Portrait — Davis Schulz

Spielen, was man fühlt

Schauspieler, Musiker und YouTuber Davis Schulz hat eine klassische Millienial-Karriere hingelegt. Wir haben mit ihm über Erfolgsstrategien, Einnahmequellen und emotionale Erfahrungen in der deutschen Showbranche gesprochen.

29. Juni 2019 — MYP N° 25 »Zwielicht« — Interview: Katharina Weiß, Fotos: Roberto Brundo

Schon wieder so einer. So ein angeblicher Social-Media-Performer mit jeder Menge Followern auf YouTube und Instagram. Die glänzende Tolle sitzt, das Lächeln strahlend weiß – bestimmt ein richtiger Sunnyboy, dieser Davis Schulz. Da kann ja nichts bei rumkommen.

Wer keine Faszination für das Starsystem unseres digitalen Unterhaltungs-Universums aufbringen kann, der verpasst jedem, der sein Gesicht mal mit einem YouTube-Kanal verknüpft hat, sofort ein minderwertiges Etikett. Dabei lohnt es sich manchmal, nicht sofort seinem routinierten Impuls nachzugehen. Klar, auf den ersten Blick passt Davis Schulz mit seinen etlichen Berufsbezeichnungen – Webvideoproduzent (oft auch YouTuber genannt), Musiker, Schauspieler – gut in die Schublade, in der erwachsene Entertainment-Konsumenten auch Performer wie Dagi Bee oder Julien Bam abgelegt haben.

Doch wer etwas länger an Davis Schulz herumgoogelt, dem fällt auf: Dieser Typ postet ungefähr alle drei Monate ein Video, setzt vielleicht einmal im Monat ein Bild auf Facebook ab und auf die üblichen gut gelaunten und garantiert teuer bezahlten Instagram-Stories muss man auch lange warten. Hinzu kommen seine markante, überzeugende Stimme, seine vielseitige Schauspielerfahrung und ein beeindruckendes Repertoire an Musikinstrumenten, die er virtuos beherrscht.

»Ich hatte viele Freunde, die sich für ein festes Ziel gestresst und kaputt gearbeitet haben.«

Es sind nicht die klassischen Spielregeln der Influencer-Branche, nach denen der gebürtige Baden-Württemberger spielt. Und genau das macht den jungen Mann so interessant. Als wir ihn in seinem Kiez im Berliner Prenzlauer Berg treffen, verströmt er eine ansteckende Gelassenheit. Zumindest auf den ersten Blick vermittelt er glaubwürdig, dass da kein Mensch vor einem sitzt, der sein Gesicht in jede Kamera halten würde und der ein Geschäftsmodell anstrebt, dass um eine endlose Werbeschleife unnötiger Produktpaletten herumfabriziert ist. Der eingedeutschte Fame scheint nicht Davis‘ großes Ziel zu sein.

„Wenn ich in mich hineinhöre, habe ich ehrlich gesagt gar kein Ziel. Für manche klingt das negativ. Aber ich lebe einfach und finde das schön. Punkt. Das nimmt jeden Druck weg. Klar wäre es interessant, wenn ich die nächsten Jahre in Hollywood spielen würde. Aber ich kann mir viele andere Sachen genauso schön vorstellen“, sagt Davis. Manchmal denke er darüber nach, ob er deshalb etwa antriebsloser als manche Kollegen sei. Aber das Leben so anzugehen mache ihn glücklich. „Ich hatte viele Freunde, die sich für ein festes Ziel gestresst und kaputt gearbeitet haben – aber dieses Ziel dann trotzdem nicht erreicht haben und depressiv wurden. Und die, die ihr Ziel erreicht haben, saßen rum und fragten sich: ‚Ok, das war’s jetzt?‘ Die waren total unbefriedigt. Ich glaube, man kann ein Weltstar sein und 30 Frauen haben, aber deswegen ist man immer noch nicht glücklich, jedenfalls nicht wirklich. Ich persönlich wäre einfach verbraucht und innerlich leer.“

»Ich dachte, dass ich – als zweites Kind – meinen Eltern zuliebe etwas ruhiger sein sollte.«

Dass er als Web-Comedian in jungen Jahren solche viralen Erfolge auf YouTube verzeichnen durfte, war eher dem Zufall als einer frühen Ambition geschuldet. In der Schulzeit schwänzte er oft den Unterricht, um Drehbücher zu schreiben oder an seiner Musik zu tüfteln. Und wenn er mal in der Schule war, nutzte er die Gelegenheit gerne, um zu schlafen. Abgesehen von dem verpassten Unterricht sei seine Pubertät aber eher entspannt verlaufen. „Ich dachte, dass ich – als zweites Kind – meinen Eltern zuliebe etwas ruhiger sein sollte“, scherzt er.

Wenn er sich an seine Teenagerzeit erinnert, betont er auch positiv, wie wohlgesinnt die Eltern seine ersten Gehversuche im Rampenlicht begleiteten und wie dankbar er ihnen ist. Eines seiner ersten viralen Videos war ein Clip, in dem er kreischende Affen oder murmelnde Erdmännchen aus Tierdoku-Aufnahmen mit lustigen Sprüchen übersprach. Das Video, das allein auf YouTube fast vier Millionen Mal angeklickt wurde, ebnete ihm den Weg in die Webvideoszene. Seine Klassenkameraden waren die ersten Zuschauer und später treue Unterstützer. Mobbing und Neid habe er nicht erlebt – im Gegensatz zu vielen anderen jungen Digital-Performern aus seinem Bekanntenkreis, die von Anfang an gegen Häme und Hass kämpfen mussten.

Die Tatsache, dass er bei seinen ersten Produktionen oft selber kaum zu sehen war und – anders als Beauty-Blogger – weniger physische Angriffsfläche geboten hat, spielt dabei wohl auch eine Rolle. Die Klicks im Netz bedeuteten für ihn Spaß, einen existenziellen Kick zog er aber aus anderen Kreativbereichen. Sein Hauptfokus lag auch damals schon auf der Musik. Mit 15 wurde er von „Jugend musiziert“ als Deutschlands bester Schlagzeuger prämiert, außerdem beherrscht er Klavier, Bass- und E-Gitarre, Orgel und Xylophon.

»Heute wäre mir jede Umarmung mehr als willkommen.«

Eine Schauspielausbildung brach Davis ab. „Der Ansatz des Trainings dort war, dich als Person auseinanderzunehmen, sodass du am Ende alles spielen kannst. Ich finde aber gerade diejenigen Schauspieler besonders interessant, deren Charakter in jeder Rolle noch auf einzigartige Weise hervortritt.“ Wenn er aufgefordert wird, seine eigenen Persönlichkeitsmerkmale zu beschreiben, nennt er als erstes seinen trockenen, manchmal bewusst verzögernden Humor. Neben der Bariton-Stimme gehören auch seine langen Blicke zu den Markenzeichen, mit denen Davis Schulz seinen Video-Auftritten eine spezielle Note verleihen will.

Seine bunte kreative Welt bedient sich der verschiedensten Inspirationen. Eines seiner Lieblingslieder ist der Bollywood-Song „Kal Ho Naa Ho“ (dt. „Lebe und denke nicht an morgen“) aus dem gleichnamigen indischen Liebesfilm mit Shah Rukh Khan. Seine Mutter ließ früher immer die Bollywoodstreifen von Produzent Karan Johar laufen. Die fand Davis damals viel zu kitschig, heute hat er kein Problem mehr damit, ganz offen zu sagen, wie schön viele dieser Lieder sind und wie viel man von dem ungewöhnlichen Storytelling der indischen Regisseure lernen kann. „Aber in der Jugend ist einem ja vieles peinlich. Ich wollte für kurze Zeit nicht so gerne, dass meine Mutter beispielsweise in der Öffentlichkeit meine Hand nimmt. Heute sehe ich das anders – und jede Umarmung wäre mir mehr als willkommen“, sagt er.

»Manche Menschen weinen, wenn sie einen schlechten Tag haben. Ich setzte mich ans Klavier.«

Es sind mittlerweile oft eher die zarten Klänge, „die Mischung aus traurig und schön“, die ihm ein Gefühl der Erhabenheit verleihen. „Wenn ich so durchdacht komponierte, für mich magische Stücke höre, dreht mein Körper durch. Aber ich liebe auch Impro-Musik: Manche Menschen weinen, wenn sie einen schlechten Tag haben. Ich setzte mich ans Klavier. Da kann ich das spielen, was ich fühle.“

Zuletzt spielte Davis für das neue Album von Musik- und Webvideo-Kollege Marti Fischer die Drums ein und gab zusammen mit Künstlern wie Ivy, Fewjar und dem Stegreif Orchester ein Konzert im Berliner Columbia Theater. Neben seinen musikalischen Projekten kennt man den Schauspieler Davis Schulz unter anderem aus Wishlist oder Rabenmütter, aktuell ist er in der Sat1-Serie Meine Klasse zu sehen.

»Ich kann von meiner Leidenschaft zwar leben, aber auf lange Sicht ist das leider noch nicht gesichert.«

Seit er mit 18 Jahren nach Berlin zog, arbeitet Davis als Freelancer für die verschiedensten Auftraggeber. Auch wenn es finanziell gerade nicht schlecht läuft, seine Schäfchen hat er noch nicht im Trockenen. In der Berliner Kreativbranche arbeitet man zu oft für einen schmalen Taler oder als Freundschaftsdienst gleich kostenlos. Momentan bezahlt Davis seine Miete vor allem mit den Schauspieljobs und den Studioaufnahmen. „Ich kann von meiner Leidenschaft zwar leben, aber auf lange Sicht ist das leider noch nicht gesichert“, sagt er und klingt dabei wesentlich entspannter, als die Wortwahl vermuten lässt.

Generell wirkt der junge Mann wahnsinnig reif, wenn auch nie verbraucht. Ob er über gescheiterte Liebesbeziehungen reflektiert oder diplomatisch über Konflikte in der Filmbranche referiert – Davis schafft den Spagat: Er wirkt professionell, aber nicht artifiziell.

»Ich versacke spontan in Cafés oder Bars, um neue Leute kennenzulernen.«

Dazu passt auch eine ausgewogene Arbeitsmoral. „Ich stelle meinen Handywecker eine halbe Stunde, bevor ich losmuss“, kommentiert er das Thema Pünktlichkeit. Wenn er keine Termine habe, lasse er sich aber gerne in der Stadt treiben: „Dann lade ich Freunde zum Jammen ein oder versacke spontan in Cafés oder Bars, um neue Leute kennenzulernen oder alte Bekanntschaften aufzufrischen. Manchmal nehme ich Freunde auch gerne auf eine coole Filmpremiere mit. Kostenloser Alk, wir kommen!“

Seine Wohnung im Prenzlauer Berg teilt sich Davis aktuell mit einem Kumpel. Im gesamten Kiez sind überdies befreundete Künstler verstreut: Unter ihm wohnt ein Spezialist für Videoeffekte, gegenüber betreibt ein Bekannter sein Aufnahmestudio. Und alle sind sie sehr frei, was spontane Ideen betrifft.

»Sich nur noch feiern zu lassen, tut keinem gut.«

Dieses entspannte Stolpern von Moment zu Moment verleiht ihm seiner Meinung nach eine Lässigkeit, die oft ein Gewinn sei: „Wenn man auf solchen Branchenpartys ist und sich alle an die Regisseure ranschmeißen, dann schüttelt es mich. Ich versuche immer, mit jedem Menschen gleich zu reden – unaufgeregt und auf Augenhöhe“, sagt Davis. „Nur noch in diesen Kreisen unterwegs zu sein, sich nur noch feiern zu lassen, das tut keinem gut: Da braucht man alte Freunde, die einen auf dem Boden halten.“

Denn nach jedem Erfolg kommt auch wieder ein Scheitern. Er kennt die Frustration, wenn ihm monatelang nur Rollen „des Ausländers oder des Latin Lovers“ angeboten wurden. Einmal dachte er sogar, dass ihm ein richtig großer Wurf gelungen sei – um dann eine der größten Enttäuschungen seiner jungen Karriere zu erleben. „Das war beim Casting für den Film Heilstätten, eine große 20th-Century-Fox-Produktion“, beginnt er zu erzählen. „Die Anforderungen waren ungewöhnlich: Die potenziellen Kandidaten wurden in den verlassenen Gebäuden des späteren Drehorts zurückgelassen. Alleine, in Eiseskälte. Die Mission: Sie sollten eine Abschiedsnachricht an ihre Eltern aufnehmen.“

»Ich kenne eine 20-Jährige, die vor Castings Koks gezogen hat, weil sie dachte, damit wäre sie besser.«

Davis hatte es bereits durch fünf oder sechs solcher Casting-Durchläufe geschafft. „Schließlich war ich der Favorit und mir wurde immer wieder bis kurz vor dem Film kommuniziert, dass ich die Hauptrolle hätte.“ Doch dann erhielt er auf einmal die Nachricht, dass Emilio Sakraya die Rolle bekommen hätte. Der sei einfach bekannter und habe vor kurzem mit Til Schweiger gespielt. Ein Argument, das Davis aus Produzentensicht vollkommen nachvollziehen konnte. Dennoch war das Ganze für ihn persönlich ein kleiner Schock: „Ich hatte es bereits engen Freunden erzählt, weil ich dachte, das Ganze wäre todsicher. Meine Familie hatte sich auch schon gefreut…“

Er erzählt es mit humorvollem Unterton, aber es ist leicht nachvollziehbar, warum solche Momente schmerzen – gerade in einer Branche, in der man ständig um die Anerkennung mehrerer Seiten buhlen muss. Das ganze Casting-System sei ein unnatürlicher Prozess. Man müsse lernen, mit der Ablehnung umzugehen. Davis kennt auch Menschen, die dafür zu ungewöhnlichen Maßnahmen greifen: „Ich kenne eine 20-Jährige, die vor Castings Koks gezogen hat, weil sie dachte, damit wäre sie besser.“

»Es gibt Castings, bei denen ich verheimliche, dass ich auf YouTube bekannt bin.«

Die Drogenmethode sei angeblich nicht so seins – aber auch Davis kennt es, sich für Castings anpassen zu müssen: „Bei YouTube sind die meisten Zuschauer gefühlt zehn Jahre alt. Die 18- bis 25-Jährigen nutzen die Plattform immer weniger. Natürlich ist da eine Bibi mit Schminkvideos viel erfolgreicher als jemand, der durchgeplante Kurzfilme oder Sketche dreht. Das ist beispielsweise auf Netflix nicht so. YouTube ist nicht wirklich meine Welt. Hinzu kommt ja auch das Negativ-Image der dortigen Webvideoszene. Es gibt Castings, bei denen ich verheimliche, dass ich auf YouTube bekannt bin. Sonst denken manche Entscheidungsträger: ,Der kann doch nichts.‘ Daher gilt: dieses ,Uh, ich hab‘ eine Million Follower‘-Blabla lieber verschweigen. Die Bekanntheit bringt weniger, als man denkt.“

Sorgen muss man sich um Davis Schulz trotzdem nicht. Denn dass man noch keinen roten Faden im vielfältigen Wirken des Künstlers erkennen kann, unterstreicht eher seinen anpackenden Entdeckergeist. Dazu passt auch seine scherzhafte Karrierephilosophie: „Mir ist alles egal – aber das heißt nicht, dass es mir weniger wichtig ist.“