Interview — Matt Mendo
»Ambient-Musik lässt einen fühlen, was man fühlen will«
Als Produzent hat sich Matt Mendo über Jahre einen Namen im Deutschrap gemacht, jetzt richtet er seinen Fokus vor allem auf die Welt der Ambient-Musik. Ein Interview über die Schattenseiten der Deutschrap-Szene, Musik als Resonanzraum und die Frage, woran man einen guten Song erkennt.
30. Juni 2026 — Interview & Text: Jonas Meyer, Fotografie: Roberto Brundo

Die Geschichte dieses Interviews beginnt im Digitalen, genauer gesagt auf Instagram, wo Fotograf Roberto Brundo im November 2025 einen Story-Post mit einem Song hinterlegt. »Only Lord Knows« heißt das Stück, das sofort im Kopf bleibt – und das nicht nur, weil Sänger Cudi darin mit sanfter Stimme einen Einblick in sein Innerstes gewährt. Es ist auch die feinsinnig komponierte und arrangierte Musik, die dieser Verletzlichkeit ein instrumentales Zuhause gibt: warmherzig, unaufdringlich und dennoch eingängig. Und das in gerade mal zwei Minuten und elf Sekunden. Chapeau!
Der Schöpfer dieser Klangwelt ist Matthäus Dominik Mendo Campoverde – oder kurz Matt Mendo. Geboren wurde er 1997 in Düsseldorf, kurz darauf zog er mit seiner Familie nach El Paso, Texas. Darauf folgten viele weitere Wohnorte, darunter Erftstadt in Nordrhein-Westfalen, Fairfax County in Virginia und das französische Strasbourg. 2017 zog er nach Berlin, wo er die XMO Studios gründete, um professionell in die Musikproduktion einzusteigen.
Seitdem hat sich Matt einen soliden Namen in der Branche erarbeitet, etwa durch die Zusammenarbeit mit Künstler*innen wie Souly, T-Low Beslik, makko oder Eli Preiss. Dass es sich dabei hauptsächlich um Artists aus dem Deutschrap handelt, verwundert nicht. Immerhin ist das Genre eines der umsatzstärksten in Deutschland – dem viertgrößten Musikmarkt der Welt – und dominiert hierzulande deutlich die Streaming-Plattformen: Im letzten Jahr zum Beispiel entfielen etwa 73 Prozent aller Songs der Spotify-Charts auf Hip-Hop-Titel.
Doch was bedeuten schon geschäftliche Erfolgszahlen, wenn einen das Herz irgendwo ganz anders hinzieht? Bei Matt Mendo scheint das gerade eine Welt zu sein, die so gar nichts zu tun hat mit dem lautstarken und testosterongesteuerten Kräftemessen, mit dem sich der Deutschrap gerne präsentiert. Ganz im Gegenteil: Seit ein paar Monaten hat sich der 28-Jährige voll und ganz der Ambient-Musik verschrieben und spielt unter anderem Konzerte an sogenannten Third Spaces, darunter etwa Listening Bars, Ateliers, futuristische Wellness-Oasen oder einfach in der Natur.
Dass Matt auch unser körperliches Wohlbefinden wichtig ist, erleben wir Ende März, als wir ihn zwischen Kreuzberg und Neukölln zum Interview und Photoshoot treffen – denn er hat für jeden von uns einen Apfel dabei.

»Ambient-Musik ist vergleichbar mit einer weißen Leinwand, die man mit seinen eigenen Gedanken und Emotionen füllen darf.«
MYP Magazine:
Matt, in den letzten Jahren hast Du dir vor allem als Deutschrap-Produzent einen Namen gemacht. Aktuell nimmt man Dich allerdings eher über Dein Ambient Deep Listening-Projekt whateverhertz wahr, das Du zusammen mit Nina Medea ins Leben gerufen hast. Hat Dir der Deutschrap die Energie geraubt?
Matt Mendo: (lächelt)
Nein, ganz so schlimm ist es nicht. Ich fand es mit der Zeit nur ein bisschen eintönig, dass sich bei mir fast alles nur noch um Deutschrap drehte. Mein Gefühl sagte mir, dass es Zeit ist für eine neue Phase in meinem Leben. Das hat mich in die Welt der Ambient-Musik geführt – genauer gesagt zur Deep Listening Music.
MYP Magazine:
Vor Kurzem hast Du – an einem Sonntagvormittag in Berlin – eine Deep Listening Session in einem sogenannten Social Wellness Club ANTI gespielt, und zwar in Zusammenarbeit mit der Outdoor-Marke Arc’teryx. Wie blickst Du auf diese ungewöhnliche Kollaboration zurück?
Matt Mendo:
Das war toll! Während die Leute vor uns auf Yogamatten lagen, haben wir dazu Musik gespielt – Musik, die es ihnen erlaubte, allein zu sein mit ihren Gedanken und Emotionen. Das ist für mich generell das Erfrischende an Ambient-Musik: Sie lässt einen fühlen, was man fühlen will.
MYP Magazine:
Und das können andere Genres nicht leisten?
Matt Mendo:
Zumindest bei kommerzieller Musik ist es in der Regel so, dass sie den Hörer*innen eine konkrete Richtung an Gefühlen vorgibt – wie etwa bei klassischen Liebesliedern. Oder bei Songs, die eher melancholisch daherkommen. Ambient-Musik dagegen ist vergleichbar mit einer weißen Leinwand, die man mit seinen eigenen Gedanken und Emotionen füllen darf.

»Ich muss genau darauf achten, nicht in klassischen, kommerziellen Konzepten zu denken.«
MYP Magazine:
Welche Anforderungen stellt das an Dich als Musiker? Musst Du dich da nicht sehr zurückhalten?
Matt Mendo:
Das ist ein wichtiger Punkt. Es gibt Akkordfolgen, die bei vielen Menschen ganz bestimmte Emotionen triggern – die versuche ich zu vermeiden. Außerdem achte ich darauf, keine Akkordfolgen zu spielen, die den Leuten direkt im Kopf bleiben. Ich möchte den Zuhörenden den maximalen Raum geben, damit sie dort ganz unbeeinflusst all das fühlen können, wonach ihnen gerade ist. Daher muss ich genau darauf achten, nicht in klassischen, kommerziellen Konzepten zu denken, sondern meine Musik immer so zu gestalten, dass sie möglichst offen ist.
MYP Magazine:
Ist das bei den vielen Melodien, die wir in unserem Kopf abgespeichert haben, überhaupt möglich?
Matt Mendo:
Es ist zumindest nicht einfach. Als Musiker ist man immer versucht, auch mal eine Melodie zu bringen, die gut klingt. Aber eine Sekunde später merkt man: Das war jetzt vielleicht doch etwas zu viel. Glücklicherweise gibt einem so eine Deep Listening Session kaum eine musikalische Struktur vor, sodass man auch nicht so leicht in die Versuchung gerät, sich zu sehr in eine bestimmte Richtung zu bewegen.
Aus diesem Grund haben wir die Session bei ANTI auch gar nicht mit Musik gestartet, sondern mit Windgeräuschen – also einem Sound, der nicht aus Noten besteht und eher neutral ist. Erst nach einer Weile haben wir ganz langsam einen Ton angespielt, der sukzessive lauter wurde und sich irgendwann zu einem musikalischen Intro entwickelt hat. Und danach war alles improvisiert. Das heißt: Während die Zuhörenden vollkommen frei in ihren Emotionen waren, waren wir vollkommen frei in unserer Musik und konnten uns treiben lassen.

»Man muss Stille immer wieder einladen, wenn man Musik machen will.«
MYP Magazine:
Der isländische Komponist und Pianist Ólafur Arnalds hat uns mal in einem Interview verraten: »People don’t know what silence is anymore« – die Menschen wissen nicht mehr, was Stille ist. Gibt es in Deinem von Musik geprägten Leben so etwas wie absolute Stille?
Matt Mendo:
In der reizüberfluteten Welt, in der wir alle leben, ist es äußerst schwierig, absolute Stille zu finden. Ich erhalte schon am frühen Morgen so viele WhatsApp-Nachrichten, dass jeder Tag mit einer Nicht-Stille beginnt. Dabei liebe ich die Stille. In der Stille kommen immer die besten Ideen auf. Wenn ich von absoluter Stille umgeben bin, habe ich das Gefühl, dass die Melodien zu mir kommen, ohne dass ich sie aktiv schreiben muss – wahrscheinlich, weil ich da aufnahmebereiter bin. Ich vermute, so geht es auch vielen anderen. Daher muss man Stille immer wieder einladen, wenn man Musik machen will. Zumindest wenn es Musik sein soll, die mit einem selbst resoniert.
MYP Magazine:
Was genau meinst Du damit?
Matt Mendo:
Wenn ich im Studio an etwas arbeite, das mir wirklich gut gefällt, erzeugt das ein Gefühl von absoluter Grenzenlosigkeit. Das beschert mir oft einen so heftigen Dopaminschub, dass ich nicht mehr aufhören kann, es anzuhören.


»Nicht jeder Einfall, den man hat, ist automatisch auch ein guter.«
MYP Magazine:
Auf der Onlineplattform Genius, einer Wissensdatenbank für Musik, schreibst Du: »Mir ist vor allem wichtig, einen eigenen Sound zu kreieren, der nicht nur Menschen bewegt, sondern auch auf einer kulturellen Ebene einen Abdruck hinterlässt.« Was genau meinst Du damit?
Matt Mendo: (lacht)
Oh Gott! Wo habt Ihr das denn ausgegraben?
MYP Magazine:
Das Internet vergisst nichts.
Matt Mendo:
Ich war schon immer auf der Suche nach meinem eigenen Sound und will, dass man mich damit identifizieren kann. Das ist Teil der Reise, wenn man Musik macht. Mittlerweile – mit einigen Jahren mehr Erfahrung – weiß ich, dass diese Reise nie zu einem Ende kommt, weil man sich künstlerisch ständig häutet und neu erfindet.
MYP Magazine:
Und die Sache mit dem kulturellen Abdruck?
Matt Mendo:
Ich glaube, das habe ich damals so formuliert, weil ich immer schon die Intention hatte, mit meiner Musik etwas zu schaffen, das Menschen positiv beeinflusst. Ich habe einen sehr starken moralischen Kompass und will mich nicht in 40 Jahren in einer Situation wiederfinden, in der ich zurückblicke und sage, oh, das war aber keine gute Idee oder hat sogar einen gewissen Schaden angerichtet. Klar, nicht jeder Einfall, den man hat, ist automatisch auch ein guter. In der Musik muss man sich permanent ausprobieren. Aber ich persönlich habe mich immer dann am meisten gefreut, wenn mir Leute geschrieben haben, dass ihnen einer meiner Songs durch eine schlechte Phase geholfen hat. Das ist etwas sehr Schönes.

»Ich habe Deutschrap noch nie so hinterfragt wie in den letzten Jahren.«
MYP Magazine:
Kann einem ein starker moralischer Kompass im Musikbusiness nicht auch mal in die Quere kommen – vor allem, wenn man sich im Deutschrap bewegt? Immerhin tummelt sich da der eine oder andere Interpret, für den Begriffe wie Sexismus, Homophobie oder Gewalt nicht unbedingt problematisch sind.
Matt Mendo:
Mein moralischer Kompass stand mir da mehr als einmal im Weg. Viele Kooperationsanfragen habe ich gar nicht erst angenommen, da sie meinen eigenen Prinzipien widersprochen und meine Integrität verletzt hätten. Ich habe schon immer sehr viel Hip-Hop und Deutschrap gehört. Aber insbesondere den Deutschrap habe ich noch nie so hinterfragt wie in den letzten Jahren.
Gleichzeitig hat mir Hip-Hop in erster Linie sehr viel Kraft gegeben. Man sagt nicht ohne Grund, Hip-Hop ist self-empowerment. Wahrscheinlich ist das Genre deshalb auch bei Jugendlichen so beliebt. Als Teenager fühlt man sich oft nicht powerful, man fühlt sich nicht stark und selbstbewusst. Und man weiß auch nicht so recht, wer man ist. Gerade in solchen Situationen gibt einem diese Musik sehr viel Energie. Aber wenn man älter wird, hinterfragt man die Dinge mehr. Und man schaut vor allem genauer auf die Texte. Es ist nicht so, dass ich heute gar keinen Hip-Hop und Deutschrap mehr höre. Aber ich höre viel bewusster hin. Und wenn es frauenfeindlich wird, bin ich raus. Das ist das absolute Gegenteil von dem, wofür ich stehe. Diese Energie möchte ich in meinem Leben nicht haben, weder beruflich noch privat. Ich muss nicht andere runtermachen, damit ich mich selbst größer fühle.
MYP Magazine:
Dennoch hast Du dem Deutschrap einen wichtigen Teil Deiner Karriere zu verdanken.
Matt Mendo:
Das stimmt. Ich habe mich als Produzent in der Deutschrap-Szene etabliert – übrigens auch, weil es ein Markt war, den man gut bedienen konnte. Es gab da einfach sehr viel Nachfrage und hat einige Jahre lang sehr gut für mich funktioniert. Ich dachte mir: Never stop a working system! Aber wie ich bereits gesagt habe: Je älter man wird, desto stärker reflektiert man sein eigenes Handeln.

»Ich bin ein Mensch, der offenherzig durchs Leben geht und trotzdem weiß, dass er dieses offene Herz auch schützen muss.«
MYP Magazine:
Du hast eben erwähnt, als Jugendlicher wisse man noch nicht so richtig, wer man ist. Du bist vor Kurzem 28 geworden. Weißt Du mittlerweile, wer Du bist?
Matt Mendo:
Auf jeden Fall habe ich davon heute eher eine Idee als noch zu meiner Teenagerzeit.
MYP Magazine:
Und?
Matt Mendo:
Ich bin ein Mensch, der das Privileg hat, Musik machen zu dürfen. Ich bin ein Mensch, dessen Persönlichkeit stark beeinflusst wurde von dem tollen Umfeld, in dem er sozialisiert wurde. Ich bin ein Mensch, der nicht perfekt ist, sich aber trotzdem so akzeptiert, wie er ist. Ich bin ein Mensch, für den Werte wie Ehrlichkeit, Nahbarkeit und Authentizität wichtig sind. Und ich bin ein Mensch, der offenherzig durchs Leben geht und trotzdem weiß, dass er dieses offene Herz auch schützen muss.
MYP Magazine:
Nicht viele Menschen können sich selbst so genau betrachten.
Matt Mendo:
Das gelingt mir auch erst seit wenigen Jahren. Davor habe ich mich stark über meine Leistung definiert. Aber je älter ich wurde, desto öfter habe ich mich gefragt: Wer oder was bin ich außerhalb meiner Arbeit, außerhalb meiner Erfolge? Darauf bewusst Antworten zu finden, hat mir sehr gutgetan. Natürlich gibt es immer wieder Tage, an denen ich in alte Muster zurückfalle. Aber das ist okay.

»Je melancholischer ein Song ist, desto mehr fühlt er sich nach echtem Leben an.«
MYP Magazine:
Vor drei Jahren haben Dich die Kollegen von 16BARS in Deinem Studio besucht und mit der Kamera begleitet. In dem Videoportrait, das dabei entstanden ist, redest Du unter anderem darüber, wie Du einem Rap-Star wie Drake ein Projekt pitchen würdest. Du sagst: »Ich würde ihm niemals einen Drake-Type Beat vorspielen – denn das hat er schon tausend Mal gehört. Nein, ich würde ihm was zeigen, was nach Matt Mendo klingt.« Wie genau klingt Matt Mendo?
Matt Mendo:
Es gibt da eine bestimmte Notenkombination auf dem Klavier, die mit mir besonders stark resoniert, weil sie so verträumt, introspektiv und organisch wirkt. Diese Kombination integriere ich immer wieder in meine Projekte und spiele sie in den verschiedensten Tonlagen – daraus entwickelt sich etwas sehr Melancholisches. Je melancholischer ein Song ist, desto mehr fühlt er sich nach echtem Leben an – ganz im Gegenteil zu Liedern, die im Studio so lange perfektioniert und glattgebügelt wurden, dass sie keinen Charakter mehr haben.
»Mir geht es darum, einen Raum zu schaffen, in dem man sich verletzlich machen kann, ohne sich rechtfertigen zu müssen oder verurteilt zu fühlen.«
MYP Magazine:
2024 hast Du für den deutschen Singer-Songwriter Cudi den Song »Only Lord Knows« produziert, in dem man dieser verträumt-introspektiven Ästhetik auf besondere Weise begegnen kann. Das Besondere dabei: Die Melancholie findet nicht nur auf der musikalischen Ebene statt, sondern auch auf der inhaltlichen, denn in den Lyrics erzählt Cudi von nicht gerade einfachen Familienverhältnissen. Dabei lässt er uns tief in seine Gefühlswelt blicken. Wie gehst Du persönlich, aber auch in Deiner Arbeit als Produzent damit um, wenn Dir Künstler*innen ihr Innerstes anvertrauen?
Matt Mendo:
Wenn ich mit Menschen Musik mache, fühle ich mich manchmal wie ein Therapeut. Allerdings habe ich nicht die Absicht, die Künstler*innen, mit denen ich zusammenarbeite, in irgendeiner Form heilen zu wollen. Ganz im Gegenteil: Mir geht es darum, einen Raum zu schaffen, in dem man sich verletzlich machen kann, ohne sich rechtfertigen zu müssen oder verurteilt zu fühlen. Für mich ist das der einzige Weg, um das, was die Artists tief in sich tragen, in Musik zu fassen. Diese Herangehensweise hat meine Arbeit in den letzten Jahren immer stärker geprägt. Es bedeutet mir viel, Menschen auf dieser Ebene zu begegnen. Cudi kannte ich übrigens schon vor unserer Kollaboration und wusste, welche Geschichten und Themen er mitbringt. Daher konnte ich mich voll und ganz darauf konzentrieren, zu seiner zerbrechlichen und gospelhaften Engelsstimme ein starkes Gerüst aus Bass, Akkord und Melodie zu entwickeln.

»Je öfter man Nein sagt, desto geübter wird man darin.«
MYP Magazine:
Du hast in den letzten Jahren mit einer Vielzahl von Künstler*innen gearbeitet. Wie genau kommt es bei Dir in der Regel zu einer Kollaboration?
Matt Mendo:
Ich könnte jetzt davon erzählen, dass ich am Anfang eines jeden Jahres eine Wunschliste von Leuten erstelle, mit denen ich gerne mal zusammenarbeiten möchte. Aber tatsächlich ist es bei mir so, dass die allermeisten Kollaborationen durch Zufälle zustande kommen. Genau das ist ja auch das Schöne am Leben: dass man nicht alles vorhersehen kann.
MYP Magazine:
Und wann lehnst Du Kollaborationen ab?
Matt Mendo:
Wenn ich merke, dass es musikalisch nicht passt. Es wäre auch gegenüber der anderen Person unfair, wenn ich mit ihr zusammenarbeiten würde, obwohl ich die Musik nicht feiere. Genau deshalb finde ich es auch wichtig, zu vielem Nein zu sagen. Denn am Ende verschwendet man nicht nur seine eigene Zeit, sondern auch die des Gegenübers. Ich habe in meinem Leben viel zu oft Ja gesagt, obwohl mein Bauchgefühl mir dringend davon abgeraten hat. Nein sagen muss man lernen. Das Gute ist: Je öfter man Nein sagt, desto geübter wird man darin.

»Wir freuen uns, wenn uns die Musik starke und klar definierte Held*innen liefert, die wir auf ein Podest heben können – vor allem in der Popkultur.«
MYP Magazine:
Wenn Menschen einen Song hören, denken sie für gewöhnlich an den Artist, der ihn herausgebracht hat. An die Produzent*innen dahinter denken die wenigsten – dabei machen die einen Song oft erst zu dem, was er ist. Ärgert es Dich, dass Dein Beruf in der Öffentlichkeit kaum sichtbar ist?
Matt Mendo:
Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass mich das nie gestört hätte. Wenn jemand ganz allein die Lorbeeren für etwas einsackt, an dem ein ganzes Team beteiligt war, ist das nicht cool. Aber ganz ehrlich: Ich finde, zumindest den Konsument*innen kann man dieses Verhalten nicht übelnehmen. Die wenigsten Leute, die Musik hören, interessieren sich für den Produktionsprozess dahinter. Denn erstens ist das ein eher unzugänglicher und technischer Bereich. Und zweitens neigen wir Menschen zur Vereinfachung und denken gerne in Schwarz und Weiß. Daher freuen wir uns auch so, wenn uns die Musik starke und klar definierte Held*innen liefert, die wir auf ein Podest heben können – vor allem in der Popkultur.
In der Ambient-Musik dagegen ist das ganz anders: Da steht niemand im Vordergrund und es geht auch nicht um irgendeine Brand Identity oder irgendwelche Popstar-Bestrebungen. Das Einzige, was zählt, sind die Gefühle der Zuhörenden.

»Mein eigenes Empfinden ist letztlich der einzige Maßstab.«
MYP Magazine:
Bleiben wir kurz beim Thema Heldentum: Wie macht man als Musikproduzent aus einem Song einen richtig guten Song?
Matt Mendo:
Die Frage ist doch viel eher: Wann ist ein Song ein guter Song? Und woran bemisst man seine Qualität? Etwa am kommerziellen Erfolg, an der Komposition oder am Arrangement? Für mich ist ein Song gut, wenn er für mich persönlich gut ist. Mein eigenes Empfinden ist letztlich der einzige Maßstab.

»Wenn jemand schon mit einer schlechten Energie ins Studio kommt, kommt dabei am Ende mit Sicherheit nichts Großartiges heraus.«
MYP Magazine:
Hast Du dennoch so etwas wie ein Erfolgsrezept?
Matt Mendo:
Nein, aber ich habe so etwas wie eine Grundregel: absolute Ehrlichkeit. Dabei geht es nicht nur darum, ehrlich zueinander zu sein, sondern auch zu sich selbst. Sonst wird das nichts. Wenn man versucht sich einzureden, dass das, was man gerade kreiert, etwas Gutes ist, obwohl man tief in sich spürt, dass das nicht so ist, ist man schon auf dem falschen Weg.
Übrigens: So eine Produktion ist immer ein Prozess, in dem sich alle Beteiligten gegenseitig beeinflussen. Das heißt: Wenn jemand schon mit einer schlechten Energie ins Studio kommt, kommt dabei am Ende mit Sicherheit nichts Großartiges heraus.

»Ich wollte die Musik, auf die ich gestoßen war, gerne mit anderen teilen – wie damals im Schulbus.«
MYP Magazine:
Vor Kurzem hast Du auf Instagram Deine meistgespielten Vinyls des Jahres 2025 vorgestellt. Warum ist es Dir wichtig, diese Musik mit anderen Menschen zu teilen?
Matt Mendo:
Ich war schon immer jemand, der nicht nur sehr viel Musik hört, sondern dem es auch wichtig ist, Musik zu kuratieren. Schon als Kind musste ich mich entscheiden, welche Songs ich auf meinen MP3-Player lade, um sie dann im Schulbus meinen Freunden vorzustellen.
Als ich letztes Jahr angefangen habe, auf Vinyl aufzulegen, habe ich das Kuratieren für mich wiederentdeckt. Ich wollte die Musik, auf die ich gestoßen war, gerne mit anderen teilen – wie damals im Schulbus. So sind diese Instagram-Posts entstanden.

»Es macht mir riesigen Spaß, anderen Menschen Musik zu zeigen, die mich berührt.«
MYP Magazine:
Royel Madell, der Gitarrist der australischen Indie-Band Royel Otis, hat uns letzten Sommer im Interview den Satz mitgegeben: »Musik mit jemandem zu teilen ist, wie sich gegenseitig in die Seele zu schauen.« Was erzählt die Musik, die Du mit uns teilst, über Dich?
Matt Mendo:
Ob man mir damit direkt in die Seele schauen kann, weiß ich nicht. Aber die Alben, die ich vorstelle, spiegeln definitiv einen Teil meiner Persönlichkeit. Aktuell höre ich sehr viel ruhige, reflektierte und eher introspektive Musik, woran man diese gewisse Nachdenklichkeit ablesen kann, die ich in mir trage. Aber ich würde diese Videos auch nicht überinterpretieren. Es macht mir einfach riesigen Spaß, anderen Menschen Musik zu zeigen, die mich berührt.

»Ich versuche immer, mich auf das Ungewisse einzulassen.«
MYP Magazine:
Wenn Du auf unseren heutigen Interview- und Shooting-Nachmittag zurückblickst und die Stimmung erfasst, in der Du dich gerade befindest: Fällt Dir spontan ein Song ein, der dazu gut passen würde und den Du mit uns teilen möchtest?
Matt Mendo: (überlegt kurz)
Ja, »Quit Your Job, Runaway!« von Junior Mesa. Der Song hat nicht wirklich eine Struktur, man weiß nie, was als nächstes passiert. Das fasst den heutigen Nachmittag sehr gut zusammen. Ich wusste vor dem Interview auch nicht, welche Fragen mich erwarten würden, und habe einfach darauf vertraut, dass es gut werden wird.
Ich versuche ohnehin immer, mich auf das Ungewisse einzulassen und mich all den Unsicherheiten und Unwägbarkeiten hinzugeben, die auf mich zukommen – wir Menschen tendieren ja dazu, Struktur und Ordnung haben zu wollen. Alles muss sicher, effizient und immer verfügbar sein. Dabei fällt mir gerade ein: Die Vinyl von Junior Mesa, die ich vor ein paar Wochen bestellt habe, wurde noch nicht geliefert. Ich hoffe, die kommt bald.

Mehr von und über Matt Mendo:
instagram.com/matt_mendo
instagram.com/whateverhertz
linktr.ee/matt_mendo
Interview & Text: Jonas Meyer
Fotografie: Roberto Brundo





























