Submission — Fynn Jedrysek & Tristan Schneider

Innerlicher Film

27. Oktober 2013 — MYP No. 12 »Meine Stille« — Text: Fynn Jedrysek, Fotos: Tristan Schneider

In 70 Tagen 13 lateinamerikanische Länder mitnehmen. Mit einem 20 Jahre alten Four-Wheel-Drive Nissan Pathfinder und einem kalifornischen Nummernschild etwa 8.000 Kilometer durch Länder fahren, deren Überlandstraßen neben sehr günstigen Tankgelegenheiten vor allem von schwerbewaffneten Kartell-Halunken gezeichnet sind, bedeutet in erster Linie Rock‘n Roll – statt Entschleunigung im ewigen Corona-Taco-Nirwana.

Nun ist ein deutscher Pass eine Blankovollmacht durch jede paramilitärische Drogenkontrolle und auch sonst verbirgt sich unter jedem Sombrero, der dir auf einem Esel entlang der Schnellstraße entgegenreitet, eigentlich immer ein gastfreundliches, gut gebräuntes und glücklich anmutendes Gesicht. Allerdings findest du dich Abend für Abend in der gleichen ungemütlichen Situation wieder, wenn du trotzdem weiterfährst — entgegen der freundlich gemeinten Mahnung zugekokster Provinzpolizisten, nachts die mittelamerikanische Panamericana zu meiden: wegen der bösen Buben, die sich nunmal groben Unfug auf die Fahne geschrieben haben.

Unsere Weise — eben diese Zeit ab dem Einbruch der Dunkelheit — den angestrebten Kilometern jeden Tages Rechnung zu tragen, war eine bloße selbstzerstörerisch-hedonistische Ausblendung jener lauernden Gefahren. So erinnern wir uns noch sehr genau, wie sich eine Stunde völliger Stille, die einzig von dem durchgängig ausgeatmeten Zigarettenrauch gebrochen wurde, immer mit einer Periode manischen Mitsingens mexikanischer Radiolieder unter nervöser, unkontrollierter Trockenfleisch- und Red Bull-Zugabe, abwechselte.

Genau mit jener angstvollen Stille bei Nacht trugen uns die Räder unserer 200.000 Meilen Offroad Karre dann auch von der Schlagloch-durchsäten Autopista (vorbei an Mautstellen, die mehr verlangen als an der Côte d‘Azur und die Armen auf die kostenlosen Straßen zwingen und den Wegelagerern überlassen) durch die Tore der mittelamerikanischen Großstädte.

Gut gut, werden manche denken, denen wir hier von unserer Angststille beim Unterwegs-Sein erzählen. „Wäret ihr doch verdammt nochmal einfach jeden Morgen noch früher losgefahren“, werden sie sagen, „und hättet eure Kilometerquote aufgegeben, dann hättet ihr auch sicherlich nicht nachts eure euch als Gringos entlarvenden Haare und Gesichtszüge leugnen und verstecken müssen.“

Doch wir zwei Reisende fügten uns einem zeitlich entgrenzten Kompass, dem Metrum einer Länderkomposition, die schon gar nicht mehr an Reisende wie uns geglaubt hat.

Längst war klar, dass es den Gastwirten gar keinen Spaß mehr machte, die Speisekarte für die Locals schnell mit einer für inflationär bezasterte Touristen auszutauschen, weshalb wir auf eine teilweise unangenehme und ungewollte Weise an koloniale Verhältnisse anknüpfend unverhältnismäßig übergenug essen und trinken konnten — für einen viel zu kleinen Preis.

Es sei übrigens an dieser Stelle jedem angeraten, einmal in den Genuss der mexikanischen Bierbraukünste zu kommen, denn ganz im Gegensatz zu ihrem sonst stets imperial bestrebten Nachbarn — Coca Cola Urvater und stolzem Botschafter von Stars and Stripes — weiß scheinbar eine jede Provinz in Mexiko um den guten Geschmack eines Bieres, das die Qualität mancher deutschen gerne mal in den Schatten stellt.

Nun ja, der Hungrige und Durstige, nach den unverblümten Lebensentwürfen der Locals Ausschauhaltende, ist dann eben in solchen Gefilden eher unfähig, seine deutschen Spasmen auszuleben, die ein jedes Kind Disziplin, Zuverlässigkeit und gar ausgereifte Planung ruft, um sich rechtzeitig vor Anbruch der Dunkelheit hinter die von Pumpgun-Gestalten bewachten Hotelmauern zu verkriechen.

Außerdem — nur haben wir vergessen, uns das zu merken ­— hat ein jeder frischer Morgen mit Sonnenschein und Stadtgeschehen die bedrückende Illusion von der mexikanischen Großstadt als Verbrecherhochburg genommen. Und auch die nun endlich mal herumalbernde, gegen den narcotraffic geschaffene Maschinengewehreinheit Fuerza Civil war vollends entmystifiziert.

Das Treiben der Panamericana hat den Alltag vieler Menschen für sich erklärt und so pilgern sie Tag für Tag gen Asphalt und Smog aus den Aufpuffen uralter Karossen, um an den Gypsies, Pendlern und Touristen zu verdienen.

Egal ob Mangos, Bananen und Kokosnüsse, die mit ihrem Gewicht die provisorischen Bretterbuden zum Fast-Zusammenbruch bringen, egal ob zappelnde Affenbabys, exotischer Papageiennachwuchs oder Mini-Kolibris im Glas: An dieser Straße durch eine atemberaubende tropische Flora wird alles, was verwertbar ist, den Autofahrern entgegengestreckt. Ein Existenzflash, wie er Spaß macht.

Was nun im Laufe der folgenden Kilometer an Erlebnissen und Geschichten unweigerliche Begleiter unserer mittelamerikanischen Odyssee wurde, sollte sich als Paarung verquerer Kulturschocks, kulinarischer Orgasmen, nie erahnter hegemoniellen Naturgewalten und noch mehr Rock‘n Roll herausstellen:

Selbstgeerntete guatemaltekische Drachenfrüchte und Mangos;
meets einen heilig anmutenden, angefahrenen und blutenden Affen im Serpentin des Regenwalds;
meets eine touristenfreie, 1800 Jahre alte Mayahochburg;
meets ein stilechtes 60er Jahre Mafia-Anwesen aus vergangenen Zeiten als Hotel an der karibischen Küste von Honduras;
meets einen Unfall in Nicaragua ohne Verletzung, dafür mit Korruption verpeilter Mopedcops;
meets suizidale Papageienschwärme auf dem Trip ihres Lebens, ein Flug in einen aktiven Vulkankrater des Massaya;
meets heutzutage noch einmal dabei sein, wenn eine sozialistische, ehemalige nicaraguanische Guerillafront die Präsidenschaftswahlen gewinnt, man einfach die rechte geballte Arbeiterfaust zum Gruße erhebt und ein nicht mehr zu bändigendes Feuerwerk und einen Autokorso entfacht;
meets einen Hummer für 1,99 essen;
meets größenwahnsinnige Importsteuern in Costa Rica;
meets einem Schulfreund am anderen Ende der Welt begegnen;
meets ein wiederentdecktes Panama als Sammelstelle für gestrandete Rucksacktouristen auf dem Weg zur Südhalbkugel;
meets ein bereistes Mittelamerika samt Auto zurücklassen und unsere Stille finden; Atempause.

Länder, in denen es Coca Cola günstiger zu kaufen gibt als Wasser, erzählen zwar spezielle Geschichten vom Kapitalismus; viel interessanter aber noch sind jene Geschichten, mit denen diese Länder von ihrer Vielfalt erzählen, Dankbarkeit wahren und in der Poesie ihrer Kultur aufgehen.
Mit einer Ermahnung an Mäßigkeit, einem Ruf nach Respekt für Notwendiges und Besinnung haben wir uns dann aufgemacht zur Südhalbkugel, den Sommer im November, die Ciudad de Tango – Buenos Aires.

Doch unserem bedingunglosen und unmittelbaren Moment der Stille auf unserem Roadtrip, den wir irgendwann Wochen später in schwindelerregenden Höhen der Anden zu finden vermochten, sollten noch viele exotische Eindrücke von einer nie erlebten Flora und südamerikanischer Lebensweisen vorausgehen.

So sollten nämlich zunächst einmal Tage des absoluten Tempos die Halbzeit unserer Reise markieren, unter Anleitung einer argentinischer Clique zu jung geerbter Großindustriellenkinder. Ein derart sorgloses Alltagsleben jener Gute-Laune-Figuren in Buenos Aires war gleichzeitig für uns eine Sightseeing-Tour im Mittelklasse-Neuwagen, die uns nicht besser hätte zeigen können, wie janusköpfig die Verhätnisse in einer lateinamerikanischen Megacity ausgelebt werden; einer Stadt, die erstaunlich viele Paris-Attitüden der Belle Époque an den Tag legt.

Vortreffliches Rindfleisch, eisgekühlte Mate-Tees und ein reges Hafentreiben versprachen wir uns auch von Montevideo. Die Bootsfahrt in die Hauptstadt mit der höchsten Lebensqualität Lateinamerikas und gleichzeitig dem mitunter höchsten Pro-Kopf-Verbrauch an Antidepressiva weltweit verlief problemlos.

Ebenso problemlos war aber Gott sei Dank auch der vorgezogene Checkout aus dieser Stadt, nachdem wir zum wiederholten Mal auf unserer Reise Bekanntschaft mit einer Gruppe anhänglicher, größenwahnsinnig-nymphomanischer Backpacker machten, die lediglich die ganze Zeit wissen wollten, wie leicht man denn die einheimischen Frauen in den von uns bereisten Städten knallen könne. Auch sonst landet die Stadt leider nicht auf unserer Favoritenliste – wahrscheinlich war sie einfach mit dem falschen Fuß aufgestanden.

Unser nächstes Ziel war ein episches Naturschauspiel im Dreiländereck, die Iguaçu Wasserfälle. Von dort aus zog es uns weiter und wir gelangten per 30-Stunden-Busfahrt in eine Stadt mit einem unnahbaren Mythos, der uns nie wieder loslassen sollte.

In Rio de Janeiro musst du das ersehnte Lebensgefühl, das weder Werbung noch Erzählung transportieren können, nicht erst erzwingen oder erwarten. Die perfekte Mischung aus urbaner Coolness und dem täglich gelebtem Hedonismus an der Copacapana, Tür an Tür mit einer Büroskyline, macht einfach Spaß.

Doch auch ein unbeschwerter Dauerkarneval und die schönsten Menschen der Welt haben uns nicht davon abhalten können, schließlich den Flieger nach Peru zu nehmen.

Der ganze Weg bis hoch zum Machu Picchu soll hier keine Erwähnung finden, weil er genauso kompliziert wie atemberaubend war, einem aber die leicht genervt-gefärbte Beschreibung vermutlich eher weinerlich erscheint.

Genau an diesem Punkt unserer Reise, in 2400 Metern Höhe, umringt von den nebelumwobenen Bergspitzen der Anden in Gesellschaft drollig drein schauender Lamas, konnten wir zu einem Frieden finden: zu unserer Stille, die bei all den beschleunigten vergangenen Wochen kaum noch absehbar war. Obgleich diese Inka-Ruinenstadt geschätzterweise derzeit die beliebteste und best besuchteste Sehenswürdigkeit der Welt ist und regelmäßig Spiegelreflexkamera-Equipment im Wert von Millionen Dollar beherbergt, hatte diese loslassende Rast am höchsten Punkt die Gabe, alles andere vergessen zu machen und Vergangenes wie Kommendes einen innerlichen Film sein zu lassen, der von nichts Materiellem mehr tangiert wird.

Sehnsuchtsvolle Gedanken an Zuhause, an die Liebste, die Familie und Freunde geben einer jeder langen Reise schließlich doch einen Rahmen und lassen Einen auf ein nahendes Wiedersehen hoffen.

Doch erstmal Bergabstieg, Abfahrt, Flug verpasst und verlängerter Hostelaufenthalt im Grünen samt kolumbianischen dîner en blanc.

Vor uns lag der letzte Stopp unserer Reise, nämlich die Wahlheimat Hemmingways mit Stränden, an denen korallenstaubweißer Sand dem türkisblauen Meer einen unwiderstehlichen Kuss gewährt und karibisches laissez faire auf realsozialistischen Flair trifft – Kuba.

Wenn sich 57er Chevys hinter 58er Dodges mit generalüberholten Motoren aus der Ex-Sowjetunion reihen und ihre natürlich alltäglich motivierte Fahrt entlang des Malecons bestreiten, wenn im Hintergrund die ehemaligen eingefallenen Boutiquen ein Lied vergangenen Glanzes summen und neben Einem ein Händler seine Cohibas feil bietet, dann hatten wir einfach das Gefühl, mit dieser Zeitreise den richtigen Abschluss für eine lange Reise gefunden zu haben.