Interview — Marie Louise Albertine Becker & August Wittgenstein

»Wie lange dauert es, bis man wieder zueinanderfindet?«

In »Ku’damm 77«, der jüngsten Fortsetzung der ZDF-Kultserie, trifft eine rebellische Tochter aus Westberlin auf einen Vater, der für die Liebe in die DDR übergesiedelt ist. Im Interview sprechen die Schauspielerin Marie Louise Albertine Becker und ihr Kollege August Wittgenstein über die Dreharbeiten zu Staffel vier – und zwar stilgerecht im Ostalgie-Setting der Museumswohnung Hellersdorf.

27. Dezember 2025 — Text: Katharina Viktoria Weiß, Fotografie: Birgit von Bally

Wenn man die Museumswohnung Hellersdorf betritt, geschieht etwas Seltsames: Die Zeit beginnt zu knistern. Das Linoleum atmet Vergangenheit, die grünen Velours-Sofas duften nach einem Leben, das es so nicht mehr gibt, und man wartet fast darauf, dass jemand um eine Tasse Kaffee »vom guten Rondo« bittet. Seit 2004 ist hier ein Stück DDR-Wohnkultur konserviert – und das mit voller Absicht: Denn anlässlich der bevorstehenden Komplettsanierung des Hellersdorfer Grabenviertels hatte sich die damalige Geschäftsführung der STADT UND LAND Wohnbauten-Gesellschaft entschieden, an diesem Ort ostdeutsche Alltagsgeschichte und das dazu gehörende Lebensgefühl zu bewahren.

Es könnte also kaum einen besseren Ort geben, um über die neueste »Ku‘damm«-Staffel zu sprechen: jene Serie, die sich seit Jahren wie kaum eine andere dem Deutschland der Nachkriegszeit widmet und die Aufbrüche, Sehnsüchte und Verwerfungen jener Zeit erzählt, und das entlang der fiktiven Geschichte der Familie Schöllack und ihrer Tanzschule »Galant« am Berliner Kurfürstendamm.

Drei Staffeln gibt es bisher (»Ku’damm 56«, »59«, »63«), die vierte startet am 27. Dezember in der ZDF-Mediathek. In »Ku‘damm 77« spielt August Wittgenstein den schwulen Familienvater Wolfgang von Boost, der in der Serie übrigens in einer ganz ähnlichen DDR-Wohnung lebt wie in jener Hellersdorfer Museumswohnung. Dort treffen wir den 44-jährigen Schauspieler mit seiner Film-Tochter Friederike zum Gespräch, die von Marie Louise Albertine Becker (22) verkörpert wird.

Friederike von Boost ist ein Mädchen, das im Westen groß wird, und zwischen der – nicht nur bei Fans mittlerweile legendären – Tanzschule Galant, neuen Jugendkulturen und dem leisen, schmerzlichen Schatten einer Familie aufwächst, die nie ganz vollständig ist. Während der Vater wegen der Liebe in die DDR ging, kämpft Friederike in Westberlin um Selbstbestimmung, Freiheit und darum, ihren eigenen Weg zu finden – trotz familiärer Erwartungen, Rollenbildern und vererbter Zwänge.

»Für einen adeligen Anwalt, der nicht unbedingt systemnah ist, ist das keine leichte Entscheidung.«

MYP Magazine:
Die einst junge Generation von »Ku‘damm 56« ist mittlerweile in ihren Enddreißigern und alle vereint zunächst dasselbe Schicksal: Das ganz große Glück ist ausgeblieben. August, wie hat Wolfgang von Boost die Jahre seit dem Serienfinale von »Ku‘damm 63« verbracht?

August Wittgenstein:
Er ist der Liebe wegen in den Osten gegangen – wissend, dass das für einen adeligen Anwalt, der nicht unbedingt systemnah ist, keine leichte Entscheidung ist. Er hat dort glückliche und schwierige Jahre verbracht, weil er sich in vielerlei Hinsicht neu finden musste. Vor allem aber war es für ihn hart, seine Tochter zurückzulassen. Jetzt geht er in seiner Vaterrolle auf, ist entspannter, weniger innerlich zerrissen – aber die große Liebe, die völlige Erfüllung, ist trotzdem ausgeblieben.

»Ich bin immer überrascht, was Annette Hess aus dem Ärmel schüttelt.«

MYP Magazine:
Und was hat es mit Dir gemacht, das Drehbuch zu lesen und all die Wendungen zu erfahren, die das Leben der Schöllack-Töchter und ihrer Liebsten genommen hat?

August Wittgenstein:
Ich bin so lange schon ein Teil dieses Kosmos, dass sich jede neue Staffel für mich anfühlt wie das Blättern in einer Familienchronik. Ich bin immer überrascht, was Annette Hess aus dem Ärmel schüttelt – kleine, brillante Wendungen. Und trotz aller Dramen ist es für mich ein sehr familiäres Gefühl, die Drehbücher zu bekommen.

»Dieser Gedanke hat mich viel stärker in die Figur katapultiert als jede Schlaghose.«

MYP Magazine:
Marie, welches Gefühl für die späten Siebziger hattest Du vor dem Projekt – und wie haben Recherche und Dreh Deine Perspektive verändert?

Marie Louise Albertine Becker:
Ich kannte die Siebziger vor allem über Musik und Mode: ABBA, Schlaghosen, alles, was glitzert. Aber wenn du selbst zum ersten Mal die originalen Siebziger-Kostüme trägst, merkst du, wie viel schwerer die Zeit in Wirklichkeit war. Und als ich in den Studios zum ersten Mal die Wohnung der Schöllacks gesehen habe, dachte ich nur: Wo bin ich hier gelandet?
Ich habe zur Vorbereitung viele Dokus gesehen und eine Führung durch die »Berliner Unterwelten« gemacht – auch durch einen nachgebauten Fluchttunnel. Das war extrem eindrücklich. Außerdem habe ich mir wieder einige historische Details vor Augen geführt: Zu begreifen, dass Frauen in Westdeutschland erst 1977 ohne Erlaubnis ihres Mannes arbeiten durften, war krass. Dieser Gedanke hat mich viel stärker in die Figur katapultiert als jede Schlaghose.

»Ihr Kampf durch die männerdominierte Polizeiwelt der Siebziger, das ist pure Emanzipation.«

MYP Magazine:
Welche Themen der Siebziger – Selbstbestimmung, Körperbilder, neue Jugendkulturen – hast Du in Friederike aufblitzen sehen?

Marie Louise Albertine Becker:
Friederike ist für mich Rebellion in Person. Sie ist die Jüngste, aber eigentlich die Weiteste der Familie. Sie kämpft für starke Frauen, für ihr eigenes Leben, dagegen, dass ihr irgendetwas vorgeschrieben wird. Und sie spricht Dinge aus, die andere in ihrer Familie noch gar nicht denken können. Ihr Kampf durch die männerdominierte Polizeiwelt der Siebziger, das ist pure Emanzipation.

»Der Westen hat stärker auf das Individuum geschaut, der Osten mehr aufs Kollektiv.«

MYP Magazine:
Vater und Tochter sind in völlig unterschiedlichen politischen Systemen sozialisiert worden. Wie habt Ihr über diese Ost-West-Reibung nachgedacht?

August Wittgenstein:
Der Westen hat stärker auf das Individuum geschaut, der Osten mehr aufs Kollektiv. Für jemanden wie Wolfgang, der im Westen sozialisiert wurde und dann im Erwachsenenalter in die DDR geht, bedeutet das: Umstellung, sich anpassen, eigene Wünsche hintanstellen.

Marie Louise Albertine Becker:
Und für Friederike bedeutet es, dass ihr Vater zwar weit weg ist, aber emotional oft näher als ihre Mutter. Wir haben viel darüber fantasiert: Wie fühlt es sich an, wenn der Vater plötzlich in einem anderen System lebt? Wie lange dauert es, bis man wieder zueinanderfindet?

MYP Magazine:
In der Serie hat die einst junge Generation, zu der auch Wolfgang von Boost gehört, plötzlich erwachsene Kinder. Fühlst Du dich selbst schon so erwachsen, August?

August Wittgenstein:
Überhaupt nicht. Aber ich fühle mich generell irgendwie nie erwachsen. Ich habe das Gefühl, noch ein Spätentwickler zu sein. Ich brauche für alles 20 Jahre länger.

»Das macht sie so berührend: die Stärke an der Oberfläche und darunter die Wunden, die man nur erahnt.«

MYP Magazine:
Die Staffel zeigt drei Generationen, die alle mit Ohnmacht, Zwängen und Aufbruch kämpfen. Welche Figur berührt Euch persönlich am meisten?

August Wittgenstein:
Für mich ist Caterina Schöllack – schon zum viertem Mal großartig gespielt von Claudia Michelsen – eine der berührendsten Figuren im gesamten »Ku‘damm«-Kosmos. Sie hat so viele Epochen erlebt und wirkt wie eine schützende, starke Mutterfigur, die ihre Familie von einem Schicksalsschlag zum nächsten trägt. Gleichzeitig ist sie streng und kann sogar manipulativ sein, manchmal beinahe intrigant. Aber hinter all dem steckt immer ihr Wunsch, das Beste für die Familie zu tun. Sie hat eine Vision davon, wohin sie diese Familie führen will, und sie trägt sie mit unglaublicher Konsequenz durch all diese Zeiten. Dazu kommen ihre eigene Vergangenheit, ihre Verletzungen, ihr Herzschmerz, den sie oft gut versteckt. Das macht sie so vielschichtig und berührend: die Stärke an der Oberfläche und darunter die Wunden, die man nur erahnt.

»Auf dem Papier konnte man in der DDR homosexuell leben – gesellschaftlich war das trotzdem nicht hoch angesehen.«

MYP Magazine:
Drehbuchautorin Annette Hess arbeitet stark mit Ambivalenzen. Gab es eine Szene, bei der Ihr dachtet, wow, das wird brenzlig – aber da will ich rein?

Marie Louise Albertine Becker:
Ja. Meine erste Szene mit gezogener Waffe. Ich hatte vorher noch nie eine in der Hand. Und die Clubszene – ich kann nicht spoilern, aber Friederike macht dort eine schockierende Entdeckung.

MYP Magazine:
Wolfgang ist eine Figur, die zwischen Anpassung, Sehnsucht und Angst lebt. Wie passt die DDR zu ihm?

August Wittgenstein:
Auf dem Papier konnte man in der DDR homosexuell leben – gesellschaftlich war das trotzdem nicht hoch angesehen. Für Wolfgang bedeutet der Schritt in die DDR aber: Ballast abwerfen, endlich ehrlich leben. Das macht ihn freier, entspannter.

»Es gab viele Momente, in denen ich dachte: Wie gerne hätte ich selbst so viel davon.«

MYP Magazine:
Wenn Ihr eure Figuren aus »Ku’damm 77« heute treffen würdet, was würdet Ihr ihnen raten?

August Wittgenstein:
Ehrlich gesagt: Ich würde Wolfgang gar nichts raten. Er hätte so viel Lebenserfahrung gesammelt, dass er wahrscheinlich eher mir etwas beibringen könnte. Vielmehr würde ich mich gerne mit ihm austauschen – und herausfinden, ob ich seinen Kern beim Spielen richtig getroffen habe.

Marie Louise Albertine Becker:
Ich würde beiden Figuren einfach »Chapeau!« sagen. Besonders Friederikes Mut beeindruckt mich. Es gab beim Drehen viele Momente, in denen ich dachte: Wie gerne hätte ich selbst so viel davon. In Szenen, in denen ich als Marie unsicher war, hat mir Friederikes Entschlossenheit richtig geholfen.

»Es lohnt sich, eigene Wege einzuschlagen und Dinge auszuprobieren – auch wenn man mal auf die Schnauze fällt.«

MYP Magazine:
Was habt Ihr aus dem Dreh für Euer Leben mitgenommen – ein Gedankenbild, ein Satz, eine Haltung?

August Wittgenstein:
Eine Sache hat sich mir richtig eingebrannt: Ich hatte einen Drehtag, an dem ich so krank war wie noch nie zuvor in meinem Leben – wirklich komplett am Limit. Trotzdem musste ich diesen halben Drehtag schaffen. Und das Team hat mich da durchgetragen. Claudia und Maria (Anm. d. Red.: Maria Ehrich, spielt in der Serie Wolfangs Exfrau Helga von Boost) waren da. Und ich habe gemerkt: Selbst das geht. Selbst das ist möglich, wenn ein Team so zusammenhält.

Marie Louise Albertine Becker:
Ich habe in dieser ganzen Zeit gemerkt, dass es sich lohnt, eigene Wege einzuschlagen und Dinge auszuprobieren – auch wenn man mal auf die Schnauze fällt. Aktuell in meinem Schauspielstudium passiert das zum Beispiel ständig. Umso schöner war es zu erleben, dass Menschen mir zutrauen, eine Figur wirklich mit Leben zu füllen. Das hat mir unglaublich viel Selbstbewusstsein gegeben. Und ganz ehrlich: Es war die geilste Zeit meines Lebens.

»Ku’damm 77«

6×45 min., abrufbar ab sofort in der ZDF-Mediathek und am 12., 13. und 14. Januar 2026 jeweils als Doppelfolge um 20.15 Uhr im ZDF.

Im Anschluss an die ersten beiden Folgen am 12. Januar läuft um 21.45 Uhr »Ku’damm 77 – Die Dokumentation«.

Mit herzlichem Dank an das Team der

Museumswohnung WBS 70
Hellersdorfer Straße 179
12627 Berlin
Öffnungszeiten: Sonntag 14–16 Uhr
Infos: stadtundland.de/museumswohnung

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