Interview — Samuel Jefferson

»Man muss sich jedem einzelnen Menschen stellen – seinem Schmerz, seiner Geschichte und seinem Körper«

Chaos, Überforderung, Drogenmissbrauch: Mit ihrer packenden Inszenierung der Zustände in einer Neuköllner Notaufnahme löste die Serie »Krank Berlin« im Frühjahr einen kleinen Hype aus. Gerade wurde sie sechsfach für den Deutschen Fernsehpreis nominiert. Wir haben Samuel Jefferson, den Chefautor der Serie, zum Interview getroffen und ihn um eine Bestandsaufnahme des Gesundheitssystems gebeten – schließlich hat er selbst lange als Arzt in einer Notaufnahme gearbeitet.

6. September 2025 — Interview & Text: Jonas Meyer, Fotografie: Maximilian Motel

»Mega«, »absolute Empfehlung«, »muss man gesehen haben«: Als Ende Februar die Serie »Krank Berlin« auf Apple TV+ startete, teilten viele Zuschauer*innen auf Social Media ihre Verzückung über den packend inszenierten Achtteiler, der in einer chaotischen Berliner Notaufnahme spielt.

Und auch die Presse sparte nicht mit Lob. So stellte etwa der Tagesspiegel fest: »Im großen Pool der Krankenhausserien schwimmt ›Kran Berlin‹ damit für sich allein. Vergleiche mit deutschen Vorbildern à la ›Schwarzwaldklinik‹ und Co. muss man gar nicht erst bemühen.« Und die F.A.Z. fragte: »Wurden deutsche Ärzte, Pfleger und Sanitäter jemals so atemberaubend in Szene gesetzt?«

In der Notaufnahme mangelt es an allem: an Zeit, an Personal, an modernem Gerät. Dazu gesellt sich die permanente Überforderung aller Figuren, die durch die Bildschirme zu Hause fast ungefiltert zu den Zuschauer*innen dringt – über eine Kombination aus starkem Cast, packendem Skript, cineastischen Farben und einer fast hyperdynamischen Kameraführung. Kein Wunder, dass sich »Krank Berlin« über viele Wochen in den Top 10 des Streamingdienstes hielt. Und die sicher eine zweite Welle der Begeisterung erfährt, wenn sie in einigen Monaten auf ZDFneo zu sehen sein wird.

Doch während – wie immer bei neuen Serien – der Anfangshype erst mal verflogen ist und sich die Nation bereits an »Kaulitz & Kaulitz« ergötzt hat, sind die Probleme, die in »Krank Berlin« beschrieben werden, nicht aus der Welt. Denn die katastrophalen Zustände in der Notaufnahme entspringen nicht der blühenden Fantasie ihrer Erschaffer. Ganz im Gegenteil: Sie sind der authentische Spiegel einer traurigen Realität.

Einer, der es wissen muss, ist Samuel Jefferson, Chefautor der Serie. Der gebürtige Engländer arbeitete von 2011 bis 2017 als Notfallmediziner in Leeds, Harrogate und London, bevor der den Job an den Nagel hängte und Drehbuchautor wurde.

Großbritannien, könnte man jetzt sagen, ist doch mit Deutschland gar nicht vergleichbar. Aber stimmt das denn? Einige Wochen nach Serienstart haben wir Samuel Jefferson zu einer schonungslosen Bestandsaufnahme getroffen.

»Alles, was wir zeigen, hat einen wahren Kern, nichts ist aus der Luft gegriffen.«

MYP Magazine:
Samuel, Eure Serie zieht die Zuschauer*innen ab Sekunde eins in die chaotischen Zustände einer Berliner Notaufnahme. Du selbst hast in London einige Jahre lang als Notfallmediziner gearbeitet. Wie nah ist das, was die Serie zeigt, an der Realität?

Samuel Jefferson:
Sehr nah! Für die Story haben wir diverse Elemente aus dem realen Arbeitsalltag in einer Notaufnahme zusammengetragen, verdichtet und dramatisiert. Alles, was wir zeigen, hat einen wahren Kern, nichts ist aus der Luft gegriffen. Unser Ziel war es, den Leuten vor den Fernsehern einen authentischen Einblick in den Job von Ärztinnen, Krankenpflegern und Rettungssanitäterinnen zu geben – oder kurz gesagt: von Menschen, die Tag für Tag ans Limit gehen. Und dabei zeigen wir längst noch nicht alles: zum Beispiel die Unmenge an Papierkram, mit der man sich als Arzt jeden Tag herumschlagen muss. Das wäre aus dramaturgischer Sicht viel zu langweilig.

»In solchen Momenten gab es oft die stille Übereinkunft, dass man gemeinsam schwieg und sich betrank.«

MYP Magazine:
Unterscheidet sich die Arbeit in einer britischen Notaufnahme in irgendeiner Form von der in einer deutschen?

Samuel Jefferson:
Als ich 2019 anfing, mit dem Team über die Serie zu sprechen, war ich mir nicht sicher, ob sich meine Erfahrungen als britischer Arzt ohne Weiteres auf Deutschland übertragen ließen. Aber dann haben wir uns mit ein paar Berliner Ärzten zum Gespräch getroffen und festgestellt: Der Stress und die Traumata, die sie in ihrem Alltag erlebten, waren genau dieselben, die ich persönlich auch aus London kannte.
Wenn man eine gewisse Zeit als Arzt gearbeitet hat, ist das ohnehin eine interessante Beobachtung, die man macht: Trifft man im Privaten zufällig auf andere Ärzt*innen, etwa auf einer Dinnerparty, schaut man sich auf eine ganz bestimmte Art an, im Sinne von: Du weißt, wie‘s läuft, nicht wahr? Und das beziehe ich nicht auf die Tatsache, dass beide einen gesellschaftlich exponierten Job haben. Sondern darauf, dass man die gleichen Widrigkeiten in Bezug auf den Arbeitsalltag teilt – weil man das gleiche Leid gesehen hat, weil man Traumata erlebt hat und weil man weiß, dass sich an der ganzen Situation auf absehbare Zeit nichts ändern wird. Wir wissen es einfach. Wir kennen die Branche, in der wir arbeiten. In solchen Momenten gab es oft die stille Übereinkunft, dass man gemeinsam schwieg und sich betrank.

»Ich vermute, für die allermeisten Ärzt*innen ist das die einzige Form, mit dem Elend umzugehen.«

MYP Magazine:
Hat Dir die Arbeit an »Krank Berlin« geholfen, all das zu verarbeiten, was Du persönlich während Deiner Zeit als Notfallmediziner erlebt hast?

Samuel Jefferson:
Tatsächlich war das Schreiben für mich eine Art Traumatherapie – zumindest weiß ich das aus heutiger Perspektive. Eine der Autorinnen, mit der ich zusammengearbeitet habe, sagte mal zu mir: »Samuel, ich glaube, das ist ein Teil deines persönlichen Prozesses, um über diesen Job hinwegzukommen und zu reflektieren.« Sie hatte in ihrem Leben bereits umfangreiche Therapieerfahrungen gemacht und wusste, wovon sie sprach. Ganz im Gegensatz zu mir: Ich habe das erst mal abgetan und wollte es nicht glauben.
Aber als ich einige Monate später am ersten Drehtag ans Set kam und alles dort aussah wie in einer echten Notaufnahme, merkte ich nicht nur, dass ich die vielen Geräte blind bedienen konnte. Ich erinnerte mich auch an all die negativen Gefühle zurück. Erst in diesem Moment wurde mir klar, wie traumatisch der Arztberuf für mich gewesen war. Das hatte ich bis dahin immer verdrängt oder trivialisiert – etwa, indem ich darüber auf sehr britische Art Scherze gemacht habe. Ich vermute, für die allermeisten Ärzt*innen ist das die einzige Form, mit dem Elend umzugehen. Ist das nicht furchtbar?

»Ich hatte wenig Lust, wieder eine Krankenhausserie zu machen.«

MYP Magazine:
Du hast 2015 Deinen Drehbuch-Master an der renommierten »London Film School« gemacht, im selben Jahr hast Du einen Wettbewerb der »British Academy of Film and Television Arts« (BAFTA) gewonnen – mit einer Notaufnahmen-Sitcom, die Du geschrieben hattest. Warum hatte für Dich erst die Arbeit an »Krank Berlin« eine gewisse therapeutische Wirkung – und nicht bereits die an Deiner BAFTA-Serie?

Samuel Jefferson:
Die Sitcom brachte mir damals zwar meinen Agenten ein, aber ich hatte danach erst mal wenig Lust, wieder eine Krankenhausserie zu machen – obwohl es immer wieder Angebote gab. Ich wollte einfach nicht mehr über das Arztsein schreiben. Jeder Arbeitstag fühlte sich am Ende so an, als würde ich von einem stressigen Job nach Hause kommen, dessen einziger Inhalt es war, über einen stressigen Job zu schreiben. Aber mir blieb nichts anderes übrig, denn die Arbeit an der Sitcom schien mir der einzige Weg zu sein, um das zu werden, was ich wirklich liebe: Drehbuchautor.

MYP Magazine:
Warum hast Du nach dieser Erfahrung trotzdem eine weitere Krankenhausserie entwickelt?

Samuel Jefferson:
Beim Schreiben gibt es einen Grundsatz: Man soll darüber schreiben, was man persönlich kennt. Mit diesem Satz konnte ich aber nie etwas anfangen – bis zu »Krank Berlin«. Die Arbeit an der Serie hat mir einen gewissen Erweckungsmoment geschenkt. Ich habe für mich verstanden, dass es nicht nur um die entsprechenden Inhalte und Settings geht, sondern auch die Gefühle und Erfahrungen, die man in Bezug auf das Thema gemacht hat. Erlebte Traumata können da übrigens genauso hilfreich sein wie Scham-, Angst- oder Ohnmachtsgefühle. Hauptsache, es ist real und authentisch.

»Dieses Krankenhaus ist tatsächlich ein beschissener Ort.«

MYP Magazine:
Wie genau ist »Krank Berlin« entstanden?

Samuel Jefferson:
Nachdem ich 2017 nach Berlin gezogen war, wurde ich von einem Freund einer Produktionsfirma empfohlen, die darüber nachdachte, eine funky Neuköllny Krankenhausserie zu machen. Aber mehr gab es dazu noch nicht. Einer der Co-Kreatoren, Viktor Jakovleski, hatte eine Menge Freunde, die in Berliner Krankenhäusern arbeiteten. Beim Zusammensitzen in der Kneipe hatte er sich über die Jahre immer wieder ihre heftigen Job-Geschichten angehört. Irgendwann hatte er das Bedürfnis, das alles aufzuschreiben und auf die große Leinwand zu bringen. Mit dieser inhaltlichen Grundlage kam die Produktionsfirma schließlich auf mich zu und hat mich zu einem ersten Treffen eingeladen. Wir haben uns alle sehr gut verstanden und herausgefunden, dass sich meine britischen Erfahrungen mit denen von Viktors Freunden aus Berlin mehr oder weniger deckten. Und so war »Krank Berlin« geboren…

MYP Magazine:
… ein Name, mit dem die Protagonist*innen der Serie auch das Krankenhaus selbst bezeichnen. Ein very shitty place, wie man im Englischen sagen würde: alles wirkt schmuddelig, heruntergekommen und kaputtgespart.

Samuel Jefferson: (lächelt)
Ja, das ist tatsächlich ein beschissener Ort.

»Es ist wie in jeder Branche: Wenn man das Ganze erst mal von innen sieht, entdeckt man unter dem Glanz das ganze Elend.«

MYP Magazine:
Entspricht das auch Deiner persönlichen Erfahrung: dass Orte, die für Gesundheit stehen, so beschissen sein können?

Samuel Jefferson:
Ich dachte immer, das sei ein spezielles britisches Problem, weil der NHS (»National Health Service«, die Red.) seit vielen Jahren chronisch unterfinanziert ist. In England fallen manche Krankenhausgebäude wortwörtlich auseinander. Und mittlerweile weiß ich, dass es solche Orte auch in Deutschland gibt. Auch wenn einige deutsche Krankenhäuser einen glänzenden Eindruck erwecken, weil sie mehr Geld von privaten Versicherungen erhalten, verbergen sich hinter den repräsentativen Eingangshallen und aufpolierten Schildern dieselben Probleme wie in anderen Häusern: Unterbesetzung, Unterbezahlung, Überlastung, fehlende Ressourcen und so weiter, und so weiter.
Es ist wie in jeder Branche: Wenn man das Ganze erst mal von innen sieht, entdeckt man unter dem Glanz das ganze Elend und die vielen menschlichen Dramen, die sich Tag für Tag abspielen. Das ist übrigens in der Film- und Fernsehbranche nicht anders.

»In meiner Verzweiflung blieb mir nichts anderes übrig, als das Ganze zu googeln.«

MYP Magazine:
Viele der Charaktere Eurer Serie befinden sich in einem permanenten Zustand der Erschöpfung, manche brechen sogar zusammen. Gab es während Deiner Zeit in der Notaufnahme ebenfalls einen Punkt, an dem Du so entkräftet warst, dass du nicht mehr weiterarbeiten konntest?

Samuel Jefferson:
Es gab nicht einen, sondern viele. Das Schlimme ist: Meine Kolleg*innen und ich hatten das Gefühl, dass das wie selbstverständlich zum Job gehört. Am Anfang meiner Ausbildung musste ich insgesamt zwei Jahre lang in verschiedenen Kliniken arbeiten – diese sogenannten foundation years sind vergleichbar mit dem Praktischen Jahr (»PJ«) in Deutschland, bei dem man diverse Stationen durchläuft. Ich erinnere mich noch genau, dass ich meinen ersten Arbeitstag in einer Nachtschicht hatte, da war ich gerade 24 Jahre alt. Ich war immer wahnsinnig müde und musste versuchen, irgendwie durchzuhalten. Dazu kam der generelle Stress, den ein neuer Job so mit sich bringt.
Ich werde nie vergessen, wie ich in meiner ersten Nacht versucht habe, eine Gleichung zu verstehen, mit der man den sogenannten INR-Wert berechnet – ein Verfahren zur Umrechnung des Blutgerinnungsmesswerts eines Patienten. Das hatte ich im Medizinstudium nie gelernt und wusste dementsprechend auch nicht, wie man das macht. Die Krankenschwester wusste es auch nicht, also blieb mir in meiner Verzweiflung nichts anderes übrig, als das Ganze zu googeln. Gleichzeitig klingelte ständig das Telefon und ich musste mich um diverse andere Dinge zu kümmern.

»Das hat sich stellenweise so angefühlt, als würde man in einem Restaurant arbeiten, in dem es kein Buchungssystem gibt.«

MYP Magazine:
Das erinnert sehr stark an die Figur des Dr. Dominik Kohn, einem permanent überforderten Assistenzarzt, der alles versucht, um seine Überforderung und sein Nichtwissen zu verbergen.

Samuel Jefferson:
Dr. Kohns Situation kenne ich nur zu gut. Wie in jedem anderen Beruf gilt aber auch: Irgendwann wird man in allem ein bisschen erfahrener und weiß, wie man einen INR-Wert berechnet oder die Formulare ausfüllt. Das Ding ist nur: Wenn man mal diese Punkt erreicht hat, steht man gleich vor der nächsten Hürde. Dann geht es vor allem darum, mit dem komplexen Management einer Notaufnahme Schritt zu halten. Das hat sich stellenweise so angefühlt, als würde man in einem Restaurant arbeiten, in dem es kein Buchungssystem gibt.
Das heißt: Es kommen ständig neue Leute rein, alle wollen gleichzeitig bestellen, essen und bezahlen. Zudem ist ein Koch ausgefallen und man muss allein die Tische abräumen und herrichten, alle Gerichte kochen und abkassieren. Und dazu klingelt ständig das Telefon. Ich habe schon mal in der Gastronomie gearbeitet und weiß, wie stressig das ist. Im Gegensatz zu einem Restaurant geht’s in der Notaufnahme aber oft um Leben und Tod. Das kann schnell zu einem absoluten Grauen werden, vor allem für Einsteiger.

»Es ist interessant, dass unsere Gesellschaft das zulässt.«

MYP Magazine:
Was hat dieses Grauen mit Dir gemacht?

Samuel Jefferson:
Manchmal, vor Beginn meiner Nachtschicht, saß ich oft zehn, fünfzehn Minuten lang regungslos in meinem Auto auf dem Parkplatz vor dem Krankenhaus. Ich konnte einfach nicht aussteigen. Also starrte ich ins Leere, wie in einem Film noir. Durch meinen Kopf raste immer wieder der Satz: »Ich kann das nicht. Ich kann das nicht.« Ich habe meine Arbeit wirklich gehasst. Ich habe mich davor gefürchtet, dieses Gebäude zu betreten. Aber irgendwann erinnert man sich an seine Pflicht, steigt aus und geht rein. Ich finde das sehr interessant.

MYP Magazine:
Warum interessant?

Samuel Jefferson:
Es ist interessant, dass unsere Gesellschaft das zulässt: dass gerade die Menschen, die Entscheidungen treffen müssen, bei denen es um Leben oder Tod geht, so überarbeitet sind und so wenig Schlaf bekommen, dass sie in einen physischen und psychischen Zustand geraten, der sie am wenigsten funktionieren lässt. Auch wenn ich selbst längst den Job gewechselt habe: In meinem Freundeskreis gibt es immer noch etliche Ärztinnen und Ärzte, bei denen ich mit ansehen musste, wie sie etwa während der Corona-Zeit 70-Stunden-Schichten schieben mussten, einige von ihnen sogar mit Corona-Symptomen. Aber denen wurde gesagt, sie mögen in der Zeit ihrer eigenen Erkrankung bitte Büroarbeit machen, weil sie gebraucht würden.

MYP Magazine:
Immerhin gab’s öfter mal Applaus.

Samuel Jefferson: (grinst spöttisch)
Toll, oder? Das hat nur leider nichts am Grundproblem geändert. Eigentlich ist der Arztberuf etwas Großartiges, zumindest in der Theorie: Man lernt, den menschlichen Körper zu verstehen; man lernt herauszufinden, warum es jemandem nicht gut geht; man lernt, wie man kranken Menschen helfen kann. Das ist unglaublich! Ich wette: Wenn man die moderne Medizin unserer Zeit in eine Kleinstadt des Jahres 1960 verpflanzen könnte, in der man als Arzt genug Zeit für eine überschaubare Zahl von Patienten hat, wäre das der perfekte Beruf.

»Arzt zu sein ist, wie jeden Morgen um sechs am Easyjet-Gate eines Flughafens zu arbeiten.«

MYP Magazine:
Bleiben wir im Jahr 2025. Was konkret müsste sich ändern, um Ärzt*innen zu helfen und den Beruf wieder attraktiver zu machen?

Samuel Jefferson:
Man müsste das Personal verdreifachen. Aber dafür bräuchte es mehr Geld, mehr Ressourcen und vor allem die Sensibilisierung der Bevölkerung für unsere prekäre Situation. Bei vielen Leuten hält sich immer noch die hartnäckige Vorstellung, dass man als Arzt einen Haufen Geld verdient, einen Jaguar fährt und einen traumhaften, entspannten Job macht. Aber das ist nicht die Realität, leider. Arzt zu sein ist, wie jeden Morgen um sechs am Easyjet-Gate eines Flughafens zu arbeiten: Man wird von den Leuten permanent angeschrien.

MYP Magazine:
Das ist wirklich ein Albtraum.

Samuel Jefferson:
Das Schlimme ist, dass man keinerlei Möglichkeit hat, damit in einer gesunden Form umzugehen. Im Medizinstudium wird einem beigebracht, dass man zu den Besten der Besten gehört und all das händeln könne, was der Beruf so mit sich bringt. Dem versucht man gerecht zu werden. Etwa, indem man Wege sucht, seine Gefühle zu unterdrücken und immer weiter zu funktionieren.
Es wäre als Arzt auch höchst problematisch, bei einem aufgebrachten Patienten ebenfalls emotional zu werden. Man muss den Leuten immer das Gefühl vermitteln, dass man stark ist und alles im Griff hat: »Keine Sorge, Mrs. Jones, das wird schon wieder.« Und dann geht man nach Hause und weiß nicht, wo man die unterdrückten Gefühle hintun soll.

»Es gibt viele Ärzt*innen, die eine ganze Menge Drogen nehmen.«

MYP Magazine:
Um mit all dem umzugehen, vergreift sich einer der Hauptprotagonisten Eurer Serie, Dr. Ben Weber, regelmäßig am Medikamentenschrank und schluckt Opioide.

Samuel Jefferson:
Es gibt viele Ärzt*innen, die eine ganze Menge Drogen nehmen. Diesen Aspekt haben wir uns nicht einfach so ausgedacht. Für die meisten ist das ein bewährtes Mittel, um die permanente Ausnahmesituation zu bewältigen. Dabei bräuchten sie eher mal eine Umarmung.
Viele glauben uns das mit den Drogen übrigens gar nicht: Ein Zuschauer schrieb uns, dass er davon überzeugt sei, dass Ärztinnen und Ärzte in der Realität keine Drogen nähmen. Das sei völlig übertrieben. Und wenn, seien das eher Einzelfälle. Das Problem liege da ganz allein bei den jeweiligen Personen. Ich antwortete ihm, dass sich das nicht mit meinen persönlichen Erfahrungen decke. Und dass es wichtig sei, der Frage nachzugehen, warum Ärzte Drogen nehmen, und nicht ob. Die meisten Menschen, die in einer Notaufnahme arbeiten, sind emotional komplett blockiert und brauchen dringend therapeutischen Support. Doch kaum jemand erhält den. Und so bleiben Drogen und Alkohol für viele der einzige Weg, um damit umzugehen – so traurig und problematisch das auch ist.

»Ich dachte, es sei in diesem Beruf ganz normal, sich zu betäuben.«

MYP Magazine:
Hast Du in Deiner Zeit als Arzt ebenfalls auf Drogen zurückgegriffen?

Samuel Jefferson:
Meine eigene Story ist nicht so extrem wie die von Dr. Ben Weber. Stolz bin ich darauf trotzdem nicht. Nach unseren Schichten gingen meine Kolleg*innen und ich regelmäßig in einen Pub, tranken Bier und machten Witze über das, was wir am Tag erlebt hatten – schwarzer Humor ist unter Ärzt*innen weit verbreitet. Dabei hätte es uns viel besser getan, den Alkohol wegzulassen, uns gemeinsam in einen safe space zu begeben und ernsthaft über das zu sprechen, was während der Schicht passiert ist. Denn das war oft sehr schlimm.
Aber wir haben auf den Alkohol gesetzt – die einzige Bewältigungsstrategie, die wir kannten. Und das war auch schon im Studium so. Ich weiß nicht, wie es in Deutschland ist, aber in Großbritannien funktioniert der Arztberuf nach dem Motto: work very hard, play very hard. Und so wurde der massive Alkoholismus von Beginn an zu etwas ziemlich Coolem stilisiert.
Ganz ehrlich: Damals habe ich mir nichts dabei gedacht. Ich dachte, es sei in diesem Beruf ganz normal, sich zu betäuben. Erst durch die Arbeit an »Krank Berlin« wurde mir klar, dass mein Alkoholkonsum ein fataler Bewältigungsmechanismus war. Heute ist mein Leben unendlich viel besser. Ich bin clean und nüchtern.

»Wie die meisten Süchtigen muss auch Dr. Weber eine Lücke in sich füllen.«

MYP Magazine:
Du hast eben davon gesprochen, dass überfordertes Klinikpersonal öfter mal eine Umarmung bräuchte. Würden mehr Umarmungen tatsächlich Dr. Weber davon abhalten, Opioide aus dem Medikamentenschrank zu klauen?

Samuel Jefferson: (lächelt)
Nein, natürlich löst man mit einer Umarmung allein kein Suchtproblem. Dennoch würde sie ihm helfen. Denn wie die meisten Süchtigen muss auch Dr. Weber eine Lücke in sich füllen, die er auf andere Weise nicht zu füllen weiß. Sollte unsere Serie in eine zweite Staffel gehen, wäre es spannend herauszufinden, warum da diese Leere ist – und warum er fast zwanghaft versucht, allen Leuten zu helfen, die sich irgendwie in Not befinden…

MYP Magazine:
… zum Beispiel Patient*innen, die nicht krankenversichert sind.

Samuel Jefferson:
Genau. Leider wird seine selbstlose Fürsorge für andere immer mehr zu seinem eigenen Nachteil. Im Prinzip ist Dr. Weber ein sehr einfühlsamer Mensch, doch tief in ihm schlummert ein schweres, unverarbeitetes Trauma, das sich zu einer posttraumatischen Belastungsstörung entwickelt hat. Der einzige Weg, wie er mit diesem Ansturm von Emotionen umgehen kann, ist die Betäubung. Etwas anderes hat er nicht gelernt – wie meine Kolleg*innen und ich damals. Ist das nicht verrückt?

»Viele können sich mittlerweile nicht mal mehr einen Film im Kino anschauen, ohne dass sie ein Bier in der Hand haben.«

MYP Magazine:
Alkohol ist in unserer Gesellschaft – in der deutschen wie in der britischen – eben allgegenwärtig und leicht zu beschaffen.

Samuel Jefferson:
Ja. Aber ich finde: Wenn man wirklich Spaß am Feiern hat, sollte man das auch nüchtern können. Immerhin geht’s ja um Spaß. Aber viele können sich mittlerweile nicht mal mehr einen Film im Kino anschauen, ohne dass sie ein Bier in der Hand haben.

MYP Magazine:
Was könnte Dr. Weber neben einer Umarmung noch helfen?

Samuel Jefferson:
Einer suchtkranken Person wie ihm kann man nicht einfach sagen: »Hör damit auf!« Vielleicht muss er eine Situation erleben, die ihn wirklich bricht und in der er erkennt, dass er sich vor seinen Dämonen nicht mehr verstecken kann. Ich glaube, dass es diese Kapitulation braucht, um auf gesunde Weise neue Bewältigungsstrategien zu entwickeln.

»Das Problem ist, dass das Schiff bereits gesunken ist, wenn man seine neue Stelle antritt.«

MYP Magazine:
Aber auch das befreit einen Arzt nicht von der enormen Verantwortung, die auf seinen Schultern lastet – immerhin vertrauen ihm fremde Menschen ihre Gesundheit und manchmal auch ihr Leben an. Den jungen Assistenzarzt Dr. Dominik Kohn scheint diese Verantwortung immer wieder zu überfordern, er macht Fehler. Wie bist Du selbst damals mit Deiner Verantwortung umgegangen?

Samuel Jefferson:
Niemand ist für die Verantwortung bereit, wenn er in der Notaufnahme anfängt. Man kann im Studium zwar alle Zahlen, Fakten und Körperteile auswendig lernen. Aber erst, wenn man in dem Job auch tatsächlich arbeitet, weiß man, worum es geht. Daher bin ich auch der Meinung, dass das Medizinstudium viel kürzer gehalten sein könnte – und auch, dass der Zugang erleichtert werden müsste. Das Ganze per Numerus clausus künstlich zu beschränken, nur weil man die Leute mit den besten Noten will, halte ich für Unsinn. Viel wichtiger wäre, auf engagierte Leute zu setzen – und darauf, ihnen beizubringen, wie sie später im Job ihre Emotionen verarbeiten können. In dieser Hinsicht jedenfalls war mein Medizinstudium ziemlich cool.

MYP Magazine:
Inwiefern?

Samuel Jefferson:
An unserer Uni in Newcastle gab es ein sogenanntes Kommunikationstraining. Das heißt, wir konnten mit Schauspieler*innen arbeiten, die sich als Patienten ausgaben und denen wir Nachrichten wie »Ihr Mann ist gerade gestorben« überbringen mussten. Diese Vorbereitung hat mir später im Beruf sehr geholfen. Dennoch hätte ich mir vor allem in meinen ersten Wochen in der Notaufnahme mehr Unterstützung gewünscht, etwa in Form eines Mentors. Aber das Problem ist, dass das Schiff bereits gesunken ist, wenn man seine neue Stelle antritt. Niemand sagt: »Hey, wir nehmen uns drei Wochen Zeit und ich zeige dir, wie man was macht.« Da heißt es nur: »Nimm das da drüben und hilf mir, das Feuer zu löschen!« Von der allerersten Sekunde an befindet man sich in der Defensive und muss kämpfen.

»Ich war überzeugt, dass ich später mal als berühmter Schönheitschirurg in Miami landen würde.«

MYP Magazine:
Du hast bereits während Deines Medizinstudiums erste Drehbücher geschrieben. Warum wolltest Du nicht gleich Drehbuchautor werden, sondern erst mal Arzt?

Samuel Jefferson:
In Großbritannien muss man sich bereits in der Oberstufe entscheiden, was man beruflich machen will – im Gegensatz zu den Deutschen, die nach dem Abi erst mal zwölf Studiengänge absolvieren, um zu schauen, was ihnen liegt. Das gefällt mir. (grinst) Aber in Großbritannien gibt es das sogenannte sixth form, was in etwa der 12. und 13. Klassenstufe eines deutschen Gymnasiums entspricht und in dem man spezielle, berufsvorbereitende Fächer wählen muss.
Ich war immer sehr gut in Kunst und Naturwissenschaften, in Mathe aber eine Niete. Daher war ich erst mal unsicher, welchen Weg ich einschlagen sollte. Da ich an der Highschool sehr viel Theater gespielt habe, wollte ich eigentlich auf eine Schauspielschule. Das hätte ich auch fast geschafft. Aber mir war damals schon klar, dass ich eigentlich nur berühmt werden wollte. Ich war gerade mal 18 und konnte mein Ego geradezu riechen. Mir war klar: Das ist keine gesunde Grundlage, um ein ernsthafter Schauspieler zu werden. Als mir dann ein Kumpel davon erzählte, dass er Medizin studieren wolle, hat es bei mir plötzlich klick gemacht. Ich dachte: Das kann auch was für mich sein.

MYP Magazine:
Und warum wurde es ausgerechnet die Uni in Newcastle?

Samuel Jefferson:
Das war eine der wenige Universitäten, an denen ich mit meinen Noten eine Chance hatte. Nach einem Erstgespräch an der medizinischen Fakultät war ich total begeistert. Ich sah mich schon als coolen Arzt – so einer wie aus »Emergency Room« oder »Nip/Tuck« – und war überzeugt, dass ich später mal als berühmter Schönheitschirurg in Miami landen würde.

MYP Magazine:
Immer noch das Ego?

Samuel Jefferson: (lacht)
Ja! Aber mein Medizinstudium war insgesamt echt toll. Ich konnte an der Uni sogar weiter Theater spielen und Stücke schreiben. So war die medizinische Fakultät am Ende für mich auch eine Art inoffizielle Schauspielschule. Mit dem Eintritt in den Job brach dieser Teil meines Lebens allerdings plötzlich weg. In meinem Arztalltag war einfach kein Raum mehr für Kreativität. Erst dadurch habe ich gespürt, wie lebenswichtig dieser Aspekt für mich ist. Und so wurde ich von Tag zu Tag trauriger.

»Berlin zwingt die Leute dazu, am echten Leben teilzuhaben.«

MYP Magazine:
Du bist 2017 nach Berlin gezogen. Was war der Grund?

Samuel Jefferson:
Irgendetwas an der Stadt faszinierte mich. Ursprünglich wollte ich nur acht Monate bleiben, um das »Serial Eyes«-Programm für professionelles Schreiben an der Deutschen Film- und Fernsehakademie (DFFB) in Berlin zu absolvieren – ein großartiger Kurs für Autor*innen und Produzent*innen. Aber das ist mittlerweile fast neun Jahre her. Ich kenne etliche andere Expats, denen es ganz genauso ergangen ist: Sie sind irgendwann zufällig in Berlin gelandet und dann einfach geblieben.

MYP Magazine:
Eure Serie spielt in einer Berliner Notaufnahme. Warum habt Ihr die Story gerade hier angesiedelt und nicht zum Beispiel in Hamburg, München oder Köln?

Samuel Jefferson:
Berlin ist so ein seltsamer Ort. Es ist eklig, es stinkt und es gibt tausend Aspekte, die ich nicht mag. Damit steht Berlin aber auch gleichzeitig für eine gewisse Wahrhaftigkeit, weil es auf der Straße alle Facetten des menschlichen Lebens zeigt. Ich glaube, aus diesem Grund habe ich Orte wie etwa Los Angeles nie verstanden. Die Leute fahren in Autos mit abgedunkelten Scheiben von einem Restaurant zum anderen, wo sie dank riesiger Hecken vor den Blicken anderer geschützt sind. In L.A. gilt der Grundsatz: Je mehr Geld man hat, desto mehr kann man die Stadt selbst einfach ausblenden. In Berlin dagegen kann man das nicht, dem Charakter der Stadt kann niemand entfliehen, egal, wie sehr man sich von anderen abschotten will. Ich finde das irgendwie schön, weil es die Leute dazu zwingt, am echten Leben teilzuhaben.

»Irgendwann muss man einfach akzeptieren, dass man nicht alles unter Kontrolle haben kann, auch nicht als Arzt.«

MYP Magazine:
Wie würdest Du dieses echte Leben in Berlin beschreiben?

Samuel Jefferson:
Wir haben im Vorfeld viel darüber gesprochen, was Berlin ausmacht – das wollten wir zu einem essenziellen Teil der Show machen. Das Spannende war: Jeder von uns hat etwas völlig anderes genannt. Dadurch wurde uns klar, dass es nicht die eine Sache gibt, die Berlin ausmacht, sondern 100 verschiedene Dinge. Der besondere Reiz der Stadt liegt darin, dass alle Aspekte zusammengemixt sind. Außerdem befindet sich Berlin ständig im Wandel. Im Gegensatz zu London oder New York kann man hier immer noch alles machen. Und man kann alles sein, ohne das Gefühl haben zu müssen, damit irgendeine Nische zu besetzen. Ganz im Gegenteil: Jede und jeder Einzelne ist hier ein wichtiger Teil des Kuchens.
Daher hat sich unsere Serie beim Schreiben auch sehr schnell in eine Richtung entwickelt, die abbilden sollte, wie chaotisch das Menschsein an sich ist – und dass im Leben nichts so läuft, wie man es sich wünscht. Irgendwann muss man einfach akzeptieren, dass man nicht alles unter Kontrolle haben kann, auch nicht als Arzt. Erst, wenn man diese Erkenntnis für sich annimmt, kann man wirklich inneren Frieden finden.

»In einem Job, in dem man keine Emotionen zeigen darf, sind Gefühle, die sich um die eigene Identität drehen, zusätzliches Gift.«

MYP Magazine:
Der Cast Eurer Serie wirkt erfrischend authentisch, da er die Vielfalt und Alltagsrealität des Berliner Straßenbilds sehr genau abbildet. In der britischen Film- und Serienlandschaft ist das mittlerweile Standard, hier in Deutschland allerdings wirkt diese Diversität immer noch neu und ungesehen. Haben wir da einen gewissen Nachholbedarf?

Samuel Jefferson:
Absolut. Glücklicherweise hatten wir mit Lisa Stutzky eine großartige Casterin an unserer Seite. Lisa hat sich auf Schauspieler*innen spezialisiert, die normalerweise nicht besetzt würden – spannende, außergewöhnliche Leute außerhalb der Norm. Mein Eindruck ist, dass wir hier in Deutschland immer noch viel zu weiß besetzen, obwohl das gar nicht mehr dem Straßenbild und der deutschen Alltagsrealität entspricht. Selbst sogenannte Diversity-Castings sind oft wenig divers, frei nach dem Motto: »Wenn wir einen Schwarzen dazuholen, haben wir Diversität geschaffen.« Dabei macht es gerade bei einer Krankenhausserie Sinn, auch queere Diversität abzubilden.

MYP Magazine:
Warum genau?

Samuel Jefferson:
Die Medizin zieht eine Menge queere Menschen an. Vielleicht ist es nur meine subjektive Erfahrung aus dem Studium in Newcastle, aber im Vergleich zu anderen Bereichen gab es in unserem Studiengang überdurchschnittlich viele queere Studierende.
Ich habe mich oft gefragt, womit das zusammenhängen könnte. Vielleicht damit, dass queere Menschen verstärkt dazu neigen, sich gegenüber anderen zu beweisen: Sie versuchen, mit besonderen Leistungen oder exponierten Berufen einen vermeintlichen Makel auszugleichen, der ihnen als solcher in einer heteronormativ geprägten Gesellschaft vermittelt wird. Viele hoffen: Wenn ich es schaffe, Arzt zu werden, dann habe ich mich als würdig, wertvoll und gut genug erwiesen. Und das mit dem Schwulsein ist nicht mehr so schlimm.

MYP Magazine:
Das Phänomen der schwulen Scham.

Samuel Jefferson:
Ganz genau. Das Tragische ist, dass dieser gesellschaftliche Druck die Traumata noch verstärkt, die man als Arzt in einer Notaufnahme ohnehin schon erleidet. In einem Job, in dem man keine Emotionen zeigen darf, sind Gefühle, die sich um die eigene Identität drehen, zusätzliches Gift.
Mit anderen minorisierten Gruppen ist das übrigens dasselbe. Menschen mit einer anderen Hautfarbe oder Herkunft stehen oft unter dem Druck, sich besonders beweisen zu müssen, um einen vermeintlichen Makel auszugleichen. In unserer Serie zeigen wir das zum Beispiel in der Figur der Dr. Suzanna Parker, die von Haley Louise Jones sensationell gespielt wird.

»Wären wir einen anderen Weg gegangen, hätten wir wahrscheinlich etliche Ecken und Kanten abschleifen müssen – und wären geendet wie etliche andere Serien.«

MYP Magazine:
Mit Assistenzarzt Dr. Kian Amini habt Ihr einen queeren BIPOC-Mann in die Serie geschrieben, der seinen besten Freund mit Drogen versorgt. So eine Kombination ist für den einen oder anderen Redakteur in Deutschland schnell mal zu viel des Guten. Gab es während des Entwicklungsprozesses irgendwelche Einwände in Bezug auf die vielschichtige Anlage der Rollen?

Samuel Jefferson:
Tatsächlich war die Entwicklungsphase recht turbulent – auch, weil wir mit diversen Partnern im Gespräch waren, bei denen wir das Gefühl hatten, dass sie nicht so richtig wollten. Am Ende landeten wir bei Apple und dem ZDF, die aus meiner Sicht das perfekte Zuhause für die Serie sind. Unser Glück war, dass die Drehbücher bereits sehr früh einen recht hohen Ausarbeitungsgrad hatten. Ohne diese inhaltliche Komplexität hätten wir so manche Hürde nicht überwinden können. Im Nachhinein bin ich echt froh, dass wir das so durchgezogen haben. Wären wir einen anderen Weg gegangen, hätten wir wahrscheinlich etliche Ecken und Kanten abschleifen müssen – und wären geendet wie etliche andere Serien.

»Unsere Serie will nicht wegschauen – vor allem nicht dort, wo es unbequem wird.«

MYP Magazine:
Ist der Druck, bei der Entwicklung von Formaten eher konform zu sein, in Deutschland besonders groß?

Samuel Jefferson:
Nein, das ist kein rein deutsches Problem. Wir erleben das aktuell überall, besonders bei den US-amerikanischen Streamern. Man kann förmlich dabei zusehen, wie die Stoffe weichgespült werden, nur um den Leuten möglichst soften und leicht verdaulichen Content zu bieten. Im Vergleich dazu ist »Krank Berlin« ziemlich hart: einerseits, weil sehr viel Liebe in der Entwicklung steckt. Und andererseits, weil unsere Serie nicht wegschauen will – vor allem nicht dort, wo es unbequem wird. Folge vier zum Beispiel ist so intensiv, dass man danach das Gefühl hat, man hätte einen sechsstündigen Actionfilm gesehen. Jesus, ist das heftig!

»Die europäische Filmlandschaft fühlt sich gerade an wie der Wilde Westen.«

MYP Magazine:
Steckt in dieser Form der Entwicklung nicht auch die Chance, sich von den USA zu emanzipieren?

Samuel Jefferson:
Die Idee, nicht mehr mit den USA mitzuhalten, sondern einfach sein eigenes Ding zu machen, erlebe ich in ganz Europa. Früher war es so: Wenn man in Deutschland oder Europa ein bisschen Erfolg hatte, zog man in die USA, um dort weiter Serien zu machen. Das war der nächste logische Karriereschritt. Aber vor allem im Laufe der letzten Jahre hat sich das deutlich verändert, auch wegen des politischen Klimas. Aus diesem Grund fühlt sich die europäische Filmlandschaft gerade an wie der Wilde Westen. Alles scheint möglich. Und das ist superspannend.

MYP Magazine:
Das heißt, wir werden gerade Zeuge, wie sich eine gesamteuropäische Filmidentität entwickelt?

Samuel Jefferson:
Der italienische Drehbuchautor und Produzent Nicola Lusuardi, bei dem ich 2017 und 2018 ein Seminar an der DFFB besucht hatte, referierte mal darüber, dass es keinen europäischen Traum gebe – im Gegensatz etwa zum American Dream. Lusuardi sagte, dass er aber genau darin eine Chance sehe, denn dieser Traum könne von uns europäischen Filmschaffenden gemeinsam erfunden werden. Es ging ihm dabei nicht darum, einfach ein leeres Schlagwort zu besetzen, sondern sich ganz ehrlich mit der Frage auseinanderzusetzen, was es heißt, Europäer zu sein.

»In Zeiten wie diesen sollten wir uns alle ernsthaft fragen, wofür wir als Europa stehen wollen.«

MYP Magazine:
Was heißt es für Dich persönlich, Europäer zu sein?

Samuel Jefferson:
Einer der Gründe, warum ich Großbritannien verlassen habe, war der Wunsch, mich wieder europäisch zu fühlen – nicht nur juristisch, sondern im Herzen. Europa ist für mich ein politisches Ideal, gegründet auf Werten, die ich voll und ganz teile. Ich finde, gerade in Zeiten wie diesen sollten wir uns alle ernsthaft fragen, wofür wir als Europa stehen wollen.

»In der Notaufnahme ist man als Arzt oft mehr Psychologe als Mediziner.«

MYP Magazine:
Zu den europäischen Werten gehört auch die Idee des Sozialstaats. In Eurer Serie geht es immer wieder auch um Menschen, die keine Krankenversicherung haben – eine Problematik, die vielen Zuschauer*innen wahrscheinlich gar nicht so bewusst ist. Wie hast Du diese Situation ein Deiner eigenen Zeit als Arzt erlebt? Wie beeinflusst das den Alltag in Notaufnahmen?

Samuel Jefferson:
Wenn du in der Bahn jemandem mit psychischen Problemen oder schwerer Sucht begegnest, kannst du einfach wegschauen und musst dich nicht damit befassen. Als Arzt kann man das nicht. Man muss sich jedem einzelnen Menschen stellen – seinem Schmerz, seiner Geschichte und seinem Körper, der genauso viel wert ist wie der eines reichen Patienten.
In der Notaufnahme ist man als Arzt oft mehr Psychologe als Mediziner. Man trifft auf aggressive, verzweifelte Personen, die man natürlich nicht verurteilen oder bewerten will, selbst wenn man von ihnen bespuckt, angeschrien oder getreten wird. Selbst in solchen Extremsituationen muss man für sich einen Weg finden, Mensch zu bleiben.
Ich glaube, das ist auch einer der Gründe, warum ich Berlin so mag: weil es dich nicht weggucken lässt. Wir erleben gerade in Deutschland und Europa eine Drogenkrise, wir erleben eine Krise in Bezug auf mentale Gesundheit, das alles spielt sich direkt vor unseren Augen ab. Wir dürfen das nicht länger ausblenden, sondern müssen endlich hinsehen.

»Ich bin mit ›Star Trek‹ aufgewachsen, für mich ging’s da immer um Verantwortung, Zusammenhalt, Frieden.«

MYP Magazine:
Kann »Krank Berlin« dazu beitragen, dass Menschen besser hinsehen?

Samuel Jefferson:
Ich weiß, es klingt idealistisch. Aber ich bin mit »Star Trek« aufgewachsen, für mich ging’s da immer um Verantwortung, Zusammenhalt, Frieden. Natürlich hat unsere Serie nicht das Potenzial, die Welt zu retten. Aber ich finde, sie hat die Kraft, Menschen zu berühren – weil das, was wir zeigen, nicht unrealistisch ist. Vielleicht bringt sie sogar jemanden dazu, mal auf einen persönlichen Luxus zu verzichten und stattdessen den Leuten in der Nachbarschaft zu helfen.
Ich bin immer noch stolz darauf, was wir da auf die Beine gestellt haben: eine Serie, mit der sich die Zuschauer*innen im ersten Moment womöglich etwas unwohl fühlen. Aber die sie dazu bringen kann, die Dinge um sie herum in Zukunft etwas anders zu betrachten.

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