Interview — Robert Lindemann

»Ich trete immer nur nach oben«

Mit seinen lustigen Reaction-Videos stemmt sich Robert Lindemann fast täglich auf TikTok, Instagram und Co. gegen das, was von selbst ernannten Dating-, Fitness- und Masculinity-Coaches in die Weiten des Internets gekippt wird. Das ist auch bitter nötig, denn allzu oft handelt es sich dabei nicht nur um albernes Geschwätz, sondern um misogyne, homophobe oder demokratiefeindliche Inhalte. Wir haben den digitalen Allzweckreiniger zum Interview getroffen.

22. Juli 2025 — Interview & Text: Jonas Meyer, Fotografie: Steven Lüdtke

»Warum sind es immer wieder die Frauen mit einem hohen Bodycount, die versuchen, sich mit Männern auf Augenhöhe zu unterhalten?«, fragt ein mittelalter Zwirbelbartträger mit Karohemd und schwarzen Hosenträgern in die Kamera.

Während man als Zuschauer noch dabei ist, seine Gedanken zu diesem seltsamen Einstieg in ein Social-Media-Video zu sortieren, gibt es einen harten Cut: Zu sehen ist plötzlich ein sympathischer Anfang 30-Jähriger mit schulterlangen Haaren und Sonnenhut, der zu Hause in der Küche steht. Kurzerhand gibt er dem Herrn im Karohemd genau die Antwort, die man selbst gerade auf der Zunge hat: »Und warum sind es immer Männer wie du, die sich nie mit Frauen auf Augenhöhe unterhalten und sie lieber grundsätzlich abwerten?«

Schnitt zurück auf den Zwirbelbartträger, der eine zweite, noch seltsamere Frage hinterherschiebt: »Wie schaffst du es, eine intelligente Frau von einer Frau zu unterscheiden, die gar nicht so gebildet und intelligent ist und einfach nur irgendwelche Worte nachplappert, die sie überhaupt gar nicht erklären kann und meistens auch nicht weiß, was sie bedeuten?«

Wieder ein harter Cut auf den langhaarigen Widersacher, der nun richtig hochfährt. Er fragt zurück, wo denn der Zusammenhang zwischen Intelligenz und Bodycount liege – also der Zahl, die angibt, mit wie vielen Menschen jemand Sex hatte. Sichtlich genervt schließt er mit dem Satz: »Jetzt raus hier!« Das knapp 50-sekündige Video endet.

Bereits seit einigen Jahren reagiert Robert Lindemann – der sympathische Herr mit den langen Haaren – auf diese Weise auf Inhalte, die von meist männlichen Charakteren in die Weiten des Internets gekippt werden. Mit seinen TikTok- und Instagram-Videos kontert er allerlei irritierende Ansichten, Thesen und Ratschläge, die Menschen wie der Zwirbelbartträger im digitalen Raum verbreiten. Die Thesen der selbst ernannten Dating-, Fitness- oder Masculinity-Coaches erstrecken sich dabei von niedlich-bescheuert bis zu misogyn, homophob, demokratiefeindlich oder einfach nur gruselig.

In einer Mischung aus Humor, Chuzpe und Faktencheck stellt sich Robert Lindemann fast täglich diesem Irrsinn entgegen – und zeigt damit ein Engagement, das man selbst vielleicht ein bisschen öfter erbringen sollte, wenn man im Alltag menschenfeindlichen Inhalten begegnet. Wie haben die Omas gegen Rechts uns erst vor Kurzem noch im Interview wissen lassen? »Es ist wichtig, die öffentlichen Räume zu besetzen.« Das gilt auch fürs Digitale.

Vor einigen Wochen haben wir den gebürtigen Kieler, der in einer niedersächsischen Kleinstadt aufgewachsen ist und heute in Hamburg lebt, zu einem Interview und Photoshoot getroffen.

»In vielen Männern steckt das dringende Bedürfnis, anderen erzählen zu wollen, wie es im Leben zu laufen hat – auch gerne ungefragt.«

MYP Magazine:
Robert, warum fühlen sich so viele Männer dazu berufen, im Internet anderen Männern Ratschläge zu erteilen?

Robert Lindemann:
Ich glaube, das gehört bei vielen zum männlichen Selbstverständnis. Der Begriff Mansplaining existiert ja nicht von ungefähr. In vielen Männern steckt das dringende Bedürfnis, anderen erzählen zu wollen, wie es im Leben zu laufen hat – auch gerne ungefragt. Und daraus ist nun ein Internetphänomen geworden.

MYP Magazine:
Hast Du dich selbst auch schon mal beim Mansplainen ertappt?

Robert Lindemann: (lächelt)
Hat das nicht jeder mal? Klar, auch ich habe mich hin und wieder dabei erwischt, wie ich anderen Leuten proaktiv irgendetwas erklären wollte. Aber zum Glück habe ich in den allermeisten Situationen noch rechtzeitig die Kurve gekriegt und gemerkt: Stopp, wart‘ mal kurz, lass die anderen erst mal ausreden! Und genau darum geht es letztendlich: ein Gefühl dafür zu entwickeln, dass andere Menschen auch etwas zu sagen haben.

»Diese Leute fühlen sich durch den vermeintlichen ›Woke-Wahnsinn‹ dazu berufen, die Rückkehr zu traditionellen Werten zu propagieren.«

MYP Magazine:
Die Männer, mit denen Du dich in Deinen Videos befasst, offenbaren im Netz ihre recht eigentümliche Sichtweise auf das, wie man als Mann zu sein hat. Einer zum Beispiel kommt zu der Conclusio: Wenn man als Mann in kurzen Hosen rumlaufe, könne man ja gleich einen Minirock tragen, gefolgt von dem Hinweis: »Geh Ballett!« (sic!) Ein anderer hämmert seinen – wahrscheinlich durchgehend männlichen – Zuschauern ein: »Du bist ein dominanter, starker, maskuliner Mann. Und sie ist eine feminine, sensible, harmonische, glückliche Frau.« Was für ein Männlichkeitsbild ist das, das Du uns da vorführst?

Robert Lindemann:
Ein sehr antiquiertes, das gegen den Status quo und den gesellschaftlichen Fortschritt aufbegehrt. Diese Leute fühlen sich durch den vermeintlichen »Woke-Wahnsinn« dazu berufen, die Rückkehr zu traditionellen Werten zu propagieren. Und das wiederum animiert viele andere, in ähnlich seltsamen Videos ebenso von einem klassischen Männlichkeitsbild zu schwadronieren, das dringend wieder hergestellt werden müsse.

»Wenn man in solche Accounts tiefer eintaucht, stellt man mit Entsetzen fest, welche frauenfeindliche und rückständige Scheiße da so veröffentlicht wird.«

MYP Magazine:
Empfindest Du für Deine Protagonisten auch gelegentlich Mitleid?

Robert Lindemann:
Es gab tatsächlich mal einen Fall, in dem ich eine subtile Art von Mitleid verspürt habe. Einer dieser Dating-Coaches hat vor einiger Zeit auf Instagram ein Video von mir löschen lassen, und zwar aufgrund eines angeblichen Copyright-Verstoßes. Da ich mich aber in den Captions meiner Videos immer auf das Zitatrecht berufe, war mein Content schnell wieder hergestellt. In dem Moment hat mir der Dating-Coach wirklich ein bisschen leid getan, weil ich mir vorgestellt habe, wie er zu Hause alleine in seinem Zimmer saß und die Welt nicht mehr verstand, im Sinne von: »Da kommt jetzt so ein langhaariger Typ aus Hamburg und darf mich einfach ärgern. Dabei will ich den Leuten mit meinen Tipps doch nur helfen.«

MYP Magazine:
Der Arme.

Robert Lindemann:
Von wegen! Wenn man in solche Accounts tiefer eintaucht, stellt man mit Entsetzen fest, welche frauenfeindliche und rückständige Scheiße da so veröffentlicht wird. Daher hat es sich mit meinem Mitleid auch sehr in Grenzen gehalten, nach wenigen Minuten war es wieder verflogen.

»Ich hatte ein bisschen Angst, dass er gleich um die Ecke biegen und mich erkennen würde.«

MYP Magazine:
Bist du einem Deiner Protagonisten mal persönlich begegnet?

Robert Lindemann:
Nee, zum Glück nicht. Ich war neulich mal auf einer Hiphop-Veranstaltung in Hamburg, von der ich wusste, dass dort Menschen aus dem Umfeld eines Fitness-Coaches unterwegs waren, auf den ich kurz vorher in einem meiner Videos reagiert hatte. Daher hatte ich in Hamburg ein bisschen Angst, dass er gleich um die Ecke biegen und mich erkennen würde – um mich dann mit seiner körperlichen Präsenz einzuschüchtern, um’s mal sachlich auszudrücken.
Zu meinem Glück bin ich ihm nicht begegnet, ebenso wenig wie irgendeinem anderen dieser Leute. (überlegt einen Moment) Aber was heißt zum Glück? Ich wüsste ehrlich gesagt nicht, wie ich in so einer Situation reagieren würde. Und ich hätte auch keine Ahnung, wie die andere Person damit umgehen würde, mich zu sehen. Stattdessen habe ich auf der Veranstaltung in Hamburg viel Zuspruch von Personen erhalten, die mich erkannt haben – sogar von Menschen aus seinem Umfeld.

»Dieser Blick auf die Welt geht Hand in Hand mit der Incel-Kultur, in der Frauen die Schuld für alles tragen.«

MYP Magazine:
Die Zahl der Männer, die sich bemüßigt fühlen, vor einer Kamera ihre Ansichten zu Frauen und Männlichkeit in die Welt zu kippen, scheint zu wachsen. Woher kommt aus Deiner Sicht dieses Bedürfnis? Sind den Männern in unserer Gesellschaft die Orientierungspunkte abhanden gekommen?

Robert Lindemann:
Mein Eindruck ist, dass viele Männer nicht damit klarkommen, dass sich die tradierten Geschlechterrollen zunehmend aufweichen. Die Tatsache, dass sich die Welt nicht mehr nur in schwarz und weiß, in männlich und weiblich einteilen lässt, sondern die vielen Abstufungen dazwischen immer sichtbarer werden, scheint sie völlig zu überfordern und ihnen die Sicherheit zu nehmen. Dieser Blick auf die Welt geht übrigens Hand in Hand mit der Incel-Kultur, in der Frauen die Schuld für alles tragen.

(Anm. der Redaktion: Laut Definition ist das Wort Incel »eine Neuschöpfung aus Abkürzungen für die englischen Begriffe ›involuntary‹ und ›celibate men‹. Incel steht für Männer, die ›unfreiwillig‹ im Zölibat leben, die also keinen Sex haben. Sie organisieren sich im Internet, bestätigen sich gegenseitig ihre Weltsicht in ihren Foren, tauschen Videos und Gewaltfantasien miteinander aus. Dreh und Angelpunkt ist ihr Hass gegen Frauen.«)

»Bestimmt habe ich mich als dummer Teenager auch sexistisch oder rassistisch geäußert.«

MYP Magazine:
Wie könnten diese Männer besser damit klarkommen?

Robert Lindemann: (lacht)
Ich weiß es nicht. Ich persönlich komme damit sehr gut klar – zumindest mittlerweile. Ich bin in einer kleinen, christlich-konservativen Gegend in Niedersachsen großgeworden und hatte als Jugendlicher ein deutlich anderes Weltbild als heute. Und bestimmt habe ich mich als dummer Teenager auch mal sexistisch oder rassistisch geäußert, weil ich es einfach nicht anders kannte.

MYP Magazine:
Was hat Deine Sichtweise verändert?

Robert Lindemann:
Unter anderem der Umzug in die Großstadt. Hamburg hat mir geholfen, über den Tellerrand zu blicken. Ich will nicht pauschal die Leute auf dem Dorf shamen. Dennoch erlebe ich immer wieder, dass insbesondere diejenigen, die es noch nicht geschafft haben, über den Tellerrand zu blicken, nach wie vor Sachen von sich geben, bei denen man nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen kann. Ich frage mich in solchen Momenten immer: Muss ich jetzt intervenieren und Aufklärung betreiben? Oder mache ich die Diskussion erst gar nicht auf, weil das vielleicht zu einer noch größeren Ablehnung und noch mehr Unverständnis führt?
Um es auf den Punkt zu bringen: Das Problem ist die Sozialisierung. Und wenn junge Leute dann noch zusätzlich von irgendwelchen Dating- und Männlichkeits-Coaches im Internet manipuliert werden, radikalisiert sich dieses Gedankengut im schlimmsten Fall. Die Serie »Adolescence« zum Beispiel zeigt das aktuell auf bedrückende Art und Weise.

»Vor allem junge Männer scheinen oft kaum in der Lage zu sein, reflektieren zu können, was solche Leute so von sich geben.«

MYP Magazine:
Das vierteilige Netflix-Format »Adolescence« befasst sich damit, welchen verheerenden Einfluss chauvinistische und frauenfeindliche Social-Media-Persönlichkeiten wie etwa Andrew Tate auf Kinder und Jugendliche haben können. Welche Gefahren siehst Du persönlich in dem Content, mit dem Du dich in Deinen Videos befasst?

Robert Lindemann:
Männer, die sich in ihrer Sexualität oder Männlichkeit eher unsicher fühlen, folgen Dating-Coaches oft, weil die ihnen einfache Antworten auf komplexe Fragestellungen geben. Das sind die gleichen Mechanismen wie bei denen, die am Ende bei der AfD landen. Vor allem junge Männer scheinen oft kaum in der Lage zu sein, reflektieren zu können, was solche Leute so von sich geben. Ob das auch das Richtige ist, stellen sie nicht in Frage, weil die große Reichweite und die vielen Likes dieser Leute eine gewisse Legitimation vermittelt. Und so machen die Kids diese Weltsicht letztendlich zu ihrer. Hinzu kommen noch vereinzelt das Aufbegehren gegen die Weltsicht ihrer – oft eher linken – Elterngeneration sowie eine allgemeine Perspektivlosigkeit und Einsamkeit.

»Ich weiß, dass ich mit meinem Content keine misogynen Typen bekehren werde, da mache ich mir keine Illusionen.«

MYP Magazine:
Du bringst mit Deinen Videos Millionen von Menschen zum Lachen. Ist Humor die beste Waffe, um kruden Inhalten zu begegnen? Oder ist die Situation dafür mittlerweile zu ernst?

Robert Lindemann:
Humor ist zumindest für mich ein Mechanismus, mit dem ich das Ganze verarbeiten und aufbereiten kann – im ersten Schritt für mich selbst, im zweiten Schritt für meine Zuschauer*innen. Ich will sie darauf aufmerksam machen, welche irren Leute es da draußen gibt. Dabei versuche ich auch immer, einen kleinen aufklärerischen Part in meine Videos zu packen und hier und da ein paar Fakten einzustreuen, die dem Gefasel dieser selbst ernannten Coaches widersprechen – auch wenn mir natürlich bewusst ist, dass die Leute, die mir folgen, ohnehin eine ähnliche Denke haben wie ich. Ich weiß, dass ich mit meinem Content keine misogynen Typen bekehren werde, da mache ich mir keine Illusionen. Der Algorithmus würde ihnen meine Videos eh nicht ausspielen. Und wenn, würden sie sie richtig scheiße finden.

»Ich habe mir einen Fake-Account angelegt, mit dem ich all diesen irren Typen folge.«

MYP Magazine:
Wie gerätst Du selbst an diese Inhalte? Musst Du danach aktiv suchen? Oder ist Dein eigener Algorithmus mittlerweile so versaut, dass Dir die Videos automatisch vorgeschlagen werden?

Robert Lindemann: (lächelt)
Mein privater Algorithmus ist zum Glück relativ heile. An den Content komme ich einerseits durch meine Follower*innen, die mir etliche Hinweise schicken. Zum anderen habe ich vor einigen Jahren einen Fake-Account angelegt, mit dem ich all diesen irren Typen folge. Meine Recherche läuft in der Regel so ab, dass ich abends im Bett liege, mich auf dem Fake Account einlogge und durch die Reels in meinem Feed gehe. Die Videos, die ich sehr gut finde oder zu denen mir direkt eine Idee in den Kopf schießt, speichere ich ab und lade sie herunter. Dann stückele ich sie mit einem Schnittprogramm auf meinem Handy auseinander, schreibe ein Skript und nehme das Ganze am nächsten Tag auf.

»Irgendwann hat man alles Übel dieser Welt gesehen.«

MYP Magazine:
Wie hältst Du es aus, Dir tagtäglich so viel Mist anzusehen?

Robert Lindemann:
Ich mache das jetzt schon so viele Jahre, dass mich nichts mehr überrascht oder schockiert. Irgendwann hat man alles Übel dieser Welt gesehen oder gehört. Und wenn es mir mal zu viel wird, wechsele ich zurück auf meinen privaten Account, schaue mir witzige Reels und Hundevideos an und dann ist es auch schon wieder viel zu spät und ich schlafe ein.

MYP Magazine:
Glaubst Du, das Internet hat Menschen wie die Dating-Coaches erst zu dem gemacht, was sie sind?

Robert Lindemann:
Ohne das Internet wäre das Thema auf jeden Fall nicht so groß. Und ohne das Internet wäre auch die AfD nicht so groß. Und Donald Trump. Und so vieles, was gerade problematisch ist in der Welt. Aber das Netz ist dabei natürlich nicht das Grundproblem. Es ist eher ein Multiplikator dessen – was für ein schlauer Satz! (lacht)

MYP Magazine:
Das können wir ja explizit dazuschreiben.

Robert Lindemann:
Ja, bitte!

»Ich äußere mich nicht zu dem Körper oder Aussehen eines Menschen.«

MYP Magazine:
Welche Grenzen gibt es für Dich, wenn es darum geht, den Content anderer auseinanderzunehmen?

Robert Lindemann:
Mir ist wichtig, nicht nach unten zu treten, sondern immer nur nach oben. Außerdem äußere ich mich nicht zu dem Körper oder Aussehen eines Menschen. Und wenn ich das Gefühl habe, dass die Leute zu jung sind oder nicht so ganz wissen, was sie da von sich geben, lasse ich ebenfalls die Finger davon.

MYP Magazine:
Oliver Kalkofe hat sich bereits 1994 in ähnlichen Videoclips darüber lustig gemacht, was im TV lief. Ist er ein Vorbild für Dich?

Robert Lindemann:
Ich habe seine Clips immer sehr gerne geschaut und würde ihn auf jeden Fall als Vorbild bezeichnen, insbesondere was die kreative Arbeit mit Fremd-Content angeht. Genauso gut fand ich aber auch »Switch Reloaded«. Vor Kurzem habe ich mit »Insta Realoaded« ein ganz ähnliches Format angefangen, bei dem es nicht mehr um klassische Reaction-Videos geht, sondern ich die entsprechenden Leute tatsächlich nachspiele.

»Irgendwann muss ich wohl in jenes Rabbit Hole abgetaucht sein, in dem der ganze schreckliche Content steckt.«

MYP Magazine:
Kalkofes Mattscheibe lief 1991 als eine Radiosendung an, die er 1994 zu einem TV-Format weiterentwickelte. Was war der Ursprung Deiner Reaction-Videos?

Robert Lindemann:
Schon als Kind wollte ich immer irgendetwas mit Film machen, egal ob Kameramann, Regisseur, Schauspieler oder Stuntman. Durch meine Liebe zum Film bin ich aber erst mal zur Fotografie gekommen und habe eine Ausbildung gemacht. Danach habe ich jahrelang als Fotoassistent gearbeitet – einerseits, weil ich zu faul war, ein eigenes Portfolio aufzubauen. Und anderseits, weil ich dadurch die ganze Welt bereisen konnte: Eine der Fotografinnen, für die ich damals gearbeitet habe, wurde immer wieder für Modekatalog-Shootings gebucht. Und da die Sommermode immer im Winter fotografiert wird, ging‘s auf diesen Jobs meistens ins Warme.
Das war eine echt geile Zeit, aber ich habe mit den Jahren gemerkt, dass ich mich vor der Kamera wesentlich wohler fühle als dahinter – etwa in Momenten, in denen ich am Strand für die Fotografen Lichtdouble stehen durfte. So ist übrigens auch irgendwann mein Erotik-Kalender entstanden…

MYP Magazine:
… auf den wir gleich noch zu sprechen kommen.

Robert Lindemann:
Auf jeden Fall kam ich über den Casting-Hinweis einer Regisseurin, die ich von einem meiner Assistenten-Jobs kannte, zu einer Rolle in einem Werbespot. Danach folgten einige weitere kleinere Darstellerjobs. Etwa in der gleichen Zeit wurde auch meine Reichweite auf Instagram immer größer.
Als ich neulich mal mein Story-Archiv durchgesehen habe, ist mir aufgefallen, dass ich bereits vor sechs, sieben Jahren irgendwelche Videos von Marcus Prinz von Anhalt bearbeitet habe. Das waren im Prinzip die Vorläufer meines heutigen Contents. Aber wann genau die ersten Reaction-Videos – etwa zu den Dating-Coaches – entstanden sind, weiß ich gar nicht so genau. Irgendwann muss ich wohl in jenes Rabbit Hole abgetaucht sein, in dem der ganze schreckliche Content steckt. Und von da an wurde es immer mehr.

»Der Bereich des gesellschaftlich Sagbaren hat sich über die letzten Jahre weit nach rechts verschoben, im Analogen wie im Digitalen.«

MYP Magazine:
In Deinen Videos befasst Du dich – ähnlich wie Oliver Kalkofe – nicht nur mit Männlichkeits-Coachs und sogenannten Fitness Bros, sondern auch mit Leuten, die Misstrauen in Institutionen und die Demokratie säen, wie etwa Mario Barth. Nimmt dieser Content zu? Verschiebt sich da gerade etwas im Internet?

Robert Lindemann:
Auf jeden Fall. Das Internet ist ein Spiegel der Gesellschaft. Und da unsere Gesellschaft gerade einen deutlichen Rechtsruck erlebt, findet das online genauso statt. Ich habe den Eindruck, dass die Leute sich immer öfter trauen, bestimmte Dinge öffentlich zu sagen oder zu posten, die sie vielleicht vor zehn Jahren noch nicht so gesagt hätten. Und damit meine ich nicht nur die populistische Scheiße, die Prominente wie Mario Barth oder Dieter Nuhr von sich geben. Sondern auch das, was die sogenannten normalen Leute mittlerweile wie selbstverständlich im Netz raushauen. Der Bereich des gesellschaftlich Sagbaren hat sich über die letzten Jahre weit nach rechts verschoben, im Analogen wie im Digitalen. Das kann ich mir Tag für Tag ansehen.

MYP Magazine:
Siehst Du persönlich einen Zusammenhang zwischen dem Content, der sich mit Themen wie Maskulinität, Geld und Dating-Erfolg befasst, und dem, der eher politisch geprägt ist und aus der rechten Ecke kommt?

Robert Lindemann:
Nicht alle Dating-Coaches sind rechts. Aber da deren Content in den allermeisten Fällen klassische Familien- und Rollenbilder propagiert, gibt es gewisse Überschneidungspunkte – thematisch, aber auch in Bezug auf das Publikum, das damit erreicht wird. Auf jeden Fall sind das keine Ideale, die jemand aus meiner linken Bubble verfolgen würde.

»Ich habe aus Spaß ein bisschen sexy posiert.«

MYP Magazine:
Du hast uns eben bereits das Stichwort gegeben: Seit mittlerweile sechs Jahren gibst Du einen eigenen Erotik-Kalender heraus, der wie ein lustiges Statement gegen das auf Instagram und Co. vorherrschende Schönheitsideal wirkt. Wie genau ist dieser Kalender entstanden?

Robert Lindemann:
2019 habe ich bei einer Foto-Produktion in Mexiko am Strand in Badehose Lichtdouble für eine Fotografin gestanden und dabei aus Spaß ein bisschen sexy posiert. Irgendwie mochte ich diese Bilder. Und so hatte ich die Idee, daraus einen Kalender zu machen und diesen als Weihnachtsaussendung an Kund*innen, Kolleg*innen und Freund*innen zu schicken. Inspiriert dazu hatte mich ein bisschen der Rapper MC Smoke, der viele Jahre lang einen ähnlichen Kalender gemacht hatte. Allerdings wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass meinen eigenen Kalender jemals irgendjemand kaufen würde – zumal ich damals auf Instagram noch überhaupt keine Reichweite hatte.
Aber plötzlich wollten etliche Leute dieses Ding haben. Und so habe ich ein Jahr später den nächsten Kalender bereits über einen eigenen Onlineshop verkauft. Allerdings wuchs mir das Ganze schnell über den Kopf, sodass ich mir im dritten Jahr einen richtigen Vertrieb gesucht habe, der sich seitdem um das Logistische kümmert. Über die Jahre ist daraus ein richtiges Business geworden, wobei ich sagen muss, dass die meisten Einnahmen nach wie vor gespendet werden. Alle Fotograf*innen, die daran beteiligt sind, arbeiten pro bono. Und ich selbst will mich daran ebenfalls nicht bereichern. Daher geht ein Großteil des Geldes an Organisationen wie Viva con Agua oder Sea Watch.

»Plötzlich saß ich live in einem Radiointerview bei Deutschlandfunk Kultur und musste etwas zu Körperbildern erzählen.«

MYP Magazine:
Auch renommierte Medien wie Deutschlandfunk Kultur oder das Redaktionsnetzwerk Deutschland haben über Deinen Kalender berichtet, und zwar im Kontext des Themas Bodypositivity. Wie bist Du mit diesem medialen Rummel umgegangen?

Robert Lindemann: (lacht)
Dieser Rummel gefiel mir durchaus! Bei so einem Kalender geht es in erster Linie um die eigene Person, daher war für mich die mediale Aufmerksamkeit erst mal etwas Schönes. Allerdings hatte ich selbst das Ganze gar nicht aus jenem Bodypositivity-Aspekt heraus gedacht, den die Presse darin von Anfang an gesehen hat. Ich fand es einfach nur witzig, aus meinen Strandfotos einen Kalender zu machen – und plötzlich saß ich live in einem Radiointerview bei Deutschlandfunk Kultur und musste etwas zu Körperbildern erzählen.
In dem Moment dachte ich nur: Okay, was?! Erst mit der Zeit habe ich verstanden, dass das, was ich da mache, anderen Männern tatsächlich dabei hilft, sich wohler in ihrem Körper zu fühlen. Für Frauen gibt es da bereits etliche Vorbilder, aber für Männer irgendwie gar nicht. Ich will mich jetzt auch nicht groß als Vorbild inszenieren. Aber mir haben viele Männer geschrieben, wie stark sie es finden, dass ich mich »mit meinem Körper traue«, solche Bilder zu machen, und dass ihnen das persönlich Mut gemacht hat. Heute kann ich sagen: Auch wenn ich damals ungeplant und unfreiwillig zum Thema Bodypositivity gekommen bin, freue ich mich heute umso mehr, dafür einzustehen.

»Es sprang einem ein normschöner Körper nach dem anderen entgegen.«

MYP Magazine:
War Dein eigener Blick auf Deinen Körper jemals ein problematischer?

Robert Lindemann:
Nein, ich habe mich schon immer in meinem Körper wohlgefühlt, ganz egal, ob ich dicker oder dünner war. Dabei bin ich in den Neunzigern mit einem körperlichen Idealbild großgeworden, das mehr oder weniger omnipräsent war – im TV, auf Plakaten und natürlich auch in diesen dicken Versandhauskatalogen, die es damals gab. Wenn man die so durchgeblättert hat, sprang einem ein normschöner Körper nach dem anderen entgegen. Von sogenannten Plus-Size- oder Curvy-Models war da noch lange keine Rede.

MYP Magazine:
Die gibt‘s mittlerweile sogar bei »Germany‘s Next Topmodel«.

Robert Lindemann:
Aber das ist auch so scheinheilig, Digga! Vor fünf Jahren hat Heidi Klum noch die Plus-Size-Models fertiggemacht. Und jetzt macht sie einen auf »Wir sind total offen für alle, bla, bla, bla«. Das ist so ekelhaft, ey.

»Das kann doch nur daran liegen, dass sie eine Frau ist.«

MYP Magazine:
In dem Interview mit Deutschlandfunk Kultur hast Du bemerkt, dass Frauen, die ähnlichen Content machen wie Du, mit deutlich mehr Hasskommentaren zu kämpfen hätten. Kannst Du erklären, warum?

Robert Lindemann:
Klar – weil sie Frauen sind. Und weil wir in einer misogynen Gesellschaft leben. Nehmen wir zum Beispiel Tara-Louise Wittwer, die mit ihrem Format »wastarasagt« sehr ähnlichen Content wie ich macht. Aber in den Kommentaren bekommt Tara im Vergleich zu mir viel mehr Hass ab. Das liegt offensichtlich daran, dass die Leute da draußen immer noch super frauenfeindlich sind.

»Man macht etwas, das wiederum zu etwas anderem führt und schließlich Menschen in irgendeiner Form berührt.«

MYP Magazine:
Auf der Website der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung heißt es: »In der öffentlichen Meinung gelten Essstörungen verbreitet als Frauenkrankheit. Doch auch Jungen und Männer können betroffen sein. Ihr Leidensdruck ist in vielen Fällen besonders hoch, weil sie mit ihrer Erkrankung oft nicht wahr- und ernstgenommen werden. Hinzukommt, dass vor allem bei männlichen Patienten eine andere Störung vorliegen kann, die wenig bekannt ist. Auch die sogenannte Muskelsucht geht oft mit bedenklichen und zwanghaften Ernährungsgewohnheiten einher.« Würdest Du von Dir behaupten, ein Role Model für solche jungen Männer zu sein?

Robert Lindemann:
Bin ich ein Vorbild? (überlegt einen Moment) Wenn dem so ist, dann eher unfreiwillig. Es war nie mein Ziel, ein Role Model zu sein. Aber wenn ich auf das viele positive Feedback schaue, das ich erhalte, ist es wahrscheinlich so. Am Ende ist es wie bei meinem Kalender: Man macht etwas, das wiederum zu etwas anderem führt und schließlich Menschen in irgendeiner Form berührt. Das nehme ich gerne an. Und ich freue mich darüber, dass ich offenbar mit dem, was ich tue, anderen Menschen helfen kann.

»Das ist eine gute Prämisse: sich selbst nicht so ernst nehmen.«

MYP Magazine:
Die Typen in Deinen Videos predigen Werte wie Geld, Frauen und Fitness. Einer schreit seine Zuschauer regelrecht an: »Go to the gym!« Sind diese Typen das Symptom einer Gesellschaft, der die Empathie abhanden gekommen ist?

Robert Lindemann:
Ich befürchte.

MYP Magazine:
Für welche Werte stehst Du persönlich?

Robert Lindemann:
Puh! Hier jetzt ein paar große Begriffe zu droppen, ist mir zu pathetisch. Ich finde, so ein persönliches Wertekonzept ist viel komplexer, als dass ich es in ein paar Stichpunkten verpacken könnte.

MYP Magazine:
Vielleicht geht es im Leben auch einfach nur darum, dass unterschiedlichste Leute sich begegnen und ein bisschen Spaß miteinander haben.

Robert Lindemann:
Total! Und man sollte sich selbst und andere nicht immer so ernst nehmen. Ich denke, das ist eine gute Prämisse: sich selbst nicht so ernst nehmen. Sonst verkommt man am Ende nur zu einem dieser verbitterten Typen wie die Coaches. Wenn man das Leben mit ein bisschen Humor und einer kleinen Prise Selbstkritik nimmt, ist alles halb so wild.

»Man kann nicht verhindern, dass das Internet ein toxischer Raum bleibt.«

MYP Magazine:
Du hast einen Podcast mit dem Titel »Digitales Gift«. Wie stellst Du sicher, dass der digitale Raum für Dich nicht zu einer toxischen Falle wird? Schaltest Du ab und zu mal ab und lebst nur im Analogen?

Robert Lindemann:
Leider viel zu selten. Aber das liegt auch daran, dass Social Media mittlerweile mein Hauptjob ist. Und den kann ich nicht einfach so von heute auf morgen abstellen… Vielleicht ist das aber gerade auch nur eine Ausrede, ich weiß es nicht.
Was ich allerdings weiß, ist, dass man nicht verhindern kann, dass das Internet ein toxischer Raum bleibt. Die Freiheit, die uns das Internet gegeben hat, ist Fluch und Segen zugleich. Daher ist es umso wichtiger, gut auf sich selbst aufzupassen und Profile, die einem nicht gefallen, einfach mal zu blockieren.

»Es gibt immer noch genügend Menschen, die sich den Gegebenheiten unserer Zeit in den Weg stellen.«

MYP Magazine:
Was gibt Dir in der analogen Welt Mut und Zuversicht?

Robert Lindemann:
Dass sich gerade Widerstand regt. Wir erleben zum Beispiel gerade, dass in den USA mehr und mehr Menschen gegen Trump auf die Straße gehen. Und auch hier in Deutschland scheinen immer mehr Leute zu merken, dass einfache Lösungen, wie sie die AfD anbietet, vielleicht nicht das Richtige sind.
Mag sein, dass ich durch die Bubble, in der ich lebe, in meiner Wahrnehmung völlig geblendet bin. Aber ich habe den Eindruck, dass es immer noch genügend Menschen gibt, die wirklich gutes Zeug von sich geben und sich den Gegebenheiten unserer Zeit in den Weg stellen. Das gibt mir ein kleines bisschen Hoffnung.

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