leute wollen einfach das Nahbare. Sie wollen deinen Alltag sehen und an dem teilhaben, was du so tust. Gleichzeitig gibt es am anderen Ende immer mehr Menschen, die ihre Reichweite nutzen möchten, um anderen Mut zu machen, statt einfach nur ihrem Celebrity-Dasein zu frönen. Früher war es so, dass man als Fernsehgesicht einfach da war, aber nicht anfassbar. Das ist heute anders – und das finde ich gut. Als ich zum Beispiel vor kurzem in der Tram unterwegs war, hat mir danach jemand geschrieben: „Du warst bei mir in der Bahn!“ Was soll ich denn da antworten? Ja, ich fahre Bahn – wie jeder andere Mensch auch. Ich gehe auch kacken. Warum ich jetzt plötzlich diesen Celebrity-Stempel habe, verstehe ich nicht. Ich habe ja nichts anderes getan, als bei so einer Show mitzumachen.

»Wenn dich deine Eltern nicht so akzeptieren, wie du bist, führt das zu Traumata, die dich ein Leben lang begleiten.«

MYP Magazine:
Du redest in Interviews immer voller Bewunderung von Deiner Mutter. Welche Bedeutung hat sie in Deinem Leben?

Avi:
Ich bin in Aalen aufgewachsen, das ist eine schwäbische Kleinstadt (Avi legt den Finger an die Schläfe und gibt sich die Kugel). Meine Mutter war dort mein einziger Rückhalt. Ich hätte als Kind und Teenager nicht gewusst, was ich ohne sie gemacht hätte. Sie hat mir unendlich viel Kraft gegeben, auch wenn wir stellenweise so arm waren, dass es an Weihnachten nur Buchstabensuppe aus der Tüte gab. Und auch wenn es eine Zeit gab, in der wir im Frauenhaus gelebt haben. We come from nothing. Trotzdem hat sie nie aufgehört mir einzutrichtern: „Du kannst alles schaffen.“ Sie hat mich überschüttet mit Liebe und mir immer gesagt, dass ich richtig bin, wie ich bin. Daher war das alles aushaltbar. Und ich glaube, gerade weil ich das selbst von ihr gelernt habe, kann ich das auch so gut an andere geben. Es gibt viele Menschen, die zu Hause nicht diesen emotionalen Rückhalt hatten. Wenn dich deine Eltern nicht so akzeptieren, wie du bist, führt das zu Traumata, die dich ein Leben lang begleiten.

MYP Magazine:
In den einzelnen Folgen von „Queer Eye Germany“ verschlägt es Euch oft in die deutsche Provinz. Waren diese Ausflüge auch immer eine Reise in die eigene Vergangenheit?

Avi (legt ihre Hände vor den Mund):
Oh mein Gott, alles war so triggernd – allein dieses Fußballstadion in der Folge mit Nils, dem schwulen Trainer! Ich habe am ganzen Körper gezittert und war klitschnass. Es gab so viele Situationen, in denen ich mich an mein eigenes Aufwachsen zurückerinnert habe.

MYP Magazine:
Gibt es nicht irgendetwas Positives, das Du dem Leben im ländlichen Raum abgewinnen kannst?

Avi lacht laut und schüttelt den Kopf.

MYP Magazine:
Wir können auch einfach schreiben: „Avi schweigt.“

Avi (lächelt):
Ich hatte dort natürlich ein bisschen Natur um mich herum. Aber ob ich die am Ende zum Glücklichsein gebraucht habe? Ich bezweifle es. Ganz ehrlich: Ich wäre wirklich gerne in einer größeren Stadt aufgewachsen.

»Unsere Gesellschaft legt eine enorme Last auf Männer, und das schon ab dem frühen Kindesalter.«

MYP Magazine:
Vor kurzem hast Du in der Youtube-Serie „Auf Klo“ mit Deiner Kollegin Leni Bolt aufgezählt, wie oft Ihr euch schon offiziell geoutet habt – Leni kam auf insgesamt zwei Outings, Du selbst auf drei. Ist es als queere Person nicht eher so, dass das Outen nie aufhört – weil man immer wieder in Situationen gerät, in denen man darauf hinweisen muss, dass die eigene Sexualität von der normativ angenommenen, heterosexuellen abweicht? Was braucht es aus Deiner Sicht, damit wir in unserer Gesellschaft an einen Punkt kommen, an dem das einfach nicht mehr nötig ist?

Avi:
Eines meiner großen Anliegen ist es, dass es keiner Outings mehr bedarf – weder für irgendeine Sexualität noch für die geschlechtliche Identität. Davon abgesehen müssen wir uns vor allem um das Thema toxische Männlichkeit kümmern. Unsere Gesellschaft legt eine enorme Last auf Männer, und das schon ab dem frühen Kindesalter. Sie werden durch die Art und Weise ihrer Sozialisation in eine Rolle gezwungen, in der weder Schwäche noch Sanftheit erlaubt sind.
Vor kurzem bin ich in einer schwulen Bar mit einem heterosexuellen Mann ins Gespräch gekommen, der sehr offen, gefühlvoll und woke war. Er erzählte, dass er öfter mal in der Bar vorbeischaue, weil er hier mit anderen Männern ganz ungezwungen über seine Gefühle sprechen könne und sich dabei sehr wohlfühle. Mit seinen Kumpels könne er das leider nicht. Das musst du dir mal reinziehen! Es ist immer noch traurige Realität, dass viele Männer befürchten, von ihren Freunden ausgelacht zu werden, wenn sie sich emotional öffnen. Oder noch „schlimmer“: Es könnte ja der „Verdacht“ entstehen, nicht hetero zu sein. Ich finde es zwar total schön, dass dieser Mann für sich einen Safe Space gefunden hat. Gleichzeitig zeigt mir dieses Beispiel aber auch, dass es hier immer noch verkrustete Einstellungen gibt, die schnellstens aufgebrochen werden müssen.

»Es gibt Menschen, die ein anderes Pronomen bevorzugen, als ihr Aussehen vermuten lässt.«

MYP Magazine:
Apropos geschlechtliche Identität: Du machst immer wieder deutlich, wie wichtig Dir die Angabe von Pronomen ist. Kannst Du kurz erklären, warum Du darauf so viel Wert legst?

Avi:
Mir persönlich ist das so ein großes Anliegen, weil ich es unangenehm finde, wenn jemand einem anderen Menschen allein wegen seines Äußeren eine bestimmte Sexualität oder Gender Identity zuschreibt. Das Beispiel ist zwar etwas plump, aber angenommen, du siehst eine von dir als Mann gelesene Person in einem Kleidchen. Allein die Kleidung könnte dir schon signalisieren, dass die Person sich selbst vielleicht nicht ganz so heteronormativ sieht, wie du es selbst gewohnt bist. Hier hilft die Sache mit den Pronomen sehr, denn dadurch hat die Person die Chance, auf die Art angesprochen zu werden, wie sie sich am wohlsten fühlt. Und wenn du dich mit deinen eigenen Pronomen vorstellst oder „Hallo, ich bin der Peter“ sagst, macht es das für dein Gegenüber angenehmer und zu etwas Alltäglichem. Vor allem wir trans Menschen fühlen uns dadurch gesehen und akzeptiert. Bei mir persönlich ist es übrigens so: Um von vornherein zu vermeiden, dass ich misgegendert werde, sage ich meine Pronomen immer gleich am Anfang. Aber vielen Leuten geht das Ganze immer noch gegen den Strich, sowohl in der queeren als auch in der nicht-queeren Welt.

MYP Magazine:
Das heißt?

Avi:
Als ich vor wenigen Tagen zum Thema Pronomen ein Video auf Instagram gepostet habe, gab es einen regelrechten Shitstorm. Die Leute fühlen sich in ihrer Realität immer so angegriffen. Ich wollte lediglich darauf hinweisen, dass es Menschen gibt, die ein anderes Pronomen bevorzugen, als ihr Aussehen vermuten lässt. Und dass Pronomen ein gutes Mittel sind, um eine Umgebung zu schaffen, in der sich mehr Menschen integriert und wohlfühlen.

»Ich habe den Eindruck, dass bei vielen Leuten kein oder kaum Wissen über queere Geschichte vorhanden ist.«

MYP Magazine:
Mit den Pronomen eng verwandt ist ein anderes gesellschaftliches Reizthema, das Gendern. Interessanterweise erlebt man immer wieder – auch innerhalb der queeren Community –, dass viele Menschen gar nicht wissen, was die Idee einer gendergerechten Sprache ist. Da stößt man beispielsweise auf die Annahme, es gehe um eine Zusammenlegung der männlichen und weiblichen Form, zum Beispiel Schaffner:innen als Abkürzung von Schaffnerinnen und Schaffner. Dass durch das Sternchen oder den Doppelpunkt auch Menschen in den Begriff integriert werden sollen, die sich selbst als nicht-binär bezeichnen, also nicht als weiblich oder männlich identifizieren, wissen viele nicht. Wäre die hitzige Diskussion in unserer Gesellschaft nicht viel entspannter, wenn die einen es besser erklären und die anderen sich besser informieren würden?

Avi:
In der Theorie stimmt das. Aber ich muss leider immer wieder erleben, dass viele Leute gar keine Lust haben, sich zu einem Thema schlau zu machen. Oder sich darüber mit anderen auseinanderzusetzen. Dabei ist es doch das Schönste, mit jemandem kontrovers, aber sachlich und auf Augenhöhe zu diskutieren. Ich selbst habe überhaupt kein Problem damit, wenn jemand eine andere Meinung vertritt als ich und sich daraus eine gute Debatte ergibt. Aber viele werden sofort emotional, unsachlich und aufbrausend, das macht das Gespräch echt schwierig.
Darüber hinaus habe ich den Eindruck, dass bei vielen Leuten kein oder kaum Wissen über queere Geschichte vorhanden ist, sowohl außerhalb als auch innerhalb der Community. Ich bin gesellschaftspolitisch auch kein Lexikon. Aber zumindest ein kleines Grundwissen wäre nicht schlecht, wenn man irgendwo mitreden möchte. Das sind wir allein jenen Menschen schuldig, die in den letzten Jahrzehnten für uns und unsere Rechte gekämpft haben.

»Leider bin ich noch nicht so abgeklärt, dass ich auf alles scheißen könnte, was andere sagen.«

MYP Magazine:
Wann hat sich Dein eigenes Verantwortungsgefühl für die LGBTQIA* Community entwickelt?

Avi:
Wenn man gewisse Themen anspricht, eckt man zwangsläufig an, und man muss dann in der Lage sein, damit umzugehen. Dafür habe ich mich lange nicht stark genug gefühlt. Und ich habe mich einfach nicht getraut. Jetzt – mit so viel Reichweite – fühle ich mich da wesentlich sicherer und betreibe das auch aktiver. Aber auch das noch nicht in einem Maß, in dem ich das gerne würde. Dafür fassen mich die Reaktionen der Leute immer noch zu sehr an. Leider bin ich noch nicht so abgeklärt, dass ich auf alles scheißen könnte, was andere sagen. Momentan setzt sich noch jeder Kommentar drei Tage in meinem Kopf fest. Ich bin sehr sensibel, da trifft mich das eine oder andere wirklich stark – auch wenn es oft von Menschen kommt, die keinen Platz in meinem Kopf haben sollten.
Aus diesem Grund bin ich froh, dass endlich diese Show in der Welt ist, weil ich das Gefühl habe, allein durch meine Präsenz dort etwas verändern zu können. Und ich bin froh um jedes Interview. Ich fühle mich immer wieder geehrt, wenn andere Menschen Interesse an mir haben – und an dem, was ich zu sagen habe.

»Ich hätte mich das in dem Alter nicht getraut.«

MYP Magazine:
Einer der beeindruckendsten Protagonisten in „Queer Eye Germany“ ist der Fußballtrainer Nils: nicht nur, weil er den Mut aufgebracht hat, die Sendung für das eigene Outing zu nutzen. Sondern auch, weil seine persönliche Situation eine Lebensrealität abbildet, die es so tausendfach in Deutschland gibt. Und weil da so viele gesellschaftliche Stigmata offensichtlich werden, die seit Jahren einen enormen Druck auf diesen jungen Mann ausüben. Wie hast Du die persönliche Begegnung mit Nils erlebt?

Avi:
Ich selbst bekomme bei der Produktion tatsächlich nur das mit, was in Bezug auf meinen Beauty-Part in der Show zu sehen ist. Das ist bei den anderen Coaches dasselbe. Aber es gibt eine gemeinsame Whatsapp-Gruppe, in der wir uns immer auf dem neuesten Stand gehalten und uns erzählt haben, was bei den jeweils anderen so passiert ist. Von den wirklich krassen Themen in Nils‘ Leben habe ich daher erst per Voicemail erfahren, etwa von der Begegnung mit dem anderen Trainer im Fußballstadion, der ihn vor möglichen Pädophilie-Stigmata warnt. Darüber hinaus hatte ich die Chance, mich mit Nils noch ein wenig bei einem gemeinsamen Essen austauschen. Abseits der Kamera war er viel schüchterner, als es in der Serie den Anschein macht, und hat tendenziell eher weniger gesagt. Daher war ich umso stolzer auf ihn, dass er den Mut aufgebracht hat, das alles öffentlich zu machen. Er hatte ja große Angst, durch sein Outing den Trainerjob zu verlieren. Was für ein krasser, krasser Schritt! Ich hätte mich das in dem Alter nicht getraut.

»Diskriminierung entsteht, wenn man sich selbst besser darstellen und über andere Menschen erheben will.«

MYP Magazine:
Nils thematisiert auch andere Ängste – etwa die Sorge, nicht attraktiv genug zu sein; nicht männlich genug zu wirken; oder „schwul gekleidet“ zu sein und deshalb in irgendeiner Form aufzufallen. Für diese Ängste, so scheint es, braucht es gar kein intolerantes, heteronormatives Umfeld. Allein die schwule Community tut viel dafür, um Menschen auszugrenzen, die keinem bestimmten Ideal entsprechen. Über Floskeln wie „no fats, no girls, no Asians, no olds“ und „just young, fit and masculine“ haben wir bereits gesprochen. Kann man von anderen Menschen überhaupt Toleranz einfordern, wenn man selbst nicht tolerant ist?

Avi:
Eben nicht. Ich hatte eine lange Phase in meinem Leben, in der ich mir gesagt habe: Ich mache nicht mehr mit, I’m not a part of this community anymore, die sind alle schrecklich. Und ein Teil von mir ist immer noch so eingestellt – weil man innerhalb der Community allzu oft Menschen kennenlernt, die Dinge von sich geben, bei denen man sich einfach nur schütteln möchte. Wie kann man, wenn man selbst so viel Intoleranz und Diskriminierung erfahren hat, da noch mitmachen?

MYP Magazine:
Hast Du eine Idee, wie man daran etwas ändern kann?

Avi (lacht):
Ok, wie spirituell darf ich werden? In jedem Glauben ist es doch so, dass es da einen Passus wie „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ gibt. Das Ziel ist also, bei sich selbst anzukommen. Aber viele Menschen sind nicht bei sich. Sie können nicht einmal allein sein – weil sie nicht damit klarkommen, was dann in ihrem Kopf passiert; weil sie oft ihre Traumata nicht auflösen wollen, die sie mit sich herumtragen. Ich glaube, die Welt braucht mehr Spiritualität. Wenn man mit sich selbst cool ist und sich gefunden hat, merkt man, wie sinnlos es ist, andere dumm zu machen. Ich tue gerade so, als wäre ich übelst weise, dabei lerne ich mich auch erst gerade neu kennen. Aber ich habe kapiert: Diskriminierung entsteht, wenn man sich selbst besser darstellen und über andere Menschen erheben will. Aber wenn man sich selbst mag und akzeptiert, braucht man das nicht mehr. Das gilt für alle Menschen, egal ob queer oder nicht.

»Wen und was man attraktiv findet, wird von vielen Faktoren beeinflusst.«

MYP Magazine:
Ein beliebtes Argument in der Community ist es, dass es sich bei den genannten Floskeln nicht um Diskriminierung handele, sondern bloß um die Angabe sexueller Präferenzen. Und die könne man schließlich nicht ändern.

Avi:
Ich glaube, dass auch das ein Konstrukt ist. Wen und was man letztendlich attraktiv findet, wird von vielen anderen Faktoren beeinflusst, etwa von gesellschaftlichen Trends. Beispielsweise galten Frauen mit Kurven und Rundungen lange Zeit als das weibliche Schönheitsideal. Und in der Antike fand man bei Männern eher kleinere Penisse attraktiv.

»Für mich ist Sex mit den Jahren etwas sehr Magisches geworden.«

MYP Magazine:
Welche Bedeutung hat Sex für Dich persönlich?

Ich bin kein wirklich sexueller Mensch. Für mich ist Sex mit den Jahren etwas sehr Magisches geworden. Ich kann auch fremde Menschen nicht so an mich heranlassen, wie es viele in der Community tun – ich meine die Situation, dass da jemand Fremdes bei dir klingelt und man dann sofort miteinander bummert. Eine Zeit lang habe ich das auch mal versucht. Aber das war nie so meine Welt. Es ist für mich einfach schwierig, mich in eine Situation hineinzuversetzen, in der man sehr viel Sex möchte, aber dafür nur den Körper einer anderen Person konsumieren und sie nicht zwangsläufig kennenlernen will. Not my world, find‘ ich kacke.

MYP Magazine:
Kommen wir zurück auf „Queer Eye Germany“. Für die erste Staffel gab es viel Zuspruch und durchweg gute Kritiken. Wann kommt die zweite?

Avi:
Ob und wann es weitergeht, wissen wir nicht – ich glaube, da sind wir Fünf auch so ziemlich die Letzten, die das erfahren würden. Das Ende der Nahrungskette, sozusagen. Die große Promophase ist vorbei, jetzt heißt es jeden Tag hoffen. Es hängt am Ende ja immer davon ab, wie viele Leute die Show tatsächlich schauen. Klar, die queere Community geiert natürlich darauf, aber das ist nur ein kleiner Teil der Gesamtzuschauerschaft. Wir Coaches wünschen uns auf jeden Fall sehr, dass es weitergeht.

MYP Magazine:
Gerade läuft auf Netflix sehr erfolgreich „Heartstopper“, eine queere Coming-of-Age-Serie aus Großbritannien. Ist das nicht Beweis genug, dass auch das Mainstream-Publikum empfänglich ist für queere Themen?

Avi:
Hoffen wir’s! Vielleicht wird dadurch den Leuten ja auch öfter „Queer Eye Germany“ vorgeschlagen und der Algorithmus entscheidet in unserem Sinne. Am Ende ist doch alles nur Rechnerei.


Sera & Claudia Valentina

Interview — Sera & Claudia Valentina

»I wanna make music that people make babies to«

Sera from the Netherlands and Claudia Valentina from the United Kingdom put a more feminine face on international pop music. When they met recently in Berlin, we had the pleasure of having a personal interview with both of them, which turned into a conversation about their artistic visions, the sound-shaping people in their lives, and the great need for empowering women in the music industry.

19. Juni 2022 — Interview & text: Katharina Viktoria Weiß, Photography: Frederike van der Straeten

Music artists Sera and Claudia Valentina at the „Lounge im Turm“ venue

For a very special interview, we have arranged a meeting between two women with opposing styles but a shared love of pop music: Sera, who is already a star in the Netherlands, and Claudia Valentina, who has created a worldwide fan base with her sensual songs, are both ready to hit the ground running in the international music industry—which seems to be working: Claudia Valentina has just been featured by German rapper and singer Cro on his new track “High,” and with “She Kissed Me First,” Sera added another single to her million-click repertoire on Spotify a few weeks ago.

The setting for our conversation is the Lounge im Turm venue at Frankfurter Tor. We look out over Berlin in one of the 9-story towers built from 1950 to 1956 on the rubble of what was once the grand Frankfurter Allee. Their architectural expression testifies to a time of political confrontation and competition in divided Berlin.

But instead of being competitors, Sera and Claudia Valentina are united by the common experience of launching a career after a global pandemic. A conversation about the current pop business and the creative process that shapes the sound of these two energetic artists.

»I didn’t think that I really had what it took to become a singer.«

MYP Magazine:
Claudia Valentina and Sera, you both have great voices as the core of your talent box. How were they discovered?

Claudia Valentina:
Ever since I could talk, the only thing I liked to do was sing. I would lock myself in the basement every day after school and practice for hours. I was never very shy as a child and wanted to get up on stage and perform everywhere.

Sera:
My mom played a huge role in that. I really loved to sing from a very young age, and she always told me that she felt I had something in my voice. Something different, but I just sang for fun and didn’t think that I really had what it took to become a singer.

»Everyone’s life paths are so unique and shape us as people—and as artists.«

MYP Magazine:
You both started making music when the whole world was stuck in Corona lockdown. Through what challenges and opportunities was your path determined?

Sera:
It felt like a blessing and a curse. On the one hand, I had all the time in the world to really dive into the music and songwriting and challenge myself—because it was completely new to me because I had never written a song in my life. On the other hand, I felt like labels and such might not be interested anymore because of COVID, and who knows how long that will last.

Claudia Valentina:
Everyone’s life paths are so unique and shape us as people—and as artists. I’ve always loved the hustle since I was a kid, so for me, my whole life has been about never letting my confidence get touched and always focusing on my dream. I definitely learned that from Bob, my dad.

»I’ve spent a big part of my life hunting the right setup with my team.«

MYP Magazine:
Claudia Valentina, you have a very contemporary and extravagant style. How would you describe the vision you have for your aesthetic?

Claudia Valentina:
Thank you, I like that! I’ve always been into fashion. I like to make mood boards for literally everything—shoots, videos, music, et cetera. I feel like my style says a lot about my music, I like to feel unique and in line with my personality.

MYP Magazine:
How do you ensure that the team you build around you supports you in this vision?

Claudia Valentina:
I am very lucky to have the most incredible people around me. They are all so hungry for the same goal and work insanely hard. I’ve spent a big part of my life hunting the right setup with my team, and I’m very lucky to be able to call them my best friends as well.

»I’m social to a certain extent.«

MYP Magazine:
Sera, you’ve built up a big following in your home country because you make very down-to-earth videos on social media. In the comments, you can read that many of your fans find you really likeable and approachable. How has this community developed?

Sera:
That’s because I present myself very human, I guess?! Hair undone, hoodie, cap on my head. Not because I wanted to stand out or anything, I just wanted to present myself the way I am, so I never have to pretend. I’ve been like this my whole life. I walk around like this 95 percent of the time: ripped jeans, beanie, something hoodie-ish. The other 5 percent I have my hair done and stuff. So, I’m glad that my community accepts me the way I am.

MYP Magazine:
You’ve done projects with a POC gospel collective and many of your posts feature other musicians or friends. You seem to be an incredibly social person. Is that perception true?

Sera:
I love people—wait, let me say that again: I love nice people. If someone is kindhearted and shows it, I love to hang out and be social. If that’s not the case, I’m out. So, I guess I’m social to a certain extent.

MYP Magazine:
And what do you do when you have time to yourself? For example, what are you a total nerd for?

Sera:
I love going on small adventures. That could be a spontaneous trip or a nighttime car ride. Or it could be a hike in the Ardennes. I’m always up for anything. I geek about things frequently. I have what’s called hyperfocus, which I’ve self-diagnosed, and that means I can really fixate on things and know all the details until I do, and then I move on to the next thing. My most recent example was the Rubik’s Cube.

»Stress never made anything better.«

MYP Magazine:
Now it’s possible again to travel and play music live. Right now, we have the chance to meet at a showcase presented by Claudia Valentina in Berlin. And just a few weeks ago Sera played in front of 40,000 people on the Dutch holiday “Koningsdag” (transl. “Kings Day”). How do both of you deal with stage fright?

Claudia Valentina:
I’m still pretty new to performing. I started releasing music at the beginning of the lockdown, so shows were off the table for a long time. It’s a dream come true to be able to perform live now, and yep, I definitely get more nervous than I thought I would, but nerves are good! I love the feeling of adrenaline before I get on stage, it makes me perform better.

Sera:
I tell myself: You just do it! I still have stage fright. It’s getting better, but it’s still there. I think it’s just a matter of not thinking about it; just going with the flow, stress never made anything better; and learning from the mistakes I make while performing. Just keep going and try to get better every time.

»I was frozen, I couldn’t believe what I was seeing.«

MYP Magazine:
Sera, you played at Cristiano Ronaldo’s birthday party. How did that happen? And how was it?

Sera:
That was insane! It was my first ever performance in front of an audience—which is crazy in itself, let alone in front of him and his family. But it was a great experience! They were all so nice to me. I got a direct message from his wife’s assistant telling me that they would like to invite me to his birthday in Turin on February 5 to play some of their favorite songs. They had seen my covers and liked them—so they invited me. I was frozen, I couldn’t believe what I was seeing, but in less than two weeks we were in Turin and it was really happening.

»I finally got to perform live in front of people, which is scary but fun.«

MYP Magazine:
How did the artistic routines of the two of you evolve after Corona?

Claudia Valentina:
It’s so amazing that life is basically back to normal now and I can travel back to Los Angeles to make music. Some of my favorite producers and writers are based there, so getting back to having heavy studio time is exactly what I’ve been longing for.

Sera:
I finally got to perform live in front of people, which is scary but fun. I put a lot of work into my music, and to get back the energy of the audience is incredible. I never had that before.

»I usually get weird comments when I’m surrounded by guys.«

MYP Magazine:
You are both young female artists. Is your gender still relevant when it comes to starting off in the music industry? What experiences have you had with sexism, for example?

Sera:
I haven’t had any experience with sexism in the music industry. I know I’m pretty new, but so far everything is going super well. I feel like the creatives I work with are very chill and accepting. I have a girlfriend, and I usually get weird comments when I’m surrounded by guys—sexism is very real on that note.

Claudia Valentina:
I’m incredibly lucky to be surrounded by strong women, inside and outside the industry. The fact that they guide and empower me on my journey as an artist has really equipped me for anything.

»I love the unsalted opinions of my family.«

MYP Magazine:
What are the most important people in your lives—professionally and privately? And how do they shape your sound?

Sera:
My girlfriend and my family, especially my mom, my siblings, and their kids. And our dog! They are always bluntly honest. They keep me on the ground and always tell me if I’m doing too much vocally or if it sounds nice the way I’m doing it. I love their unsalted opinions.

Claudia Valentina:
I don’t know what I would do without my family and friends. I don’t know how I was lucky enough to have such a loving support system. My parents above all. I really don’t have the words to describe how selfless they are and how much they have pushed me to be the best I can be.

»I wanna make music that people make babies to.«

MYP Magazine:
Claudia Valentina, you were born and raised in Guernsey, an island in the English Channel off the coast of Normandy. How did growing up there influence your music?

Claudia Valentina:
I spent the first nine years of my life there, it’s a beautiful place. It’s in the middle of nowhere and has no music scene, so I had to look all over the world to find who I am. That has helped me in a lot of ways. I get inspired by so many genres of music from different places, and I like to think of my own style as a kind of melting pot of all my experiences with music outside of my hometown.

MYP Magazine:
Speaking of your musical style, you have some really sexy songs in your repertoire. Would you describe yourself as a sensual person? What kind of pleasure is it to sing such songs live?

Claudia Valentina (smiles):
Haha, yeah! I’m 21 and I’ve been working a lot, so I have the sexual frustration of a 16-year-old boy right now. I like to be as honest as possible when I write. I don’t like basic pop lyrics. If I’m being honest: I wanna make music that people make babies to.

»I’m going to get a tattoo of the title.«

MYP Magazine:
I would be delighted if each of you would tell me about one of your songs that you particularly love. What was the creative process that led to that song, and why is it so dear to you?

Claudia Valentina:
I just think of writing one of the songs on my new EP that’s coming out soon, “Sweat.” It’s the lead single on it, and the day of the recording in the studio was the first time I met Tom Mann and Lostboy, which led to them being among my closest friends today. I remember the energy in the room that day when we knew we’d made a great song, and I’ve been just as excited about it ever since.

Sera:
I would say my first single “Only us”—that’s where it all started. It was the first song I ever wrote and also how I met Bas aka Will Grands. He has produced or co-produced all my songs. Having him by my side feels like a luxury. He explained to me how to create melodies and so on. “Only us” takes me back in time—I’m going to get a tattoo of the title. That’s how much it means to me.


Anna-Sophia Richard

Interview — Anna−Sophia Richard

»Menschen müssen kreativ sein, wenn es ums eigene Überleben geht«

In ihrem Dokumentarfilm »Los cuatro vientos« macht Regisseurin Anna-Sophia Richard sichtbar, wie die Arbeitsmigration in den globalen Norden seit Jahrzehnten ein kleines Dorf in der Dominikanischen Republik verändert. Dafür wurde sie gerade mit dem »Young C. Award« des renommierten CIVIS Medienpreises ausgezeichnet. Im Interview erklärt sie, warum in der Dominikanischen Republik ein riesiges Missverständnis über das Leben im Ausland herrscht, was ihre eigene Lebensgeschichte mit dem Film zu tun hat und wieso insbesondere Frauen weder im Exil noch in ihrer Heimat die Anerkennung erfahren, die ihnen zusteht.

6. Juni 2022 — Interview & Text: Jonas Meyer, Fotografie: Frederike van der Straeten

Der Südwesten der Dominikanischen Republik ist eine Region, die besonders stark von der Auswanderung der einheimischen Bevölkerung geprägt ist. So ist es auch im Dorf Fondo Negro, dessen Bewohner*innen in alle Himmelsrichtungen verstreut leben. Denn im Ausland, so der allgemeine Glaube, lockten neue Perspektiven und vor allem Wohlstand. Und damit eine lukrative Einnahmequelle, um die zurückgelassene Familie zu versorgen.

Doch die Realität ist meistens eine andere: In vielen Fällen hetzen die Menschen im Exil von einer unsicheren, ausbeuterischen Arbeitsstelle zur nächsten – immer mit dem Druck im Nacken, genügend Geld nach Hause zu schicken und das Überleben der Familie zu sichern. Gleichzeitig werden sie im Laufe der Monate und Jahre immer mehr zu Fremden in ihrem Heimatdorf.

Mit den vielfältigen Geschichten jener Menschen aus Fondo Negro befasst sich der Dokumentarfilm „Los cuatro vientos“ von Regisseurin Anna-Sophia Richard, der von der Ludwigsburger Giganten Film produziert wurde und am 4. November 2021 im SWR seine TV-Premiere feierte. „Die vier Winde“, so der deutsche Titel, macht exemplarisch sechs besondere Schicksale sichtbar. So etwa das von Orfedita Herédia, die die erste Frau aus Fondo Negro war, die nach Europa auswanderte. Nach Jahren der Arbeit im Ausland kehrte sie 2010 in ihr Dorf zurück, wo sie kurze Zeit später zur Bürgermeisterin gewählt wurde.

Doch in „Los cuatro vientos“ geht es auch um die Lebensgeschichten und Gefühlswelten von Menschen, die nicht zurückgekommen sind und in New York, Stuttgart oder Madrid feststecken. Dort haben sie nicht nur mit Einsamkeit, Heimweh und Existenzängsten zu kämpfen. Durch ihre ökonomische Lage können sie auch kaum eine freie Entscheidung treffen. Und ihre familiären Beziehungen sind durch die große Distanz permanent bedroht.

Als Tochter eines dominikanischen Vaters und einer deutschen Mutter erlebte die Regisseurin selbst, wie einschneidend die Auswanderung ein Leben verändern kann. Mit sechs Jahren zog Anna-Sophia Richard mit ihrer Mutter und ihrer jüngeren Schwester aus der Dominikanischen Republik nach Deutschland, ihr Vater aber blieb dort. Einige Jahre später versuchte auch er, in Deutschland anzukommen. Doch die Erfahrung von alltäglichem Rassismus und Chancenungleichheiten ließen ihn enttäuscht in die Dominikanische Republik zurückkehren.

Die Erfahrungen aus ihrer Kindheit und Jugend haben Anna-Sophia Richard motiviert zu erforschen, wie sich die Dominikanische Republik durch die Auswanderung so vieler Menschen verändert und wie diese die Folgen von Familientrennung erleben und verarbeiten. Vor wenigen Tagen nun wurden sie und ihr Dokumentarfilm mit dem „Young C. Award“ des renommierten CIVIS Award ausgezeichnet – Europas bedeutendstem Medienpreis für Integration und kulturelle Vielfalt.

»Ich wollte deutlich machen, dass Arbeitsmigrant:innen sehr viel aufgeben, um bei uns ihr Glück zu suchen.«

MYP Magazine:
Anna, was hat Dich motiviert, so einen Film wie „Los cuatro vientos“ zu machen?

Anna-Sophia Richard:
Ich bin in der Dominikanischen Republik zur Welt gekommen und aufgewachsen. Als ich sechs Jahre alt war, ist meine Mutter mit mir nach Deutschland gezogen, mein Vater aber blieb dort. Seitdem hat mich das Thema einer getrennten Familie nicht mehr losgelassen – auch, weil der Rest meiner dominikanischen Verwandten auf der ganzen Welt verstreut lebt. Mit „Los cuatro vientos“ wollte ich verschiedenste Aspekte der Migration sichtbar machen, die ich selbst aus meiner „Kinderperspektive“ noch nicht kannte.
Außerdem hatte ich immer das Gefühl, dass in unserer gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit Migrationsgeschichten die Arbeitsmigration eine geringere Beachtung findet als andere Formen der Migration. Mit „Los cuatro vientos“ wollte ich deutlich machen, dass Arbeitsmigrant:innen sehr viel aufgeben, um bei uns ihr Glück zu suchen. Die Entbehrung und Opfer sind für die ganze Familie schwerwiegend und bedeuten einen großen Verlust.

»Vieles wird sichtbar, was sich die meisten von uns im globalen Norden gar nicht vorstellen können.«

MYP Magazine:
Welche Gefühle hattest Du selbst während der Arbeit an dem Film?

Anna-Sophia Richard:
Sehr gemischte. Als ich angefangen habe, an „Los cuatro vientos“ zu arbeiten, wurde ich öfter gefragt, welche Haltung ich selbst zu diesen Migrationsgeschichten habe; ob ich es als positiv oder negativ empfinde, dass die Leute ihr Dorf und ihre Familien verlassen. Dadurch wurde mir bewusst, dass ich keine wertende Haltung einnehmen wollte. Diese Erkenntnis war sehr wichtig und hat sich im filmischen Prozess verfestigt. Mir wurde durch die Arbeit am Film klar, dass es immer Migration geben wird. Und dass das Leben der Bleibenden auf den ersten Blick glücklicher wirkt, jedoch ohne die Opfer der Auswandernden nicht möglich ist.
Gleichzeitig ist in mir aber auch ein tiefes Gefühl der Bewunderung für diese Menschen entstanden. Wenn man die einzelnen Schicksale aufdröselt, wird vieles sichtbar, was sich die meisten von uns im globalen Norden gar nicht vorstellen können. In mir persönlich hat das tiefe Gefühle von Demut und Traurigkeit ausgelöst – und die Sehnsucht dieser Menschen nach ihrem Herkunftsland habe ich im Laufe der Dreharbeiten immer besser verstehen und nachempfinden können.

»Viele dominikanische Kinder und Jugendliche träumen davon, durch Baseball ihr Glück zu machen.«

MYP Magazine:
Wie hast Du diese Menschen überhaupt gefunden? Und wie ist es dir gelungen, dass sie Dir so persönliche und intime Gedanken anvertraut haben – und das auch noch vor einer Kamera?

Anna-Sophia Richard:
Mein Kameramann Jonas Schneider und ich haben im Vorfeld zwei große Recherchereisen in die Dominikanische Republik unternommen und dabei etliche Interviews geführt, bevor wir schließlich eine Entscheidung für die Protagonist:innen des Films getroffen haben. Das waren stellenweise zehn Gespräche am Tag. Uns war klar, dass wir Migration in all ihren Facetten erzählen wollten, und daher hatten wir sehr klare Vorstellungen von den Perspektiven, die der Film repräsentieren soll.
Für die Perspektive der Kinder hat sich beispielsweise das Thema Baseball angeboten, der Sport hat dort denselben Stellenwert wie in Deutschland der Fußball und ist mit denselben Träumen und Sehnsüchten verbunden. Viele dominikanische Kinder und Jugendliche träumen davon, durch Baseball ihr Glück zu machen, auch wenn am Ende nur sehr wenige von ihnen wirklich schaffen.

»In der Dominikanischen Republik herrscht ein riesiges Missverständnis darüber, wie so ein neues Leben im Ausland aussieht.«

MYP Magazine:
Wie haben die Menschen vor Ort darauf reagiert, dass Du über ihre Situation einen Dokumentarfilm machen wolltest?

Anna-Sophia Richard:
Insgesamt haben sich sehr viele Menschen, mit denen wir ins Gespräch gekommen sind, über unser Filmvorhaben gefreut und uns bereitwillig unterstützt. Dabei war es von Vorteil, dass ich selbst sehr offen mit meiner eigenen Geschichte umgegangen bin und den Leuten viel von meiner familiären Situation erzählt habe. Ich denke, dadurch haben sie sich auf eine besondere Weise mit mir verbunden gefühlt. Überhaupt ist es den Menschen dort wichtig, dass ihre Geschichten erzählt werden. Sie alle erleben Tag für Tag, welche immensen Folgen die Migration auf ihr Leben hat, und sie leiden unter dem Rassismus und den Vorurteilen, mit denen die Leute ihnen in ihrer neuen Umgebung begegnen.
Zudem herrscht in der Dominikanischen Republik ein riesiges Missverständnis darüber, wie so ein neues Leben im Ausland aussieht. Und viele derjenigen, die etwa nach Europa oder in die USA migriert sind, haben ein großes Interesse daran, dass auch ihre Landsleute verstehen, wie hart und entbehrungsreich das neue Leben ist.

»Jede:r von ihnen hat die Hoffnung: Wenn ich es versuche, dann wird sich mein Leben verbessern.«

MYP Magazine:
Die Protagonistin Julia sagt an einer Stelle des Films: „Als ich auswanderte, habe ich nicht darüber nachgedacht, was mich erwarten würde.“ Mangelt es den Menschen in der Dominikanischen Republik an Informationen, wie das Leben ihrer migrierten Landsleute im Ausland tatsächlich aussieht – und welche Widrigkeiten damit oft verbunden sind?

Anna-Sophia Richard:
Jede:r von ihnen hat die Hoffnung: Wenn ich es versuche, dann wird sich mein Leben verbessern. Diese Zuversicht ist ja auch etwas total Menschliches. Das Problem ist nur, dass die, die im Ausland leben, den anderen in der Heimat zeigen wollen, dass es ihnen gut geht; dass sie es geschafft haben; dass ihre Entscheidung richtig war. Und sie möchten, dass sich ihre Familien keine Sorgen machen. Von den Problemen wird dann eher weniger erzählt, vor allem, wenn man gerade auf Besuch in der Dominikanischen Republik ist.

MYP Magazine:
Glaubst Du, dass Dir deine eigene Biografie dabei geholfen hat, diesen Dokumentarfilm zu realisieren?

Anna-Sophia Richard:
Ja, auf jeden Fall. Die Protagonist:innen haben mir schnell vertraut und sich geöffnet, insgesamt habe ich mich in dem Thema sehr sicher gefühlt und dadurch eine große Freiheit bei der Umsetzung empfunden. Für mich ist das eine wichtige Voraussetzung, um ein Filmprojekt umzusetzen. Das half mir auch, mich auf die Sprache des Films zu konzentrieren. Uns ging es darum, mit dem Film Gefühle zu vermitteln und nicht nur durch Fakten aufzuklären.

»Wir wollten die Menschen wertschätzend und würdevoll abbilden und keinen westlichen Armutsvoyeurismus befördern.«

MYP Magazine:
„Los cuatro vientos“ wirkt sehr stimmungsvoll und fast szenisch. Dieser Eindruck entsteht unter anderem durch die langsamen Kamerafahrten, die ungewöhnlichen Bildausschnitte und die cineastischen Farben. Warum haben Dein Kameramann Jonas Schneider und Du auf diesen Stil gesetzt?

Anna-Sophia Richard:
Während unserer vielen Gespräche vor Ort haben wir immer wieder von Menschen gehört, die im Ausland gestorben sind und es nicht mehr geschafft haben, noch einmal ihre Heimat zu sehen. Diese Geschichten haben uns sehr berührt und uns dazu inspiriert, einen sehnsuchtsvollen Blick auf Fondo Negro einzunehmen – einen Blick, der wie die Erinnerung dominikanischer Migrant:innen an ihr geliebtes Zuhause wirkt. Dabei sollte die Kamera immer das Gefühl vermitteln, mehr oder weniger zu schweben – und von den vier Winden getragen zu sein, die für die vier Himmelsrichtungen stehen, in die die Menschen ausgewandert sind. Außerdem wollten wir die Menschen wertschätzend und würdevoll abbilden und keinen westlichen Armutsvoyeurismus befördern. Es ist ohnehin die Frage, wer von den beiden Personengruppen das härtere Los gezogen hat: diejenigen, die im Dorf geblieben sind, oder diejenigen, die weit weg in der Fremde leben und diese große Sehnsucht in sich tragen.

MYP Magazine:
Im Film wirken die Orte der Migration eher dunkel und kühl, während die Szenen in der Dominikanischen Republik durchgehend hell und warm dargestellt sind.

Anna-Sophia Richard:
Das war ein wichtiger Teil unseres Konzepts. Im Film wirkt beispielsweise New York mit seinen riesigen Hochhäusern wie ein Ort, an dem man sich als einzelner Menschen total klein fühlt. Oder Stuttgart, das in unserem Film wie ein Ort der Einsamkeit wirkt. Mir ist es selbst immer wieder passiert, dass ich aus der Dominikanischen Republik nach Deutschland geflogen bin, dann im Auto auf dem Weg nach Hause saß und das Gefühl hatte: Hier ist ja gar nichts los auf den Straßen. Wo sind denn diese ganzen Menschen?

»Als junge Mutter mag ich mir kaum vorstellen, wie schmerzhaft es für Orfedita war, ihre Familie und das Neugeborene zu verlassen.«

MYP Magazine:
Gibt es ein persönliches Schicksal, das Dir im Laufe des Drehs besonders ans Herz gewachsen ist?

Anna-Sophia Richard:
Ich konnte mich insbesondere mit den Frauen sehr gut identifizieren. Ich finde es stark, wie sie sich für ihre Familien aufgeopfert haben und zusätzlich mit einer überaus machistischen Gesellschaft in ihrer Heimat konfrontiert sind. Es ist bemerkenswert, wie viele dominikanische Frauen sich im Ausland fast zu Tode arbeiten und trotzdem zu Hause nicht die Anerkennung erhalten, die sie verdienen.
Und da ich selbst vor kurzem Mutter geworden bin, muss ich immer wieder an Orfedita Herédia denken, die Bürgermeisterin des Dorfes. Sie hatte in den 1980er Jahren als eine der ersten dominikanischen Frauen das Dorf verlassen, ihr Kind war da gerade erst drei Monate alt. Als junge Mutter mag ich mir kaum vorstellen, wie schmerzhaft es für Orfedita war, ihre Familie und das Neugeborene zu verlassen. Die vielen Ängste und Vorwürfe, die sie sich damals gemacht hat, waren unerträglich für sie.
Ganz davon abgesehen gab es in jener Zeit auch noch kein Internet – das heißt, Frauen wie Orfedita sind in ein Land ausgewandert, von dem sie nicht wussten, wie es aussieht und was sie dort erwarten würde. Und sie haben in Kauf genommen, ihre Familie für Monate, vielleicht für Jahre nicht wiederzusehen. Dass es heutzutage möglich ist, täglich über Videoanruf zu kommunizieren, war für sie unvorstellbar.

MYP Magazine:
Warum ist es im Süden der Dominikanischen Republik so, dass so viele Frauen auswandern und so wenige Männer?

Anna-Sophia Richard:
In den 1980er Jahren wurden in Spanien und in anderen europäischen Ländern immer mehr Frauen berufstätig. Und so gab es einen immer größeren Bedarf an weiblichen Haushaltshilfen.

MYP Magazine:
Glaubst Du, dass eine Chance besteht, dass die Männer dort verstehen, welches anachronistische Bild auf Gesellschaft und Mann und Frau sie haben und welche Steine ihnen das letztendlich in den Weg legt?

Anna-Sophia Richard:
Es wäre wünschenswert, wenn das verstanden würde. Aber das ist ein langer Prozess.

»Auch wir in Deutschland haben noch einen langen Weg vor uns, was Aufklärung, Gleichberechtigung und Gender-Themen angeht.«

MYP Magazine:
Im Film wird unter anderem ein Gespräch zwischen der Bürgermeisterin und einem Mann gezeigt. Sie unterhalten sich über eine aus Fondo Negro stammende Frau, die in Madrid von ihrem Ex-Partner ermordet wurde. Die Bürgermeisterin sagt: „Solche Geschichten dürfen nicht vergessen werden. Wir Frauen sind wehrlose Wesen. Am Ende sind wir leichte Beute. Das muss sich ändern.“

Anna-Sophia Richard:
Da hat sie recht. Ich bin mir aber nicht sicher, ob auch andere Frauen das so sehen, wie Orfedita das tut. Und zudem muss man sagen, dass leider die Frauen, die aus der Dominikanischen Republik oft auswandern, auch in ihrem neuen Alltag unter Situationen leiden, in denen sie als Frauen diskriminiert werden. Viele müssen als Putzkräfte arbeiten. Hinzu kommen sexuelle Übergriffe, die migrantische Frauen häufig treffen. Die Realität in Deutschland ist ja nicht so, dass hier unbedingt alles so ist, wie man es sich wünschen würde. Warum ich das so explizit sage: Auf jeden Fall muss sich in der Dominikanischen Republik etwas ändern. Und ich hoffe, dass es das auch tut. Aber auch wir hier haben noch einen langen Weg vor uns, was Aufklärung, Gleichberechtigung und Gender-Themen angeht. Ganz oft sind die Frauen, die als Migrantinnen kommen, auch die, die am stärksten leiden. Manche haben als Ärztinnen gearbeitet, sind hier aber erst mal Putzkräfte. Sie leiden dadurch doppelt: unter Rassismus und Sexismus.

»Diese Fälle sind nicht weniger wichtig als die von Menschen, die vor dem Krieg oder Naturkatastrophen geflohen sind.«

MYP Magazine:
Gerade erleben wir in Europa eine Situation, in der ebenfalls unzählige Frauen ihr Land verlassen und die Männer zurückbleiben – allerdings, weil sie vor dem Krieg fliehen, nicht vor der Armut. Welche Bedeutung hat ein Film wie Deiner in der aktuellen Zeit? Gibt es Parallelen, die Du ziehen kannst?

Anna-Sophia Richard:
Was jede Flucht mit sich bringt, ist die Trennung von Familien. Meine Protagonist:innen im Ausland haben einen Sehnsuchtsort, der immer noch existiert. Sie können ihre Sehnsucht beruhigen, indem sie sich sagen: In ein paar Jahren kann ich den nochmal sehen – egal, wie unrealistisch das ist, weil sie vielleicht gar nicht das Geld für das Flugticket zusammenbekommen. In der Ukraine ist das etwas anderes: Da wissen die Leute, dass das Land vielleicht nie wieder so aussehen wird, wie sie es kennen. Das muss ein furchtbarer Schmerz sein.
Unser Film ist zeitlos und wichtig. Das Thema Migration wird immer existieren und jedes Land hat seine eigene Auswanderungsgeschichte, wie ein Protagonist in unserem Film sagt. Die Gründe für das Weggehen oder die Flucht sind vielfältig. Sie zu bewerten oder gar zu verurteilen, steht uns nicht an. Selten wird über die wirtschaftliche Bedeutung der Migration gesprochen. Dabei profitiert sowohl die Ökonomie der Einwanderungsländer als auch die der Auswanderungsländer. Ohne die Überweisungen aus dem Ausland wäre deren Wirtschaftskraft deutlich niedriger – und Hunger und Armut dagegen viel stärker ausgeprägt.
Unser Film macht deutlich, wie sehr das Leben der Familien vom dem im Ausland erwirtschafteten Geld abhängt. Und da die Migration immer weitergeht, ist das ein Zirkel, der nie enden wird.
Mein Anspruch war zu zeigen, dass diese Fälle nicht weniger wichtig sind als die von Menschen, die vor dem Krieg oder Naturkatastrophen geflohen sind. Die Leute aus der Dominikanischen Republik kommen ja nicht, weil sie Deutschland so schön finden und unbedingt dort leben wollen. Sie kommen, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt. Und das, was sie dafür aufgeben, ist für uns unvorstellbar. Wir können uns in der Regel nicht vorstellen, dass man sich von seiner Familie verabschiedet in dem Wissen, sie vielleicht nie wiederzusehen.

»Menschen müssen kreativ sein, wenn es ums eigene Überleben geht.«

MYP Magazine:
„Los cuatro vientos“ ist Dein Abschlussfilm. Was glaubst Du, wie hat dieser Film Deine berufliche Zukunft beeinflusst? Bist Du durch den Film auf neue Themen gestoßen, die Dich als Regisseurin interessieren?

Anna-Sophia Richard:
Neue Themen habe ich durch den Film für mich nicht entdecken können. Aber ich habe als Regisseurin besser verstehen können, wie ich Filme machen möchte. Dazu gehört auch, mich und meine eigene Sprache weiterzuentwickeln. Darauf habe ich wieder einen frischen Blick werfen können. Momentan entwickle ich ein szenisches Projekt über eine Frau, die durch eine Scheinehe nach Deutschland auswandern kann und der die neue Realität sehr zu schaffen macht. Es gibt die verschiedensten Formen der Migration und Menschen müssen kreativ sein, wenn es ums eigene Überleben geht.


LIAS

Interview — LIAS

»Ich hatte immer den Impuls wegzulaufen«

Domsingknabe in Augsburg, BWL-Student und Investmentbanking-Praktikant in München und jetzt Vollblutmusiker in Berlin: Das Leben nimmt bisweilen ungewöhnliche Routen, insbesondere das von Elias Wuermeling aka LIAS. Gerade hat der Singer-Songwriter seine Debut-EP »Run Boy Run« veröffentlicht. Im Interview spricht er über falsche Glaubenssätze, deutsches Schubladendenken und die Bedeutung der Klassik für die heutige Popmusik.

23. Mai 2022 — Interview & Text: Jonas Meyer, Fotografie: Juliusz Gastev

Mit dem Land der Dichter und Denker ist es so eine Sache: Man sonnt sich allzu gern in dem, was einst vor grauer Zeit geschaffen wurde. Doch das reicht leider nicht mehr aus. Der Titel, so das Gebot der Logik, lässt sich nur dann beanspruchen, wenn man weiterhin für Nachwuchs sorgt. Und, ganz nebenbei, auch all die Dichter:innen und Denker:innen inkludiert, die es auch noch gibt.

Doch in vielen Familien, so scheint es fast, hat man das mit dem Nachwuchs noch nicht so ganz durchdrungen. Zwar schaut man fleißig Netflix und TV, erfreut sich an Spotify und Radio, geht ins Theater und Ballett und frisst sich durch Bücher aller Art. Doch das eigene Kind, bitte schön, das möge doch beruflich etwas anderes machen als Schauspiel, Musik oder Schriftstellerei. Lieber was Handfestes und Sicheres. Was mit Perspektive.

Die Eltern von Elias Wuermeling, 30 Jahre alt und hauptberuflich Musiker, sind eigentlich von einem anderen Schlag. Mit fünf Jahren schickten sie den Jungen zum klassischen Klavierunterricht, wenig später folgte die musikalische Früherziehung bei den Augsburger Domsingknaben. Mit neun wurde er vollwertiges Mitglied des Chors. Dort sang er– mit kurzer Stimmbruch-Pause – als Solist bis zum Abitur, reiste um die Welt und trat auf den großen Klassik-Bühnen auf.

Doch eine Musikerkarriere startete er dann trotzdem nicht – sondern entschied sich, BWL zu studieren. Zu sehr, so wird er uns im Interview erzählen, hätten ihn die Erwartungen anderer zurückgehalten. Zu schwer hätten all die bekannten Glaubenssätze gewogen, nach denen es das Wichtigste im Leben sei, „was G’scheites“ zu machen.

Es brauchte eine Reise um die Welt, ein Praktikum im Investmentbanking und den Job in einem Berliner Start-up, bis er merkte, dass er in seinem Leben nichts anderes machen will als Musik. Da das Geld für so einen Neubeginn eher knapp war, starte er 2020 eine Crowdfunding-Kampagne, mit der er etwa 6.000 Euro für die Realisation seiner Debut-EP einsammelte. Der Titel der Aktion: „Vom Büro auf die Bühne“. In diesem Zuge warf er auch den ersten Buchstaben seines Vornamens über Bord. Das E musste weichen, so sagt er, weil es ihn zu sehr and das Wort eigentlich erinnere. Soll heißen: keine Kompromisse mehr.

Dass LIAS das Ruder in Richtung Vollzeitmusiker herumgerissen hat, war wahrscheinlich die beste Entscheidung seines Lebens. Und auch uns, dem Publikum, kann das nur gelegen kommen, denn LIAS‘ Musik ist vielschichtig und einfühlsam, kraftvoll und verletzlich, akribisch arrangiert und gleichzeitig überaus klar. Sein Repertoire reicht dabei von den schmerzhaft-melancholischen Indie-Tracks „Home“ und „Lost“ über den balladigen Folk-Song „Run Boy Run“ bis zu „Hide and Seek“, eine Uptempo-Nummer, die er mit vielen elektronischen Elementen auflädt. Und dazu gibt’s mit „Let Me Down Easy“ eine eher neosoulige Nummer, bei der man sich an Marla Glen oder Michael Kiwanuka erinnert fühlt.

Im Hackbarth’s in Berlin-Mitte, einer seiner Lieblingsbars, treffen wir LIAS zum Gespräch. Und wir haben ein kleines Geschenk dabei: den Roman „Hard Land“ von Benedict Wells.

»Ich hatte in meinem Leben immer die Tendenz, einen Fluchtinstinkt zu entwickeln, wenn die Dinge schwierig wurden.«

MYP Magazine:
Bei Deinem Song „Run Boy Run“ fühlen wir uns sehr an dieses Buch erinnert: „Hard Land“ ist eine liebevoll erzählte Coming-of-Age-Story, die Mitte der 1980er Jahre im mittleren Westen der USA spielt und die mit ihren musikalischen Referenzen den Sound eines ganz bestimmten Lebensgefühls beschreibt. Welche Bilder hattest Du selbst im Kopf, als Du den Song geschrieben hast?

LIAS:
So ein Feedback freut mich riesig! Es ehrt mich sehr, wenn meine Musik etwas mit einer Person macht und es da irgendeinen Anknüpfungspunkt gibt, der ganz bestimmte Emotionen auslöst. Mit den Bildern, die ich selbst vor Augen hatte, ist das allerdings so eine Sache. Wenn ich schreibe, bin ich meistens nicht so visuell unterwegs. Es ist eher so, dass ich vor mich hinmurmele und daraus irgendwann eine Zeile entsteht. Und daraus wiederum entwickelt sich Stück für Stück eine Songidee – denn oft versteckt sich allein in dieser einen Zeile ein Gefühl, das ich als Basis nehmen und alles darum herumbauen kann.
Bei „Run Boy Run“ geht es um einen Blick auf mich selbst. Ich hatte in meinem Leben immer die Tendenz, einen Fluchtinstinkt zu entwickeln, wenn die Dinge schwierig wurden oder es eine Situation gab, mit der ich nicht klarkam. Kurz gesagt: Ich hatte immer den Impuls wegzulaufen, zumindest in der Vergangenheit.

MYP Magazine:
Kannst Du ein Beispiel für eine solche Situation nennen?

LIAS:
Etwa, nach dem Abitur, bevor ich in München meinen Bachelor hatte. In dem Moment war ich mit dieser einen großen Frage konfrontiert: Was fange ich mit meinem Leben an? Ich bin mit dem Glaubenssatz aufgewachsen, dass es im Leben wichtig ist, „was G’scheites“ zu machen, etwas mit Fundament. Und da war Kunst und Kultur als Beruf eher keine Option. Da bin ich vor mir selbst in etwas vermeintlich „Sicheres“ weggelaufen. Und so fiel ich immer in ein riesiges Loch, wenn ich nicht wusste, was der nächste Schritt sein könnte.
Nach dem Bachelor wieder das Gleiche: Statt mich mit dieser Frage mal zwei, drei Wochen ordentlich auseinanderzusetzen, gab es in mir nur diesen Fluchtinstinkt. Mir wurde alles zu viel, ich wollte einfach nur raus. Also habe ich mich entschieden, ein paar Wochen lang zu jobben und mit dem verdienten Geld um die Welt zu reisen. Vier Monate lang war ich unter anderem in Südafrika und Südostasien unterwegs.
Im Jahr 2020 schließlich, als ich nach meiner Zeit in der Berliner Start-up-Welt die Entscheidung getroffen hatte, mich voll der Musik zu widmen, kam völlig unerwartet und zu allem Überfluss Corona um die Ecke. Wie viele andere Leute hatte auch ich plötzlich mit Mental-Health-Problemen zu kämpfen. Ich war sehr depressiv und wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte. Mein Impuls war, alles von mir zu stoßen: Menschen, Beziehungen, einfach alles, was mein bisheriges Leben ausgemacht hatte. Das war ein radikaler Befreiungsschlag. „Run Boy Run“ – erst mal von allem weg und mit sich selbst klarkommen.

»Mach doch was Vernünftiges!«

MYP Magazine:
Du warst viele Jahre Solist bei den Augsburger Domsingknaben und bist auf den großen Bühnen dieser Welt aufgetreten, in Ecuador und sogar an der Seite von José Carreras. Hat Dir das nicht bewiesen, dass Musiker auch ein „g’scheiter“ Beruf sein kann?

LIAS:
Nach dem Abi – da war ich gerade aus dem Chor ausgeschieden – hatte ich mich tatsächlich gefragt, ob ich nicht vielleicht Sänger werden wollte. Dennoch war die Entscheidung, professionell Musik zu machen, erst mal sehr weit weg. Ich glaube, ich war einfach zu stark geprägt von meiner Erziehung. Zwar war meinen Eltern eine musikalische Grundausbildung bei ihren Kindern sehr wichtig, aber dennoch wollten sie nie, dass einer von uns das hauptberuflich macht. Mein Vater war Wirtschaftslehrer, meine Großeltern eher konservativ geprägt, da war das keine Option. Vor allem für mich als Ältesten hieß es: „Mach doch was Vernünftiges!“ Daher habe ich angefangen, BWL zu studieren. Lustigerweise ist einer meiner Brüder heute Opernsänger und unsere Eltern finden unsere Berufe gut. Aber damals war das einfach kein Thema. Vielleicht täusche ich mich auch komplett und ich habe mir den Druck immer nur eingeredet.

»Es ist im Leben auch wichtig, dass man merkt, was man nicht will.«

MYP Magazine:
Bevor Du Vollzeitmusiker geworden bist, hast Du zwischenzeitlich noch Musikmanagement studiert und im Investmentbanking sowie bei einem Streamingdienst für klassische Musik gearbeitet. Bereust Du diesen Umweg?

LIAS:
Manchmal schaue ich auf mich selbst und frage mich, warum ich das mit der Musik nicht schon vorher gemacht habe. Warum ich dieser künstlerischen Seite in mir nicht mehr Raum gegeben habe, um wirklich das zu sein, was ich bin, nämlich Musiker. Und dann blicke ich auf diesen „Umweg“ und denke mir: Ohne diese vielen Stationen wäre ich jetzt nicht an dem Punkt, an dem ich bin – mit mir selbst, mit dem, was ich erlebt habe, und mit den Aussagen, die ich mit meiner Musik mache. All das gehört einfach zu meiner Geschichte dazu, all das hat zu der Reise beigetragen. Daher gibt es keinen Grund für mich, irgendetwas zu bereuen. Ganz im Gegenteil: Es ist im Leben auch wichtig, dass man merkt, was man nicht will.

»Leider haben wir in Deutschland immer den Drang, Musik in eine bestimmte Ecke zu stellen.«

MYP Magazine:
Mit den Songs, die Du bisher veröffentlicht hast, machst Du eine große musikalische Spannweite auf: Von Indie über Folk und Dance bis zu Neoklassik bietest Du in diversen Genres etwas an. Bist Du noch auf der Suche nach einem eigenen Stil?

LIAS (lächelt):
Nein, ganz im Gegenteil. Mein Stil ist es, einen Song nicht eines bestimmten Genres wegen zu schreiben, sondern der ersten inhaltlichen Idee erst mal einen gewissen Raum zu geben, aus dem sich heraus der Sound entwickelt. Ich habe immer Musik gemacht, die aus dem Herzen kommt und in dem Moment durch mich spricht. Und diese Musik habe ich so stehen lassen, ausproduziert und veröffentlicht.
Davon abgesehen ziehe ich meine Inspiration ohnehin aus den unterschiedlichsten Bereichen. Auf der einen Seite bin ich intensiv mit klassischer Musik aufgewachsen, was nach wie vor ein großer Einflussfaktor ist, gerade wenn es um Melodien geht. Auf der anderen Seite bin ich ein großer Blues-Fan und mag Künstler wie John Mayer oder BB King total. Und auch in Soul und Jazz bin ich super gerne unterwegs.
Ich mag diese Vielfalt sehr und finde es schön, dass ich das für mich zulassen kann. Leider haben wir in Deutschland immer den Drang, Musik in eine bestimmte Ecke zu stellen. Wenn man nach Amerika schaut, kann man als Künstler in der einen Single rappen und im nächsten Release singen. The Kid Laroi zum Beispiel ist eigentlich Rapper, aber haut dann mit Justin Bieber einen poppigen Dance-Hit wie „Stay“ raus – einfach, weil die beiden Bock haben, miteinander geile Musik zu machen.

MYP Magazine:
Warum glaubst Du, dass das in Deutschland so ist?

LIAS:
Vielleicht war ich da jetzt auch zu gemein. Aber ich habe das Gefühl, dass wir in Deutschland mit einem sehr traditionellen und sicherheitsbezogenem Wertesystem ausgestattet sind, das dieses Schubladendenken geradezu erzwingt und nicht so viel Freiraum für Entwicklungen zulässt, die vielleicht in eine ganz andere Richtung gehen. Ich glaube, das kommt sehr aus unserer Sozialisierung und der Art und Weise, wie wir aufwachsen.

»Was die Melancholie angeht, bin ich vielmehr bei Chopin.«

MYP Magazine:
In einem Artikel der Augsburger Allgemeinen heißt es über Dich: „Wenn er aber an seinen Songzeilen schreibt, denkt er auch immer an Augsburg zurück – und an die Musik lang vergangener Epochen, an die Bachs und Mozarts, die so gar nichts mit den Ed Sheerans von heute am Hut zu haben scheinen.“

(LIAS lacht)

MYP Magazine:
Ist es erstens nicht so, dass die Musik von Ed Sheeran ohne Bach und Mozart gar nicht möglich wäre? Und wäre es zweitens in Deinem Fall nicht eher jemand wie Mahler, an den Du zurückdenkst, weil er Dir in der Melancholie seiner Musik viel näher ist als Bach oder Mozart?

LIAS:
Erstens: Das gilt nicht nur für Ed Sheeran: Nichts von dem, was wir heute musikalisch machen, gäbe es ohne die Klassik. Das alles ist eine ganz natürliche, zusammenhängende Entwicklung, Musik entsteht nie im luftleeren Raum. Man verarbeitet immer das, was einen inspiriert oder was man irgendwo gelernt hat, arbeitet es für sich mit seinem eigenen Können um und produziert daraus etwas Neues. Der Kanon in D-Dur von Johann Pachelbel aus dem 17. Jahrhundert etwa ist in allen möglichen Popsongs verwendet worden, die Melodien findet man auch nach 300 Jahren noch überall.
Und zu dem zweiten Punkt: Mahler hat als Komponist gar keinen so großen Einfluss auf mich. Was die Melancholie angeht, bin ich da vielmehr bei Chopin. Schon als Kind habe ich im Klavierunterricht sehr viel Chopin gespielt. Die Nocturnes zum Beispiel liebe ich sehr und spiele ich heute noch immer wieder.

»Ich glaube nicht, dass es gut ist, beim Songwriting zwanghaft mit dem Ziel zu starten, eine catchy Hook zu entwickeln.«

MYP Magazine:
Was hast Du durch Deine klassische Musikausbildung über die Funktionsweise von Songs gelernt? Wie muss man einen Track bauen, damit er bei den Hörenden eine Emotion auslöst und im Kopf bleibt?

LIAS:
Das Wort Funktionsweise klingt sehr technisch, daher gebe ich eine andere Perspektive darauf: Als Künstler muss man das machen, was einen selbst beschäftigt und bewegt. Und wenn man es schafft, genau das in seine Musik zu übersetzen, passiert es ganz automatisch, dass es in einem anderen Menschen ein Bild auslöst und ihm eine emotionale Bandbreite bietet, mit der er sich verknüpfen kann. Ich glaube nicht, dass es gut ist, beim Songwriting zwanghaft mit dem Ziel zu starten, eine catchy Hook zu entwickeln und davon ausgehend den Rest des Songs zu schreiben. Viel wichtiger ist es doch, in seiner Musik mit den eigenen Emotionen und Erlebnissen eine authentische Aussage zu treffen, eine Verbindung zu sich selbst herzustellen und damit in der Konsequenz auch zu anderen. Wenn man das irgendwie erreichen kann, ist es etwas Wunderbares. Und das ist der Kern dessen, was ich persönlich schon von klein auf in der Klassik gelernt habe.

»In Billy Joels Verbundenheit zur Klassik habe ich auch immer wieder mich selbst erkannt.«

MYP Magazine:
Ein Künstler, der Dich in besonderer Weise inspiriert, ist Billy Joel. Was verbindet Dich mit seiner Musik?

LIAS:
Als Kind bin ich mal an einem Nachmittag, an dem mir langweilig war, habe ich mal im CD-Schrank meiner Eltern eine Billy-Joel-CD entdeckt und sie gespielt. Seitdem begleitet mich diese Musik, vor allem in den letzten Jahren habe ich seine Songs wieder für mich entdeckt und durchgehört. Ich bin fasziniert von seinem Writing, seiner Stimme und dem Ausdruck, der in seinen Liedern liegt. Und für sein Album „Turnstiles“ hat er mit „Prelude / Angry Young Man“ ein Klavier-Präludium geschrieben, einfach so. In Billy Joels Verbundenheit zur Klassik habe ich auch immer wieder mich selbst erkannt.
Solche Elemente findet man auch bei vielen anderen Künstlerinnen und Künstlern, man muss nur mal genauer hinhören. Das Debütalbum von Alicia Keys zum Beispiel, „Songs In A Minor“, ist mit dem prägnanten Piano stark an Chopin angelegt. Ein Song wie „Fallin‘“ fängt klassisch an, dann kommt da irgendwann der Beat rein – großartig! Wenn man so etwas hört, wird einem bewusst, dass diese Schubladen, in denen man gerne denkt, de facto nicht existieren.

MYP Magazine:
Wenn Du einen Song von Billy Joel offiziell covern dürftest, welcher wäre das?

LIAS:
Auf jeden Fall „New York State of Mind“! Das ist ein Song, den ich sehr gerne spiele, der mich tief berührt und seit Jahren schon in meinen Fingern steckt. Den würde ich sofort covern, ein krass guter Song!

»Ich glaube, wir müssen uns mehr trauen.«

MYP Magazine:
Du scheinst nach einem langen, kurvigen Weg endlich dort angekommen zu sein, wo Du immer hinwolltest. Wie geht Deine Reise weiter? Hast Du konkrete Pläne oder Wünsche für die Zukunft?

LIAS:
Da gibt es so viele Ebenen, auf denen man das beantworten kann. Ich habe vor allem Lust, weiter die Musik zu machen, die ich liebe und in der auch andere Menschen etwas sehen. Ich habe Lust, weiter auf der Bühne stehen. Und ich habe Lust – weil es mich aus meiner eigenen Geschichte heraus antreibt –, die Leute dazu zu bringen, dass sie öfter mal sagen: „Scheiß drauf, ich mach’s jetzt einfach.“ Ich glaube, wir müssen uns mehr trauen. Das fände ich wahnsinnig schön.


My Girl is a Boy

Photo series — Melissa Ianniello

My Boy is a Girl

With her photo series, »My Girl is a Boy«, Italian photographer Melissa Ianniello captures the ongoing process of self-determination of her partner Davide who identifies as a trans man. Melissa's work challenges the social construct of love—not least because she, who is a lesbian, suddenly finds herself loving a boy.

19. Mai 2022 — Photography: Melissa Ianniello, Text: Melissa Ianniello & Chiara Pirra

“My Girl is a Boy” is a photo series about Davide, a trans boy, shot as our common love story is ending up. As a trans person, when your appearance is still corresponding to the sex you were assigned at birth, society automatically identifies you with that sex, without respecting the self-determination of your gender identity. As long as Davide does not look canonically masculine, society will continue to identify him as a girl. But for him, society isn’t needed to confirm his identity: He is and always has been a boy.

Hence the title, which can also be read in another, complementary sense, ironically highlights the fact that labels often collapse in the face of the complexity of real life, in a short-circuit of the system with which we perceive love: Me who is a lesbian and my girlfriend who is in fact a boy.

Davide who re-discovers and recognizes himself is in the midst of his self-determination—an identity regeneration that I observe. I am convinced that I am continuing the path with him, but it slowly becomes clear that our roads are separating: Sometimes it is not enough to love each other in order to stay together.

This may seem bitter. But actually, it is only the prelude to a new beginning: “My Girl is a Boy” thus becomes a manifesto for love, an anthem to the freedom of loving oneself. Because only by loving yourself and allowing others to love themselves for who they are, can we love someone.

Erroneously we tend to think that love is something that ties two people together eternally to make them complete of all the missing parts, like Plato’s Symposium. But Davide’s story teaches us that eternal love can be reached by accepting ourselves as a whole being made up of all our dualisms, which are complementary: to expose ourselves and hide; the masculine and the feminine; joy and pain; the relationship between love and suffering for ourselves; the need to close up and open up to the outside; to step into the light and disappear at the same time. The perfect precarious balance of all these parts—this is love.


Gleb Kovalski

Interview — Gleb Kovalski

»Norms are always an instrument of oppression«

The queer activist Gleb Kovalski had to first flee from Belarus into political exile in Kyiv, then from the Russian war in Ukraine. Since then, the 27-year-old is stranded in Berlin. In an extended interview, Gleb tells us about the dangerous situation for queer people in Belarus, why their mother was sentenced to 15 days in prison, and how living in exile actually feels.

23. April 2022 — Interview: Katharina Viktoria Weiß, Photos: Frederike van der Straeten

After coming out at their school in Vitebsk, a city of 350,000 inhabitants in northern Belarus, classmates threatened Gleb Kovalski with a beating every day—because Gleb didn’t want to live and love heteronormatively. Teachers and adults looked away. Over the years, the once-endangered child became a brave activist, using underground queer parties to create secret spaces of safety and support for vulnerable LGBTQIA* youth.

But this fragile progress was shattered by the re-election of Alexander Lukashenko in 2020, who has ruled Belarus as a self-styled dictator since 1994 under the protection of Russian President Vladimir Putin. In the run-up to the presidential election—which was denounced internationally as neither free nor fair—opposition candidates were arrested, and votes were manipulated. The mass protests that followed ended with bloodshed, and since then the regime has been trying even more mercilessly to assert its claim to power. Gleb Kovalski and most of their fellow artists were forced into political exile due the intimidation by the Belarusian intelligence service, the KGB.

The 27-year-old lived in Kyiv for a year until violence forced them to relocate again. Since the beginning of the war, Gleb has been living in Berlin on their best friend’s couch. Our editor-in-chief, Katharina Viktoria Weiß, met the artist in Berlin at bar and restaurant Café Margarete, which is located in the same building as the Documentation Centre for Displacement, Expulsion, Reconciliation close to Anhalter Bahnhof.

»Men were forced to admit on camera their participation in the protests and their homosexuality.«

MYP Magazine:
Gleb, what can you tell us about the current situation for queer people in Belarus?

Gleb Kovalski:
After the protests in 2020, the government has destroyed all NGOs, including LGBTQ initiatives, and all the independent media that had raised LGBTQ topics. They haven’t taken away the internet from people yet, but the atmosphere in Belarusian media, cultural and educational fields has rolled back a dozen years. I’m afraid it affects the safety of queer people a lot.

MYP Magazine:
Do the police also pose a threat?

Gleb Kovalski:
Of course, especially when cops make public outings of homosexual men who attended the protests against Lukashenko with recorded videos of their “penances” obtained under pressure. In these clips, men were forced to admit on camera their participation in the protests and their homosexuality.

»After school there were crowds of teenagers who wanted to beat me up.«

MYP Magazine:
How was it for you growing up as a queer kid in Belarus?

Gleb Kovalski:
I was born and raised in Vitebsk, a mid-sized city in northern Belarus. My teenage years fall at the end of the 2000s. It was a time when social networks were just gaining popularity. At that time, there were no dating apps like Grindr or Hornet, which are popular now among non-heterosexual men. It was mostly possible to meet a guy through mutual acquaintances only, but most guys preferred to hide their sexual orientation even from other men they knew to be gay themselves.

MYP Magazine:
How do you remember your coming out?

Gleb Kovalski:
From day one, it attracted tremendous attention towards me. Not only at school, but all over the city. It also discouraged other gay or bisexual men to get in touch with me because everyone was afraid of being outed. I had big conflicts with both my classmates and teachers. After school there were crowds of teenagers who wanted to beat me up and the school administration barely managed to resolve this conflict. Instead, they accused me of provoking the aggression of those dudes by being open about my sexual orientation. And, of course, they also considered this orientation to be wrong and deviant, not worthy of talking about publicly.

»The world collapses because of creatures with unlimited power—not because of queers.«

MYP Magazine:
Why exactly did people feel so offended by you?

Gleb Kovalski:
I started just wearing elements of “female” clothing, which might seem not so remarkable in a global context, quite risky though for Belarus in 2008. And by such a violation of the “traditional” gender order, I questioned not only gender stereotypes but also broader constructs. I wanted people to ask themselves: What if I don’t do what I’m supposed to do? What if I do what I just want to do? Would the world collapse? As we can see now, the world, unfortunately, still collapses because of creatures with unlimited power—not because of queers.

MYP Magazine:
How did you find friends in this system of oppression?

Gleb Kovalski:
Those were the darkest days of my growing-up—but, at the same time, the best ones. Because being infamous in a way helped other people to find out about my existence. People who needed me as much as I needed them, and I was eventually lucky to be surrounded by the most open-minded, craziest, and sincerest people.

MYP Magazine:
Do you remember a beautiful moment of queer self-expression from your youth?

Gleb Kovalski:
My friends and I went to different schools, but after class we would meet in parks or someone’s flat when our parents weren’t home. We would get drunk on gin and tonics and go to emo band concerts, forge documents to get into night parties, fall in love, argue. But we were together to fight against a conventional world full of oppression and injustice. And I’m often nostalgic about that time because when it seems like the whole world is against you, moments of support and care from even quite random people you experience much more deeply and joyfully.

»You risked getting beaten up on the street for wearing jeans that were too tight.«

MYP Magazine:
Can you describe these feelings of unity?

Gleb Kovalski:
In Belarus, at those times, you risked getting beaten up on the street for wearing jeans that were too tight or the “wrong” length of hair. But when you hang out with your true soulmates drinking vodka on the bank of the Dvina River and singing along to insanely kitschy Katya Sambuca songs, united by the euphoria of existing in spite of all that persecution, everything else becomes irrelevant.

MYP Magazine:
How does love develop under these circumstances?

Gleb Kovalski:
I think it’s pretty cool to be able to hold hands with the person you love in a public place, or to easily have a quick but intense one-night stand—as it’s possible here in Berlin. But that can’t be compared to the feeling when you kiss your love in an abandoned humid building on the outskirts of your city late at night, where you two escaped from all eyes at least for an hour just to be close to each other without a need to hide your feelings in public. You just feel that you can’t be happier than at that moment, and that you are so far away from any countries, regimes, societies. Everything just ceases to exist.

MYP Magazine:
Do you know at what point you got into activism?

Gleb Kovalski:
In Vitebsk I was dating a guy for three years. We posted our love story pics on the internet and didn’t hide our relationship. I think this relationship can be considered as the beginning of my activism because I can’t remember anyone else doing the same back then. It was important for me to show that this relationship exists and that it’s right here among you. And that we’re, by the way, quite awesome. (smiles)

»We tried to create spaces for those identities that are also excluded from the sometimes very homonormative LGBT community.«

MYP Magazine:
You used to work for a Belarusian state TV channel. What did you experience there?

Gleb Kovalski:
In Belarus, if you study at a university at the expense of the state budget, you are obliged to work for two years after your studies at the company which you are assigned for by your university. In my case, it was the main Belarusian state TV channel. I can’t say that everything was great, but it wasn’t as awful as it seems when you watch Belarusian television now.

MYP Magazine:
How did your employment end?

Gleb Kovalski:
I got fired for supporting the national strike after the elections 2020. After that, I focused on the queer techno party series Petushnia, which I organized together with LGBTQIA* activist Andrei Zavalei in Minsk. We tried to create spaces for those identities that are excluded not only from the heterosexist world but also from the sometimes very homonormative LGBT community.

»The Belarusian electronic scene is quite male-dominated as elsewhere.«

MYP Magazine:
How can we imagine the scene in Minsk you were moving in?

Gleb Kovalski:
Realizing that the Belarusian electronic scene is quite male-dominated as elsewhere, we also intended to give a platform for self-realization of queer people, to support aspiring female and non-binary DJs. We wanted to make a melting pot where the most emancipated club kids met with peerless queer artists, musicians, and activists from different fields as well.

MYP Magazine:
Are you still in contact with your colleagues from the underground?

Gleb Kovalski:
Unfortunately, almost all of them are now scattered around the world, some are in prison. Only a very small part of our петушиного community has remained in Belarus.

»I’m just a human who tries to do less evil.«

MYP Magazine:
What role did you have in this community?

Gleb Kovalski:
I’m just a human who tries to do less evil. I don’t always succeed. I’m not sure I can make the world a better place, but I try at least to make it funnier, more exciting and worth living in, through art, texts, DJ sets, or just by me going to an agricultural state fair on high heels and in an extremely short skirt. Sometimes I feel like everything I do follows the aim to feel less lonely and maybe make someone else feel less alienated too.

MYP Magazine:
Can you tell us about a project that was very close to your heart?

Gleb Kovalski:
After a gay party in 2014, a young man named Mikhail Pischevsky was killed in a homophobic attack. My colleague Andrei Zavalei launched a public campaign called “Delo Pi_” in memory of him—because it was about much more than just one particular family’s tragedy. This case showed us how indifferent the society is and how, in Belarus, neither the law nor the justice works.

MYP Magazine:
Can you transfer that to your activism in Berlin?

Gleb Kovalski:
This story is the basis of the performance we’re working on with the HUNCHtheatre for the last two years. During the preparation of this show, we experienced lockdown, multiple emigration and the beginning of a full-scale war. At this point, we are working with an international cast along with other Belarusians. All of us are in different parts of the world, and we are trying to reflect on how ignoring one death could affect what is happening to us now, from the revolution in Belarus to the Russian invasion to Ukraine. The performance premiered at HAU Berlin on April 21, 2022. Our next show will be on April 30 at Hellerau in Dresden.

»It is very difficult—though quite exciting—to have a longing for freedom in a society that is not free.«

MYP Magazine:
How did you experience your last few months in your home country?

Gleb Kovalski:
The last year in Belarus was very significant for me as a DJ. While the whole world was in lockdown, terrible things were happening in Belarus itself. The more the political situation was getting worse, the more people were wanting to escape to the alternative nightlife world where there was no violence, no abuse, no injustice; where they could feel pleasure again, feel unity with others without the risk of being detained or killed as it happened on the streets in the daytime during the protests. For many people, parties became the source for recovery and the tool of resistance at the same time.

MYP Magazine:
How did you find the courage to face such a dangerous situation?

Gleb Kovalski:
I don’t tolerate normativity because norms are always an instrument of discrimination and oppression. On top of that, I am a very freedom-loving person. And it is very difficult—though quite exciting—to have a longing for freedom in a society that is not free. So, it has always been my pure selfish interest to take some steps in order to make people around me more free.

»I have lived in constant tension and fear, often waking up in a panic from noises on the stairwell.«

MYP Magazine:
What happened before you went into exile?

Gleb Kovalski:
I never thought that I would leave Belarus for long because I always felt needed in this place. I wanted to influence many things and I thought I knew how to do it. I couldn’t imagine what exactly was going to happen that would make me emigrate. Since August 2020, like many people, I have lived in constant tension and fear, often waking up in a panic from noises on the stairwell, never picking up the intercom, and often looking out from the window to be sure no one’s there before leaving the house. At the same time, I had no idea that this could be a reason for emigration; I perceived it as temporary precautions while the political regime was changing.

MYP Magazine:
How did the authorities increase the tension?

Gleb Kovalski:
One of our team members was visited by KGB officers at their flat in Minsk. The officers presented a huge folder with personal information including details about our theatre activities. They asked about previous and upcoming shows, about the actors’ political views, and their possible attendance in protests. In the end of that “home interrogation” they “warned” them of consequences of any further activity by our team. I think that day can be considered as the end of the Belarusian branch of HUNCHTheatre because after that, we’ve never met again in Belarus all together.

»When you live in this hell every single day, you get used to it.«

MYP Magazine:
Why and when did you have to leave your home country?

Gleb Kovalski:
The overall situation in the country abruptly deteriorated in February when searches began to take place in the flats of my close friends, including the most apolitical ones or those who do not even live in Belarus. Then it became clear that the darkest times had come, and I agreed to an offer from my friends to wait out a month or two in Kyiv. I left taking with me a pair of sweaters and underpants, in absolute confidence that this was just a temporary measure, but I never returned to Belarus again.

MYP Magazine:
How did you feel in these first months in exile?

Gleb Kovalski:
Every day the situation in Belarus was getting worse and worse. When you live in this hell every single day, you get used to it—and hell seems tolerable. But when you look at it from the outside, being in a more or less safe place, coming back seems just suicidal. So, I didn’t really have a choice.

»Your brain still refuses to even allow the fact you might not return to the place that has become your home.«

MYP Magazine:
How did you experience the outbreak of the war?

Gleb Kovalski:
In the last few months in Kyiv, I was going through a severe depressive episode related to losing my home, feeling displaced, and having a lack of old close friends around. On February 23, 2022, when all the people in Ukraine were talking only about the potential threat of a full-scale Russian military invasion and were endlessly posting stories with maps of bomb shelters, I posted on Instagram an apology for feeling absolutely nothing about the war and not being able to get involved in this information flow because of my depressed state. The next morning a full-scale war began.

MYP Magazine:
How did you react?

Gleb Kovalski:
I tried to leave the same day. There was no panic, it was calm in Kyiv, and I didn’t think about whether it would be as calm in the next few days. I just wanted to calm down my mother who was calling me hysterically every hour from Belarus, so I decided to go to my friends in Warsaw or Berlin for a week or more until it became clear what was going on. The funny thing is: I barely filled my suitcase because I had no doubt that I was going away for a short period of time. A year ago, when I was leaving Belarus, it was the same. And now even with such a fresh experience under your belt, your brain still refuses to even allow the fact you might not return to the place that has become your home. I didn’t have that option in my mind.

MYP Magazine:
What happened during your flight?

Gleb Kovalski:
I succeeded to leave only the next day. The road was literally burning behind me. We would pass some towns that were quiet and peaceful and then, one hour later, we would read on the news that a bridge had been blown up or bombed. I was lucky to get from Kyiv to Warsaw in only 28 hours. Many of my friends spent days at the border and still couldn’t get into the EU. From Warsaw, I went straight to Berlin because my best friend Jan and his husband were waiting for me there, ready to provide accommodation and a cozy atmosphere and to take care of me.

»My mother and thousands of people like her are stranded in a country where their own state is at war against them.«

MYP Magazine:
What happened next?

Gleb Kovalski:
I slept well for the first time in three days and decided to call my mother in the morning. She didn’t answer the phone. A few minutes later my cousin texted me that my mom had been detained on the street by the police. She is not a civic activist and has never participated in public political rallies. On that day she simply went out in the street wearing a mask marked “Stop War,” because she wanted to do something, even the very least, so that maybe she could deal with her own pain and helplessness. She was sentenced to 15 days in jail. This is all you need to know about the level of repression in Belarus.

MYP Magazine:
How do you look upon the role of Belarusian citizens in the context of war?

Gleb Kovalski:
When rockets were flying from Belarus to Ukraine, many Ukrainians called on the Belarusians to stop it and overthrow the dictator. Many called us accomplices of the Russian government. But the story of my mother and thousands of Belarusians shows that in Belarus, just going out of your home is enough to be sent to jail. Nevertheless, Belarusians have paralyzed the railways to stop the movement of Russian military forces to the border of Ukraine. They are risking the death penalty and endure tortures every day in prison for this. And Belarusians abroad create volunteer military units and fight on the side of Ukraine against the Russian occupiers. Hundreds of Belarusians create organizations, volunteer at the borders, evacuate Ukrainians, and organize humanitarian aid.

MYP Magazine:
Why is it so important to highlight that?

Gleb Kovalski:
It hurts watching how countries of the EU are closing their borders with Belarus and denying visa applications from Belarusians, or at least making the process as complicated as possible. My mother and thousands of people like her are stranded in a country where their own state, not an external one, is at war against them. And they are losing their last chance to save themselves.

»Coming to Berlin to hang out at a club is not the same as running away from the war.«

MYP Magazine:
Has living in Berlin changed some of your values or views on the world?

Gleb Kovalski:
I can’t say that I live in Berlin, as in live a real life. Everything is quite surreal at the moment, and I don’t feel I belong to any place. I first visited Berlin six years ago and since then, I’ve been here many times on different occasions. But coming to Berlin to hang out with friends at a club is not the same as running away from the war and getting into the total unknown and uncertainty of my future.

MYP Magazine:
How are you trying to deal with that displacement?

Gleb Kovalski:
I force myself to enjoy the beautiful people around me, the wonderful parks, the unusual and pleasant atmosphere of the neighborhood I’m staying in. But I feel almost nothing. My body is here, but I live in my trauma, my soul is endlessly flitting between Vitebsk, Minsk, Kyiv, and Berlin, sometimes getting stuck for several days in Bucha, in a bomb shelter in Kharkiv, in broken Mariupol.

MYP Magazine:
What can you tell us privileged people about the emotions of exile?

Gleb Kovalksi:
A forced escape is not a planned emigration when you move into a bright clean apartment and shelve your favorite stuff in pleasant anticipation of a new life. A forced escape, no matter from what country, is destruction, pain, and fear.

#glebkovalski #hunchtheatre #mypmagazine


Salomé Balthus

Interview — Salomé Balthus

»Ich bin sehr empfindlich, wenn mich jemand emotional erpressen will«

Salomé Balthus ist Autorin und Prostituierte. Im Interview spricht sie über ihre kontroversen Kolumnen, blickt auf die Erotikbranche nach Corona und erklärt, inwiefern die Sexarbeit ihre Unkorrumpierbarkeit als Schriftstellerin fördert.

19. April 2022 — Interview: Katharina Viktoria Weiß, Fotografie: Uwe Hauth

Salomé Balthus ist Sexarbeiterin, auch wenn ihr selbst der Begriff Hure besser gefällt. Als Studentin der Philosophie und Literaturwissenschaft erlebte sie ihr erstes Mal: Auf der Toilette der Humboldt Universität zog sie sich die Pumps an und stöckelte von dort ins Luxushotel Regent, wo ein Kunde sowie eine Kollegin auf sie warteten. Die Ménage-à-trois war ihre erste Prostitutionserfahrung.

Seitdem machte Salomé Balthus unter dem Spitznamen der „kindlichen Kaiserin im Bordell Europas“ Kurtisanen-Karriere und gründete 2016 das feministische Highclass-Escort-Portal Hetaera. 2018 ging sie mit ihrem bürgerlichen Namen Hanna Lakomy an die Öffentlichkeit.

Manche Medien bezeichnen Salomé als „Deutschlands bekannteste Prostituierte“, ihre Stimme als Aktivistin für die Rechte von Prostituierten hat international Gewicht. Abseits der Erotikbranche schreibt die 38-Jährige die Kolumne „Nachtgesichter“ und die Portraitreihe „Berlin.Exotherm“ für die Berliner Zeitung. Darin hielt sie unter anderem ein Plädoyer für die feministische Journalistin Kübra Gümüşay und portraitiert Künstler*innen wie Bildhauer Hans Scheib oder Travestie-Ikone Gloria Viagra.

Darüber hinaus veröffentlicht Salomé Balthus bald ihren ersten Roman. Mit ihren Einblicken in das Stadtgeschehen und ihrem provokanten Blick auf politische Gesellschaftsprozesse gehört sie zu den spannendsten Persönlichkeiten des Berliner Kulturkolorits. Chefredakteurin Katharina Viktoria Weiß hat sie zum Interview getroffen.

»Mir ist durchaus bewusst, dass die meisten Menschen meine Meinung nicht brauchen.«

MYP Magazine:
Im vergangenen Monat hast du zwei sehr kontroverse Artikel veröffentlicht. Einer beschäftigt sich mit der verallgemeinernden Stigmatisierung ehemaliger Stasi-Mitglieder, der andere mit dem Recht auf Fahnenflucht. Bevor wir uns mit beiden Texten inhaltlich beschäftigen: Woher nimmst du den Mut – vielleicht aber auch den Drang – zur Provokation?

Salomé Balthus:
Ich verspüre keinen sozialen Druck, da ich nicht Teil einer Clique von Zeitungsleuten bin. Aus diesem Grund bin ich auch nicht der Angst ausgesetzt, dass diese Kollegen mich nicht mehr zu ihren Kochpartys einladen könnten. Zudem gibt mit die Art, wie ich Geld verdiene, die Möglichkeit, finanziell unabhängig von den Gehältern des Journalismus und von einzelnen Chefredakteuren zu sein. Ich habe aber ein paar wenige, gute Freunde, die von mir verlangen, aufrichtig zu sein. Dabei ist mir durchaus bewusst, dass die meisten Menschen meine Meinung nicht brauchen. Auch was den Ukraine-Krieg betrifft, hätte ich meine Klappe gehalten…

MYP Magazine:
Aber?

Salomé Balthus:
Ich bin auf eine Geschichte gestoßen, bei der ich das Gefühl hatte, sie erzählen zu müssen. Es ging um eine Kollegin aus der Ukraine, eine trans Frau. Sie sollte als Mann im Krieg kämpfen, doch bevor es so weit kam, hat sie sich erschossen. Zuvor wurde sie an der Grenze abgewiesen, als sie fliehen wollte. Ein Umstand, der sie in den Suizid getrieben hat. Dennoch finden viele diesen erzwungen Militärdienst in der Ukraine richtig.
Diese Art von Einforderung von Parteilichkeit hat mir öfter im Leben widerstrebt. Das sind die Momente, wenn sich Regierungsparteien, Opposition und die Mehrheit der Leitmedien einig sind: „Das ist ein Angriff auf unsere Art zu leben.“ Das erste Mal war ich noch Schülerin, da passierte 9/11. Ich stand in der Schweigeminute in der Klasse und fühlte mich eigenartig davon abgekoppelt, diese schreckliche Tat als persönlichen Angriff zu sehen. Dieser gesellschaftliche Imperativ, danach anders denken zu müssen, hat mich gestört.

»Ich war ehrlich an den Reaktionen interessiert und wollte, dass die Menschen mehr als nur die Überschrift lesen können.«

MYP Magazine:
Wir beziehen uns gerade auf deine Kolumne „Lob der Feigheit“ vom 11. März. Sie blickt Richtung Krieg und schaut auf die Nicht-ganz-Freiwilligenarmee der Ukraine. Dazu hast du auf Facebook geschrieben: „Meine neue Kolumne zum Krieg in der Ukraine. Der Titel lobt die Feigheit, aber keine Kolumne hat mich bisher so viel Mut gekostet.“ Ist das Tabu Fahnenflucht so groß? Oder war es die Schwere des Kriegsthemas, das dir als Autorin so viel abverlangt hat?

Salomé Balthus:
Wir leben hier gerade wie in der Fankurve eines Stadions. Alle sollen sich engagieren, mindestens emotional. Da mischt sich Betroffenheit mit Kriegsbegeisterung. Ich will das in der Tiefe gar nicht bewerten, aber den Hinweis setzen: Bei jedem Krieg, zumindest in modernen Demokratien, wurde den beteiligten Menschen von offizieller Seite verkauft, er sei für etwas Gerechtes.
Übrigens haben auch Richard David Precht und der intellektuelle Filmemacher Alexander Kluge eine abweichende Meinung geäußert und wurden wegen Defaitismus gebrandmarkt. Einlenken wird aktuell mit Empörung gekontert. Dieser Zustand hat mich interessiert, aber natürlich empfindet man vor so einer Veröffentlichung auch Anspannung. Ich habe die Redaktion der Berliner Zeitung extra gebeten, den Artikel nicht hinter die Payroll zu legen. Denn ich war ehrlich an den Reaktionen interessiert und wollte, dass die Menschen mehr als nur die Überschrift des Artikels lesen können, um sich ein umfassendes Bild zu machen.

MYP Magazine:
Wie sind die Reaktionen schließlich ausgefallen?

Salomé Balthus:
Zum allerersten Mal in meiner Tätigkeit als Autorin habe ich über 15 Leserbriefe bekommen. Keine kurzen Kommentare, sondern formvolle Auseinandersetzungen mit dem Inhalt. Das hat mich sehr gerührt. Aber natürlich konnte ich in den vielen Kommentaren auch eine Welle der Ablehnung lesen.
Eine spannende Situation ergab sich überdies vor Kurzem in meiner Lieblingslokalität in Mitte, der Bar Freundschaft. Ich traf mich mit einer jungen Frau, die Teil meines feministischen Hurenkollektivs Hetaera werden wollte. Der Bewerbungsprozess war mit diesem Treffen abgeschlossen und ich suchte nach einem Stift, um feierlich die Dokumente zu unterzeichnen. Also wandte mich an einen Tisch mit anderen Gästen, an dem oft Kollegen einer großen deutschen Tageszeitung sitzen. Einer der Männer erkannte mich wohl, gab mir seinen Kugelschreiber und sagte: „Damit Sie wieder schreiben können, dass die Ukraine kapitulieren soll.“

»Ich kenne das Gefühl zu deutlich, wenn jemand etwas von mir will, das meine Grenzen überschreitet.«

MYP Magazine:
Wie hast du darauf reagiert?

Salomé Balthus:
Ich bin sehr empfindlich, wenn mich jemand emotional erpressen oder manipulieren will. Vielleicht – daran dachte ich heute Nacht – liegt das auch an meinem Beruf als Hure. Ich kenne das Gefühl zu deutlich, wenn jemand etwas von mir will, das meine Grenzen überschreitet. Im Sexuellen ist das oft am deutlichsten: Wenn mir einer erklärt, warum wir doch eigentlich kein Kondom benutzen müssen und wie sehr ich ihn damit kränken würde. Oder wenn jemand mit Hundeblick sagt, dass meine Weigerung, sein Sperma zu schlucken, ein Signal der Verachtung in seine Richtung sei. Das ist in der Sexarbeit so herrlich simpel und wunderbar leicht zu bewerten und zu beobachten. Diese Prozesse geschehen auf vielen Ebenen, nur kann man sie in ihrer Komplexität dann oft nicht so leicht entlarven. Und dieses Gefühl im Sinne von „Bleib mir vom Leib, beeinflusse mich nicht mit unlauteren Mitteln“ verspüre ich auch bei der Lektüre vieler Massenmedien und Social-Media-Kampagnen.

»Ich bin viele Jahre mit den Strom geschwommen und wollte nun mal eine Geschichte mit differenzierter Sichtweise erzählen.«

MYP Magazine:
In deinem Text „Ende des Stasi-Stigmas: Meine Erfahrung mit der ostdeutschen Identität im Wandel der vergangen dreißig Jahre“ war zu lesen: „Heute gibt es drei Dinge in Deutschland, die einen Menschen moralisch unmöglich machen, ihn nicht allein den Job kosten, sondern nachhaltig ins gesellschaftliche Aus befördern können: Erstens Pädophilie bzw. Kinderschändung – eine Differenzierung dieser durchaus verschiedenen Phänomene findet oft nicht statt, die große Öffentlichkeit interessiert es nicht. Zweitens, wenn man Nazi war oder Neonazi ist. Und drittens, wenn man bei der Stasi war. Das dritte unterscheidet sich von den ersten beiden insofern, als es sich nur auf die Vergangenheit bezieht und in dieser keine Straftat, ja für manche nicht einmal eine moralische Verfehlung war. Außerdem besteht, anders als bei den ersten beiden, die Möglichkeit, dass man zu dieser Tätigkeit genötigt, gar erpresst wurde. Natürlich hat man immer eine Wahl, aber das sagt sich leicht, so aus der historischen Distanz.“ Welche Resonanzen gab es auf diesen Text?

Salomé Balthus:
Besonders kontrovers waren die Rückmeldungen gar nicht. Ich weiß, dass der Text in der Redaktion recht beliebt war. Und viele Ossis fanden den auch gut. Wessis haben sich darauf gar nicht so richtig gemeldet. Vielleicht auch, weil sie mich nicht als einer Antwort würdig erachtet haben. Als jemand, der mit dem Thema aufgewachsen ist, hat mich lange die Art und Weise gestört, wie verallgemeinernd über Menschen gesprochen wurde, die mal für die Stasi gearbeitet hatten. Ich bin viele Jahre mit den Strom geschwommen und wollte nun mal eine Geschichte mit differenzierter Sichtweise erzählen.

»Es war klar, dass ich mich selbst outen muss, wenn ich diesen Schritt nicht der Bildzeitung überlassen will.«

MYP Magazine:
Du bist die Muse und Geliebte von Künstler Florian Havemann, ihr beide seid auf der Ostseite der Mauer aufgewachsen. Florians Vater war ein bekannter DDR-Regimekritiker, und den Namen deines Vaters Reinhard Lakomy kannte im Osten auch jeder. Er war ein berühmter Komponist und schrieb unzählige Kinderlieder. Sind Florian und du euch auch deshalb nahegekommen, weil ihr beide in einem ähnlichen künstlerisch-kulturellen Milieu sozialisiert wurdet?

Salomé Balthus:
Über das Dilemma, mit dem Flori und ich seit unserer Teenagerzeit umgehen – nämlich das Kind berühmter Eltern zu sein –, wurde unter anderem schon im Cicero einiges geschrieben. Manchmal war diese öffentliche Verhandlung auch schmerzhaft. Wir haben beide unabhängig voneinander Lebenswege gewählt, die bewusst eine andere Richtung einschlagen als die unserer Eltern – um nicht auf peinliche Weise von deren Ruhm zu profitieren und als „Tochter/Sohn von“ durch die Welt zu gehen.

MYP Magazine:
Du hast dich für einen Beruf entschieden, bei dem dir dein berühmter Nachname nichts bringt: Dein Outing fand erst 2018 statt, davor kannten dich deine Kunden nur unter Pseudonym. Warum hast du dich überhaupt dafür entschieden, an die Öffentlichkeit zu gehen?

Salomé Balthus:
Ich tat es, damit Prostitutionsgegner nicht mehr behaupten können, ich sei gar nicht real und es gäbe leidenschaftliche Prostituierte wie mich in Wirklichkeit nicht. Darum habe ich mein Gesicht in der ZEIT gezeigt, die hat eine Millionenauflage. Und weil dieses Gesicht wiederum dank meiner Eltern in der Boulevardpresse bekannt ist – und mein Klarname außerdem im Handelsregister steht –, war klar, dass ich mich selbst outen muss, wenn ich diesen Schritt nicht der Bildzeitung überlassen will.

»Am Ende ist man allein beim Denken. Das ist wichtig für mich.«

MYP Magazine:
Dir wird sicher häufiger die Frage gestellt, ob es für Männer schwierig ist, eine Beziehung mit dir einzugehen, weil du Prostituierte bist. Aber vor dem Hintergrund deiner Autorinnentätigkeit und deiner komplexen Verbindungen zum Kulturgeschehen drängt sich doch eher die Frage auf: Fällt es Menschen schwer, eine Beziehung zu dir aufzubauen, weil du als Künstlerseele wahrgenommen wirst?

Salomé Balthus:
Ich habe wenige Freunde, aber viele Bekannte. Ich hätte nichts dagegen, viele Freunde zu haben – es ist nicht so, dass ich mich abgrenze. Aber als Schülerin war ich einfach nicht so beliebt. Und jetzt haben wir gerade eine Pandemie hinter uns, da verlieren sich auch viele Kontakte. Für mich lässt sich das Gut der Freundschaft aber mit einem Satz zusammenfassen: Freunde sind jene, die einen nicht schonen. Je härter das Feedback ist, desto besser. Menschen, mit denen man sich ausdauernd streitet und die auch nach einer langen Auseinandersetzung noch darauf beharren, dass es eine Bindung gibt. Am Ende ist man aber allein beim Denken. Das ist wichtig für mich.

MYP Magazine:
Muss das so sein?

Salomé Balthus:
Ja, diese wertvolle Zeit hat Priorität. Ich schreibe auch sehr viel in der Einsamkeit. Deshalb habe ich auch so viel Verständnis für Flori. Ich weiß, dass die Arbeit das Allerwichtigste für ihn ist. Und er schenkt mir auch sehr viel Flexibilität in meinen Prioritäten. Deshalb kann ich nur mit einem Mann wie ihm zusammen sein: ein Mann, der nicht von mir verlangt, zu einem Weibchen zu werden.

MYP Magazine:
Also führst du eine offene Beziehung mit einem Mann und seiner Kunst?

Salomé Balthus:
Ja, oder mit seinem Genius oder seiner Ambition. Bei meinen Eltern war das ähnlich: Aufgrund des gegenseitigen Betrügens und der vielen Spannungen, die es in der Ehe gab, hätten sie nicht unbedingt zusammenbleiben müssen. Aber sie konnten über diesen kleinbürgerlichen Konflikten stehen, um weiter gemeinsam Kunst zu machen. Es gab Wichtigeres.

»Die Art von Prostitution, die wir anbieten, lässt sich nie digitalisieren.«

MYP Magazine:
Ich habe als Kulturanthropologin eine Studie zum Thema digitale Sexarbeit erhoben, diese fiel durch Zufall mit dem Beginn der Pandemie zusammen. Über die Monate des ersten Lockdowns hinweg stellte sich heraus, dass nun notgedrungen auch viele analoge Sexarbeiter*innen aus der Escortbranche in das Cam-Geschäft einsteigen mussten. Wie hast du die Corona-Pandemie erlebt und welche Perspektive hast du auf den aktuell stattfindenden Wandel hin zur digitalen Sexarbeit?

Salomé Balthus:
Wir haben zum Beispiel ein Telefonsex-Paket angeboten. Man bezahlt ganz entspannt im Voraus und dann gibt es zwei schöne Stunden, bei denen sich die Hetäre auch selbst befriedigt – denn es herrscht eine gewisse Dürre, wenn man davor an regelmäßigen beruflichen Sex gewöhnt war. (Anm. der Redaktion: Der Begriff Hetäre bezeichnet eine (in der Antike) meist hochgebildete, oft politisch einflussreiche Freundin oder Geliebte bedeutender Männer).
Doch das Telefonieren habe ich nur wenige Male gemacht, obwohl es sehr schön war. Die Nachfrage war einfach nicht so groß. Die Kunden waren zwar zu Hause, der Rest der Familie aber auch. Ansonsten haben mich nette Kunden mit Spenden unterstützt. In unserem Kollektiv ist aber deutlich geworden, dass sich die Art von Prostitution, die wir anbieten, nie digitalisieren lässt. Das sind einfach zwei komplett unterschiedliche Ansätze. Digitale Sexarbeit ist ein Fulltime-Job und etwas völlig anderes als analoge Sexarbeit. Um diese Inhalte zu erstellen, zu kuratieren und zu verbreiten, braucht man extrem viel Zeit und ein wachsendes Set an technischen Fähigkeiten. Meine Arbeit ist viel zwischenmenschlicher. Es geht darum, mit einem Fremden eine besondere Atmosphäre zu erschaffen. Da ist sehr viel Aufregung, sehr viel Abenteuer im Spiel.

MYP Magazine:
Du bist seit über einer Dekade in der Escortbranche tätig und arbeitest dort im absoluten Luxussegment. Beobachtest du dort bestimmte Trends?

Salomé Balthus:
Als ich anfing, hatte ich eher ältere Kunden. Die bleiben gerade etwas aus. Vielleicht hat die Generation zwischen 60 und 80 momentan noch zu viel Angst wegen Corona. Ich merke da eine gewisse Lücke, die verstärkt von jungen Männer geschlossen wird, die zu mir kommen. Teilweise sind sie erst 21, haben zum Beispiel reich geerbt und wollen jetzt Erfahrungen machen. Ich merke, dass es entgegen allen Prophezeiungen für diese jüngeren Männer weniger Probleme mit ihrer Männlichkeit gibt. Im Vergleich zu einigen älteren Kunden fühlen die sich ganz wohl damit, sich nicht als Herren der Welt aufspielen zu müssen. Sie können ihre Gebrochenheit wie auch ihre Stärke gut mit dem Respekt gegenüber Frauen vereinen. Die Männlichkeit stirbt nicht aus, das kann ich bestätigen.

»Wir befinden uns in zwei verschiedenen Lagern, die um ihre jeweiligen Perspektiven kämpfen – und in meinem Fall um die Existenz.«

MYP Magazine:
Du sprichst oft davon, Feinde zu haben. Wer sind deine Feinde? Oder anders gefragt: Warum bist du zur Feindin von Menschen geworden?

Salomé Balthus:
Das sind die Leute, die mit juristischen oder politischen Mitteln meine Lebensweise, also die Prostitution, abschaffen wollen. Das sind die Gruppen, die behaupten, alle Frauen, die das freiwillig machten, würden lügen oder seien krank. Ich habe ihnen öffentlich widersprochen und sie auch ganz offiziell zu meinen Feinden erklärt. Auch wenn wir uns persönlich nichts getan haben, befinden wir uns in zwei verschiedenen Lagern, die um ihre jeweiligen Perspektiven kämpfen – und in meinem Fall um die Existenz. Dazu gehört zum Beispiel Inge Bell, Vize-Chefin der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes, die mich bereits juristisch belangt hat. Oder die SPD-Abgeordnete Leni Breymaier. Wer übrigens mehr über meine Position erfahren möchte, kann mal meine Kolumnen „Unsere Neopuritaner“, „Freier, am freiesten“, „Gesetz als Geißel“ oder „Die Menschenwürde“ lesen. Da gehe ich sehr dezidiert darauf ein, warum die Bestrafung von Freiern eigentlich die Bestrafung von Prostituierten bedeutet. Es ist ein Verbot durch die Hintertür.

»Stell dir vor, man würde die Veröffentlichung, den Verkauf sowie den Konsum des Mediums verbieten, für das du schreibst.«

MYP Magazine:
Wie kann man sich das konkret vorstellen?

Salomé Balthus:
Ein Beispiel für dich: Ersetze doch mal „Sexkauf“ durch „Textkauf“. Der Text ist deine Arbeit, deine Dienstleistung. Du weißt, das ist nicht gerade für jeden was, aber es ist genau dein Ding. Du bist aber auf andere Leute und Institutionen angewiesen, um dein Produkt unter die Leute zu bringen. Diese Leute beuten andere Journalistinnen oft aus, das weißt du, auch wenn es dich nicht betrifft. Aber der Gesetzgeber schafft es nicht, zwischen legaler Textproduktion und kriminellem Textehandel zu differenzieren. Stell dir vor, man würde dir deinen Job als Journalistin zwar nicht verbieten, aber die „ausbeuterischen“ Herausgeber kriminalisieren und die Veröffentlichung, den Verkauf sowie den Konsum des Mediums verbieten, für das Du schreibst. Euer MYP Magazine zum Beispiel dürfte keine Homepage haben, der Host würde sich strafbar machen. Natürlich dürfte es auch keinen Zeitschriftenhandel geben, Kioskbesitzer, Zeitungsverkäufer und sogar Zeitungsausträger würden kriminalisiert.

MYP Magazine:
Dann könnten wir unsere Texte nur noch selbst ausgedruckt unter der Hand an die Leute verkaufen…

Salomé Balthus:
…die dann aber, sollte man sie damit erwischen, bestraft werden. Und du dürftest deine Texte auch nicht in Innenstädten, Kleinstädten oder in der Nähe von Kitas, Schulen oder Kirchen feilbieten. Eigentlich nur in Industriegebieten, im Wald oder im Darknet. Und die Kunden, die trotz Verbot geil sind auf deine Texte, sind dann Leute, die sich nicht abschrecken lassen von der Vorstellung, Straftaten zu begehen. Wenn sie dir den Text einfach klauen, könntest du sie nicht wegen Diebstahl anzeigen, weil der Kauf ja gar kein legales Geschäft ist. Abgesehen davon werden sie dir ihre Namen unter diesen Umständen wohl kaum nennen. Und wenn dann einer von denen nicht nur deinen Text kauft, sondern ihn dir in den Mund stopft, dich angreift, vergewaltigt oder erniedrigt, ist das alles keine andere Straftat als nur „Textkauf“. Außerdem wirst du, da du dein Geld mit Texten verdienst, stigmatisiert: „Wer kauft sowas?“, „Mit welchen Leuten gibst du dich da ab?“, „Die ist ja selbst schuld, wenn dann am Ende…“ Und wenn du es trotzdem schaffst, in dem Job glücklich und erfolgreich zu sein, dann bist du immer noch „Profiteurin der Textindustrie“.

»Ich brauche Alice Schwarzer für meinen Feminismus nicht.«

MYP Magazine:
Auch das Magazin EMMA macht gerne gegen dich Wind. Dabei steht Alice Schwarzer, die Herausgeberin der Zeitschrift, selbst im Zentrum der Kritik vieler junger Feministinnen. Und auch von anderer Stelle musste sie in den letzten Jahren zunehmend Kritik an ihrer Person erfahren. Schmerzt es dich, wenn so eine Lichtgestalt der Frauenbewegung ins Straucheln gerät?

Salomé Balthus:
Da merkt man, dass du einen westdeutschen Hintergrund hast. Für uns in Ostdeutschland war Alice Schwarzer vollkommen irrelevant. Ein Gender-Pay-Gap gab es im Sozialismus nicht. Und ob Frauen einen BH trugen, war ihre persönliche Entscheidung. Meine Großmutter, die Hebamme war, und meine ebenso berufstätige Mutter haben die Frauen im Westen bemitleidet und den Kampf von Alice Schwarzer, die für uns eine Randerscheinung war, höchstens belächelt: Abtreibung war seit den 1970er Jahren im Osten legal, meine Mutter hat offen mit mir über ihre Schwangerschaftsabbrüche gesprochen. Ich brauche Alice Schwarzer für meinen Feminismus nicht. Für mich sind Frauen wie Simone de Beauvoir, Rosa Luxemburg, Fanny Mendelssohn und Alma Mahler viel relevanter.

»Viele sind immer ganz interessiert an den Namen und an den Machtpositionen der Männer, mit denen ich schlafe.«

MYP Magazine:
Als Sexworkerin unterliegt man der Schweigepflicht. Wer nicht diskret ist, verliert seine Kunden. Ärgert es dich manchmal, dass du von deinen Erfahrungen im Detail nicht öffentlich erzählen kannst? Oder genießt du das Geheimnis?

Salomé Balthus:
Es gibt keine Schweigepflicht, nur die Datenschutzgrundverordnung. Und ich finde durchaus Wege, meine Beobachtungen zu teilen. Zudem gibt es zum Beispiel kaum Politiker, die in unserem Milieu unterwegs sind. Weil sie sich als Person öffentlichen Interesses sehen – und vielleicht auch zu Recht zu große Angst haben. Der Chef eines DAX-Unternehmens ist da wesentlich entspannter. Der hat gar nicht die Zeit nachzuschauen, was ich in meiner Kolumne so schreibe. Viele Interviewer sind zudem immer ganz interessiert an den Namen und an den Machtpositionen der Männer, mit denen ich schlafe. Aber… Achtung, Provokation! Ob ich jetzt mit dem Chef von Einhorn-Kondome oder einem Waffenhändler schlafe, ist für mein Gewerbe am Ende egal. Schließlich sind es auch nur menschengroße, hautwarme Dildos, die via Blutkreislauf betrieben werden.

MYP Magazine:
Im Rahmen einer Fotostrecke von Künstler Uwe Haut hast du dich in Venedig fotografieren lassen. Eine Stadt, die man mit Casanova und Gondolieren, mit Thomas Mann und Maskenbällen verbindet. Wofür steht Venedig für dich?

Salomé Balthus:
Venedig ist für mich vor allem die Stadt von Veronica Franco. Während der italienischen Renaissance war sie eine der bekanntesten Kurtisanen ihrer Zeit, die sich als Kunstmäzenin in gebildeten Kreisen der Gesellschaft bewegte. Auf eine Art steht Venedig für mich über der Welt, weil die Schönheit der Stadt so zeitlos ist – obwohl sie ständig im Meer zu versinken droht. Ewig und zerbrechlich zugleich. Ein Wunsch, den ich immer in Bezug auf Venedig hatte, war es, einmal im Luxushotel Danieli zu übernachten. Dort sind auch viele der Bilder entstanden.

MYP Magazine:
Beenden wir unser Gespräch mit der sinnlichen Frage nach guter Lebensführung: Was bedeutet sie für dich?

Salomé Balthus:
Viel Schlaf. Die Möglichkeit zu haben, zehn Stunden zu schlafen, wenn man will. Und die innere Freiheit, abweichende Positionen zu vertreten – dazu gehört natürlich nicht nur die innere, sondern auch die äußere Freiheit.

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