Francesco Futterer

Francesco Futterer ist 24 Jahre alt, studiert Kommunikationsdesign und lebt in Heidelberg.

Roter Teppich

Text & Foto: Francesco Futterer

Beim Betreten des Gebetsraumes empfängt mich eine angenehme und vertraute Wärme. Trotz der vielen einzelnen Kacheln, Muster und Kalligrafien an den Wänden, die einen erschlagen müssten, wirkt der Raum still. Alles ist aufeinander abgestimmt. Die Weichheit des roten Teppichs quillt durch meine Socken zwischen den Zehen nach oben und ich habe plötzlich den Drang, mich hinzusetzen.

Der Teppich bedeckt den kompletten Boden und es ziehen sich helle Streifen durch ihn. Der Raum ist groß. In der Mitte hängt ein goldener Kronleuchter und an der vorderen Wand stehen rechts und links der Gebetsnische zwei Pendeluhren — die Pendel bewegen sich zwar, doch man hört sie nicht …

Ein lauter, langer Ruf reißt mich aus meinem Tagtraum. Menschen strömen in den Raum. Sie verteilen sich und langsam werden die im Teppich eingewebten Reihen gefüllt. Die Leute unterhalten sich auf türkisch. Kinder springen mit großer Freude zwischen den Menschen hin und her. In mir legt sich eine Stille nieder. Ich bin immer noch so fasziniert von der Räumlichkeit, dass sich alles andere ausblendet.

„Was machen sie hier?“ „… Bitte?“ „Was machen sie denn hier mit der Kamera?“ „Ah … Ich fotografiere ihren Imam hier in der Moschee. Ich möchte seinen Alltag zeigen … Ich bin wirklich fasziniert von diesem Raum.“ „Das haben wir alles selbst gemacht. Hat sechs Jahre gedauert. Ok, dann viel Glück bei Ihren Bildern … Bekommen wir sie dann auch zu sehen?“ Ich sage ihm noch ein „bestimmt“ hinterher. Der Mann war aber schon zu einer anderen Stelle gegangen und nahm Platz.

Der Imam betritt das Pult und es wird still. Er beginnt auf türkisch zu sprechen. Wieder kann ich nichts verstehen, dennoch genieße ich die Ruhe. Es ist erstaunlich, wie die Wirkung des Raumes alles andere ausblendet.

Wieder werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Alle stehen plötz­lich auf und das Gebet beginnt. In einem ritualähnlichen Rhythmus verneigen sich die Menschen, knien sich auf den Boden und erheben sich wieder. Die Stille während des Gebets wird nur durch die Worte eines Mannes aus Lautsprechern unterbrochen.

Nach fünfzehn Mi­nu­­ten ist alles vorbei. Die Menschen stehen auf. Die Kinder rennen wieder zwischen ihnen hindurch und lachen. Es werden sich Hände gereicht und man gibt sich gegenseitig Küsse auf die Backen.

Nach und nach leert sich der Raum und die Stille kehrt wieder ein. Jetzt treffe ich den Imam. Wir begrüßen uns und ich erkläre ihm, wie wir vorgehen. Anschließend nimmt er auf der anderen Seite des Raumes Platz und ab jetzt durchbricht die Stille nur noch das leise Klacken der Kamera.


www.francescofutterer.de

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