Interview — Jannis Niewöhner

Der Beat des Bösen

Auf Amazon Prime startet mit »Beat« das nächste deutsche Serien-Spektakel, das Jannis Niewöhner durch die Klänge der Berliner Technowelt und dicht an den Herzschlag der Finsternis treibt.

8. November 2018 — MYP N° 23 »Instinkt« — Interview: Katharina Weiß, Fotos: Steven Lüdtke

Organhandel mit Flüchtlingen, Techno-Hedonismus, Dan Brown-Grusel: Bei der neuen Amazon Prime-Serie „Beat“, die am 9. November online geht, hätte einiges schief gehen können – ist es aber nicht. Dass dieses wahnwitzige Projekt zwischen Geheimdienst-Thriller, Partyexzess und organisierter Kriminalität so brutal spannend geworden ist, liegt vor allem an den brillanten Schauspielerinnen und Schauspielern, die mal bitterböse, mal schmachvoll und mal sexy ihren ungewöhnlichen Rollen den Seelengeist einhauchen. Im Zentrum steht die herausragende Arbeit von Jannis Niewöhner: Er spielt Beat, einen vom Schicksal gebeutelten Club-Promoter, der nicht viel kann außer tanzen, ballern und vögeln. Doch sein Szeneparadies wird von zwei schauerhaften Morden zerstört, die den Anfang eines düsteren Abenteuers einläuten…

Katharina:
Was hat für dich den Ausschlag gegeben, dieses wilde Drehbuch anzunehmen?

Jannis:
Das Besondere an der Rolle ist, dass Beat so wahnsinnig passiv ist. Es gibt nur wenige Hauptcharaktere, die so sehr auf Reaktion statt auf Aktion ausgelegt sind. Meine Figur ist eigentlich gar nicht imstande, mit all dem umzugehen, was ihr da widerfährt. Beat kann selten wirklich Herr der Lage werden. Und das fand ich spannend – weil es einem im echten Leben oft genauso geht.

»Ich habe auch nicht 30 beste Freunde, sondern vielleicht fünf.«

Katharina:
Trotz des Kontrollverlusts ist Beat der Beschützer: Er beschützt die Wünsche der Gäste, er verspricht seinem Mitbewohner „Ich pass auf dich auf!“ und auch seinem Businesspartner und bestem Freund gegenüber hat er eine beschützende Funktion. Wer beschützt eigentlich Beat?

Jannis:
Er hat sich mit diesen Leuten eine eigene Familie geschaffen. Und ich glaube, die beschützt ihn auch. Außerdem hat er eine sture Attitüde – nach dem Motto: Wenn ich Drogen nehmen will, dann nehme ich die eben. Aber sein Umfeld hält das aus und bleibt trotzdem bei ihm, auch wenn die Hilfe mal abgelehnt wurde.

Katharina:
Besonders groß ist sein Freundeskreis aber nicht…

Jannis:
Ja, er hat nicht viele Leute. Aber ich habe auch nicht 30 beste Freunde, sondern vielleicht fünf.

Katharina:
Deine Figur ist ständig unter Strom, entweder voll auf Droge oder in emotional hochanstrengenden zwischenmenschlichen Situationen. Mit welchen Techniken spielt man diese angespannte Energie?

Jannis:
Das sind alles Instinkte. Man muss sich zwar Gedanken über die Rolle machen und sich bestimmte Szenen erarbeiten, aber letztendlich wartet man nur auf ein Gefühl für die Figur. Das setzt während der Vorbereitung und des Drehs ein: Man begreift einen Charakter instinktiv, man spürt ihn richtig und reagiert so wie er. Die Clubszenen haben wir zum Beispiel mit 400 Komparsen in einem Kraftwerk gedreht. Über eine Woche lang waren da ständig Leute und dauernd Musik – es sah aus wie eine Technoparty und hat sich auch irgendwann so angefühlt.

»Alle menschlichen Bedürfnisse nach Nähe und Toleranz sind gut so.«

Katharina:
Nach „Sommersturm“ (2004) und „Coming In“ (2014) führt Marco Kreuzpaintner mit „Beat“ einen cineastischen Stil fort, der queeres Leben facettenreich und mainstreamig nachzeichnet. Was glaubst du, wie wird die queere Community in Berlin, Deutschland und Europa die Serie aufnehmen?

Jannis:
Wir wollen diese Berliner Partyszene als eine zeigen, die viele Gefahren, aber auch wirkliche Freiheiten bereithält. Es gibt zum einen die Möglichkeit, sich von der normalen Welt abzuschotten. Auf der anderen Seite schafft sie Räume voller sozialer Wärme und Respekt. Alles ist möglich! Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass Menschen das genießen. Die Serie nimmt sich diese Szene nicht zum Hauptthema, verhandelt aber in Ansätzen: Das muss alles erlaubt sein, alle menschlichen Bedürfnisse nach Nähe und Toleranz sind gut so.

Katharina:
Hat dir Kostja Ullmann als Schlager hörender Vollpsycho auch nach Drehschluss noch Albträume bereitet?

Jannis:
Ich hatte ihn noch nicht in einem Albtraum, aber ich bin immer noch verblüfft, wie realistisch er den Wahnsinn dargestellt hat.

»Es ist wichtig, sich nicht dem Gefühl zu entziehen, als Einzelner etwas bewirken zu können.«

Katharina:
Dein Charakter Beat reibt sich an seiner Umwelt. Er glaubt an nichts, wie viele klassische Szene-Berliner auch: an keinen Gott, an keine Politik – seine Ideale sind vom Außenseitertum geprägt, von vielem will er gar nichts wissen. Kannst du seine Unangepasstheit verstehen?

Jannis:
Ich kenne durchaus die Faulheit, mich nicht so sehr mit den Dingen zu beschäftigen, wie ich es eigentlich müsste. Mein politisches Verständnis entwickelt sich mit der Zeit, aber ich habe immer das Gefühl, es ist noch viel zu wenig. Im Fall von Beat sind es Personen wie Emilia, die Agentin, die ein gesellschaftliches Verständnis in ihm wecken. Es ist wichtig, eine moralische Verantwortung zu erkennen und sich nicht dem Gefühl zu entziehen, als Einzelner etwas bewirken zu können.

Katharina:
Beat ist ein Gentrifizierungsgegner im trotzigsten Sinne. Über den stillen Teilhaber sagt er: „Solche Leute kommen nach Berlin, weil es ist, wie es ist – und dann machen sie daraus Stuttgart.“ Wenn man ständig wie du auf fancy Events in Mitte herumspringt, inwiefern kann man diese Haltung überhaupt nachvollziehen?

Jannis:
Ich darf mir als Zugezogener und Teil dieser Zusammenhänge nicht erlauben, mich darüber abzufucken. Klar finde ich es schade, wenn dem Charakter einer Stadt etwas genommen wird. Gentrifizierung bedeutet ja auch, dass der Kapitalismus an einen Ort kommt, der vorher für sich war und den erst mal zerstört. Andererseits ergibt sich aus Weiterentwicklung immer Neues, das ist unaufhaltsam und auch manchmal positiv. Ich wohne in Lichtenberg und empfinde das Leben dort als immer noch sehr normal, fast kleinstädtisch. Ich bin nicht Teil dieses Szene-Overkills, der in Mitte oder im Prenzlauer Berg stattfindet.

Katharina:
Du kommst also nicht wie Beat nach Hause in eine Chaos-WG, in der noch drei fremde Menschen vom Vorabend herumliegen?

Jannis:
So eine WG hatte ich. Ich zog mit zwei Leuten zusammen, daraus wurden dann mit der Zeit vier Mitbewohner. Da waren immer mindestens zehn Leute in der Bude. Mittlerweile lebe ich aber alleine.

Katharina:
Emilia sagt zu Beat: „Du bist 28 und lebst, als ob du zehn Jahre jünger wärst.“ Wie ist das in deiner Branche, gibt es da überhaupt so etwas wie altersgemäßes Verhalten?

Jannis:
Anders gesagt: Ich habe beim Film immer schon sehr genossen, wie wenig Bedeutung Altersunterschiede dort hatten. Ich konnte als 13-Jähriger tolle Gespräche mit 35-jährigen Kollegen führen. In meinem Beruf baut man weniger Distanz zu anderen Menschen auf, sondern begegnet sich auf gleicher Ebene. Das finde ich total schön.

»Die Welt des Nachtlebens ist erschaffen worden, um der alltäglichen Welt zu entfliehen.«

Katharina:
Auch in der Serie „Beat“ werden ungewöhnliche Distanzen aufgebrochen. Welche Welten prallen da zusammen?

Jannis:
Es wird schnell deutlich: Es gibt nicht nur die große Party, sondern vor allem die Welt, in der wir alle leben und von deren wirtschaftlichen und politischen Zusammenhängen wir jeden Tag betroffen sind. Und eigentlich ist die Welt des Nachtlebens erschaffen worden, um dieser alltäglichen Welt zu entfliehen. Aber der Feierkosmos stagniert, es bleibt immer das Gleiche. Ich finde gut, dass wir in der Serie aus dem Club herausgehen müssen, um weiterzukommen. Zu Vorbereitung habe ich mir die YouTube-Doku „Don’t forget to go home“ angesehen. Darin wird gut beschrieben, was passiert, wenn die Euphorie verschwindet. Diese exzessiven Höhepunkte sind immer nur ein Moment. Für manche Menschen kann der fünf Jahre andauern – aber irgendwann geht es nicht mehr weiter, es entwickelt sich nicht.

Katharina:
Obwohl durchaus anklingt, welche Erfüllung Beats Clubgäste in der Technowelt finden: Die Berliner Feierszene wird auch hier von einer Trope der inneren Leere, des ‚Ausgehöhlt-Seins’ unter Einfluss eines Gin-Tonic-Ketamin-Cocktails verfolgt. Einen ganz anderen Stellenwert haben Lust und Körperlichkeit in deinem nächsten Projekt, du spielst die Figur des Goldmund in der Hesse-Verfilmung „Narziß und Goldmund“. Goldmund sagt am Ende: „Ich habe auch das Glück gehabt zu erleben, dass die Sinnlichkeit beseelt werden kann.“ Hat auch Beat eine Chance darauf?

Jannis:
Noch nicht in dieser Staffel. Aber er fängt an, sich den Ungerechtigkeiten des Lebens zu stellen und sich seiner Sehnsüchte bewusst zu werden. Anders als Goldmund, der am Anfang das Kloster verlässt, um das Leben aufzusaugen, lernen wir Beat zunächst in einer Welt kennen, die schon mit Sinneseindrücken überfrachtet ist. Wirklich verbinden lassen sich die Charaktere aber dadurch, dass sie beide total gefühlsgesteuert sind und nach etwas suchen, von dem sie noch nicht genau wissen, was es ist. Bei Goldmund ist es die Suche nach der Urmutter und bei Beat nach den Eltern. Beide vermissen bedingungslose Liebe und Vertrauen – das macht sie so unglaublich intensiv.