Interview — Anika Decker & Miriam Junge
»Es geht darum, die Menschen zu finden, mit denen du Tiefe leben kannst«
Was schulden wir unseren Eltern – und was uns selbst? Autorin Anika Decker und Psychologin Miriam Junge sprechen in ihrem neuen Podcast »Bin ich jetzt das Problem?« und im MYP-Interview über Liebe, Freiheit, Wut, Abgrenzung und die »Galerie der Exfreunde«.
9. Februar 2026 — Interview & Text: Katharina Viktoria Weiß, Fotografie: Juliusz Gastev

Wenn sich Bestsellerautorin und Regisseurin Anika Decker und Psychotherapeutin und Coachin Miriam Junge über Beziehungen, Jobs und Abenteuer unterhalten, würde man gerne bei einem Glas Wein danebensitzen und zusammen bis ins Morgengrauen quatschen. Denn in ihrem neuen Audible-Podcast »Bin ich jetzt das Problem?« suchen die beiden Frauen gemeinsam nach dem, was hinter unserem Verhalten liegt: Scham, Selbstwert oder Wut etwa. Oder jene kleinen Momente in unserem Leben, in denen alles kippt.
Im Interview erzählen die beiden, warum Nähe manchmal Mut braucht, weshalb ein Gefühl von Zugehörigkeit nicht an Familie gebunden ist – und wieso man Exfreunde am besten wie eine Ausstellung kuratiert: chronologisch, nach dem schönsten Scheitern sortiert und mit ein paar »Psychos« im musealen Seitenflügel.

»Selbstwert ist so existenziell, dass Menschen ihn instinktiv mit Wut verteidigen, wenn sie nicht reflektieren.«
MYP Magazine:
Anika und Miriam, Ihr beide seid Freundinnen, aber auch Profis in Euren jeweiligen Berufsfeldern. So treffen sich in Eurem neuen Podcast Storytelling und Psychologie. Worin liegen für Euch die größten Gemeinsamkeiten?
Anika Decker:
Im Analysieren, also bei der Frage: Warum macht jemand etwas Bestimmtes – und was steckt dahinter? Mir hat mal ein Spezialist bescheinigt, dass ich eine besondere Faszination für Muster und Strukturen habe.
Miriam Junge:
Und Du hast auch eine Begabung dafür. Du kannst gut zwischen den Zeilen lesen und hast einen Sinn für Dinge, die nicht direkt ausgesprochen werden, aber trotzdem spürbar sind. Manchmal begegnen wir beide einem Menschen, schauen uns zehn Sekunden an – und dann ist vieles klar. Schwer zu beschreiben, aber das ist unsere Verbindung. Diese intensive Ebene gibt uns auch ein Gefühl von Sicherheit miteinander.
Anika Decker:
Das, was hinter unserem menschlichen Handeln liegt, fasziniert mich auch auf vielfältige Weise. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Streit, den ich lange nicht verstanden habe: Jemand wurde mir gegenüber wahnsinnig aufgebracht und aggressiv, obwohl ich eigentlich nur zufällig über etwas gestolpert bin, das mir verschwiegen worden war, ein Loyalitätsthema. Und ich erkannte: Das, was den Menschen da gerade umtreibt, ist Scham.
Scham hängt am Selbstwert – und Selbstwert ist so existenziell, dass Menschen ihn instinktiv mit Wut verteidigen, wenn sie nicht reflektieren. Als ich das verstanden habe, war ich total erleichtert. Diese Aggression war plötzlich nicht mehr so angsteinflößend, weil ich kapiert habe, was dahinter liegt. Und genau da setzt auch der Podcast an: Wenn man versteht, was unter der Oberfläche passiert, verliert vieles seinen Schrecken. Und man kann sich wieder leichter miteinander verbinden.
Miriam Junge:
Durch Gespräche kann man sich oft gegenseitig die Augen öffnen. Ich bin nicht die Coachin in unserer Freundschaft. Gerade dann, wenn ich selbst zu nah dran bin und den Wald vor lauter Bäumen nicht sehe, brauche ich die Perspektive von anderen. Anika erklärt Dinge in einer Geschwindigkeit, die bei mir sofort Erleichterung auslöst. Plötzlich wird etwas Greifbares daraus.

»Irgendwann dachte ich nur noch: Wer ist eigentlich diese Miriam?«
MYP Magazine:
Wann und wie habt Ihr euch kennengelernt?
Anika Decker:
Über drei Ecken. Wir hatten mehrere gemeinsame Freundeskreise. Und irgendwann dachte ich nur noch: Wer ist eigentlich diese Miriam? Dann standen wir auf einem Geburtstag nebeneinander, kamen ins Gespräch und etwas später habe ich auch ein Coaching bei ihr gemacht.
In dieses Coaching bin ich damals mit gefühlt zehn Themen gegangen: Beruf, Trauer – mein Vater war gestorben – und nach einer langen Krankheitsphase war einfach alles zu viel. Ganz ehrlich, am Morgen vor dem Termin war ich überhaupt nicht in der Stimmung. Ich dachte: Ich will das jetzt wegdrücken und lieber irgendetwas machen, das sich leichter anfühlt. Aber dann kam ich aus diesem Coaching heraus mit ganz leichten Schritten – das war eine richtige Erleichterung.

»Zu glauben, ich wüsste ›besser‹ als die Person vor mir, wie Gefühle funktionieren, ist Quatsch.«
MYP Magazine:
Miriam, Du arbeitest in Deinem Beruf in der Regel mit den Themen anderer. Jetzt sprichst Du auch über Dich selbst. Wie war für Dich dieser Seitenwechsel?
Miriam Junge:
Schwierig. Am Anfang war ich gebremst, weil ich als approbierte Psychotherapeutin berufsethischen Regeln unterliege. Gleichzeitig finde ich: Dieses strenge »Ich bin die professionelle Person, ich sage nichts über mich« ist nicht mehr zeitgemäß. Die Augenhöhe ist wichtig: dieses menschlich sein und greifbar sein – gerade heute. Zu glauben, ich wüsste »besser« als die Person vor mir, wie Gefühle funktionieren, ist Quatsch. Also habe ich angefangen, mehr über mich zu sprechen.
MYP Magazine:
Das ist wie im Journalismus: Auch da gibt es dieses Ringen um vermeintliche Objektivität, obwohl wir alle von unseren Sprechpositionen geprägt sind.
Miriam Junge:
Genau. Wenn man auf Beziehungsebene spricht und sich Menschen gehört und gesehen fühlen, entsteht ein anderer Raum. Dann kann man tiefer gehen – und das brauchen wir heutzutage mehr denn je.

»Wenn man den eigenen Wert untergräbt, um zufrieden zu sein, entsteht emotionale Abhängigkeit.«
MYP Magazine:
Folge eins Eures Podcasts dreht sich um Bedürfnisse, Freiheit, Einlassen, Familienfragen – und darum, wie schnell man sich selbst verliert. Welche Schlüsselmomente haben Eure eigene Entwicklung in dieser Hinsicht geprägt?
Anika Decker:
Ich war mal in einer Beziehung, die eine krasse Schwere hatte – und ich habe es lange nicht richtig gemerkt. Ich bin harmoniesüchtig, ich drücke Dinge weg, ich will es schön haben. Ich erinnere mich besonders an einen Moment: Ich fuhr zu meinem Freund und hatte vier schwere Einkaufstüten voll mit Feinkost dabei, dazu Blumen. Ich wollte ankommen und etwas Beeindruckendes mitbringen. Aber dann stand ich auf der Straße und mir fiel ein, dass mein eigener Kühlschrank leer war und ich selbst keine Blumen zuhause hatte. Und so dachte ich: Das ist völlig übertrieben. Es läuft doch gerade gar nicht gut in dieser Beziehung. Was mache ich da?
In dem Moment musste ich mir eingestehen: Ich wollte, dass er happy ist. Und dass er sich freut. Gleichzeitig war er längst nicht mehr nett zu mir. Ich bin umgedreht, nach Hause gelaufen, habe alles in meinen Kühlschrank geräumt – und Schluss gemacht. Das war ein Schlüsselmoment.
Miriam Junge:
Bei mir ist es weniger ein einzelnes Erlebnis, sondern eher ein Muster – und das nicht nur in Liebesbeziehungen. Ich bin jemand, der oft mehr gibt. Und ich habe gemerkt: Ich erfülle Menschen Dinge, die ich eigentlich selbst brauche. Das bringt mich in ein Ungleichgewicht und ist nichts, was einmal gelöst ist – ich muss bis heute darauf achten. Wenn man den eigenen Wert untergräbt, um zufrieden zu sein, entsteht emotionale Abhängigkeit. Und darunter liegen am Ende immer Bedürfnisse.

»Zugehörigkeit ist nicht exklusiv an Familie gebunden.«
MYP Magazine:
In einer Stadt wie Berlin ist es leicht, Begegnungen zu haben, die sich anfühlen wie ein offenes Buch: keine Geheimnisse, keine Scham – von Tod und Verderben bis zum krassesten Orgasmus kann alles auf den Tisch. Gleichzeitig gibt es viele Menschen, die gerade mit ihren Eltern diese Gespräche überhaupt nicht führen können. Gibt es dafür eine Art Aushilfe? Oder muss man einfach akzeptieren, dass in manchen Familien die Sprachlosigkeit bleibt, bis die ältere Generation geht?
Miriam Junge:
Wenn du ewig kämpfst, damit sich Menschen ändern, die gar nicht verstehen, was du meinst, dann kämpfst du irgendwann nicht mehr für dich, sondern für etwas, das nicht greifbar ist. Und dann geht es eher darum, die Menschen zu finden, mit denen du diese Tiefe leben kannst – damit du bei dir bleibst und dich verbunden fühlst. Dieses Gefühl von »Mir fehlt in meiner Ursprungsfamilie etwas« ist erst mal traurig. Aber Zugehörigkeit ist nicht exklusiv an Familie gebunden. Man kann sich auf die Reise machen und sie auch bei anderen Menschen finden – wenn man die Augen offen hält.
MYP Magazine:
Mit geöffneten Augen passiert das also?
Anika Decker:
Ja, oft passiert es besonders dann, wenn es im Leben knirscht. Ich hatte zum Beispiel Einschnitte: eine schwere Krankheit, jahrelang ein Gerichtsverfahren – extremere Situationen. Da merkst du plötzlich, wo Beziehungen tragen und wo nicht. Ich habe die Erfahrung gemacht: Es lohnt sich, etwas zu beenden, das dir nicht guttut. Oder zu sagen: Das reicht mir gerade nicht. Das sind manchmal Sprünge ins Leere, aber rückblickend waren sie immer gut für mich. Ich kann das wirklich empfehlen.

»Ich finde es befremdlich, wenn jemand eifersüchtig auf die Vergangenheit ist.«
MYP Magazine:
Eure erste Podcast-Folge startet mit einer Idee: Anika, Du willst eine »Galerie der Exfreunde« kuratieren – Dein Bruder hat dich darauf gebracht. Was wäre das für eine Ausstellung: eher Geisterbahn oder Pop-Art? Und nach welchen Kriterien würdest Du kuratieren: nach red flags, Höhenflügen oder dem schönsten Scheitern?
Anika Decker:
Ich glaube, ich würde es chronologisch machen – einfach, um zu sehen: Gibt es einen Verlauf? Ein Muster? Ich habe neulich alte Fotos gefunden und mich über manche sogar gefreut. Vielleicht gäbe es einen Raum mit dem Titel »die größten Psychos« – und daneben »die größten Learnings«. Das hängt ja oft zusammen.
MYP Magazine:
Und Dein heutiger Partner, findet der rückblickend jemanden besonders schräg?
Anika Decker:
Der ist eher hartgesotten. Er weiß: Das war der Weg, der mich zu ihm geführt hat. Ich finde es befremdlich, wenn jemand eifersüchtig auf die Vergangenheit ist. Bei uns ist es eher neugieriges Kopfschütteln: »Warum hast du dir das angetan?« Und dann ist die interessante Frage: Was hat mich daran angezogen?
Miriam Junge:
Genau. Jede Person, die wir nah an uns herangelassen haben, hat irgendetwas berührt oder gelöst. Oft versteht man erst im Nachhinein, was man da eigentlich verhandelt hat. Und warum man manchmal viel zu lange an etwas festhält.
Anika Decker:
Ich glaube, wenn man das Leben so betrachtet, verzweifelt man weniger. Ich hatte eine Nahtoderfahrung durch einen Diagnosefehler (Anm. d. Red.: Anika Decker fiel nach einer unbehandelten Blutvergiftung ins Koma und war mehrere Monate komplett auf Pflegehilfe angewiesen) – ich könnte mein Leben lang in Wut aufgehen. Oder ich kann fragen: Was habe ich daraus gezogen? Was hat es mir auch geschenkt? Nicht im Sinne von »war gut«, sondern im Sinne von: Ich will mein Leben nicht in düsterer Wut verbringen. Und bei miesen Beziehungen ist es ähnlich: Was habe ich gesucht, was habe ich gelernt? Im Zweifel war’s eben Recherche für die nächste Komödie.
Miriam Junge:
Dieser Blick ist auch ein Schutzmechanismus: Wir bewegen uns manchmal in Situationen, die emotionalen Stress erzeugen, aber die uns auch Erkenntnis bringen. Oder durch ihre Absurdität sogar Humor.

»Viele unterschätzen, wie viel Verantwortung trotzdem bleibt.«
MYP Magazine:
Eure zweite Folge startet Ihr mit der großen Frage: »Was schulden wir unseren Eltern?« Wie reagieren Menschen bei diesem Thema?
Miriam Junge:
Das ist so ein Thema, das in fast jeder Person schwelt. Viele wollen sich noch nicht damit beschäftigen. Ich glaube, diese Folge ist daher eine, für die man Zeit und Raum braucht – oder die man erst hört, wenn man sich wirklich bereit fühlt.
Anika Decker:
Die zweite ist wahrscheinlich die schwierigste Folge. Weil es darin viele Perspektiven gibt – auch die von Menschen, die ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern haben und ganz selbstverständlich Verantwortung übernehmen. Und selbst wenn man sagt, »dann eben Pflegeheim«, unterschätzen viele, wie viel Verantwortung trotzdem bleibt.

»Fremdbestimmung – dagegen habe ich bis heute eine starke Allergie.«
MYP Magazine:
Später in der Folge sagt Ihr: Wut schafft Distanz – und Pubertät ist wichtig, weil sie diese Distanz überhaupt erst möglich macht. Wie war Eure eigene Trotzphase als Teenager?
Anika Decker:
Ich war ziemlich rebellisch. Mit zwölf habe ich eine Zeit lang mit meinem Vater in England gelebt, mit 15 hatte ich ein Stipendium und war in Australien. Ich habe mich darauf beworben, es bekommen. Wir hätten uns das sonst nie leisten können. Diese Weite, diese Entfernung, dieses »ich kann das« – darauf bin ich bis heute stolz. Das war eine krasse Erfahrung, so jung am anderen Ende der Welt zu sein.
Aber ob ich Hessen da immer so würdig vertreten habe? Es wurde schon sehr viel gekifft in Australien… Und als ich zurückkam, habe ich meinen Eltern ziemlich klar gesagt: Ich informiere euch in Zukunft, aber ich frage euch nicht mehr. Ich dachte, ich sei schon »fertig« und war darin sehr entschlossen. Ich bin mit voller Wucht ins Leben – und na ja, mit 15 hat man nicht immer die besten Ideen.
Miriam Junge:
Bei mir war es fast umgekehrt. Ich komme aus einem kleineren Ort, bei uns war viel Regulierung. Ich habe mich innerlich zugemacht und war nicht mehr zugänglich, eher trotzig, motzig, null Bock. So richtig gegen die Wand. Und das hat sich erst verändert, als ich ausgezogen bin. Fremdbestimmung – dagegen habe ich bis heute eine starke Allergie.

»Ich wollte es wirklich wissen, ich war richtig anti.«
MYP Magazine:
Gibt es einen Moment in Eurer Teenagerzeit, auf den Ihr bis heute stolz seid – so ein »geil, dass ich mich das getraut habe«? Manchmal geht’s ja auch schief, manchmal kommt die Polizei…
Miriam Junge:
Ich bin mal drei Tage abgehauen. Das fand ich damals super.
Anika Decker:
Wo hast Du geschlafen?
Miriam Junge:
Einmal auf einer Wiese, dann bei Freund:innen. Ich wollte es wirklich wissen, ich war richtig anti. Aber es hat funktioniert.
MYP Magazine:
Die Polizei wurde nicht eingeschaltet?
Miriam Junge:
Nein. Ich glaube, die haben darauf vertraut, dass ich wiederkomme.
Anika Decker:
Bei mir kam auch nie die Polizei – aber wilde Partys gab’s schon. Sobald meine Eltern aus dem Haus waren!


»Wir würden am liebsten noch 2.000 weitere Folgen machen.«
MYP Magazine:
Was wünscht Ihr euch für den Podcast?
Anika Decker:
Ich fände es wirklich spannend zu erfahren, was die Folgen bei Hörer:innen auslösen – auch, weil wir am liebsten noch 2.000 weitere Folgen machen würden. Ich habe richtig Spaß daran. Es ist ein Teil meines Jobs, der sich leicht anfühlt und mir wahnsinnig viel gibt.
Miriam Junge:
Mir geht’s genauso. Mich interessiert besonders das Feedback zu bestimmten Themen – zum Beispiel zur Folge über Mobbing und Gaslighting im beruflichen Umfeld. Da bin ich wirklich neugierig, was bei den Leuten hängen bleibt.

Der Podcast »Bin ich jetzt das Problem?« ist verfügbar auf der Plattform Audible.
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Interview & Text: Katharina Viktoria Weiß
Fotografie: Juliusz Gastev





























