Interview — Sivilian
»Es hilft Menschen, wenn man offenbart, dass es einem ähnlich geht«
Der Schweizer Adrian Graf alias Sivilian steht für eingängige, fast hymnische Popsongs, in der auch immer eine gewisse Melancholie mitschwingt. In seiner aktuellen EP »Growing up Hurts« gewährt er zudem einen sehr privaten Einblick in sein Leben, denn er erzählt darin von seinem Aufwachsen als queerer Teenager in den Bergen. Im MYP-Interview erklärt Sivilian, warum ihm als Kind die Worte gefehlt haben, wieso die Mischung aus Britney Spears und Bob Dylan für ihn der ideale Musikstil ist und weshalb ein Coming-out nicht weniger ist als eine klassische Held*innen-Geschichte.
23. September 2025 — Interview & Text: Jonas Meyer, Fotografie: Juliusz Gastev

Eau Claire in Wisconsin, Bognor Regis in West Sussex oder Sebastopol im kalifornischen Sonoma County: Man muss nicht in einer pulsierenden Metropole wohnen, um die Welt mit guter Musik zu beglücken – siehe Justin Vernon, Gründer von Bon Iver, Robert Smith von The Cure oder Tom Waits. Und damit sind die drei bei Weitem nicht alleine.
Bei Adrian Graf alias Sivilian zum Beispiel sieht es ganz ähnlich aus. Für die Arbeit an seiner aktuellen EP »Growing up Hurts« wählte der Schweizer Singer-Songwriter vor drei Jahren ganz bewusst das malerische Goldiwil, ein kleines Dorf im Schweizer Kanton Bern, in dem er auch seine Kindheit und Jugend verbracht hatte. Und das ungefähr so viele Einwohner*innen hat wie Höhenmeter.
Sivilians Musik in irgendeiner Form mit Bon Iver, The Cure oder Tom Waits zu vergleichen, darum soll‘s an dieser Stelle gar nicht gehen. Dennoch fallen mindestens zwei Gemeinsamkeiten auf: Erstens haben sich alle Genannten zumindest temporär für einen Ort entschieden, der ihnen und ihrer Kreativität am besten tut – als Akt der Selbstfürsorge, sozusagen. Und zweitens besticht auch Sivilian durch eine eigene und klar erkennbare musikalische Handschrift. Nicht alle, die ihre Songs von London, Nashville oder Berlin aus schreiben, können das für sich in Anspruch nehmen.
Diese Handschrift zeichnet sich aus durch eine besondere Mischung aus Stimmfarbe und -umfang, eingängigen, fast hymnischen Hooks und der mal mehr und mal weniger stark ausgeprägten Melancholie, die in einem Sivilian-Song in der Regel subtil unter energetischen Poprhythmen liegt.
Und dann gibt es da noch etwas: Adrian ist schwul. Klar, könnte man jetzt boshaft sagen, in der kleinen Schweiz nimmt man als queerer Musiker automatisch eine exponierte Stellung ein, besetzt man doch die Nische in der Nische. Aber das würde dem 33-Jährigen nicht in Ansätzen gerecht. Denn Adrian Graf aka. Sivilian macht sich nicht nur außerhalb seiner Kunst für die Rechte queerer Menschen und ihre Themen stark. Er übersetzt auch die ganz eigenen Erlebnisse und Erfahrungen eines schwulen Teenagers, der in einem 1.100-Seelendorf großgeworden ist, zu gleichsam mutmachenden wie einfühlsamen Songs. »Take your broken heart, make it into art«, würde Carrie Fisher sagen.
Dass das nicht jedem gefällt, durfte Sivilian am Morgen des 1. September erleben. Vor seiner Wohnung in Zürich, wo er seit zwei Jahren wieder lebt, bewarfen Unbekannte seine aus dem Fenster hängende Regenbogenflagge erst mit Eiern, dann entfernten sie sie gewaltsam und hinterließen dabei Brandspuren vor dem Gebäude.
»The kid is algright. F*ckers.«, ließ er die Welt kurz darauf in einem Instagram-Statement wissen, womit er den Titel seiner jüngsten Single aufgriff: ein Song, mit dem er tief in seine Seele blicken lässt und beschreibt, wie man in dunklen Zeiten zu Kraft, Mut und Zuversicht findet.

»Ich war ein Kind, das sich vieles nicht zu sagen getraut hat.«
MYP Magazine:
Adrian, das Cover Deiner aktuellen EP »Growing up Hurts« zeigt Dich in einem T-Rex-Kostüm für Kinder, dem Du deutlich entwachsen bist. Wie kam es zu diesem ungewöhnlichen, etwas melancholisch wirkenden Foto?
Sivilian:
Als Kind habe ich Dinosaurier geliebt! Eigentlich wollte ich dieses Thema im Artwork noch viel stärker aufgreifen. Aber ich hatte die Sorge, keinen einzigen Dino beim Namen nennen zu können, falls ich in Interviews dazu gefragt würde. (lächelt)
Darüber hinaus hatte ich schon als kleiner Junge großen Spaß daran, mich zu verkleiden und in die unterschiedlichsten Kostüme zu schlüpfen – ich glaube, die Faszination dafür teilen generell viele queer kids. Diese beiden Erinnerungen an meine Kindheit wollte ich auf dem EP-Cover vereinen.
MYP Magazine:
In dem gleichnamigen Song singst Du: Growing up hurts when it’s hard to communicate. Was genau meinst Du damit?
Sivilian:
Die Zeile bezieht sich auf etwas, das ich viel zu lange nicht realisiert habe: Ich war ein Kind, das sich vieles nicht zu sagen getraut hat. Für mich war das über Jahre das Grundproblem aller Probleme. Ich wollte so vieles sagen, konnte aber nicht. Ich hatte dafür schlicht und einfach keine Sprache. Aus diesem Grund ist der Song auch sehr kryptisch gehalten. Mir war es wichtig, diese jahrelange Sprachlosigkeit nicht einfach platt zu beschreiben, sondern das Gefühl zu vermitteln, mit dem man in seinem Inneren konfrontiert ist, wenn man eigentlich kommunizieren möchte, aber keine Silbe über die Lippen bringt – oft auch aus Angst.

»Kein Wunder, dass einem da die Worte fehlen.«
MYP Magazine:
Angst wovor?
Sivilian:
Davor, nicht oder nicht richtig verstanden zu werden. Es gab in meinem Leben schon früh erste Anzeichen, dass ich schwul bin. Aber es gab niemanden, der mir das Gefühl geben konnte, dass das okay ist. Es gab auch in der breiten Öffentlichkeit niemanden – oder zumindest habe ich niemanden wahrgenommen –, der offen schwul war. Dabei hätte mir das extrem geholfen. Ich bin in einem christlich-konservativen Schweizer Dorf aufgewachsen, dort war das Thema mehr oder weniger tabu. Zwar nicht unbedingt zu Hause bei meinen Eltern, aber auf jeden Fall in meinem weiteren Umfeld, etwa in der Schule oder im Dorf.
MYP Magazine:
Wie hat sich das geäußert?
Sivilian:
Mein Gitarrist zum Beispiel, der auch aus diesem Dorf kommt, ist bei einem lesbischen Paar aufgewachsen. Unser erzkatholischer Lehrer hat mit der gesamten Klasse dafür gebetet, dass der Junge nicht in die Hölle kommt. Und nicht nur das: Er wurde gemobbt, seine Mütze wurde abgefackelt und am Ende musste er die Schule wechseln. So viel zu dem Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin. Kein Wunder, dass einem da die Worte fehlen.

»Wir haben uns aus unserem kleinen Kaff heraus ganze Welten gebaut.«
MYP Magazine:
Hat Deine Sprachlosigkeit als Kind Dich zur Musik gebracht?
Sivilian: (lächelt)
Nein, dass war eher die Langweile. Der Ort, an dem ich aufgewachsen bin, ist so klein, dass man da nicht viel unternehmen kann. Man hat kaum Optionen, vor allem nicht als Kind. Daher habe ich sehr früh begonnen, mit meinen zwei besten Freunden kleine Filme zu drehen, Theater zu spielen, Musik zu machen oder – ganz allgemein gesagt – Geschichten zu erzählen. Wir haben uns aus unserem kleinen Kaff heraus ganze Welten gebaut. Lustigerweise ist der eine am Ende Regisseur geworden und der andere arbeitet als Illustrator.

»Ich habe mir ständig eingeredet: Es ist nur für ein Jahr, dann ziehst du weiter.«
MYP Magazine:
Zu der aktuellen EP, die im März erschienen ist, hast Du auch eine kleine Video-Doku veröffentlicht. Darin berichtest Du von einem kritischen Moment in Deinem Leben, als Du dich entscheiden musstest, das Jobangebot einer Berliner Werbeagentur anzunehmen oder wieder bei Deinen Eltern in Goldiwil einzuziehen. Du hast Dich am Ende für das Schweizer Alpendorf und gegen Berlin entschieden. Bereust Du deine Wahl?
Sivilian:
Nein, ganz und gar nicht. Rückblickend war meine Wahl die absolut richtige, denn sie war eine klare Entscheidung für die Musik.
MYP Magazine:
Warum nur rückblickend?
Sivilian:
Mit Ende 20 zurück ins Elternhaus zu ziehen, hat sich im ersten Moment wie Scheitern angefühlt. Außerdem dachte ich auch eine ganze Weile, ich müsse mich dafür verteidigen – dabei war es für die Leute überhaupt kein Thema, dass ich wieder bei den Eltern wohne, um mich dort meiner Musik zu widmen. Dennoch habe ich mir vor allem in den ersten Wochen und Monaten ständig eingeredet: Es ist nur für ein Jahr, um an der EP zu arbeiten, dann ziehst du weiter.
Heute bereue ich es ein bisschen, meine Wahl nicht mit mehr Stolz getragen zu haben. Ich hätte meine Zeit von Anfang an viel mehr genießen und nutzen können, vor allem in Bezug auf meine Kreativität. Davon abgesehen ist das eine unglaublich schöne Gegend und ich bin froh, hier aufgewachsen zu sein, trotz der Enge und der vielen Widrigkeiten.

»Da war einfach eine riesengroße Angst in mir.«
MYP Magazine:
Nach Deinem Umzug hast Du in Deinem ehemaligen Kinderzimmer ein altes Tagebuch gefunden. Wie war es für Dein erwachsenes Ich, darin Deinem jugendlichen Ich zu begegnen?
Sivilian: (lacht)
Das war cringe! Auch, weil ich feststellen musste, dass ich damals selbst in meinem Tagebuch nicht ehrlich und aufrichtig sein konnte. Ich habe darin eigentlich nur performt. Soll heißen: Statt einfach für mich persönlich wahre Gedanken und Gefühle niederzuschreiben, habe ich sie aufwändig verpackt und verschlüsselt – aus Angst, jemand könnte das Buch finden und mich erkennen.
In meiner Erinnerung war mein Coming-out-Prozess auch lange etwas, das mehr oder weniger okay war für alle Beteiligten. Aber in den letzten Jahren habe ich – auch durch den Tagebuch-Fund – realisiert, dass ich diese Zeit romantisiert habe. Tatsächlich ging es mir als Teenager nicht gut. Da war einfach eine riesengroße Angst in mir. Und die Musik gibt mir heute die Möglichkeit, das für mich ein bisschen aufzuarbeiten.
»Menschen wie wir nehmen die erste Liebe immer als etwas Problematisches wahr.«
MYP Magazine:
Die Videodokumentation zu »Growing up Hurts« startet damit, wie Du erzählst, zum ersten Mal als »Schwuchtel« beleidigt worden zu sein. Didier Eribon schreibt in »Rückkehr nach Reims«:
Als ich dreizehn oder vierzehn war, freundete ich mich mit einem Jungen aus meiner Klasse an […]. Es ist nicht übertrieben, meinen damaligen Zustand als Verliebtheit zu bezeichnen. Ich liebte diesen Jungen, wie man in diesem Alter eben liebt. Doch weil wir beide männlich waren, konnte ich ihm gegenüber natürlich unmöglich meine Zuneigung ausdrücken. (Eine der traumatischsten Erfahrungen für heranwachsende, aber auch erwachsene Homosexuelle: dem anderen nicht sagen können, was man für ihn empfindet. Auch deshalb sind Begegnungsorte, sobald man von ihnen weiß und alt genug ist, um dorthin zu gehen, so wichtig. Dort ist von vornherein klar, dass die Regeln des Selbstverständlichen außer Kraft gesetzt sind.) Ich habe geschrieben, es sei mir unmöglich gewesen, »ihm gegenüber meine Zuneigung auszudrücken«. Das ist wahr. Unmöglich war es aber auch, sie für mich selbst zu formulieren.
Würdest Du sagen, dass Du auf ähnliche Weise traumatisiert bist?
Sivilian:
Ich mag diese Passage sehr. Didier Eribon ist 1953 geboren, ich 1992. Aber das, was er da erzählt, ist fast eins zu eins auch meine Geschichte. Und ich befürchte, dass sich queere Teenager von heute in dem Text genauso wiederfinden wie ich. Das ist doch tragisch. Menschen wie wir nehmen die erste Liebe immer als etwas Problematisches wahr. Man merkt, man ist anders und kann seine Liebe oft weder aussprechen noch ausleben. So bleibt sie in den allermeisten Fällen im Geheimen, während heterosexuelle Jungs ganz offen ihre Schwärmereien für Mädchen teilen dürfen.
Aus diesem Gefühl heraus habe ich auch meinen Song »Boy« geschrieben. Er ist ein Liebeslied an einen Jungen, der meine erste Liebe war – eine Liebe, die nicht erwidert wurde und der ich einen guten Liebessong schenken wollte.

»Ich möchte meinem früheren Ich sagen: You’re doing good.«
MYP Magazine:
In welcher Musik hast Du als Kind und Jugendlicher Trost gefunden?
Sivilian: (grinst)
It’s Britney, bitch! Ich habe in jungen Jahren wirklich sehr viel Popmusik gehört. Gleichzeitig war ich aber auch sehr beeinflusst von dem Musikgeschmack meiner Eltern, die zum Beispiel Bands wie Abba, Queen und Creedence Clearwater Revival mochten. Und zur Musik von Bob Dylan habe ich Gitarre spielen gelernt. All das zusammen war der Soundtrack meiner Kindheit.
MYP Magazine:
Diesen Soundtrack hast Du nachträglich erweitert, denn mit Deiner »Growing up Hurts«-EP wendest Du dich direkt an Dein früheres Ich. Welche Botschaft möchtest Du damit in die Vergangenheit schicken?
Sivilian:
Ich möchte meinem früheren Ich sagen: You’re doing good. Alles, was du tust, dient deiner Fantasie. Zweifel nicht an dir, sondern mach einfach weiter – auch wenn dir andere sagen, du solltest deine Zeit besser in Mathe investieren.

»Ich wurde musikalisch zwischen Britney Spears und Bob Dylan sozialisiert.«
MYP Magazine:
Worin hast Du deine Zeit damals lieber investiert?
Sivilian:
Ich fand es toll, mich zu verkleiden und eine Show zu machen, so im »Mini Playback Show«-Stil. Das war damals echt groß für mich. Und irgendwann habe ich begonnen, Geschichten zu erzählen. Ich habe endlose Stunden damit verbracht, Texte zu schreiben und darin ganze Länder zu zeichnen und Welten zu bauen. Eine Zeit lang wollte ich sogar mal Autor werden. Ich habe davon geträumt, Bücher zu veröffentlichen. Aber ich habe schnell gemerkt, dass ich nicht das Sitzfleisch habe, um Hunderte von Seiten zu schreiben. Mir gelingt es eher, kurze Geschichten zu skizzieren, in nur wenigen Sätzen. Darauf habe ich mich am Ende fokussiert: Ich schreibe heute viele kleine Geschichten und mache, dass sie gut klingen.
MYP Magazine:
Wann in Deinem Leben gab es eine erste Idee von der musikalischen Handschrift, mit der Du diese Geschichten zum Klingen bringst? Wie ist der spezifische Sivilian-Sound entstanden?
Sivilian: (lacht)
Ich selbst höre diesen sogenannten Sivilian-Sound nicht. Wenn ich ins Studio gehe, habe ich immer ein paar Referenzsongs im Kopf, die grob umreißen, in welche Richtung ich mich bewegen möchte. Wie gesagt, ich wurde musikalisch zwischen Britney Spears und Bob Dylan sozialisiert. Das sind auch in meiner eigenen Musik die Welten, die ich versuche zu verbinden. Wahrscheinlich ist es das: Britney Dylan. Sivilian ist das Streben nach Britney Dylan.
MYP Magazine:
Interessante Kombination.
Sivilian:
Ja, finde ich auch. Aber ich habe das Gefühl, dass, ich lange noch nicht fertig bin, diesen Stil zu schärfen und zu finden. Das ist ein Prozess. Bevor ich Sivilian als Soloprojekt gegründet habe, war ich zehn Jahre lang Teil einer Folk-Pop-Band. Und bei meinem ersten Mal allein im Studio war klar: Ich will nicht klingen wie diese Band. Also habe ich mich stärker in die Poprichtung bewegt.

»Mach doch mal andere Musik als diesen melancholischen Folk-Pop.«
MYP Magazine:
Wie ist überhaupt der Name Sivilian entstanden?
Sivilian:
Meine Schwester heißt Silvia, ich heiße Adrian und Sivilian ist eine etwas freiere Kombination aus beiden Namen. Meine Schwester war die Person, die mich ermutigt hat, ein Soloprojekt zu starten. Sie sagte: »Mach doch mal andere Musik als diesen melancholischen Folk-Pop. Ich will zu Deiner Musik ein bisschen tanzen können.« Und so ist zu ihren Ehren der Name entstanden…
MYP Magazine:
… der sich anhört wie das englische civilian, Zivilist.
Sivilian:
Ja, das war natürlich noch ein Bonus on top.

»Ich habe das Gefühl, immer sicherer zu werden mit dem, wo ich musikalisch hinwill.«
MYP Magazine:
Seit Veröffentlichung Deines ersten Songs »Invisible to Automatic Doors« im Jahr 2020 hat man den Eindruck, dass Deine Musik sukzessive bestimmter, resoluter und präsenter geworden ist. Bemerkst Du eine ähnliche Entwicklung?
Sivilian:
Ich würde es anders ausdrücken: Ich habe das Gefühl, immer sicherer zu werden mit dem, wo ich musikalisch hinwill. Das merke ich auch im Studio. Ich arbeite zunehmend mit anderen Leuten zusammen, mit denen ich in sogenannten Sessions innerhalb eines Tages einen kompletten Song schreibe. Durch das ständige Pingpong-Spiel zwischen uns schärft sich das Bild, das wir alle von dem Song haben viel schneller. Ich mag diese Arbeitsweise total – erstens, weil es sehr viel Spaß macht. Und zweitens, weil ich merke, dass ich dadurch ein besseres Gefühl dafür entwickle, was für meine Musik gut ist und was nicht.
MYP Magazine:
Du hast in Deinem Leben bisher eine dreifache Emanzipation durchlaufen. Du bist erwachsen geworden, hast Dich mit Deiner Sexualität sichtbar gemacht und zu Deiner ganz eigenen Musik gefunden. Auf welchen dieser Aspekte bist du am meisten stolz?
Sivilian:
Auf die Musik! Ich habe damit für mich eine ideale Möglichkeit gefunden, mich auszudrücken und Geschichten zu erzählen. Und das sind nicht nur queere Geschichten. Mit »Versailles« zum Beispiel erscheint diesen Winter ein Song, in dem es um die Züricher Wohnungskrise geht. Mir ist es wichtig, auch solche Themen zu bearbeiten.

»Ich habe zum ersten Mal realisiert, wie verletzlich ich mich mit meiner Musik mache.«
MYP Magazine:
Trotzdem hast Du letztes Jahr mit »Chlorine« zum ersten Mal Deine eigene Queerness hör- und sichtbar gemacht. Welche Bedeutung hatte die Veröffentlichung des Songs und des dazugehörigen Videos für Dich?
Sivilian:
Ich werde oft gefragt, ob das eine bewusste Entscheidung gewesen sei. Aber ich mache mir über so etwas im Vorfeld nie Gedanken. Ganz im Gegenteil. Mir geht es immer nur darum, eigene Erfahrungen und Gefühle in einem Song zu verpacken.
Im Fall von »Chlorine« war es so, dass ich darüber in einem Interview mit einer großen Schweizer Zeitung gesprochen hatte. Dabei ging es auch um die queere Thematik des Songs. Ich erinnere mich noch, wie ich kurze Zeit später in der Tram unterwegs war und vor mir eine alte Dame saß, die eine Zeitung in der Hand hatte. Als sie umblätterte, sprang mir ein riesiges Foto von mir entgegen – versehen mit dem Zitat: »Die queeren Vorbilder fehlten«.
In dem Moment habe ich zum ersten Mal realisiert, wie verletzlich ich mich mit meiner Musik mache, wenn ich darin von meinem eigenen Leben erzähle – mit allem, was dazugehört. Aber gleichzeitig habe ich auch gespürt, dass ich dadurch zu einer neuen Kraft gefunden habe: einer Kraft, die mich anspornt, das Ganze in einem meiner nächsten Songs vielleicht noch ein bisschen auf die Spitze zu treiben. (lächelt)
»Wenn das Poolwasser nach Chlor schmeckt, haben wahrscheinlich schon einige Leute reingepinkelt.«
MYP Magazine:
Das Musikvideo zu »Chlorine« spielt um und in einem Swimmig Pool. Dieses Pool-Thema scheint eine besondere Anziehungskraft zu haben, man findet es auch bei vielen anderen queeren Künstler*innen, etwa bei Ryan Beatty, Omar Apollo oder Troye Sivan. Wofür genau steht dieses Setting eines sommerlichen Swimming Pools für Dich?
Sivilian:
Für heiße Leute.
MYP Magazine:
Punkt.
Sivilian: (lächelt)
Genau, Punkt. Es gibt einen tollen Videoclip von Kylie Minogue zu ihrem Song »Slow«, der an einem Pool in Barcelona gedreht wurde. Dieses Video war eine große Inspiration für mich. Den Song selbst gibt‘s schon seit einer halben Ewigkeit, an einem ersten Entwurf habe ich schon mit Anfang 20 geschrieben. Im Laufe der Zeit hat sich die Idee immer weiterentwickelt. Irgendwann ist mir aufgefallen, dass man das Chlor im Wasser eines Pools eigentlich erst wahrnehmen kann, wenn es gegen die Verschmutzung arbeitet. Oder anders gesagt: Wenn das Poolwasser nach Chlor schmeckt, haben wahrscheinlich schon einige Leute reingepinkelt. Das gibt dem Ganzen irgendwie eine lustige Note.

»Ich bin froh, dass ich mein öffentliches Coming-out erst hatte, als ich schon etwas älter war.«
MYP Magazine:
Letztes Jahr haben wir den Schauspieler und Musiker Daniel Donskoy interviewt, der auch Gastgeber des ARD-Formats »Freitagnacht Jews« war. Er erzählte uns: »Vor ›Freitagnacht Jews‹ war ich nur der Schauspieler und Musiker Daniel Donskoy. Nach ›Freitagnacht Jews‹ war ich der jüdische Schauspieler und Musiker Daniel Donskoy – und zwar nur noch der jüdische.« Bist Du seit »Chlorine« der schwule Musiker Sivilian – und zwar nur noch der schwule?
Sivilian:
Ich bin schwul, das gehört zu mir. Ich sage das so klar, weil es mir darum geht, das Vokabular zurückzugewinnen, für mich und für uns. Immerhin gehört das Wort bei Jugendlichen immer noch zu den beliebtesten Beleidigungen. Und das ist für mich nicht akzeptabel. Ich weiß, dass ich da gegen Windmühlen kämpfe, aber wenn ich das Wort nur im Ansatz zurückgewinnen will, geht das nicht, ohne dass ich mein eigenes Schwulsein offen lebe.
Ich bin vor Kurzem in die »Kaulitz & Kaulitz«-Doku eingestiegen. Auch wenn ich den Hype um Tokio Hotel damals miterlebt habe, mit all den Kontroversen, ist es heute im Rückblick heftig zu sehen, wieviel Hass Bill damals abbekommen hat – und wie gut er darin war und ist, diesen Hass von sich abprallen zu lassen. Ich bezweifle, dass mir das persönlich gelingen würde. Zwar bin ich jetzt auch schon eine ganze Weile im Musikgeschäft, aber ich bin froh, dass ich mein öffentliches Coming-out erst hatte, als ich schon etwas älter war. Mit 17 hätte ich das wahrscheinlich noch nicht durchgestanden.

»Wir alle haben mit unserem Coming-out eine klassische Held*innen-Geschichte geschaffen.«
MYP Magazine:
Das heißt, wenn Du die Zeit zurückdrehen könntest, würdest Du dich einer Zeitung wieder so offenbaren?
Sivilian:
Ja, natürlich. Auch weil ich finde, dass es eine echt gute Geschichte ist. Wir alle haben mit unserem Coming-out eine klassische Held*innen-Geschichte geschaffen, denn wir haben diese Reise überlebt.
Ob ich diesen Stempel jetzt habe oder nicht, ist mir ehrlich gesagt egal. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass mich das von irgendetwas ausschließt, etwa was Festivals oder generell die Musikindustrie angeht. Und wenn, würde ich dort auch nicht auftreten wollen. Davon abgesehen gibt es in der Schweiz eh nicht so viele queere Musiker*innen. Von daher: the more the merrier.

»Ich musste viel kämpfen, mit mir selbst und meinem Sein.«
MYP Magazine:
Wir haben eben kurz über queere Musikerkollegen wie Ryan Beatty, Omar Apollo oder Troye Sivan gesprochen. Diese sind für unzählige queere Teenager auf der Welt riesige Vorbilder. Bist Du mittlerweile selbst ein sogenanntes role model?
Sivilian:
Ja, es gibt Leute, für die ich das bin. Zumindest entnehme ich das den Nachrichten, die sie mir schicken – etwa auf Instagram, wo ich manchmal Geschichten erfahre, die so heftig sind, dass ich erst mal lernen muss, wie man damit umgeht. Oder wie man jemanden zurückschreibt, der mehrere Suizidversuche hinter sich hat. Sich in so einem Trauma-Dumping wiederzufinden, war gerade am Anfang nicht leicht für mich und fordert mich immer noch heraus (Hinw. d. Red.: Trauma-Dumping ist das Teilen zu vieler traumatischer oder belastender Informationen mit anderen, ohne Rücksicht auf die Auswirkungen auf den Zuhörer).
Gleichzeitig freut es mich riesig zu sehen, dass es Menschen hilft, wenn man von sich erzählt und offenbart, dass es einem ähnlich geht oder ergangen ist. Das ist übrigens auch ein bisschen die Prämisse meines neuesten Songs, »The Kid Is Alright«. Darin unterstreiche ich diesen »Es wird besser«-Satz, der einem als Teenager oftmals zugeworfen wird. Ich möchte jungen Menschen Hoffnung machen, indem ich ihnen sage: Ich musste viel kämpfen, mit mir selbst und meinem Sein. Aber ich habe das irgendwie hingekriegt. Und du wirst das auch schaffen.

»Das, was in den USA abgeht, scheint mittlerweile auch in der Schweiz populär zu werden.«
MYP Magazine:
Apropos »Es wird besser«: Wir erleben in Deutschland gerade einen rapiden Anstieg von queerfeindlicher Gewalt. Wie ist Situation in der Schweiz?
Sivilian:
Auch bei uns ist die Situation zunehmend beängstigend. Beispielsweise wird in Zürich gerade heiß diskutiert – angestoßen natürlich von der SVP –, ob trans Jugendliche geschlechtsangleichenden Operationen erhalten dürfen oder nicht. Das, was in den USA abgeht, scheint also mittlerweile auch in der Schweiz populär zu werden. Dennoch habe ich die Hoffnung, dass wir den Trumpismus als mahnendes Beispiel sehen und daraus lernen. Es gibt in der Schweiz tolle Menschen, auch in der Politik, die sich Gedanken machen, wie sie junge Leute erreichen und deren Probleme erfassen können. Mittlerweile scheinen sie verstanden zu haben, dass man Social Media nicht den Rechten überlassen darf. Diese Bewegung möchte ich unterstützen.

»Mindestens 700 Leute glauben, dass ich mir auf OnlyFans ein bisschen was dazuverdiene.«
MYP Magazine:
Du dagegen scheinst genau zu wissen, wie Du die sozialen Medien für Dich nutzen kannst. So hast Du zum Beispiel mal über einen fingierten OnlyFans-Link in einer Instagram-Story die Leute zu Deinem neuen Song »Chlorine« gelockt.
Sivilian:
Ja, aber von etwa tausend Menschen, die diese Story gesehen haben, haben nur 300 auf den Link geklickt und erfahren, wohin er wirklich führt. Das heißt: Mindestens 700 Leute glauben seitdem, dass ich mir auf OnlyFans ein bisschen was dazuverdiene.
MYP Magazine:
Verkauft sich Sex in der Musik immer noch am besten?
Sivilian:
Leider ja. Als ich auf Instagram zum allerersten Mal auf den Song hingewiesen habe, ohne die OnlyFans-Falle, haben 30 Leute auf den Link geklickt. Aber als ich den falschen Link eingebaut habe, waren es wie erwähnt 300. Sex macht also einen Unterschied.

»Ich bereue nichts. Höchstens vielleicht, dass ich nicht in Bitcoins investiert habe.«
MYP Magazine:
Auf der Kontaktseite Deiner Homepage hast Du die Leute bis vor Kurzem aufgefordert, Dir Liebesbriefe und Nacktbilder zu schicken. Was waren die bemerkenswertesten Einsendungen?
Sivilian:
Leider ist diesem Aufruf tatsächlich noch niemand gefolgt. Wahrscheinlich, weil heutzutage keiner mehr eine Website besucht.
MYP Magazine:
Vielleicht sind Websites nur etwas für Ältere.
Sivilian:
Vielleicht.
MYP Magazine:
Du setzt Dich in Deinen Texten sehr stark mit dem Älterwerden und sogar mit der Endlichkeit menschlichen Lebens auseinander. Wenn Du heute, mit 33, auf Dein bisheriges Leben zurückblickst: Gibt es etwas, das Du bereust oder anders machen könntest, wenn Du die Chance hättest?
Sivilian:
Ich würde früher ein Soloprojekt starten – obwohl, vielleicht auch nicht. Wer weiß, welche Musik ich dann gemacht hätte und ob ich damit überhaupt glücklich geworden wäre. Soll heißen: Ich bereue nichts. Höchstens vielleicht, dass ich nicht in Bitcoins investiert habe. Aber da ich sowieso in nichts investiere außer in meine Musik, ist das auch ziemlich egal.

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Interview & Text: Jonas Meyer
Fotografie: Juliusz Gastev





























