Interview — Knats
»In Newcastle gibt es immer einen Weg nach vorn«
Mit »A Great Day In Newcastle« haben Knats im Mai eines der aufregendsten Jazzalben des Jahres vorgelegt. Die Platte besticht einerseits durch ihren frischen und energetischen Sound, andererseits durch die für dieses Genre so besondere Verknüpfung von Musik und Poesie: ein Stilmittel, mit dem die junge Band das Leben im Nordosten Englands beleuchtet – ungeschönt, pointiert und gleichzeitig überaus liebevoll. Im Interview erzählen die Jungs, wie es ist, in einer von toxischer Männlichkeit geprägten Kultur aufzuwachsen, wie mithilfe strenger Regeln bessere Musik entstehen kann und was das Arbeitsethos einer alten Bergbauregion mit ihrer jungen Band zu tun hat.
17. September 2026 — Interview & Text: Jonas Meyer, Fotografie: Roberto Brundo

»Du kannst mir glauben«, schreibt Benjamin Myers in »Offene See«, »alles, was du je gefühlt hast, wurde vor dir schon von einem anderen menschlichen Wesen gefühlt. Vielleicht kannst du dir das nicht vorstellen, aber es ist die Wahrheit. Darum geht es in der Lyrik. Sie erinnert uns genau an diese Tatsache. Durch Dichtung vermittelt uns die Menschheit, dass wir nicht völlig allein auf der Welt sind.«
In seinem Roman erzählt Myers die Geschichte eines Teenagers, der Ende der 1940er Jahre die Enge seines Heimatdorfs im Nordosten Englands verlässt – getrieben wird er von der Sehnsucht, dass da draußen vielleicht noch ein anderes Leben auf ihn warten könnte als das, was seine Eltern für ihn vorgesehen haben. Denn wenn es nach seiner Familie geht, soll der junge Mann, wie etliche Generationen vor ihm, sein Leben als Bergmann unter Tage fristen. So war und ist es in dieser Gegend üblich, so soll es immer bleiben.
Doch diesem Schicksal will sich der 16-Jährige nicht so einfach ergeben und wandert einfach los. Auf seiner Reise ins Unbekannte freundet er sich mit einer älteren Dame an, die allein in einem Cottage an der Küste von Yorkshire lebt und ihn behutsam mit der Welt der Literatur vertraut macht, was ihm eine gänzlich neue Perspektive für sein Leben eröffnet.
Aus dieser von Bergbau geprägten Region im äußersten Nordosten Englands stammt auch die Jazzband Knats, genauer gesagt aus der Hafenstadt Newcastle upon Thyne. Gegründet wurde die Combo von Bassist Stan Woodward und Drummer King David Ike-Elechi. Die beiden lernten sich als Siebtklässler in der Schule kennen, wurden beste Freunde und fingen an, gemeinsam Musik zu machen. Im Laufe der Zeit kam der Trompeter Ferg Kilsby dazu, dann folgten der Saxophonist George Johnson, Sandro Shar am Piano und schließlich der Dichter Cooper Robson.
Ja, richtig gelesen: ein Dichter. Denn in ihrem zweiten Studioalbum, das Anfang Mai erschienen ist, lassen Knats immer wieder mit Poesie-Elemente in ihre Musik einfließen. Diese Texte befassen sich eindrücklich mit den Lebensumständen in einer Gegend, die lange von knochenharter Arbeit unter Tage geprägt war. Eine Gegend, in der sich heute, nachdem auch die letzte Zeche geschlossen wurde, immer wieder Perspektivlosigkeit, toxische Männlichkeit und Alkoholmissbrauch zu einem gefährlichen Mix zusammenbrauen, was Knats auf ihrem neuen Album schonungslos thematisieren.
Dennoch hat die Band ihre neue Platte »A Great Day In Newcastle« getauft – und das aus gutem Grund. Denn die Jungs haben entschieden, ihrer Heimat mit viel Liebe statt mit Wut zu begegnen. Sie nehmen ihre Stadt musikalisch in den Arm und begegnen ihr mit viel Humor, Empathie und Wertschätzung, statt sich von ihr abzuwenden – auch wenn die meisten Bandmitglieder mittlerweile in London leben.
Herausgekommen ist dabei eine wahnsinnig gute, frische und mächtige Jazzplatte, die es gerade auf die Shortlist des renommierten Mercury Prize geschafft hat – als Anwärter auf das beste Album des Jahres 2026. Vor wenigen Wochen waren Knats in der BBC-Show »Later… with Jools Holland« zu Gast, jetzt dürfen wir sie hier in Deutschland vorstellen. Vier der sechs Bandmitglieder haben wir zum Interview getroffen – an einem großartigen Tag in Berlin.


»Wenn man jemanden aus Spaß umarmt, umarmt man ihn trotzdem.«
MYP Magazine:
Stan, Ende April hast Du beim Brick Lane Jazz Festival dem Londoner Publikum zugerufen: »Lasst eure Familie und Freunde wissen, dass ihr sie liebhabt!« Warum war es Dir in dem Moment so wichtig, das loszuwerden?
Stan:
Soweit ich mich erinnere, habe ich das nach »Azure Blues« gerufen, einem Stück von unserem neuen Album. Ganz ehrlich: Die Bemerkung war eher mit einem Augenzwinkern gemeint. Denn ich finde es immer ein bisschen unauthentisch, wenn man fremden Menschen solche Sätze entgegenwirft. Aber in der Situation war’s einfach lustig.
Ferg:
Trotzdem kann so ein Satz die Leute näher zusammenbringen – auch wenn er als Scherz gemeint war. Denn wenn man jemanden aus Spaß umarmt, umarmt man ihn trotzdem.
Cooper:
Ferg hat recht. Dieses ganze »Wir haben uns alle lieb«-Ding kann schnell zu viel werden, wenn man es todernst meint. Aber mit einem gewissen Augenzwinkern funktioniert es ganz gut. Die Leute lachen im ersten Moment darüber, denken sich aber vielleicht auch: »Stimmt eigentlich, ich sollte meiner Familie und Freunden mal wieder sagen: Ich hab‘ euch lieb.«

»Erst, wenn man etwas hinter sich lässt, merkt man, wie wertvoll es eigentlich ist.«
MYP Magazine:
Apropos Liebe: Beim Brick Lane Jazz Festival habt Ihr euer neues Album auch als Liebesbrief an eure Heimatstadt bezeichnet. Dabei haben einige von Euch mittlerweile Newcastle gegen London eingetauscht. Ist es leichter, so einen Liebesbrief an die Heimat aus der Distanz zu schreiben? Braucht es einen gewissen Abstand, um den Blick zu schärfen?
Stan:
Ja, mehr oder weniger. Es ist wie mit so vielem im Leben: Erst, wenn man etwas hinter sich lässt, merkt man, wie wertvoll es eigentlich ist. Gerade in Zeiten, in denen wir mit der Band viel unterwegs sind, wird uns immer wieder bewusst, was unsere eigene Heimat so besonders macht.
MYP Magazine:
Ferg, du bist wie Stan vor einer Weile nach London gezogen. Gibt es etwas in Bezug auf Newcastle, was Du dort vermisst?
Ferg:
Den Newcastle-Sarkasmus! Diese Art von Humor lässt sich nicht immer übersetzen – gerade in London verstehen die Leute viele unserer Witze nicht.
Stan:
Für mich sind es vor allem die Menschen. In Newcastle sind die Leute im Vergleich zu London freundlicher – und offener. Da wirst du auf der Straße angehalten, nur weil jemand kurz hallo sagen will. Oder jemand fängt im Bus einfach ein Gespräch mit dir an. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass Newcastle kleiner ist. Aber es gibt dort einfach ein sehr ausgeprägtes Gemeinschaftsgefühl.


»Bei vielen Menschen sind Alkohol und Drogen eine Folge von Langeweile, Depression oder Einsamkeit.«
MYP Magazine:
In Eurem musikalischen Liebesbrief an Newcastle greift Ihr viele ernste Themen auf, darunter toxische Männlichkeit, Alkoholismus und Gewalt. Ist das neue Album auch gleichzeitig eine Art Abrechnung mit Eurer Heimat?
Stan:
Nein, ganz im Gegenteil. Es geht uns darum, auf die Probleme von Menschen aufmerksam zu machen, die im Leben mit weniger Chancen beschenkt wurden. Und damit meine ich nicht nur fehlende Möglichkeiten, um sich kreativ auszudrücken. Sondern auch die Tatsache, dass Perspektivlosigkeit oft zu Langeweile führt – und wer sich langweilt, greift schneller mal zur Flasche. Klar, es gibt auch Leute, die einfach gerne feiern. Zu diesen Leuten hab‘ ich selbst auch mal gehört. Aber bei vielen Menschen sind Alkohol und Drogen eine Folge von Langeweile, Depression oder Einsamkeit. Das ist ein großes Problem in unserer Gesellschaft.
»In Newcastle gab es immer irgendwo eine Schlägerei.«
MYP Magazine:
Beim Brick Lane Jazz Festival hast Du das Stück »Never Gonna Be A Boxer« mit den Worten angekündigt: »Der nächste Song handelt von einem Jungen, dessen Vater möchte, dass er Boxer wird. Dabei will der Junge etwas ganz anderes sein: ein Kreativer vielleicht. Oder ein Klempner. Aber auf keinen Fall ein Boxer.« Um welche Botschaft ging es Dir hier?
Stan:
Ich habe mich da an eine Zeit erinnert, als ich selbst noch zur Schule ging. Damals waren die meisten Jungs eigentlich immer nur auf der Suche nach dem nächsten Kampf. Dort, wo ich herkomme, herrscht eine Kultur, in der es darum geht, sich möglichst männlich zu verhalten – das ist absolut toxisch. In Newcastle gab es immer irgendwo eine Schlägerei.
MYP Magazine:
Dabei wirkt es auf der Bühne manchmal so, als würdest Du deinen Bass wie ein Gewehr halten.
Stan: (lacht)
Vielleicht hat das Ganze bei mir tiefere Spuren hinterlassen, als ich dachte. Das Groteske ist: In Newcastle herrscht eine ausgeprägte Prügelkultur und die allermeisten Typen fühlen sich regelrecht verpflichtet, dabei mitzumachen. Gleichzeitig haben sie aber riesige Angst davor.
Auf dieser Widersprüchlichkeit basiert auch die Grundidee des Songs, der allerdings mit einem gewissen Augenzwinkern zu verstehen ist – im Gegensatz übrigens zu vielen anderen Stücken, die eher ernst gemeint wörtlich zu nehmen sind. Ich denke da zum Beispiel an »7 Bridges To Burn«, den Intro-Track unseres neuen Albums. Aber selbst darin steckt ein gewisser Humor.
Cooper: (lächelt)
Ein ganz kleines bisschen.

»Kinder aus Arbeiterfamilien haben nach wie vor weniger Chancen.«
MYP Magazine:
Stan, in einem Interview mit The Guardian haben King und Du erzählt, dass Ihr in der Schule vor Euren Freunden die Tatsache geheim halten wolltet, dass Ihr Musik macht. Was war der Grund?
Stan:
Als ich zehn war, habe ich mir selbst Gitarre beigebracht. Aber bei den Leuten, mit denen wir damals abhingen, galt es als ziemlich peinlich, Musiker zu sein oder sich überhaupt für Musik zu interessieren. Daher wollte ich diesen Aspekt meines Lebens so gut wie möglich verstecken. Das war einfach nichts, womit ich mich vor den anderen entblößen wollte.
MYP Magazine:
Wie geht die Gemeinschaft in Newcastle generell mit Kindern um, die aus dem normativen Rahmen fallen?
Stan:
Kinder aus Arbeiterfamilien haben nach wie vor weniger Chancen, insbesondere wenn es um ihre kreative Entfaltung geht. Wir als Band versuchen, dagegen etwas zu tun, indem wir Musik-Workshops anbieten. Aber viele Kids entwickeln sich leider so, dass sie durch die Straßen ziehen und Scheiße bauen.
Cooper:
Dazu muss man sagen, dass Newcastle – wie viele andere Städte auch – sehr unterschiedliche Viertel hat, in denen sehr unterschiedliche Menschen leben. Gleichzeitig ist die Identität der Stadt noch immer stark mit dem Bild des traditionellen, männlichen Arbeiterklasse-Typs verbunden. Auch wenn es inzwischen mehr Studierende, mehr Gentrifizierung und mehr junge Berufstätige gibt: Sobald man das Stadtzentrum verlässt und sich in Richtung der Vorstädte bewegt, wird man mit dem konfrontiert, was Stan beschrieben hat. Und das ist nicht besonders schön.

»Es geht um die gewaltige und endlose Schufterei, die die Leute über Jahrzehnte und Jahrhunderte im Kohlebergbau geleistet haben. Und darum, wie abgefuckt diese Arbeit war.«
MYP Magazine:
Vor 102 Jahren, am 11. Mai 1924, wurde ein gewisser Jackie Milburn geboren. Welche Bedeutung hat diese Person für Newcastle? Und warum habt Ihr ihm einen Song gewidmet?
Stan:
Als ich an Weihnachten 2024 mit meinem besten Freund im Pub saß, erzählte uns sein Vater die Geschichte von Jackie Milburn, einem der berühmtesten Fußballspieler und Trainer aus der Region Newcastle. Das Spannende an ihm war: In den 1940ern arbeitete er Vollzeit als Bergmann und wurde gleichzeitig von Newcastle United als Profispieler verpflichtet. Die Leute in Newcastle verehren ihn bis heute und nennen ihn wie schon zu seinen Lebzeiten Wor Jackie. Wor bedeutet in unserem Dialekt unser.
Aber auch wenn der Song denselben Titel trägt, ist er weniger als Hommage an Jackie Milburn gedacht. Vielmehr wollten wir mit »Wor Jackie« einen Archetypen erschaffen – eine Figur, die stellvertretend für das steht, worüber wir sprechen wollten: Es geht um die gewaltige und endlose Schufterei, die die Leute über Jahrzehnte und Jahrhunderte im Kohlebergbau geleistet haben. Und darum, wie abgefuckt diese Arbeit war. Um das textlich einzufangen, hat Cooper ein großartiges Gedicht geschrieben:
Beads of sweat cascade from skin
Sinews punch as pistons
The furnace hungers
Its palate honed
To men
Enlisted for wrist strength and persistence
»Es hat Jahre gedauert, bis wir überhaupt einen Auftritt bekamen.«
MYP Magazine:
Habt Ihr selbst Familienmitglieder, die im Bergbau gearbeitet haben?
Stan:
Ja, mein Patenonkel war Bergmann.
Ferg:
Meine Großeltern haben in der Stahlindustrie gearbeitet, meine Eltern dagegen haben ganz normale Jobs. Trotzdem hatten sie es nicht unbedingt einfacher, vor allem nicht meine Mutter. Ihr Vater starb, als sie neun Jahre alt war. Sie wurde nur von ihrer Mutter großgezogen und hat später sogar den Sprung nach Oxford geschafft. Das hat sie allerdings nicht davor bewahrt, sich die Seele aus dem Leib zu arbeiten.
Cooper:
Ich persönlich habe in meiner Familie kaum einen Bezug zum Bergbau. Daher wollte ich in meinem Gedicht eher die Arbeitsethik im Allgemeinen beleuchten, die den Menschen hier so eigen ist. Der Nordosten Englands hat neben dem Kohleabbau auch eine lange Geschichte im Schiffbau und in der Schwerindustrie. Entsprechend tief sind bei den Leuten traditionell-konservative Werte verwurzelt. Das Grundprinzip lautet: Wer hart arbeitet, wird am Ende belohnt. Meine Großmutter verkörpert dieses Motto übrigens perfekt. Ihr Lieblingsspruch lautet: »Je mehr du hineinsteckst, desto mehr bekommst du zurück.«
Stan:
Und genau das haben wir auch als Band beherzigt. Deshalb läuft es mittlerweile so gut. All das, was wir gerade erleben dürfen, geht zurück auf wirklich harte Arbeit. Und dieser Weg war stellenweise echt brutal. Als wir angefangen haben, saßen wir oft einfach nur da und haben massenhaft E-Mails an Veranstalter geschickt. Es hat Jahre gedauert, bis wir überhaupt einen Auftritt bekamen. Was uns in dieser schweren Zeit getragen hat, war die eine Überzeugung: Je mehr du hineinsteckst, desto mehr bekommst du zurück.

»Wenn man als Kind permanent von solcher Musik umgeben ist, absorbiert man sie ganz automatisch.«
MYP Magazine:
Auf Eurem Weg als Band habt Ihr euch auch immer wieder in verschiedenen Genres ausprobiert. Warum ist der Jazz am Ende Eure musikalische Heimat geworden?
Stan:
Ich bin mit sehr viel Musik aufgewachsen. Mein Vater war Drum-&-Bass-DJ, immer wenn ich bei ihm war, lief im Hintergrund Musik – und Jazz spielte dabei eine besondere Rolle. Im Auto zum Beispiel hörte er sehr viel Herbie Hancock, Miles Davis oder Charles Mingus. Wenn man als Kind permanent von solcher Musik umgeben ist, absorbiert man sie ganz automatisch. Daraus entstand mit den Jahren eine Leidenschaft, die immer größer wurde. Und irgendwann brauchte es dafür ein Ventil, eine Ausdrucksform.

»Jeder Einzelne in dieser Band ist wichtig – genauso wie die Leute um Knats herum.«
MYP Magazine:
George, wie war es bei Dir? Du hast King in der Coronazeit auf Discord kennengelernt und bist als Saxofonist kurze Zeit später bei Knats eingestiegen. War bei Dir Jazz auch vorher schon das Genre Deiner Wahl?
George:
Ja, kann man so sagen. Wie Stans Vater ist auch meiner Musiker. Als ich noch ein Kind war, legte er oft Jazzplatten auf. Dabei hatte ich immer das Gefühl, dass dieser Musikstil etwas Besonderes hat. Jazz ist wie ein Puzzle – ein ständiges Spiel aus Improvisation und Kommunikation.
Daher liebe ich es übrigens auch so, in dieser Band zu sein. Wir sind über die Jahre nicht nur enge Freunde geworden, sondern haben uns auch auf musikalischer Ebene immer besser kennengelernt. Mittlerweile sind wir an einem Punkt angelangt, an dem wir oft sogar vorhersagen können, was die anderen im nächsten Moment spielen werden – manchmal sogar bevor sie es selbst wissen. (lächelt)
Davon abgesehen habe ich durch Knats wahnsinnig viel gelernt. Ich selbst komme nicht aus Newcastle und bin auch in einem ganz anderen sozialen Umfeld aufgewachsen. Trotzdem verbindet uns sechs die große Liebe zu dieser Musik, die so frisch und unkonventionell klingt, weil sich darin alle unsere Talente vereinen: Stans Kompositionen, Kings Art, die Stücke zu formen, sowie der jeweilige kreative Touch von Ferg, Cooper und Sandro. All das greift perfekt ineinander.
Stan:
Absolut. Jeder Einzelne in dieser Band ist wichtig – genauso wie die Leute um Knats herum. Jede Person bringt etwas Eigenes mit. Und genau daraus entsteht am Ende ein Ganzes.

»Genau das liebe ich auch an unserer Band: Knats verschiebt Grenzen.«
MYP Magazine:
Als Ihr im Mai in Liverpool gespielt habt, schrieb ein Fan auf Instagram begeistert: »Jazz ist nicht tot!« Hattet Ihr jemals das Gefühl, Jazz sei vorbei?
Stan:
Ich glaube nicht, dass Jazz jemals sterben wird.
George:
Vielleicht meinte die Person eher die klassische Form von Jazz. Aber man könnte dasselbe auch über Klassik, Soul oder R&B sagen. Am Ende kommt es immer darauf an, wie man eine Stilrichtung in die Gegenwart überträgt. Und genau das liebe ich auch an unserer Band: Knats verschiebt Grenzen. Und ich denke, genau das hat die Leute bei dem Konzert so begeistert.

»Wenn man sich selbst strenge Regeln auferlegt, entstehen oft interessantere Ergebnisse.«
MYP Magazine:
Stan, Du bist derjenige bei Knats, der die Musik schreibt. Kannst Du uns ein bisschen mitnehmen in Deinen kreativen Prozess? Wie, wann und wo entsteht bei Dir ein Song?
Stan:
Bei mir beginnt alles am Klavier. Als ich angefangen habe, die ersten Stücke für das neue Album zu schreiben, habe ich mich an einem sehr strengen kompositorischen Ansatz orientiert. »Never Gonna Be A Boxer«, aber vor allem »Wor Jackie« entstand aus einer Übung heraus, bei der es mir darum ging, möglichst wenige Töne zu verwenden. Zu der Zeit war ich stark von dem französischen Komponisten Olivier Messiaen beeinflusst, der als Revolutionär der Harmonielehre gilt, da er die Musik vom traditionellen Dur-Moll-System befreite. Er entwickelte die sogenannten Messiaen-Modi – symmetrische Tonskalen, mit denen ich bis heute arbeite. Ich verwende sie als striktes Regelwerk, versuche aber, innerhalb dieser unverrückbaren Grenzen etwas Neues zu erschaffen.
MYP Magazine:
Was genau reizt dich daran?
Stan:
Wenn man sich selbst strenge Regeln auferlegt, entstehen oft interessantere Ergebnisse. Zumindest ist das meine persönliche Erfahrung. Außerdem haben mir diese Regeln geholfen, kompositorisch wieder zu mir zu finden. Nach unserem ersten Album fühlte ich mich so ausgebrannt und war so unzufrieden mit dem, was wir da veröffentlicht hatten, dass ich bewusst einen anderen Weg ausprobieren wollte.

»Ich musste die ganze Zeit an Newcastle denken, die Stadt ging mir einfach nicht aus dem Kopf.«
MYP Magazine:
Coopers Lyrik macht Euer Album über die Musik hinaus zu etwas wirklich Besonderem. Wie genau ist die Idee entstanden, Jazz mit Gedichten zu verbinden?
Stan:
Für die Arbeit an dem neuen Album habe ich mich etwa neun Monate lang zu Hause eingeschlossen und so gut wie jede freie Minute am Klavier verbracht. Ich war mitten in London und damit eigentlich an einem idealen Ort, um Musik zu machen. Trotzdem musste ich die ganze Zeit an Newcastle denken, die Stadt ging mir einfach nicht aus dem Kopf. Und so wollte ich ein Album schreiben, das sich mit den Themen meiner Heimat beschäftigt.
Das Problem war nur: Die Art von Musik, die wir machen, bietet kaum Möglichkeiten, solche Inhalte verbal zu transportieren. Das funktioniert vielleicht in Interviews wie diesem, aber in der Regel nicht innerhalb eines Songs. Also kam mir die Idee, das Album mit einem Monolog zu eröffnen, der die Hörenden in die zentralen Themen der einzelnen Stücke einführt…
MYP Magazine:
… »7 Bridges To Burn«, der Intro-Track mit dem Gedicht von Cooper.
Stan: (lächelt)
Ich finde, dieses Stück klingt fast wie die ersten Zeilen eines Märchens.
»Ich wurde gebeten, etwas zu schreiben, bei dem ich über die Schwierigkeiten dieser Region genauso offen und laut spreche wie über all das, was ich an ihr so liebe.«
MYP Magazine:
Cooper, existierte dieses Gedicht bereits, als Stan Dich angesprochen hatte? Oder hast Du es speziell für das neue Knats-Album geschrieben?
Cooper:
Ich hatte zwar bereits ein Gedicht über den Nordosten Englands in der Schublade, das ich sehr mochte. Und als Stan mich fragte, ob ich etwas zum Album beitragen könnte, dachte ich erst: Perfekt, dann nehme ich einfach das, was ich schon habe. Aber dann musste ich sehr schnell feststellen: Das funktioniert nicht.
MYP Magazine:
Warum nicht?
Cooper:
In meinen Texten spreche ich viel über den Nordosten. Das war schon immer ein wiederkehrendes Thema in meiner Lyrik. Aber ganz ehrlich: Ich habe dabei die Dinge auch immer nur durch eine rosarote Brille betrachtet. Bei dem Album-Projekt war die Aufgabe aber eine andere: Ich wurde gebeten, etwas zu schreiben, bei dem ich über die Schwierigkeiten dieser Region genauso offen und laut spreche wie über all das, was ich an ihr so liebe – allerdings ohne dabei zusätzlich Salz in die Wunde zu streuen.
Daher habe ich das Intro-Gedicht wie einen Liebesbrief formuliert. Denn ich finde: Wenn man einen wirklich aufrichtigen Liebesbrief schreibt, der von Herzen kommt, richtet man diesen in der Regel nicht an eine Märchenfigur, sondern an einen echten Menschen – jemanden mit Stärken und Schwächen, liebenswerten Eigenschaften und Unvollkommenheiten.

»Wenn man jemanden wirklich liebt, liebt man absolut alles an der Person.«
MYP Magazine:
Dabei neigen wir Menschen dazu, genau diejenigen zu romantisieren, in die wir uns verliebt haben.
Cooper:
Natürlich! Wenn man jemanden wirklich liebt, liebt man absolut alles an der Person. Selbst wenn es eine Sache an ihr gibt, die einem wirklich auf die Nerven geht, würde man genau diesen Aspekt vermissen, wenn er plötzlich verschwände.
Jedenfalls habe ich am Ende etwas völlig Neues geschrieben und das ursprüngliche Gedicht verworfen. Und das war ein absoluter Segen. Es fühlt sich nicht nur viel intimer an, sondern passt auch viel besser zum Gesamtkonzept des Albums.
MYP Magazine:
Wer ist dieser junge Kerl, der die Straße entlangläuft – ein Boxer, der die Fäuste geballt hat wie die Zeichentrickfigur Arthur, wie es in Deinem Gedicht heißt?
Cooper:
Wie in »Wor Jackie« handelt es sich um einen Archetyp: eine Person, die verschiedene Lebensphasen durchläuft – oder besser gesagt Personen. Denn beim Schreiben hatte ich das Gefühl, nicht einen, sondern gleich hundert Menschen zu skizzieren, denen ich in meinem bisherigen Leben tatsächlich begegnet bin; Menschen, deren Probleme und Lebensumstände ich sichtbar machen wollte.

»Ich habe begonnen, ein Tagebuch zu führen. Und irgendwie haben sich meine Einträge plötzlich gereimt.«
MYP Magazine:
Wie bist Du zur Poesie gekommen, Cooper?
Cooper:
Ursprünglich habe ich mal Mathematik studiert – ich war immer ein ziemlich rational denkender Mensch. Während des Lockdowns ging es mir psychisch jedoch nicht besonders gut. Damals wohnte ich bei meiner Großmutter und eines Tages lief bei ihr im TV die Frühstückssendung »This Morning«. Dort empfahl jemand den Zuschauenden, Tagebuch zu schreiben, um in der Coronazeit ihre Gefühle besser zu verarbeiten. Die Sendung war zwar grauenhaft, aber ich nahm mir den Rat trotzdem zu Herzen und habe begonnen, ein Tagebuch zu führen. Und irgendwie haben sich meine Einträge plötzlich gereimt.
Als es mir mit der Zeit wieder besser ging, hörte ich mit dem Schreiben wieder auf. Aber es dauerte nicht lange, bis mir irgendetwas fehlte. Also fing ich wieder an. Aber diesmal schrieb ich nicht mehr über mich selbst, sondern über die Welt, wie ich sie sah. Und dann schrieb ich mit Unterbrechungen immer weiter. Vor etwa dreieinhalb Jahren hatte ich meinen ersten Auftritt. Danach war klar: Das reicht mir nicht. Ich wollte mehr.


»Eigentlich waren wir zuerst mit einem anderen Produzenten im Gespräch, aber aus dem einen oder anderen Grund hat es nicht geklappt.«
MYP Magazine:
Eine weitere Person, die bei der Entstehung Eures neuen Albums eine wichtige Rolle gespielt hat, ist Geordie Greep, der ehemalige Frontmann der Rockband Black Midi – auch weil er das Album unentgeltlich produziert hat. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Stan:
Geordie ist ein guter Freund. King und ich kennen ihn schon seit einer ganzen Weile haben früher schon gemeinsam Musik gemacht. Als Geordie seine erste UK-Tour plante, fragten wir ihn, ob wir bei ihm als Vorband spielen könnten, und am Ende haben wir mit Knats nicht nur die erste, sondern auch seine beiden nächsten Tourneen eröffnet.
Was »A Great Day In Newcastle« angeht, waren wir eigentlich zuerst mit einem anderen Produzenten im Gespräch, aber aus dem einen oder anderen Grund hat es nicht geklappt. Das war unglaublich frustrierend, weil wir erst mal nicht wussten, wie’s weitergehen sollte. Dann sprang plötzlich Geordie ein und sagte: »Ich produziere es – und zwar kostenlos.«
MYP Magazine:
Was hat ihn zu dieser großzügigen Geste bewogen?
Stan:
Zu dieser Zeit begann Geordie, sich stärker mit der Produktion zu beschäftigen. Er sah unser Projekt als Chance, seine Fähigkeiten in dem Bereich zu verbessern. Das war für uns natürlich großartig.

»Für mich ist das mit Abstand die wichtigste Eigenschaft eines Produzenten: ein geschultes Ohr zu haben, ohne persönlich in die Musik involviert zu sein.«
MYP Magazine:
In Deutschland gibt es das Sprichwort: Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul.
Ferg:
Don’t look a gift horse in the mouth.
MYP Magazine:
Du sprichst Deutsch, Ferg?
Ferg: (smiles)
Ja, hab‘ ich in der Schule gelernt.
MYP Magazine:
Das Sprichwort meint: Über Geschenke beschwert man sich nicht. Hat es das für Euch schwieriger gemacht, Euch in den Produktionsprozess einzubringen?
Stan:
Überhaupt nicht. Für Geordie war es genauso ein Experiment wie für uns. Er wollte das Album produzieren, weil er so etwas noch nie zuvor gemacht hatte. Außerdem ist er ein sehr bescheidener Typ, weshalb er während des gesamten Prozesses immer wieder sagte: »Ich weiß eigentlich gar nicht so recht, was ich da mache.« Dabei hat er bereits etliche Alben in seinem Leben veröffentlicht, sowohl mit Black Midi als auch als Solokünstler. Soweit wir das beurteilen konnten, hatte er alles voll im Griff.
Ferg:
Er hat in seinem Leben ja auch schon Milliarden von Alben gehört. Geordie verfügt über ein enormes Musikwissen, sodass er während des Produktionsprozesses zu jedem erdenklichen Detail immer eine musikalische Referenz aus dem Ärmel schütteln konnte.
Stan:
Wenn man so ein Album zum Leben erwecken will, braucht man ohnehin einen frischen, unvoreingenommenen Blick von außen, da man sonst Gefahr läuft, sich in seinen eigenen Gedanken zu verstricken. Für mich ist das mit Abstand die wichtigste Eigenschaft eines Produzenten: ein geschultes Ohr zu haben, ohne persönlich in die Musik involviert zu sein. Aus meiner Sicht ist das entscheidend, um richtig gute Platten zu machen.


»Vor diesem Typen wollte ich auf keinen Fall versagen.«
MYP Magazine:
Cooper, wie hast Du diesen Produktionsprozess erlebt?
Cooper:
Ich habe absolut kein musikalisches Vorwissen und war auch noch nie zuvor in einem Studio. Ich erinnere mich noch, dass ich Geordie an einem Montagmorgen kennengelernt habe, und schon am Abend meinte er: »Okay, mir gefällt das, was du von dir gibst, aber jetzt lass es mal so klingen, als würdest du einen Aufstand anführen.“ Am Ende haben wir diesen Take nicht benutzt, weil er etwas albern klang. Aber er schob mich damit in ein Mindset, das am Ende genau das hervorbrachte, was die Band von mir brauchte. Geordie drängte mich in immer absurdere Richtungen, dass ich, als wir wieder zurück auf Anfang gingen, das Gefühl hatte, in einer völlig neuen Ausgangslage zu sein. Und plötzlich war ich in der Lage, innerhalb nur einer Stunde meinen Part für »Wor Jackie« schreiben. Das hat wahnsinnig Spaß gemacht – und gleichzeitig hatte ich enormen Respekt vor diesem großen und erfahrenen Musiker. Vor diesem Typen wollte ich auf keinen Fall versagen – und manchmal kam ich mir sogar ganz schön dumm vor. Aber letztendlich war es eine sehr besondere, geradezu erleuchtende Erfahrung.

»Coopers Poesie hebt die Songs auf eine andere Ebene, da sie ihnen emotionale Tiefe geben.«
MYP Magazine:
Es ist interessant, dass Du davon sprichst, kein musikalisches Vorwissen zu haben. Geht es in Deiner Poesie nicht auch um Rhythmus, Klang und Harmonie?
Stan:
Cooper schätzt sich selbst nie hoch genug ein. Meiner Meinung nach ist er musikalisch sehr begabt. Wir kommen zwar aus unterschiedlichen Welten, aber rhythmisch gesehen war es immer wieder unglaublich, wie Musik und Gedichte beim Recording zusammengefunden haben. Cooper hat für das Album viele Texte geschrieben, ohne wirklich zu wissen, wie lang die einzelnen Instrumental-Parts sein würden, in denen sie stattfinden. Aber am Ende hat immer alles gepasst. Ich erinnere mich da zum Beispiel an »Bigg Market Scrappa«: Da haben wir ein einziges Take gemacht und das war’s. Es hat einfach perfekt ineinandergegriffen. Wir dachten nur: What the fuck? Wie ist das überhaupt möglich?
Ferg:
Da kann ich Stan nur zustimmen. So wie Cooper über die Struktur seiner Gedichte nachdenkt, scheint es, als würde es da viel weniger um Worte gehen – und vielmehr um Rhythmus.
Cooper:
Ihr seid echt süß, vielen Dank.
MYP Magazine:
Es fällt nach diesem Album schwer, sich Eure Musik ohne Coopers Texte vorzustellen – seine Gedichte wirken ein fundamentaler Bestandteil von Knats.
Stan:
Das sehe ich auch so. Ich habe das Gefühl, dass es nicht mehr möglich ist, einen Knats-Track ohne ein Gedicht zu machen. Coopers Poesie hebt die Songs auf eine andere Ebene, da sie ihnen emotionale Tiefe geben. Ich selbst empfinde so viel mehr, wenn Cooper sein Ding macht. Da springt wirklich ein Funke über.

»In guten Zeiten ist die Solidarität der Arbeiterklasse immer besonders stark. Aber wenn die Zeiten schwieriger werden, beginnt dieses Prinzip plötzlich zu bröckeln.«
MYP Magazine:
In »Farewell Johnny Miner«, dem letzten Titel des Albums, singt ihr an einer Stelle alle gemeinsam: What is this thing that they call working-class solidarity? Gebt Ihr euch mit dem Albumcover darauf gleich selbst eine Antwort? Immerhin habt Ihr für das Foto mehr als zwei Dutzend Menschen aus Newcastle zusammengebracht, die aus den unterschiedlichsten Berufen stammen und zusammen vor einer Brücke posieren.
Stan:
Das, was wir da am Anfang gemeinsam singen, sind Zitate aus einem Fernsehbericht von 1972 über Bergleute aus Durham. Darin wird gefragt: „Was bedeutet es, ein Bergmann zu sein? Was bedeutet es, unter solchen Bedingungen zu schuften?“
Ferg:
Diese Fragen wurden zu einer Zeit laut, in der die Enttäuschung unter den Bergleuten immer größer wurde. In guten Zeiten ist die Solidarität der Arbeiterklasse ja immer besonders stark. Aber wenn die Zeiten schwieriger werden, wie etwa nach den ersten Bergarbeiterstreiks Anfang der 1970er Jahre, beginnt dieses Prinzip plötzlich zu bröckeln.
Stan:
Genau. Und was das Albumcover angeht: Wir haben uns dafür von »A Great Day in Harlem« inspirieren lassen, einem der berühmtesten Fotos der Jazzgeschichte. Dabei handelt es sich um ein Gruppenfoto von 57 New Yorker Jazzmusikern vor einem Gebäude in der 126th Street, das am 12. August 1958 aufgenommen wurde. Anlass war eine geplante Ausgabe des Esquire-Magazins über das goldene Zeitalter des Jazz. Der Fotograf hatte zuvor die Info gestreut, dass das Shooting um 10 Uhr morgens stattfinden sollte. Zu seiner Überraschung tauchte eine relativ große Anzahl bekannter Jazzmusiker auf – zu einer für sie eher ungewöhnlich frühen Uhrzeit.

»Als Kind hatte ich große Probleme, meine eigene Identität zu finden.«
MYP Magazine:
Von Euch kann man wirklich was lernen. Was habt Ihr in den letzten Jahren über Euch selbst gelernt, insbesondere durch die Arbeit an »A Great Day In Newcastle«?
Stan:
Als Kind hatte ich große Probleme, meine eigene Identität zu finden – vor allem, weil es immer diesen Druck in Bezug auf ein bestimmtes Männlichkeitsbild gab. Aber durch die Arbeit an dem Album habe ich es endlich geschafft, mich von solchen Stereotypen zu distanzieren. Außerdem hat mir das Komponieren ermöglicht, bestimmte Gedanken zu artikulieren, die lange nur in meinem Kopf waren. Für mich ist Musik ohnehin etwas, mit dem ich mir Dinge von der Seele schreiben kann.
Cooper:
Auf mich persönlich bezogen habe ich jetzt, nach diesem Album, das Gefühl, wesentlich vielseitiger zu sein, als ich es mir zuvor zugetraut hätte – und allein so eine Erkenntnis ist wunderschön. Allerdings habe ich auch gemerkt, dass ich nicht ganz so fleißig bin, wie ich eigentlich sein könnte, vor allem im Vergleich zu den anderen. Ich finde es sehr inspirierend, wie viel von sich sie in diese Musik investieren.
Stan:
Was ist mit Dir, Ferg?
Ferg:
Schwere Frage. Ich denke, ich habe durch »A Great Day In Newcastle« realisiert, dass wir alle viel mehr gemeinsam haben, als wir denken – und dass wir gleichzeitig viel unterschiedlicher sind, als wir davor vermutet hatten.
George:
Stimmt. Ich habe ja bereits erwähnt, dass ich aus einem gänzlich anderen Umfeld komme als der Rest der Band. Daher berührt es mich immer noch sehr, all diese Geschichten erfahren zu haben und sie jetzt mit den anderen auf der Bühne erzählen zu dürfen. Vor allem, wenn wir live spielen, merkt man, wie wichtig diese Themen und Geschichten für jeden Einzelnen sind. Die Live-Shows sind wirklich alles.

»In unseren Beziehungen neigen wir Menschen dazu, die Brücken hinter uns schnell abzubrechen.«
MYP Magazine:
Lasst uns zum Schluss noch mal auf Euren Intro-Track »7 Bridges To Burn« zurückkommen. Auch wenn wir wissen, dass dieser young lad down the way ein Archetyp ist – wie könnte sein Weg weitergehen? Wohin würde er sich bewegen?
Stan: (lächelt)
Ich denke, das ist wirklich eine Frage, die offen bleibt. Aber angesichts der Umstände, in denen er lebt, hat dieser Junge nicht wirklich eine große Wahl.
Cooper:
Das Gedicht, das wie bereits erwähnt eine Verschmelzung verschiedener Persönlichkeiten ist, startet mit der Schilderung eines schwierigen Lebens, das von vielen unvermeidbaren Erfahrungen geprägt ist. Doch dann, etwa in der Mitte der Geschichte, gibt es eine Wendung:
He might never learn
But you know what?
Us lot, we’ve got seven bridges to burn
So we’ll be that friendly tone on the phone
And we’ll give the wheel another turn
In unseren Beziehungen neigen wir Menschen dazu, die Brücken hinter uns schnell abzubrechen – und damit ist oft alles für immer verloren. Bei uns in Newcastle haben wir aber nicht weniger als sieben Brücken. Das bedeutet: Wenn man einen Fehler macht, hat man noch sechs weitere Chancen. The wheel, von dem ich spreche, ist das Rad des Schicksals, in dem sich alles sammelt, was im Leben passiert ist – auch die falschen Entscheidungen, die man getroffen hat. Aber die Menschen in Newcastle sind nachsichtig. Wenn man sie aufrichtig um Verzeihung bittet, nehmen sie die Entschuldigung an – ganz gleich, wie man sich zuvor verhalten hat oder was für ein Mensch man war. In Newcastle gibt es immer einen Weg nach vorn.

Mit besonderem Dank an Ellie Slorick, Dan Gray und das Brick Lane Jazz Festival.
Mehr von und über Knats:
Interview & Text: Jonas Meyer
Fotografie: Roberto Brundo





























