Interview — Rummelsnuff

Gegen den Strom

Viele kennen ihn nur als den Muckimann an der Tür des Berghain. Aber Roger Baptist alias Rummelsnuff hat auch eine klassische Musikausbildung genossen und ist heute als Musiker sehr erfolgreich. Wir reden mit ihm über die DDR, die Wende und darüber, wie er einst der NVA entkam.

14. Dezember 2014 — MYP No. 16 »Meine Stimme« — Interview: Jonas Meyer, Fotos: Max Motel

Mit der Ästhetik ist es so eine Sache: Kaum ein anderer Begriff hat sich im Laufe der letzten Jahre so tief in den Alltag unserer Sprache gebohrt. Ästhetisch ist, was schön ist. Und schön sein, das ist wichtig heutzutage – wichtiger vielleicht als je zuvor.

Doch mit Begriffen ist es – wie sollte es auch anders sein – wie mit den Menschen. Wer überall gefallen will, der muss sich schleifen lassen: Ein bisschen weniger Profil hier, ein bisschen mehr Weichspüler da, schon lässt sich’s besser laufen auf dem Weg zur Massentauglichkeit. Wen kümmert’s dabei schon, wenn Inhalt auf der Strecke bleibt.

Ästhetisch ist, was schön ist? So einfach ist es nicht. Ästhetik beschreibt im Ursprung alles, was unsere Sinne bewegt, wenn wir es betrachten: Schönes selbstverständlich, Angenehmes auch und Junges sowieso. Doch Verkommenes und Widriges? Auch das gehört dazu – wer hätte das gedacht.

Es ist Samstagnachmittag. Wir sitzen in der „Hafenküche“ am Rummelsburger Spreeufer und beobachten mäßig interessiert die Arbeiten auf einem schweren Lastenkahn, der in der Bucht geankert hat. Tauschen möchte man jetzt nicht mit denen, die an Deck gerade ihren Dienst verrichten. Zu heimelig ist es hier drinnen am Kamin, zu lecker schmecken Milchkaffee und Donauwelle.

Einige Minuten später. Ein alter Benz fährt vor, Typ 123, Farbe weiß. Das Kennzeichenkürzel „KM“ – so sagt uns später die Plakette – gehört zum Kreis Kamenz bei Dresden. Wir lassen unsere Donauwelle stehen und laufen Richtung Parkplatz. Während die Tür des Restaurants langsam hinter uns zufällt, öffnet sich fast synchron dazu die Fahrertür des alten Mercedes. Erst ragt nur eine Kapitänsmütze mit erkennbarer Patina aus dem Fahrzeuginnenraum, wenige Augenblicke später folgt auch ihr Träger.

Vor uns steht Roger Baptist alias Rummelsnuff, der im wahrsten Sinne des Wortes eine Erscheinung ist. Dabei ist es gar nicht die physische Präsenz des 48-jährigen Musikers, die uns für einen Moment verstummen lässt. Es ist viel eher das Gefühl, einem alten Vertrauten zu begegnen – dabei kennen wir uns doch gar nicht.

Es ist kühl, wir wollen wieder rein. Normalerweise lässt es sich Rummelsnuff nicht nehmen, bei diesen Temperaturen eine Runde durch die Spree zu schwimmen. Doch wir können ihn zum Kuchen überreden – Glück gehabt.

Jonas:
Du stammst aus Großenhain, einem Ort etwa 40 km nördlich von Dresden – das klingt nach einer idyllischen Kindheit auf dem Lande.

Rummelsnuff:
Naja, so halb idyllisch. Großenhain ist eine Kleinstadt – eine sehr kleine Kleinstadt. Man schreibt dem Ort um die 18.000 Einwohner zu. Als Heranwachsender dachte ich, dort wirklich jeden zu kennen.

Jonas:
Dafür bist du in einer reinen Musikerfamilie aufgewachsen – so etwas ist selbst in einer Großstadt alles andere als alltäglich.

Rummelsnuff:
Mag sein. Musik hat in unserer Familie immer eine große Rolle gespielt: Mein Vater hat Posaune studiert, meine Mutter Geige auf Lehramt. Kennengelernt haben sich die beiden während ihres Studiums in Dresden, wo sie wenig später auch gemeinsam eine kleine Kellerwohnung bezogen haben. Dort bin ich damals wohl entstanden – aber geschlüpft bin ich im Großenhainer Kreiskrankenhaus, ganz in der Nähe des Geburtshauses meiner Mutter. Das war 1966.
In den Jahren um meine Geburt war mein Vater als Jazz-Musiker sehr erfolgreich: Er war als Posaunist und Komponist im „Quintett 61“ von Klaus Lenz tätig, der als einer der Begründer der Jazz-Szene in der DDR gilt. Mitte der Sechziger kamen sogar einige Amiga-Scheiben mit den von meinem Vater verfassten Werken heraus – leider besitze ich keine einzige davon.

Zum Fagott bin ich eher durch Zufall gekommen.

Jonas:
Du selbst hast bereits in deiner Kindheit Fagott gelernt. Wolltest du damals in die Fußstapfen deiner Eltern treten?

Rummelsnuff:
Zum Fagott bin ich dabei eher durch Zufall gekommen: Man hat mich damals in die Großenhainer Musikschule geschickt, wo ich mir ein Instrument aussuchen sollte – von dem Wenigen, was dort zur Verfügung stand. Leider war meine Zahnstellung für Blechblasinstrumente ungeeignet, so kamen für mich nur Holzblasinstrumente in Frage. Und was gab’s da? Fagott, Oboe, Klarinette, Flöte – da sagt man eben Fagott.
Der Unterricht schleppte sich insgesamt vier Jahre hin, meine Fähigkeiten waren soweit ganz ok. Ich habe sogar eine Zeit lang im Kreissymphonieorchester mitgespielt – als einziger Schüler neben für meine Verhältnisse recht alten Männern. Aber es hat mir Spaß gemacht.

Jonas:
Würdest du sagen, dass du eine glückliche Kindheit hattest?

Rummelsnuff:
Ja, auf jeden Fall! Aber im Pubertätsalter war es mit der Musikschule vorbei, ich hatte einfach keine Lust mehr – auch weil mir zusätzlich noch Klavierunterricht aufgezwungen wurde. Vor allem meine Großmutter hatte den großen Wunsch, dass ich genau wie sie, mein Onkel oder meine Eltern irgendwann Musik studieren sollte. Und für ein Musikstudium brauchte man Klavier als Zweitinstrument.
Meine Großmutter, die selbst Klavierlehrerin war, sagte allerdings, dass man innerhalb der Familie nicht unterrichten solle – warum auch immer. Daher kam ich zu einer relativ jungen Klavierlehrerin, die noch ganz am Anfang ihres Berufslebens stand und absolut keine Nerven für einen pubertierenden Vierzehnjährigen hatte. Zwar konnte ich bereits in sehr jungen Jahren ein ausgesprochenes Talent dafür entwickeln, Melodien herauszuhören und auf dem Piano erkennbar wiederzugeben, aber mit diesem vorgeschriebenen Üben hatte ich so meine Probleme. Es dauerte daher nicht lange und ich hatte auf den Klavierunterricht keinen Bock mehr – ich bin einfach nicht mehr hingegangen. Und irgendwann ging’s dann mit dem musikalischen Experimentieren los.

Jonas:
Wurde bei euch zuhause allgemein viel Musik gehört? Oder hat man sich eher auf seine eigene Musik konzentriert?

Rummelsnuff:
Doch, doch! Wenn ich Anfang der 70er bei meiner Mutter zu Besuch in Berlin-Schöneweide war, lief immer das Radio – ich wurde zwar nicht von ihr erzogen, aber ab und zu war man doch mal beieinander. Sie hörte ausschließlich den Sender AFM – was für „American Forces Network“ stand – und mochte vor allem Motown und Soul: Marvin Gaye und Aretha Franklin – das waren ihre großen Idole.
Meine Großmutter hingegen schaltete jeden Morgen den Berliner Rundfunk an: Sie wollte wissen, was im großen Berlin so passierte, wo ja ihre Tochter lebte und musikalisch wirkte. Mit Glück war ab und zu sogar mal ein Lied zu hören, bei dem meine Mutter im Hintergrund spielte. Dennoch war Radio nicht ganz das Ding meiner Großmutter, sie legte lieber Schallplatten mit Stücken von Franz Schubert oder Clara Schumann auf.

Jonas:
War es in der DDR problematisch, West-Musik zu hören?

Rummelsnuff:
Nein, es wurde ja sogar von DDR-Sendern selbst Westmusik gespielt. Wie in Frankreich gab es die sogenannte „60:40-Regel“, die vorschrieb, dass mindestens 60 Prozent der Titel DDR-Stücke sein müssen. Maximal 40 Prozent durften West-Titel sein. In Wirklichkeit gab es aber eher eine 50:50-Aufteilung: Man konnte danach gehen, dass nach einem DDR-Lied ein West-Lied kommt.
Natürlich gab es aber auch Sender, in denen ausschließlich DDR-Musik lief. Das waren dann die klassischen nationalen Hitparaden. Ich glaube auch, dass damals bei der DDR-Jugend durchaus ein gewisses Interesse für Ost-Musik bestand.
Letztendlich hatte aber die Musik, die man nicht wirklich kaufen konnte, eine wesentlich größere Anziehungskraft. Das DDR-Plattenlabel Amiga hatte alles versucht, was es konnte, um damals an West-Lizenzen zu kommen und die Platten hier pressen zu lassen. Das Problem dabei war aber, dass Alben von West-Künstlern meistens nicht 1:1 übernommen werden konnten: Wenn ein Stück nicht konform mit der Linie der Partei erschien, fiel es der Zensur zum Opfer. Dementsprechend gab es auf den Platten oft andere, „gefälligere“ Zusammenstellungen von Songs als auf den Originalalben.

Jonas:
Stimmt es, dass es einige Radiosender gab, die vor und nach jedem gespielten Titel einige Sekunden Leerlauf sendeten? So konnten die Hörer zuhause das Lied sauber aufzeichnen und hatten kein störendes Klacken der Aufnahmetaste auf ihrem Mitschnitt.

Rummelsnuff:
Im DDR-Radio war das durchaus üblich, aber auch bei einigen West-Sendern wie etwa dem RIAS. Dort gab es eine Sendung namens „Schlager der Woche“. Der Name täuscht, denn dort wurde auch so etwas wie Nina Hagen gespielt. Der damalige Moderator Lord Knud hatte ebenfalls vor und nach jedem Lied einige Sekunden Pause laufen lassen und machte sich damit nicht gerade zum Freund der Musikindustrie – schließlich wurde im Westen ja genauso mitgeschnitten.
Lord Knud war Anfang der 60er Jahre Bassist bei der Band „The Lords“, einer Beat- und Rockband aus Westberlin. In seiner RIAS-Sendung bin ich zum ersten Mal auf die Band „DAF“ und ihr Stück „Den Mussolini“ aufmerksam geworden. Daran erinnere ich mich sehr gut, denn diese Musik fand ich durch ihre elektronischen Klänge irgendwie neu und interessant.

Jonas:
Hat dich dieser Track so geprägt, dass du selbst mit elektronischer Musik experimentieren wolltest?

Rummelsnuff:
Ich glaube, mich haben eher der Geist und die gesamte Musik der frühen 80er Jahre dazu gebracht. Damals haben alle irgendwie so etwas gemacht – warum also nicht ich? Immerhin hatte ich im Gegensatz zu den meisten ja auch eine klassische Musikausbildung. Doch die war eigentlich total egal: Sie sagt nichts über das Ergebnis, das man bei seinem Experimentieren erhalten kann.
Aus meiner heutigen Perspektive würde ich sagen, dass ich mich damals mit dieser neuen Musik so intensiv beschäftigt habe, weil es einen lange versteckten Drang in mir gab, mich künstlerisch zu äußern. Aber es sollte noch bis 1987 dauern, bis ich endlich eine eigene Band gegründet hatte: die Gruppe „Kein Mitleid“. Da war ich 21 Jahre alt.

Jonas:
Zwei Jahre nach der Gründung von „Kein Mitleid“ bist du zu den berühmten „Freunden der italienischen Oper“ gestoßen. Wie kam es dazu?

Rummelsnuff:
FDIO war eine Band, die sich wie „Kein Mitleid“ um das Jahr 1987 in der DDR gegründet hatte, die aber in ihrer Anfangszeit nur hinter vorgehaltener Hand existierte. Man traf damals überall auf Leute, die erzählten: „So etwas gibt es eigentlich gar nicht, das musst du gesehen haben!“ Es gab also in den ersten beiden Jahren einen gewissen Mythos um die Band.
Lustigerweise hatte der Bassist von FDIO umgekehrt von unserer Band „Kein Mitleid“ gehört und hatte bei mir angefragt, ob er vielleicht bei uns mitspielen könnte. Nach einer gemeinsamen Probe stellte er aber fest, dass er sich mit den übrigen Musikern nicht so wohl fühlte – und fragte mich im Gegenzug, ob ich mir nicht vorstellen könnte, mal nach Dresden zu einer Probe von FDIO mitzukommen. Ich sagte: „Klar, ich schaue mir gerne mal an, ob das was für mich ist.“ Und das war es – sogar für ein paar Jahre!

Jonas:
Mittlerweile warst du 23 Jahre alt und lange raus aus der Schule. Wie hast du dich finanziert?

Rummelsnuff:
Ich musste nach der Schule sofort und ganz offiziell einen Lehrberuf ergreifen, obwohl ich gerne noch etwas gewartet hätte. Im RFZ, dem Rundfunk- und Fernsehtechnischen Zentralamt, habe ich brav meine Ausbildung zum Techniker absolviert und mich dort in den nächsten Jahren um die technische Ausrüstung des Fernsehens gekümmert. Wir haben damals etliche Geräte wie etwa Videorecorder in Handarbeit gebaut, um sie nicht im Westen einkaufen zu müssen.

Jonas:
Musstest du nicht auch zur NVA? Oder konntest du dich erfolgreich drücken?

Rummelsnuff:
Ich musste mich nicht drücken, denn ich hatte das Glück, in deren Planung ein paar Jährchen zu spät dran zu sein: Aus meiner Stasi-Akte habe ich irgendwann entnehmen können, dass meine Einberufung in die NVA für das Jahr 1991 vorgesehen war. Tja, Pech gehabt.

Rummelsnuff grinst.

Jonas:
Ein Wink des Schicksals! Wie hast du die letzten Monate vor dem Fall der Mauer erlebt?

Rummelsnuff:
Ende der 80er veränderte sich so langsam etwas. Bereits 1987 wurden in Dorfkneipen oder in Studentenclubs Konzerte mit „den anderen Bands“ veranstaltet – „die anderen Bands“ war ein Sammelbegriff für alles, was damals an neuer, junger Musik in der DDR entstanden ist. Es gab sogar eine Radiosendung, die so hieß. Plötzlich war diese Musik da – und das war geil!
So gab es beispielsweise in Weinböhla bei Meißen alle paar Monate einen Konzertabend mit drei, vier Bands. Veranstaltungsort war der „Obere Gasthof“, der heute sogar noch existiert. Meistens waren so viele Leute da, dass der Gasthof wegen Überfüllung geschlossen werden musste.
Man kam damals einfach mit etwas Neuem in Kontakt – nicht nur musikalisch, sondern auch was die Aussage der Texte betraf. Es gab Bands wie „Die Art“ oder „Die Firma“, die in ihren Liedern sehr politisch wurden.

Jonas:
Warst du ebenfalls politisch?

Rummelsnuff:
Man konnte damals gar nicht anders, als politisch zu sein. Ich war zwar kein Demonstrant, aber mich hat trotzdem einiges genervt – vielleicht andere Dinge als die, die andere Leute genervt haben.
Ich fand es alleine schon doof, dass ich mit meinem Geld nicht in den Intershops einkaufen konnte. Und genauso doof war es, dass eine Schallplatte mit West-Musik ein halbes Monatsgehalt gekostet hat. Wenn ich daher des Öfteren mal mit einigen Kumpels nach Ungarn gefahren bin, haben wir dort auch spezielle Plattenläden aufgesucht, in denen man sich die gewünschte Musik auf Kassetten aufnehmen lassen konnte. Das war deutlich billiger und man konnte das Ganze mit einem schönen Urlaub verbinden. Wir haben damals immer einen Laden in Budapest angesteuert, in dem es all’ die Punk-, Rock- und Indieplatten gab, die man aus dem Radio kannte.

Wer dort gespielt hat weiß ich gar nicht mehr. Vielleicht muss ich mal wieder in meine Stasi-Akte schauen, da steht ja alles genau drin.

Jonas:
Viele Menschen sind Ende der 80er in der DDR unter anderem gegen die Willkür der Staatsgewalt auf die Straße gegangen. Bist du selbst auch einmal mit der Volkspolizei aneinander geraten?

Rummelsnuff:
Ich hatte in Großenhain immer das Gefühl, von den Behörden nicht wirklich ernst genommen zu werden. Dort war ich zwar irgendwann bekannt wie ein bunter Hund, aber wirkliche Probleme mit der Vopo gab es nie – bis auf einmal in Dresden. Gemeinsam mit einigen Freunden habe ich ein Konzert in der Luther-Kirche besucht. Wer dort gespielt hat, weiß ich gar nicht mehr. Vielleicht muss ich mal wieder in meine Stasi-Akte schauen, da steht ja alles genau drin.
Auf jeden Fall war es ein feucht-fröhlicher Abend. Irgendwann tauchte die Volkspolizei auf und nahm einen von uns in die Mangel. Mit dem Mut der Promille wollten wir ihn befreien und wurden daraufhin ebenfalls verhaftet. Nachdem wir auf die Wache gebracht wurden, war ich der Erste, der abgefertigt und wieder entlassen wurde. Später habe ich von meinen Freunden den Grund erfahren: Ich muss so extrem nach Knoblauch gestunken haben, dass es nicht auszuhalten war. Laut meiner Stasi-Akte wurde übrigens der Vorgang irgendwann gegen mich eingestellt. Fazit: Anstifter ist er nicht.

Jonas:
Im Gegensatz zu vielen Anderen scheinst du wirklich Glück gehabt zu haben.

Rummelsnuff:
Wahrscheinlich. Aber wäre ich in Leipzig oder Dresden ansässig gewesen statt in Großenhain, wäre das wohl anders gewesen.

Jonas:
Wie und wo hast du den Mauerfall erlebt?

Rummelsnuff:
Soweit ich das richtig in Erinnerung habe, war der 9. November 1989 ein Donnerstag. Ich war abends mit einem Kumpel auf einem Konzert und habe überhaupt nichts mitbekommen. Zwar habe ich es dann erfahren, als ich nachhause kam, aber glauben konnte ich es nicht wirklich.
So richtig gedämmert hat es erst am nächsten Morgen, als meine Arbeitskollegen mir zuriefen: „Die Mauer ist weg! Hast du nicht gehört?“ Es hieß, dass die Grenze für ein paar Tage offen sein soll – man hat am 10. November ja noch mit allen Mitteln versucht zurück zu rudern.
Plötzlich rief mich der Kumpel an, mit dem ich am Abend vorher unterwegs war. Er fragte: „Mensch, wollen wir nicht nach Berlin fahren? Die Mauer ist offen!“ Ich war skeptisch und sagte: „Die ist doch bestimmt längst wieder zu, wenn wir dort ankommen.“ Doch er hat mich überredet. Und so habe ich meinem Chef gesagt, dass ich früher Feierabend mache, und bin mit meinem Kumpel nach Berlin gefahren.
An der Grenze angekommen, war alles ganz einfach: Ausweis gezeigt und freie Fahrt! Und als plötzlich mehr West-Autos um uns herum waren, als ich in Ungarn je gesehen habe, wurde mir so langsam klar: Das, womit ich im Leben nie gerechnet hätte, war seit gestern Nacht Realität.

Jonas:
Was habt ihr an eurem ersten Tag in West-Berlin unternommen?

Rummelsnuff:
Der Weg führte uns zuerst nach Kreuzberg. Man hatte ja viel gehört: Punks, Bands, Randale. Aus den Programmhinweisen im Radio kannten wir bereits einige Clubs wie etwa das SO36. Daher haben wir uns vorgenommen, zuerst diese Originalschauplätze zu besichtigen. Und so wurde aus unserer kurzen Spritztour ein stark verlängertes Wochenende. Wir haben uns alles reingezogen – obwohl das Geld ziemlich knapp war. Mit 100 Mark Begrüßungsgeld kommt man ja nicht weit.

Jonas:
Was hat sich in den darauf folgenden Wochen und Monaten in deinem Leben verändert?

Rummelsnuff:
Nachdem ich über eine Woche lang nicht auf der Arbeit war, dachte ich, ich müsste vielleicht mal wieder dort vorbeischauen. Doch nach wenigen Wochen war Schluss: Der Betrieb war einer der ersten, die abgewickelt wurden. Das war ein erster großer Einschnitt in meinem Leben. Vom einen Tag auf den anderen hatte ich nichts mehr zu tun – jedenfalls nichts, was Geld bringt. Viele Konzerte habe ich zu dieser Zeit ja auch nicht gespielt.
Dazu kam, dass plötzlich alles teurer wurde. Kaum war die Mauer weg, ließ auch das Aussortieren der DDR-Ware nicht lange auf sich warten. Und in Dresden gab es plötzlich Dinge, die nicht wirklich besser aussahen als vorher – miefiges Scheibenbrot in Plastikbeuteln etwa, das dazu noch teurer war als unser Brot.

Jonas:
Wie hast du dich in dieser Zeit durchgeschlagen?

Rummelsnuff:
Ich habe damals alles Mögliche gemacht. Glücklicherweise hatte ich ein KFZ, mit dem ich Touren für eine Kurierfirma fahren konnte. Hin und wieder habe ich auch mal ein Konzert gespielt oder Fernseher und Waschmaschinen verladen.

Jonas:
Wirklich glücklich macht das ja nicht auf Dauer.

Rummelsnuff:
Eben. Anfangs hatte ich noch auf FDIO gehofft, denn kurz nach der Wende kam Alfred Hilsberg auf uns zu – der große Alfred Hilsberg, Inhaber des Labels „Zickzack / What’s so funny about?“ und Wegbereiter vieler innovativer Bands wie etwa „Einstürzende Neubauten“. Von ihm entdeckt zu werden, empfand ich persönlich als ein riesiges Kompliment – auch später wieder: in meinem zweiten künstlerischen Lebensabschnitt als „Rummelsnuff“.
Doch kurze Zeit später löste sich die Band auf, ab 1992 gab es FDIO nicht mehr. Danach habe ich mich der Band „Automatic Noir“ angeschlossen und dort insgesamt sechs weitere Jahre Musik gemacht – aber dann habe ich aufgehört.

Jonas:
Zwischen deinem Ausstieg bei „Automatic Noir“ im Jahr 1998 und den Anfängen von „Rummelsnuff“ sieben Jahre später liegt ein Weilchen. Was hast du in dieser Zeit getrieben?

Rummelsnuff:
Ich habe mich im Trainingskeller eingeschlossen und den ganzen Tag gepumpt.

Jonas:
Sozusagen eine künstlerische Lücke in deinem Lebenslauf.

Rummelsnuff:
Diese Beurteilung überlasse ich Anderen. Aber darf man denn keine Lücke haben im Leben? Das gehört doch dazu.
Ausgeruht habe ich mich damals übrigens nicht: Im Jahr 2000 habe ich beispielsweise meinen Trainerschein gemacht und bin seitdem lizensierter Kraftsporttrainer. Und nebenbei habe ich immer gearbeitet, unter anderem im Bereich der Sekurität am Einlass von Clubs.
Eine Zeit lang habe ich sogar selbst Konzerte veranstaltet – gemeinsam mit einem Kumpel von „Automatic Noir“, der alle möglichen und unmöglichen Bands eingeladen hat. Ein Glück, dass das alles immer reibungslos ablief.

Jonas:
Hast du damals noch in Großenhain gewohnt?

Rummelsnuff:
Nein, das habe ich eigentlich schon 1989 verlassen. Über die Stationen Dresden und Meißen bin ich irgendwann nach Berlin gekommen. Aber wann das genau war, weiß ich nicht. Ich habe das auch eher als einen fließenden Übergang in Erinnerung.

War das jetzt alles im Leben?

Jonas:
Im Jahr 2005 bist du zum ersten Mal in der Öffentlichkeit als „Rummelsnuff“ in Erscheinung getreten. Wie kam es letztendlich dazu? Und warum erinnert dieser Name so stark an den Lichtenberger Stadtteil Rummelsburg?

Rummelsnuff:
Ich hatte damals in Rummelsburg eine Bude. Zu jener Zeit habe ich über’s Pumpen den norwegischen Künstler Bjarne Melgaard kennengelernt, der zwar in einer großen Wohnung in der Chausseestraße in Mitte lebte, aber immer zu mir rausgefahren ist: Als sein Trainer hatte ich ihn bis auf 145 kg beim Bankdrücken und 170 kg beim Kniebeugen gebracht. Nicht schlecht für einen Mann, der sonst ein Künstlerleben führte – mit allem, was dazu gehörte.
Ich glaube, wir haben uns dabei nicht nur physisch angestachelt, sondern uns auch mentale Kraft gegeben. Ich habe damals Muskelmasse aufgebaut wie nie zuvor – trotzdem habe ich mich gefragt: War das jetzt alles im Leben? In zwei Jahren wirst du 40, schau dir bloß mal an, was dieser Künstler macht! Und allmählich habe ich gemerkt, dass ich den Wecker stellen muss.
Der Name „Rummelsnuff“ ist dabei aus einer gemeinsamen Spinnerei heraus entstanden. Eigentlich sollte ich im Jahr 2004 nur eine Ausstellung von Bjarne mit etwas Krach beschallen, was im Endeffekt aber zur Wiederaufnahme meiner musikalischen Tätigkeit nach einer langen künstlerischen Pause geführt hat.

Jonas:
Wie habt ihr „Rummelsnuff“ mit Inhalt gefüllt?

Rummelsnuff:
Am Anfang war noch gar nicht klar, wie sich „Rummelsnuff“ entwickeln wird. Er sollte eigentlich auch nicht singen, sondern lediglich Klänge produzieren. Im Jahr 2004 hatte ich ein Computerprogramm in die Hände bekommen, mit dem ich schon 1998 musikalisch experimentiert hatte. Die Funktionen hatten sich kaum geändert – und so ging es wieder los. Anfangs habe ich nur für mich selbst einige Klänge gebaut. Aber Bjarne gefiel das so gut, dass er sagte: „Daraus muss etwas werden!“
Die Klänge, die im Jahr 2004 für die Beschallung der Ausstellung entstanden, lieferten erste Gerüste für Lieder, die ich in der darauf folgenden Zeit betextet und besungen habe. So ist 2008 mein erstes Album „Halt’ durch!“ entstanden. Da war Bjarne Melgaard allerdings schon lange weitergezogen – nach Barcelona, glaube ich.

Jonas:
Du bezeichnest das, was du tust, als „derbe Strommusik“. Was genau macht diese Musik aus?

Rummelsnuff:
Meine Musik ist eingängig und rau – in erster Linie durch meine Stimme und die relativ einfachen Mittel der Umsetzung. Aber eigentlich lasse ich das lieber andere beschreiben. Ich mache diese Musik ja nicht nur für mich, sondern für alle, die sie hören.

Jonas:
Auf der Platte „Halt’ durch!“ gibt es ein gleichnamiges Lied, das mit seiner schönen und eingängigen Melodie direkt im Gedächtnis bleibt. Hast du das Gefühl, dass dir letztendlich deine musikalische Ausbildung doch geholfen hat? So etwas saut man ja nicht eben mal hin.

Rummelsnuff (lacht):
Der Song „Halt’ durch!“ ist tatsächlich hingesaut: Er hat nur drei, vier Akkorde, die sich ständig wiederholen. Die Kunst liegt vielleicht darin, dass man das nicht so merkt! Zwar heben sich die Strophe und der Refrain ab – was darunter liegt, ist aber immer dasselbe.
Aber im Ernst: Einfach komponiert heißt ja nicht, dass es das Stück schlechter macht. Es gibt auch Lieder von mir, die wesentlich komplexer konstruiert sind. „Halt’ durch!“ war sozusagen ein goldener Wurf. Das Lied gefällt mir persönlich immer noch sehr gut – und es hat ja auch bei dem einen oder anderen Menschen ziemlich gezündet.

Vielen hat das Stück durch eine schwere Zeit geholfen – ein Lied wie ein Freund.

Jonas:
Warst du erstaunt, dass deine Musik so gut ankommt?

Rummelsnuff:
Ganz am Anfang tat sie das ja noch nicht. Zwar hatte mein erstes Video „Lauchhammer“ aus dem Jahr 2005 recht gute Klickzahlen auf YouTube, allerdings ist das nicht gerade der allergrößte Song, den ich je geschrieben habe. Ein Album gab es damals noch nicht – und so war auch nicht jedes Konzert gut besucht, vor allem am Anfang nicht. Deswegen war ich vielleicht auch nicht ganz so erstaunt, als im Laufe der Zeit immer mehr Feedback kam. Ich hatte die Musik von „Rummelsnuff“ ja kontinuierlich aufgebaut.
Trotzdem gab es plötzlich Situationen, mit denen ich nicht gerechnet hätte: Menschen haben mir geschrieben oder mich einfach auf der Straße angesprochen, um mir für „Halt’ durch!“ zu danken. Vielen hat das Stück durch eine schwere Zeit geholfen – ein Lied wie ein Freund. In diesen Momenten dachte ich: „Das kann man mit Musik erreichen – das kann ich mit meiner Musik erreichen!“
In solchen Situationen interessiert es einen nicht, ob man es mit seiner Musik vielleicht mal in die Charts schafft – das ist total egal. Wenn es nur wenigen Leuten hilft, was man da tut, war’s die Sache doch schon wert. Und wenn man obendrein noch seine Brötchen damit finanzieren kann, ist es doppeltes Glück! Aber bis ich diesen Zustand erreicht hatte, musste ich noch eine ganze Zeit lang meine sogenannte Ich-AG als Trainer und Musiker aufrecht erhalten…

Jonas:
…und hast im Jahr 2007 außerdem als Türsteher im Berghain angefangen.

Rummelsnuff:
Manche nennen das ja eher Einlasser oder Selekteur – aber ob das die Tätigkeit ausreichend beschreibt?

Jonas:
Wie kam es zu dieser Tätigkeit?

Rummelsnuff:
Der Berghain-Resident „nd_baumecker“ hatte mich damals kontaktiert und gefragt, ob ich nicht Interesse hätte, bei der „SMEGMA Party“ am 1. Mai im Lab.oratory aufzutreten. Das Angebot für die Gage war in Ordnung, also habe ich zugesagt. Irgendwann im Laufe unserer Email-Konversation bin ich auch mal persönlich zum Berghain gefahren, um mir anzuschauen, wo ich genau auftreten würde. Nach einer kleinen Führung war ich ganz beeindruckt von diesem schönen Gebäude. Eher nebenbei habe ich die Frage gestellt: „Braucht ihr nicht ab und zu noch einen Türsteher?“ So viele Konzerte hatte ich damals ja noch nicht gegeben, dass die Musik alleine den Kühlschrank gefüllt hätte.
Zufälligerweise hatte gerade im Lab.oratory ein Türsteher aufgehört – und so durfte ich am Abend nach meinem Auftritt schon meine erste Schicht antreten. In dieser Nacht hat mir der Chef sogar noch ein selbst geschmiertes Butterbrot gereicht, weil ich mir für die acht Stunden irgendwie nichts zu essen eingepackt hatte. Wenn man neu ist, wird man ja noch verwöhnt!

Rummelsnuff lacht.

Jonas:
Machst du diesen Job immer noch?

Rummelsnuff:
Ich gebe mir Mühe, das noch zu schaffen, denn es bedeutet eine gewisse Entspannung: Man ist im Gegensatz zu einem Auftritt nicht verantwortlich für den Verlauf des Abends, aber dennoch ein wenig das Aushängeschild. So ist dieser Job für mich – jedenfalls im Vergleich zu meinen Konzerttouren – extrem stressfrei. Ich bin froh, dass mir nach wie vor die Möglichkeit gegeben ist, dort zu arbeiten. Im Moment lässt es mein Terminkalender aber einfach nicht zu.

Wir legen eine kurze Pause ein. Nachdem wir die Reste unseres Kuchens verspeist haben, verlassen wir die „Hafenküche“ und schlendern zu einem verlassenen Industrieareal, das nur wenige Meter entfernt liegt.

Vor einem etwas verkommen wirkenden, aber irgendwie charmanten Haus bleiben wir stehen. Der Straßenname „Zur Alten Flußbadeanstalt“ lässt bereits erahnen, welche Funktion dieser Gebäudekomplex vor langer Zeit gehabt haben muss. Und in der Tat: In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts entstand hier das „Städtische Flußbad Lichtenberg“, das den Arbeiterfamilien der Umgebung die Möglichkeit gab, hier zu baden und sich zu waschen.

Die Eingangstür öffnet sich. Eine sympathische junge Frau tritt heraus und begrüßt uns. Susan Peronne ist Locationmanager der „Spreestudios“ – eine Initiative, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Areal vor dem Abriss zu bewahren und hier Künstlern einen Raum zu geben. Während sie uns durch das Gebäude führt und von dessen langer Geschichte erzählt, trauen wir unseren Augen nicht: Überall entdecken wir alte Fotos und Artefakte, die tapfer die Erinnerung hoch halten – die Erinnerung an ein Berlin, das noch ein anderes war als heute. Nach der kleinen Führung nimmt Rummelsnuff auf einem alten Sessel Platz und zündet seine Pfeife an.

Jonas:
Der Fotograf Sven Marquardt – eine der bekanntesten Berghain-Persönlichkeiten – erzählt in seiner kürzlich erschienenen Autobiographie „Die Nacht ist Leben“ unter anderem von einer gemeinsamen Autofahrt mit dir. Erinnerst du dich an diese Situation?

Rummelsnuff:
Wir sind öfter mal herumgefahren in meinem alten Benz. Bestimmt waren wir auch da wieder unterwegs, um Fotos zu machen oder Filme zum Digitalisieren ins Labor zu bringen.
Bei unserem ersten Zusammentreffen im Jahr 2008 hat mich Sven im Kubus fotografiert, der Halle neben dem Berghain, So entstand das Albumcover für meine erste Platte. Vier Jahre später hat er für mein Album „Himmelfahrt“ ebenfalls das Cover geschossen. Ich erinnere mich noch, dass wir am frühen Morgen zu einem Berliner Schrottplatz gefahren sind – da Sven ausschließlich mit natürlichem Licht arbeitet, spielt die Tageszeit bei ihm immer eine entscheidende Rolle.
Leider sind Schrottplätze heute nicht mehr das, was sie in den 80ern mal waren: Da liegen Autos, die sind gerade einmal fünf Jahre alt. Zwischen all den Ford Ka war es etwas schwierig, eine gewisse Zeitlosigkeit zu erzeugen. Letztendlich sind die Fotos aber trotzdem traumhaft geworden.

Jonas:
Auf dem Foto sieht man dich ausnahmsweise mal mit Hut statt mit Kapitänsmütze.

Rummelsnuff:
Stimmt. Sven war nicht nur der Erschaffer des Coverfotos, er hat sozusagen auch das Image dieser Platte erfunden. Er meinte damals: „Ich will dich nicht schon wieder mit Unterhemd und Kapitänsmütze sehen, das ist mittlerweile echt abgehangen.“ Daraufhin hat er mir einen Gangsterhut aufgesetzt. Ich hatte sogar noch versucht, ein dazu passendes Hemd anzuziehen, aber da haben meine Muskeln ausgesehen wie aufgeklebt.
Der Rummelsnuff auf „Himmelfahrt“ ist damit seine Kreation. Diesbezüglich hätte ich mir eigentlich von niemandem etwas sagen lassen. Aber bei ihm dachte ich: Wenn Sven Marquardt das sagt, muss da was dran sein.

Jonas:
Sven hat in seiner Autobiographie den Begriff „abschiedig“ geprägt, mit dem er Orte und Situationen beschreibt, die ein Gefühl von Vergänglichkeit transportieren. Als ich vor kurzem das Video zu deinem Stück „Freier Fall“ angeschaut habe, musste ich spontan an diesen Begriff denken: Zu sehen ist ein großflächiges Areal an der Spree, dass es so seit wenigen Jahren nicht mehr gibt. Man hat darauf ein Bürohaus errichtet – wie an so vielen Orten in Berlin. Wie erlebst du selbst die Veränderung der Stadt?

Rummelsnuff:
Es erfüllt mich mit Unmut zu sehen, wie markante, gewachsene Ecken des alten Berlin zunehmend eingeebnet und beliebig mit architektonischem Unrat vollgestellt werden – Milieuschutz spielt für den Senat praktisch keine Rolle, wenn’s um Geld geht. Die Großstädte werden immer mehr aneinander angeglichen, die Stadtbilder dabei immer austauschbarer.
Berlin ist so schön aus verschiedenen Stadtteilen und Zeitepochen zusammengewachsen, das könnte man doch berücksichtigen. Aber es wird noch viel schlimmer werden: Was da am Spreeufer an Büroklötzen hochgezogen wird, ist Wahnsinn.
Das ist eben die Macht des Geldes. Dafür leben wir immerhin in einer relativ freien Gesellschaft. Wir können tun, was in einer Diktatur nicht möglich gewesen wäre – ich hab’s ja selbst erlebt.

Jonas:
Singst du gegen etwas an?

Rummelsnuff:
Ich glaube, dass ich nicht wirklich gut darin bin, politische Inhalte in meinen Texten zu transportieren. Daher würde ich mich auch nicht als politischen Sänger bezeichnen. Trotzdem findet eine gewisse Kritik natürlich statt. Es gibt Zeilen wie etwa „Sollst betteln, um was dir eh gehört“, die sich mit entwürdigenden Ämtergängen befassen. Ich unterhalte mich oft mit Menschen, die solche Prozeduren hinter sich haben. Zudem herrscht auf Ämtern oft eine unbeschreibliche Arroganz, wie mit den Mitteln umgegangen wird, die uns allen gehören.

Wer sich eingeladen fühlt, soll mitkommen – und profitieren von der Kraft, die ich geben kann.

Jonas:
Glaubst du, eine starke Stimme zu sein für die, die keine Stimme haben?

Rummelsnuff:
Wer sich eingeladen fühlt, soll mitkommen – und profitieren von der Kraft, die ich geben kann. Wie ich bereits erwähnt habe, bin ich bestimmt nicht der, der politische Reden hält und alles auf den Punkt bringt. Aber dafür singen Politiker auch keine Lieder.

Rummelsnuff klopft seine Pfeife aus und rückt die Kapitänsmütze gerade. Bald wird die Dämmerung einbrechen, also beschließen wir, noch ein wenig das Studiogelände zu erkunden.

Zwischen den alten Anlagen und Garagen hat sich die Natur ihren Raum zurückerobert, kleine und große Tannen bevölkern das Areal. Über ihren Wipfeln erhebt sich eine breite Säule aus Wasserdampf und Rauch, die vom Schornstein des benachbarten Heizkraftwerks langsam auf den mittlerweile dunkelgrauen Himmel gelegt wird.

Gedankenversunken schlendern wir über das Gelände und steuern dann langsam wieder das Haus der ehemaligen Badeanstalt an. Rummelsnuff verabschiedet sich, steigt in seinen alten Benz und knattert davon.

Wir bleiben noch einen Moment stehen und richten unseren Blick auf das alte Gebäude.

Ästhetik beschreibt im Ursprung alles, was unsere Sinne bewegt, wenn wir es betrachten.
Verkommenes und Widriges – auch das gehört dazu.

Und eine starke Seele, auch wenn man sie nicht sehen kann.

Aber vielleicht hören.