Interview — Metronomy

Raum und Zeit

Mit „The Look“ haben Joseph Mount und seine Band Metronomy einen echten Indie-Klassiker ge-schaffen. Dabei hatte Joseph in dem Song nie das Potenzial gesehen, überhaupt erfolgreich zu werden. Wir sprechen mit ihm über die Anfänge der Band, die Aufgabe von Musik und das neue Album „Love Letters“.

3. Mai 2014 — MYP No. 14 »Meine Wut« — Interview: Jonas Meyer, Fotos: Maximilian König

Ein wenig morbide ist es ja schon, das Areal des ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerks im Süden Friedrichshains. Auch wenn sich in den letzten Jahren das sogenannte RAW-Gelände mit seinen diversen Galerien, Clubs, Kultur- und Sporteinrichtungen zu einer der beliebtesten Touristenattraktionen Berlins entwickelt hat, spürt man an jeder Ecke mehr das Gestern als das Heute. Und so ertappt man sich dabei, dass man hier nicht fragt, was ist, sondern nur, was war – damals, lange vor dem Jahr 2014.

Es ist Sonntagnachmittag. Gemeinsam mit dem Metronomy-Gründer Joseph Mount sitzen wir hinter dem Astra Kulturhaus an einem kleinen Campingtisch und beobachten die Güterzüge, die nur wenige Meter entfernt von uns am S-Bahnhof Warschauer Straße vorbeirattern. Die ganze Situation erscheint ein wenig unwirklich, erinnert sie doch mit ihrer Kulisse aus unzähligen Güterwaggons an ein Ostküsten-Roadmovie aus den USA. Dabei würde man Joseph instinktiv eher an der Südwestküste Englands verorten – schließlich ist er dort aufgewachsen und hat dieser Gegend vor drei Jahren mit dem Album „The English Riviera“ ein musikalisches Denkmal gesetzt.

Jonas:
Vor kurzem habe ich auf einer deutschen Design-Plattform den Reiseführer „Eat, Surf, Live“ entdeckt, in dem atemberaubende Landschaftsfotos vom Südwestzipfel Englands zu sehen sind – es muss sehr inspirierend sein, in dieser Gegend aufzuwachsen und zu leben.

Joseph:
Ja, das ist es in der Tat. Die Menschen dort erleben ihre Kindheit auf eine ganz andere Art und Weise als die Leute in anderen Teilen Großbritanniens, weil es einfach schön und entspannend ist, immer in der Nähe des Meeres zu sein. Sie haben daher irgendwie eine angenehmere und unaufgeregtere Lebenseinstellung.

Jonas:
Du selbst bist in der Grafschaft Devon in Südwestengland aufgewachsen. Welche Erinnerungen hast du an deine Kindheit und Jugend dort?

Joseph:
Ich erinnere mich vor allem an die Möglichkeit, enorm viel Zeit für alles zu haben. Vor allem als Teenager hat man am Wochenende nicht wirklich die Wahl, was man tut. Es gibt dort ja keine großen Städte und dementsprechend auch so gut wie keine Clubs. Daher ist man gezwungen, selbst kreativ zu werden und auf seine ganz eigene Art und Weise für Unterhaltung zu sorgen.

Jonas:
Etwa indem man seine eigene Musik macht…

Joseph:
Ganz genau. Und dabei ist es ein riesiger Vorteil, nicht diesem ganzen Input von irgendwelchen Clubs ausgesetzt zu sein, wie man das aus der Großstadt kennt. So kann man völlig unbeeinflusst seine ganz eigenen Ideen umsetzen. Um ehrlich zu sein: Meine Musik wäre nicht so, wie sie ist, wenn ich nicht dort aufgewachsen wäre.

Jonas:
Ohne Geschichte keine Zukunft.

Joseph:
Das kann man so sagen.

Jonas:
Erinnerst du dich noch, wie du zum ersten Mal bewusst mit Musik in Verbindung gekommen bist?

Joseph:
Als ich zehn Jahre alt war, habe ich begonnen, Schlagzeug zu spielen – das war vor 21 Jahren. Als Teenager habe ich dann in verschiedenen Bands gespielt und nebenbei angefangen, mit dem Computer Musik zu machen. Dadurch konnte ich ganz allgemein eine Menge über Musik lernen – und bin zum ersten Mal auch so richtig mit elektronischer Musik in Kontakt gekommen.

Jonas:
Dabei hat aber hoffentlich der Eurodance der 90er keine inspirierende Rolle gespielt.

Joseph (lacht):
Nein, glücklicherweise nicht! Mein Vorteil war es eher, gute Freunde mit einem sehr interessanten und ausgefallenen Musikgeschmack zu haben. Wenn man an einem Ort wie Devon lebt, braucht es eine Menge Glück, um andere Leute zu finden, die sich ebenfalls für Musik begeistern. Durch meine Freunde habe ich damals Musik kennengelernt, die ich sonst nie gehört hätte in meinem Leben.

Jonas:
Wann hast du gemerkt, dass du in deinem Leben nicht nur hobbymäßig, sondern wirklich professionell Musik machen willst?

Joseph:
Schon mit 16 war mir absolut klar, dass ich für den Rest meines Lebens Musik machen will. Wir hatten damals eigentlich eine echt tolle 5er-Band, bedauerlicherweise hat uns aber irgendwann der Sänger verlassen. Er wollte lieber mit seiner Freundin zusammenleben und hat der Band plötzlich den Rücken gekehrt.
Interessanterweise wussten die drei anderen Bandmitglieder damals ebenfalls schon ganz genau, dass sie professionell Musik machen wollen – und wie ich haben auch sie alle weiter in erfolgreichen Bands gespielt.

Jonas:
Du hast Ende der 90er das Projekt Metronomy ins Leben gerufen und hast zunächst als Solokünstler elektronische Musik gemacht. 2005 hast du dir mit Oscar Cash und Gabriel Stebbing musikalische Unterstützung ins Boot geholt, wodurch Metronomy zu einer echten Band wurde. War euch allen von Anfang an klar, in welche Richtung sich das Ganze entwickeln soll?

Joseph:
Nein, nicht wirklich. So etwas muss einfach wachsen und sich mit der Zeit entwickeln. Trotzdem hatten wir natürlich irgendwo dieselbe musikalische Grundlage, von der aus wir begonnen haben, uns als Gruppe zu formieren: Wir tauschten Musik aus und entwickelten nach und nach eine gemeinsame Vorstellung von Musik.

Jonas:
Und plötzlich passierte es, dass ihr einen Klassiker wie den Song „The Look“ produziert! War euch bewusst, dass ihr damit einen Sound erschaffen hattet, der die Leute sehr berührt und überall Anerkennung findet?

Joseph:
Als ich Ende der 90er mit Metronomy startete, befand ich mich noch in einer absoluten Lernphase, was das Musikmachen betrifft. Aber nur wenige Jahre später passierten von jetzt auf gleich große Dinge, die mich total überrascht haben – wie zum Beispiel mit „The Look“.
Bei diesem Song war es besonders interessant: Ich hatte eine Art Demo mit dem Orgel-Part und konnte mir nicht wirklich vorstellen, dass ich jemals etwas damit machen würde: Für meine Begriffe war dieser Orgel-Part fast schon lächerlich simpel. Aber dann dachte ich: Scheiß’ drauf, du bringst das jetzt zu Ende!
Als ich mir den Song zum ersten Mal in der finalen Version angehört habe, habe ich in ihm nicht das gehört, was viele andere Leute in dem Track hörten – ich fand absolut nichts, was in irgendeiner Form ins Radio gepasst hätte. Aber letztendlich hat sich gezeigt: Es hängt sehr von den Leuten ab, was mit einem Song passiert – man kann eben nicht einfach so eine erfolgreiche Single produzieren. Es sind am Ende immer die Fans, die einen Song aussuchen und zu dem machen, was er ist.

Jonas:
Das liegt wahrscheinlich daran, dass man Musik besonders mag, wenn man sie mit bestimmten Situationen und Gefühlen verbinden kann. Ich persönlich finde euer Album „The English Riviera“ beispielsweise perfekt für endlose Samstag- oder Sonntagnachmittage – so wie den heutigen. Gibt es für dich ebenfalls diese typische Saturday Afternoon Music?

Joseph:
Ja klar, davon gibt es für mich eine ganze Reihe. Würden wir jetzt hier draußen in der Sonne ein Barbecue veranstalten, würde ich wohl das Album „Fulfillingness’ First Finale“ von Stevie Wonder oder „3 Feet High and Rising“ von De La Soul auflegen. Das ist zwar beides recht alt, aber erinnert mich genau an solche Tage aus meiner Teenagerzeit.

Musik macht persönliche Momente und Zeiten oft erst lebendig.

Jonas:
Spielt für dich in der Musik Zeit überhaupt eine Rolle, wenn Songs und Alben auch heute noch die gleiche Stimmung bei ihren Hörern erzeugen wie damals?

Joseph:
Manche Leute sagen, dass Musik auch existieren könne, ohne dass man sie in den Kontext einer bestimmten Zeit oder Situation setzen würde. Aber meiner Meinung nach macht Musik persönliche Momente und Zeiten oft erst lebendig.
Es gibt ja dieses klassische Beispiel: Man ist in einem Club, lernt ein Mädchen kennen und im Hintergrund läuft ein ganz bestimmter Song. Diesen Song wirst du immer mit diesem Moment in Verbindung bringen. Ähnlich ist es bei dir mit „The Look“ und einem ewigen Samstagnachmittag
Für mich selbst ist es unmöglich, Musik zu machen, ohne mir dabei über die Verknüpfung zu der jeweiligen Zeit bewusst zu sein: Wenn ich im Jahr 2014 ein Album herausbringe, wird es für immer mit diesem Jahr verbunden sein.

Joseph vergräbt sich in seiner dunkelblauen Jacke und reibt sich beide Oberarme: Windig ist es hier und auch ein wenig kühl. Daher beschließen wir kurzerhand, unser Gespräch im Inneren des Astra Kulturhauses fortzusetzen, und folgen dem 31jährigen in den Backstage-Bereich.

Die erste Sitzecke, die wir entdecken, sieht nicht wirklich einladend aus, also schlendern wir weiter Richtung Bühne. Im Barbereich stoßen wir auf eine orange-gelbe Sesselgruppe, die förmlich danach schreit, in unsere Unterhaltung miteinbezogen zu werden. Denn auch sie hat eine Geschichte zu erzählen: von einer Zeit, in der man stilistisch voll auf Ohrensessel, wilde Mustertapeten und knallige Farben setzte. Wüsste man nicht um das stattliche Alter dieser Möbel, man würde sie wohl Retro schimpfen.

Jonas:
Wenn euer neues Album „Love Letters“ anhört und dazu die Musikvideos zu den Songs „Love Letters“ und „I’m Aquarius“ kennt, hat man das Gefühl, sich auf eine große Zeitreise zu begeben – von den 60ern bis in eine ferne Zukunft.

Joseph:
Nun ja, die Videos sind eher ein Spaß.

Jonas:
Aber trotzdem sind vor allem die visuellen Elemente ein wichtiger Bestandteil eurer Musik.

Joseph:
Absolut. Wir benutzen zwar einerseits eine gewisse Sixties-Ästhetik für das neue Album, aber andererseits ist es eben auch einfach nur ein Werk im Raum. Es soll sich nicht auf eine bestimmte Zeit in der Vergangenheit oder Zukunft beziehen – sondern auf die Gegenwart, in der es entstanden ist.

Jonas:
Das Video zu „Love Letters“ wurde von Michel Gondry produziert – einem international sehr renommierten Regisseur. Wie hat sich diese Zusammenarbeit ergeben?

Joseph:
Ich hätte mir in meinem Leben nie vorstellen können, dass wir mal mit solch einer Filmgröße zusammenarbeiten würden. Aber in den letzten Jahren ist auch schon so einiges passiert, mit dem ich nicht gerechnet hätte.
Soweit ich damals wusste, machte Michel nur Filme und keine Music Clips. Aber dann fanden wir heraus, dass er gerne auch mal ein Musikvideo drehen wollte – aber dafür noch keinen Song hatte. Als wir das herausfanden, haben wir ihn einfach gefragt, ob er sich nicht vorstellen könnte, einen Clip für unseren neuen Track „Love Letters“ zu produzieren.
Da wir bei einem französischen Label unter Vertrag stehen und Michel ebenfalls Franzose ist, gab es da bereits gewisse Verbindungen. Michel mochte einfach unsere Musik und vor allem den Song „Love Letters“ – und so passierte das, wovon ich niemals gedacht hätte, dass es mal passieren würde.

Jonas:
Also war euer Kennenlernen nicht wirklich zufällig.

Joseph (lacht):
Nein, da muss ich dich leider enttäuschen – wir haben uns nicht irgendwie per Zufall in einer Cocktailbar getroffen oder so.

Jonas:
Du hast persönlich ebenfalls einen sehr starken Bezug zu Frankreich: Seit drei Jahren lebst du in Paris. Was ist für dich das Besondere an dieser Stadt?

Joseph:
Eigentlich lebe ich erst seit einem Jahr so wirklich dort, weil wir bei meinem Umzug im Jahr 2011 mitten in einer Tour steckten. Damals bin ich einfach nicht dazu gekommen, mich dort einzurichten.
Ich empfinde Paris als eine eher kleine Stadt – jedenfalls im Vergleich zu London, wo ich vorher gelebt habe. Erst als ich nach Paris gezogen bin, habe ich London auch wirklich schätzen gelernt – und am meisten vermisse ich die vielen Parks. Dennoch mag ich Paris ebenfalls sehr, Franzosen haben allgemein eine bemerkenswerte Haltung gegenüber Musik und Kunst. Meine Freundin ist Französin, daher nehme ich viel von der französischen Kultur auf.

Jonas:
Euer neues Album klingt wesentlich akustischer und reduzierter als „The English Riviera“.

Joseph:
Das stimmt. Ich hätte zwar das Album auch auf die gleiche Art wie „The English Riviera“ produzieren können, aber das wäre nicht so interessant gewesen. Bei der „Love Letters“-Platte habe ich versucht, alles auf ein sehr einfaches Level zu filtern. So sind die Songs auf diesem Album in gewisser Weise präziser geworden als die Songs auf „The English Riviera“.
Manchmal ist es einfach spannend zu bemerken, wie sehr man sich in der Regel doch auf Hilfsmittel wie Technik oder Klangverschönerung verlässt. Das zu reduzieren war zwar mit einem gewissen Risiko verbunden, aber hat total viel Spaß gemacht und sich richtig gut angefühlt.

Jonas:
Für uns wirkt euer neues Album fast wie der Soundtrack zu einem Film – einem Film, der noch gar nicht existiert.

Joseph:
Das ist sehr interessant zu hören. Für mich sollte ein Album grundsätzlich immer einen gewissen Charakter haben, in dem man idealerweise die Leute wiederfinden kann, die es gemacht haben – oder den Ort, wo es entstanden ist.
Dabei muss man seiner Musik aber immer einen entsprechenden Raum geben, in dem sie leben und sich bewegen kann, damit auch beim Hörer überhaupt solche Assoziationen wie etwa die des Film-Soundtracks entstehen können. Ich habe in letzter Zeit so viele Platten gehört, bei denen dieser Charakter einfach nicht festzustellen war. So etwas finde ich immer irgendwie schade.

Ich versuche immer im Voraus zu denken.

Jonas:
Plant ihr als Metronomy gezielt eure musikalische Weiterentwicklung? Oder lasst ihr euch eher von dem überraschen, was so passiert im Laufe der Zeit?

Joseph:
Es ist eine Mischung aus beidem. Ich verfolge sehr aufmerksam, wie Musikkritiker unsere Musik beurteilen und was sie von uns erwarten. Gleichzeitig habe ich aber auch immer die Erwartungen unserer Fans im Blick.
Es gibt viele Dinge, die ich persönlich gerne tun möchte. Man muss aber clever genug sein, diese so zu tun, dass man weder die Kritiker noch die Fans oder gar sich selbst verärgert. Das ist ein schwieriges Spiel. Nach „The English Riviera“ wusste ich, dass ich auf keinen Fall eine zweite Version dieses Albums machen wollte. Aber ich wusste auch, dass wir mit diesem Album unzählige Fans gewonnen haben. Daher wollte ich mit „Love Letters“ unbedingt vermeiden, dass die Fans denken, sie hätten uns falsch verstanden.
Ich versuche, immer im Voraus zu denken, meine Gedanken besser zu organisieren und dabei alles im Gleichgewicht zu halten. Mein Ziel ist es ja nicht, so berühmt wie möglich zu werden und eine Million Alben zu verkaufen – meine Ziele sind eher kreativer Natur.
Auf der anderen Seite freut sich unser Label natürlich, wenn wir eine Million Platten verkaufen. Daher muss man beides miteinander kombinieren können und idealerweise versuchen, dabei alle glücklich zu machen – was natürlich unmöglich ist.

Jonas:
Vielleicht muss man nur einfach man selbst sein.

Joseph:
Ganz genau! Glücklicherweise kann ich das ganz gut – und ich glaube, das verbinden die Fans auch mit unserer Band.

Mit einem etwas müden, aber zufriedenen Gesichtsausdruck erhebt sich Joseph von seinem Sessel, verabschiedet sich und läuft zurück zum Backstage-Bereich. Einige Minuten später sind auch wir aufbruchsbereit und verlassen das Astra Kulturhaus.

Gemütlich spazieren wir zurück über das morbide RAW-Gelände, vorbei an dutzenden Besuchern, die an jeder Ecke mit ihren Smartphone-Kameras versuchen, das Gestern festzuhalten.

Dabei geht es doch nur darum, was ist – heute, im Jahr 2014.