Interview — Luke Noa

»Ich halte nichts davon, den Dingen nicht genug Zeit zu geben«

Da ist es endlich: Mit »Début« hat Luke Noa vor Kurzem sein lange erwartetes Debütalbum veröffentlicht. Dass er daran so intensiv gearbeitet hat, kann man hören: In der Platte steckt viel musikalische, aber auch emotionale Reife. In einem American Diner haben wir den 27-Jährigen zum Interview getroffen: ein Gespräch über die Kraft zeitloser Musik, den richtigen Umgang mit einem Celebrity Crush und die Frage, warum man seine Dämonen ab und zu in den Arm nehmen sollte.

5. Oktober 2025 — Interview & Text: Jonas Meyer, Fotografie: Osman Balkan

Wir schreiben das Jahr 1965. Während in den USA die erste bezahlbare Mikrowelle auf den Markt kommt, Cadillac die dritte Generation seines Erfolgsmodells »DeVille« vorstellt und Bürgerrechtler Malcom X ermordet wird, landen über dreitausend US-Marines in Vietnam, der Russe Alexei Leonow wagt als erster Mensch den Weltraumausstieg und Werder Bremen wird deutscher Fußballmeister.

Und auch musikalisch tut sich was – ziemlich viel sogar: The Beatles veröffentlichen »Help!« und »Yesterday«, The Rolling Stones werfen »(I Can’t Get No) Satisfaction« in die Welt und The Who liefern mit »My Generation« nicht weniger als die Hymne einer ganzen Jugendkultur. Dazu gesellen sich Bob Dylans »Like a Rolling Stone«, The Supremes mit »Stop! In the Name of Love« und The Mamas and the Papas mit »California Dreamin‘«. Kein Wunder, dass dieses 1965 heute als eines der prägendsten Jahre der modernen Pop- und Rockmusik gilt. Ein akustisches Feuerwerk, das bis in die Gegenwart leuchtet.

60 Jahre später. Bei Burger und Milchshake sitzen wir im Route 66 Diner, das wenige Gehminuten vom Berliner Kurfürstendamm entfernt liegt. Das liebevoll gestaltete Restaurant ist ein idealer Ort, um sich (zurück) in die Sechziger zu träumen. Sogar das schwarze Cadillac DeVille Cabrio, das das Team des Diners lässig hinter der Bar geparkt hat, stammt aus jener dritten Modellgeneration ab 1965.

In dieser knallbunten Zeitkapsel sind wir mit Luke Noa verabredet. Der 27-jährige Singer-Songwriter, der mit bürgerlichem Namen Luca Göpper heißt, hat vor Kurzem ein bemerkenswertes Debütalbum vorgestellt. Mit seinen acht Songs präsentiert es sich als ein wundervoll arrangiertes, feinsinniges und nahbares Stück Musik, in dem viel instrumentale, aber auch emotionale Reife steckt – ganz anders, als der Titel »Debút« vielleicht vermuten ließe.

Thematisch passt Luke Noa eigentlich nicht hierher. Denn während sich andere Musiker seiner Altersklasse – man denke etwa an Elliot James Reay oder Stephen Sanchez – ganz dem US-amerikanischen Sound der Fünfziger- und Sechzigerjahre verschrieben haben, ist die Musik von Luke Noa eher schwer an einem bestimmten Raum oder an einer bestimmten Zeit festzumachen.

Eine kleine Verbindung zu damals gibt es trotzdem. Denn irgendwo auf seinem neuen Album hat der junge Mann eine kleine Referenz auf das Jahr 1965 versteckt. Aber dazu kommen wir später…

»Ein Fan hatte 13 Stunden damit verbracht, bunte Herzen aus Papier auszuschneiden.«

MYP Magazine:
Luke, Ende Mai hast Du dein Debütalbum vorgestellt, gerade kommst Du von Deiner ersten Headline-Tour zurück. Welche Eindrücke bringst Du mit? Welche Momente haben sich in Deine Erinnerung gebrannt?

Luke Noa:
Es gab etliche schöne Momente, aber einer ist die klare Nummer eins: Auf der Show in München gab es einen Fan, der im Vorfeld 13 Stunden damit verbracht hatte, bunte Herzen aus Papier auszuschneiden und sie vor dem Konzert an die Leute im Publikum zu verteilen. Ich wusste davon nichts und war ziemlich geflasht, als beim Song »What A Day« plötzlich Hunderte Herzen vor mir in die Höhe schossen.
So etwas zu erleben, ist absolut neu für mich. Ich mache zwar schon seit ein paar Jährchen Musik, habe aber immer noch das Gefühl, mich im Aufbau zu befinden. Dass es jetzt schon Leute gibt, denen meine Songs so viel bedeuten, dass sie 13 Stunden lang von Hand Papierherzen ausschneiden, berührt mich sehr.

MYP Magazine:
Was bedeuten Dir selbst die Songs Deiner neuen Platte?

Luke Noa:
Ein Debütalbum ist immer ein Riesenschritt – den ich selbst vergleichsweise spät gewagt habe. Seit ich Musik mache, habe ich insgesamt vier EPs veröffentlicht, mit denen ich sukzessive und ganz behutsam auf mein erstes Album zugesteuert bin. Aus meiner Perspektive fasst »Début« daher in erster Linie die letzten Jahre zusammen: in Bezug auf das, was ich erlebt habe, aber auch, wie ich mich musikalisch und persönlich entwickelt habe.

MYP Magazine:
Warum hast Du dem Albumtitel einen Accent aigu verpasst? Hast Du einen besonderen Bezug zu Frankreich?

Luke Noa: (lächelt)
Das werde ich witzigerweise bei jedem Interview gefragt. Die Idee dahinter war eine rein ästhetische – und ich fühle mich deshalb fast ein bisschen peinlich berührt. Ich hatte darüber vorher kaum nachgedacht und fand die französische Schreibweise einfach nur visuell spannend. Aber jetzt ist es bei jedem Interview Thema und ich kann darauf maximal antworten, dass der Accent das Wort ein bisschen verfeinert.

»Für mich ging in diesem Moment ein riesiger Traum in Erfüllung.«

MYP Magazine:
Für die Arbeit an Deinem Debütalbum hast Du Chris Maas gewinnen können, den Tour-Schlagzeuger Band Mumford & Sons, der vor Kurzem auch mit Sting auf Konzertreise war. Wie seid Ihr euch begegnet? Und wie hast Du ihn von einer Zusammenarbeit überzeugt?

Luke Noa:
Das war das Werk meines Managers Tim. In den Jahren 2022 und 2023 hatte er als Tourmanager den australischen Singer-Songwriter Matt Corby bei seinen Europa-Konzerten begleitet – und Chris Maas spielte diese Tour als Drummer. Die beiden haben sich angefreundet und irgendwann hat Tim ihm einige meiner Demos für das neue Album vorgespielt. Chris sagte: »Why not?« Er schien meine Musik zu mögen, hatte Lust auf ein junges Projekt und sagte spontan zu, für eine Woche nach Berlin zu kommen und mit uns an dem Album zu arbeiten. Tim rief mich kurz danach an und erzählte mir, dass er gerade mit Chris Maas zusammengesessen und über mein Album gesprochen hatte. Für mich ging in diesem Moment ein riesiger Traum in Erfüllung.

»Nur, wenn ich absolut keine Erwartungshaltung habe, kann ein Song in Ruhe wachsen.«

MYP Magazine:
Dein Album beginnt mit dem Song »Do I Wanna«, an dem Du bereits 2023 bei einer Reise durch Neuseeland geschrieben hattest und dessen Fertigstellung fast zwei Jahre in Anspruch genommen hat. Warum der Song diese Zeit gebraucht?

Luke Noa:
Ich halte nichts davon, den Dingen nicht genug Zeit zu geben, und lasse Songs gerne reifen. Wenn ich das Gefühl habe, ich müsste eine gute Idee zu hart biegen oder zu hart pushen, mache ich lieber einen Schritt zurück und befasse mich mit etwas anderem. Ich empfinde es als einen wichtigen persönlichen Qualitätsprozess, immer einen Raum zu schaffen, in dem sich Ideen natürlich entwickeln können.

MYP Magazine:
Hier schräg gegenüber gibt’s eine Weinbar, an deren Schaufenster der Spruch prangt: »Wine improves with age.«

Luke Noa:
Und genauso ist es für mich bei der Musik! Natürlich kann es auch mal passieren, dass ich Songs in sehr kurzer Zeit schreibe. Aber ganz allgemein halte ich es immer noch für das Beste, mich einer Idee ganz ohne Verkrampftheit und Verkopftheit zu nähern. Nur, wenn ich absolut keine Erwartungshaltung habe, kann ein Song in Ruhe wachsen, Tag für Tag ein Stückchen mehr.

»Wenn man zu sehr in der Vergangenheit festhängt, macht das einen in der Gegenwart nur unglücklich.«

MYP Magazine:
In »Do I Wanna« verhandelst Du die Narben und Sehnsüchte, die die Vergangenheit Dir zugefügt hat. Und Du sprichst über den Umstand, nicht loslassen zu können. Bist Du ein Mensch, der sich gerne Gedankenspielen hingibt, die sich darum drehen, was passiert wäre, wenn man hier und da einen anderen Weg eingeschlagen hätte?

Luke Noa:
Auf jeden Fall. Ich mag es, mich ab und zu gedanklich in solche theoretischen Räume zu begeben, vor allem, wenn es um zwischenmenschliche Beziehungen geht. Man kann sich einem Menschen jahrelang unendlich nah fühlen und glauben, ihn total gut zu kennen. Doch wenn sich die gemeinsamen Wege trennen, wird mit den Jahren die Frage immer spannender, wie man sich persönlich entwickelt hätte, wenn dieser Mensch nah an einem drangeblieben wäre.

MYP Magazine:
Wirst Du gerade etwas nostalgisch?

Luke Noa:
Für mich ist Nostalgie eng verwoben mit Veränderung – in Bezug auf sich selbst, auf andere, auf die Welt. Ich finde, das ist eines der spannendsten Themen überhaupt, weil es für uns Menschen gleichermaßen faszinierend wie furchteinflößend sein kann. Aber man muss vorsichtig sein: Wenn man zu sehr in der Vergangenheit festhängt, macht einen das in der Gegenwart nur unglücklich, da man permanent seine Entscheidungen infrage stellt und sich alternative Realitäten ausmalt.

»Ohne Biberach wäre ich wahrscheinlich nicht zur Musik gekommen.«

MYP Magazine:
Bleiben wir kurz in der Vergangenheit. Wenn man in Deine Biografie schaut, findet man unter anderem zwei Orte, die ein wichtiger Teil Deines Lebens zu sein scheinen, aber unterschiedlicher nicht klingen könnten: Biberach und Roccastrada. Wie haben Dich diese Orte geprägt?

Luke Noa:
Biberach in Baden-Württemberg ist mein Geburtsort. Zwar ist meine Familie mit mir kurz nach meiner Geburt in die Schweiz gezogen, aber nach zwölf Jahren ging’s wieder zurück. Für mich ist Biberach Heimat und so etwas wie ein Familienzuhause, an dem meine Verwandten leben, an dem ich sämtliche Weihnachten und diverse Schützenfeste gefeiert habe, an dem ich Abi gemacht habe – und das mich sehr stark geprägt hat auf meinem frühen Weg als Singer-Songwriter. Ohne Biberach wäre ich wahrscheinlich nicht zur Musik gekommen.

MYP Magazine:
Und Roccastrada?

Luke Noa:
Das ist ein kleiner Ort in der Toskana, wo wir in meiner Kindheit und Jugend immer wieder in Urlaub waren. Gewohnt haben wir jedes Mal im Nachbardorf Sassofortino, in dem Freunde meiner Eltern ein Haus mit unzähligen Zimmern besitzen. Es ist wahnsinnig schön dort, das Haus ist umgeben von Olivenbaum-Feldern und in nur 40 Minuten ist man am Meer. In dieser Gegend ist auch das Musikvideo zu »Roccastrada« entstanden.

»All das, was ich in der Zeit gefühlt, erlebt und gesehen habe, habe ich in einem Song verwoben.«

MYP Magazine:
Klingt nach einem guten Leben.

Luke Noa:
Total. Den Song habe ich allerdings in einer Situation geschrieben, als ich sehr starken Liebeskummer hatte. Das war während unseres letzten gemeinsamen Urlaubs im Jahr 2019.

MYP Magazine:
Warum hast Du den Song nicht »Sassofortino« genannt?

Luke Noa:
Weil ich von meinem Schlafzimmer aus immer auf Roccastrada geschaut habe. Der Ort ist auf einem riesigen Felsmassiv errichtet, das sieht vor allem nachts wie ein Gemälde aus. Wenn ich in meinem Liebeskummer nicht schlafen konnte und stundenlang wach lag, hatte ich ständig diesen besonderen Ort vor Augen. Und so habe ich all das, was ich in der Zeit gefühlt, erlebt und gesehen habe, in einem Song verwoben.

»Man muss verstehen, dass man sich auch mit anderen Dingen beschäftigen muss als mit seinen Träumen.«

MYP Magazine:
Im Song »New World« sprichst Du über eine alte Welt, in der Du dich früher versteckt hast und die Du mittlerweile lange hinter Dir gelassen hast. Was genau war in Deinem Leben diese alte Welt? Und wovor hast Du dich versteckt?

Luke Noa:
Das Leben ist auf so vielen Ebenen einfacher, wenn man noch zu Hause wohnt. Man ist ein bisschen naiver und hat viel Platz für seine Träume. Aber wenn man sich dann tatsächlich auf den Weg macht, um diese Träume zu verfolgen, stößt man mindestens einmal, wenn nicht sogar mehrfach an einen Punkt, an dem man realisiert: Das, was man sich erträumt hat, ist gar nicht so nice, glamourös und leicht erreichbar. Man befindet sich in einem enormen Struggle, aus dem heraus man mit viel Nostalgie auf das unbeschwerte Leben von damals zurückschaut.
Das ist übrigens ein Phänomen, dass ich auch bei vielen Freund*innen wahrnehme, die ebenfalls in künstlerischen Berufen arbeiten. Aber wir alle müssen lernen, dass diese neue Ernsthaftigkeit des Alltags ein Teil des Erwachsenwerdens ist, ein ziemlich wichtiger sogar. Man muss Geld verdienen. Man muss lernen, auf sich selbst zu achten. Und man muss verstehen, dass man sich auch mit anderen Dingen beschäftigen muss als mit seinen Träumen. Oder mit seinem aktuellen Crush

»Es ist so unglaublich hart für viele da draußen.«

MYP Magazine:
… oder mit den Entwicklungen auf der Welt.

Luke Noa:
Ja, das steckt für mich genauso in diesem Song. Ich habe das Gefühl, dass sich unsere Welt gerade fundamental ändert und zu einer neuen formt. Daher mag ich auch den Chorus so sehr, in dem ich auf das Thema Geld eingehe – mit einem ironischen »Hey! Man braucht halt ein bisschen Geld, um klarzukommen.«
Es ist so unglaublich hart für viele da draußen und die Schere geht immer weiter auseinander. Entweder man hat Glück und gehört zu denen, die in sehr viel kürzerer Zeit sehr viel mehr Geld machen als noch vor wenigen Jahren – etwa, indem man irgendwelche Produkte auf Social Media anpreist. Oder man steht auf der anderen Seite und versucht, von seiner Kunst zu leben. In der Kunstbranche war es zwar schon immer schwierig zu überleben, zumindest wenn man nicht mega kommerziell unterwegs war. Aber mit Corona wurde es für uns in dieser neuen Welt noch viel schwieriger. Und so habe ich mit »New World« meiner, unserer alten Welt einen Abschiedssong gewidmet.

»Kunst ist nicht Design, sondern ein Drang, etwas auszudrücken.«

MYP Magazine:
Mit Deiner Musik machst Du deinem Publikum – auf der musikalischen wie auf der inhaltlichen Ebene – ein sehr intimes Angebot, indem Du es in Deine Gefühlswelt einlädst. Dafür muss man als Hörer*in wiederum eine gewisse Offenheit mitbringen, um sich darauf einzulassen. Denkst Du beim Songwriting die emotionale Verfasstheit Deines Publikums mit?

Luke Noa:
Nein, ganz im Gegenteil. Ich versuche das aktiv zu umgehen, denn andernfalls würde ich nur den Rahmen der Notwendigkeit verlassen, aus der heraus ich Musik mache.

MYP Magazine:
Ein Kunstwerk ist gut, wenn es aus Notwendigkeit entstand, wie Rilke sagt.

Luke Noa:
Richtig. Wenn man Musik aus einer emotionalen Notwendigkeit heraus schreibt, verliert man keinen Gedanken daran, wie das, was man erschafft, am Ende wahrgenommen wird. Kunst ist nicht Design, sondern ein Drang, etwas auszudrücken.

»Wenn Musik in der Lage ist, sich von der Zeit zu lösen, hat sie auch das Potenzial, Grenzen zu überschreiten.«

MYP Magazine:
Deiner Musik haftet eine gewisse Zeitlosigkeit an. Kann man sich das als junger Künstler in der heutigen, Social-Media-getriebenen Welt überhaupt erlauben?

Luke Noa:
Der Aspekt der Zeitlosigkeit war mir in meiner Musik schon immer wichtig. Ich finde, wenn etwas nicht an eine bestimmte Zeit gebunden ist, gibt ihm das einen höheren Wert. Das soll nicht heißen, dass Musik, die gerade gut in die Zeit passt, wertloser ist – ich finde es ohnehin absurd, Musik zu bewerten. Aber wenn Musik in der Lage ist, sich von der Zeit zu lösen, hat sie auch das Potenzial, Grenzen zu überschreiten – genrebezogene Grenzen, nationale Grenzen, emotionale Grenzen. »Gracie« zum Beispiel, mein Lieblingssong auf dem neuen Album, verkörpert das für mich auf eine ganz besondere Weise.

»Die Bewunderung wird größer und größer und dabei verlässt man sukzessive die Ebene der Realität.«

MYP Magazine:
»Gracie« handelt von einem hartnäckigen Celebrity Crush, den Du mal hattest. Damit bist Du nicht allein: Wir Menschen verknallen uns immer wieder in Leute, die wir nur von Social Media kennen, und schenken unser Herz am Ende digitalen Avataren. Was ist aus Deiner Sicht der Grund dafür?

Luke Noa:
Am Anfang steht immer eine ernsthafte Bewunderung. Man entdeckt im Internet eine Person, ist zutiefst beeindruckt von ihr und ihrer Arbeit und beschäftigt sich immer mehr mit ihr. Die Bewunderung wird größer und größer und dabei verlässt man sukzessive die Ebene der Realität. Irgendwann gerät man in einen Zustand, in dem man die Person von Kopf bis Fuß idealisiert. Man glaubt nicht nur, sie persönlich zu kennen, sondern sie auch emotional zu verstehen. Dabei ist man ihr noch nie begegnet. Völlig absurd. Vor allem, wenn man erleben muss, dass jede Idealisierung in sich zusammenfällt oder zumindest auf ein Normalmaß heruntergebrochen wird, wenn man den betreffenden Menschen mal persönlich kennengelernt hat.

MYP Magazine:
Und »Gracie« ist in Deinem Fall wer?

Die Singer-Songwriterin Gracie Abrams, die unfassbar tolle Musik macht. Ich war erst vor Kurzem hier in Berlin auf einem Konzert von ihr und dachte mir schon wieder: Wow, wie kann ein Mensch nur so krasse Songs schreiben, so grandios singen, so wunderschön aussehen und insgesamt nur so perfekt sein?

»Was sagt dieses Idealbild, das ich von einer anderen Person für mich geschaffen habe, über mich selbst aus?«

MYP Magazine:
Neigst Du allgemein dazu, andere zu auf einen Sockel zu heben?

Luke Noa:
Ja und nein. Ich weiß, dass ich grundsätzlich schon ein bisschen anfällig dafür bin. Aber im Fall Gracie Abrams war es eher ein Ausnahmefall, da hier ganz viele Aspekte zusammenkommen, die ich toll finde.
Übrigens: Dass ich mich in einem Song zu meinem Celebrity Crush bekenne, war für mich etwas vollkommen Neues. Immerhin mache ich mich damit auch ein Stück weit nackt. Aber mir war es wichtig zu zeigen, dass es hier nicht um Gracie Abrams geht, sondern nur um mich – so einen Crush zu haben, hat überhaupt nur mit einem selbst zu tun.
Ich frage mich in dem Song: Was sagt dieses Idealbild, das ich von einer anderen Person für mich geschaffen habe, über mich selbst aus? Und ist es überhaupt gesund, den unbedingten Drang zu verspüren, so perfekt wie mein Crush zu werden – weil ich sonst das Gefühl habe, für die Welt nicht gut genug zu sein? Das in einem Song zu ergründen, war mit das Spannendste, was ich je gemacht habe.

»Bei den Beatles dachte man damals noch, das seien Übermenschen.«

MYP Magazine:
Wie gehst Du selbst damit um, wenn Du von anderen auf ein Podest gestellt wirst, zum Beispiel von Fans?

Luke Noa:
Ich hatte noch nie den konkreten Fall, dass ich damit konfrontiert war oder darauf reagieren musste. Meine Fans sind glücklicherweise sehr, sehr respektvoll, wofür ich überaus dankbar bin. Davon abgesehen habe ich den Eindruck, dass sich vor allem bei jüngeren Generationen dieses Überhöhen anderer immer stärker reduziert. Bei den Beatles dachte man damals noch, das seien Übermenschen. Heute verstehen wir immer besser, dass diese Idealisierung nur in unseren Köpfen stattfindet und ein völlig einseitiges Ding ist.

»Nach diesem Song habe ich keine wirkliche Angst mehr davor, mich in meiner Musik nackt zu machen.«

MYP Magazine:
Du hast eben erwähnt, dass Du dich mit »Gracie« ein Stück weit nackt gemacht hast. Wie stellst Du für dich in Deiner Musik sicher, dass Du dich emotional nicht vollkommen auslieferst, sondern Dir immer einen Rest Privatheit bewahrst?

Luke Noa:
Ich glaube: Ein gewisses Risiko tut gut, auch der Kunst. Als ich »Gracie« geschrieben habe, dachte ich erst, das kann ich nicht machen, das ist zu offenbarend, damit mache ich mich angreifbar. Darüber zu sprechen, hat mich eine enorme Überwindung gekostet, denn so ein Thema ist mit einer gewissen Scham verbunden. Aber gerade das macht es am Ende so authentisch.
Spätestens nach diesem Song habe ich keine wirkliche Angst mehr davor, mich in meiner Musik nackt zu machen. Ganz im Gegenteil: Mittlerweile halte ich das sogar für eine Notwendigkeit. Denn wenn man sich zu sehr versteckt, ist man in seiner Kunst auch nicht mehr authentisch. Aber gerade das ist aus meiner Sicht das Wichtigste an Musik.

»Es ist ein bisschen einfacher, mit seinen Dämonen zu leben, wenn man sie ab und zu in den Arm nimmt.«

MYP Magazine:
Du beschließt Dein Debütalbum mit dem Song »Demons«, der nur aus sechs Zeilen besteht:

I’ve been California dreamin‘ baby
I’ve been riding with the demons baby
and I don’t wanna stand in the rain no more

I’ve been living in a daydream baby
I’ve been hiding with my demons lately
and I don’t really see any other way

Gleich mit der ersten Line schlägst Du eine Brücke in die Vergangenheit, und zwar zu dem berühmten Song von The Mamas and the Papas aus dem Jahr 1965, zu dem Omar Apollo übrigens 2021 ein wunderschön-melancholisches Cover veröffentlicht hat. Der musikalische Klassiker startet mit den Zeilen:

I’d be safe and warm
If I was in L.A.
California dreamin‘
On such a winter’s day

Lassen wir uns kurz beide Songtexte verbinden: Was spendet Dir Wärme und Sicherheit im Leben? Was lässt Dich deine Dämonen loslassen? Und was holt Dich aus dem Regen ins Trockene?

Luke Noa:
Mein privates Umfeld und meine Familie. Ich bin sehr dankbar für all die guten und engen Freundschaften, die es in meinem Leben gibt, und für das gute Verhältnis, das ich zu meinen Brüdern und Eltern habe. Das fängt mich immer wieder auf.
Was mir darüber hinaus hilft, vor allem im Umgang mit den eigenen Dämonen, ist, dass ich gelernt habe, mein Innerstes zu erforschen. Ich möchte verstehen, woher diese Dämonen kommen, und mich ihnen stellen. Das heißt nicht, dass sie dadurch verschwinden. Aber es ist ein bisschen einfacher, mit seinen Dämonen zu leben, wenn man sie ab und zu in den Arm nimmt und zu sich ins Wohnzimmer einlädt. Klar, man will natürlich, dass sie sich schnellstmöglich wieder verabschieden. Aber man kann anders mit ihnen umgehen, wenn man sich vor ihnen nicht hinter einem Schrank verstecken muss, sondern sich mit ihnen an einen Tisch setzt.

»Alles um einen herum ist anders. Nur die Dämonen sind dieselben.«

MYP Magazine:
Und notfalls kann man ja immer noch nach Roccastrada fahren.

Luke Noa:
Richtig. Oder nach Neuseeland. Aber auch da kommt man irgendwann an einen Punkt, an dem man sich fragen muss: Hat man durch den Ortswechsel tatsächlich etwas verändert? Oder ist man nur wieder mal vor etwas geflohen, ohne sich dem wirklich zu stellen? Ich glaube, es ist immer eine gute Entscheidung, sich mit seinen Dämonen auseinanderzusetzen, statt vor ihnen abzuhauen.
Auf meiner letzten EP gibt es einen Song, »Bethells Beach«, in dem ich genau dieses Thema behandle: Ich reise nach Neuseeland und fliege dafür um die halbe Welt. Doch als ich dort ankomme, merke ich, dass sich einige emotionale Themen, die ich eigentlich zu Hause lassen wollte, heimlich in meinen Koffer geschlichen haben.
Aber das Ganze hat auch einen Vorteil: Wenn man so weit weg ist von zu Hause, hat man einen überkrassen Filter. Alles um einen herum ist anders, andere Zeitzone, andere Sprache, andere Natur. Nur die Dämonen sind dieselben. Und plötzlich sieht man sie wie unterm Mikroskop.

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