Interview — Hannah Schiller
»Ich habe früh gelernt, mit Ablehnung umzugehen«
Hannah Schiller spielt Figuren am Rand: Ihr Projekt »Liebhaberinnen«, eine filmische Adaption des gleichnamigen Romans von Elfriede Jelinek, lief kürzlich auf der Berlinale und zeigt Jugendliche zwischen Selbstinszenierung und Selbstverlust. Ein Interview über Kindheit im Rampenlicht, Grenzen am Set und die Frage, wie nah man Abgründen wirklich kommen will.
21. April 2026 — Interview & Text: Katharina Viktoria Weiß, Fotografie: Frederike van der Straeten

Wenn Hannah Schiller über ihre Rollen spricht, geht es selten um einfache Geschichten. Die 26-jährige Schauspielerin, die schon als Kind vor der Kamera stand, bewegt sich auffällig oft in Figuren, die an Grenzen stoßen – emotional, sozial, körperlich. Vielleicht ist es genau diese frühe Erfahrung im Beruf, die ihr heute eine besondere Klarheit gibt: Schiller wirkt reflektiert, wach, fast unbeeindruckt vom Betrieb, in dem sie sich längst etabliert hat.
Nach Projekten wie »Reset«, »Runner« und einem internationalen Dreh in London (»Everybody Wants to F*ck Me«) steht für sie nun ein Jahr an, das ihre Vielseitigkeit noch einmal neu ausstellt. Im Zentrum steht dabei die filmische Adaption des Romans »Die Liebhaberinnen« aus dem Jahr 1975. Mit dem Film, der in seinem Titel auf den Artikel verzichtet und schlicht »Liebhaberinnen« heißt, verlegt die Regisseurin Caroline Kox Elfriede Jelineks schonungslos radikalen Blick auf Geschlechterverhältnisse und soziale Abhängigkeiten in die Gegenwart.

Hannah Schiller spielt darin Paula, eine 17-Jährige aus der Provinz, die sich mithilfe digitaler Selbstinszenierung ein anderes Leben erträumt und dabei immer tiefer in ein System aus ökonomischem Druck, Begehren und Selbstverlust gerät. Die Geschichte ist unbequem, oft überzeichnet und voller Figuren, die man kaum lieben kann – doch gerade darin liegt ihre Wucht.
Wir treffen die Schauspielerin im Berliner Café-Restaurant Manzini, einem Ort, der so gar nicht zu dieser düsteren Welt passen will. Hier, wo man seit Jahren auf klassische Gastlichkeit und aufmerksamen Service setzt, wirkt alles warm, ruhig und ein wenig aus der Zeit gefallen. Zwischen vertrauten Gesichtern, schweren Vorhängen und dem Gefühl, willkommen zu sein, spricht Hannah Schiller über frühe Verantwortung, künstlerische Ekstase – und darüber, warum sie sich von den Abgründen ihrer Rollen nicht verschlucken lässt.


»Ich lasse mich am Set nicht so schnell verunsichern.«
MYP Magazine:
Du hast früh angefangen zu arbeiten – als Kind vor der Kamera. Wie sehr hat Dich diese Zeit geprägt?
Hannah Schiller:
Sehr. Ich habe früh gelernt, mit Ablehnung umzugehen. Wenn ein Casting nicht klappt, erschüttert mich das nicht mehr so stark. Das liegt daran, dass ich das schon lange mache. Und ich lasse mich am Set nicht so schnell verunsichern, denn ich habe ebenso früh gelernt, wie diese Abläufe funktionieren.
MYP Magazine:
Im Ersten lief vor Kurzem die Dokumentation »Kinderschauspieler – Der Preis des Erfolgs« gezeigt. Gab es darin etwas, das Dir aus Deinem eigenen Leben bekannt vorkam?
Hannah Schiller:
Ja, zum Beispiel dieses Gefühl: Vor der Kamera ist man jemand anderes, danach wieder man selbst. Oder dass man während eines Drehs sehr intensive Beziehungen hat – und dann gehen alle wieder auseinander. Das ist schon speziell. Und auch dieses Leben in zwei Welten: Am Set wird man ernst genommen, ist Teil eines Teams mit Erwachsenen. Und dann ist man wieder in der Schule und nur Teenager.


»Ich glaube, dass ich körperlich am Set sehr resilient geworden bin.«
MYP Magazine:
Gab es auch bei Dir Situationen, in denen Deine Grenzen überschritten wurden?
Hannah Schiller:
Rückblickend würde ich sagen: ja, vereinzelt. Aber als Kind merkt man das oft gar nicht so. Heute sehe ich das anders – und kann meine Grenzen sehr gut setzen. Das ist etwas, das ich definitiv im Laufe der Jahre gelernt habe. Ich glaube auch, dass ich körperlich am Set, also bei der Arbeit, sehr resilient geworden bin. Ich habe als Kind auch teilweise mit Magen-Darm-Grippe oder so gedreht. Klar, du kannst absagen, aber das ist auch nicht unkompliziert – und ungefähr achtzig Erwachsene betteln dich an, ob du nicht trotzdem drehen kannst.


»Ich musste mich selbst organisieren, selbst lernen, selbst Entscheidungen treffen.«
MYP Magazine:
Was hat Dir diese Zeit im Positiven gegeben?
Hannah Schiller:
Ich hatte schon als Kind einen extrem kreativen Input, durch meine Zeit an der Oper. Das ist ein magisches Umfeld, in dem man da aufwächst – umgeben von Musik, Disziplin, künstlerischem Geist und Schaffensdrang. Überhaupt war ich so ein Kind, das immer sehr, sehr viele Fragen gestellt hat und sehr interessiert an allem war – da gab es einfach wahnsinnig viel zu entdecken, das hat mich sehr stimuliert.
MYP Magazine:
Du hast außerdem schon in jungen Jahren viel allein reisen dürfen. Hat Dich das ebenfalls geprägt?
Hannah Schiller:
Sehr. Ich war schon mit zwölf oder dreizehn längere Zeit allein unterwegs, weil meine Eltern mich nicht immer begleiten konnten. Das hat mir früh Verantwortung gegeben. Ich musste mich selbst organisieren, selbst lernen, selbst Entscheidungen treffen.

»Ich wollte mich nicht mit diesen Figuren identifizieren – und irgendwo tut man es doch.«
MYP Magazine:
Kommen wir zu Elfriede Jelinek: Du spielst eine Hauptrolle in ihrer neusten Romanverfilmung. Was war Dein erster ehrlicher Gedanke, als du »Die Liebhaberinnen« gelesen hast?
Hannah Schiller:
Ich habe das Buch fürs Casting gelesen – und es zu lesen, hat mir nicht gefallen. Oder besser gesagt: Es hat sich unwohl angefühlt. Aber das ist auch das Interessante daran, genau so soll sein. Ich wollte mich nicht mit diesen Figuren identifizieren – und irgendwo tut man es doch.
MYP Magazine:
Wie habt Ihr das Provokative des Romans aus dem Jahr 1975 in die 2020er geholt?
Hannah Schiller:
Ich würde sagen, Jelinkes Sprache wurde mit filmischen Mitteln symbolisiert, wenn man das so sagen kann. Es wurde die gesamte Bandbreite filmischer Mittel genutzt, um die Härte, aber auch das Skurrile darin spürbar und erlebbar zu machen. Ich finde, es lohnt sich, das anzuschauen, weil es etwas sehr Unkonventionelles hat. Und weil es so unangenehm, aber gleichzeitig auch sehr lustig ist.

»Ich glaube, dass man den ökonomischen Aspekt von Liebe unterschätzt.«
MYP Magazine:
In der Geschichte geht es stark um ökonomische Abhängigkeit und soziale Aufstiegshoffnungen über Beziehungen. Wie zeitgenössisch wirkt dieser Blick auf Liebe für Dich?
Hannah Schiller:
Ich glaube, dass man den ökonomischen Aspekt von Liebe unterschätzt – und wie präsent er auch jetzt noch in Deutschland ist. Natürlich würde ich gerne einfach sagen: Das ist nicht mehr zeitgemäß. Aber wenn man ehrlich ist, passiert es nicht selten, dass Frauen solchen Umständen ausgesetzt sind. Die soziale Aufstiegshoffnung über eine romantische Beziehung – gerade dieser Aspekt ist noch sehr gegenwärtig. Sich das anzuschauen, ist schmerzhaft. Und deshalb so ehrlich.

»Was machen die da eigentlich im Internet?«
MYP Magazine:
Im Film geht es auch um Selbstinszenierung zum Verkauf des eigenen Körpers im digitalen Raum. Was hat Dich daran gereizt?
Hannah Schiller:
Viele Jugendliche kommen an den Punkt, an dem sie sagen: »Ich will mal schauen, was passiert, wenn ich im echten Leben etwas tue, das ich vorher nur online gemacht habe.« Ich glaube, das ist etwas, das vielen jungen Menschen heute passiert. Klar, das Internet bringt eine extreme Weite in die eigene kleine Welt und birgt viele Möglichkeiten, aber auch viele Gefahren und Risiken. Natürlich sollte man nicht immer nur auf diese Gefahren schauen. Aber trotzdem ist das etwas, das die Erwachsenen um Kinder und Jugendliche herum oft gar nicht so richtig im Blick haben: Was machen die da eigentlich im Internet?

»Das Drehen im Selfiemodus war eine neue Selbsterfahrung.«
MYP Magazine:
Was macht es mit Dir, so einen Stoff zu drehen – der ja gleichzeitig überzeichnet, skurril, lustig und doch auch total deprimierend ist?
Hannah Schiller:
Wir haben in einem sehr kleinen Team gedreht, das hatte etwas sehr Intimes und teilweise auch sehr Unangenehmes. Denn das, was ich da gedreht habe, zeigt eine harte Ehrlichkeit, die man vielleicht sonst nicht so präsent hat. Wenn man das aber vor der Kamera spielt, spürt man es unmittelbar. Wir haben viel in Plansequenzen gedreht, dabei habe ich mich mit dem Handy immer selbst gefilmt. Das heißt, es gab quasi keine Schnitte. Ein Beispiel: Ich war zehnmal in einer Situation, habe zehnmal mein Badewasser abgelassen und dieses für Männer im Internet abgefüllt. Das Drehen im Selfiemodus war eine neue Selbsterfahrung. Daher habe ich auch einen Kamera-Credit im Abspann erhalten.
MYP Magazine:
Du hast gerade in London »Everybody wants to f*ck me« gedreht, eine Art Erotik-Horror. Wie wurde dort mit Intimität am Set heute umgegangen?
Hannah Schiller:
Sehr professionell. Es gab Intimacy-Koordinatorinnen, regelmäßige Angebote zum Austausch, sogar Gespräche mit Psycholog*innen. Ich selbst hatte keine sehr körperlichen Szenen, aber ich fand es beeindruckend, wie ernst das genommen wurde.


»In meiner Kunst finde ich sehr zu mir selbst und fühle mich weitgehend unbeeinflusst.«
MYP Magazine:
Wenn Du heute auf Dein Leben schaust: Was waren drei wichtige Turning Points, die nichts mit Deinem Beruf zu tun hatten?
Hannah Schiller:
Ich würde sagen, erstens: als ich an der Oper angefangen habe zu singen. Das war ein totaler Turning Point, weil mich das so sehr in diese Kunst und die Musik eingeführt hat – und weil sich dadurch eine eigene Welt für mich erschlossen hat. Zweitens auf jeden Fall mein Abitur und mein Umzug nach Berlin – oder besser gesagt der Umzug in mein eigenes Leben. Und der dritte Punkt: Darüber muss ich noch ein bisschen nachdenken. Aber wahrscheinlich hat das auch mit Berlin zu tun, mit den Freundschaften, die ich hier geschlossen habe.

»Wenn ich zeichne oder schreibe, kann ich das genau so machen, wie nur ich das will.«
MYP Magazine:
Ekstase oder Disziplin – was nimmt in Deinem Leben mehr Raum ein?
Hannah Schiller:
Ich glaube, Ekstase – aber auf eine sehr von mir individuell ausgelegte Art und Weise. Ich erlebe diese Ekstase in den künstlerischen Dingen, die ich mache, weil ich mich darin sehr vergessen kann. Ich würde nicht sagen, dass es so ist wie auf Drogen. Ich nehme keine Drogen. Aber ich stelle mir vor, dass man da vielleicht nicht unbedingt mehr zu sich selbst findet. Dagegen finde ich in meiner Kunst sehr zu mir selbst und fühle mich weitgehend unbeeinflusst. Gerade beim Zeichnen oder wenn ich Musik mache, würde ich schon sagen, dass das etwas Ekstatisches hat. Beim Film ist man sehr im Teamwork, man führt auch das aus, was andere sagen, und alle tragen ihren Senf dazu bei. Wenn ich aber zeichne oder schreibe, kann ich das genau so machen, wie nur ich das will. Und das hat etwas sehr Selbstwirksames.

Mit besonderem Dank an das Team des Café-Restaurant Manzini.
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Interview & Text: Katharina Viktoria Weiß
Fotografie: Frederike van der Straeten





























