Interview — Rosalie Thomass
»Der Korridor, innerhalb dessen ein Frauenkörper okay ist, ist schmal«
In »Lügen über meine Mutter« spielt Rosalie Thomass nicht nur die Hauptrolle. Sie hat auch das Drehbuch geschrieben, das auf Daniela Dröschers gleichnamigem Roman basiert. Im Zentrum der Story, die im Westdeutschland der 1980er Jahre spielt, steht eine Familie, in der der Körper der Mutter zum Schauplatz von Kontrolle, Scham und sozialem Aufstieg wird. Ein Interview über die Akzeptanz von Frauenkörpern, die Einsamkeit von Müttern, finanzielle Abhängigkeit und darüber, warum weibliche Geschichten im deutschen Kino noch immer viel zu oft als »Sparte« behandelt werden.
1. Oktober 2026 — Text: Katharina Viktoria Weiß, Fotografie: Birgit von Bally

Ein Swimmingpool steht vor dem Fenster, bezahlt mit ihrem Geld. Trotzdem soll Cornelia nicht hinein. Ihr Mann Werner findet, sie sei zu dick für einen Badeanzug – und sagt das vor der gemeinsamen Tochter. Es ist eine jener Szenen in »Lügen über meine Mutter«, in denen sich häusliche Gewalt nicht in einem Schlag, sondern in einem Satz verdichtet – in einer Behauptung, wie ein Frauenkörper auszusehen hat und wer über ihn verfügen darf.
Der Kinofilm, der am 8. Oktober 2026 startet, basiert auf Daniela Dröschers gleichnamigem Bestseller. Der autobiografische Roman stand 2022 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und erzählt – aus der Perspektive der kleinen Tochter Ela – von einer Familie in der westdeutschen Provinz der 1980er Jahre. Vater Werner macht das Gewicht seiner Frau Cornelia zunehmend für all das verantwortlich, was ihm selbst im Leben versagt bleibt: für beruflichen Aufstieg, gesellschaftliche Anerkennung und ganz allgemein für das Gefühl, nicht dort zu sein, wo er seiner Meinung nach hingehört. Die Frage, ob Cornelia tatsächlich »zu dick« ist, wird dabei selbst zur Falle.
Für die Verfilmung hat Rosalie Thomass eine ungewöhnliche Doppelrolle übernommen: Sie spielt Cornelia und schrieb zugleich das Drehbuch. Regie führt Aron Lehmann, mit dem Thomass bereits mehrfach zusammengearbeitet hat. Im Roman gibt es keine Kiloangabe und keine Kleidergröße der Mutter. Gerade diese Leerstelle beschäftigte Thomass: Beim Lesen ertappte sie sich selbst bei dem Wunsch zu wissen, ob Werner mit seiner Behauptung vielleicht recht haben könnte – und erschrak über die Frage, was dieses recht haben überhaupt bedeuten sollte. Für den Film musste ein realer Körper sichtbar werden. Statt ihn eindeutig zu vermessen, spielen Kamera, Kostüm und Perspektive deshalb bewusst damit, wie unterschiedlich derselbe Körper gelesen werden kann.
Doch dieser Körper, an dem ständig herumkritisiert wird, steht auch als Metapher für weitere Themen: Hinter ihm liegen Fragen nach Care-Arbeit, ökonomischer Abhängigkeit, familiärer Isolation und der Macht, Wirklichkeit zu definieren. Zugleich wehrt sich der Film dagegen, Cornelia als reine Opferfigur zu erzählen. Sie trägt Trotz, Lust, Hoffnung und Widerstand in sich – bis hin zu einem Befreiungs-Tanz, in dem sie buchstäblich Raum einnimmt.
Wir haben Schauspielerin und Autorin Rosalie Thomass zum Shooting im Strandbad Mitte getroffen, uns mit ihr ein Eis im Spoonful gegönnt und uns anschließend im traditionsreichen Clärchens Ballhaus darüber unterhalten, was sie an Dröschers Stoff persönlich so berührt hat, warum ein Frauenkörper im Kino noch immer durch einen erstaunlich schmalen Korridor passen soll und weshalb es für weibliche Geschichten neben Wut und Hoffnung vor allem eines braucht: Beharrlichkeit.


»Man darf nicht unterschätzen, was es mit einem Menschen macht, so etwas sagen zu müssen.«
MYP Magazine:
Als Drehbuchautorin hast Du Ehemann Werner Sätze in den Mund gelegt, die Du dir später in Deiner Rolle als Cornelia immer wieder selbst anhören musstest. Gab es einen Drehtag, an dem die Schauspielerin Rosalie Thomass die Autorin Rosalie Thomass am liebsten gefeuert hätte?
Rosalie Thomass:
Ja, es gab einen Tag, an dem es mir wirklich zugesetzt hat. Das war bei der Szene, in der Werner am Fenster steht und sagt: »Jetzt haben wir einen Pool und du kannst nicht rein.« In seiner Welt ist sie zu dick, um einen Badeanzug zu tragen – und er attestiert ihr das auch noch vor dem Kind. An dem Drehtag hat mich das wirklich getroffen. Danach bin ich zu meinem Kollegen Golo Euler gegangen, der den Werner spielt, und habe ihn um eine Umarmung gebeten. Ihm selbst ging es auch schlecht. Man darf auch nicht unterschätzen, was es mit einem Menschen macht, so etwas sagen zu müssen.
Mittlerweile glaube ich fast, dass es in diesem Fall gar nicht anders gegangen wäre, als das Drehbuch selbst zu schreiben. Wenn man als Schauspielerin ein Drehbuch erhält, in dem ein Mann die ganze Zeit sagt: »Du bist mir zu dick« – ich weiß nicht, ob man das einfach so aushalten würde. Ich wollte außerdem, dass Cornelias Körper sichtbar ist, dass sie selbst mit diesem Körper kein Problem hat und um ihr Selbstbestimmungsrecht ringt.

»Wir sind irgendwann bei der Erkenntnis gelandet, dass es egal ist, wie diese Frau aussieht. Das Problem liegt allein in seinem Kopf.«
MYP Magazine:
Im Roman nennt Daniela Dröscher weder eine Kiloangabe noch eine Kleidergröße. Im Film muss man Cornelia aber sehen. Wie habt Ihr diese Leerstelle übersetzt?
Rosalie Thomass:
Ich finde, genau das ist der Geniestreich des Romans. Mich hat es beim Lesen wirklich fuchsig gemacht, weil ich wissen wollte: Hat Werner denn recht? Und genau dieser Gedanke hat mich so erschreckt. Was würde denn recht haben heißen? Ab welchem Punkt hätte er das Recht, über ihren Körper zu urteilen? Die Antwort ist: Natürlich nie. Es ist ihr Körper. Allein die Idee, dass er eine Art Bestimmungsrecht darüber haben könnte, ist völlig wahnsinnig.
Für den Film war das eine lange Suche. Wir haben vieles ausprobiert und sind irgendwann bei der Erkenntnis gelandet, dass es egal ist, wie diese Frau aussieht. Das Problem liegt allein in seinem Kopf und in seiner Unzulänglichkeit: Er muss sich größer machen, indem er sie klein macht. Mein Körper hat sich für den Dreh verändert, aber ich bin sehr zurückhaltend damit, das in den Vordergrund zu stellen. Viel spannender war, wie wir mit Kamera, Kostüm, Stoffen und Proportionen gearbeitet haben. Was lässt einen Körper in einer Szene wuchtiger wirken, was schmaler?
Mein ganzes Berufsleben – und eigentlich auch mein ganzes Frauenleben – hatte ich mit Begriffen wie vorteilhaft und kaschierend zu tun, musste Weisheiten abwehren wie: »Querstreifen machen dick, Schwarz macht schlank.« Hier stand zum ersten Mal nicht die Frage im Vordergrund: Wie können wir die Frau möglichst schmal aussehen lassen? Das war eine überwältigende künstlerische Erfahrung.

»Warum muss jemand ständig Diät halten, den ich als so schön wahrnehme?«
MYP Magazine:
Was hat Dich an dem Buch so stark getroffen, dass Du den Stoff unbedingt verfilmen wolltest?
Rosalie Thomass:
Ich habe darin meine Mutter wiedererkannt, die auch dauernd Diät gehalten hat, obwohl sie wahnsinnig schön war – eine Frau, nach der sich Menschen umgedreht haben. Als Kind habe ich diese Diskrepanz überhaupt nicht verstanden: Warum muss jemand ständig Diät halten, den ich als so schön wahrnehme?
Darunter liegt aber noch etwas anderes: diese Selbstaufgabe von Müttern, die auch meine Mama unfreiwillig praktiziert hat. Ich finde es unerträglich, wie abschätzig wir gesellschaftlich auf Hausfrauen und Mütter schauen. Da steht immer dieses nur davor: Sie ist nur Mutter. Sie ist nur Hausfrau. Oder es wird erwartet, dass man all das nebenbei macht, während man noch berufstätig ist. Ich fand es immer erstaunlich, wie wenig Wert wir der Aufgabe beimessen, kleine Menschen ins Leben zu begleiten – genauso wie etwa in der Altenpflege oder bei der Betreuung von Menschen mit Behinderung.
Dazu kommt diese selbstverständliche Annahme, dass Frauen sich gerne um alles kümmern. Wenn aber Männer Väter werden, können sie – gesellschaftlich betrachtet – den Rest ihres Lebens selbstverständlich weiterführen wie zuvor. Gerade in der westdeutschen Provinz, mit wenig Betreuung und ohne eine Oma, die mit anpackt, entsteht für Cornelia eine extreme Einsamkeit – wie generell für viele Mütter. Das hat mich emotional erwischt, auch weil die Isolation es schwieriger macht zu erkennen, dass man in einer Gewaltdynamik lebt.

»Ich wollte mit der Vorstellung spielen, dass Werner ihren Körper vielleicht sogar ganz anziehend findet – aber nur innerhalb der eigenen vier Wände.«
MYP Magazine:
Du hast für den Film einiges an der Geschichte verändert. Welche Entscheidungen waren für die Adaption besonders wichtig?
Rosalie Thomass:
Die größte Entscheidung war, den Zeitraum stärker zu begrenzen. Im Roman vergeht eine sehr viel längere Zeit, bis sich die Frau befreien kann. Für einen Film braucht man eine andere Dramaturgie. Daniela schreibt sehr elliptisch und szenisch; ich habe vor allem eine andere Struktur gebaut und hatte auch eine starke Sehnsucht, dass Cornelia früher gehen kann.
Ich habe zum Beispiel eine Szene erfunden, in der die beiden miteinander schlafen, weil ich diese Intimität nicht auslassen wollte. Ich wollte mit der Vorstellung spielen, dass Werner ihren Körper vielleicht sogar ganz anziehend findet – aber nur innerhalb der eigenen vier Wände, wo es niemand mitbekommt. Ihm geht es vor allem um das Außen: Wie wird meine Frau von anderen wahrgenommen? Damit wird sichtbarer, dass hinter seiner Fixierung eine Statusidee steckt und keine echte Sorge. In seiner Welt erzählt er sich ja, dass er es nur gut mit ihr meint.

»Dieses Bild, dass Frauen ständig weinen müssen, gibt es vor allem in Filmen von Männern.«
MYP Magazine:
Cornelia wirkt trotz der Boshaftigkeit, die sie erlebt, nie wie eine reine Opferfigur. Sie trägt fast ständig Trotz und Widerstand in sich. War Dir das besonders wichtig?
Rosalie Thomass:
Sehr. Ich wollte nicht, dass sie eine Opferperson ist. Ich habe auch den Roman so verstanden, dass sie eine Kraft in sich trägt, die im Film vielleicht noch etwas präsenter ist. Das hat sicherlich auch mit meinem Frauenbild zu tun. Ich kenne eigentlich keine Frau, die sich jammernd in irgendeine Ecke legt. Dieses Bild, dass Frauen ständig weinen müssen, gibt es meiner Wahrnehmung nach vor allem in Filmen von Männern.
Für mich gibt es diese weibliche Qualität, sich am eigenen Schopf selbst aus der Gosse zu ziehen, den Kopf über Wasser zu halten, immer wieder Hoffnung zu haben und eine Lösung finden zu wollen. Hoffnung ist auch Cornelias Antrieb. Gleichzeitig muss man sich anschauen, welche Möglichkeiten eine Frau in dieser Zeit überhaupt vorgefunden hat. Im Roman gibt es sinngemäß die Formulierung, dass sie es gar nicht gewohnt war, eigenes Geld zu haben – und deshalb auch nicht wusste, dass es überhaupt erlaubt wäre, mit diesem Geld eigene Entscheidungen zu treffen. Diese Fantasie existierte gar nicht.
Sie bekommt ein zweites Kind, das sie eigentlich nicht wollte, sie ist an zu Hause gebunden, beruflich nicht eingestiegen, ihre Träume sind zerplatzt, sie pflegt ihre demenzkranke Mutter und ihr Vater ist gestorben. Dann erscheint dieses Geld erst mal als Möglichkeit, wenigstens die Familie zu heilen: Vielleicht wird Werner mit einem eigenen Haus endlich glücklich. Ich bewundere, wie der Roman uns lehrt, die eigenen Eltern auch als Kinder ihrer Zeit zu betrachten. Man kann unzufrieden mit ihren Entscheidungen sein und trotzdem fragen: Welche Strukturen und welche Vorbilder hatten sie überhaupt, um sich ihren Lebensweg zu bauen?


»Es offenbart sich nicht beim Kennenlernen, dass jemand irgendwann so mit dir umgehen wird.«
MYP Magazine:
Welche Rolle spielt finanzielle Unabhängigkeit in dieser Ehe?
Rosalie Thomass:
Eine sehr große. Ich habe dazu viel recherchiert – auch dazu, wie schleichend solche Gewaltdynamiken entstehen. Es offenbart sich nicht beim Kennenlernen, dass jemand irgendwann so mit dir umgehen wird. Das entwickelt sich über längere Zeit.
Bei Beratungsstellen wird der fehlende Zugang zu Geld sehr oft als Grund genannt, warum eine Frau nicht geht: weil es kein eigenes Konto gibt oder weil sie einen Kredit mit abbezahlt hat, aber gar nicht im Grundbuch steht. Das ist eine reale und sehr gefährliche Abhängigkeit. Ich finde, das müssen wir allen Töchtern sehr deutlich beibringen. Und den Söhnen müssen wir beibringen, dass es nicht cool ist, Frauen abhängig zu machen. Finanzielle Unabhängigkeit zu bewahren, ist entscheidend – weil du am Anfang nicht weißt, wie sich ein Mensch oder eine Beziehung entwickeln wird.

»Im Film darf eine Frau eben bitte nicht größer sein als der Mann. Ich fand das komplett antiquiert.«
MYP Magazine:
Welche Lügen über Deinen eigenen Körper hast Du im Laufe Deines Lebens übernommen?
Rosalie Thomass:
Ich bin da relativ resistent, weil ich vom Grundcharakter widerspenstig bin und Dinge verstehen und hinterfragen will. Wenn jemand zu mir gesagt hat, ich sei zu groß, zu dick oder irgendetwas anderes, habe ich mich eher gefragt, warum diese Person das sagt. Mein Eindruck ist, dass es stets mehr über die andere Person aussagt als über mich.
Wenn ich zurückblicke, finde ich aber schon erstaunlich, was mir gerade am Anfang meines Berufs gespiegelt wurde. Als ich mit 16, 17 anfing, wurde tatsächlich problematisiert, dass ich groß sei. Ich habe das gar nicht verstanden, ich bin ja nun auch nicht zwei Meter – ich sage mal, ich passe durch jede Tür. Aber im Film darf eine Frau eben bitte nicht größer sein als der Mann. Ich fand das komplett antiquiert.
Ich hatte zum Glück etwas in mir, das gesagt hat: Ich beanspruche jetzt diesen Ort für mich. Trotzdem gab es Momente, in denen ich geglaubt habe, ich sei irgendwie zu viel oder passe nicht hinein. Das war dann die Lüge, die ich mir selbst zwar nicht erzählt, aber kurz übernommen hatte. Ich habe mich aber immer wieder sehr bewusst dagegen entschieden, mich diesen Vorstellungen zu unterwerfen.

»Ich finde jedenfalls, dass wir gerade dringend ausdrücklich feministisch-kämpferische Filme brauchen.«
MYP Magazine:
War es schwierig, einen so ausdrücklich feministischen Film zu finanzieren?
Rosalie Thomass:
Als ich mich um die Filmrechte beworben habe, gab es von meiner Seite schon ein Paket: eine Produktionsfirma, TOBIS als Verleih, Aron Lehmann als Regisseur, der bereits Literaturadaptionen gemacht hatte. Und natürlich einen Bestseller, der Rückenwind gegeben hat. Trotzdem war es kein Spaziergang, den Film zu finanzieren. Die Partnerinnen und Partner, die am Ende dabei waren, waren dafür mit voller Überzeugung dabei. Beim ZDF, beim FFF Bayern und bei der Film- und Medienstiftung NRW habe ich wahnsinnig viel Unterstützung erlebt.
Ich finde jedenfalls, dass wir gerade dringend ausdrücklich feministisch-kämpferische Filme brauchen – und davon haben wir in Deutschland noch bei Weitem nicht genug. Gleichzeitig war dieser Film sicher leichter zu finanzieren als ein freistehender Stoff. Wenn die Branche schon gesehen hat, dass eine Geschichte als Roman funktioniert und vermarktet werden kann, ist das ein Sicherheitsnetz.

»Es wird wirklich dankbar angenommen, wenn Frauen sich als Publikum gesehen fühlen.«
MYP Magazine:
Du hast schon bei der Komödie »Jagdsaison« am Drehbuch mitgeschrieben und dort eine klassische Frauenkonkurrenz aufgebrochen. Warum hält sich so hartnäckig die Vorstellung, weibliche Figuren müssten vor allem um Männer kreisen?
Rosalie Thomass:
Bei »Jagdsaison« war die Vorlage ursprünglich viel stärker eine Frauenkonkurrenzgeschichte zwischen einer älteren Frau und der neuen, jüngeren Partnerin des Mannes. Das fand ich ein bisschen langweilig. Im Kern blieb zwar die nachvollziehbare Angst einer Mutter, dass das eigene Kind die neue Partnerin vielleicht lieber hat – aber für mich sollte es am Ende um Schwesternschaft gehen und nicht um diese ständige Männerfixierung.
Ich erhalte auf solche Filme sehr viel schönes Feedback, von Frauen jeden Alters. Das macht mich tief glücklich. Ich glaube, was die deutsche Filmindustrie manchmal noch nicht richtig versteht, ist, dass wir als Zuschauerinnen teilweise richtig ausgehungert sind. Frauen finden derart wenig statt in interessanten, multiperspektivischen, aufregenden und auch witzigen Geschichten, dass es wirklich dankbar angenommen wird, wenn Frauen sich als Publikum gesehen fühlen. Ich glaube, wir stehen da erst am Anfang dessen, was wir noch ausschöpfen können. Es fängt gerade erst an, dass wir uns trauen, diese Geschichten zu schreiben.
»Wenn ich in einen Buchladen gehe, komme ich mit zehn Büchern heraus, die mich meinen.«
MYP Magazine:
Gleichzeitig hört man gerade wieder, dass Streamer stärker nach Stoffen mit Männern und Gewalt-Thematik suchen. Hast Du das Gefühl, dass dieser Raum schon wieder kleiner wird?
Rosalie Thomass:
Ich werde jedenfalls tun, was ich kann, um dem entgegenzuwirken. Solche Ansagen geistern durch die Branche, aber ich weiß nicht, wie belastbar das jeweils ist. Was wir als Zuschauerinnen auf jeden Fall in der Hand haben: Wir können ins Kino gehen und diese Filme anschauen – also nicht nur Missstände benennen, sondern das Ticket kaufen, mitgestalten.
Mein Eindruck ist, dass der Literaturmarkt sich da schneller entwickelt. Wenn ich in einen Buchladen gehe, komme ich mit zehn Büchern heraus, die mich meinen, in denen meine Mutter oder meine Freundinnen vorkommen, in denen Frauen erzählen, wie sie die Welt wahrnehmen. Das war früher nicht so. Ich bin davon begeistert, weil ich dort auch Lebensrealitäten kennenlernen kann, die komplett außerhalb meiner eigenen Erfahrung liegen. Im visuellen Medium könnten wir das genauso versuchen. Es passiert schon viel, und wir haben auch einiges an starkem Fernsehen. Aber es darf noch sehr viel mehr werden.

»Auch Männer profitieren davon, sich mal eine andere Perspektive anzuschauen als ihre eigene.«
MYP Magazine:
Warum ist der Buchmarkt in Deinen Augen bei weiblichen Perspektiven weiter als das Kino?
Rosalie Thomass:
Also, die Stoffe sind da. Es gibt so viele tolle Drehbuchautorinnen, die wahnsinnig interessante Geschichten schreiben. Woran die Hemmung liegt, diese Stoffe umzusetzen, muss man die Verantwortlichen fragen. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, wie Frauen in der Öffentlichkeit aufgebaut werden, wie sehr sie gehypt werden – und damit, dass wir erst noch lernen müssen, mehr als eine erfolgreiche Filmemacherin gleichzeitig auszuhalten.
Was ich manchmal erlebe, ist diese Haltung: »Wir hatten leider gerade schon einen Frauenfilm.« Als gäbe es echte Filme und echte Literatur – und dann das extra Zeug für Frauen. Das finde ich ziemlich frech, immerhin machen wir die Hälfte der Menschheit aus. Und auch Männer profitieren davon, sich mal eine andere Perspektive anzuschauen als ihre eigene. Bei unserem Film zum Beispiel: Jeder Mann hat eine Mutter. Auch Söhne erkennen die Geschichten ihrer Mütter darin wieder, und ich habe auch von Männern schon sehr berührendes Feedback bekommen.
Zu Wut und Hoffnung braucht es deshalb wahrscheinlich noch Beharrlichkeit. Man muss mit einer gewissen Freude immer wieder nachfragen, dabeibleiben und nicht weggehen. Ein bisschen muss man halt nerven, damit man nicht so schnell abzuwimmeln ist. Und wenn solche Filme entstehen, ist wichtig, dass viele sie sehen. Im Literaturbetrieb sind Frauen ja nicht nur deshalb präsenter und erfolgreicher als in der Filmbranche, weil dort alle so nett sind. Sondern weil damit Geld zu verdienen ist. Von mir aus können wir allein schon aus rein wirtschaftlichem Interesse sehr viel mehr Angebot für Frauen schaffen – und ihnen ermöglichen, sich auch im Kino wirklich abgebildet und gesehen zu fühlen.
»Lügen über meine Mutter«
ab dem 8. Oktober im Kino.
Übrigens:

Kurz nach dem Kinostart von »Lügen über meine Mutter« steht für Rosalie Thomass bereits die nächste große Premiere an: Mit »Gottesgarten« gibt sie ihr Debüt als Kriminalhauptkommissarin Emilia Rathgeber im »Tatort Franken«. An der Seite von Fabian Hinrichs und Eli Wasserscheid ermittelt sie in einem Mordfall, der die Frage aufwirft, wo Recht endet und Gerechtigkeit beginnt.
Der von Grimme-Preisträger Dustin Loose inszenierte »Tatort« führt von einem Nürnberger Stundenhotel bis in die oberfränkische Region Gottesgarten und ist ab dem 23. Oktober 2026 in der ARD-Mediathek sowie am 25. Oktober um 20.15 Uhr im Ersten zu sehen.
Bildnachweise:
BR / Claussen+Putz Filmproduktion GmbH / Hendrik Heiden


Mit besonderem Dank an die Teams von
Mehr von Rosalie Thomass:
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Interview & Text: Katharina Viktoria Weiß
Fotografie (Interview): Birgit von Bally
Styling (Interview): Romina Mann
Hair & Make-up (Interview): Valentina Schwez





























