Interview — LINA
»Wenn man allen gefallen will, wird die eigene Kunst zum Kompromiss«
Da ist sie wieder: Mit »Melodrama« hat LINA gerade ihr neues Studioalbum veröffentlicht – das fünfte in zehn Jahren. Die Platte ist alles andere als business as usual, denn für das 28-jährige Multitalent bedeutet sie nicht weniger als eine fundamentale Abkehr von allem, was war: von alter Musik, von alter Liebe, von einem altem beruflichen Umfeld. Wir treffen LINA zu einem sehr persönlichen Gespräch über Kunst, die aus Notwendigkeit entsteht, fehlende Haltung in der deutschen Musikindustrie und das überwältigende Gefühl, sich selbst zu vermissen.
26. Januar 2026 — Interview & Text: Jonas Meyer, Fotografie: Maximilian König

Das Eckhaus an der Kreuzung Mittelstraße 42 und Neustädtische Kirchstraße 3 im Berliner Stadtteil Mitte hat schon viel erlebt. Im Laufe seiner über zweihundertjährigen Geschichte war der Gebäudekomplex mal Lebensmittelladen, mal Fotogeschäft und beheimatete unter anderem diverse Bankhäuser, einen Maklerverein sowie eine Destillerie. Nach dem Zweiten Weltkrieg zogen in das Eckhaus erst eine Drogerie und dann eine Gaststätte. Das städtische Fremdenverkehr-Unternehmen Ostberlins und die Redaktion »Wohin in Berlin« waren hier ebenfalls mal ansässig – und, so mutmaßt man, auch eine Abhörstation zur nachrichtendienstlichen Observation der Botschaft der USA.
Nach der Wende stand das Gebäude 24 Jahre lang leer, wurde für Pop-up-Events und als Filmkulisse genutzt und schließlich von einem Stararchitekten umfassend saniert und umgebaut. Und so präsentiert sich das Haus seit September 2022 in seiner bislang jüngsten Facette: als charmantes Boutique-Hotel mit dem glanzvollen Namen Château Royal. Ob es die letzte Rolle ist, in die es schlüpft? Wer weiß.
Deutlich jünger, aber nicht weniger wandelbar ist Lina Larissa Strahl alias LINA, mit der wir uns hier zum Interview und Photoshoot verabredet haben. Die heute 28-Jährige, die in der beschaulichen Gemeinde Seelze in Niedersachsen aufgewachsen ist, gewann 2013 den KiKA-Nachwuchswettbewerb »Dein Song«, spielte dann von 2014 bis 2017 die Hauptrolle in den drei »Bibi & Tina«-Filmen von Detlev Buck, zu deren Soundtrack sie auch mehrere Songs beisteuerte, und veröffentlichte 2016 ihr erstes Studioalbum.
In den Jahren 2017 und 2018 folgten nicht nur zwei weitere, sie wurde in dieser Zeit auch zweimal für den ECHO nominiert. 2019 arbeitete sie zum ersten Mal als Synchronsprecherin und war zudem Kandidatin in der Sat.1-Show »Dancing on Ice«. 2023 brachte sie ihr viertes Album heraus, 2024 nahm sie an der RTL-Sendung »Let’s Dance« teil und startete – in Kooperation mit dem Jugend-Angebot »Dasding« des SWR – den Podcast »Fühl ich«, in dem sie ihre persönliche Erfahrungen zum Thema mentale Gesundheit einbrachte. 2025 wurde sie in die Jury der »Jewrovision« berufen, dem größten Musik- und Tanzwettbewerb jüdischer Jugendzentren in Deutschland. Und 2026?
Das neue Jahr ist aus Linas Sicht fulminant gestartet, hat sie doch mit »Melodrama« gerade ihr fünftes Studioalbum veröffentlicht. Doch mit diesem Album, so hat sie es angekündigt, beginne etwas vollkommen Neues in ihrem Leben: »Jetzt geht es darum, nur noch das zu machen, was sich wirklich richtig anfühlt.« Höchste Zeit also, um mit Lina Larissa Strahl über ihre bislang jüngste Facette zu sprechen. Ob es die letzte Rolle ist, in die sie schlüpft? Wer weiß.

»Mir drängte sich die Frage auf: Wer oder was bin ich eigentlich?«
MYP Magazine:
LINA, in den letzten Monaten wurdest Du vielfach mit dem Satz zitiert: »Ich habe keine Lust mehr auf halb. Keine halben Gefühle, keine halben Songs.« Was genau hast Du damit gemeint?
LINA:
In den Jahren nach meinem dritten Album bin ich in eine Phase geraten, in der ich mich zunehmend unsicher und fremdbestimmt gefühlt habe. Immer mehr Leute aus meinem engsten Umfeld hatten eine Meinung dazu, wohin ich mich als Künstlerin entwickeln sollte. Aber ich selbst fand mich in diesen Ideen immer weniger wieder. Mir drängte sich die Frage auf: Wer oder was bin ich eigentlich? Und wo will ich hin? Aber statt darauf eine Antwort zu finden, habe ich nur versucht, es allen recht zu machen: meinem Team, meinem Publikum und mir selbst. Das Problem ist: Wenn man allen gefallen will, wird die eigene Kunst zum Kompromiss. Das Ganze gipfelte schließlich in »24/1«, meinem vierten Album aus dem Jahr 2023. Wenn ich heute auf diese Platte zurückblicke, kann ich mich damit nur noch schwer identifizieren.
MYP Magazine:
Was ist der Grund dafür?
LINA:
Musikalisch war »24/1« eher melancholisch und introvertiert. Das bin ich als Person zwar auch, vor allem, wenn ich zu Hause bin. Aber das ist nur eine Seite von mir. Im Kern bin ich ein heller, fröhlicher Mensch, der das auch gerne nach außen trägt. Diesem Aspekt wurde »24/1« leider nicht gerecht. »Melodrama« dagegen klingt wie eine musikalische 180-Grad-Drehung. Die 15 Songs sind sehr poppy, rosig und gehen nach vorne. Ich habe das Gefühl: Dieses neue Album will etwas.

»Kann ich das wirklich machen? Oder ist dann mein Leben im Arsch?«
MYP Magazine:
Du verarbeitest in »Melodrama« auch die Trennung von Deinem langjährigen Freund. Ist das der Grund, warum Du das Album in der Presseankündigung als das »persönlichste Kapitel« Deiner bisherigen Karriere beschreibst?
LINA:
Das ist einer der Gründe. Ein anderer ist, dass ich in den letzten zweieinhalb Jahren fast mein gesamtes Team ausgetauscht habe. Nach der Veröffentlichung von »24/1« war ich irgendwann so niedergeschlagen und perspektivlos, dass ich dringend etwas ändern wollte, ändern musste. Aber ich hatte keine Idee, was genau. In diesem Moment kam durch Zufall mein heutiger Manager Gena Londa um die Ecke. Ein Wink des Schicksals! Das Doofe war nur: Ich bin ein sehr harmoniebedürftiger Mensch und habe mich erst nicht getraut, diese Chance tatsächlich zu ergreifen und mein Management zu wechseln. Ich hasse Entscheidungen wie diese und habe sie sehr lange vor mir hergeschoben.
MYP Magazine:
Am Ende ist es Dir aber gelungen.
LINA: (lacht)
Ja, allerdings habe ich vorher noch den Segen meiner Therapeutin gebraucht. Vor dem Trennungs-Gespräch mit meinem alten Manager rief ich sie an und fragte: »Kann ich das wirklich machen? Oder ist dann mein Leben im Arsch?« Und sie antwortete ganz ruhig: »Nee, machen sie das mal ruhig.«

»Ich dachte: Wo ist eigentlich die Person, die hier alles unter Kontrolle hat?«
MYP Magazine:
Was wäre die Welt ohne Therapeut:innen!
LINA:
Stimmt. Und mittlerweile habe ich auch ein neues Label, einen neuen Verlag und neue Produzenten. Für mich ist das ein riesiger Schritt nach vorne, denn bei »Melodrama« kann ich voller Stolz sagen: Alles darauf bin zu hundert Prozent ich. Jede Textzeile, jeder Ton ist mindestens einmal durch meine Gedanken gegangen. Das hat vor allem in der Abgabephase auch einen gewissen Druck erzeugt. Ich dachte: Wo ist eigentlich die Person, die hier alles unter Kontrolle hat? Und da ist mir aufgefallen, dass ich jetzt diese Person bin.

»Es gibt mir etwas, wenn ich weiß, dass meine ängstliche Seite irgendwo ein Auffangbecken hat.«
MYP Magazine:
Wie war es für Dich, mit Menschen, die Du vorher nicht kanntest, an so einer persönlichen, fast intimen Platte zu arbeiten?
LINA:
Ich habe schon immer sehr viel daraus gezogen, mich mit anderen Menschen zu verbinden und beispielsweise Stressmomente gemeinsam durchzustehen. Es gibt mir etwas, wenn ich weiß, dass meine ängstliche Seite irgendwo ein Auffangbecken hat und ich Menschen um mich herum habe, die an mich glauben.
Aber es stimmt schon: Gerade in der Musikszene, in der es oft um sehr persönliche Gefühle oder unangenehme Themen geht, ist es nicht so leicht, sich gegenüber anderen zu öffnen. Oft braucht man eine Weile, um sich einzugrooven – vor allem, wenn man wie ich gerade den Zusammenbruch einer langjährigen Liebesbeziehung erlebt hat und mit der Welt völlig überfordert ist.
MYP Magazine:
Aber ist gerade dieses Trennungsthema nicht so universell, dass so gut wie alle Menschen, mit denen man sich dazu austauscht, aus ihren eigenen Erfahrungen und Gefühlen schöpfen?
LINA:
Das ist es zweifellos. Aber mir persönlich fällt es grundsätzlich schwer, mich vor anderen Menschen traurig und verletzlich zu zeigen. Früher habe ich in solchen Situationen gerne eine Maske aufgesetzt und die Lustige gespielt. Aber ich musste feststellen: Es ist sehr, sehr energieziehend, wenn man sich permanent verstellt. Glücklicherweise war ich bei der Arbeit am neuen Album ausschließlich mit Leuten zusammen, die mir schnell das Gefühl gaben, dass ich alles mit ihnen teilen kann – und dass das auch auf eine entsprechende Resonanz trifft. Ich habe gespürt: Meine Gedanken werden gehört und jemand anderes findet vielleicht noch andere, bessere Worte für das, was ich eigentlich sagen will.

»Ich habe an mir die Gewissheit vermisst, dass ich auch allein funktionieren kann.«
MYP Magazine:
Apropos in Verbindung treten: Mit dem Song »Wieder da« sprichst Du vielen aus der Seele, die ebenfalls gerade eine Trennung hinter sich haben. Hängen bleibt dabei vor allem die Zeile fühlt sich gut an, ich hab‘ mich vermisst. Sich selbst diesen Satz zu sagen, ist eher ungewöhnlich. Was genau hast Du an Dir vermisst?
LINA:
Ich habe an mir die Gewissheit vermisst, dass ich auch allein funktionieren kann. Die war mir abhandengekommen. Denn zum einen steckte ich in einer Beziehung fest, die schon seit Jahren am seidenen Faden hing und die ich trotzdem nicht beenden wollte – aus Angst, wieder allein zu sein. Zum anderen hat mein berufliches Umfeld nicht mehr gepasst. Natürlich bin ich jetzt kein neuer Mensch. Und ich spiele auf dem neuen Album auch textlich mit vielen theoretischen Versionen und Wunschbildern von mir, von denen ich in Realität noch ganz weit weg von mir sind.
MYP Magazine:
Ist sich selbst zu vermissen etwas, das man aktiv lernen muss?
LINA:
Es tut auf jeden Fall gut, ab und zu mal in seinem Leben innezuhalten und zu überprüfen, wer man ist, was man macht und ob das alles noch richtig ist. Nach dem Ende meiner Beziehung habe ich mich gefragt: Wer bin ich überhaupt allein, ohne den anderen? Vor allem in den ersten Wochen war ich überzeugt: Ohne meinen Partner bin ich niemand, ohne meinen Partner bin ich gar nicht existenzfähig.

»Ich setze mich nur ans Klavier, wenn ich kurz vorm Weinen bin.«
MYP Magazine:
Manchmal ist es eh viel wichtiger zu wissen, wer man nicht sein will und was man nicht machen will.
LINA:
Genau. Ich will nicht mehr kleingehalten werden. Und ich will nicht mehr für Mucke stehen, die zurückgenommen und eingefallen ist. Meine Karriere fing damals an mit einem Song, der »Freakin’ Out« hieß und richtig laut war. Und die darauf folgenden drei Alben waren ebenfalls laut. Das bedeutete live auf der Bühne: herumspringen, strahlende Gesichter, viel Rosa und Glitzer. Das ist leider irgendwann verloren gegangen.
MYP Magazine:
Und deshalb nun der Albumtitel »Melodrama«?
LINA:
Absolut. Lyrisch stecken viele, viele Sehnsüchte in dem Album, aber es ist alles auch mit einem leichten Lächeln verbunden.
MYP Magazine:
Im »Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache« ist der Begriff Melodrama definiert als ein »Werk, das leidenschaftlich-pathetisch und dramatisch effektvoll inszeniert ist«…
LINA:
… aber das nie tragisch endet! Sonst wäre es eine Tragödie.
MYP Magazine:
Das heißt, wenn schon Neuanfang, dann mit Pauken und Trompeten?
LINA:
Irgendwie ja. Mein Team und ich denken auch schon weiter, denn wir glauben: Man muss musikalisch noch viel mehr abreißen und etwas noch Wilderes machen.
MYP Magazine:
Und trotzdem schreibst Du deine Songs spätabends am Klavier. In welche Stimmung begibst Du dich da? Und was löst das in Dir aus?
LINA:
Ich setze mich nur ans Klavier, wenn ich kurz vorm Weinen bin oder gerade nicht mehr weiß, was ich machen soll. Ich glaube, das geht den allermeisten Künstler:innen ähnlich. Mich würde mal interessieren, ob es wirklich Leute gibt, die – wenn sie sich zu Hause in einem absolut glücklichen Moment befinden und denken: best day ever – darüber tatsächlich einen Song schreiben. Bei mir ist es das Gegenteil: Die meisten Ideen habe ich tief in der Nacht, wenn ich nicht schlafen kann.

»Meine Lyrics sind nach wie vor sehr dunkel.«
MYP Magazine:
Von der Schauspielerin Carrie Fisher stammt der berühmte Satz »Take your broken heart, make it into art.« Ist es nicht tragisch, dass es bei Kunst oft erst ein gebrochenes Herz braucht, aus dem man emotional schöpfen kann?
LINA:
Ach, wie lustig: Zu der Zeit, als ich mich von meinem Freund trennen wollte und alles so grausam war, sagte jemand zu mir: »Schreib es auf und mach daraus Kunst.« Diese Notiz habe ich immer noch auf meinem Handy.
MYP Magazine:
Da schließt sich der Kreis.
LINA: (lacht)
Tatsächlich! Um auf Carrie Fisher zurückzukommen: Ich glaube, aus Gefühlen wie Verzweiflung, Einsamkeit, Melancholie oder Sehnsucht kann man künstlerisch sehr viel erschaffen. Allerdings würde ich mich auch freuen, wenn ich einfach mal einen happy Song hätte, der mir richtig leicht über die Lippen kommt. Aber noch ist das nicht ganz so mein Ding, meine Lyrics sind nach wie vor sehr dunkel, auch wenn sie musikalisch in uplifting poppy vibes verpackt sind.

»Ich finde es bestürzend, wie wenig Kolleg:innen sich mit den Demonstrierenden im Iran solidarisiert haben.«
MYP Magazine:
Du wolltest mit diesem neuen Album nicht nur Pop mit einer persönlichen Geschichte machen, sondern auch »Pop mit Haltung«, wie es in der Vorankündigung heißt. Darin schreibst Du: Du wolltest »Songs machen, die auf Deutsch genau das transportieren, was international so selbstverständlich klingt.« Wie blickst Du auf die Musikszene hierzulande? Wo genau fehlt es an Haltung?
LINA:
Schwierige Frage. Aus meiner Sicht ist Haltung generell ein Problem in der Musikindustrie. Ich habe den Eindruck, dass sehr viele Artists ihre Stimmen nur für das erheben, was auch alle anderen sagen. Das passiert in der Regel aus einer Wohlfühl-Bubble heraus, in der man Dinge schreiben oder sagen kann, ohne von irgendjemandem schief angeschaut zu werden. In dem Zusammenhang finde ich es auch bestürzend, wie wenig Kolleg:innen sich in den letzten Tagen und Wochen öffentlichkeitswirksam mit den Demonstrierenden im Iran solidarisiert haben.
MYP Magazine:
Hast Du eine Vermutung, woran das liegen könnte?
LINA:
Ich denke, das hat vor allem damit zu tun, dass hier ein gemeinsames Feindbild fehlt. Der Protest gegen Israel zum Beispiel ging vielen, die jetzt zum Iran schweigen, wesentlich einfacher von den Lippen.

»Man muss als deutsche Popkünstlerin nicht immer nur die sein, die permanent laut ist, sich nicht unterkriegen lässt und die Hosen anhat.«
MYP Magazine:
Apropos Haltung: In Deinem Song »Sie weiß« erzählst Du von einer Frau, die von ihrem Mann betrogen wird, aber ganz genau checkt, welches Spiel er mit ihr spielt. Müsste man sie im Song nicht ermutigen, diesen Lappen endlich zu verlassen?
LINA:
Ich weiß, das klingt im ersten Moment nach einer eher unterwürfigen Rolle, die ich da skizziere. Aber in der Realität ist die Situation oft komplexer, als man das gerne hätte. Viele Frauen befinden sich nach wie vor in Abhängigkeitsverhältnissen zu ihren Ehemännern, da ist es nicht so leicht, einfach zu gehen. Davon abgesehen waren das in dem Moment, als ich den Song geschrieben habe, meine tatsächlichen Gefühle und Gedanken. Warum sollte ich die nicht genau so in Lyrics fassen?
Und in anderen Songs beschreibe ich zum Beispiel mein Bedürfnis, anderen gefallen zu wollen. Das ist etwas total Menschliches, das ich ebenfalls genau so formulieren kann. Man muss als deutsche Popkünstlerin nicht immer nur die sein, die permanent laut ist, sich nicht unterkriegen lässt und die Hosen anhat. Man darf auch mal das Bedürfnis haben, in einer Beziehung die kleinere Person sein. Und diese Gefühlslage möchte ich in einem Song ausdrücken können, ohne dass direkt herumgeschrien wird.

»Im Kern geht es darum, dass man sich als Frau dem Mann zu unterwerfen hat. Hauptsache, sie kocht für ihn.«
MYP Magazine:
Wenn man mal in andere Musikgenres blickt, etwa den Deutschrap, scheint es für viele Männer auch im Jahr 2026 immer noch völlig okay zu sein, ihre Frauen zu betrügen. Die Maßstäbe und Wertvorstellungen, die dagegen an Frauen gerichtet sind, sind nach wie vor ganz andere. Wie blicken Menschen Deiner Generation auf diese Situation?
LINA:
Ganz ehrlich: Ich bin total verwirrt und checke nicht, was da gerade abgeht. In der deutschen Influencer-Szene macht sich zurzeit ein ultrachristlicher Trend breit, in dessen Kern es darum geht, dass man sich als Frau dem Mann zu unterwerfen hat. Hauptsache, sie kocht für ihn. Das Kranke ist: So etwas wird nicht nur von Jungs verbreitet, sondern auch von Mädels. Die predigen voller Ernst diesen rückwärtsgewandten Lifestyle.
Aber auch in der deutschen Musikszene ist das Thema Feminismus aus meiner Sicht noch ausbaufähig. Bitte nicht falsch verstehen: Ich finde es voll okay, wenn Kolleg:innen sich möglichst skinny in knappen Outfits präsentieren. You do you. Und ich freue mich für jede einzelne Frau, die mit ihrer Musik Erfolg hat. Leider stelle ich mir vor allem bei deutschen Artists oft die Frage: Wie viel davon ist authentisch? Und wie viel wird nur gemacht, damit es auf Plattformen wie TikTok funktioniert?
MYP Magazine:
Fällt Dir eine Kollegin ein, bei der Du spontan sagen würdest, die macht’s richtig gut?
LINA:
Ja, Addison Rae aus den USA zum Beispiel. Die finde ich supercool. Auch sie ist immer ultraknapp angezogen, aber vermittelt aus meiner Sicht ein viel selbstbestimmteres, stärkeres Frauenbild als etliche deutsche Kolleginnen. Das gelingt ihr unter anderem mit einem Körper, der einfach gesund aussieht – wie auch immer Körper aussehen sollten.
Ich finde, bei Alison können die Kids wirklich hinschauen, ohne direkt schlechte Gefühle zu haben – und zwar im Sinne von: Ich muss jetzt so und so aussehen oder das und das machen, um ein Bunny zu sein. Diese Attitüde verwirrt mich ohnehin sehr, das verstehe ich persönlich nicht. Aber in der Kunst ist es eh so, dass am Ende alle für sich selbst entscheiden müssen, wie und womit sie nach außen treten.

»Ich weiß, dass mein neues Album wahrscheinlich keine Platte wird, bei der das halbe Land durchdreht.«
MYP Magazine:
»Ein Kunstwerk ist gut, wenn es aus Notwendigkeit entstand«, heißt es bei Rilke. Siehst Du das ähnlich?
LINA:
Ja, man muss etwas wollen. Ich weiß, dass mein neues Album wahrscheinlich keine Platte wird, bei der das halbe Land durchdreht. Aber das ist auch völlig okay. Viel wichtiger ist mir, dass »Melodrama« etwas ist, an dem ich persönlich wachsen konnte. Dieses Wachstum ging stellenweise so schnell, dass mir bereits während der Finishing-Phase auffiel, dass die eine oder andere Textstelle nicht mehr aktuell ist – weil sie nicht mehr meinem emotionalen Entwicklungsstand entspricht.
Aber das ist egal. Das Album ist eh eine Momentaufnahme aus meinem Leben, das aus all den Gedanken entstand, die ich über Monate und Jahre als Handy-Notiz festgehalten hatte. Und es steht für eine Musik, die mir persönlich gefällt und die im Studio einfach so aus mir herausgekommen ist.

»In den USA ist der Begriff Kinderstar nicht so negativ konnotiert wie bei uns in Deutschland.«
MYP Magazine:
Du stemmst Dich seit vielen Jahren gegen die Bezeichnung Kinderstar, die Dir medial immer wieder angeheftet wird. Ist dieser Begriff ein beliebtes und bequemes Mittel, um eine junge Frau nicht so ernst zu nehmen und sich mit ihren erwachsenen Anliegen zu befassen?
LINA:
Mittlerweile bekomme ich bei dem Wort kein Herzrasen mehr. Am Ende stimmt es ja auch. Miley Cyrus war ebenfalls ein Kinderstar, jetzt ist sie eine erwachsene Frau. Für mich – und viele andere – wird sie immer der Star meiner Kindheit bleiben. Und gleichzeitig ist sie der Star meiner Gegenwart.
In den USA ist der Begriff ohnehin nicht so negativ konnotiert wie bei uns in Deutschland. Hierzulande wird das Wort eher abfällig benutzt. Erstens, weil wir gerne immer noch in Schubladen denken. Und zweitens, weil es hier nicht riesige Maschinerien wie Disney gibt, die ehemalige Kinderstars auch im Erwachsenenalter konsequent weiterentwickeln, bis sie für den Oscar nominiert sind oder wie Zendaya in »Dune« mitspielen. Diese Denke gibt es hier nicht.

»Solche Nachrichten haben mich immer wieder zum Weinen gebracht.«
MYP Magazine:
Für viele Deiner Fans hast auch Du dich vom Kinderstar zum erwachsenen role model entwickelt – nicht zuletzt durch Deinen SWR-Podcast »Fühl ich«, in dem Du 2024 über persönliche Erfahrungen rund um das Thema mentale Gesundheit gesprochen hast. Wie blickst Du auf diese Zeit zurück?
LINA:
Dieser Podcast war mein allergrößtes Herzensprojekt – auch wenn das Ganze unfassbar viel Zeit gekostet hat und ich gezwungen war, mich viel mit mir selbst und den entsprechenden Themen zu beschäftigen. Trotzdem erinnere ich mich gerne daran zurück, auch weil ich damals etliche Nachrichten von Menschen erhalten habe, die sich bei mir bedankt haben. Ich erinnere mich zum Beispiel noch gut an einen Jugendlichen, der mir schrieb, wie sehr es ihm geholfen habe, dass wir das Thema Depressionen so ausführlich behandelt hätten. Solche Nachrichten haben mich immer wieder zum Weinen gebracht.

»Ich wollte in meinem Podcast über transgenerationale Traumata sprechen.«
MYP Magazine:
Warum war schon nach zwölf Folgen Schluss?
LINA:
Dass der Podcast zu Ende ging, war eher unfreiwillig. Das Projekt ist tatsächlich an einem Haltungs-Thema gescheitert. Damals gab es bereits erste Vorgespräche zu einer zweiten Staffel. Meine Idee war, für die einzelnen Folgen diverse Künstler:innen aus der Musikbranche einzuladen, außerdem wollte ich für eine Folge die Psychologin und Autorin Laura Cazés zu Gast haben. Mit ihr wollte ich in meinem Podcast über transgenerationale Traumata sprechen. Lauras Kernthema ist die Diversität jüdischer Lebenswelten in Deutschland, es geht ihr in ihrer Arbeit um deren Wahrnehmung und Einbezug in gesellschaftliche Diskursräume.
MYP Magazine:
Das klingt nach einer spannenden Besetzung.
LINA:
Laura wäre ideal gewesen. Die Vorfahren ihres Vaters waren türkische Jüdinnen und Juden, die nach Argentinien emigrierten, ihre Mutter stammt von polnischen Jüdinnen und Juden ab, die die Shoah überlebten. Dabei ist das Thema nicht nur für uns Deutsche interessant, die in ihren Familien immer noch nicht oder nur unzureichend die Verantwortung der eigenen Vorfahren bei der Ermöglichung des Holocaust diskutieren. Auch für Menschen, die aus Ländern geflohen sind, in denen seit Jahrzehnten Gewalt und Unterdrückung herrscht, ist die Theorie transgenerationaler Traumata ein relevantes Thema.

»Ich wäre nicht im Entferntesten auf die Idee gekommen, jemanden aufgrund einer Identitätsfrage auszuladen.«
MYP Magazine:
Woran ist es am Ende gescheitert?
LINA:
Dieser Podcast sollte trotz der schweren Themen ein Wohlfühlding sein, an dem alle Menschen teilhaben können. Aber mein Manager und ich hatten nach mehreren Gesprächen den Eindruck, dass einige Vertreter:innen des SWR mit Lauras kulturellem Hintergrund ein Problem hatten. Und so gab es keine Grundlage mehr für eine weitere Zusammenarbeit.

»Nicht wenige Schüler:innen meldeten sich, weil sie nicht wussten, was Stolpersteine sind.«
MYP Magazine:
Vor Kurzem warst Du selbst zu Gast in einem Podcast, genauer gesagt im Diffus-Format »Zum Dorfkrug«. Darin haben Dir die Kolleg:innen einige interessante Fakten zu Deiner Heimatgemeinde Seelze vorgestellt – etwa in Bezug auf die jüdische Familie Willner, die vor etwa 100 Jahren in Seelze ein Textilgeschäft betrieben hatte. Während Vater Emil und Tochter Ilse kurz vor dem Krieg fliehen konnten, wurden die beiden Brüder Erwin und Berthold im KZ Bergen-Belsen bzw. im Ghetto Riga ermordet. Kanntest Du die Geschichte dieser Familie?
LINA:
Nein, leider nicht. Ich muss aber auch sagen, dass ich – wahrscheinlich wie viele Kids meiner Generation – in der Schule davon nichts mitbekommen habe. Gerade, was die Aufarbeitung der Schicksale von Menschen angeht, die in unserem heutigen Wohnumfeld gelebt haben, haben wir aus meiner Sicht krasse Lücken gelassen. Ich kann mich noch gut erinnern, dass es bei uns in einer Abi-Klausur mal um das Thema Stolpersteine ging. Nicht wenige Schüler:innen meldeten sich, weil sie nicht wussten, was Stolpersteine sind – und das im Prüfungsfach Geschichte mit Schwerpunkt NS-Zeit. Klar, es werden einem in der Schule die wichtigsten Fakten zur Nazi-Diktatur beigebracht. Aber um Einzelschicksale geht es da so gut wie nie. Und in den einzelnen Familien wird auch kaum darüber gesprochen. Was das Thema Vergangenheit angeht, handeln viele nach dem Motto: Wir packen das mal weg und reden nicht darüber. Daher fand ich es sehr erfrischend, dass die Diffus-Leute an die jüdische Familie aus Seelze erinnert haben. So etwas erlebt man leider immer seltener.

MYP Magazine:
Wir haben eben über Pop mit Haltung gesprochen. Versagt die deutsche Musikszene auch im Kampf gegen Antisemitismus?
LINA:
Ja, ich finde schon. Aus meiner Sicht sollte man vor allem als Künstler:in die Grundhaltung haben, dass es nicht nur wichtig ist, gegen das Töten von Menschen zu sein, sondern auch gegen jegliche Ausgrenzung aufgrund von Kultur, Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht oder sexueller Identität. Leider ist es mittlerweile zur Normalität geworden, ganz bequem mit einem Klick irgendwelche KI-generierten Sachen zu teilen, ohne zu prüfen, woher diese Inhalte kommen oder was damit eigentlich gesagt wird.
»Die Kids konnten sich einfach nicht erklären, dass sich eine nichtjüdische Person für ihr Event interessiert und sie unterstützt.«
MYP Magazine:
Du warst letztes Jahr in der Jury der Jewrovision 2025. Was genau ist das für ein Event?
LINA:
Die Jewrovision ist der größte überregionale Gesangs- und Tanzwettbewerb der jüdischen Jugendzentren in Deutschland, organisiert und ausgerichtet wird er wird vom Zentralrat der Juden in Deutschland. Kids aus 16 Bundesländern treten mit ihren Musik- und Tanzperformances gegeneinander an – und das Bundesland, das gewinnt, trägt das Event im nächsten Jahr aus.
MYP Magazine:
Und warum war es Dir wichtig, Teil dessen zu sein?
LINA:
Ich war bereits 2024 als Besucherin da, um mir das Ganze mal anzuschauen. Schon damals fand ich es überwältigend, so viele Jugendliche in einem Raum zu sehen, die sich in der deutschen Gesellschaft – vor allem in der aufgeheizten Stimmung gerade – nicht wirklich wiederfinden und denen es dennoch gelingt, ein ganz besonderes Gefühl der Zusammengehörigkeit zu erzeugen.
Das Traurige ist: Die Kids haben mich damals gefragt, ob ich auch Jüdin bin. Sie konnten sich einfach nicht erklären, dass sich eine nichtjüdische Person für ihr Event interessiert und sie unterstützt. Dabei tragen gerade diese Kinder und Jugendlichen jene Notwendigkeit in sich, über die wir eben gesprochen haben. So waren ihre vielen Performances auch durchgehend geprägt von ernsten Anliegen und einer tiefen Traurigkeit, gleichzeitig aber auch von extrem viel Hoffnung, Mut und Optimismus. Diese Kids, die wollen wirklich etwas. Das hat mich sehr, sehr berührt.

Mit besonderem Dank an das Team des Château Royal Berlin.
Mehr von und über LINA:
Interview & Text: Jonas Meyer
Fotografie: Maximilian König
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Hair & Make-up: Anne-Marie Wittchen





























