Interview — Anne Pretzsch

Momentaufnahme

Anne Pretzsch ist Performance-Künstlerin und lebt in Hamburg. Gerade war sie für zwei Wochen in Berlin, um mit geflüchteten Jugendlichen ein Theaterstück zu erarbeiten. Im Interview verrät sie uns, wie man verängstigten Teenagern neues Selbstbewusstsein gibt, was es mit dem Begriff Performance auf sich hat und warum es wichtig ist, immer wieder bei Null zu starten.

22. September 2010 — MYP N° 21 »Ekstase« — Interview: Jonas Meyer, Fotos: Roberto Brundo

Ein Freitagnachmittag mitten im August. Wir stehen im Innenhof des Kreuzberger Theaters „Expedition Metropolis“ und fühlen uns wie in einem Ameisenhaufen. Um uns herum wuseln gut 30 Jugendliche plus erwachsene Betreuer, die gemeinsam eine Stimmung aus Anspannung, Nervosität und freudiger Erwartung verbreiten – Gefühle, die wohl bei allen Menschen auf der Welt aufkommen, wenn sie kurz vor der Premiere ihres eigenen Theaterstücks stehen.

Für viele der Jugendlichen hier ist es die allererste Theaterpremiere ihres Lebens. Gemeinsam mit einem zehnköpfigen Team aus Dramaturg*innen, Regisseur*innen, Musiker*innen und Pädagog*innen haben sie in den letzten zwei Wochen mehrere kleine Theaterstücke erarbeitet, die sie heute vor geladenem Publikum uraufführen – auf Deutsch. Das ist insofern bemerkenswert, da noch zwei Wochen zuvor fast keiner der Teenager überhaupt ein Wort Deutsch gesprochen hat. Viele sind erst vor kurzem nach Deutschland gekommen –mit Lebensgeschichten im Gepäck, die teilweise für uns am Rande des Vorstellbaren liegen.

Initiator dieses Theaterworkshops in den Sommerferien ist der amerikanische Komponist und Regisseur Todd Fletcher. Vor über zwanzig Jahren hat er in den USA die Organisation Plural Arts gegründet, mit der er sich der künstlerischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen widmet, die aus schwierigen Verhältnissen oder Konfliktregionen stammen. Seit 2007 gibt es „Plural Arts“ auch in Deutschland. Vor zwei Jahren – im Schicksalsjahr 2015 – hat man sich entschieden, verstärkt Projekte für und mit geflüchteten Teenagern anzubieten.

Von dieser wertvollen Arbeit hätten wir vielleicht nie erfahren, wenn wir zwei Tage zuvor nicht durch Zufall Anne Pretzsch kennengelernt hätten. Die 24-jährige Hamburgerin arbeitet als freiberufliche Performance-Künstlerin und Dramaturgin und gehört zu dem Team von professionellen Theatermachern um Todd Fletcher, die in den letzten beiden Wochen gemeinsam mit den Jugendlichen drei kleine Theaterstücke erarbeitet haben.

Eine Stunde später, die Vorstellung ist vorbei. Schon wieder stehen wir im Innenhof, schon wieder haben wir das Gefühl, uns im Zentrum eines Ameisenhaufens zu befinden – nur dass die Stimmung um uns herum eine andere ist. Die Anspannung, die noch vor einer Stunde in der Luft lag, ist großer Erleichterung gewichen. Und wo eben noch Nervosität zu spüren war, machen sich nun bei allen Beteiligten Freude, Glück und ein gewisser Stolz breit. Die Stimmung ist so ausgelassen, dass einer der Teenager kurzerhand die Soundanlage kapert und sein Smartphone mit den Boxen verbindet. Arabische Musik schallert plötzlich aus der Anlage, die Kids stürzen aus dem Innenhof zurück auf die Bühne. Was folgt, ist Ekstase pur – und ein Lehrstück für alle Tanzmuffel, wie man sich zu Musik bewegen kann.

Jonas:
Zwei intensive Wochen liegen hinter dir: Zusammen mit einem guten Dutzend Jugendlicher hast du ein Theaterstück erarbeitet. Dabei hatten diese Kids noch nie in ihrem Leben mit Theater zu tun, die meisten von ihnen sprechen kein oder nur gebrochen Deutsch. Wie geht man an so eine Mammutaufgabe heran? Wie gestaltet man den ersten Tag?

Anne:
Man startet bei Null – und lässt dann alles auf sich zukommen. Konkret bedeutet das, dass man im ersten Schritt die wichtigsten Fakten abklopft: Wie sind die Namen der Kids? Wie ist die Dynamik in ihrer Gruppe? Wie steht es um ihre Deutschkenntnisse? Über welche Fähigkeiten verfügen sie? Manche Jugendliche bringen ungeahnte Talente mit – du hast es selbst gesehen, wie gut sie beispielsweise tanzen können. Daher ist es auch zu fragen: Was tust du so in deiner Freizeit? Was beschäftigt dich, was machst du besonders gerne?
Erst im nächsten Schritt versucht man, sich dem Ganzen aus einer Theaterperspektive zu nähern und gemeinsam mit den Jugendlichen aus dem gewonnenen Wissen Texte oder Bewegungen zu erarbeiten. Dadurch haben wir für unser kleines Theaterstück relativ schnell ein gemeinsames Thema gefunden: Hoffnung.

Ich habe selbst keine Definition von Theater.

Jonas:
Versuchst du, den Jugendlichen von Anfang an eine Definition von Theater mitzugeben?

Anne:
Ich habe selbst keine Definition von Theater – Theorie spielt an dieser Stelle auch überhaupt keine Rolle. Was aber eine Rolle spielt, sind bestimmte Grundregeln, wie zum Beispiel laut zu sprechen oder nicht mit dem Rücken zum Publikum zu stehen. Das sind zwar ganz basale Verhaltensprinzipien, aber wir wollen damit den Kids zeigen, dass wir – auch wenn es hier nur um einen kleinen Ferienworkshop geht – eine gewisse professionelle Ebene schaffen wollen. Also sagen wir: Toll, dass ihr diesen Text geschrieben habt, aber jetzt geht es darum, das Erarbeitete auch gut auf die Bühne zu bringen.

Jonas:
Das Stück beginnt damit, dass einige der Darstellerinnen und Darsteller ihre Träume und Wünsche äußern. Ein Jugendlicher erzählt beispielsweise, dass er sonntags auf dem Markt als Schuhputzer arbeitet und davon träumt, Pilot zu werden. Ist diese Story fiktiv? Oder hat sie einen tatsächlichen Bezug zu der Lebensrealität des Jungen?

Teilweise hören wir dabei so krasse Lebensgeschichten und Hintergründe, die wir uns selbst im Traum nicht hätten vorstellen können.

Anne:
Dass er Pilot werden will, kann ich mir gut vorstellen – ich weiß es aber nicht definitiv. Alle Texte wurden von den Jugendlichen verfasst, ich selbst habe keinen einzigen geschrieben. Wie stark der Bezug zu ihrem eigenen Leben ist, kann ich daher auch nicht sagen.
Aber genau das ist es auch, was mir so wichtig ist: Wenn sie ihre eigenen Texte produzieren, geht es darum, einen gewissen Deutungsraum zu lassen. Ich erkläre den Jugendlichen, dass weder der Zwang besteht, ein rein biografisches Theaterstück zu entwickeln, bei dem sie ganz persönliche, intime Dinge aus ihrem Leben erzählen müssen, noch es die strikte Vorgabe gibt, dass alles ausgedacht sein muss.
Natürlich kommen auch viele mit dem Bedürfnis in die Theaterschule, etwas von sich zu zeigen und zu erzählen. Teilweise hören wir dabei so krasse Lebensgeschichten und Hintergründe, die wir uns selbst im Traum nicht hätten vorstellen können. Allerdings kann ich es im Rahmen eines zweiwöchigen Ferienworkshops gar nicht leisten, mich darum zu kümmern – alleine schon deshalb nicht, weil ich keine ausgebildete Psychologin bin. Daher vermeiden meine Kollegen und ich es auch, bei so einem Format wie der Theaterschule beispielsweise ein Stück zum Thema Krieg zu machen. Diese Verantwortung können wir einfach nicht übernehmen, schon gar nicht in zwei Wochen. Es ist sowieso fraglich, ob Theater überhaupt eine therapeutische Wirkung haben muss oder sollte. Dieser Raum ist für die Kids ja eher als eine Art Schutzraum gedacht.

Jonas:
Ich habe das nicht als ein Manko wahrgenommen, ganz im Gegenteil: Hoffnung ist ja ein zutiefst menschliches Thema, bei dem Parameter wie Herkunft, Hautfarbe oder Etnie zuerst einmal keine Rolle spielen. Im Stückt sagt ein Junge einem Mädchen, dass er sie liebt. Sie will ihn aber nicht und für den Jungen bricht eine Welt zusammen. Das ist eine Story, die an jedem Ort auf der Welt, zu jeder Zeit und in jeder Altersklasse funktioniert. Interessant war, dass eine der Liebesszenen von zwei arabischen Jungs gespielt wurde – einer der beiden hat dabei die Rolle des Mädchens übernommen. War es schwierig, die beiden für diese Konstellation zu ermutigen?

Anne:
Das war kein Vorschlag von mir, sondern von den zwei Jungs. Dem Ganzen vorausgegangen war die spaßige Idee der beiden, gemeinsam eine Szene zu spielen, die etwas mit Liebe zu tun hat. Ich glaube, dabei ging es ihnen darum, Grenzen auszutesten. Ich habe ihnen gesagt: Klar, ihr könnt das so machen. Aber wenn ihr das durchzieht, darf es auf der Bühne kein Lachen oder Gekicher geben. Diese Szene muss genauso ernst genommen werden wie jede andere auch.

Jonas:
Du hattest es in den letzten zwei Wochen mit einer regelrechten Rasselbande zu tun. Kannst du bei so einer großen Gruppe und in der kurzen Zeit überhaupt irgendwelche Entwicklungen bei den Jugendlichen erkennen?

Die Jugendlichen haben ein gewisses Bewusstsein für Bühnenpräsenz entwickelt, was sich wiederum positiv auf ihr Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl auswirkt.

Anne:
Für meine Begriffe sind es unglaubliche Fortschritte, die die Jugendlichen in nur zwei Wochen gemacht haben, vor allem, was ihr Deutsch angeht. Die Sprache zu lernen ist auch eines der primären Projektziele von „Plural Arts“. Darüber hinaus war es stark zu sehen, wie sehr die Kids in der kurzen Zeit zusammengewachsen sind und wie viel Nähe und Vertrauen dabei entstanden ist.
Was man außerdem feststellen kann: Die Jugendlichen haben ein gewisses Bewusstsein für Bühnenpräsenz entwickelt, was sich wiederum positiv auf ihr Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl auswirkt. Eines der Mädchen beispielsweise hat kein einziges Wort gesprochen, als sie zu uns kam. Sie war total verschüchtert und hat nur nach unten geschaut. Jetzt, zwei Wochen später, hat sie einen enormen Sprung gemacht. Sie wirkt viel fröhlicher und aktiver.

Jonas:
Ich fand vor allem den Mut sehr besonders, den die Jugendlichen aufgebracht haben: sich vor einem unbekannten Publikum auf die Bühne zu stellen, ein Theaterstück in einer gänzlich unbekannten Sprache aufzuführen und am Ende sogar noch auf Deutsch zu singen – viele Leute schaffen das nicht einmal in ihrer eigenen Sprache.

Anne:
Dieser Mut hat sich auch erst entwickelt. Und was das Singen vor Publikum angeht – das hat Todd Fletcher möglich gemacht. Du hättest Todd mal sehen sollen, wie er am Klavier mit den Jugendlichen Songs einstudiert. Er ist sehr fordernd, sehr schnell, und seine Lieder und Texte sind so ausgewählt, dass sie relativ bald ein großes Gruppengefühl provozieren.
Am Anfang waren diese Gesangsübungen für die Jugendlichen natürlich total schwer, da manche von ihnen so gut wie kein Deutsch gesprochen haben. Sie haben zwar versucht, irgendwie ein Lied mitzusingen, sich dabei aber immer wieder geschämt, weil sie Text und Melodie nicht konnten. Je mehr man aber mit ihnen geübt und sie gelobt hat, desto besser wurde der Gesang, desto größer wurde das Selbstvertrauen. Am Ende war es sehr beeindruckend zu sehen, mit wie viel Power die Kids die Lieder vorgetragen haben.

Jonas:
Im Gegensatz zu Todd bist du mit deinen 24 Jahren nur wenig älter als die Jugendlichen. Darüber hinaus stammen fast alle Kids aus patriarchalisch geprägten Kulturkreisen und sind in ihrem Leben womöglich eher selten mit weiblichen Autoritäten in Kontakt gekommen. Hattest du Mühe, dich durchzusetzen, vor allem gegenüber den Jungs in der Gruppe?

Ihr Verhalten hat nichts mit der Herkunft zu tun – es sind halt 17-jährige Jungs.

Anne:
Mit dem kulturellen Aspekt hatte ich keine Probleme. Der Punkt, weibliche Autoritäten zu akzeptieren, wurde von den meisten bereits überwunden, als sie nach Deutschland gekommen sind und angefangen haben, sich hier zurecht zu finden. Meiner Meinung nach hat ihr Verhalten auch gar nichts mit der Herkunft zu tun – es sind halt 17-jährige Jungs.

Jonas:
Also Pubertät vor kulturellem Background.

Anne:
Auf jeden Fall. In Hamburg arbeite ich ebenfalls mit Jugendlichen aller Altersklassen. Und glaub’ mir, es sind überall die gleichen Kämpfe: soziale Machtspielchen, die sich nicht unterscheiden, egal woher die Kids kommen oder wie alt sie sind. Ob ein Fünfjähriger versucht sich durchzusetzen oder ein 17-Jähriger, das ist ein ähnliches Prinzip. Nur die Mittel sind andere. Aber dafür habe ich so meine Tricks. (Anne grinst)

Jonas:
Du selbst bist auch relativ früh mit Theater in Berührung gekommen – auf deiner Website schreibst du, dass du eine zwölfjährige Grundausbildung am Leipziger Tanztheater absolviert hast. Wie kam es dazu?

Anne:
Stimmt. Als Kind habe ich angefangen, neben der Schule semiprofessionell Tanztheater zu machen. Meine Mutter hatte mich dort angemeldet.

Jonas:
Haben deine Eltern einen künstlerischen Hintergrund?

Anne:
Nein, beide sind Orthopäden. Ich bin das schwarze Schaf der Familie. Alle anderen machen etwas Anständiges, sind Anwälte, Ärzte oder Lehrer. Nur ich musste mir für mein Leben etwas Verrücktes ausdenken – meine Familie weiß noch nicht einmal so richtig, wie das heißt, was ich mache.

Jonas:
Auch wenn das Tanztheater semiprofessionell war: Was konntest du für dich persönlich aus dem Tanzen herausziehen?

Anne:
In erster Linie habe ich durch das Tanzen ein starkes Körperbewusstsein bekommen, was mir auch im Alltag immer wieder hilft – vielleicht im Gegensatz zu Menschen, die in ihrer Kindheit nicht so viel Bewegung hatten oder wenig Sport getrieben haben. Ich halte Tanzen ohnehin für einen sehr besonderen Sport, weil es Bewegung für den gesamten Körper ist. Und es ist ein soziales und politisches Ausdrucksmittel.
Darüber hinaus habe ich durch meine Zeit am Tanztheater ein erstes Gefühl für die Arbeit mit Jugendlichen entwickelt. Das Leipziger Tanztheater realisiert regelmäßig Großprojekte mit Tänzerinnen und Tänzern aller Altersstufen, von acht bis 18 Jahren ist da alles vertreten. Die Idee dahinter empfinde ich als unglaublich schön: Man gibt jedem eine kleine Aufgabe und wenn man alles zusammenfügt, wird es zu einem großen Ganzen. Das ist etwas, was ich mir auch für meine eigene Arbeit noch stärker wünsche: Ich würde gerne das, was ich mit den Jugendlichen mache, irgendwann einmal mit einem größeren Projekt kombinieren können.

Jonas:
Neben der Bewegung, dem Körperlichen, scheint es in deinem Leben noch einen weiteren Grundpfeiler zu geben: die Sprache. Wann hast du deine Leidenschaft für das gesprochene und geschriebene Wort entdeckt?

Anne:
Sehr früh. Sobald ich schreiben konnte, habe ich angefangen, Geschichten zu schreiben. Und mit 14 habe ich begonnen, unglaublich viel zu lesen. Das hat bis heute nicht aufgehört.

Jonas:
Ich kann mich an einen Satz meines ehemaligen Französichlehrers erinnern, den er immer wiederholt hat: „Alles, was man sich vorstellen kann, kann man auch mit Sprache beschreiben.“ Würdest du das unterschreiben?

Es gibt so viele Zustände, Umstände und Momente im Leben, für die man einfach kein Worte hat.

Anne:
Nein. Ich finde den Gedanken zwar total schön, aber meiner Meinung nach ist es eher andersherum. Sprache ist ein Versuch, die vielen Dinge zu erklären, die auf der Welt passieren. Aber es gibt so viele Zustände, Umstände und Momente im Leben, für die man einfach kein Worte hat. Ein Beispiel: Ich selbst spreche Deutsch und Englisch, daher kann ich mich auch nur aus diesem Wortschatz bedienen. Daneben gibt es aber in anderen Sprachen unzählige weitere Wörter und Ausdrücke, die im Deutschen und Englischen nicht vorkommen – mit denen ich im Zweifel aber vielleicht viel besser ausdrücken könnte, was ich denke, sehe, fühle. Daher funktioniert der Satz deines ehemaligen Französichlehrers für mich nicht.

Jonas:
Mit 17 hast du den Roman „Die Tragödie des geistreichen Menschen: Ein Trauerspiel ohne Aufzüge“ verfasst, der 2011 im Engelsdorfer Verlag erschienen ist. Der Titel klingt sehr schwermütig – aus welcher Motivation heraus hast du das Buch geschrieben?

Anne:
Aus Liebeskummer.

Jonas:
Liebeskummer hat immer wieder das Potenzial, gute Geschichten hervorzubringen.

Anne:
Ach, das Buch ist ganz nett geworden. Was man mit 17 eben so verfasst, wenn man unglücklich verliebt ist.

Jonas:
Wenige Jahre später hat es dich aus Leipzig heraus nach Hamburg getrieben – ebenfalls aus Liebeskummer?

Anne:
Nein, das ist eher per Zufall passiert. Ich wollte immer in Berlin leben, daher habe ich mich dort um einen Studienplatz für Literaturwissenschaften beworben – neben Potsdam und Hamburg. In Berlin wurde ich leider abgelehent, aber von den beiden anderen Unis gab’s eine Zusage. Und da Potsdam für mich eine blöde Alternative war, bin ich nach Hamburg gegangen. Letztendlich war das eine gute Entscheidung – ich mag die Stadt sehr und lebe wirklich gerne dort. Die Kunstszene ist im Vergleich zu Berlin nicht so superalternativ, sondern eher sortiert. Vieles läuft über wenige, immer gleiche Institutionen. Trotzdem ist die Szene sehr spannend, weil dort ein hoher Professionalitätsgrad erreicht wird – im Gegensatz vielleicht zu anderen Städten, in der man eher die Einstellung à la „Ich mache irgendwelche Off-Projekte.“ hat.

Jonas:
Du setzt dich in deiner Arbeit sehr stark mit Performance auseinander – ein Begriff, der für Menschen, die weniger Berührungspunkte mit Kunst haben, schwer zu fassen ist. Kannst du erklären, was dahinter steckt?

Wieso gehe ich nicht dazwischen, wenn etwas passiert, was nicht ok ist?

Anne:
Performance ist ein eher modernes Phänomen, das in den 1960er Jahren aufgekommen ist – unter anderem durch Menschen wie die serbische Künstlerin Marina Abramovic, die bis heute mit ihren Performances international für Aufmerksamkeit sorgt. Was genau dahinter steckt, darüber gibt es sehr viele Theorien. Für mich ist Performance eine Kunstform, die nicht an einen Ort gebunden ist. Sie kann auf der Bühne stattfinden, aber auch im öffentlichen Raum. Performance befragt nicht nur ein Thema, sondern befragt immer auch den Moment: Wie bin ich gerade hier? Wer ist um mich herum? Für die Perspektive des Publikums ergeben sich dadurch ebenfalls Fragen: Wie bewege ich mich als Zuschauer durch den Raum? Wo stehe ich gerade und wie interagiere ich mit anderen Leuten? Wieso gehe ich nicht dazwischen, wenn etwas passiert, was nicht ok ist? Mir als Künstlerin geht es darum herauszufinden, welche körperlichen und emotionalen Reaktionen diese Interaktionen mit dem Publikum hervorrufen. Und es geht mir darum zu erfahren, wie ich mit diesen Reaktionen weiterarbeitet. Performance hat viel mit dem Moment zu tun hat, in dem man sich gerade befindet. Es gibt dafür auch ein Wort: Liveness – das, was gerade jetzt passiert.

Jonas:
Würdest du auch Flashmobs als Performances bezeichnen?

Anne:
Ich würde sagen, sie sind eine populäre Form davon. Das Konzept ist zwar ähnlich, aber Flashmobs haben häufig keinen inhaltlichen Anspruch, kein künstlerisches Konzept. Das Ganze ist eher Entertainment.

Jonas:
Die letzte Performance, die bundesweit für Aufsehen gesorgt hat, war die Aktion Tausend Gestalten während des G20-Gipfels in Hamburg. Hast du diese Aktion persönlich erlebt? Oder bist du vor dem Gipfel geflüchtet?

Anne:
„Tausend Gestalten“ war eine richtig tolle Idee, dahinter stand ein enormer Aufwand. Ich selbst wurde auch eingeladen, bei der Aktion mitzumachen. Aber ich hatte zu dieser Zeit eine Premiere und konnte mich leider nicht beteiligen an diesem demonstrativen Treiben.

Jonas:
Es ist schade, dass die Aktion in der allgemeinen Berichterstattung untergegangen ist – die Medien haben sich während des Gipfels fast ausschließlich mit den enormen Gewaltausbrüchen in der Hamburger Innenstadt beschäftigt.

Während des G20-Gipfels in Hamburg war es beeindruckend zu sehen, wie verbunden alle miteinander waren und wie gut teilweise die Atmosphäre in der Stadt war – bis die Autos brannten.

Anne:
Von den „Tausend Gestalten“ hat man ja zumindest noch etwas mitbekommen. Es gab aber noch so viele andere, schöne Gegendemonstrationen und Aktionen, von denen die Leute außerhalb Hamburgs überhaupt nichts gehört, gesehen oder gelesen haben. Beispielsweise gab es Yoga auf der Kennedy-Brücke – morgens um halb sechs mit hunderten meditierenden Menschen, die ganz in Weiß gekleidet waren. Oder „Lieber tanz’ ich als G20“ mit unzähligen Leuten, die in bunten Klamotten auf den Kiez gekommen sind und stundenlang getanzt haben. Das war einfach megaschön.
Aber dann gibt es diese Eskalationen und die ganze Welt bekommt nichts anderes mehr mit. Ich finde das sehr, sehr schade. Es sind so unglaublich viele Menschen auf die Straße gegangen, um friedlich und kreativ gegen den Gipfel zu protestieren. Es war beeindruckend zu sehen, wie verbunden alle miteinander waren und wie gut teilweise die Atmosphäre in der Stadt war – bis die Autos brannten.

Jonas:
Die Aktion „Tausend Gestalten“ hatte ein großes politisches Anliegen. Versuchst du bei deiner eigenen Arbeit auch, bestimmte Schwerpunkte zu setzen?

Anne:
Ich habe ja im Prinzip zwei Standbeine: Auf der einen Seite entwickle ich selbst Performances und führe sie auf, auf der anderen Seite leiste ich Vermittlungsarbeit wie beispielsweise für das Projekt „Plural Arts“. Was meine eigenen Performances angeht, kann ich zu allen möglichen Themen arbeiten, seien es körperliche, politische oder soziale.
Grundsätzlich habe ich aber immer den Anspruch, bestimmte Fragen zu stellen: Warum muss ich das machen? Und warum soll sich das jemand anschauen? Nur weil zum Beispiel viele Kulturprojekte mit Geflüchteten gefördert werden, heißt das für mich noch nicht zwangsläufig, dass ich selbst auch ein Projekt zu dem Thema machen muss. Zuerst muss ich eine Antwort auf die Frage finden, warum ich selbst dazu ein Stück entwickeln und in die Welt bringen sollte. Ich nehme es sehr ernst, dass es den Beruf des Künstlers beziehungsweise der Künstlerin gibt. Und dass dieser Beruf auch eine Aufgabe hat in der Gesellschaft.
Darüber hinaus habe ich einen hohen Anspruch, was Konzentration und Fokussierung angeht – an mich selbst, aber auch an die Kids. Das heißt, es ist mir sehr wichtig, dass sie das Ganze so ernst nehmen wie ich. Was nicht heißt, dass man dabei keinen Spaß haben kann oder alle perfekt sein müssen. Aber sie sollen spüren, dass es wichtig und relevant ist, was sie tun. Bei solchen Projekten muss ich allerdings meinen Anspruch an die künstlerische Qualität oder den Inhalt immer wieder zurückstellen. Denn es geht hier nicht um mich, sondern um die Kids. Wichtig ist, dass sie den nötigen Raum haben, um ihr Bestes zu geben und über Dinge sprechen zu können, die ihnen wichtig sind. Da kann ich nicht von außen kommen und sagen: So, wir machen jetzt Shakespeare. Bitte alle den Text lernen, viel Spaß! Viel wichtiger ist, was sie gerade persönlich beschäftigt. Daher beginne ich grundsätzlich jede meiner Stunden mit der Frage an jede und jeden Einzelnen: Wie geht es dir? Teilweise sind die Jugendlichen schon alleine damit total überfordert…

Jonas:
… weil sie noch nie jemand danach gefragt hat.

Anne:
Genau. Und weil auch in der Schule oder in sozialen Einrichtungen kein Raum dafür ist. Dort müssen sie ständig irgendetwas machen und in vorgegebenen Hierarchien funktionieren. Das kann ich nur aufbrechen, indem ich sage: Seht her, ich selbst habe auch keine Ahnung. Ich bin wie ihr. Jetzt schauen wir mal zusammen, wie wir vorankommen.

Jonas:
Es gibt unendlich viele Probleme und ungelöste Konflikte auf der Welt – offene Baustellen, wohin man schaut. Schlägst du als Künstlerin nicht manchmal die Hände über dem Kopf zusammen, weil du nicht weißt, wo du thematisch anfangen sollst?

Ich weiß zwar, dass ich letztendlich keinen der Jugendlichen wirklich gerettet habe – schon nach ein paar Tagen hat die Hälfte von ihnen meinen Namen wieder vergessen.

Anne:
Nein, das war noch nie ein Punkt. Die Probleme sind so oder so da, egal ob ich mich damit beschäftige oder nicht. Außerdem habe ich in meinem Leben gelernt, dass sich solche kritischen Momente auch wieder auflösen, genauso wie sie entstanden sind.
Das ist bei der Arbeit mit den Kids nicht anders. Ganz am Anfang steht noch ein großes Problem. Dann arbeitet man zwei Wochen mit ihnen und feiert am Ende gemeinsam den Erfolg. Ich weiß zwar, dass ich letztendlich keinen der Jugendlichen wirklich gerettet habe – schon nach ein paar Tagen hat die Hälfte von ihnen meinen Namen wieder vergessen. Aber lass’ es zwei, drei Kinder sein, die wirklich etwas aus dem Workshop mitgenommen haben. Das ist am Ende zwar nur ein kleines Stück vom großen Puzzle, aber immerhin konnte ich diesen kleinen Teil dazu beitragen.

Jonas:
Das Stück, das du mit den Kids erarbeitet hast, tägt den Titel „Hoffnung“. Was ist deine eigene Hoffnung?

Anne:
Beruflich gesehen besteht meine Hoffnung darin, dass ich es schaffen will, mich so gut es geht freizuhalten von dem Druck, irgendetwas erfüllen oder irgendjemandem gerecht werden zu müssen. Ich will die Dinge immer nur so angehen, wie ich es selbst gut finde und wie ich es vertreten kann. Und ich will mir einen Raum schaffen können, der groß genug ist, dass meine Kreativität darin genug Platz hat.
Persönlich wünsche ich mir, dass ich mich immer wieder von Ängsten und gesellschaftlichen Ansprüchen befreien kann. Und ich hoffe, dass es mir gelingt, die dafür nötige Kraft aufzubringen.

Jonas:
Das ist wahrscheinlich etwas, das sich jeder Mensch wünscht, der in unserer Leistungsgesellschaft lebt. Hast du ein Zaubermittel, mit dem du dir diesen Wunsch erfüllen kannst?

Wenn man scheitert, geht man woanders lang. Das zu wissen, beruhigt sehr.

Anne:
Mein Zaubermittel ist, mir viel Zeit für mich zu nehmen. Mich viel auszuruhen, viel zu meditieren und mich viel zu bewegen. Es ist wichtig, immer wieder an einen Punkt zurückzugehen, an dem man sich fragt: Was will ich eigentlich? Worum geht es mir in meinem Leben? Und genauso wichtig ist es, sich immer wieder zu sagen: Der Weg ist offen. Vor allem in Momenten, in denen man glaubt, sich fest für etwas entschieden zu haben und aus der Nummer nicht mehr herauszukommen. Es ist ja alles immer nur ein Versuch. Und wenn man scheitert, geht man woanders lang. Das zu wissen, beruhigt sehr.

Jonas:
Gibt es neben diesen Momenten der Ruhe auch Situationen, in denen du die Ekstase suchst – wie beispielsweise deine Schützlinge, die immer noch wie wild auf der Tanzfläche ihre Theaterpremiere feiern?

Anne:
Tanz ist Ekstase. Denken kann Ekstase sein. Manchmal lese ich ekstaitsch viele, viele Seiten am Tag oder schreibe wie eine Verrückte. Und die Arbeit mit den Kids kann auch richtig knallen. Aber Ekstase, glaube ich, kann man nicht suchen – sie begegnet dir.