Interview — FLOSS

»Es wäre traurig, wenn Kunst niemanden provozieren würde«

Als »Angry Feminist Techno Pop« bezeichnet die Berlinerin Künstlerin FLOSS ihren Sound, auf ihrem gerade erschienen Album »b0dy c0un1« verbindet sie Rave, Sex, Tod und weibliche Wut zu einem Club-Manifest. Ein Gespräch über Ruhm, Provokation und den Mut, zu viel zu sein.

19. August 2026 — Interview & Text: Katharina Viktoria Weiß, Fotografie: Steven Lüdtke

FLOSS will nicht gefallen, sie will einschlagen: Mit ihrem Debütalbum »b0dy c0un1« (der Titel ist angelegt an den Begriff Body Count, der die Anzahl der Sexualpartner einer Person bezeichnet) schleudert die Berliner Künstlerin wütenden feministischen Techno-Pop zwischen Rave, »Riot Grrrl«-Attitüde und Electroclash in die Gegenwart.

»Riot Grrrl«, das ist eine feministische Subkultur und Lebenseinstellung, die Anfang der 1990er Jahre im US-amerikanischen Underground-Punk entstand. Sie steht für wütendes Empowerment, kompromisslose Selbstermächtigung und den lautstarken Kampf gegen Sexismus. Und so geht es auch auf dem neuen FLOSS-Album um reichlich Sex, Tod, Ruhm und weibliche Wut.

Wir haben die Künstlerin auf ihrer knallbunten Album-Release-Party im Neuköllner Club Sameheads getroffen und mit ihr unter anderem über posthumen Fame, provokante Lust und alte weiße Männer gesprochen – und darüber, warum der Dancefloor manchmal der ehrlichste Ort der Welt ist.

»Wenn man in Deutschland englischsprachige Musik macht, muss man sich auf sehr viel Zurückweisung einstellen.«

MYP Magazine:
FLOSS, wie wütend bist Du aktuell?

FLOSS:
So ‘ne entspannte sechs von zehn.

MYP Magazine:
Im Song »Avant-Garde« spielst Du mit der Fantasie, nach dem Tod berühmter zu sein als zu Lebzeiten. Wie viel Eitelkeit steckt in dieser Sehnsucht nach Nachruhm – und wie viel echte Angst davor, als Künstlerin übersehen zu werden?

FLOSS:
Ich bin super oft frustriert. Wenn man in Deutschland englischsprachige Musik macht, muss man sich auf sehr viel Zurückweisung einstellen, weil viele Leute leider so klein denken oder in ihren erlernten Musikindustrie-Strukturen festhängen. Aber ich habe in den letzten Jahren gelernt, weniger Ficks zu geben und niemandem mehr gefallen zu wollen. Seitdem macht alles viel mehr Spaß – und läuft tatsächlich irgendwie auch automatisch viel besser.

In Zeiten, in denen ich mal wieder an all dem zweifle und ein bisschen Eskapismus brauche, macht mir eine Sache besonders viel Spaß: mich in Geschichten über spekulative Zukunftsszenarien zu verlieren. Mein Netflix-Account sagt mir übrigens auch, dass »intellektuelle Science-Fiction« mein Lieblingsgenre ist. Ich hoffe, dass mich meine Kunst überlebt und dass es auch noch im Jahr 2291 FLOSS-Fans gibt, die meine Musik checken – vielleicht dann ja im postkapitalistischen Matriarchat.
Darum habe ich meine eigene »Avant-Garde-Fame-Formel« entwickelt und die Behauptung aufgestellt, dass Künstler*innen erst dann die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen, und dadurch mehr wert werden, wenn sie tot sind. Das Ganze habe ich in eine sehr dramatische, campy Hyperpop-Hook verpackt – my medium of choice.

»Was gibt es Besseres, als das eigene Sex Tape auf dem Sterbebett zu drehen, damit die Erben es verkaufen können?«

MYP Magazine:
»Do you wanna sell my sex tape? We can make it on my death bed« – was hat Dich zu dieser Zeile inspiriert?

FLOSS:
Der ganze Song ist eine überspitzte Darstellung von Ruhm und Tod. Und diese Zeile treibt es auf die Spitze: Was gibt es Besseres, als das eigene Sex Tape auf dem Sterbebett zu drehen, damit die Erben es verkaufen können? Kris Jenner, take notes!
Die Zeile folgt direkt auf eine Hommage an die französischen Ikone Dalida, deren Lied »Mourir sur scène« in meinen Top-10-Lieblingssongs ever ist. Darin geht es um ihren Wunsch, auf der Bühne zu sterben. Später hat sie Selbstmord begangen. Nummer 1 ist übrigens Madonnas »Die Another Day«. Do you see a pattern here?

MYP Magazine:
Dein Album ist politisch, erotisch und verletzlich – und insgesamt etwas, dass man heute als camp bezeichnen würde. Der Begriff beschreibt eine bewusst übertriebene, künstlich-theatralische Ästhetik, die manchmal ins Kitschige greift und gerade durch ihre Übertreibung reizvoll wird. Camp nimmt sich nicht so ganz ernst, spielt mit Pathos, Glamour, Drama und Ironie. Bei all dem, was Dein neues Album ausmacht: Was ist es nicht?

FLOSS:
Es ist – noch – nicht auf der Festplatte meiner zukünftigen Fans, also bitte direkt kaufen oder speichern.

»Kommentarspalten bilden nicht die Gesellschaft ab.«

MYP Magazine:
Mit Songs wie »Old White Man« und »Bass Bitch« gehst Du in die direkte Konfrontation mit Themen wie patriarchale Machtverhältnisse und von Männerfantasien geprägte Clubkultur. Erntest Du dafür Hass aus dem Netz?

FLOSS:
Es geht. Wenn mal wieder ein Reel viral geht und in bestimmten Blasen von Cis-Männern landet, gibt es schon einige, die sich getriggert fühlen und dumme Kommentare ablassen – weil sie nicht verstehen, dass Feminismus auch für sie gut ist. Wenn so ein Video insgesamt eine Million Menschen erreicht und tausend Incels Hasskommentare hinterlassen, haben es immer noch genügend Leute gesehen, die dabei etwas über Feminismus gelernt haben. (Hinweis der Redaktion: »Incel« ist ein Kofferwort aus dem Englischen für involuntarily celibate – »unfreiwillig ehelos/sexuell enthaltsam« und bezeichnet meist junge, heterosexuelle Männer, die unfreiwillig keine romantischen oder sexuellen Beziehungen führen.)
Es wäre traurig, wenn Kunst niemanden provozieren und keinerlei Reaktionen auslösen würde.
Und wenn es dann doch mal härter zugeht, weiß ich: Das Internet ist nicht die Realität. Kommentarspalten bilden nicht die Gesellschaft ab. Sie sind voller Bots, die entzweien und verunsichern wollen. Dafür verschwende ich nicht meine kostbare Zeit. Es belustigt mich eher, dass da so viel Energie hineingesteckt wird.

»Der Song richtet sich metaphorisch an alle, die an die falschen Götter glauben.«

MYP Magazine:
Mit 600.000 Streams ist Dein Song »I Will Eat Your God« bisher einer Deiner erfolgreichsten. Was macht das Lied so attraktiv?

FLOSS:
Ha, der Song ist cunty, catchy and edgy! Ich denke, er spricht vielen vor allem queeren Menschen mit religiösem Trauma aus der Seele. Er richtet sich metaphorisch an alle, die an die falschen Götter glauben: queerfeindliche Götter, faschistische Götter, kapitalistische Götter. Aber es geht auch um Götter, die als Ausrede benutzt werden, um selbst ein Arschloch zu sein. Wenn ich diese Götter in meiner Fantasie wegnehme – oder sehr bildlich und provokant »aufesse« – merken diese Leute vielleicht, dass sie selbst die Arschlöcher sind.

Die für mich bedeutendste Zeile aus dem Track ist vermutlich: »If you mistake gold for copper, how could you ever recognize a higher power?« Sie ist inspiriert von der Kurzgeschichte »Der wahre Wert des Rings« von dem argentinischen Autor Jorge Bucay. Darin geht es darum, dass man seinen Selbstwert nicht von den falschen Menschen abhängig machen soll.

»Anfangs war TikTok noch eine Art Wilder Westen.«

MYP Magazine:
Obwohl Du ein Millenial bist, scheinst Du dich mühelos in der Welt von TikTok und Co. zu bewegen. Schon bevor die Rapperin Ikkimel in Deutschland groß wurde, machtest du sogenannten Fotzen-Pop auf Englisch.

FLOSS:
Fun Fact: Wir hatten sogar 2022 mal ganz kurz das gleiche Management… Ich finde TikTok spannend, weil sich dort Menschen bewegen, die wirklich neue Musik entdecken wollen. Anfangs war die Plattform noch eine Art Wilder Westen – gerade für Newcomer*innen und unabhängige Artists war das super interessant, weil sie die Dominanz der Major Labels ein Stück weit unterlaufen hat. Aber mittlerweile steckt oft hinter Songs, die scheinbar organisch viral gehen, doch wieder sehr viel Geld. Aber ein bisschen Wilder Westen ist geblieben: Man kann dort eben nicht alles kontrollieren oder mit Geld forcieren.

»Ich bin super schnell gelangweilt – meist schon bevor ein Trend seinen Peak erreicht hat.«

MYP Magazine:
Du scheinst ein feines Gespür für neue Trends zu haben, die Du in Deiner Kunst aufgreifst – hast Du das einfach im Blut oder steckt dahinter viel Arbeit?

FLOSS:
Ich habe Trends im Pussy-Blut und spüre sie in der linken Brust. Es ist Fluch und Segen, dass ich durch die Mode so viel über Trendvorhersagen weiß. So bin ich super schnell gelangweilt – meist schon bevor ein Trend seinen Peak erreicht hat. Darum bewege ich mich persönlich gerne außerhalb davon und erschaffe meine eigenen Welten. Manchmal kann man den nächsten Trend auch einfach selbst setzen.

MYP Magazine:
Du kommst ursprünglich aus der Fashion-Welt, der FLOSS-Look ist Kernpunkt Deiner Kunst, nicht nur Dekoration. Wie setzt sich Deine Ästhetik zusammen?

FLOSS:
Aus Schweiß, der in verschwitzten Underground-Clubs von der Decke auf pinke T-Shirts tropft.

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