Interview — Luise von Finckh
»Wem schenke ich meine Empathie? Eine Mammutaufgabe«
Zwischen nostalgischem Erbe und neuen Konflikten – Schauspielerin Luise von Finckh führt die Kultserie »Liebling Kreuzberg« aus den Neunzigern in die Gegenwart und trägt die großen Fragen unserer Zeit mitten hinein: Gerechtigkeit, gesellschaftliche Spaltung, Überforderung. Wir treffen sie im Kreuzberger Kiez und sprechen über Verantwortung, Empathie in Krisenzeiten und rechte Stimmungslagen.
20. November 2025 — Text: Katharina Viktoria Weiß, Fotografie: Frederike van der Straeten

Mit »Kanzlei Liebling Kreuzberg« kehrt ein Stück Berliner Fernsehgeschichte zurück – neu gedacht, neu erzählt und doch eng verbunden mit dem ikonischen Original, das seit den 1980er-Jahren einen festen Platz in der Erinnerung vieler Zuschauer*innen hat.
Im Mittelpunkt der modernen Fortsetzung stehen zwei Frauen: die junge Anwältin Lisa Liebling, gespielt von Luise von Finckh, und die erfahrene Juristin Dr. Talia Jahnka, verkörpert von Gabriela Maria Schmeide. Gemeinsam navigieren sie durch eine Stadt im Wandel, in der der Kampf um (Generationen-)Gerechtigkeit oft in feinfühligen Grauzonen geführt wird.
Nach dem erfolgreichen Piloten im vergangenen Jahr führt Das Erste die Geschichte nun in zwei weiteren Fernsehfilmen fort: Am 21. November startet der zweite, am 28. November folgt der dritte. Dabei geht wieder um Themen, die direkt aus dem Berliner Alltag gegriffen scheinen: gesellschaftliche Spaltung, Altersarmut oder Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt.
Luise von Finckh trägt diese Spannungsfelder in ihrer Figur mit: Als Enkelin der von Manfred Krug gespielten Kultfigur Robert Liebling schafft sie eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Lisa Liebling steht am Beginn ihrer Karriere und ist fest entschlossen, Haltung zu zeigen – und gleichzeitig ihren eigenen Platz in einer Welt zu finden, die sich unbarmherzig schnell verändert. Die Mischung aus Neugier, Idealismus und Zweifel gelingt der Schauspielerin mit Bravour. Kein Wunder, denn die 31-Jährige steht auch immer häufiger hinter der Kamera und erdenkt als Filmemacherin selbst mutige Stoffe.
Wir treffen Luise von Finck in der Kreuzberger Bar und Pizzeria alimentari totti – einem bunten Laden unweit des Kottbusser Damms, an dem sich vor allem in lauen Sommernächten der halbe Gräfekiez zu tummeln scheint. Und in dem das Motto gilt: Leben auf der Aperolspur! Dazu gibt‘s köstliche Pizzaschnitten auf die Hand.


»Wir haben den nostalgischen Aspekt der alten Serie in eine moderne Zeit übertragen.«
MYP Magazine:
Vor Kurzem hast Du in einem Interview gesagt, dass Du am Anfang gar keine richtige Lust auf die Rolle hattest. Du dachtest, das sei einfach irgendeine andere Fernseh-Anwältin. Tatsächlich steht »Kanzlei Liebling Kreuzberg« aber auf den Schultern einer Vorgänger-Serie, die tief im popkulturellen Gedächtnis eines wiedervereinigten Deutschlands verankert ist. Was macht das Konzept für dich so ungewöhnlich?
Luise von Finckh:
Was uns gelungen ist: dass wir den nostalgischen Aspekt der alten Serie und die Bedeutung, die sie für viele Menschen hatte, in eine moderne Zeit übertragen haben – und darin die modernen, aktuellen Konflikte aufgreifen. Für meine Figur Lisa geht es vor allen Dingen darum, hinter die Kulissen zu schauen und zwischen Recht und Unrecht die Grauzonen zu erwischen. Eine junge Frau, die versucht, sich im Beruf zu etablieren. Diese Dualität aus beidem macht es besonders.
MYP Magazine:
In der Kanzlei prallen starke Charaktere aufeinander. Wie würdest Du die Beziehungen beschreiben?
Luise von Finckh:
Auf jeden Fall antagonistisch. Die alte Serie funktionierte nach der Prämisse: Die Welt verändert sich, aber jemand hat gar keinen Bock darauf. Und darauf hatten die Leute Lust. Jetzt sehen wir: Die Welt verändert sich immer mehr – und meine Figur probiert, für das Richtige einzustehen.

»Auch die Mutter der Hauptfigur wird gefragt, ob sie betroffen sein könnte. Dadurch wird es systemischer.«
MYP Magazine:
In der dritten Folge Eurer Serie spielt Altersarmut bei Frauen eine zentrale Rolle. Was hat Dich daran berührt?
Luise von Finckh:
Ich finde das Thema total spannend, weil Altersarmut – und besonders Altersarmut bei Frauen – ein riesiges gesellschaftliches Thema ist. Und dann geben wir dieser Figur ein Gesicht: eine ältere Dame, die nach dem Tod ihres Mannes überfordert ist und selbst anfängt, komische Sachen zu machen. Sie wird erst als Opfer wahrgenommen, aber man sieht auch ihre Mittäterinnenschaft, weil sie nie Verantwortung übernommen hat. Was ich außerdem gut fand: dass auch die Mutter der Hauptfigur gefragt wird, ob sie betroffen sein könnte. Dadurch wird es systemischer.

»In New York kannst du gar keine High Heels anziehen, weil du so weite Strecken läufst«
MYP Magazine:
Die Serie löst ein starkes Gefühl von Wohlempfinden aus – im Englischen würde man vielleicht von feel-good movie sprechen. Welche TV-Shows oder Filme geben Dir so ein Gefühl, vielleicht sogar ein bisschen Glauben an die Menschheit zurück?
Luise von Finckh:
Tatsächlich »Sex and the City« – obwohl es so realitätsfern ist. Ich war geraden eben erst zwei Monate in New York, um dort als Regisseurin ein Kurzfilmprojekt zu drehen, und musste feststellen: Du kannst dort gar keine High Heels anziehen, weil du so weite Strecken läufst. Aber ich liebe das Gefühl der Serie. Es macht mich einfach glücklich, so viele enge Freundinnen zu sehen, die gemeinsam das Leben meistern.

»Auch bei Gentrifizierung gibt es immer zwei Seiten.«
MYP Magazine:
Yasmine M’Barek schreibt in ihrem neuen Essayband »I feel you« darüber, Empathie auch gegenüber denen aufzubringen, die nicht die eigenen Positionen teilen. Warum schafft »Kanzlei Liebling Kreuzberg« das aus Deiner Sicht so gut?
Luise von Finckh:
Das ist auf den Punkt genau das, was wir da probieren. Auch bei Gentrifizierung gibt es immer zwei Seiten. Du und ich sind total glückliche Kreuzbergerinnen – aber wahrscheinlich Teil der Gentrifizierung. Und das probieren wir in den Fällen aufzugreifen. Es ist nicht immer der arme Anwohner gegen den bösen Kredithai. Wir fragen: Wie kann man die Konflikte der Parteien auf menschliche Art und Weise auflösen?


»So viele Menschen haben Angst, abgehängt zu werden.«
MYP Magazine:
Wenn Du selbst Nachrichten konsumierst: Wie schwer fällt es Dir, Empathie als Alltagsübung aufrechtzuerhalten?
Luise von Finckh:
Ich finde das sauschwer. Ich habe eine Zeit lang gar keine Nachrichten mehr gelesen, weil es mich so überfordert hat. Sudan, Israel, Ukraine, all die Krisen. Dazu erleben wir einen riesigen Rechtsruck. So viele Menschen haben Angst, abgehängt zu werden. Das ist nachvollziehbar – auch wenn rechts sein der falsche Weg ist. Ich finde es sehr schwer, sich in diesen Zeiten festzulegen: Wem schenke ich meine Empathie? Eine Mammutaufgabe. Auch wegen des Überangebots an medialen Informationen.


»Ich gehe gerne mit düsteren Gedanken spazieren.«
MYP Magazine:
Du hast viele interessante Frauenfiguren gespielt, vor allem Heldinnen. Und dann gab es Stella Goldschlag in »Ich bin! Margot Friedländer« Goldschlag war eine bekannte Jüdin, die als Denunziantin für die Gestapo tätig war und untergetauchte Juden ihren Verfolgern ausgeliefert hat. Wie gestalten sich für Dich die Dreharbeiten, wenn Du eine Figur spielst, die auf der falschen Seite der Geschichte steht?
Luise von Finckh:
Als ich Stella gespielt habe, war ich nicht falsch. Ich muss meine Figur verteidigen. Gerade bei Stella finde ich es so interessant: Warum hat sie so gehandelt? Wie kann ich ihr Leben so erzählen, dass man ihre Beweggründe glaubt – und ihr vielleicht sogar verzeiht? Ich gehe gerne mit düsteren Gedanken spazieren.
MYP Magazine:
Neben der Schauspielerei hast Du Kommunikationswissenschaft studiert und drehst eigene Filme. 2023 hast Du das Drama »Triggerwarnung« veröffentlicht. Welche Themen beschäftigten Dich da?
Luise von Finckh:
Bei »Triggerwarnung« geht es um eine Frau nach einer Vergewaltigung – genauer gesagt um ein junges Mädchen, das nicht weiß, wie es seine Grenzen setzt. Dann passiert ein Übergriff, den man so oder so sehen kann. Sie versucht zu begreifen: Wann ist eine Vergewaltigung eine Vergewaltigung? Am Ende geht es darum, dass sie für sich selbst herausfinden muss, was sie will.

»Ich habe das Gefühl, dass keiner mehr Bock hat auf ernste Themen.«
MYP Magazine:
Glaubst Du, dass Filme und Serien heute noch gesellschaftliche Impulse setzen können? Und besteht aus Deiner Sicht eine Bedrohung durch reaktionäre Kräfte?
Luise von Finckh:
Ich habe das Gefühl, dass gerade alle eher dem Eskapismus frönen und keiner mehr Bock hat auf ernste Themen. Es ist schwerer geworden, viele Menschen zu erreichen – der Markt ist diversifiziert. Jeder hat seine eigene Wahrheit gefunden, auch rechte Erzählungen finden viel Anklang. Trotzdem haben Filme und Serien immer noch die Chance, jemanden zum richtigen Zeitpunkt zu berühren und ihn vielleicht zum Umdenken zu bringen.
MYP Magazine:
Der Branche geht es aktuell nicht gut, neben Budgetproblemen gibt es ideologische Grabenkämpfe. Ist die Schauspielerei trotzdem Dein Schicksal?
Luise von Finckh:
Ich habe immer wieder gehadert. Vor allem mit dem großen Druck, funktionieren zu müssen. Aber ich will das Leben, das ich da lebe. Es ist das, was ich als Mensch der Welt geben kann: Menschen berühren. Jeder hat eine Aufgabe. Und das ist aktuell meine.

»Es gibt immer mehr Menschen, die am Kapitalismus verzweifeln. Ich finde das gruselig.«
MYP Magazine:
Wie prägt Dich als Urberlinerin das Leben in Berlin? Und welche Herausforderung nimmst Du hier aktuell am stärksten wahr?
Luise von Finckh:
Ich wohne seit zehn Jahren zwischen Neukölln und Kreuzberg. Was mich beschäftigt: die zunehmende Obdachlosigkeit und der Drogenkonsum auf der Straße. Es gibt immer mehr Menschen, die am Kapitalismus verzweifeln. Ich finde das gruselig. Und ich weiß nicht, wie man damit umgehen soll. Man kann nicht nach und nach alle ausschließen.
MYP Magazine:
Du hast schon früh mit der Schauspielerei begonnen, unter anderem in der Kinderserie »Schloss Einstein«. Welche Werte aus Deiner Kindheit tragen Dich heute noch – und welche hast Du bewusst neu definiert?
Luise von Finckh:
Was sich jetzt noch mal mehr etabliert hat, ist: Menschlichkeit. Ich bin in eine Welt hineingewachsen, in der es viel um Erfolg ging und um das Bild nach außen. Und ich merke, dass mir gute Beziehungen immer wichtiger werden. Am Ende geht es darum, zu geben. Alles andere kommt on top.

»Kanzlei Liebling Kreuzberg«:
Teil 2 (»Bewährungsprobe«) am Freitag, den 21. November 2025, um 20:15 Uhr im Ersten, Teil 3 (»Nachbarschaftshilfe«) am 28. November um 20:15 Uhr.
Alle drei Filme sind bereits jetzt abrufbar in der ARD-Mediathek.
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Interview & Text: Katharina Viktoria Weiß
Fotografie: Frederike van der Straeten





























