Interview — Til Schindler

Wie spielt man jemanden, dem die Liebe entzogen wurde?

Seit wenigen Tagen ist Til Schindler im bewegenden Mutter-Sohn-Drama »Scham« zu sehen, für seine schauspielerische Leistung wurde er gerade mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet. Zum Kinostart haben wir mit dem 32-Jährigen über Sprachlosigkeit in Familien, normative Wertvorstellungen und die Kraft von Film und Theater in dunklen Zeiten gesprochen.

2. Februar 2026 — Interview & Text: Jonas Meyer, Fotografie: Moritz Högemann

»Dieser Film ist eine Zumutung« – mit diesen Worten leitete die Ökumenische Jury des renommierten Max-Ophüls-Filmfestivals im Januar 2025 ihre Urteilsbegründung ein, als sie dem Kinodrama »Scham« ihren Preis verlieh.

Und tatsächlich: Die Spannung, die der Film erzeugt, ist oft sehr schwer zu ertragen. Dafür musste Autor und Regisseur Lukas Röder aber weder einen bösen Clown aus der Kanalisation bemühen noch Sigourney Weaver bitten, erneut gegen ein monströses Alien in einem Raumschiff zu kämpfen. Nein, die Szenerie ist bei Röder noch viel bedrückender, denn »Scham« spielt am Küchentisch eines Einfamilienhauses in der bayerischen Provinz.

Hier begegnen sich eine Mutter und ihr Sohn, nachdem sie sich vier Jahre lang nicht gesehen haben. Der Sohn, Aaron, lebt mittlerweile in Berlin und hat sich auf den weiten Weg zurück in seine Heimat gemacht, um seiner Mutter Susanne all die Fragen zu stellen, die sich seit Jahren in seine Seele bohren. Sein Ziel, so sagt er an einer Stelle des Films: »Ich will einfach herausfinden, warum wir aufgehört haben, Mutter und Sohn zu sein.« Und so schaut man Susanne und Aaron gebannt dabei zu, wie sie im Zwiegespräch Minute um Minute die Abgründe ihrer Beziehung offenlegen – oder besser gesagt dessen, was davon übrig ist.

Dass dieses intime Kammerspiel so fesselnd und berührend ist, liegt nicht nur an der von Lukas Röder verfassten und inszenierten Story, sondern auch an der wirklich herausragenden Besetzung: Heike Hanold-Lynch und Til Schindler bieten in »Scham« ein Schauspiel, bei dem glaubt, Zeuge einer realen Auseinandersetzung zwischen Mutter und Sohn zu werden. Nicht wenige im Publikum werden sich hier an eigene Konfliktgespräche am heimischen Küchentisch erinnert fühlen. Kein Wunder , dass beide dafür vor Kurzem mit dem Bayerischen Filmpreis 2026 in der Kategorie »Entdeckung« ausgezeichnet wurden.

Etwa zwei Wochen vor der Preisverleihung treffen wir Til Schindler, den einen Teil des Erfolgsduos, zum Interview und Photoshoot. Der 32-jährige Film- und Theaterschauspieler, der an der Berliner Universität der Künste studierte, verfügt über einen enormen Erfahrungsschatz: Seit 2011 wirkte er in über 40 Produktionen vor der Kamera und auf der Bühne mit. Aktuell ist er am Deutschen Theater in Berlin im Stück »Sonne und Beton« zu sehen, ab dem 26. März auch in »Automatenbüfett«.

Zum Gespräch begegnen wir Til ebenfalls an einem Tisch – allerdings an einem, der bei den daran Sitzenden durchweg positive Gefühle auslösen dürfte. Denn er steht an einem Ort, der für viele, die einst von woanders flüchteten, ein wichtiger Bezugspunkt wurde: das Hackbarth’s in Berlin-Mitte. Nachmittags Café und abends Bar, breitet es seit jeher für alle seine Arme aus, die Wärme suchen – und erzeugt damit nicht selten jenes wohlige Zuhause-Gefühl, das so mancher Küchentisch nie leisten wollte.

»Zwischen Eltern und Kindern gibt es etliche Themen, die immer wieder verhandelt werden müssen.«

MYP Magazine:
Vor ziemlich genau einem Jahr feierte »Scham« Weltpremiere auf dem Max-Ophüls-Festival. Der Regisseur Lukas Röder sagte damals in einem Interview mit dem Saarländischen Rundfunk: »Alle Beziehungen zwischen Eltern und ihren Kindern – von Freunden von mir, die ich kenne, und wenn ich meine eigene Beziehung zu meinen Eltern betrachte –, die sind immer problembehaftet. Die Gespräche darüber sind oft schwer zu ertragen. Sich damit zu konfrontieren, wirklich in den Austausch zu gehen, ist für viele sehr, sehr hart.« Hast Du persönlich ähnliche Erfahrungen gemacht?

Til:
Jeder Mensch hat irgendeine Art von Konflikt mit seinen Eltern oder Kindern – selbst wenn die familiäre Situation eine gute ist und man nicht solche schlimmen Erfahrungen gemacht hat wie die Figuren in unserem Film. Zwischen Eltern und Kindern gibt es etliche Themen, die immer wieder verhandelt werden müssen. Und ich finde, das macht die Geschichte von »Scham« so universell – wobei die Beziehung zwischen Mutter und Sohn in unserem Film sehr, sehr anders ist als meine Beziehung zu meinen Eltern. Wir haben ein gutes Verhältnis zueinander, meine Eltern haben mich eher antiautoritär erzogen, mir wenige Grenzen gesetzt und mich immer in allem unterstützt, was ich machen wollte.

»Vor allem bei Fernsehrollen stößt man immer wieder auf Sätze, die man gar nicht sprechen kann.«

MYP Magazine:
Die Ökumenische Jury des Max-Ophüls-Festivals bemerkte letztes Jahr in ihrer Urteilsbegründung: »So schonungslos die handelnden Personen miteinander umgehen, geht der Film mit den Zuschauenden um.« Wie erging es Dir beim Lesen des Drehbuchs? Erinnerst Du dich an die Gefühle, die der Stoff in Dir auslöste?

Til:
Zunächst mal fand ich den Text sehr, sehr gut und bewegend geschrieben. Die Dialoge hatten einen so mündlichen Charakter, dass man daran wenig verändern musste und sie sehr leicht sprechen konnte. Das ist in meinem Job leider nicht immer so. Vor allem bei Fernsehrollen stößt man in Drehbüchern immer wieder auf Sätze, die man gar nicht sprechen kann. Oder besser gesagt: die man nicht so sprechen kann, dass sie natürlich klingen. Bei »Scham« war das ganz anders. Lukas Röders Sprache sehr geholfen, meine Figur Aaron viel besser greifen zu können.

»Ich habe mich gefragt: Wie kann man nur so sein?«

MYP Magazine:
Was ist dieser Aaron für ein Mensch?

Til:
Aaron ist eine sehr interessante, komplexe und widersprüchliche Figur, die ich erst nach der Arbeit an »Scham« wirklich zu hundert Prozent verstehen konnte. Außerdem entdecke ich an ihr immer wieder neue Facetten, das finde ich spannend. Während des Drehs habe ich meine Figur gegenüber Heike Hanold-Lynch, die Aarons Mutter Susanne spielt, bis aufs Äußerste verteidigt. Ich fand es schwer zu ertragen, wenn sie aus ihrer Perspektive argumentiert hat. Oder ihre Figur Susanne dem eigenen Sohn Falschbehauptungen unterstellt hat, mit Sätzen wie: »Ich hab‘ das nicht gemacht, was Du mir vorwirfst.« Ich habe mich in solchen Momenten gefragt: Wie kann man nur so sein?
Gleichzeitig empfinde ich inzwischen auch für Susanne immer mehr Empathie. Ich habe gelernt: Zwischen Mutter und Sohn gibt es nicht die eine Wahrheit, sondern zwei unterschiedliche Realitäten im Hier und Jetzt. So kann ich zwar Susannes Verhalten gegenüber Aaron immer noch nicht gutheißen, aber ich kann verstehen, warum sie so ist, denkt und fühlt.

»Über all dem steht der Wunsch, von der Mutter geliebt zu werden.«

MYP Magazine:
Susanne und Aaron sind sich über die Jahre fremd geworden und scheinen sich als Menschen überhaupt nicht zu kennen. Warum hat er sich gerade jetzt, nach all den Jahren, in den Zug gesetzt, um das Gespräch mit seiner Mutter zu suchen?

Til:
Ich glaube, sein Ziel ist die Aufarbeitung dessen, was passiert ist. Aaron ist in seinem heutigen erwachsenen Leben damit konfrontiert, dass seine Kindheit große Auswirkungen darauf hat, wie er heute ist und wie es ihm geht. Und er hat das große Bedürfnis, Antworten auf all seine Fragen zu finden, die er in einem kleinen Notizbuch festgehalten hat. Über all dem steht der Wunsch, von der Mutter geliebt zu werden und wieder eine gute Beziehung zu ihr zu haben.

»Aarons Familie ist eine, in der alles unter den Teppich gekehrt wurde, was problematisch war.«

MYP Magazine:
Die Mutter glänzt gegenüber ihrem Sohn nicht gerade mit Herzlichkeit. Warum tut sich Aaron das trotzdem an?

Til:
Weil seine Sehnsucht nach Liebe so unendlich groß ist. Die elterliche Liebe ist extrem wichtig für die psychische Konstitution und Entwicklung eines Menschen. Daher hat Aaron auch nicht vor, Susanne in irgendeiner Form zu verurteilen oder fertigzumachen. Er möchte vielmehr die jahrelange Sprachlosigkeit zwischen den beiden überwinden und über die Sachen sprechen, über die man sonst nicht spricht.

MYP Magazine:
Was sind das für Sachen, über die man sonst nicht spricht?

Til:
Scham zum Beispiel. Oder Gewalt. Aber auch tiefliegende Konflikte oder schwierige Familienstrukturen. Es gibt Familien, in denen Konflikte miteinander besprochen, aufgearbeitet und gelöst werden. Und es gibt Familien, in denen passiert das nicht. Da wird eher alles totgeschwiegen. Und Aarons Familie ist so eine, in der über Jahre und Jahrzehnte alles unter den Teppich gekehrt wurde, was problematisch war.

»Ich suche mir ein Substitut, auf das ich diese Sehnsucht projizieren kann.«

MYP Magazine:
Wie spielt man jemanden, dem die Liebe entzogen wurde?

Til:
Für Aaron war mein Schlüsselbegriff »suchend«. Er ist ein Mensch, der auf der Suche ist nach Antworten und Liebe; ein Mensch, der im Grunde genommen nichts weiß und dadurch emotional sehr fragil ist. Bei so einer Figur überlege ich mir immer Vorfeld, was ihr Ziel ist – im Allgemeinen, aber auch in den entsprechenden Szenen. Und ein so übergeordnetes, fundamentales Ziel wie »Ich will Liebe« kann man als Schauspieler sehr gut nutzen.
Für mich persönlich heißt das: Ich versuche, mir dieses Bedürfnis in eine andere Situation zu übersetzen. Dabei suche ich mir ein Substitut – also eine ganz andere Person als meine eigene Mutter –, auf das ich diese Sehnsucht projizieren kann. Und darum herum baue ich mir eine emotionale Welt, in der ich ähnliche Bedürfnisse habe oder ähnliche Dinge erreichen will wie meine Figur. Wichtig ist nur, diese Vorbereitung auch irgendwann wieder loszulassen, spätestens beim eigentlichen Spielen. Sonst versucht man nur, in den Szenen etwas abzuspulen und reproduzieren, statt wirklich im Moment mit seiner Spielpartnerin zu sein.

»Eigene negative Erfahrungen sind keine Rechtfertigung dafür, zu anderen Leuten scheiße zu sein.«

MYP Magazine:
Was bräuchte eigentlich Mutter Susanne, um sich von ihrem Sohn geliebt zu fühlen?

Til:
Wahrscheinlich auch Verständnis für ihre Perspektive. Und Akzeptanz. Das ist für jemanden wie Aaron natürlich schwer und auch sehr viel verlangt. Ich weiß nicht, ob er ihr das unbedingt geben muss.

MYP Magazine:
Warum nicht? Susanne sagt: »Ich bin auch ein Mensch. Mich gibt es auch. Ich habe auch existiert in den 20 Jahren.« Hat sie damit nicht recht?

Til:
Ich finde, eigene negative Erfahrungen sind keine Rechtfertigung dafür, zu anderen Leuten scheiße zu sein. Daher stehe ich nach wie vor fest an der Seite meiner Figur. Gleichzeitig kann ich mir immer besser vorstellen, wie schwierig es sein muss, Eltern zu sein. Das hat damit zu tun, dass einige Freunde von mir jetzt Kinder bekommen haben und mir deren Perspektive viel näher ist. Die müssen natürlich erst mal lernen, wie dieses Elternsein so funktioniert. Ich finde die Vorstellung auch lustig, dass unsere Eltern ebenfalls mal diese Leute waren: superjung mit sehr kleinen Kindern und wenig Ahnung von allem.

»Die gesellschaftlichen Zusammenhänge wollen wir gar nicht untersuchen.«

MYP Magazine:
Die Entfremdung zwischen Eltern und Kindern ist immer wieder auch Thema in der Literatur, etwa bei Didier Eribon, Édouard Louis oder Marco Ott. Alle beschreiben die wachsende emotionale Distanz als eine Art Flucht aus der Arbeitsklasse in ein künstlerisches Milieu, bei Eribon und Louis geht es zusätzlich um die Flucht aus einer heteronormativen in eine queere Lebenswelt. Ist Aaron als schwuler Filmemacher ebenfalls ein solcher doppelter Klassenflüchtling?

Til:
Natürlich hat Aaron, der als junger schwuler Mann vom Dorf nach Berlin gezogen ist, um Künstler zu werden, in gewisser Weise die Klasse oder zumindest das Milieu gewechselt. Aber aus meiner Sicht erzählt Didier Eribon über dieses Thema viel mehr, als wir es mit unserem Film überhaupt wollen. Eribon ist auch viel politischer, weil er mit seinen Büchern nicht nur die eigene Geschichte erzählt, sondern sie auch in gesellschaftliche Zusammenhänge einordnet. Diese wollen wir in »Scham« aber gar nicht untersuchen. Es geht uns nur um die Beziehung dieser beiden konkreten Figuren zueinander.

MYP Magazine:
Aber enthält der Film durch Aarons Erzählung, dass er damals auf dem Dorf Angst hatte, sich als schwuler Jugendlicher sichtbar zu machen, nicht trotzdem eine politische Ebene? Immerhin zeigt das die widrigen gesellschaftspolitischen Umstände, in denen Aaron und unzählige andere queere Menschen aufgewachsen sind.

Til:
Das stimmt. Ich persönlich bin genauso alt wie meine Figur, unser Regisseur ebenso. Das heißt: Wir sind im Deutschland der Neunziger- und Nullerjahre aufgewachsen – und beide zufälligerweise in Vororten von München. Und ja, damals war die Situation noch eine ganz andere. Es gab noch keine Coming-outs in der Schule, es gab kaum geouteten Menschen im Bekanntenkreis. Das ist heutzutage deutlich anders.

»Die normative Sichtweise, wie sie Aarons Mutter hat, steht für die Nichtakzeptanz unterschiedlicher Lebensentwürfe.«

MYP Magazine:
Die Mutter sagt, sie habe sich für Aaron ein »ganz normales Leben« gewünscht. Was meint sie damit? Ein heterosexuelles?

Til:
Es kann schon sein, dass das hier mitschwingt. Aber das ist zwischen den beiden gar nicht so das Konfliktthema. Es geht ihr eher um eine konventionellere Vorstellung von Arbeit. Aaron versucht sich seit Jahren als Filmemacher, verdient damit aber kein eigenes Geld und wird immer noch von seinem Vater unterstützt – und das mit 28. Aus Sicht der Mutter hat er keinen richtigen Job, steht nicht wirklich auf eigenen Beinen und führt ein sehr unstetes Leben irgendwo in Berlin, weit weg von seiner bayerischen Heimat. Ich glaube, Susanne hätte sich für ihren Sohn einfach einen geradlinigeren Lebensweg vorgestellt – so einen wie seine Geschwister, die beide noch in der Nähe wohnen und normale Berufe haben.

MYP Magazine:
Braucht es in unserer Gesellschaft eine Revision des Begriffs normal?

Til:
Ja, klar. Die normative Sichtweise, wie sie Aarons Mutter hat, steht ganz allgemein für die Nichtakzeptanz unterschiedlicher Lebensentwürfe – und für viele Menschen beinhaltet das auch den Aspekt der Sexualität. Für Leute wie Susanne ist etwas unnormal, wenn die eigenen Kinder Entscheidungen treffen, die sie selbst anders treffen würden. Und statt die Kinder in dem zu unterstützen, was sie wollen, versuchen sie, ihnen die eigenen Wünsche und Lebenswege aufzudrücken.

»Es gibt so viele unterschiedliche Lebensentwürfe, da müssen nicht alle den gleichen haben.«

MYP Magazine:
Wie kann es uns gelingen, mehr Empathie und Interesse füreinander aufzubringen – zwischen Stadt und Land, homo und hetero, jung und alt, künstlerisch und bürgerlich?

Til:
Wir alle müssen uns – auf jeweils beiden Seiten – klarmachen, dass nicht alle Menschen die gleichen Entscheidungen treffen. Und dass man diese manchmal akzeptieren muss, solange sie niemandem schaden oder bestimmte Grenzen überschreiten – auch wenn man sie vielleicht nicht gut findet. Es gibt so viele unterschiedliche Lebensentwürfe, da müssen nicht alle den gleichen haben.
Gleichzeitig müssen wir lernen, dass es okay ist, wenn unsere Entscheidungen von anderen Menschen kritisiert werden, auch innerhalb der Familie. Und dass es okay ist, wenn wir selbst die von anderen kritisieren. Davon abgesehen finde ich: Man muss nicht für alles Empathie haben. Manche Sachen sind einfach scheiße, Punkt.

»Ich erzähle dir jetzt zwei Geschichten aus meinem Leben, die ich noch nie jemandem erzählt habe.«

MYP Magazine:
In dem eben angesprochenen SR-Interview hast Du erwähnt, dass Du dich in Vorbereitung auf Deine Rolle sehr intensiv mit Deiner eigener Scham auseinandergesetzt hast. Inwiefern hat Dir das geholfen?

Til:
Es gibt im Film eine Szene, in der wir von Aaron etwas erfahren, wofür er sich sehr schämt. Zu dieser Situation habe ich erst keinen richtigen Zugang gefunden, weil das, was er da erzählt, von mir persönlich sehr weit weg und schwer vorstellbar ist. Also habe ich Lukas gebeten, am Abend, bevor wir die Szene gedreht haben, in mein Hotelzimmer zu kommen. Ich habe ihm mein Handy in die Hand gedrückt und gesagt: Ich erzähle dir jetzt zwei Geschichten aus meinem Leben, die ich noch nie jemandem erzählt habe. Kannst du mich dabei bitte filmen?
Ich wollte mich persönlich dieser Situation aussetzen, der sich auch meine Figur Aaron aussetzt, um das Ganze besser nachempfinden zu können. Und dann habe ich Lukas tatsächlich zwei Sachen erzählt, die nicht mal meine besten Freund:innen kennen – und habe mich dabei extrem geschämt. Im Anschluss habe ich das Video genau studiert. Ich wollte wissen: Was passiert mit mir? Was passiert mit meinem Körper? Was passiert mit meiner Stimme?

MYP Magazine:
Was für ein Vertrauensbeweis!

Til:
Ja. Spätestens seit diesem Abend sind wir auch sehr gute Freunde. Und mittlerweile weiß ich auch etwas über ihn, das sonst niemand weiß. (lächelt)

»Das vor der Kamera oder auf der Bühne öffentlich zu veräußern, ist nicht unbedingt hilfreich.«

MYP Magazine:
Die Scham nährt sich aus dem Verstecken und hasst das Rampenlicht, heißt es so schön. Hat Dir die Schauspielerei – also das tatsächliche Rampenlicht – geholfen, Deine eigene Scham abzulegen?

Til: (lacht)
Nein, das ist eher noch schlimmer geworden. Als Schauspieler werden Teile der eigenen Persönlichkeit öffentlich. Der Prozess des Spielens ist etwas sehr Intimes, der trotz der Rolle, in die man schlüpft, viel über einen selbst preisgibt. Das vor der Kamera oder auf der Bühne öffentlich zu veräußern, ist nicht unbedingt hilfreich, zumindest nicht für mich.
Ohnehin war Scham schon immer ein Thema für mich. Ich erinnere mich noch gut an dieses Gefühl der Beschämung, das ich als Kind manchmal hatte. Außerdem ist es so, dass ich Situationen, in denen mir etwas peinlich war, jahrelang nicht vergesse. Das muss gar nichts Schlimmes gewesen sein. Dennoch kann ich mich daran noch Jahre später erinnern. Seltsam, dass das so in einem stecken bleibt.

»Ich finde es eher unangenehm und anstrengend, wenn mein Gegenüber nicht weiß, dass ich schwul bin.«

MYP Magazine:
Apropos Scham: Die Journalistin Theresa Tröndle hat 2020 in »ZEIT Campus« ihre bewegende Reportage »Zu Hause ist er hetero« veröffentlicht. Darin berichtet sie von einem jungen Mann, der in der Großstadt, in der studiert, offen schwul lebt, aber bei seinen Eltern in der Heimat nicht geoutet ist. In ihrem Text beschreibt Theresa sehr genau, wie sich das Verhalten des Mannes ändert, wenn er seine Familie besucht, und wie oberflächlich die Gespräche bleiben – aus der puren Angst, sich sichtbar zu machen. Kennst Du aus Deinem eigenen Leben auch dieses Phänomen der schwulen Scham, die zum Beispiel auch Johannes Kram in seinem Buch »Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber …« beschreibt?

Til:
Ich habe mich mit 18 geoutet. Auch wenn mein eigenes Coming-out kein schmerzhafter, sondern ein wirklich befreiender Prozess war, hatte ich davor eine sehr kurze Phase, in der ich ein bisschen gay panic hatte – also Angst, aufgedeckt zu werden. Aber das Ganze ist jetzt 15 Jahre her und das Gefühl der schwulen Scham längst verflogen. Ich lebe mein Leben als schwuler Mann gerne und mit absoluter Selbstverständlichkeit. Und ich verstecke meine Sexualität nicht, ganz im Gegenteil: Ich finde es eher unangenehm und anstrengend, wenn mein Gegenüber nicht weiß, dass ich schwul bin.

»Viele queere Paare trauen sich nicht mehr, in der Öffentlichkeit Händchen zu halten.«

MYP Magazine:
Wie nimmst Du die gesellschaftliche Situation für junge Queers heute wahr?

Til:
Seit meiner Schulzeit damals haben wir eine deutliche Liberalisierung erlebt. Damit sage ich nicht, dass Schule nicht immer noch ein homophober Ort sein kann. Aber es gibt heute für queere Jugendliche zumindest eine andere Art und auch Menge von Vorbildern. Außerdem gibt es in Filmen, Serien und Büchern eine viel stärkere Repräsentation queerer Geschichten, als das noch vor 15 Jahren der Fall war.
Gleichzeitig erleben wir aktuell wieder einen Backlash. Es gibt – von Rechtsextremen bis zu Islamisten – verschiedenste Gruppen, die etwas gegen queere Menschen haben und sich immer mehr Gehört verschaffen. Das ist zwar nicht vergleichbar mit Ländern, in denen nicht-heterosexuelle Menschen staatlich verfolgt werden. Aber auch hier in Deutschland gibt es jeden Tag queerfeindliche Gewalt, selbst hier in Berlin, einer Stadt, von der man denkt, sie sei weltoffen und tolerant. Aber so ganz stimmt das eben nicht. Es ist mittlerweile so, dass sich viele queere Paare nicht mehr trauen, in der Öffentlichkeit Händchen zu halten.

»Beides besitzt für mich die Fähigkeit, auch eine andere Welt zu erzählen.«

MYP Magazine:
Was gibt Dir Hoffnung in Zeiten, die immer dunkler zu werden scheinen?

Til:
Kunst gibt mir Hoffnung. Vor allem Theater und Kino, denn beides besitzt für mich die Fähigkeit, auch eine andere Welt zu erzählen. Beides eröffnet einen Raum für Geschichten, die nach ganz anderen Regeln funktionieren als die Welt, in der wir leben; Geschichten, die außerhalb unserer materiellen Verhältnisse stattfinden oder andere Formen gesellschaftlichen Zusammenlebens erzählen können.

MYP Magazine:
Warum sollte man »Scham« im Kino schauen?

Til:
Weil es ein sehr besonderer Film ist, der eine außergewöhnliche Beziehung erzählt, über eine tolle visuelle Ästhetik verfügt und der, wie ich anfangs schon verraten habe, echt gut geschrieben ist. »Scham« ist ein Film, der einen nachhaltig beeindruckt und bewegt; der einen dazu auffordert, über bestimmte Dinge nachzudenken; und der einen dazu bringt, seine eigene Familiensituation dazu ins Verhältnis zu setzten. Und ja, wir erzählen da eine wirklich harte Geschichte. Aber so eine Geschichte im Kino zu sehen, kann auch eine total positive Erfahrung sein.

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