Interview — Aaron Altaras & Clemens Schick
»Der Club ist eine Hochdruckkammer des Lebens«
Clubs als Drahtseilakt ohne Netz, Hedonismus als Flucht – und Berlin als Sehnsuchtsort wider die Schwerkraft des Alltags: Im glamourösen Ballhaus Wedding haben wir mit den Schauspielern Aaron Altaras und Clemens Schick über ihren neuen Kinofilm »Rave On«, über politische Freiräume, Hangover und das Recht auf Vergnügen in düsteren Zeiten gesprochen.
31. Juli 2025 — Text: Katharina Viktoria Weiß, Fotografie: Birgit von Bally

Können Musik, Ekstase und Nähe eine suchende Seele retten? Diese flirrende Hoffnung umtanzt »Rave On«, der neue Kinofilm der Regisseure Nikias Chryssos und Viktor Jakovleski. Herausgekommen ist dabei aber kein Techno-Märchen, sondern ein bittersüßer Realismus-Trip durch das Nachtleben. Er zeigt die Clubszene als das, was sie ist: als einen Ort der Sehnsucht, der Eskalation, der Verheißung – und der großen Müdigkeit.
Gedreht wurde »Rave On« fast dokumentarisch in echten Partynächten, zwischen schwitzenden Körpern und tatsächlichen Gästen. Inmitten dieses Settings begegnen wir Kosmo, der einst ein gefeierter Techno-Produzent und DJ war, dem aber nie der ganz große Durchbruch gelang. Während eine neue Generation von DJs über die Jahre zu regelrechten Stars aufstieg, zog sich Kosmo immer mehr aus der Szene zurück. Als er jedoch erfährt, dass ein legendärer Techno-Pionier auf dem Line-up eines der berüchtigtsten Clubs der Stadt steht, wagt er einen letzten Versuch, seinen gescheiterten Traum zu retten.
Gespielt wird Kosmo von Aaron Altaras, der zwar die allermeisten Szenen für sich alleine bestreitet – klug, zärtlich, nachdenklich –, für den die Nacht aber auch diverse Zwiegespräche birgt: etwa mit der Figur Klaus, die von Clemens Schick verkörpert wird.
Wir treffen die beiden Schauspieler im Ballhaus Wedding, einem Ort, der die Geheimnisse der Berliner Feierkultur seit über hundert Jahren hütet. Und der ein bisschen so wirkt, als hätte sich jemand das Berlin vergangener Jahrhunderte erträumt und mit roten Samtsofas, Champagnerbar und Kaminzimmer in der Gegenwart platziert.
Konsequent im Stil der Belle Époque gestaltet, beherbergt das Ballhaus eine der größten Gründerzeitsammlungen Berlins und lässt mit seinen opulenten Salons, Varietébühnen, liebevoll gestalteten Boudoirs, Roulette-Tischen und dem prachtvollen Ballsaal die glanzvollen Zeiten der Berliner Ballhäuser auferstehen. Nach einem fast hundert Jahre langen Dornröschenschlaf fanden hier seit der Neueröffnung 2022 über 500 kulturelle Veranstaltungen statt – von durchtanzten Nächten und Stummfilmkino mit Live-Musik bis hin zu Poesie-Salons und Zeitreisepartys.
Der perfekte Ort also, um mit Aaron Altaras und Clemens Schick – zwischen Historie und Hedonismus, Glanz und Geheimnis – über die Fragilität der Freiheit zu sprechen. Und darüber, warum ein Club immer auch ein romantisches Versprechen ist.


»Clubkultur wird politisch, wenn sie verboten oder reguliert wird.«
MYP Magazine:
Aaron und Clemens, Euer Film »Rave On« spielt im Dunstkreis von Clubnächten, Ekstase und Identitätssuche. Wie nah ist Euch persönlich dieser Kosmos?
Aaron Altaras:
Ich bin in Berlin aufgewachsen. Wie viele andere bin ich sehr früh mit dem Nachtleben in Kontakt gekommen. Für mich sind Clubs nicht nur Orte zum Feiern – sie sind integraler Bestandteil meines Lebens. Ich habe dort Freundschaften geschlossen, Liebe erlebt – und Verlust. Ich habe dort die schlimmsten und die schönsten Dinge erlebt. Es sind Räume, die ich schützen will. Ich war sehr früh im Berghain, bin auch heute noch oft da.
Ich empfinde Clubs als Orte der Selbstreinigung. Nicht im Sinne einer politischen Performance, sondern als Raum für Verbindung, für Träume. Ich gehe dahin, um zu vergessen – und um mich zu erinnern. Um mich sicher zu fühlen. Um über die Stränge zu schlagen. Um mich mit anderen zu verbinden. Ein Club ist für mich eine Hochdruckkammer des Lebens.
Clemens Schick:
Ich lebe seit 1993 in Berlin. Für mein Lebensgefühl war es immer wichtig zu wissen, dass diese Orte schnell erreichbar und in meiner Nähe sind. Mittlerweile hat sich mein Besuch in Clubs eher auf den Sonntagnachmittag verschoben. Aber für mich bleibt es relevant, dass ich hingehen kann, wenn ich das Bedürfnis habe. Wenn solche Orte nicht um mich herum sind, vermisse ich sie.

»In Berlin gibt es den Luxus, dass Handykameras abgeklebt werden.«
MYP Magazine:
Ist Clubkultur für Euch auch ein politischer Akt?
Aaron Altaras:
Wird sie, wenn sie verboten oder reguliert wird. Ich persönlich gehe nicht in den Club, um ein politisches Statement zu setzen. Aber der Ort ist politisch, weil dort alle gleichgestellt sind. Er ist ein Raum für Menschen, die es anderswo schwer haben. Und das ist per se politisch.
Clemens Schick:
Für mich ist der Club ein Ort der Freiheit, nicht der politischen Artikulation. In Berlin gibt es den Luxus, dass Handykameras abgeklebt werden – das erzeugt einen Safe Space, in dem man einfach loslassen kann. Das ist heute selten geworden…

MYP Magazine:
… gerade für Personen der Öffentlichkeit?
Aaron Altaras:
Wenn das für mich ein Problem wäre, würde ich gar nicht hingehen. Ich mache dort, was ich will – ob mich jemand erkennt oder nicht. Wichtig ist mir, dass ich selbst nicht fotografiere. Ich lasse mein Handy manchmal in der Garderobe, weil es dort nicht darum geht. Ich will präsent sein.
Clemens Schick:
Es geht weniger um Kontrolle, mehr um Vertrauen. Man weiß: In diesem Raum wird nichts festgehalten. Es geht nicht um Dokumentation, sondern darum, Erinnerungen zu schaffen. Das klingt kitschig, ist aber so.
Aaron Altaras:
Und Clubs sind auch kitschig – auf die schönste Weise.


»Ein Club ist auch ein sehr, sehr romantisches Versprechen, das eigentlich nie wirklich eingelöst wird.«
MYP Magazine:
Euer Film zeigt auch die Fragilität dieser Räume. Irgendwann endet die Party – und dann?
Aaron Altaras:
Genau das macht es so spannend. Ich liebe an Berlin, dass es emotionale und physische Freiräume gibt. Aber klar: Nachtleben ist auch Verdrängung, eine Form von Eskapismus. Und das macht es zerbrechlich. Der Club ist ein Drahtseilakt ohne Sicherheitsnetz. Ein Club ist auch ein sehr, sehr romantisches Versprechen, das eigentlich nie wirklich eingelöst wird.
Clemens Schick:
Ich bin älter als Aaron. Ich habe erlebt, wie sich das Feiern verändert – der Hangover war irgendwann so bestimmend, dass ich mein eigenes Feiern angepasst habe. Ich liebe es, wach zu sein. Und ich habe Berlin erlebt, als es noch das Ostgut gab – das war vor dem Berghain. Ich habe die ganze Entwicklung gesehen. Es war immer beides: Freiheit und Gefahr.
(Hinweis der Red.: Das Ostgut war in den 1990er Jahren ein bekannter Berliner Technoclub, der als Vorläufer des Berghain gilt. Beheimatet war es in der Lagerhalle eines ehemaligen Güterbahnhofs im Stadtteil Friedrichshain. In den Nullerjahren wurde auf dem Gelände eine Mehrzweckhalle errichtet, die heute den Namen »Uber Arena« trägt.)

»Kontinuität? Unwichtig. Das Gefühl zählt.«
MYP Magazine:
»Rave On« wurde inmitten echter Clubnächten gedreht. Wie war das?
Aaron Altaras:
Es war wahnsinnig. Keine Kompars*innen – echte Gäste. Sie wussten, dass gedreht wird, aber wir waren mittendrin. Keine Unterbrechungen. Ein durchweg organischer Dreh.
Clemens Schick:
Normalerweise fährt man bei Tanzszenen alles hoch und runter. Hier nicht. Wir tauchten ein, drehten, zogen uns zurück, tauchten wieder auf. Der Schnitt ist großartig.
Aaron Altaras:
Genau. Kontinuität? Unwichtig. Das Gefühl zählt. Es geht nicht um klassische Dramaturgie. Und ja, auch der Ton war ein Abenteuer – bei voller Musik. Aber nur so geht das: Wenn die Musik echt ist, tanzen die Leute auch echt.


»Wach zu bleiben und sanft und zart und liebevoll, das kostet Kraft.«
MYP Magazine:
Die Hauptfigur Kosmo, gespielt von Aaron, ist erst um die 30, die Karriere als DJ scheint aber bereits beendet. Resoniert das bei Euch mit Erlebnissen aus dem eigenen Berufsleben?
Aaron Altaras:
Ich bin ja noch gar nicht so weit! Ich musste mich noch nicht so oft neu erfinden oder dranbleiben oder was auch immer. Ich bin auch durch ganz viele Lebensphasen noch gar nicht durch. Das Schauspiel – und noch vielmehr der Club-Bereich – sind aber auf jeden Fall ein Young Man’s Game. Es ist ein sehr extremes Leben und für viele Leute mit einem geregelten Alltag nicht kompatibel.
Clemens Schick:
Ich glaube, es geht gar nicht um einen großen Karriereknick, sondern darum, dass man als Schauspieler oder Musiker maximal nah an sich selbst dran ist. Es gibt zwischen dem Handwerk und dem eigenem Ich in dem Sinne keine Unterscheidung mehr. Man muss wach bleiben, sich immer wieder infrage stellen, neugierig bleiben, Lust auf Ungewohntes haben. Das bringt großes Vergnügen, ist aber gleichzeitig auch eine riesige Kraftanstrengung.
Und dann kommt die Balance: Was ist kommerziell, was bringt also Geld, und was befriedigt die eigene Lust? Dabei ist man von einer Branche abhängig, die immer auf der Suche nach dem großen Erfolgsrezept ist. Und wenn irgendjemand mal die Antwort darauf hätte, gäbe es wahrscheinlich gute Filme überall. Stattdessen ist alles so fragil. Und diese Fragilität gilt es auszuhalten. Ich will das auf gar keinen Fall beklagen, denn wir haben uns selbst für diesen Weg entschieden – hätten wir ja auch anders. Aber da wach zu bleiben und sanft und zart und liebevoll, das kostet Kraft.


»Ich frage nicht, was die Stadt mir gibt – sondern was ich ihr geben kann.«
MYP Magazine:
Und Berlin – ist es ein Sehnsuchtsort geblieben?
Aaron Altaras:
Ich komme aus Berlin. Ich frage nicht, was die Stadt mir gibt – sondern was ich ihr geben kann. Wenn Leute sagen, Berlin sei tot, sage ich: Dann bau dir dein Berlin. Klar, es gibt weniger Räume. Aber die Möglichkeiten, die Freiheit, das ist immer noch besonders.
Clemens Schick:
Mir ist noch eines wichtig bei dem Gespräch, das wir führen: dass es ein Luxus ist. Allein sich die Gedanken machen zu dürfen, die wir uns gerade machen in diesen crazy Zeiten, in denen wir auf dieser Welt leben… und die Ekstase ist eine Grundlage für eine wichtige Auseinandersetzung. Aber es braucht trotzdem immer eine Einordnung – ein Bewusstsein dafür, dass feiern gehen zu dürfen in diesen Zeiten ein Luxus ist.

»Ich habe gelernt: Menschen lachen überall über dieselben Pointen.«
MYP Magazine:
Clemens, Du warst zweimal mit einem Theaterstück in Afghanistan bei deutschen Truppen. Warum hast Du dich damals dazu entschieden?
Clemens Schick:
Ich hatte die rot-grüne Regierung gewählt. Nach der Wahl hat sie Soldaten in einen Kriegseinsatz geschickt. Ich habe mich mit der Frage auseinandergesetzt, wie ich mich dazu verhalten soll. Also bin ich 2008 und 2011 hin, mit meinem Solo-Stück. Ich habe dort gespielt, diskutiert, krasse Erfahrungen gesammelt. Und gelernt: Menschen lachen überall über dieselben Pointen.


»Dass uns heute solche Fragen gestellt werden, wäre damals undenkbar gewesen.«
MYP Magazine:
Merkt man das Kriegsgeflüster, dass aktuell in unserer Gesellschaft lauter zu werden scheint, auch bei Euch in der Kulturszene?
Aaron Altaras:
Ich bin zynischer Optimist. Ja, es sind schlimme Zeiten. Aber nur weil es hier keinen Krieg gibt, heißt das nicht, dass alles gut ist. Der Krieg ist schon da, hier um die Ecke. Ich finde, man muss in beide Richtungen immer vorsichtig sein. Je mehr man über Krieg und Rüstung redet, desto mehr beschwört man etwas auch herbei. Gleichzeitig ist die Realität, dass es überall einen sehr, sehr, sehr harten, nationalistischen Ton gibt. Und das muss man ernst nehmen.
Clemens Schick:
In den letzten fünf Jahren hat sich unsere Realität massiv verschoben – im Denken, in dem, was überhaupt noch vorstellbar ist. Allein, dass uns heute solche Fragen gestellt werden, wäre damals undenkbar gewesen. Und das erschöpft. In den Fragen »Wie geht es mir?« und »Wie steht es um die Welt?« kann ein großer Unterschied liegen. Manchmal geht es mir persönlich gut, obwohl ich spüre, wie die Welt in rasantem Tempo auf eine Wand zurast, deren Kontur ich nicht mal klar erkenne. Und deshalb kann ich gleichzeitig als Individuum auch feststellen, dass ich tanzen gehe – trotz allem.

»Rave On« (81 min.),
Regie: Nikias Chryssos & Viktor Jakovleski,
seit dem 31. Juli 2025 im Kino
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Mit besonderem Dank an das Ballhaus Wedding:

Das Ballhaus Wedding stellt sich vor:
Sie gehen gerne ins Theater, lieben (klassische) Konzerte, Poetry Slams, Varieté, durchtanzte Nächte, Zeitreisepartys, einen Sonntagsbrunch oder Stummfilmkino mit Live-Musik? Sie wollen am Roulettetisch zocken, an der goldenen Champagnerbar plaudern, einen Ball oder Salon in den ehrwürdigen Räumen miterleben, im Kaminzimmer chillen, den Abend mit der Selfie-Box festhalten oder über jenen Boden flanieren, auf dem schon Marlene Dietrich in »Der blaue Engel« getanzt hat? Dann werden Sie das Ballhaus lieben!


Hier können Sie tanzen, trinken, sich austauschen, lachen und die Zeit vergessen, um Ihren Veranstaltungstraum erleben: Die malerische Hochzeit, ein spektakuläres Sommerfest, eine imposante Preisverleihung, ein herzlicher Jubiläumsempfang, eine ausschweifende Geburtstagsparty oder eine einmalige Weihnachtsfeier – das Ballhaus Wedding ist für alles gerüstet und setzt jede Veranstaltung perfekt und mit Liebe zum Detail um. Das freundliche Team freut sich auf Sie und hofft, Ihnen unvergessliche Stunden bereiten zu dürfen.

Treten Sie ein in einen Ort, der wie aus der Zeit gefallen zu sein scheint und der immer wieder neu in seinem ganz eigenen Rhythmus atmet:


Interview & Text: Katharina Viktoria Weiß
Fotografie: Birgit von Bally





























